Donnerstag den LO. Mai. IW k4. uWW ■>115! ö Nachdruck verboten. „Es sah eine Linde ins tiefe Thal/' Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) Die Wohnung der Frau Kraneck, der Mutter seiner erkrankten Schülerin, Ivar in ein paar Minuten erreicht — es gab überhaupt in dem kleinen Landstädtchen keine Entfernungen — und etwas zögernd ergriff Herr Hobrecht den Zug der Hausglocke. Dieser Gang war ihm unangenehm." Die Frau würde erschrecken, lamentieren, vielleicht auch in Ohnmacht fallen — die Friederike hatte soeben, als ihr der feine Regen ins Gesicht gesprüht, die Augen geöffnet, sie aber sofort wieder mit einem tiefen Seufzer geschlossen — und dazu mußte er gerade fetzt so lebhaft der Stunde denken, in der er zum letzten Male die Glocke dieses Hauses gezogen hatte. Wie ein Sieger war er damals gekommen, wie einer, der das Füllhorn des Glückes in der Hafnd trägt, und war es nicht ein Glück, ein namenloses Glück, welches er der blutarmen jungen Witwe mit seiner Hand zu bieten im Begriff gewesen? Ihn nährte sein Stand, die Privatschule, welche unter seiner Leitung so vortrefflich ging, und dann hatte er noch gerade geerbt. Sein Vetter, der Bauernhofbesitzer, welcher ihm! einst die Mittel, das Seminar besuchen zu können, gegeben! —t wie oft hatte er ihn in letzter Zeit darum gemahnt! — itxir plötzlich gestorben, und die schönen Tausende, welche er in seinem Leben zusammengespart hatte, waren ihm, dem Leopold Hobrecht, mühelos in den Schoß gerollt. War es ihm da zu verdenken, daß er sich selbst einen großmütigen Narren gescholten hatte, und einen Moment zögernd, wie eben jetzt, an der Thür dieses Hauses steheü geblieben war, und mit heimlichen Bedauern der hübschen, rundlichen und — reichen Brauerstochter gedachte, welche ihin schon so oft unzweideutige Beweise ihrer Zuneigung gegeben hatte? Aber er hatte sich nun einmal in die Rolle des Menschenbeglückers verrannt und — ja, es ließ sich auch heute, wo das rundliche Minchen bereits seit Jahresfrist Frau Lehrer Hobrecht Hieß, nicht leugnen — die junge Frau mit dem wunderschönen bleichen Gesicht und, dem schwebenden Gange hatte es ihm angethan, und so nb du fragest, was wir sollen? Immer auch bas Gute wollen, 't1 Uns ben Ebelsten vereinen, Was wir sinb, auch immer scheinen. G. Keil. war er denn klopfenden Herzens ins Haus und die Treppe hinaufgegaugen. Aber als er dann vor ihr gestanden und sie mit großen verwunderten Augen — die ihrer Kleinen zeigten oft denselben Ausdruck, und das reizte Herrn Hobrecht mehr, als er sich selbst eingestand -- seine feierliche Erscheinung von dem glänzenden Cylinder in seiner Hand bis zu den nicht minder glänzenden Stiefelspitzen gestreift hatte, da war er verwirrt geworden und hatte diese Frau, welche sich mit ihren Musikstunden nur gerade so durchschlug, um ihre Hand wie um eine Gnade gebeten. Aber unbegreiflich empörend hatte ihre Antwort geklungen. Sie hatte eigentlich wenig gesprochen, nur ein paar kurze höfliche Worte, aber ein gewisses Etwas war plötzlich in ihre Erscheinung getreten, sie war größer geworden, und er — er war sich klein und unbeschreiblich anmaßend vorgekommen, als er mit seinem Korbe die Treppe hinabschlich. Jetzt begriff er sein damaliges Empfinden nicht, und „Bettlerstolz!" brummte er vor sich hin, als er nun zum zweiteumale und energischer die Klingel zog. Es gab einen schrillen, lang nachzitternden Ton, und eine Minute darauf wurde die Thür von innen geöffnet. Ein ältliches, gutmütiges Frauengesicht, umrahmt von dem Gefältel einer blütenweißen Haube, beugte sich über das Treppengeländer, hinter ihr, im Rahmen einer offenen Thür, wurde eine schwarzgekleidete Fraueugestalt sichtbar. ,„Wer ist dort, Brigitte? Warum klingelt man so heftig?" Eine leichte Unruhe zitterte in der weichen, melodischen Stimme, die so fragte. Die ältliche Frau neigte sich weiter vor. „Ich weiß nicht, gnädige Frau! Ich glaube, es ist Herr Lehrer Hobrecht." „Herr Lehrer Hobrecht?" Die Worte wurden hastig hervorgestoßen, und nun stand die zarte mädchenhafte Erscheinung des jungen Weibes auf der obersten Treppenstufe, fliegende Röte auf dem so bleichen Antlitz und qualvolle Angst in den großen dunkelblauen Augen. „Herr Hobrecht, Sie? Was führt Sie her? Jetzt, zu dieser Stunde? Was ist meinem Kinde geschehen?" Sie schrie bei den letzten Worten gellend auf. Sie hätte die Schuldienerin, welche erst jetzt hinter dem breiten Rücken des Lehrers sichtbar wurde, und todbleiche Kindergesicht mit der blutgetränkten Stirnbinde erblickt. „Mein Kind! Meine Elfe! Barmherziger Gott, was ist meinem Kinde?" Sie drängte ihre Dienerin, welche mit zitternden Händen der alten'Frau das Kind abnehmen wollte, beiseite, riß es an ihre Brust und flog mit ihm ins Zimmer, wo sie es behutsam auf ein niedriges Ruhebett gleiten ließ. „Mein Kind! Mein Einziges! Mein Sonnenstrahl!" stteß sie dabei mit dem Ton einer Gemarterten hervor. 258 Die Kleine regte sich und schlug die Augen auf. Ern niattes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Mama, liebe Mama!" flüsterte sie und wollte dre Aermchen um den Hals der vor ihr Knieenden schlingen. Doch plötzlich wurden ihre Singen weit und starr. „Nicht schlagen, o, nicht schlagen! Ich fürchte mich so!" wimmerte sie, ehe sie wieder zurücksank. Die Frau war der Richtung ihres Blickes gefolgt, nun schnellte sie aus und trat zu dem stumm dastehenden Lehrer. „Was haben Sie meinem Kinde gethan? Woher das Blut?" Der Angeredete zuckte zusammen bei dem Ton ihrer Stimme, aber er bezwang sich und brachte es sogar glücke lich zu einem gewissen Polterton. „Was die Frauen doch für ein Wesen machen, wenn sie ein paar Blutstropfen fehen! Die Geschichte ist sehr einfach. Die Friederike war wie immer unaufmerksam und zerstreut. Das Mädchen hat den Kopf voll von Märchen und dergleichen Dummheiten. Sie sollten das nicht dulden, Frau Kraneck! Das Haus muß nun einmal Hand in Hand mit der Schule gehen, wenn —" Er verstummte, die Frau machte eine zuckende Bewegung, rote Flecken brannten auf ihrem schmalen Gesicht. „Weiter!" sprach sie heiser. „Woher das Blut?" D-as Lächeln, welches er versuchte, wurde zur Grimasse. „Dre paar Tropfen aus dem Hautriß, meinen Sie? Nicht der Rede wert! Ein Heftpflaster drauf, und morgen srtzt das! Mädel wieder wie sonst auf ihrem Platze in der Schule. Aber umfallen darf sie mir nicht wieder". Herr Hobrecht wich dem starr aus ihn gerichteten Blick der Frau aus, und stieß polternd hervor: „Die Prrn- zessin wurde nämlich ohnmächtig, als sie für ihre Unaufmerksamkeit die wohlverdiente Strafe erhalten sollte, und. stieß sich dabei an einer Tischkante. Ich bitte Sie um alles in der Welt, sie wird ohnmächtig, wenn sie das Stöckchen! sieht! Wenn alle meine Schülerinnen so zart besaitet wären, wie die Fliegen würden sie fallen, aufs Wort, wie die —" .Er kam nicht weiter, die fchlanke Frauengestalt in dem schleppenden schwarzen Kleide war näher getreten und wies gebieterisch nach der Thür. „Hinaus!" rief sie heiser. „Und Schande, Schande über mich, die ich! so lange mein Ktnd der Roheit überließ!" , Sie wendete dem Manne den Rücken, fiel wieder vor dem Ruhebette in die Kniee, und der sehr angesehene Herr Lehrer Hobrecht, der Leiter der Musterschule, schlich zum zweiten Male die Treppe dieses Hauses hinunter, den kurzen Nacken gesenkt und die Röte der Beschämung tm Gesicht; das Gefühl der unbegrenzten Hochachtung vor sich selbst, das ihn sonst so völlig durchdrang, war wie weggeweht aus seinem Herzen. Es trug auch nicht zu seiner Erhebung bei, daß, als er beim Oefsnen der Hausthür fast auf den Doktor Hanne- Mann stieß, der alte Herr auf seinen devoten Gruß mit einem Blick dankte, der ihm vollständig die Lust zu der beabsichtigten Anrede benahm. Das Blut stieg dem armen Herrn Hobrecht heiß ins Gesicht. Verdammte Geschichte! Er lachte grimmig auf; das Mittagessen wollte ihm heute nicht munden, wenngleich Frau Minchen sein Lieblingsgericht gekocht hatte, und in der Nacht fuhr er plötzlich aus tiefem Schlafe auf. Rief da nicht eine heisere Stimme „Was haben Sie meinem Kinde gethan?" II. Der alte Kirchhof. „O, du Jugendzeit, o, du Jugendzeit!" Heute steht die Sonne in ihrer ganzen strahlenden Schönheit am tiefblauen Himmel. Es ist Frühling geworden heller, lachender Frühling, und die Blumen, die Liebling« der Sonne, wenden die Köpfchen ihr zu, und die Lerche schwingt sich auf, hoch in den Aether, als flöge sie ihr entgegen. c „ Es ist ein Blühen und Duften, ein Trillern und Jubilieren, ein Summen And Surren, Rauschen und Flattern überall, allüberall. Und wie deutlich man gerade hier auf diesem einsamen, der Welt entrückten Plätzchen all die Kundgebungen der tausend kleinen und kleinsten Lebewesen vernimmt! Die ' Vögel zwitschern und flattern ohne Schen in den Flieder- und Taxusgebüschen, in den Trauerweiden und dunklen Eschen, die Hummeln summen blütetrunken zwischen alltzr- hand wildwachsenden Kräutern und Blüten, blaue Libellen chwirren, surrende Fliegenschwärme tanzen wie blitzende Stahlfunken in der Luft, glänzende Käfer schreiten, die Fühlhörner vorsichtig ausstreckend, über die schmalen gras- bewachsenen Wege, und grünliche Eidechsen huschen von einem der eingesunkenen Grabhügel zum andern. Sie alle stört es nicht, daß Menschen in der Nähe. Fast täglich sind ja die drei, die alte Frau mit den beiden Kindern, hier, und nie hat eins von ihnen den Frieden des killen Erdenwinkels verletzt. Und andere Bewohner des Städtchens kommen selten hier herauf auf „den alten Kirchhof", wie der Platz schon seit Menschengedenken heißt. Den Jungen ist er zu ein» Win, und die Alten, welchen wohl manche heilige Erinnerung, manch Wünschen und Hoffen, manch heißes Lieben und — vielleicht manch bitteres Hassen unter den grasbewachsenen, fast der Erde gleichen Gräbern schläft, scheuen den beschwerlichen Weg. Der alte Kirchhof liegt nämlich inmitten der Hügelkette — Berge nennt man sie im Städtchen — welche den Ort im Süden fast wie. eine Mauer umgrenzt, und der. Weg da hinauf ist alten Füßen schwer zuzumuten. Aber Frau Brigitte scheut ihn nicht, das Elfchen liebt ja das weltvergessene Plätzchen so sehr, und was hätte Fran Brigitte ihrem Elfchen, ihrem Goldkind, abschlagen können, besonders seit der bösen Krankheit desselben. Wie ost, wie unzählige Male hatte sie da in den langen bangen Nächten, wenn sie mit ihrer armen Frau am Lager des unaufhörlich in Fieberphantasien flüsternden Kindes saß, wenn das kleine weiße Gesicht immer verfallener erschien, und man schon das Rauschen zu hören meinte, mit dem der Todesengel seine schwarzen Fittige regt: Wie oft hatte sie da Gott gebeten, ihr Leben anzunehmen für das junge, kaum erschlossene. Und da soll sie nun ihrem Liebling, dem neugeschenkten, eine Bitte abschlagen, verneinend den Kopf schütteln, wenn es heißt: „Heute gehst Du doch wieder mit uns auf den alten Kirchhof ? Nicht wahr, Gitta, Du allerbestes altes Gittchen?" Und dann schlingt das Schmeichelkätzchen die Arme um den welken Hals und küßt und liebkost, daß einem schier der Atem vergeht. „Siehst Du, Gittchen, hier zu Hause giebt Mama ihre Stunden, und da muß ich immer ruhig sein, ganz still wie ein Mäuschen. Sich und da oben auf dem alten Kirchhof bin ich so gern, so schrecklich gern! Dä ist es so heimlich, gerade wie im Märchen, und Hans erzählt uns von seinen alten Göttern und Helden, und Du singst mit uns Deine Lieder, eins immer schöner als das andere." Wer kann da widerstehen, noch dazu, wenn sich des Elfchens Wangen bei dem täglichen stundenlangen Ausenthalt in der köstlich teilten Luft ordentlich zu runden beginnet«? Wer kann da an das mühevolle Hinaufllettern auch nur denken? Und ist man erst oben auf dem Gipfel des Hügels — warum man die armen Toten bis hierher yinaufgetragen, ist Frau Brigitte nie recht begreiflich ge5* worden — und hak man das Zittern der alten Beine überwunden, dann ist es einem gewiß nicht leid, und man kann des Kindes Geschmack nur gutheißen. Sv wunderbar tote hier duftet der blaue Flieder nirgend, so blütenbedeckt steht kein anderer toilder Rosenstrauch, und so süß und schmelzend singt sicher auf keiner anderen Linde die Nachtigall. (Fortfetzung folgt.) Die Flaschenpost. Von Fred Hood. Nachdruck verboten. Es ist ein alter Brauch der Seeleute, fern von dem heimatlichen Strande, auf hohem Meere, insbesondere aber in der Stunde der Gefahr, irgend einem Menschen Kunde von ihrem Schicksal zu geben. Sie schreiben ihre Nachricht — häufig die letzte — auf einen Zettel und vertrauen sie in dicht verschlossener Flasche dem Meere an, damit sie von der Strömung nach einer Küste ober einem Hafen 259 getragen werde. Heute genießen die Flaschenposten völkerrechtlichen Schutz und werden bei Auffindung von der Ortsbehörde dem Konsul der betreffenden Nation übersandt, der für Weiterbeförderung Sorge zu tragen hat. Allerdings dienen diese Botschaften von der See heute Nicht nur privaten Zwecken, sondern vorzüglich hydrographischen Instituten zur Sammlung größerer Kenntnisse .über Geschwindigkeit und Richtung der Meeresströmungen. Von Zeit zu Zeit werden von den Schiffen Flaschen über Bord geworfen, deren „Findezettel" die geographische Lage Les betreffenden Ortes enthält, eine genaue Zeitangabe, wann die Botschaft dem Meere anvertraut wurde, und endlich — in mehreren Sprachen — die an den Finder gerichtete Aufforderung, seinerseits Zeit der Auffindung und Fundort auf dem Zettel zu notieren und denselben an Das hydrographische Amt seines Landes weiter zu befördern. In sogenannte Flaschenkarten'werden .Ergebnisse dieser Botschaften eingetragen, natürlich nur in geraden Linien, welche je Aufgabeort und Fundort miteinander verbinden; denn von ihren Kreuz- und Querzügen aus dem Meere vermögen die Flaschen nichts zu erzählen. Außerdem werden die Resultate alljährlich im „Nautical Magazine" (London), in der deutschen Zeitschrift für Seewesen „Hansa" und in den hydrographischen Mitteilungen der Marineministerien veröffentlicht. Von vielen Hunderten derartiger Nachrichten erreichen natürlich nur sehr wenige bewohnte Küsten, und von diesen wenigen vermag man auch nicht alle zu entziffern. In der Regel zerschellen die Flaschen an felsigem Gestade, oder .es dringt Salzwasser durch einen Riß des Glases oder des Korkes in das Innere und verlöscht die Schrift oder bringt die Flasche zum Sinken. Häufig setzen sich auch zahlreiche Muscheln an derselben fest, beschweren sie mehr uftb mehr, so daß sie schließlich in der Tiefe verschwindet. Bisweilen ruht eine Flasche viele Monate und Jahre lang an irgend einer einsamen Küste, bis sie durch einen Zufall einem Menschen in die Hände gespielt wird. Unter anderem soll .eine Botschaft, welche ein amerikanischer Kapitän im Jahre 1837 absandte, erst 21 Jahre später an der Küste Irlands aufgefunden worden sein. Man hat die Erfahrung gewonnen, daß aufrecht schwimmende Flaschen besser erhalten werden, als solche, deren Körper ganz auf der Oberfläche des Wassers ruht, und deshalb zieht man es heute vor, den Boden der Flaschen bis zu einem gewissen Grade mit Sand oder Blei zu beschweren, nachdem man sie durch Eintauchen in heißes Pech allseitig mit einem dichten Wassermantel umgeben. Am Flaschenhals befestigt man einen leichten Stab von ungefähr 15 Zoll Länge und bringt am oberen Ende desselben eine kleine Flagge an, um die Aufmerksamkeit der -Seeleute aus die Flaschenpost zu lenken. Das hydrographische Amt der Vereinigten Staaten bezeichnet außerdem jede von ihm ausgesandte Flasche mit den Buchstaben H O (Hydrographie Office) und einer Nummer, welche einer Bezeichnung in seinen Büchern entspricht. Wird die Post von einem vorüberfahrenden Schiffe bemerkt, so wird nur die Zahl notiert, und diese nebst dem Ort der Begegnung an den Hydrographen des Navigationsbureaus zu Washington berichtet. Aufgefangen wird die Flasche erst, wenn sie das trockene Land erreicht. Dieses,Verfahren hat den Vorzug, daß man den Weg der Botschaft bis zu ihrer Landung genau zu verfolgen vermag. Die von dem hydro- araphischen Amt der Vereinigten Staaten herausgegebenen Karten, insbesondere die der letzten beiden Jahre, sind von 'besonderem Interesse, da die eingezeichneten Wege der See- bvten sehr deutlich die beiden Hauptrichtungen der Strömungen an der Oberfläche des Nordatlantischen Ozeans bezeichnen. Wir haben hier zunächst die großen Wirbel- strömungen, die sich vom Aequator bis zum 48. Parallel- freife nördlicher Breite erstrecken. Es ist das Gebiet, das Len Seefahrern als Sargassomeer bekannt ist, und von welchem frühere Schriftsteller fabelten, es sei so dicht mit Seetang erfüllt, daß die Fahrzeuge des Kolumbus sich mit Beilen den Weg bahnen mußten. Thatsache ist, daß die wechselnden Winde und regellosen Strömungen hier den Weg versperren oder wenigstens zu einem sehr gefahr- bollen machen, weshalb auch jetzt dieses Wirbelgebiet von Seeschiffen vermieden wird. Es kommt aber ferner die Ausdehnung des Golsstromes in Betracht, der die nördliche Grenze dieses Gebietes bei dem 30. Grad ö. L. verläßt und nordöstlich weiterströmend die Küste Irlands im Westen und die von Schottland und Norwegen im Osten berührt. Dieser fortwährende majestätische Strom warmen Wassers hält die norwegischen Häfen offen, so daß die Walfisch- ahrer schon bis zum 74. Grade nördlicher Breite bei 4 Grad östlicher Länge freie Durchfahrt gewonnen haben, während zu derselben Zeit noch unter dem 50. Breitengrade gelegene nordamerikanische Häfen durch Eis verschlossen waren. Einige interessante Beispiele von Flaschenposten, die uns über die Richtung dieser Strömungen näheren Aufschluß geben, verdienen an dieser Stelle Erwähnung. Am 31. Mai 1894 wurde von dem Dampfschiff „Guildhall", etwa aus dem halben Wege zwischen Brest und Neusundland, eine Flasche über Bord geworfen, welche am 13. Februar 1890 zu Antigua ausgefunden wurde, nachdem sie einen Weg von ungefähr 4500 Seemeilen zurückgelegt hatte. Sie soll zu diesem Ziele gelangt sein, nachdem sie dicht bei den Azoren, den Kanarischen Inseln und dem Kap Verdi vorbeigeschwommen. Eine zweite Flasche, welche etwa an derselben Stelle am 20. Juli von dem Dampfer „Sapolio" abgesandt wurde, schwamm zunächst östlich auf die Azoren zu und verfolgte dann den Weg der erstgenannten, bis sie nahe den Turksinseln nördlich von Haiti, nach einer Seereise von etwa 6000 Meilen, aufgefunden wurde. Weit interessanter noch verlief aber die Reise einer dritten Flasche, welche den Ozean nach allen Richtungen durchquerte/ Sie wurde etwa 700 Meilen westlich von der Sierra Leone ausgesetzt und richtete sich unter dem Einfluß des.Guineastromes zunächst östlich gegen die afrikanische Küste, dann nahm sie — durch irgend einen äußeren Umstand veranlaßt, — in westlicher Richtung ihren Lauf, trieb, auf diesem Wege beharrend, gemächlich durch die Windward-Jnseln (Antillen) hindurch und landete endlich nach einer Reise von etwa 8000 Meilen bei den Shetland- Inseln, wo sie am 20. März 1896 nach Verlauf von nur 1000 Tagen seit ihrer Abreise aufgefunden wurde. Daß aber in vielen Fällen die Flaschenpost in der That ihre Aufgabe, irgend einem beliebigen Adressaten Bot- schasten von der See zu bringen, erfüllt, dafür mögen folgende Beispiele den Beweis liefern. Unter anderem enthielt eine im Jahre 1893 aufgefundene Flasche folgende Nachricht: „Schiff Buckingham, am 24. November 1890 Der Kapitän wurde am 11. Oktober unter 12 Grad 30 westlich von den Shetlands-Inseln von einem Arbeiter ermordet. Das Schiff befindet sich gegenwärtig auf seiner Route nach New-Iork, bei Bermuda, 45 Tage von 'Dundee entfernt. Sonst alles wohl! Wenn aufgefunden, an Fred Seaborne, West-Street, Newport in der Grafschaft Pembroke (Süd-Wales) zu befördern". Das Schiff war Eigentum des Hauses MacVicar, Marshall u. Co. zu Liverpool, deren Inhaber die Handschrift als die ihres Lehrlings Leaborne erkannten, der sich an Bord jenes Schiffes be- T An der Humanaküste zu Neu-Seeland fand ein Eingeborener eine Flasche folgenden Inhalts: „Kirkhill-Barke, 33 Grad 16' s. B., 166 Grad 48' ö. L. aus der Route von Newcastle nach Callao, am 18. September 1893. Der Finder wird dringend gebeten, dieses Schreiben Clement R. Wrogge, Mitglied der königlichen Geographischen Gesellschaft, Staatsmeteorologen zu Brisbane in Queensland zuzustellen und anzugeben, wann und wo er dasselbe gefunden. Dieses Schreiben vertraute Schiffsherr ^ames Brennel dem Meere an". Diese Mitteilung war m eine Geschäftsreklame gehüllt, welche aus diesem Wege dem schwarzen Eingeborenen die ironischen Worte zutrug. „Guten Morgen! Haben Sie schon Pears Seife benutzt ? Ein Bewohner von Kapstadt erhielt kürzlich einen Brief zuqestellt, dessen glückliche Beförderung der Postverwaltung im Reiche Neptuns alle Ehre macht. Am Weihnachtstage 1894 in eine Flasche gesteckt und vier Tage spater imGols von St. Vincent über Bord geworfen. Am 14. Februar 1895 wurde die Flasche an der Gambier-Küste in ^Sud- Australien aufgefunden und sogleich an den Adressaten in Kapstadt weiter befördert. Er empfing sw völlig unversehrt innerhalb dreier Monate nach der Msendung. Adressat und Absender mögen sich nicht wenig über diese bequeme und wohlfeile Beförderung ihrer Korrespondenz gefreut haben. 260 — Korrekter handelte ein anderer Briefschreiber, der gleichfalls der Findigkeit und Gewissenhaftigkeit der Seepost durchaus zu vertrauen schien. Es ist ein gewisser F. Gillies, welcher am 1. März 1895 aus St. Kilda (tze- brideninsel) eine Blechbüchse mit zehn Briefen nach Glasgow, Harris und England absandte und den vollen Betrag für das Briefporto beifügte. Die Büchse wurde am 9. Juni 1895 auf der Insel Burra, westlich von Shetland aufgefunden, und deren Inhalt an die Adressaten befördert. Die Entfernung von St. Kilda nach Shetland beträgt 300 Meilen. Häufig sollen die Schiffe, wenn es die Witterung nicht gestattet, sich mit den Bewohnern der Westmanninseln zu verständigen, zur Flaschenpost ihre Zuflucht nehinen. Der Brief wird nebst einem Stück Tabak oder einer kleinen Münze als Botenlohn in eine Flasche gethan und der See zur Beförderung übergeben. Nicht ohne Bewegung wird man die Botschaft eines Schiffbrüchigen vernehmen, welchem die kurze Lebensfrist nicht mehr gestattete, eine Flaschenpost zuzurichten. — Im November 1891 verließ die „Caller Ou" den Seehäfen von Hüll; wenige Tage später segelte sie von Grimsby Roads ab und ward seitdem nicht mehr gesehen. Im Ja- kiuar 1893 wurde nun ein zertrümmertes Stück Holz an der Küste nahe Kilnsea gefunden, das folgende mit Bleistift geschriebene Mitteilung enthielt: „Wer dieses auffindet, erfahre, daß „Caller Ou" von einem unbekannten Dampfer in den Grund gebohrt wurde". Und auf der anderen Seite der Planke: „Möge der Herr meine Mutter trösten! „Caller Ou" sank durch die Schuld eines unbekannten Dampfers. Dawson. Keine Zeit mehr — sie sinkt". — Dawson war ein Zögling der Trinitätsschule zu Hüll und Major Scaping, der Hauptlehrer dieser Anstalt, soll die Handschrift mit Sicherheit als die seines Schülers wiedererkannt haben. Für hydrographische Forschungen sind die Flaschenpolten im Grunde nur insofern von Bedeutung, als sie die Richtung der Meeresströmungen, die hauptsächlich von den herrschenden Winden, aber auch von der Gestaltung des Landes, der Rotation der Erde und der Schwerkraft beeinflußt werden, klar erkennen lassen. Für die Bestimmung der Schnelligkeit eines Stromes können sie aber nicht als zuverlässig angesehen werden, da nur das Datum der Auffindung einer Botschaft, nicht aber das der Landung derselben festgestellt werden kann. Innerhalb gewisser Grenzen vermag man jedoch zu bestimmen, daß die durchschnittliche Geschwindigkeit einer Flasche um so geringer ist, je weiter sich ihr Lauf vom Aequator entfernt. In der Nähe des letzteren legen diese Seeboten etwa 15 Meilen täglich zurück, während sich die Geschwindigkeit in unseren Breitengraden auf etwa 6 Meilen vermindert. Man darf indessen annehmen, daß bei steter Weiterführung dieser Forschungen die Wiederkehr gewisser Zahlen ■Bei gleichen Routen oder der rechnerische Nachweis, daß die verschiedenen Daten in gewissen Verhältnissen zu einander stehen, zur Feststellung noch genauerer Resultate führen wird, so daß die Flaschenposten für den Schiffahrtsverkehr mit der Zeit eine außerordentlich praktische Bedeutung gewinnen können. GsiMHßnnrWges. KefmrdßeiLspffege. Das blasse Aussehen bei Kindern ist sehr oft die Folge der vielen Leckereien, Chokolade, Marzipan re. Das Kind hat zu den Mahlzeiten dann keinen Hunger, und der Magen kommt nicht zur richtigen Thätigkeit. Naschhaftigkeit ist einer der gesundheitschädlichsten Fehler. In Kinderstuben soll nicht geraucht werden! Es ist erwiesen, daß der Rauch vyn Pfeifen, Cigarren oder Cigaretten einen äußerst schädlichen Einfluß hat, und je jünger die Kinder sind, je nachteiliger wirkt das Einatmen der Tabaksluft. Kalte Abreibungen sollen nur morgens gemacht werden, sogleich nach dem Aufstehen, wenn der Körper noch die ganze Bettwärme in sich trägt. Je schwächer der Körper, je höher muß die Temperatur des angewendeten Wassers, je kräftiger desto kälter kann dasselbe genommen werden. Man trockne den Körper nach der Waschung nur iveuig ab, kleide sich mit feuchter Haut entweder schnell an und mache sich tüchtige Körperbewegung bis zur Erwärmung oder lege sich noch so lange in das Bett zurück, bis man trocken und warm geworden ist. — Kühle oder kalte Abreibungen, Waschungen, Bäder ic. bei kaltem fröstelnden Körper vorzn- nehmen, ist gänzlich falsch und kann nur schädliche Folgen, haben. Gegen S t u h l b e s ch w e r d e n nehme man sowohl, morgens als abends in kurzen Zwischenräumen (halbstündlich) je einen Eßlöffel etlvas erwärmten Honig ein. — Wer täglich zum Frühstück Honig genießt, wird damit seine Verdauung wesentlich unterstützen. Iür die Küche. Woran erkennt man das Alter der Eier? Ein untrügliches Mittel ist eine Kochsalzlösung — 120 Gramm Kochsalz in einem Liter Wasser aufgelöst. In diese Flüssigkeit legt man das zu prüfende Ei. Ist es ganz frisch vom selben Tage, so sinkt es auf den Boden des Gefäßes, war es vom vorhergehenden Tage, so erreicht es den Boden nicht; ist es drei Tage alt, so schwimmt es in der Flüssigkeit u. s. w. Je älter, desto entfernter am Boden. LMsrmmsches. »Ich kam, ich mürbe gesehen, ich siegte!" Diesen etwas variierten Ausspruch Julius Casars kann man auf kein anderes mobcrneS Unternehmen besser anwenden als auf bas Weltblatt „Große Modenwelt" mit bunter Fächrrvignette, Verlag John Henry Schwerin, Berlin. In der That, jede Hausfrau, bie dieses gediegene Modenblatt in die Hand nimmt, ist anf's höchste von der Vornehmheit, Reichhaltigkeit und — last not least — Billigkeit überrascht und zögert fast niemals, sich der großen, über die ganze Welt verbreiteten Abonnenteuzahl anzuschließen. Bietet cs doch jetzt noch bedeutend mehr als früher, indem ohne jede Preiserhöhung mehrere neue Monats-Beilagen, darunter eine vorzügliche illustrierte Rubrik „Neuestes aus Paris" und eine neue Haudarbeiten-Beilagc hinzugekommen sind. Außer dieser geradezu großartigen Bereicherung führt das Blatt nach wie vor die elegantesten, reichen wie einfachen Moden vor, die jede Hausfrau mit Hilfe des jeder Nummer beiliegenden mustergültigen Schnittmusterbogens sich selbst billig Herstellen kann. Man betrachte nur einmal die wundervollen Kompositionen von Frühjahrs- toilletten und -Hüten wie auch von anmutigen Kinderkostümen in der neuesten Nummer! Hierzu kommt noch das illustrierte Unterhaltuugs- blatt, das uenerdings auch vergrößert, und das farbenprächtige Stahl- stich-Moden-Kolorit. „Große Modenwclt" mit bunter Fächervignette — man achte ganz genau auf den Titel — ist für nur 1 Mk. vierteljährlich zu beziehen von allen Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis- Probenummern bei allen Buchhandlungen und dem Verlag John Henry- Schwerin, Berlin W 35. Skataufgabe. Nachdruck verboten. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün» Coeur gleich Rot, Carrcau gleich Schellen.) Hinterhand will Null ouvert spielen, weshalb Mittelhand Grand ansagt auf folgende Karten: * + +*+ °i- * Vorhand hat 12 Augen mehr als Hinterhand. Obwohl^noch eine Zehn zu Gunsten des Spielers im Skat liegt, geht das Spiel mit Schneider verloren. Würde jedoch Vorhand statt einer Triumpfkarte eine beliebige andere von Hinterhand erhalten, so gewinnt der Spieler sein Grand mit Schwarz. Wie saßen die Karten und wie wurde gespielt? — Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Magischen Quadrats in voriger'Num.: Meta, Esel, Teil, Alle. Redaktion: 8. Burkhardt. — »ruck und «erlag der Brühl'schrn UniderfitStS-Buch. und Stetndruckerei (Pietsch Erdens in Sicher.