'MMÄ 'er Schuld und Thränen mild vcrgiedk, Und Thränen hat bei Menschenklagen, Nur wer die Menschen herzlich liebt. Sollt' über sie zu lachen wagen. Julius Lohmcyer. Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von E. P. Roe. (Fortsetzung.) XXX. Bergab. Robert ging in ein kleines Hotel und nahm ein Zimmer, in dem er die Nacht schlaflos zubrachte. Nachdem der Zorn verflogen war, erkannte er bald die Schwierigkeiten seiner Lage, als er am andern Tag eine Stellung suchte. Mißtrauisch fragte man ihn, warum er seinen Onkel verlassen habe. Die Gründe aber waren so delikater Natur, daß er sie nicht in fremden Geschäften auskramen konnte. Anfangs war er sehr niedergeschlagen und klagte, er habe kein Glück. Dann sagte ihm auch eine innere Stimme, er habe seinem Onkel zu schroff geantwortet, welcher doch nichts anders beabsichtigte, als ihm auf seine prosaische Weise zu helfen. Doch Robert hatte seinen reichlichen Anteil von Atwordschem Stolz und Hartnäckigkeit und kam zu dem Schluß, der Mann, der ihn einen Narren genannt hatte, weil er seinem Gefühl für Ehre und Pflicht treu geblieben war, müsse sich entschuldigen, ehe von Versöhnung die Rede sein könne. O, Mildred, rief Fran Howell, als sie gegen Abend mit den Kindern ein trat, ich habe Dir so viel zu sagen. Das Unheil verfolgt uns, und wir bringen auch anderen Unheil! Du weißt, Frau Willow arbeitet bei Roberts Tante, Frau Atword. Diesen Morgen sprach sie schrecklich über uns. Sie sagte zu Frau Willow, wir hätten ihren Reffen bethört. Ihr Mann hätte Robert eine glänzende Erziehung geben lassen wollen und ihn zu seinem Erben gemacht unter der Bedingung, daß er nichts mehr mit Leuten, wie wir, zu thun habe. Robert habe dies verweigert und nach einem heftigen Streit das Haus verlassen. Sein Onkel wolle nichts mehr von ihm wissen. Ach, ich könnte in die Erde sinken vor Scham und Gram! Was sollen wir thun? Das darf nicht geschehen, ries Mildred entschlossen, er harf nichts aufgeben, er weiß nicht, was er thut. Es war ein trüber Abend in der kleinen Haushaltung, aber noch Schlimmeres stand ihnen bevor. Howell hatte von Mildreds Erlebnissen im Polizeigericht etwas erfahren, und war tief beschämt darüber, daß man ihn nicht zu Hilfe gerufen und ihm nicht einmal etwas davon gesagt hatte. In seinem Zorn und seiner Verzweiflung suchte Zuflucht in der Trunkenheit und kam in höchst aufgeregteni Zustand nach Hause. Ein Mann an der Thüre nannte ihn ein betrunkenes Tier, worauf Howell ihn an der Kehle faßte und ein heftiger Streit erfolgte. Bald war die ganze Einwohnerschaft in Aufruhr. Der Mann zog sich zurück, die Treppe hinauf, und der Betrunkene folgte ihm mit Toben und Fluchen nach. Frauen und Kinder kreischten, die Leute kamen aus den Thüren heraus, manche lachten, andere machten schwache Bemühungen, den Wütenden zu besänftigen. Plötzlich öffnete.sich eine Thüre, und ein bleiches Gesicht schaute heraus. Ta kam eine schlanke Mädchengestalt und erfaßte Howells Arm. Er blickte sich um und erkannte seine Tochter Mildred, die ihn rasch ins Zimmer zu ziehen suchte. Laß mich los! rief er, ich muß diesen Hund lehren, einen Offizier zu beleidigen! Weg da, oder ich werfe Dich die Treppe hinab! schrie er. Aber Mildred klammerte sich fest an ihn an, und die Leute kamen jetzt herbei und überwältigten ihn. Bald hatten sie ihn ins Zimmer geschoben, und Mildred schloß die Thüre ab. Die Nachbarn entfernten sich, und kümmerten sich wenig um das heftige Poltern und Krachen, das sie darauf in Howells Wohnung vernahmen. Solche Szenen waren ihnen nicht neu. Laß mich heraus! rief Howell wütend, doch Mildred trat ihm mit fast übermenschlichem Mut entgegen. Nein, rief sie. Er stieß gegen die Thüre, konnte sie aber nicht! öffnen. Frau Howell lag in Ohnmacht, und ehe Mildred sie wieder zur Besinnung bringen konnte, kam Bella nach Hause und fand die Thüre verschlossen. Als sie eingelassen worden war und die zerbrochenen Teller auf dem Fußboden liegen sah, als sie ihre Mutter in tiefer Ohnmacht erblickte, während die Kleinen bei ihr weinten, stieß einen Schrei der Verzweiflung aus und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ich kann es nicht länger ertragen! rief sie. Wir gehen dem Untergang entgegen. 2lch, konnte ich sterben! Ein dunkles Chaos erhob sich in Bellas verzweifelnder, unerfahrener Seele. Mit einer Natur, welche nach Sonnenschein und Vergnügen verlangte, fühlte sie sich hoffnungslos hinabgezogen in Dunkelheit, Schande umd Ärmut. Aber ihre leidenschaftliche Natur lehnte sich dagegen auf. Das arme Kind dachte nicht an das Böse, sie war kaum im stände Gutes oder Böses absichtlich zu thun. Aber ein junger Mann, der sich ihr früher genähert hatte, suchte sie jetzt immer wieder auf. Er war verschiven- bcrijfb mit Versprechungen, und in ihrer aufgeregten Stimmung wies sie ihn nicht mehr mit jener strengen Entschlossenheit zurück, welche die unsichtbare Schutzmauer der Tugend ist. Die Ereignisse folgten rasch. Ehe Howell am anderen Morgen nut heftigen Kopfschmerzen sich erhoben hatte, kam der Portier des Hauses und sagte, sie müßten die Wohnung verlassen, die anderen Mieter hätten sich beklagt, und der Besitzer wolle die Miete für die wenigen Tage seit der letzten regelmäßigen Zahlung verlieren, wenn dies sogleich geschehe. Zornig erwiderte Howell, das solle den Tag noch geschehen, und ohne ein Wort zu sagen, verließ er oas Haus. Im Laufe des Vormittags kam er mit einem Möbelwagen. Er hatte sich mit Morphium so gestärkt, daß er beim Packen und Ausladen der wenigen Hausgeräte, welche noch nicht verkauft worden waren, helfen konnte. Mildred fand, daß sie durch diese Veränderung beinahe gewonnen hatte, denn ihr neuer Zufluchtsort lag in einem kleinen Hinterhause, das sie früher bewohnt hatten. Ein! langer Gang führte zur Wohnung von der Straße her und bot ihnen willkommene Verborgenheit, so daß sie kaum die Thatsache bemerkten, daß der Ort wenig rein war, und das Aeußere der Bewohner abschreckender war, als in dem eben verlassenen Hause. Auch hier verließ Frau Willow sie nicht und half ihnen, in dem traurigen Winkel etwas Wohnlichkeit zu schaffen. Aber kopfschüttelttd betrachtete sie die Einwohner, welche meist aus unwissenden, rohen irischen Familien bestanden. Noch vor Abend lautete das Allgemeine Urteil der Nachbarn: Dieses Volk hält sich zu fein für uns, aber mir wollen sie lehren. XXXI. D i e N a ch b a r n. Am folgenden Abend kam Robert und erzählte, der Geistliche habe für ihn eine Stelle in der Schreibstube eines Advokaten gefunden. Mildred fand Gelegenheit, ihm ihre Befürchtungen um Bella mitzuteilen. Während der nächsten Tage beobachtete er das Mädchen und hatte sich bald davon überzeugt, welcher Art der junge Mensch war, der sie verfolgte. Jetzt suchte er noch einen Grund für seine brüderliche Einmischung, und am Samstagabend, als er Bella auf ihrem Nachhausewege folgte, sah er, wie ein junger Mann zu ihr trat und mit unzweifelhaftem Wohlwollen empfangen wurde. Bald sah er, daß die Sache schon weit gediehen war, denn die jungen Leute bogen in wenig belebte Straßen ein und unter dem Schutz der Dämmerung legte Bellas Begleiter seinen Arm um sie und küßte sie, Bellas Widerstreben war wenig entschieden, und als sie in dem Gang, welcher zu Bellas Wohnung führte, sich trennten, wurde der Kuß wiederholt und ohne Widerstreben angenommen. Robert folgte dem jungen Manne nach. Sie haben soeben Fräulein Bella Howell verlassen? sagte er. Was geht das Sie an? Sie werden gut thun, meine Fragen ehrlich zu beantworten. Welche Absichten haben Sie? Ich habe ein Recht, zu fragen. Das ist nicht Ihre Sache. Junger Mann, erwiderte Robert, ich habe Ihnen nur wenige Worte zu sagen. Wenn Ihre Absichten ehrlich sind, so werde ich mich nicht einmischen, obgleich Sie nicht von der Art sind, die mir gefällt. Sind Ihre Absichten aber nicht ehrlich und hören Sie mit ihren Verfolgungen nicht auf, so werde ich Ihnen alle Knochen im Leibe zerschlagen, das schwöre ich Ihnen! Gehen Sie zum Teufel! murrte der Bursche. »alt! Sehen Sie mich an! Sie haben Sie heute Abend zweimal geküßt, wollen Sie sie zu Ihrer Frau machen? Der Bursche schwieg, aber sein mürrisches, halb erschrockenes Gesicht war eine deutliche Antwort. Ich verstehe Sie jetzt, sagte Robert mit verhaltener Wut, indem er den Burschen an der Kehle faßte, und ich werde Sie sehr bald zur Hölle senden, wenn Sie das Mäd- nicht in Ruhe lassen. Lassen Sie mich los! rief der Bursche, indem er sich von Roberts eisernem Griff loszureißen suchte. Wenn Sie meinen, daß das Mädchen für Sie da sei, so werde ich sie in Ruhe lassen. Zwei Wende darauf erzählte Robert auf einem Spa- 8 — ziergange Bella: Ich habe mein Wort gehalten und Bissel für seine Niederträchtigkeit gegen Mildred einen Denkzettel gegeben. Ich traf ihn eines Abends, als er aus einem Wirtshaus kam, und feine niedliche Fratze ist für einige Zeit verdorben. Ich denke, er wird die Lektion bis zu seinem Ende nicht vergessen und noch lange die Spuren an sich tragen. Bella lachte, und war sehr zerstreut, denn sie vermißte schon den zweiten Wend ihren Verehrer. Bella, fuhr Robert in ernstem Tone fort, gestern abend war ich in Versuchung, einem andern Burschen eine eben solche Lektion zu geben, der Sie zweimal geküßt Ijat. Sie ließ die Hand von seinem Arm sinken, aber er zog sic wieder zurück und hielt sie fest. Ich bin kein Bruder nur zum Schein, müssen Sie wissen. Obgleich mir der Mensch nicht gefiel, sagte ich ihm, daß ich mich 'nicht ein- mischen werde, wenn er ehrliche Absichten habe. Aber ich habe gesehen, daß er ein nichtswürdiger Schurke ist, und was ich ihm dann sagte, wird er wohl nicht so bald vergessen ! Ich möchte ihn umbringen wie eine Klapperschlange auf dem Lande! Sie beurteilen ihn ganz falsch, rief Bella aufgebracht, und haben den einzigen Freund vertrieben, den ich in der Welt hatte. Das ist unerträglich! Ich bin kein Kind und weiß selbst, was ich zu thun habe. Robert ließ den Sturm austoben, ohne etwas zu erwidern. Ich habe keinen Vater und deshalb werde ich selbst thun, was ich für gut finde, fuhr sie fort. Wer Ihre Blutter, Bella? fragte er ruhig. In schnellem Stimmungswechsel rief Bella: Ach, ich wünschte, ich wäre tot! Bella, fuhr Robert jetzt in fünftem Tone fort, Sie können diesen Menschen nicht lieben, es war nut’ Ihre bittere, unglückliche Stimmung, die Sie verleitete, ihn anzuhören. Sie sind noch nicht siebzehn Jahre alt, bedenken Sie, es werden noch bessere Zeiten kommen, Sie werden noch manchen guten, ehrlichen Mann kennen lernen. Er sprach' ihr so vernünftig zu, und beruhigte sie mit so viel Herzlichkeit, daß sie endlich seinen Arm umfaßte. Sie sind wirklich ein Bruder, im besten Sinne des Wortes, sagte sie mit Thränen in den Augen, und ich verstehe nicht, wie Sie mit einer solchen unbedachten Thörin, wie ich, Geduld haben können. Fortsetzung folgt. Entdeckungen und Erfindungen. Technische Revue. Von Rudolf Curtius. Ein elektrischer Riesenkrahn. — Elektrische Pflüge. — Schlcppschissahrt durch Elektrizität. — Elektrische Brückenzerstörung. — Neue Gasglühlicht- körper. — Von der Pariser Stadtbahn. — Neues vom Aluminium.— „Fester" Wasserstoff. — Dynamitkanonen. — Wolle aus Tors. — Pflanzenepidemien. — Hcuschreckenvertilgung durch Bakterien. — Be kämpfung der Malaria. Wer sich einen Begriff davon machen will, was alles tagtäglich auf der weiten Welt erfunden wird, braucht nicht erst die Anmeldejournale des deutschen Reichspatentamies und ähnlicher ausländischen Institute zu durchblättern, denn schon ein flüchtiger Blick in die technischen Fach-Zeitschriften, die auch ihrerseits ja schon eine gewisse Auslese unter den Erfindungen halten, genügt, um uns von dem fast beängstigenden Anschwellen der Zahl technischer Neuheiten zu überzeugen. In erster Linie ist es natürlich wieder die Elektrizität, mit der wir uns zu beschäftigen haben. Eine ganz eigenartige Verwendung hat man vor kurzem von dieser in dem bekannten englischen Kriegsarsenal in Woolwich zum Heben schwerer Lasten, namentlich der bis zu 100t) Kilo schweren Geschosse der modernen Riesengeschütze gemacht. Ein solcher elektromagnetischer Riesenkrahn besteht aus einem U förmigen Stahlmagneten von 20 bis 40 Kilo Gewicht, welcher in einer Spule steckt, auf der ein isolierter Leitungsdraht in mehreren tausend Windungen ausgewickelt ist. Es genügt schon ein geringer Strom von drei Ampere von 30 Volt, den man durch die Drahtspule schickt, um dem Elektromagneten eine geradezu ungeheure Hebe- 79 Aast zu verleihen welch« ihn in stand setzt, mit spielender Leichtigkeit Ei,enstücke von mehreren tausend Kilo Schwere zu heben, und bedient man sich auch in den bekannten Larnegiewerken bei Pittsburg in Pennsylvanien bereit« riesenhaften elektrischen Krahne zum Heben von Gußstücken bis zum Gewicht von 5000 Kilo. Während man sich immer noch nicht dazu entschließen kann, im großen den Versuch zur Verwendung der elektrischen Kraft bei den Schnellzügen unserer Rollbahnen zu machen, erringt sich die Elektrizität ein immer größeres Anwendungsgebiet dort, wo es darauf ankommt, schwere Massen, wenn auch langsam zu bewegen. Eine derartige Neuheit ist der unlängst von den Firmen A. Borsig in Tegel bei Berlin und Helios in Köln a. Rh. konstruierte elektrische Pflug, welcher sich in vielen Stücken seinem um etliche 30 Jahre älteren Bruder, dem Dampfpflug, überlegen zeigt. Sein größter Vorzug ist natürlich der, daß man nicht, wie beim Dampfpflug, den Dampfkessel auf die weichen Felder mitzuschleppen braucht, sondern den Dynamo einfach durch ein Kabel speist, welches dem Bedürfnis entsprechend verlegt wird, und den elektrischen Strom von der auf großen Gütern immer vorhandenen stehenden Dampfmaichine geliefert erhält. chcicht weniger interessant und wichtig ist die elektrische Lchleppschiffahrt, wie sie nun, nachdem die damit auf dem 'Finowkanal angestellten Versuche zu einem glänzenden Ab- fchluß gekommen sind, auf mehreren deutschen Kanälen einer nahen Verwirklichung cntgegengeht. Wo nicht Schleppdampfer mit oder ohne Kettenbetrieb in Verwendung waren, mußte man sich bisher der Tier- oder Menschenkraft zur Fortbewegung oder — wie der technische Ausdruck lautet — zum „Treideln" der schweren Kähne bedienen, und wer je einmal die schwer einherkeuchenden Tiere und Menschen bei dieser Treidelarbeit beobachtet hat, gegen die das Treten der römischen Sklaven oder der englischen Galeerensträflinge und Zuchthäusler in den berüchtigten Tretmühlen als eine vergleichsweise recht angenehme Beschäftigung erscheint, muß die Erfindung der elektrischen Schleppschiffahrt ebensosehr vom Standpunkte Der Humanität als von dem der kostbaren Tier- und Menschenkraft freudig begrüßen. Eine kleine, von Siemens in Charlottenburg erbaute, elektrische Lokomotive, welche längs des Kanales auf einem Geleise läuft, und oberirdische Stromzuführung besitzt, schleppt mit Leichtigkeit zwei Oderkähne mit je 400 Tonnen gleich 8000 Zentnern Ladung mit einer Geschwindigkeit von 4,5 Kilometer in der Stunde Dorwärts, was für die Beförderung von Massengütern vollständig genügt. Natürlich sind die Kosten der ersten Einrichtung höher, als bei jedem anderen Betriebe; dafür betragen aber die eigentlichen Transportkosten nur etwa die Hälfte derjenigen des Betriebes mit Schleppdampfern und nur ein Viertel derjenigen mit Pferden. Neu und originell ist die Idee eines amerikanischen Brückenbaumeisters, sich der Elektrizität zur Zerstörung Der hölzernen Bogen-Konstruktion einer den Wabach- fluß übersetzenden 240 Meter langen Brücke unter Schonung der steinernen Pfeiler zu verwenden. Wenn der Chirurg einen Polypen oder einen gestielten Fleischlappen oder dergleichen Hinwegbrennen will, nimmt er einen Pla- tindraht und legt ihn um den wegzubrennenden Körperteil. Dann bringt er den Draht zum Glühen, indem er einen entsprechend starken elektrischen Strom durch den Draht sendet, und die Entfernung des lästigen Fleisch- oder Haut- stückes ist das Werk weniger Sekunden. In ähnlicher Weise wand der findige Amerikaner um die Haupttragbalken der zu entfernenden Brückenkonstruktion eiserne Drahtschlingen, an welche er zentnerschwere Gewichte hing, und durch die er, nachdem er sie sämtlich miteinander verbunden hatte, einen starken elektrischen Strom sandte, der die Draht- fchlingen bis zur Rotglut erhitzte. Im Zeitraum von etwa einer Stunde hatten sämtliche Drahtschlingen die Tragbalken! durchschnitten, diese fielen in den Fluß, und die auf ihnen aufgebauten Bogen brachen, ihrer Stütze beraubt, in sich zusammen. Ein Nachteil des bisherigen Gasglühlichtes war es. Daß die Glühstrümpfe sehr geringe Widerstandsfähigkeit besaßen. Selten nur erreicht ein Auerscher Glühstrumpf die ihm in der Wiege prophezeihte und auf geduldiges Papier gedruckte Lebensdauer von 600 Stunden. Ein von dem Engländer Hill erfundener Glühstrumpf droht nun ein ernstlicher Konkurrent des Auer'schen Kollegen zu werden, da er leicht eine Brenndauer von 1800 Stunden erreicht, ohne viel von seiner Leuchtkraft einzubüßen. Das Geheimnis seiner größeren Widerstandsfähigkeit beruht übrigens einfach darauf, daß das Netz desselben ein wirklich geknotetes ist, während das der Auerglühkörper nur ein auf einem Rundwirkstuhl hergestelltes Gewebe aus losen Schlingen ist. Während in Berlin der Weiterbau der zum Teil schon fertig dastehenden elektrischen Hochbahn nicht vom Flecke rücken will, geht die Pariser Stadtbahn ihrer Vollendung entgegen. Namentlich die sogenannte Userbahn, welche zum größten Teil unterirdisch vom Marsfelde über die Esplanade und den neuen Orlcansbahnhof zur Place Saint- Michel führt, präsentiert sich schon jetzt ebenso als Muster der Eleganz, wie der praktischen Brauchbarkeit. Die ausgiebige Verwendung glasierter weißer Porzellankacheln verleiht den unterirdischen, mit wahrer Raumverschwendung angelegten Bahnhöfen eine Helligkeit, welche von dem Licht- mangel der verschmutzten und kohlegeschwärzteu Londoner- Untergrundbahnen aus das vorteichafteste absticht. Der Glanzpunkt der ganzen Anlage ist übrigens der den Tuile- rien gegenüber gelegene neue Orleansbahnhof, welcher Bahnsteige in mehreren Stockwerken enthält, und in seinem unterirdischen Stockwerk allein 15 Geleise aufnimmt. Auf dem Gebiete der Metallurgie macht sich die steigende Nachfrage nach Aluminium sehr bemerkbar. Als das Zukunftsmetall, welches dank seiner Leichtigkeit die Ueberbrückung ungeheurer Spannungen ermöglichen, und dadurch das Eisen zum großen Teil verdrängen würde, hat es sich zwar nicht bewährt. Als Zusatz zum Eisen ist es aber bereits geradezu unentbehrlich. Wenn man 1 Prozent Aluminium 100 Prozent geschmolzenen Eisens zusetzt, wird jede Blasenbildung vermieden, und dadurch wieder wird mit größter Leichtigkeit der Guß von Stücken ermöglicht, die früher fast stets wiederholt gegossen werden mußten, bis die Herstellung eines tadellosen Stückes gelang. Seitdem es dem Physiker Dewar gelungen ist, auch den Wasserstoff als letztes aller bekannten Gase in größerem Maße zu verflüssigen, ist kaum ein Jahr verflossen. Heute präsentiert uns derselbe Erfinder dieses leichteste der Gase auch in fester Form. Freilich war dazu eine Temperatur von 238 Grad Celsius unter Null erforderlich, bei welcher er den Wasserstoff als ein durchsichtiges Eis erhielt, welches wohl der leichteste aller bekannten festen Stoffe ist, da es reichlich zehnmal leichter ist, als das gewöhnliche Wassereis. Aus Amerika verlautet jetzt etwas näheres über die Konstruktion der Dynamitkanone, welche zwar seitens der europäischen Heeresleitungen noch nicht adoptiert worden ist, vor Santiago de Kuba aber von oem mit ihr ausgerüsteten Dynamitkreuzer Vesuvius den Spaniern, wie nicht abzuleugnen ist, großen Schaden gemacht hat. Trotz ihrer ungeheueren Länge von etwa 20 Meter ist sic nur auf kürzere und mittlere Entfernungen brauchbar, und deshalb auch von den Amerikanern nur zur Nachtzeit gegen die spanischen Befestigungen auf Kuba verwendet worden. Die Normalgeschosse, welche etwa 300 Kilogramm Sprenggelatine enthalten, und mit komprimierter Luft abgeschossen werden, richten an Zielen in zweieinhalb bis drei Kilometer- Entfernung geradezu fürchterliche Verheerungen an, welche über das 'von den bisherigen Riesengeschützen geleistete weit hinausgehen. Indes werden letztere von ihren Nebenbuhlern noch lange nicht verdrängt werden, weil sie ihnen durch ihre große Schußweite doch wieder sehr überlegen sind. — Unsere in gemäßigten Breiten liegenden Kulturländer von der nur in tropischen und subtropischen Zonen gedeihenden Baumwolle unabhängig zu machen, schwebt seit Jahrzehnten jedem Erfinder auf dem Gebiete der Weberei, vor. Nach vielen vergeblichen Versuchen hat man nun im verachteten Torf ein Material gefunden, welches nach einem von Dr. Geiger in Düsseldorf erfundenen Verfahren, bei dem der Torf mit Lauge behandelt, zerfasert und einer Gärung unterworfen, entfettet und gebleicht wird, eine vegetabilische Wolle ergiebt, welche sich leicht spinnen und färben läßt, dabei auch gegen Chemikalien widerstandsfähig ist, und eine so große Aufsaugungsfähigkeck besitzt, daß sie sich auch als Verbandstoff vorzüglich eignet. 80 Daß die Pflanzen ebenso wie Mensch und Tier durch die Ansiedelung mikroskopischer, infektiös wirkender, organischer Schädlinge erkranken, war seit langem rnehr geahnt, als wirklich wissenschaftlich erkannt worden. Das Volk hatte zwar stets von krebskranken Bäumen gesprochen, und damit die Aehnlichkeit zwischen den Krankheiten unserer Nutzpflanzen und den Leiden der Tiere und Menschen bezeichnen wollen. Eine eigentümliche am Rheine im verflossenen som- irter und Herbst auf den Kirschbäumen auftretende Krankheit hak' aber neuerlich den Beweis geliefert, daß es sich auch hierbei um die Wirkung giftiger Bakterien handelt. Trotzdem alle anderen Obstsorten daselbst völlig gesund waren, ging in wenigen Monaten in St. Goarshausen und Umgebung der vierte Teil aller Kirschbäume ein. Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß ein häufig auf ab- Jestorbenen Kirschbaumästen gedeihender Pilz aus der lattung der Cytofporen sich in der Rinde und Bastschicht der lebenden Bäume angesiedelt, und eine Erkrankung der Gefäße der Bäume herbeigeführt hatte. Interessant ist es übrigens, daß dieselben Stoffe, welche sich den im Tier und Menschenkörper hausenden Bakterien als schädliche erweisen, auch die Pflanzen von ihren Feinden desinfizieren, und daß mancher schwer erkrankte Baum durch Behandlung mit Theer oder Karbol, mit Bordelaiser Brühe und ab- gekochtem Tabakabsud gerettet werden kann. In das Gebiet der Bakteriologie schlägt auch die Vertilgung der Heuschrecken durch künstliche Epidemien. Es wird noch vielen erinnerlich sein, daß die Mäuseplage, welche vor etlichen Jahren Griechenland heimsuchte, dadurch behoben wurde, daß man ein äußerst giftiges Bakterium den Bazillus der Mäuseseptikämie künstlich züchtete und damit eine Anzahl eingefangener Mäuse impfte, die man sodann in Freiheit setzte. Der Erfolg entsprach der gehegten Erwartung: denn in der That übertrugen die infizierten Mäuse ihre Erkrankung, welche sich als schwere Blutvergiftung charakterisiert, auf die gesunden Mäuse, welche zu Millionen starben. In ganz gleicher Weise züchtet man jetzt in den bakteriologischen Institut zu Grahamstown in Südafrika einen Krankheitspilz, mit dessen in Glasröhren käuflichen Kolonien man einige hundert Heuschrecken infiziert, die, sobald sie wieder losgelassen werden, die Krankheitskeime überall hin verbreiten. Tritt dann noch ein Regenwetter ein, welches das Wachstum der Pilze äußerst begünstigt, so kommt es zu einem allgemeinen Sterben jener gefürchteten Springgeister, von welchen uns schon die Bücher Mosis als von einer der 7 großen Landplagen Aegyptens erzählen. Seit einer längeren Reihe von Jahren wußte man, daß die Malariaerkrankungen durch winzige Lebewesen, die sogenannten Plasmodien hervorgerufen werden, welche sich int Blute der Fiebernden vorfinden. Rätselhaft war nur die Art d er Ansteckung. Denn einerseits kann jeder in eine Malariagegend kommende mit ziemlicher Sicherheit darauf rechnen, einen solchen Anfall zu bekommen; andererseits ist aber noch nie beobachtet worden, daß ein Malariakranker, der in eine fieberfreie Gegend kam, einen Gesunden infiziert hätte. Daß Insekten hierbei die Ueber- trägung vermittelten, wurde schon einige Zeit gemutmaßt und war durch die tropischen Reiseberichte Robert Kochs nahezu Gewißheit geworden. Die letzten Zweifel sind nun dunh die Entdeckung des Engländers Roß zerstreut worden, welcher überzeugend nachgewiesen hat, daß die Ansteckung durch die Stiche gewisser Moskitoarten erfolgte, die aus den an faulender organischer Materie überreichen tropischen Sümpfen die Plasmodien mitschleppen und dem Menjchen durch ihre Stiche einimpfen. Kann man sich nun in Sumpfgegenden — die Frage ist ja für Mitteleuropa aktuell wirksam gegen Mückenstiche schützen? wohl kaum! Denn man kann fich ni'cht ununterbrochen in eine Rauchwolke hüllen oder stets mit Nelkenöl bestreichen. Seitdem es aber Personen giebt, die sich an die Malariagcgenden akklimatisieren, ist die Hoffnung ein wirksames Antimalariaserum zu finden, nicht aussichtslos. Die Versuche hierzu sind bereits im Gange und werden voraussichtlich zu einem befriedigenden Ergebnis führen. Vermischtes. „Denkmäker berübmttr Seefahrer und stellt eine neuerschienene Serie sogenannter Liebig Bilder dar. wtrr den vielen Freunden und Sammlern dieser bunten Empfehluugskärtchen der Liebigs Fleisch-Extraktkompanie willkommen fein. Kolumbus, Fran, Drake, de Ruiter, Niels Juel, Nelson, Tegethoff. find die großen Männer, deren Andenken die abgebildeten D.ukmäler ehren. Daneben machen sich die Töpfchen mit Liebig's Fleisch-Extrakt und dem Pepton der Liebigkompanie bemerkbar, Stoffe, die heutzutage bet d« Verproviantierung größerer Seeschiffe kaum fehlen dürfen. Birgt doch das „Liebig-Töpfchen" das Material, aus dem fich sofort kräftige- Fleischbrühe Herfiellen läßt, und das Fleisch-Pepton ist ein vorzüglich«» Nahrungsmittel in vielen Krankheitsfällen. Ameisenverstand. Eine überaus anziehende Beobachtung au» dem Ameisenleben wird dem „Prometheus" von einem feiner Leser, dem. Forstrat Frhrn. v. Ulmenstein zu Dubno bei Böhmisch- Skalrtz, mitgeteut. Der Genannte hatte in seinem Garten einen Pflaumenbaum der als „Reine Claude" bekannten Spielart, welcher regelmäßig von Ameisen besucht wurde, die dem Besitzer die Früchte streitig machten Um die Tiere abzuwehren, brachte er deshalb am Stamme einen Ring von Raupenleim an. Die Wirkung auf die Ameisen war höchst merkwürdig und unerwartet Die von unten hinaussteigenden Tiere ebenso rote die oberhalb befindlichen gerieten zunächst in große Aufregung und Hefen, am Rande des Leimringes, vorfichtig mit den Fühlern tastend, rings um den Stamm; dann aber kehrten sie, die Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen einsehend, um; das Gleiche thaten die von unten nach- rückenden Scharen. Dann aber wurde Kriegsrat gehalten, und da» Ergebnis zeigte fich nach kaum einer Stunde. In unmittelbarer Nähe des Baumes nämlich führte ein sandbestreuter Weg vorüber, und von hier holten sich die Tiere Hilfe. Jede Arbeiterin nahm dort nämlich ein Sandkörnchen auf, und so beladen bestiegen die Scharen wieder den Baum und klebten hier eines der Körnchen nach dem andern an emer bestimmten Stelle in den Leimring, welcher eine Breite von 8 cm. hatte. Rack drei Stunden war die Ausdauer der Tiere von Erfolg gekrönt.- eine regelrecht gepflasterte, etwa 8 mm. breite Heerstraße quer über den Leint tvar fertig und wurde sofort dem Verkehr übergeben, der dann auch seinen ungestörten Fortgang nahm, da der Eigentümer des BaumeL einen solchen Beweis von Umsicht bei den Tierchen nicht unbelohnt lassen wollte und sie nunmehr in Frieden ließ. Da» selige Zündloch. Ein niedliches Geschichtchen macht gegenwärtig in Berliner Offizierskreisen die Runde. An einem Sonntag Nachmittag wurde die Lortzing'sche Oper „Zar und Zimmermann" tm „Theater des Westens" ausgeführt, und zu dieser Vorstellung hatte ein Leutnant eines Berliner Artillerie-Regiments seinem Burschen ein Billet gekauft. Andern Tags fragte nun der Leutnant seinen dienstbaren Geist, was ihm in der Oper am allerbesten gefallen habe. Darauf fein Bursche: „Das eine Lied!" — „Ja, welches Lied?" — „Das Lied, wo es zum Ende immer heißt: „O selig, o selig, ein Zündloch zu sein!" (Ein Kind noch zu sein.) £itterarifd?es. Katechismus der Invalidenversicherung nach dem In- validenverficherungsgesetze vom 13. Juli 1899 von Dr. Alfred äß en gier. In Orginalleinenband 4 Mark. Verlag von I. I. Weberin Leipzig. An Stelle des Reichsgesetzes, betrefiend die Jnvaliditäts- nnd Altersversicherung vom 22. Juni 1889, ist mit Wirksamkeit vom 1. Januar 1900 ab das Jnvalidenverficherungsgesetz vom 13. Juli 1899- gctfeten. Auch das Verfahren und der Geschäftsgang des Reicbs- versicherungsamtes in Angelegenheiten der Invaliden- und Altersversicherung sowie das Verfahren und der Geschäftsgang vor den auf Grund der Novelle errichteten, dezw. bereits bestehenden Schiedsgerichten ist durch Kaiserliche Verordnungen vom 6. Dezember 1899 neu geregelt worden. Dadurch hatte fich eine vollständige Umarbeitung des Katechismus der Jnvalidiräts- und Altersversicherung erforderlich gemacht, der als dritter Teil von Dr. A. Wenglers Katechismus der deutschen Arbeiterversicherung erschienen war. Das in fast ganz neuer Gestalt vorliegende, von ent- gehendster Sachkenntnis diktierte Buch hat gegen früher auch an Umfang nicht unbeträchtlich gewonnen. Charade. Nachdruck verboten Du findest das erste zumeist in dem Wald, Das zweite wird, paßt es schlecht, unbequem bald. Nahm' einer das Ganze zum Rennen und springen, Er würde wohl wenig Lorbeer'n erringen. m. Auflösung iu nächster Nummer. Auslösung des Silbenrätsels in voriger Nummer. Sauerkraut — Ceder — Seinrieh — Lena — Jndiauerdors — Telephon — Tast«; Schlittenfahrt. Redaktion: t. Burkhardt. — Druck und Verlag der «rühl'schen UniversttStS-vuch- und Steindruckerei (Pietsch Erdenk in Giesien