tue. - m. wo. Samstag dm 10. Nodemder» WEWH-Mj -%> DÄechMmzMal! jntuT® ejener^rfgo- ÄenMAüMrr) f rüb der Morgen und falt. Ueber den Wiesen schweifen Feuchte Nebelstreifm; lieber dem Wald auf den Bergen ringsum Liegen Wolken geballt, grau und stumm. Mühsam gegen die dunklen Schatten, Halb wagend, halb zagend, Sendet Sonne den matten, Belebenden Strahl. — Nieder in’8 Thal Rötlich bricht hier und dort unsicherer Licht. Kämpfen muß die herrlichste Glut, Die hehrste Feindin irdischer Fehle: Mut, Mut, Arme, ringende Meuschenseele! Friedrich Adler. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Tora verzog den Mund zu einem gezwungenen Lachen. „Dieser getreue Sklave, dessen ältere Rechte Sie so rücksichtsvoll respektieren wollen, hat es, wie Sie sehen, nicht einmal für seine Pflicht gehalten,, mich hierher zu führen. Die Vorbereitungen zu einem schwierigen Plai- doyer waren dem Herrn Staatsanwalt wichtiger, als die Rücksichten, welche er mir schuldig ist. Wir werden kaum vor elf Uhr das Vergnügen haben können, ihn hier zu begrüßen. Empfinden Sie da nicht schon einige Reue, sich so voreilig zu seiner Vertretung erboten zu haben?" Ich bin dem unbekannten Verbrecher, der dem Herrn Staatsanwalt -so 'viel zu schaffen macht, vielmehr zu tiefstem Dank verpflichtet". Einer der befrackten Herren vom Festkomitee, durch eine mächtige weißseidene Schleife am linken Oberarm kenntlich, kam mit hochrotem Gesicht auf die Plaudernden zu. Er gehörte zu Norrenbergs näheren Bekannten, und nach der ersten Begrüßung hob er die flehend zusammengelegten Hände zu Dora empor. „Sie müssen uns aus einer fürchterlichen Verlegenheit retten, mein verehrtes Fräulein! Niemand ist dazu im stände, außer Ihnen. Fräulein v. Wedel, die den Verkauf im Champagnerzelt übernommen hatte, ist durch eine geschwollene Wange verhindert, das Fest zu besuchen. Wenn Sie sich entschließen könnten, an ihre Stelle zu treten, so würden Sie unserer guten Sache einen unschätzbaren Dienst erweisen und eine Bergeslast von meinem bedrückten Herzen nehmen". Er konnte die Gewährung seiner Bitte schon in Doras lächelnden Zügen lesen, aber sie fand es so angenehm, sich demütig bitten zu lassen, daß sie sich noch ein Weilchen sträubte. „Ich habe dergleichen noch nie in meinem Leben gethan, und ich weiß wirklich nicht, ob ich- einer so schwierigen Aufgabe gewachsen bin. Vielleicht gelingt eS Ihnen bod); noch, unter den vielen jungen Mädchen eines zu finden, das geschickter dazu ist, als ich". Während der vielgeplagte Festordner alle Schleusen seiner Beredsamkeit öffnete, um ihren scheinbaren Widerstand zu besiegen, zog Sandorh den Bankier ein wenig beiseite. „Nun?" fragte er. „Wie steht es? Sie haben meinen gestrigen Brief erhalten und danach gehandelt?" „Ja! Und ich habe mich seit gestern schon tausendmal dafür verwünscht, daß ich es gethan". „Meine Vermutung ist also eingetroffen? Der junge Mensch hat die Probe nicht bestanden?" „Sie müssen mit dem Teufel im Bunde sein, daß Sie es voraussehen konnten. Der Sohn eines solchen Vaters! Ich würde für seine Rechtschaffenheit noch- gestern meine Hand ins Feuer gelegt haben". ,Meines Menschen Ehrlichkeit ist unerschütterlich, lieber Freund, davon sollten Sie sich doch nachgerade überzeugt haben. Es kommt immer nur auf die Stärke der Versuchung an. Wie groß ist die Summe, um die es sich handelt?" „Ich gab ihm zweitausend Mark für die Bezahlung einer Versicherungsprämie, von der er wissen mußte, daß sie erst in zehn Tagen fällig ist". „Und Sie wissen bestimmt, daß er die Zahlung nicht geleistet hat?" „Ja! Ich- habe mich heute mittag unter der Hand auf dem Bureau der Versicherungsanstalt erkundigt. Sie haben also, wie es scheint, Ihr Ziel erreicht. Aber was, in aller Welt, soll nun aus der unglückseligen Geschichte werden? Zu einem Skandal darf es unter keinen Umständen kommen". „Davon ist ja auch gar nicht die Rede. Alles weitere ist lediglich meine Sache. Sie dürfen den jungen Mann nicht das geringste von Ihrer Entdeckung merken lassen. Innerhalb der zehntägigen Frist wird die Sache schon auf die eine oder die andere Art ins reine gebracht werden". „Solche Versicherung kann mir selbstverständlich nicht genügen. Ich- wünsche Ihre wahren Absichten endlich- -- 638 Lennen zu lernen. Aber es ist hier nicht der Ort, weiter davon zu reden. Ich muß vor allem diesen Schwätzer da abfertigen, der meine Tochter noch immer mit seiner unmöglichen Zumutung zu belästigen scheint." AVer er tam nur noch eben recht, um die Danksagungen des Festordners für Doras Gewährung seiner Bitte zu vernehmen. Sein Gesicht wurde noch gelber vor Bestürzung unöi Aerger. „Du denkst doch nicht im Ernst daran, Dora, eine solche Narrheit zu begehen? Lengfeld würde Dir eine jo unpassende Handlungsweise niemals verzeihen." Statt aller Antwort bewegte sie nur in verächtlicher Gebärde die schönen Schultern. Dann legte sie ihre Hand auf Sandorys Arm und sagte mit einem berückend weichen Klange ihrer dunkel gefärbten Stimme: „Kommen Sie, stolzer Maharadscha, ich machte Sie bis aus weiteres zu meinem Gefangenen." Eine kleine Bewegung ging durch die dicht zusammengedrängte Festgesellschaft; denn eben hatte Elli Pollnitz die Bühne betreten. Sie trug ein Phantasiekostüm mit einer Mauerkrone als Kopfschmuck. Ein großer, mit Silberpapier beklebter Schild, auf dem das Waldenberger Stadtwappen prangte, ließ erraten, daß man in ihr gewissermaßen eine Verkörperung dieses ehrwürdigen Gemeinwesens zu erblicken habe. Da sie sich nicht geschminkt hatte, sah sie auffallend bleich aus; der Lieblichkeit ihres zarten Gesichtchens aber vermochte diese Blässe keinen Abbruch zu thun. Es währte eine kleine Weile, bis es still genug geworden war, daß sie zu sprechen beginnen konnte. Diejenigen, die sie im Stadttheater chatten spielen sehen, wunderten sich darüber, wie leise und befangen die ersten Verse über ihre Lippen kamen. Sie stand offenbar unter dem lähmenden Einfluß einer Schüchternheit, die sie verhinderte, ihr schönes Vortragstalent zur vollen Geltung zu bringen, und die erst von ihr abfiel, als das Gedicht sich! bereits seinem Ende näherte. Auch fand man, daß die Verse eigentlich viel zu ernst waren sür eine so lustige Veranstaltung. Erst als eine warme Danksagung sür die von den Anwesenden durch ihr Erscheinen bekundete Mild- thätigkeit folgte, atmete man wieder auf, und fand, daß die Dichtung doch eigentlich sehr schön sei. Ein Gefühl stolzer Befriedigung über den eigenen Edelsinn ging durch jede Brust, und als in leisem Flüstern der Name des Verfassers von Mund zu Munde geflogen war, hielt man es um so mehr für eine schon durch die Höflichkeit gebotene Pflicht, sein Wohlgefallen durch lebhaften Beifall zu äußern. Nur gedämpft und wie aus weiter Ferne klangen Applaus- und Bravorufe an das Ohr des jungen Dilch ters. Sobald Margarete, von ihren Freundinnen und von einer Anzahl dienstbeflissener Kavaliere umschwärmt, seiner Begleitung nicht mehr bedurfte, hatte Sigismund Ruthardt sich unbemerkt aus dem bunten Gewühl des Saales gestohlen. Seitdem er gestern abend unter dem Einfluß einer Stimmung, die seine Gedanken verwirrt und die mahnende Stimme seines Gewissens erstickt hatte, die erste unehrenhafte Handlung seines Lebens begangen, befand er sich! in! einem wahrhaft mitleidswürdigen Zustande furchtbarster seelischer Erregung. Er war nach, einer schlaflosen Nacht mit schmerzendem Kopf aufgestanden; im Gehirn fühlte er eine dumpfe Schwere, einen quälenden Druck» der ihin alle Fähigkeit raubte, seine Gedanken bei einem Gegenstände festzuhalten. Er hätte bei der Arbeit eine Menge von Versehen uni> Fehlern gemacht, mit ängstlicher Scheu war er der Begegnung mit den Seinigen, besonders einem Zusammentreffen mit dem Vater,, ausgewichen, und er hatte es am Abend nicht über sich gewonnen, das bunte Kostüm anzulegen, das er sich durch die freundliche Vermittelung der Frau Pollnitz schon vor einigen Tagen aus den Garderobevorräten des Stadttheaters besorgt hatte. Margarete und' die Mutter waren nicht wenig erstaunt gewesen, als er im schwarzen Gesellschaftsanzuge bei ihnen eintrat. Er hätte ihre, Fragen mit der kurzen Erwiderung abgefertigt, daß ihm die geliehenen Kleider zu eng seien; aber er hatte, sich in qualvoller Beschämung abgewendet, als ihm sein Vater mit einem freundlichen Schlag aus die Schulter in ungewöhnlich heiterem Tone versicherte, baf? er ihm so auch besser gefalle, als in einer bunten Narrentracht. Stumm hatte er neben dem Doktor im Wagen gesessen, und während der halben Stunde, die er mit seinen Angehörigen unter den.festlich geputzten, lachenden und schwatzenden Menschen im Saale zugebracht, hatte er seelisch- wie körperlich fast unerträgliche Qualen ausgestanden. ■9hm lehnte er allein in dem engen, schwach beleuchteten Gange, der von dem kleinen Künstlerzimmer neben der Bühne nach dem breiten Hauptkorridor führte. Er wußte, daß Elli nach, Beendigung ihres Vortrages! die „Harmonie" verlassen würde; denn ihre Mutter war an diesem Abend im Theater beschäftigt, und sie hatte von vornherein mit aller Bestimmtheit erklärt, daß sie nicht allein auf dem Fest bleiben werde. Er aber mußte sie sehen um jeden Preis, und da er sie bei ihrer Ankunst nicht hatte begrüßen können, wollte er hier, wo ihn gewiß niemand vermutete, ihr Fortgehen erwarten. Nun war es zu Ende, und er hörte wie ein dumpfer Brausen das Geräusch des Beifalls aus dem Saale. Eine bisher ungekannte, bange und doch namenlos beglückende Empfindung versetzte ihm den Atem. Er vergaß aus Augenblicke alles, was ihn während dieses schrecklichen Tages gedrückt und gepeinigt hatte; seine Augen leuchteten, und unwillkürlich preßte er beide Hände auf das hochklopfende Herz. So stand er auch noch, als die Thür des Kimstler- zimmers ausging, und Elli über die Stufen der kleinen Treppe herabkam. Sie hatte ihr Kostüm nicht abgelegt, und der Saum des weißen Kleides wurde unter dem weiten Wendmantel sichtbar. Ihr feines Gesichtchen schäute marmorweiß aus der Umhüllung eines schwarzen Spitzentuches hervor, und ihre Augen erschienen unnatürlich groß. Sie hatte den Gang rasch durcheilen wollen, aber da sie Sigismunds ansichtig wurde, blieb sie plötzlich stehen. Er that ein paar unsichere Schritte auf sie zu, heftig atmend und vergebens nach den Worten des Dankes und der Anerkennung suchend, die er ihr hatte sogen wollen. Nur ihre beiden Hände drückte er an seine Lippen, und dann, da Elli sie ihm nach einem sanften Gegendruck entzog, trat er mit leuchtenden Augen von ihr zurück und sagte leise: „Wenn Sie wirklich gehen müssen, werden Sie mir dann nicht gestatten. Sie zu begleiten?" Sie schüttelte mit Entschiedenheit den Kopf., „Nein! Ich habe ja nur einen kurzen Weg. Sie aber müssen hierbleiben; denn Ihr Platz ist da drinnen, bei der Gesellschaft, der Sie angehören." Er machte keinen weiteren Versuch ihr die verweigerte Erlaubnis abzuringen. Nur bis über den Korridor, der zum Glück jetzt ganz menschenleer wär, gab er ihr das Geleit. Im Vestibül, wo ihnen die winterliche. Nachtluft kalt entgegenschlug, blieb die Schauspielerin noch einmal stehen. „Es wär gut von Ihnen, daß Sie mich erwartet haben. Ich danke Ihnen dafür. Und nun kehren Sie zurück zu Ihrem Vergnügen!■ Gute Nacht!" Er gab ihr als Antwort nur den letzten Wunsche zurück, und wie ein! Träumender blickte er ihr nach, als sie draußen in der Dunkelheit verschchand. In den Saal aber ging er nicht mehr, sondern holte sich seinen Ueberrock aus der Garderobe und schritt, ohne die Seinigen von seiner Entfernung in Kenntnis zu setzen, aufs Geratewohl in die Nacht hinaus. Er war so glücklich daß seine Seele die Ueb erfülle dieses Glückes kaum zu fassen vermochte. Aber von den hochfliegenden Hoffnungen und Wünschen, die ihn gestern so gewaltig begeistert hatten, regte sich nichts mehr in seinem Herzen. Ihm wär, als könne nach« der Seeligkeit des Augenblicks, den er soeben durchlebt hatte, nichts Köstlicheres mehr kommen, und er schwelgte im Fortgenuß dieses einzigen Augenblicks, ohne an Vergangenes oder Künftiges zu denken. Die dunkle Einsamkeit und die reglose Stille der schlafenden Stadt ließen ihn seinen wonnigen Traum weiter träumen, und er ging dahin gleichf einem Mondsüchtigen, für den die Welt in einem lichten, rosenroten Nebel verschwimmt, und der auf schwülem Felsgrat wandelt, ohne zu gewahren, daß schauerliche Abgründe sich« zu seiner Rechten wie zu seiner Linken öffnen. Wenn er sich! überhaupt noch dunkel irgend eines Verlangens bewußt wurde, so war es einzig die unbe- pimsite Ketz,nsuM, Latz «K niminer ein ErwaKM geben mAge cmS bieftm wundersamen, wonnevollen Traum. (Fortsetzung folgt.) Die Schillerbank. Gin Krtnnexungsblatt aus des Dichters Leben. Kon Karl Neumann -Strela. Zum 10. November.) Nachdruck verboten. Einer der schönsten Wege im Parke zu Weimar beginnt unweit der Naturbrücke und mündet ganz in der Nähe des römischen Hauses. Mächtige Bäume mit tief sich neigenden Zweigen haben ihn fast zu einer Laube gestaltet, blühende Büsche säumen ihn an der Flußseite ein, und wo sich, der dem Andenken des Fürsten von Dessau geweihte Felsblock erhebt, gewährt ein kleiner Abhang einen freien Ausblick über die Ilm und die Wiesen bis zu Goethes Gartenhaus an der Straße nach! Oberweimar. Ein in den schwarzen Gehrock gehüllter, auffallend großer Mann mit langen Armen, den Stock in der Rechten und den breitkrämpigen Hut meist in der Linken, wie ein Zeitgenosse ihn beschrieb, ging gern auf diesem Wege hin und her. Sinnend das Haupt gesenkt, blieb er zuweilen stehen, als wollte er den Flug seiner Gedanken hemmen. Ein in den Zweigen aufgeschreckter Vogel oder ein ihn umflatternder Schmetterling mochte ihn zum zum Weiterschreiten bewegen, doch kam er an jenem Abhänge selten vorbei. Der dort von einem Baum beschattete Rasen lud ihn zum Ausruhen ein. Dann ließ er sich nieder, lehnte das Haupt an den Stamm und sah in die Ferne; denn damals, im Ausgang des vorigen Jahr-' hunderts, war der Blick durch! die inzwischen höher und dichter gewordenen Büsche und Bäume noch! nicht begrenzt. So oft die Witterung und des Mannes schwankende Gesundheit es erlaubten, ging er „bis zum ersten Schneefall" tüglich! von seinem Hause an der Esplanade in den Park. Es war Friedrichs schiller, der dort „im Flüstern der Blätter seiner Muse lauschte", die ihm „für Mit- und Nachwelt Begeisterndes und Unvergängliches in Herz und Seele senkte." Niemand störte ihn auf diesem Wege. Wer ihn am Abhange ruhen sah, wich leise zur Seite, es mochte ein Bekannter oder einer der beiden Parkwärter sein. Der ältere von ihnen, Leberecht Hotelmann, sagte zu seinem Kollegen Christoph Bergschmidt, daß das Ausruhen auf dem Rasen bedenklich.wäre, und als der andere ihm zugestimmt, fuhr er fort: „Sonne ist wenig, die Zweige da drüber lassen die Strahlen kaum durch. Nach einem Regen trocknet der Rasen sehr langsam, und der Hofrat, der so wie so nicht ganz fest in der Brust sein soll, könnte sich! da mal arg erkälten. Um jeden' Menschen ist's schade, wenn er sich Reißen oder sonst was holt, aber bei solch' einem Herrn würde es weit schlimmer sein. Ich sage Dir, Christoph, das ist ein berühmter Mann! Er schreibt fürs Theater, und als Wallensteins Lager, was er auch gemacht hat, gegeben ward, da ließ mein Neffe, der ganz oben int Theater die Leute einläßt, mich! auch mit ein. Ist das ein Stück! Der Wachtmeister und Trompeter, die Dragoner, Kürassiere und Ulanen müßtest Du reden hören, und als der Kapuziner eine gewaltige Strafpredigt hielt, da ward es mir abwechselnd bald kalt, bald heiß. So was schönes sah ich! mein Lebtag noch nicht, und als ich mit meinem Neffen aus dem Theater tarn, trat der Herr Hofrat auch eben heraus. Da hörte ich, denn, das Stück sei von ihm; er wäre der berühmte Schiller, der zur Aufführung von Jena gekommen sei." „Ja", meinte Christoph, „da geb' ich Dir recht. Es wäre bodji jammerschade, wenn solch' ein Herr sM da erkälten würde." Dann gingen sie weiter, schwiegen aber; denn jeder hatte seine eigenen Gedanken. Und als sie sich am nächsten Tage wieder im Parke trafen, ergab es sich, daß jeder von ihnen denselben Gedanken gehabt. „Nach! Feierabend", sagte Leberecht; „denn eher ist keine Zeit dazu." 639 =j Unweit des BorkenhäusKjens war ein Verschlag, irt dem sie ihr Handwerkszeug verwahrten. Auf dem Schloßturm schlug es sieben. Da berieten sie über das zu wählende Holz, holten Leitern, Sägen und suchten an den ältesten Bäumen die stärksten, dürrstetr und trockensten Aeste aus. Darüber wurde es völlig dunkel, und als sie die Aeste, sogenanntes Knüppelholz, im Verschlage hatten, ward Schicht gemacht. Am nächsten Abend trug der eine schmales, der andere breiteres Lattenholz herbei. Das Messen, Hobeln, Sägen und Hämmern geschah im Freien. Der um diese Zeit ganz menschenleere Park war ihnen zu ihrer heimlichen Arbeit besonders günstig, und am sechsten oder achten Abend sahen sie ihre fertig gewordene Leistung mit frohesten Blicken an. „Jetzt unter den.Baum damit", sagte Leberecht, „bei dem hellen Mondschein ist die richtige Stelle leicht zu finden." „Und ehe er morgen kommt", fügte Christoph hinzu, streuen wir Blumen auf den Rasen; das sieht dann noch feierlicher aus." Damit trugen sie ihre Arbeit nach! dem Abhang und stellten sie dicht an den Stamm. Der durch die Zweige blickende Mond sah zu, wie vergnügt sie über die Ausführung des damals von ihnen gehegten Gedankens waren. Am nächsten Morgen ward der Rasen mit Blumen bestreut. So sah es nach! Leberechts Meinung „erst wirklich apariig" aus. Dann kam Schiller gesenkten Hauptes daher. In Sinnen versunken, bemerkte er die Parkwärter nicht, die 'vor dem Rasen standen, und sah sie erst, als Leberecht mit der Mütze in der Hand nach! dem Baume zeigte und sagte: „Herr Hosrat werden verzeihen, daß wir's uns heraus- nehmen thaten.' Da ist so oft Nässe, und wir konnten'S wirklich nicht länger mit ansehen, daß sich der Herr Hofrat platt auf den Rasen setzten. Deshalb haben wir unS die Freiheit genommen, das da so zu machen —" „Weil es doch auch bequemer ist", warf Christoph ein, „und das Erkälten verhütet wird." „Denn der Herr muß sich! schönen, er ist doch auch! so berühmt", fuhr Leberecht fort. „Wir geringen Leute verstehen sonst nichts davon, aber seit ich die Wallen- steiner im Theater gesehen hab', den Wachtmeister, Trompeter, Kapuziner, die Kürassiere und Ulanen, weiß ich doch auch Besch!eid." Da sah Schiller von den Männern über den Rasen. Er sah die Blumen, und wo er dort bisher am Boden geruht hatte, stand eine Bank. Für ihn gemacht, wie die beiden sagten, für ihn dorthin gestellt! Mehr aber in diesem Momente zu sehen, wehrte ihm ein Schimmer in feinen Augen, ein gleichsam aus tiefstem Herzen kommender Schimmer, der ihm den klaren Blick verhüllte. Thränen der Freude und Dankbarkeit glänzten ihm an den Wimpern. Er sah wie durch einen Schleier, — die Männer, bereit Hände er ht den seinen fühlte, und die ihn dann rasch! verließen, und die Bank, auf die er sich niederließ, glücklich! in der Gewißheit, daß fein Wirken im Reiche des Schönen auch in die Herzen dev Volkes gedrungen sei ... . Seitdem ward die Bank die Knüppelholzbawk genannt. Oft kam er noch allein dorthin, dann aber, als seine ermattenden Kräfte „den nahen Verfall verrieten", in Begleitung von Heinrich! Boß. Mit ihm Pflegte er lange auf der Bank zu ruhen, und dort fvrach er über Plane und Entwürfe, die ihm den Sinn erfüllten, und denen er Gestaltung geben wollte, wenn ihm „ein Entfliehen aus der körperlichen Ermattung" gelingen würde. Doch! ach, wie er einst selbst geschrieben : Was find Hoffnungen, was sind Entwürfe! Zwar konnte er Voß, als sie wieder einmal die Bank erreicht hatten, frohlockend berichten, er fühle sich jetzt kräftig genug, um aw „DemetrulS schaffen zu können. Doch war's nnr em letzter Sonnen- strahl vor Anbruch der Nacht; denn bald darauf, als Voß in fein Zimmer trat, rief er ihm zu. „~t liege ich tut eher Die Bank blieb leer.. Die Parkwärter sahen täglich den Weg hinab, ob Schiller kommen würde. Er kam nie wieder. 640 Und eines Tages holten sie schwarzen Flor aus der Stadt und hüllten die Bank damit ein. Denn der Dichter war heimgegangen. Seitdem ward die Bank die Schillerbank genannt. _____ Fleisch- und Wmsttvaren?) In Städten mit Schlachthäusern oder wenigstens mit guter Fleischbeschau ist denen, die sich gewerbsmäßig mit der Lieferung ekelhaften Fleisches befassen, das Handwerk so ziemlich gelegt. Immerhin giebt es noch manches zu beanstanden und zu bessern. So wird z. B. bei der Trennung von kranken und gesunden Teilen eines geschlachteten Tieres, das für die Freibank bestimmt ist, das kranke Mit demselben Messer ausgelöst, mit dem das gesunde geschnitten wird; ist ein tuberkulöser käsiger Herd vorhanden, so kommt sein Inhalt unter Umständen mit gutem Fleische in Berührung. Wie oft mag das namentlich bei der Wurstbereitung geschehen! Nur ein Gott kann die Wurst essen, sagt Jean Paul, denn nur er allein weiß, was darin ist. Was sich alles ereignen kann, das beweisen die gerichtlichen Verhandlungen in Einzelfällen. Reformbedürftig sind vielfach die Umstände, lute sie beim Transport der geschlachteten Tiere und in Verkaufsstellen herrschen. Ein Münchner Arzt tadelt, daß die Ueberführung vom Schlachthofe nach den Geschäften in der denkbar unsaubersten Weise auf offenen Wagen stattfinde, von denen die Kadaver zur Hälfte heraushängen; daß sie dabei von Staub und spritzendem Straßenkot verunreinigt werden, daß die Wagen unrein und die Decken schmutzig, ja oft gewöhnliche Pferdedecken seien. Die Schlächterburschen, die in manchen Gegenden, z. B. in Niederdeutschland, mit ausgesucht reiner Kleidung, in wohlgescheuerten Mulden mit blendend weißem Tuche bedeckt den Kunden die Ware zutr-agen, strotzten oft von Schmutz und trugen das Fleisch in blutbefleckter Mulde, bedeckt imit einem mehrfarbigen, meist, rötlichen, abgebrauchten Lappen; er sagt: „Ich behaupte geradezu, daß eine energischere Pflege der Reinlichkeit auch in inoralstcher Beziehung ihren großen Segen bringen und die häufige Zahl von Verbrechen, die erfahrungsgemäß von Schlachteroesellen begangen wird, wesentlich herabmindern würde." Was da speziell von München 'gerügt wird, kann man übrigens ' auch in vielen anderen Städten wahrnehmen. Die Wurstläden, die allerdings teilweise recht sauber aussehen, weisen nicht selten, namentlich in kleineren Orten und aus dem Lande, genug des Tadelnswerten auf: Die Haken, an denen die größeren Fleischstücke hängen, sind entweder aus Holz oder aus bloßem Eisen, anstatt verzinkt oder vernickelt, vielsach mit Fett und altem Blute besudelt; mitunter wird das Fleisch statt aus eine steinerne Unterlage oder aus eine mit Oel gestrichene Platte auf Kalkanstrich gelegt, die Hackstöcke zum Zerkleinern des Fleisches, die Wurstmaschinen und die Wurstkessel sind nicht sauber genug, die Kessel werden ausnahmsweise auch zu anderen Zwecken, z. B. zum Waschen der Hauswäsche, benutzt, u. a. m. ,.c, . . Ein wichtiges Ding für al e Geschäfte tn denen mit Fleischwaren gelw-welt wird, ist der Eisschrank Daß tu diesen Ausb ewahrungsraumen noch manches faul ist, wird ^icbt »«vekannt sein; ich "erinnere nur an die in einer «traßburger Wirtschaft vnrgekommene Fleischvergiftung, an der 17 Menschen erkrankten und eine Person starb; sämtliche hatten von Fleisch gegessen, das in einem Eisschranke gestanden hatte, dessen Boden mit einer übelriechenden bräunlichen Schlammschicht bedeckt war. Unsaubere Haltung von Eisschränken ist von Beamten, denen die Nahrungsmittelkontcolle obliegt, schon mehrfach beanstandet worden. *) Vgl. „Das Bedürfnis größerer Sauberkeit im Kleinvertrieb von Nahrungsmitteln." Bon Prof. Dr. L. Heim (Braunschweig, Vieweq u. Sohn, 1900). ________ Vevinischtes. „Deine Teltower Rübchen schmecken besser als die meinigen", klagte eine junge Hausfrau der anderen, „wie ist des nur Möglich? Ich beziehe sie aus derselben Quelle, wie Du, wir haben gemeinsam kochen gelernt, und doch merke sch! den! Unterschied. Du wirft irgendetwas besonderes damit machen." Die Gefragte nickte vergnügt: „In einer Frauen-Zeitschrist las ich, daß alle Gemüse, Hülsenfrüchte, Rüben u. s. ito. an Geschmack bedeutend gewinnen, wenn man vor dem Anrichten ein ganz klein wenig echtes Liebigs Fleisch-Extrakt hinzuthut und noch einmal damit durchkochen läßt. Ich habe es probiert, es timmt; das ist das ganze Geheimnis. CHterarifctye». Der deutsche Schreib,opf und dessen notweudigeBeseitigung. Von W. Bleich, Gymnasialoberlehrer a. D. Berlin 1900. Preis 60 Pfg. Kommissions-Verlag von C. Regenhardt, Berlin W, Kurfürstenstr. 37. Verfasser geißelt in drei ausführlichen Kapiteln (Der deutsche Schreibzopf. Diedeutsche Schreibmode. Veränderungen der Sprache und der Schrift) Sie unserer Schreibweise zurzeit anhängenden Mängel, um dann in einem vierten Kapitel (Deutsche Rechtschreibung ohne unnützen Ballast) ein klar durchdachtes System einer verständigen, knappen Rechtschreibung ;u bieten, das von dem Grundsätze: Alleiniger Gebrauch der Rundschrift (an Stelle der jetzt gebräuchlichen Schrift, die für jeden Sprachlaut mindestens acht Buchstaben zur Auswahl stellt,) beherrscht wird. Die Schrift ist hochinteressant und beherzigenswert. Die Einführung des in dem Schlußkapitel erörterten Sparsystems deutscher Rechtschreibung wäre, abgesehen von anderen Vorzügen, für Zeitungen ein Mittel, der wütenden Papierverteuerung einigermaßen zu begegnen, do es Zeit- und. Raumersparnis im Gefolge haben würde. Aber — wieviel Tropfen werden noch in's Meer rinnen, bis wir zu einer Linheitsschrift gelangen? Bdt. Das Geschlechtsleben des Weibes. Eine physiologisch- soriale Studie mit ärztlichen Ratschlägen von Frau Dr. Anna Fischer- Dückelmann. V. Auflage. 1900. Preis brosch. M. 1,50, geb. M. 2,—. Verlag von Hugo Bermühler Verlag, Berlin SW. 61. Die neue Herausgabe dieses überaus interessanten Buches ist durch einige sehr wichtige Abänderungen und vor allem durch ein, das ge- sümte Interesse der Frauenwelt hervorrufendes, neues Kapitel verwehrt worden, es ist dies die Abhandlung, betitelt: „Das unsittliche Deib". Bei Durchsicht dieses Kapitels und des Vorwortes erfahren rott, daß die neue Schrift der Aerztin manchen Angriff erdulden Mußte, und daß die Gegner ziemlich scharf gegen die, ihnen zur Last gelegten Vergehen zur Abwehr schritten. Allein Frau Dr. Fischer-Dückelmann führt eine selten spitze Feder, und die Stiche, die sie damit austeilt, dringen ihren Gegnern bis ins Mark. Mit einem noch nie dagewesenen Freimut- tritt sie in ihrem Buche den vielen Greueln entgegen, denen vir in so manchen Ehen begegnen; noch nie wurde dem Manne ein so reiner Spiegel vorgehalten, in welchem et seine Fehler, auch die der Öffentlichkeit so streng verborgenen, erblickt. Frau Dr. Fischer-Dückelmann scheut sich dieses Mal nicht, auch jenen Ehemännern den Tiefstand ihrer Gesinnung zu beweisen, die in der Verkennung einer idealen Ehe ihren Frauen weder einen Einblick in jene Bücher erlauben, die den Frauen eine recht nützliche Aufklärung brächten, noch zugeben, daß sie von den naturwidrigen Ausschweifungen erfahren, die die Männer von dem weiblichen Geschlechte täglich fordern. Trotz der geharnischten Sprache, die die Autorin führt, trotz aller gebotenen Aufklärung hält sich die Aerztin bei der Abwickelung ihres so heiklen Themas in den erlaubten Grenzen und geht in ihrem Werke überaus taktvoll und mit dem hier nötigen Zartgefühl vor. Das Buch bringt den Frauen nicht nur Aufklärung, es enthält auch sehr viele wissenswerte Vorschriften über die Ehe und manch guten ärztlichen Wink, dessen Beachtung für die Frau von außerordentlichem Werte ist. Telegraphenrätsel. Nachdruck verboten. Die Punkte und Striche entsprechen den einzelnen Buchstaben der nachstehend in anderer Reihenfolge angeführten Wörter. Diese Wörter sollen so geordnet werden, daß die aus die Punkte fallenden Buchstaben im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben. Gewand, Jabel. Mohn, Neger, Nubier, Stall, Tage, Thal. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Sternrätsels in voriger Nummer: H ZAR EIMER HAMBURG PLUTO ERZ G Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße»,