Donnerstag den 1L Januar 1900. E MWMWW 1MI Ä gmiimil INE zWM Der ist ein Schütze. R. Reinick. er einen Bogen spannen kann, Ist schon was nütze; Doch wer da schießt und treffen kann, Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von E. P. Roe. (Fortsetzung.) VI. Veränderungen. Mildred hatte beschlossen, durch freundschaftliche Annäherung an die Farmersleute ein gemütliches Familienleben herzustellen. „Frau Atword, sagte sie am Sonntagmorgen, warum können wir heute nicht alle mit einander im Wohnzimmer frühstücken?" „Ich habe bemerkt, daß am Sonntag Ihr Arbeiter abwesend ist, und ich sehe nicht ein, warum Sie die Mühe haben sollten, zwei Mal den Tisch zu decken?" „O Fräulein, Sie find sehr freundlich, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich auch schon daran gedacht, aber wir wollten nicht lästig fallen!" „Mildred antwortete mit einem Lächeln, welches die ganze Küche wie ein Sonnenstrahl erleuchtete, wie Frau Atword sagte, und ging dann zu ihrer Mutter, um sie auf die Veränderung vorzubereiten. Bella war erfreut darüber, wie über jede Veränderung, Susanne kam bald herab, um ihrer Mutter zu helfen, und war entzückt über Mildreds Vorschlag, durch den sie sich sehr gehoben und bevorzugt fühlte. Wie alle jungen Mädchen liebte sie Gesellschaft." Als Robert in seinen Arbeitskleidern vom Hofe kam und keine Vorbereitungen zum Frühstück in der Küche sah, rief er: „Wir Heiden müssen also heute am zweiten Tisch speisen?" „Ja, wenn Du willst, ich werde mit Susanne im Wohnzimmer mit den Stadtleuten frühstücken." „Bin ich nicht eingeladen?" fragte er hastig. „Du hast so viel Recht dazu als ich, aber ich würde nicht in einem solchen Aufzug kommen." „Diese neue Einrichtung wird ihnen nicht gefallen, sagte Robert." „Du scheinst ja sehr rücksichtsvoll geworden zu sein, bemerkte Susanne." Fräulein Mildred hat eö selbst vorgeschlagen, und mir ist es sehr angenehm, Sonntags etwas weniger Mühe zu haben. Robert eilte hastig in sein Zimmer. Der alte Atword feierte den Sonntag hauptsächlich dadurch, daß er sich seiner Neigung zum Murren und Brummen mit mehr Muße überließ. „Ich passe nicht dazu, mit diesen Leuten an einem Tisch zu sitzen, murrte er." „Es freut mich, daß Du das denkst, erwiderte seine Frau, aber Du kannst Dich ebensogut vor dem Frühstück, als nachher, ankleiden." Verdrießlich ging er, um seinen langen Rock anzuziehen. Mildred lächelte innerlich, als sie ihn bei Tisch erblickte, doch seine üble Laune schmolz wie ein Stück Eis im Sonnenschein, bet ihrer unbefangenen, ruhigen Begrüßung. Mutter und Schwester hatten einige Befürchtungen, daß Robert rebellieren werde, doch kaum saßen sie, als er erschien. Durch Mildreds Gruß und ihr natürliches Wesen schwand bald seine Befangenheit, und Frau Howell, welche ihm sonst so unnahbar erschienen war, lächelte ihm so freundlich zu, daß er sie fast so hübsch wie ihre Tochter fand. Mit Bella und den Kindern war er schon näher bekannt. Frau Atword und Susanne wechselten sprechende Blicke, denn Robert war in seinen besten Kleidern erschienen. Mildred sah den Blick und fühlte, daß der junge Mann eine Belohnung verdient hatte, deshalb unterhielt sie sich mit ihm in so freundlicher Weise, daß aller Zwang schwand und er mit einer Geläufigkeit antwortete, welche die ganze Familie und nicht minder ihn selbst in Erstaunen versetzte. Mildred fand, daß der junge Barbar Intelligenz und gutes Rohmaterial besaß. Er hatte nicht nur eigene Ideen, sondern wußte sie auch mit Lebhaftigkeit auszusprechen, sie schrieb sich nicht das Verdienst zu, seine Zunge gelöst zu haben. Die mächtigsten Einflüsse find gewöhnlich die feinsten, unmerklichsten, und Robert fand ebenso, wie Arnold und andere, daß Mildreds Wesen das beste, was in ihm war, erweckte. Zwischen der Farmersfamilie und ihren Mietern war ganz und gar das Eis gebrochen. Robert war von feinerem Material, als sein Vater. Er besaß dessen scharfen Verstand, aber seine Natur war bereit, alles rauhe Wesen abzuwerfen. Deshalb war Mildreds Ansicht, daß er ein gutes Rohmaterial für ihr kleines Experiment sei, beffer begründet, als sie selbst wußte. Die Ursachen, welche die Menschen auf ihrer Laufbahn führen, sind oft anscheinend höchst unbedeutend. Mildred hatte nichts 14 beabsichtigt, als einen wohlgemeinten Versuch, die scharfen Ecken der Farmersfamilie abzurunden und das harte Leben zu mildern, und Robert hatte nur seinen Anteil an diesen wohlwollenden Bemühungen erhalten. Aber Fleisch und Geist sind nicht Holz und Stein, und zu ihrer großen Ueberraschung sollte sie bald erfahren, daß ihr Bestreben nach einer angenehmen Aenderung in Aeußerlichkeiten auch einige der stärksten Motive und Kräfte erweckt hatte, welche dem Leben Gestalt und Farbe verleihen. In sorgloser Unwissenheit über solche Möglichkeiten sagte sie nach Tisch, als sie sich versammelten, um zur Kirche zu fahren: „Sie haben uns angenehm überrascht dadurch, daß Sie den Wagen so hübsch hergerichtet hoben. Er sieht so ein ladend aus, und es wird ein Vergnügen sein, darin zur Kirche zu fahren." Ihre Worte waren sehr einfach, aber sie sprach sie mit der ihr eigenen Grazie, während sie den Handschuh über ihre feine Hand zog. In ihrem hübschen Sommeranzug mit der leichten Röte auf ihren Wangen erschien sie ihm wie ein Bild der Vollkommenheit, und das junge Mädchen konnte ein Lächeln nicht unterdrücken über die beinahe knabenhafte Aufrichtigkeit seiner Verwunderung. „Sie haben mir auch eine angenehme Ueberraschung bereitet, sagte er tief errötend." „Ich?" fragte sie. „Ja, Sie haben eine angenehme Veränderung veranlaßt, und das Frühstück war etwas besseres, als eine bloße Gelegenheit zum Essen. Unter Ihrem Einfluß fühlte ich, daß ich Jotham nicht so nahe stehe, als ich fürchtete. Ich will ebenso aufrichtig sein, erwiderte sie lachend, Sie sind ihm auch nicht so ähnlich, als ich fürchtete. Frau Howell kam mit Bella und den Kindern die Treppe herab. Ich verstehe Sie, sagte Robert und entfernte sich hastig. Ich glaube, der junge Barbar kann civiltsiert werden, dachte Mildred lächelnd. Das Mittagessen war ein noch größerer Erfolg, als daS Frühstück. Frau Howell tauschte mit der Farmersfrau Ansichten über das Hauswesen aus, und jede der beiden Frauen fühlte, daß sie von der anderen lernen konnte. Frau Howell fürchtete, daß eine lange Periode der Armut ihr bevorstehe, und war daher bestrebt, von der ländlichen Hausmutter zu lernen, wie auch mit kleinen Dingen Erfolge zu erzielen seien. Mildred füllte eine Vase mit Blumen, welche vor dem Hause unbeachtet blühten, und stellte sie auf den Tisch. Sie war sehr belustigt über die Wirkung dieser That auf Robert. Ich hätte nicht geglaubt, sagte Robert, daß etwas so unbedeutendes einen so großen Unterschied machen könnte. Was für einen Unterschied? fragte der Alte. Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, erwiderte Robert, aber man wird daran erinnert, daß man sich an vielem erfreuen kann, was man nicht in den Mund, oder in die Tasche stecken kann. Mister Robert, rief Bella, Sie machen Fortschritte! Ich wußte nicht, daß es bisher Ihre Art war, alles, was Ihnen gefällt, in den Mund oder in die Tasche zu stecken. Man hat doch oft keine Ahnung, welcher Gefahr man entgangen ist. Ich habe nie gesagt, daß Sie mir gefallen, erwiderte der junge Mann kampfbereit. Nein, aber wenn ich sehen würde, daß irgend etwas anderes Ihnen gefällt, dann könnte ich Angst bekommen. Dabei blickte sie schalkhaft nach Mildred. Aus unbekannten Gründen geriet er plötzlich in Verwirrung bei diesem Ausfall. Mit einem warnenden Blick auf die unverbesserliche Bella, deren Lebenselement Scherz und Mutwillen waren, begann Mildred mit dem alten Farmer über das große Hotel zu sprechen, das einige Meilen entfernt war. Möchten Sie es sehen? fragte Robert nach einer Weile. Nein! erwiderte sie, durchaus nicht! Sie schrak zurück bei dem Gedanken, Leuten zu begegnen, die sie in der Stadt gekannt hatte. Sie ist gar nicht hochmütig, sagte Susanne später zu ihrer Mutter, und wir hätten das schon früher einsehen können. Es thut mir leid um diese Leute, Robert, wandte sich Frau Atword an ihren Sohn. Als ich vor einer Weile die Treppe hinaufging, Härte ich, wie die Frau in ihrem Zimmer weinte, und als ich mit der Lampe herabkam, begegnete ich der jungen Dame auf der Treppe mit verweintem Gesicht. Sie haben schwere Sorgen. Was kann es nur sein? Es ist doch sonderbar, daß Howell nicht kommt, um nach ihnen zu sehen. Ich hoffe, man kann ihnen nichts nachsagcn! Gewiß nicht, Mutter, brach er ungestüm aus, — ihr gewiß nicht! Hastig verließ er das Zimmer. Nein, was jetzt in dem alten Hause vorgeht! bemerkte die alte Frau. Es war in der That etwas vorgegangen, — Roberts Knabenzeit war vorüber. (Fortsetzung folgt.) Leiden eines Ballvaters. Von Dr. Max Hirschfeld. ------- (Nachdruck verboten.) Bei Apothekers wurden Thüren auf- uud zugeschlagen. Das Dienstmädchen stürzte mit einem Kruge heißen Wassers nach dem Schlafzimmer, stolperte und verbrühte mit dem verschütteten Wasser den Hund, dessen Heulen nun durch das ganze Haus schallte. Der Lehrling lief mit einer Schachtel gepulverter Borsäure, die er in der Eile statt des Reispuders gegriffen hatte, nach der Küche anstatt in den Salon, der als Toilettezimmer diente, weil dort die großen Spiegel hängen, und die Köchin mußte ihn zur Besinnung bringen, indem sie ihn beim Kragen nahm und ihm auf den Rücken klopfte, als ob er an einem Husten-Anfall litt. Denn auch sie verwechselte in der Hast den Lehrling mit dem alten Hausdiener. Im Salon stand Emmy in ihrem Ballstaat vor dem Spiegel, und ihre Mutter kreiste um sie herum, wie die Erde um die Sonne, während der Mond des Herren Apotheker Baumann hinter einer Zeitung hervorleuchtete, die er in einer Ecke des Salons las. Immer wilder und leidenschaftlicher wurden die Umkreisungen der Mutter-Erde, bis sie endlich erschöpft stehen blieb und ausrief: „Nein, so sieht es geradezu abscheulich aus, himmelschreiend geschmacklos, — geh' ins Schlafzimmer, die Schneiderin soll sämtliche Schleifen umsetzen. Sie weiß schon, wie ich's meine." Emmy entfernte sich gehorsam. Wie ein Habicht auf die' Taube stieß Frau Baumann nun auf ihren Gatten und rief: „August!" „Ja. ■— was denn —, wie Du mich erschreckst--" „Hast Du gesehen, wie rot Emmy war, — ganz gegen ihre sonstige Art, — sie hat das Ballfieber". „Unsinn!" erwiderte ihr Gatte. 7,Als ob es ihr erster Ball wäre! Neunzehn Jahre ist sie alt, — bald alte Jungfer!" ,Bald alte Jungfer? Und wann ist man alte Jungfer?" rief seine Frau entrüstet. „Nun, so von fünfundzwanzig fängt's an". „Sehr angenehm zu hören! Dann hat der Herr Apotheker BanmanN eine alte Jungfer geheiratet, denn als wir uns heirateten, war ich fünfundzwanzig alt". „Aber wir waren drei Jahre verlobt. Nun gut, Du hast Recht, wie immer". „Wie gesagt"-, wiederholte Frau Baumaun, „Emmy hat das Ballfieber. Einen so großen Ball hat sie noch nicht mitgemacht. Alle Gutsbesitzer der Umgegend unb die ganze Kirchberger Garnison sind eingeladen. Sie fürchtet, sie wird nicht zu tanzen kriegen, und mit Recht. Der Provisor wird vielleicht noch der Einzige sein, der — —" „Schon wieder der Provisor! Aber ich kündige ihm, ich entlasse ihn zum nächsten Ersten. Basta!" „Was hat er denn gethan?" „Er macht sich Hoffnungen auf Emmy's Hand". „Ist denn das eine Sünde?" Er ist ein hübscher,--gebildeter Mann aus guter Familie — —" „Aber hab' ich mich dafür zwanzig Jahre gequält und Geld zusammengescharrt, damit meine Tochter so einen Habenichts heiratet? Sie kann mindestens auf einen Assessor oder Leutenant, — was sage ich, auf einen Rittmeister kann sie Anspruch machen. Aber so ein Provisor —" lö „Warst Du nicht auch einmal ein Provisor?" „Nun ja,, und?" „Und ist unser Provisor, Herr Schlegel, nicht so geschäftstüchtig und kenntnisreich, daß Du ihn anfangs nicht genug loben konntest?" \ H „Man muß Geschäft und? Familie auseinanderhalten. Als Provisor mag er bleiben, so lange er will, zum Schwiegersohn paßt er mir nicht. Und ich werde ihm direkt verbieten, heute Abend mit Emmy zu tanzen, das hast Du davon". „Was? Verbieten, mit Emmy zu tanzen? Das ist geradezu empörend. Im Gegenteil, er ist verpflichtet dazu. Denkst Dn, ich habe Lust, meine Tochter die Wand zieren zu sehen?" „Sie wird genug zu tanzen kriegen". „Und wenn Du Dich täuschest?" „Dafür laß mich sorgen", sagte Herr Baumann, sich in die Brust werfend. „Tänzer werde ich ihr nötigenfalls massenhaft besorgen". „Aber", wagte Frau Baumann noch einen letzten Versuch, „ich glaube bestimmt, daß Emmy die Liebe des Provisors erwidert". Ja, ja, ich glaube, sie wird aber auch einen Andern lieben, sie soll sich den feschesten Offizier auf dem Ball aussuchen, ich gebe ihn ihr". „So? Das ist liebenswürdig von Dir. Nun, ich werde Dich beim Wort nehmen". * * * Der Ball war in der That so glänzend, wie ihn die kleine Stadt bisher noch nicht gesehen hatte. Ein Meer von duftigen Ballkleidern, schwarzen Fräcken und bunten Uniformen wogte in dem Saale der Ressource hin und her. Und in diesem Meer war die kleine Emmy Baumann nur ein Tropfen! Was hals es ihr, daß sie in ihrer rotseidenen Umhüllung so wunderhübsch aussah, an diesem Abend hatte sie besonderes Unglück, die Tänzer gingen an ihr vorüber, als ob sie Siegfrieds Tarnkappe aufgesetzt hätte. Was sie aber am meisten kränkte, war, daß nicht einmal Victor — unter diesem Namen dachte sie an den Provisor, Herrn Schlegel — sie zum Tanz aufsorderte. Er ließ sich gar nicht einmal sehen. Frau Baumann verging vor beleidigtem Mutterstolz. Sobald sie ihres Gatten habhaft werden konnte, zog sie ihn beiseite. „Du mußt für Emmy Tänzer besorgen". „Aber,- Clotilde —" „Wie? Jetzt weigerst Du Dich schon, Dein Versprechen einzulösen? Aber meine Geduld hat nun ein Ende, und ich lasse mich von Dir nicht länger tyrannisieren. Entsinnst Du Dich vielleicht unseres Gespräches? Du meintest, Emmy könne unter den Offizieren aussuchen, wen sie wolle —" „Aber Du wirst doch nicht einen Scherz —" „So entgehst Du mir nicht. Besorge Tänzer für das arme Kmd, oder" — Frau Baumann machte eine energische Bewegung — „Du bist nicht wert ihr Vater zu sein". Damit wandte sie ihrem Gatten den Rücken und rauschte auf ihren Platz. Der Apotheker seufzte und begann sich einen Feldzugsplan zurechtzulegen. Während er nachdachte, fiel sein Blick auf den Assessor Hennig, dessen Partner beim Whistspiel er oft genug gewesen war, also gewissermaßen einen guten Freund. Schon stand er neben ihm. „Ein schöner Ball, Herr Assessor". „Gewiß, Herr Baumann! Alles eitel Lust und Freude". „Nur die armen Mädchen haben es schlecht", schoß der Apotheker direkt auf sein Ziel los, „es sind ihrer zu viele, und der Tänzer verhältnismäßig zu wenige". „Ganz recht, Herr Baumann". „Meine Emmy muß ebenfalls darunter leiden —" „O, dem läßt sich abhelsen", rief der freundliche Assessor, „rch werde sofort mit Ihrem Fräulein Tochter tanzen." Baumann sandte dem davoneilenden Assessor Segenswünsche nach. Aber was war das? Nicht vor Emmy verbeugte er sich, sondern vor der Tochter seines Konkurrenten, des zweiten Apothekers der Stadt. Diese Verwechslung war dem Assessor kaum zu verdenken, denn die beiden Apothekerstöchter befanden sich ungefähr int gleichen Alter, und der Assessor kannte sie nur von einigen Gesellschaften her, auf denen er mit den beiden Damen wenig getanzt und noch weniger gesprochen hatte. Herr Baumann mußte sich also nach einem zweiten Angriffsobjekt um sehen. An einer Säule lehnte der Arzt Doktor Mühlheim, oer seiner liebenswürdigen und hnmanen Gesinnung wegen in der ganzen Stadt geschätzt war. „Wenn er human ist", dachte der Apotheker, „dann muß er ja mit Emmy tanzen, und er kennt sie wenigstens genau". „Ein schöner Ball, Herr Doktor", begann er nach erprobtem Rezept. „Nun in!, Aber die Atmosphäre ist ungesund". „Ja, das ist nun einmal so. Wenn die armen Mädchen nur etwas mehr zu tanzen hätten". „Ja, ja!" „Auch meiner armen Ümimy geht »e schlecht -*■“ „Wirklich? Wenn Sie gestatten, helfe ich Ihrem Fräulein Tochter —" Und fort war er. Der Apotheker sah ihm nach. Jetzt stanh er vor Emmy, er sprach mit ihr, und jetzt — alle Wetter! --- jetzt streckte sie die Zunge gegen den Arzt heraus. Dieser lächelte, verbeugte sich und verschwand in der Menge. Herr Baumann eilte zu seiner Tochter. „Wie konntest Du Dich unterstehen, gegen Herrn Doktor Mühlheim die Zunge herauszustrecken?" „Aber er wollte doch sehen, ob meine Zunge belegt sei. sagte. Du hättest selbst zu ihm geäußert, mir wäre nicht wohl—" „Nun,warte, armes Kind, es wäre doch kurios, wenn ich Dir nicht helfen könnte". Er eilte zunächst ans Büffet, um ein kühles Glas Bier zu trinken, denn er war stark in Schweiß geraten. Auch innerlich kochte es in ihm, und er verwünschte den ganzen Ball. Ein Bekannter trat an ihn heran und forderte ihn zu einer Whistpartie auf. Wie gern hätte er zugesagt! Aber nein, er mußte seiner Tochter Tänzer besorgen. Er erinnerte sich aus seiner Jugendzeit, daß er sebst ein ziemlich fauler Tänzer gewesen war. Wie oft hatjte er an der Saalthür gestanden und bett „Wandschmuck", die „Mauerblümchen" mit einer Art Befriedigung betrachtet. Die könntest Du jetzt glücklich machen, wenn Du einmal mit ihnen herumtanztest, hatte er bei sich gedacht, ohne sich zu rühren. Das war nun vielleicht die rächende Nemesis! Jetzt konnte er sich recht in die Sage so eines armen Mädchens hineinversetzen, und das lebhafte Mitgefühl mit seiner Tochter trieb ihn zu neuen Heldenthaten. Da saß der junge Wilker, nur ein Posteleve, aber immerhin ein Tänzer, und betrachtete mit einer gewissen Wehmut feine etwas plumpen Stiefel. „Mein lieber Herr Wilker,- tanzen Sie denn gar nicht?" „O in"; stotterte der junge Mann verlegen, „d. h. augenblicklich tanze ich nicht". „Und warum nicht? Es ist eine sehr gesunde Bewegung. Wahrscheinlich kennen Sie zu wenig Damen, ich will Ihne« einige vorstellen". „Sehr liebenswürdig, Herr Baumann, jawohl, — aber eigentliche kann ich nicht tanzen, — d. h. ich tanze sehr gut, nur meine Stiefel versagen mir den Dienst — hehehe, aber sie halten keinen Takt. Ich habe mir schon bei dem vierte« Schuhmacher Stiefel bestellt, aber — —" „Das ist nichts als Schüchternheit, lieber Herr Wilker, kommen Sie nur!" Aechzend, aber doch befriedigt schleppte er den jungen Mann zu Emmy, stellte ihn vor und hatte endlich die Genugthuung, das Paar zum Tanz antreten zu sehen. Jetzt hatte er den Mut, nach neuen Opfern auszuschauen. Er spähte in alle Winkel der Nebenzimmer, und eben lüftete er eine Portiere, um hinter dieselbe zu lugen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte. „Manu, willst Du denn durchaus keine Tänzer für Emmtz besorgen?" Baumann wandte sich um und starrte seine Gattin entsetzt au. „Aber ich will ja — in diesem Augenblicke —--,, und Üch habe ihr dort den Postmenschen vorgestellt". „Ja, das hast Du", sagte Frau Baumann höhnisch, „und damit hast Du Emmy dem Gespötte des ganzen Saales preis- gegeben. Dieser Wilker ist ja gar kein Menschs er ist ein 'Elephant, und vom Tanzen hat er keine blasse Ahnung. Emmy hat Schanden halber einmal herumgetanzt und war dann froh, daß! sie mit einer abgetretenen Spitze wieder auf ihren Platz kam". „Nun, ich will sehen, was ich thuu kann;" murmelte Herr Baumann mit der Miene eines Verurteilten. Er eilte davon. In einem Hinterzimmer sah er Herrn Schlegel, den Provisor, bei einem Glase Wein sitzen und trübselige- Gesichter schneiden. Der kam ihm gerade recht. Er hatte es mit seinen Gehilfen immer so gehalten, daß sie nicht wagen dursten, mit der Tochter des Hauses zu tanzen. Dagegen mußten, sie bereif sein, einzuspringen, wenn's besagter Tochter au Tänzern fehlte. „Herr, weshalb tanzen Sie nicht? Sie wissen, ich kann das Faullenzen nicht leiden", herrschte er ihn an. „Verzeihen Sie,- Herr Baumann, in der Apotheke sind Sie mein Vorgesetzter, hier aber---" „Nun, nun, ich habe es nicht so schlimm gemeint. Gehen Sie hin und tanzen Sie ein wenig mit Emmy". „Sie erlauben es, Herr Baumann?" rief der Provisor; freudestrahlend sprang er-auf und war in einem Nu verschwunden. „So, jetzt hat sie einen Tänzer", lächelte der Apotheker grimmig, „und nun suche ich mir eine Whistpartie zusammen und stecke die Nase nicht mehr in den Ballsaal". Und Herr Baumann spielte unentwegt Whist. Leider nahte aber die Stunde des Soupers, und er mußte an seine Familie denken. Düstere Ahnungen zwangen ihn, sich auf neue Stürme von feiten feiner Gattin gefaßt zu machen. Er hatte sich nicht getäuscht. 16 wieder Tänzer besorgen, „feu scheinst ganz vergessen zu haben,- daß Du eine Frau und eine Tochter hast--" „Nun, nun, was giebts? Ist Emmy nicht zum Kotillon engagiert". „Das ist's ja eben. Rittmeister Schettau engagierte sie —" „Siehst Du wohl.—" „Ja, aber Emmy lehnte das Engagement ab, weil sie schon Herrn Schlegel die Zusage gegeben hatte. Ueberhaupt, während Du fort warst, hat sie flott getanzt, am meisten aber mit dem Provisor, der sie von vornherein zu mehreren Tänzen engagierte". „Liebe Clotilde, wir wollen uns nicht weiter ärgern, die Hauptsache ist, daß das Kind sich amüsiert und", brummte er Gesicht, „wo ist er denn?" „Hier!" sagte Emmy, hervortretend und den Provisor am Aermel nachziehend, der nun kühn Emmys Hand faßte und sagte: „Herr Baumann, wollen Sie mich durch diese Hand zum glücklichsten Menschen machen — — ?" „Schon gut, Herr Schlegel, führen Sie Ihre Braut zu Tische". _____ für sich hin, „ich meine Ruhe habe". „Aber noch eins, lieber Mann, der Provisor hat in der That soviel mit Emmy getanzt, daß es überall Aussehen erregt hat. Es wäre gerade eine günstige Zeit, beim Abendessen die Verlobung bekannt zu machen". „Wie! W—a—a—as! Du weißt doch —" „Nun gut, gut, es war nur ein Vorschlag, — aber ich hatte Herrn Schlegel versprochen, Dich noch einmal zu bitten, — der arme Junge wird natürlich beleidigt sein und nicht mehr mit Emmy tanzen wollen. Du, mußt ihr also nach dem Essen wieder Tänzer besorgen, — ich sage: wieder, obgleich —" „Still, still!" stöhnte Herr Baumann mit verzweiseltem Gemeinnütziges. Gesundheitspflege. Eiltgewachserre Nägel bilden eine Plage für Tausende Die Ursache ist in den meisten Fällen in unzweckmäßigem Schuhwerk zu suchen, welches durch den peripheren Druck Cirkulationsstörungen veranlaßt; diese bedingen eine ungleichmäßige Verteilung der Blutmassen; es treten Ernährungsstörungen im Zellgewebe und infolgedessen Form- und Wachstumveränderungen des Nagels ein. Derselbe wird, da seiner Entwickelung von den meisten Seiten Widerstand geleistet wird, gezwungen, in dir Masse des weichen Fleisches sich einzubohren. Das dumpfe Schmerzgefühl wird allerdings durch oftmaliges Beschneiden gemildert, keineswegs aber das Leiden beseitigt. Die Ecken und Zacken des scharf geschnittenen Nagels reizen das Nagelbrett und es entstehen Entzündung und Geschwürbildung. Nur selten wird es gelingen, durch strengste Sauberhaltung, Hochlagerung des Beines, 24gradige Fußbäder 3—5mal täglich wiederholt und durch Kompressen, eine Heilung herbeizuführen- meist wird eine Abtragung der betreffenden Nagelpartie notwendig sein. Aber die Verhütung des Leidens bei dazu disponierten Personen ist möglich. Dem anatomischen Bau des Fußes angemeffenes, nicht spitzes Schuhwerk, tägliches Fußbad und Reinigung des Nagels find unerläßliche Bedingungen. Der Nagel darf niemals kurz abgeschnitten werden, muß vielmehr bis an die natürliche Grenze, das ist bis an den Rand des Zehngliedes, wachsen, dessen Schutz er darstellt. Der Nagel wird sanft elliptisch mit einem Meffer, nicht mit der Schere abgeschnitten. Beim Auftreten darf durch den Druck die Haut des Zehengliedes vorn über den Zehenrand nicht hervorquellen. Zeigt der Nagel starke hornartige Erhöhungen, Wucherungen re., so find diese allwöchentlich mit einer entsprechenden Feile sanft abzutragen. Niemals reiße man Fußnägel mit den Fingern ab! Ei» neues Mittel zur Blutstillung wurde von Paul Cornot kürzlich in der mediz. Gesellschaft der Krankenhäuser von Paris empfohlen. Dasselbe ist ein allerwärts bekannter Stoff, nämlich die Gelatine. Man löst in einer Kochsalzlösung so viel Gelatine auf, daß eine 5 bis 10 prozentige Lösung entsteht. Unmittelbar vor dem Gebrauch wird die bei gewöhnlicher Temperatur starre Masse über kochendem Wafler verflüssigt. Bei Blutungen, deren Ursprungsort zugänglich ist, wird ein kleiner, mit Gelatine getränkter Wattepfropfen eingesührt, auch kann die Lösung eingespritzt oder auf einem Gazestreifen appliziert werden. Bei Nasenbluten nimmt man zuerst eine Reinigung der Nasenmuskeln mit warmem Waffer vor, spritzt die Gelatinelösung ein und bringt dann einen mit dieser getränkten Wattepfropfen in die Nasenöffnung. Es muß darauf geachtet werden, daß die Lösung nicht zu heiß angewandt wird. Bet der Einfachheit des Mittels wird sich dasselbe wohl bald cinführen. Literarisches. Die moderne Chemie. Eine Schilderung der chemischen Großindustrie. Von vr. Wilhelm Bersch. Mit 730 Abbildungen, darunter zahlreiche Vollbilder. In 30 zehntägigen Lieferungen (zusammen 60 Bogen) ä 60 Pfg. Bisher 20 Lieferungen ausgegeben. Auch schon komplett gebunden zu haben, in Prachtband, für nur 17 Mk. 50 Pfg. und geheftet in drei Abteilungen, jede für 5 Mk. (A. Hartleben's Verlag in Wien.) Die Chemie ist durchaus nicht das trockene Wissensgebiet, für das sie gewöhnlich gilt. Wohl ist das Studium dieser Wissenschaft nicht eben leicht, doch bietet andererseits ihre Anwendung in der Praxis so viel des Interessanten, daß die Beschäftigung mit diesem Gegenstände im höchsten Grade lohnend ist. Das Studium der auf chemischer Grundlage beruhenden Industrien wird aber auch anziehend, wenn wir die zahlreichen Stätten chemischen Wirkens, in denen so viele uns heute unentbehrliche Dinge erzeugt werden, an der Hand eines Führers betreten. Ein solcher Führer durch das große Gebiet der chemischen Industrien ist das vorliegende, den passenden Titel „Die moderne Chemie" führende Werk. Der Verfasser hat seine Aufgabe: in anziehender Form die chemischen Industrien zu schildern, vortrefflich gelöst; denn ohne bei dem Leser chemische Schulung vorauszusetzen, ja selbst ohl« von der vielen unverständlichen Zeichensprache des Chemikers Gebrauch zu machen, zeigt er alle Anwcndungsarten, die heute die Chemie in den Gewerben und Industrien findet, so daß der Leser einen Einblick in dieses große und heute so überaus wichtige Gebiet gewinnt. Die lcichtfaßliche Sprache des Verfassers wird durch ein reiches, gut ausgewähltes Jllustrationsmaterial wirksam unterstützt — das Werk führt somit den Leser in Wort und Bild durch alle chemischen Industrien und macht ihn mit ihrer Arbeitsweise und ihren Erzeugnissen vertraut. Aber nicht nur den Erwachsenen, auch der studierenden Jugend wird das schöne Werk manche angenehme Stunde bereiten, denn e§ ist so recht danach beschaffen^ Interesse für einen heute noch viel zu wenig gekannten und gewürdigten Zweig der Naturwissenschaften zu erwecken. Daher ist das Buch auch als Festgabe für alle Gelegenheiten trefflich geeignet, und sei allen empfohlen, die sich über den Zweck und das Ziel, über die Errungenschaften der „modernen Chemie" unterrichten wollen. Humoristisches. Verraten. Hausfrau: „Sie haben wohl einen sehr kleinen Fuß, Katline?" — Dienstmädchen: „Warum sagen Sie das, Madame?" — Hausfrau: „Weil ich in die Spitzen meiner Stiefeln so oft Papier gestopft finde." Skatausgave. Nachdruck verboten. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün, Coeur gleich Rot, Carreau gleich Schellen.) Mittelhand spielt im Besitz folgender Karte: Eichel (Treff)-Solo und verliert, obwohl noch ein Trumps im Skat liegt. Vorhand hat 34, Hinterhand 3 Augen weniger als der Spieler. Welche Karten besaßen die Gegner, und wie war der Gang des Spiels? — (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Magischen Dreiecks in voriger Nummer: APFEL PAUL FUN E L L Redaktion: @. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.