AB*- «iSgsr.y! LE hfflw lui»'* Lz^Ml AD jfSß/er, welchem ein bescheiden Los genügt, Hat einen Schatz, der nie versiegt; Dem nnersättlichen in jeglichem Genuß Wird selbst das Glück zum Ueberdrnß. L. Bechstein. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Als Nettchen nach den vielen Stunden einsamen, hoffnungslosen Wartens, in denen jeder Tritt eines. Passanten, jedes Rollen einer Droschke, ihr Fieberschauer der Erwartung über den Leib gejagt hatten, zum Bewußtsein ihrer Lage erwachte, da vermochte sie diese noch nicht gleich zu erfassen. Eine bohrende Ahnung über sagte ihr, daß diese eine Nacht nur der Anfang einer Kette anderer Enttäuschungen, .Hoffnungslosigkeiten und Demütigungen sei, und daß so wie heute ihr Gatte sie noch unzählige Mat über fremde Menschen nnd eigene Wünsche vergessen würde. Sie aber liebte ihn, und während der ganze Schmerz dieser Liebe sie wie ein Orkan durchtobte, fühlte sie, daß aus dieser Liebe ihr besseres Selbst emporgestiegen war wie ein Phönix. Verschwunden, versunken war das leichtlebige Geschöpf von einst, Wünsche, Pläne und Hoffnungen, die in der Liebe, nur in der Liebe gipfelten, und deren seligstes Ziel ein stilles, häusliches Leben war, hatten jn ihrem Herzen Platz gewonnen, und erfüllten sie mit einer unendlichen Sehnsucht, einer nie gefühlten Bangigkeit. Es war heller, klarer Morgen, als Jerome nach Hause kam. Er fand feine Frau, so wie er sie am Abend verlassen hatte, am Fenster sitzen, bleich, von Kälte ganz erstarrt, und ihn nur mit einem düsteren Blick messend. Sie war ihm unheimlich. Sie, die er jammernd, weinend, voll Trotz, und Zorn in heftiger Kampfesstellung vermutet hatte, blickte ihn wie eine Fremde mit weit aufgerissenen Augen an. Und ohne daß er wagte, das von ihm in Bereitschaft gehaltene Rezept, sie mit einer leicht entschuldigenden Bemerkung in die Arme zu ziehen, anzu- wenden, schlich er sich mit einer scheuen Bewegung an ihr vorbei. Nicht immer bei den nun folgenden Gelegenheiten hatte Nettchen sich gleicherweise in Gewalt. Von der Höhe der Empfindung, wie sie die erste, bittere Erfahrung mit sich gebracht hatte, stürzte sie hinab in das kleinliche Martyrium aller unglücklichen und vernachlässigten Frauen, das sich in Jammer, Thränen, entsetzlichen Ausbrüchen und verzweifelten Drohungen Luft macht. Jerome entglitt mehr und mehr ihren Händen, das fühlte sie, und die Verzweiflung darüber bekam einen fo wilden Ausdruck, daß sie oft den Anstrich der maßlosen Wut annahm. Je ungestümer sie sich geberdete, desto gleichgiltiger blieb Jerome. Jn seinem glatten, schönen, regelmäßigen Gesicht verzerrte sich keine Miene, während er seiner Frau in ungezählten Szenen gegenübertrat. Aber mit diesem unbewegten Gesicht warf er iht noch härtere Worte hin, als sie ihm gegenüber in ihrer Hellen Verzweiflung gebrauchte. Worte wie „Wäre ich Dich los!" „Klette!" „So mach doch Ernst und gehe." Unter solchen Worten, die in so ruhigem Tone fielen, zuckte Nettchen zuerst wie unter einem Blitzstrahl zusammen. Sie starrte betäubt wie in Flammen, konnte nicht fassen, begreifen, daß diese Worte wirklich gefallen waren. Dann, als sie sich wiederholten, als die Szenen anfingen, etwas gewöhnliches zu werden, starb auch dieser furchtbare, das Herz zerreißende Schreck; eine gewisse Gefühllosigkeit trat ein, nnd um ihre Mundwinkel gruben sich Falten, die Hohn und Selbstverachtung grub. Mitunter faßte sie vor diesem ganzen frühen Elend ein Ekel, eine Art physisches Grauen, und ihr war es, als müsse sie sich aufmachen, fliehen, weithin, ins Unbekannte, — an einen Ort, wo kein Schimpfwort klang, kein greller Ton, keine finstere Verwünschung — an einen Ort, wo nichts als Frieden wäre, endlose, endlose Weite, in welche sie sich verlieren könnte, ganz still, von niemandem gesehen. Dann aber kamen wieder Tage, wo ihr Herz in neuer Hoffnung schwoll. Stunden,' wo Jerome zärtlich und gefällig zu ihr war, wo er ihr Liebesworte sagte. Aber immer seltener wurden diese Stunden, und zuletzt gewöhnte sie sich, sie nur als eine Art Opfer anzusehen, die er ihr nach besonders starken Vernachlässigungen brachte. Noch immer (produzierte sich Röllchen des Abends t-nit ihrer vierfüßigen Truppe, die sie um mehrere Exemplare bereichert hatte. Noch immer verdieute sie einen guten Teil des Lebensunterhaltes, aber noch immer war Jerome mit ihren Leistungen unzufrieden, und sagte ihr, sie könne ganz anders verdienen, wenn sie nur wolle. Sie zergrübelte die Worte in ihrem Kopf, strengte sich an, auf neue Ideen zu kommen, doch sie gelangte zu keinem Resultat. Die Frische und Elastizität, mit der sie früher an ihre Aufgaben gegangen war, fehlten ihr nunmehr; wie bleierne Müdigkeit lag es oft über ihrem Wesen. Eine tiefe Unlust gegen ihr Handwerk begann sie mehr und 198 mehr zu erfüllen. Daß sie, als Frau eines Mannes, der imstande war, den Unterhalt reichlich zu verdienen, genötigt war, nach wie vor sich in ihren Künsten zu produzieren-, empörte sie, — doch auch diese Empörung ließ nach, und nur noch 'der Bodensatz einer tiefen Bitterkeit blieb zurück. Sie wurde magerer, blässer und stiller, und ihr liebliches Gesicht, über dem eine nervöse, düstere Stimmung lag, zog die Augen des Publikums nicht mehr so lebhaft wie früher zu sich hin. Oft, wenn sie fühlte, wie der tote. Blick ihres Gatten sie prüfend, fast angstvoll streifte, wie man Besitztümer betrachtet, die am Entschwinden sind, sagte sie sich: „Nicht Angst um' Dich hat er, sondern um das, was Du ihm einbringst" — und unter dem goldgestickten Bal-» dachin, auf dem mit roten Läufern gedecktem Podium, wo sie Lich produzierte, wäre sie am liebsten in die Kniee gesunken, Um den hoffnungslosen Schmerz in lauten Klagen auszuschreien. Aber sie mußte weiter agieren, weiter tändeln und das Beifallsklatschen des Publikums, das ihrer Geschicklichkeit galt, mit tiefer Verbeugung entgegennehmen. Die Tierchen, welche sie gezähmt hatte, kamen gleichfalls herbei, duckten lfüch, schlugen mit den Flügeln und schnäbelten au ihrer Herrin empor, während der neu abgerichtete Hahn die feierliche Szene jedesmal durch das Abschießen einer Pistole effektvoll beendete. Oft hätte Nettchen über diese ganze Komödie, welche den Inhalt ihres betrogenen Lebens bildete, laut auflachen mögen. Was war sie weiter, als auch ein solches abgerichtetes Geschöpf, für den Brotverdienst bestimmt, gehalten und gehegt, so lange sie nützte, und eines Tages vielleicht beiseite gesetzt? In ihrer kleinen Wohnung auf Montmartre war ihr nunmehr immer noch am wohlsten, dort empfand sie den Zwiespalt ihres geschminkten und ihres wirklichen Lebens am wenigsten. Mit wahrer Sehnsucht bemühte sie sich, ein häusliches Dasein wenigstens insoweit anzubahnen, als es ihr die viele Abwesenheit ihres Mannes überhaupt möglich machte. Sie räumte mit den paar fremden Möbeln herum, als wären es die ihrigen, wusch und bürstete, schmückte alles mit billigen Spielereien, die sie für wenige Sous erhandelte, band sich ein Theeschürzchen um, stellte das Abendbrot zierlich geordnet auf den Tisch und hing einen Schirm über die Lampe. So saß sie erwartungsvoll manchen, manchen Abend und blickte in die wundervollen Lichtschattierungen, welche über die Landschaft vor ihren Augen herniedersanken. Sie sah tief unter sich die schwarze, unendliche Stadt mit ihren Milliarden glühenden Lichtern, sah fern den blitzenden Streif der Seine wie ein schmales Band zwischen diesen blendenden Punkten-sich hindurchschlängeln. Sie hörte die Stimmen der Ausrufer, das Knallen der Peitschen, mit denen die Maultiere vor den die steile Straße erklimmenden Karren angetrieben wurden. Und atemlos lauschte sie auf den Schritt ihres Mannes, der nie zur rechten Zeit ertönte, und sie hatte die Vorstellung, dieses Sitzen und Lauschen und 'Erwarten und Harren in fremder Stadt, an fremdem, Fenster würde ihr Herz mit der Zeit auszerren und aus- fpannen, tote ein dünnes Netz, das zum Trocknen über spitzej Pfähle gespannt ist. Mitunter aber trat Jerome zu den Momenten ein, top sie es noch, hm wenigsten erwartet hatte. Dann fand; er nicht alles für sich bereitet, wußte zu tadeln hier und da, erklärte das Essen dem im Restaurant nicht ebenbürtig, die Luft in den kleinen Zimmern dumpf, die Langeweile groß, und das Ende vom Liede war, daß er sie aufforderte, mit hinauszukommen in die Cafees, wo man „wenigstens Licht und Menschen hatte", und ,„die Stubenhockerei" verlernte. (Fortsetzung folgt.) Die Palmsonntagsstiefel«. Von Luise Glaß. Nachdruck verboten. Pastor Braun hatte seine letzte Konfirmandenstunde gehaktem und sah dem jungen Volke nach, das über den Pfarrhof hinausdrängte. Die einen liefen flink, wie die Wiesel, weil sie meinten schöner als die schönste Lehrstunde sei doch der frühe Frühling draußen mit Blattknospen und Vogelkonzerten, und dieser Frühling sei einzig und allein dazu da, daß das junge Volk draußen herum laufe in der bunten, lustigen Welt. „Weil der liebe Gott doch auch das Spazierengehen erschaffen hat", sagte die kleine Lotte, die sich am liebsten für das, was sie gern that, auch noch loben ließ. Andere wieder sagten einander eifrig auf, was sie gelernt hatten, weil jeder zeigen wollte, wie gut er gerade acht gegeben habe; etliche hatten es wichtig mit ihrem Palmsonntagsstaat — man mußte sich doch schön machen, dem lieben Gott zu Ehren — und dem Nachbar zum Aerger; einige gingen auch still ihres Wegs und bedachten sich das, was sie gelernt hatten. Zwei Knaben kamen langsamer vorwärts als die andern; denn sie blieben immer wieder einmal stehen, fest- gehalten von ihren eigenen Gedanken und Worten. Sie redeten eifrig und ernsthaft miteinander von der Wichtigkeit des Festtags, dem sie entgegen gingen, und Pastor Braun sah ihnen wohlgefällig nach. Das sind nun meine besten Schüler, dachte der geistliche Herr, und ich habe ihnen jetzt Woche um Woche guten Samen in die Herzen gelegt, — wird er aufgehen und Früchte tragen? Nicht nur für den Einsegnungstag und die Sonntagvormittagsstunden unter der Kanzel, sondern auch für den Alltag draußen und für die schnellen Antworten, die wir aus die Fragen des vorwärts drängenden Lebens bereit halten müssen". „Ich möchte wohl wissen, was sie miteinander reden, ich möchte wohl wissen, was ihnen etwa noch fehlen möge zur Lebenswanderschaft". Die Knaben gingen inzwischen frischgemut ihres Wegs, und meinten beide, ihnen fehle es an gar nichts, weder außen noch innen, obwohl des einen Eltern reich waren,, und die des andern nur gerade knapp ihr Auskommen hatten. „Wir wollen's schon fein machen, Friede", sagte der reiche Bastian, „der Pastor soll seine Freude an uns haben. Ja, die zwei; soll er mal sagen; wenn er alt und kitzegrau geworden ist, die zwei beiden waren meine besten Schüler". „Mach's nur mäßig", antwortete Friede, mit verlegenem Lachen; „Du vielleicht, ich doch lange nicht". „Ei was", fiel der Bastian wohlwollend ein, sei nicht zu bescheiden. Ein paar Sprüche kann ich schon mehr als Du, und die Beispiele fallen mir was schneller ein, aber gelernt hast Du Dein Sach auch, und das andre: brav sein und nicht lügen, und den Sonntag heiligen, und keinen totschlagen, weißt Du, das kannst Du alles eben so gut, wie ich". „Na ja, was sich so von selber versteht". Mittlerweile waren sie an das Gehöft von Sebastians Vater gekommen. Gleich daneben lag das kleine Anwesen von Friedes Eltern. „Gehst nich morgen mit nach der Stadt?" fragte Bastian. „Ich kauf mir Einsegnungsstiefeln. Vater hat fünfzehn Mark dazu spendiert". „Hui! ist das üppig! für acht Mark giebt's auch schon welche". Aber Bastian setzte dem Friede auseinander, daß man zur Einsegnung unbedingt ein Paar neue Stiefeln von bester Art anziehen müsse, und daß es nur für fünfzehn Mark welche mit roten Strippen gäbe. Nachdenklich kam Friede nach Hause und ließ das Schwatzen während des ganzen Abendbrotes: die Konfirmationsstiefeln gingen ihm im Kopfe herum. „Trapp, trapp", dickbesohlt, blitzeblank, mit feuerroten Strippen. „Na, Junge?" fragte der Vater endlich, kopfschüttelnd, „wäjs ist Dir denn über die Leber gelaufen? Schüttst doch sonst den ganzen Sack voll Erlebnisse aus, wenn Du heim kommst?" „Ich bedenk mich blos, Vater", antwortete Friede, der sich von selber gewiß nicht mit den Schuhen heraustrauen würde. „Nu? was bedenkst Du denn, was so Schwieriges, Du Gescheidle?" Also ermutigt, brachte Friede die große Neuigkeit von Bastians kostbaren Einsegnungsstieseln zu Tage. „Fünfzehn Mark sind grausam viel Geld, nicht wahr Vater?" Die Mutter rief ach. und weh über solche Verschwen-i düng, der Vater schmunzelte heimlich. 199 - „Ich sag's ja auch", versicherte Friede. „Beinah mehr Geld als es giebt". „Na, Mutter", s agte da der Vater, und das Schmunzeln wurde augenfälliger; „was meinst Du, wie war das denn nu mit unserm Jung seinem Schuhzeug? Wenn einer nu doch so recht blank und fest und ordentlich beschuht vor den Altar treten soll, als ob er sagen wollte: ich bin gut gestiefelt für die Wanderschaft auf der Erde, und Dir dank ich das und Deinem heiligen Wort!" „Mann, ich weiß nich; Deine Redensarten sin mir manchmal zu hoch, und hier sin dem Friede seine Sonntag- schen Schuhe, die scheinen mir noch recht gut zu sein; wenn wir 'sie sehr schön wichsen, hat der Kaiser keine bessern". Friedes Herz klopfte: die Mutter hatte beinah recht, obgleich der Kaiser gewiß keinen Fleck auf der Sohle hatte. Wenn aber Bastian in Fünfzehnmark-Sch-uhzeug zum Altar ging, und auch noch rote Strippen unter die Hosen schieben konnte, die bei jedem feierlichen Schritt ein bischen vorblinken würden, sah er dann nicht doch neben ihm aus wie einer, der dem festlichen Tage nur die halbe Ehre anthat? Und es war gerade als ob der Vater seines Jungen allergeheimste Gedanken erriete. „Guck mal, Mutter", sagte er, „beinah hast Du recht; nur seh ich's dem Jungen durch Jacke und Hemd hindurch an, daß sein Herz an den Stiefeln hängt, und er hat uns, Gott behüt's und Helf ihm weiter, allzeit Freude gemacht — da wollen wir ihm auch mal ne Extrafreude machen zu dem wichtigen Tag". — Dabei stand der Vater auf, ging zum Spind, indem schon der Großvater selig seinen Tauf- und Trauschein untergebracht hatte, klappte das alte, gemaserte Deckblatt auf, wickelte ein fadenscheiniges, seidenes Tuch auseinander, nahm etwas heraus, blinkte das rechte Auge zu, und trat bedächtig wieder an den Tisch „Hier sind fünfzehn Mark, Du kannst morgen mit dem Bastian zusammen auf den Stiefelkauf gehn". Dem Friede brauste die Freude in den Ohren, als donnre ein Mühlwehr durch die Unterstube, er hörte gar nicht recht, daß die Mutter kopfschüttelnd sagte: „ich begreif Dich nicht, Vater, das schwere Geld! da wär's noch besser den Armen gegeben". „Ja, ja, Mutter", antwortete der Vater und klopfte der Frau auf die Schulter. „Wohlthun ist ’ne schöne Sache, aber einem eine Freude machen, so 'ne rechte große himmelhohe Freude, das ist manchmal akkurat so notwendig wie wohlthun. Wie'n warmer Regen auf junge Saat, mein ich Alte, 's geht alles auf davon, was keimfähig ist. Na, und wenn unserm Jungen seine himmelhohe Freude just Stiefeln sind — in Gottes Namen, 's giebt dümmere Sachen". Am anderen Tag wanderten Friede und Bastian in die Stadt. Friede freudeglühend, im Hopsschritt, als ob gerade die Beine dieser Freude ganz besonders Ausdruck geben müßten, in Mwartung ihrer Prunkstiefel. Bastian mit der Muhe des reichen Mannes, der gewohnt ist fünfzehn Mark in der Tasche zu tragen. Die Landstraße war belebt: Karrenleute, Bauern mit Körben, Boten, die Palmsonntags-Besorgungen machten, Schneiderlehrlinge, die neue Röcke über Land trugen, alles hatte schon halbe Feiertagsgesichter und doppelte Werktagsbeine. „Bloß noch den Osterh!as müßte man laufen sehn", sagte Bastian, „nachher wär's echt! Alles ist fidel". Plötzlich deutete Friede auf eine Frau, die am Wege' saß und gar nicht vergnügt aussah. — Es war eine alte Frau, grau die Haare, trübe die Augen, Rock und Jacke so verwaschen, daß ihnen niemand mehr ansehen konnte, was sie ehemals für eine Farbe gehabt hatten, und der Korb, den sie zur Seite stehen hatte, war so vielfältig geflickt, daß vielleicht nicht eine der ersten Weiden mehr an ihm war, an dem weitbogigen Henkel gewiß nicht. Die Frau saß an den Stufen eines Gartenpförtchens, das in eine große Gärtnerei der Vorstadt hineinführte, und sah unverwandt gerade aus, nach dem kleinen Bahnhof gegenüber, wo eben ein Zug zurecht geschoben wurde; mit Pusten und Pfeifen fuhr die Lokomotive von Gleis zu Gleis. Und wie die Alte dem zuschaute, füllten sich ihre Äugens mit Wasser, und langsam tropfte eine Thräne um die andre aus das grau verwaschene Kleid. „Jetzt sind's nur noch fufzehü Minuten", sagte sie vor sich hin. Da wurde es dem Friede doch gar zu ungemütlich ums Herz, er trat an die Weinende heran, klopfte auf den Henkelkorb und sagte: „Ja, warum weint die Frau denn?" Die Alte sah verwundert zur Seite, weil sich eins um sie kümmerte. „Ei, Du — ei. Hab' ich geweint? Ach, mein Jungchen, ja, doch wohl, die Augen sind naß. Ei, Du, ei — 's is eben schlimm. Ach ja, gar zu schlimm". — Da tropften die Thränen nicht mehr, da liefen sie in glattem Strom die welken Backen hinunter. „Was denn?" drängte Friede. „Is der Korb zu schwer? Soll ich ihn eh tragen? Kann ich nich helfen?" Die bekümmerte Frau schüttelte den Kops. „O, mein! nee, Jungchen, Du kannst mir nicht helfen". Sie wollte wieder in sich zusammensinken, aber Friede Aov.fte eindringlich weiter, diesmal auf ihre Schulter, und seine guten Augen voll Anteil und Sorge klopften kräftig mit an das alte Herz. „Ei, Du, ei ja, mei Jungchen, helfen kannst Du mir nich, aber sagen kann ich Dir's schon. Guck: was mei Tochter is, die is gestürzt mit Arm- und Beinbruch, und hat sieben Kinder, und wie sie's mir schreiben, da will ich so recht schnell hin zum Helfen un sack Geld ein un Sache, und komm an' Bahnhof vier Stunden weit her, mei Jungchen; un wie ich's Bulliett kaufen will, da fehlen mer ihrer zehn Mark — ach Gott — warum is en nu de Welt so unmenschlich weit von enanner! Un nu muß ich erst wieder nach Hause un sehn, ob ich die zehn Mark kriege, un muß wieder her — zweimal vier Stunden, un wird's nu kaum morgen, daß ich hinkomme, wo se mich doch so blutnotgen brauchen. Wie ich bis hier rüber kam, da konnten de Beine schon nich mehr weiter, un ich setze mich, un nu machen se da drüben mein Zug zurechte, un ich könnte noch mit, aber ich kann nich, un wer weiß, ob mir eh einer das viele Geld borgt". „Freilich", sagte Bastian wichtig, „wer hat denn immer zehn Mark gleich so übrig da zum Verschenken oder Verborgen." Da fuhr's dem Friede wie Feuer durch die Glieder, er riß Bastian zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr: „Wir doch! wir zwei haben ja Geld! — Wir kaufen uns Stiefeln für zehn Mark, und haben jeder fünf übrig für die Frau"; „Nein, Friede", antwortete Bastian gedehnt, „das' geht doch nicht? gar nicht! Das Geld haben wir für Schuhzeug bekommen, und nicht für irgend was, und deshalb —" „Nun sind's eh noch zehn Minuten", sagte die alte Frau, die nicht auf die Knaben achtete, weil sie den Zug mit ihren Blicken verfolgte. Friede sah auf die khränentrüben Augen, auf das müde Gesicht und auf den Zug drüben über dem Weg, den die Lokomotive jetzt schön in Reih' und Glied hatte — noch zehn Minuten! „Komm Bastian", bettelte er, „wir dürfen schon! Ich muß' sonst allein thün". „Zanken wird Dein Vater", ries Bastian heftig. „Stiefeln sollst Du Dir kaufen!" Da pfiff es drüben schrill auf, und die alte Frau seufzte zum Herzbrechen. Ohne weiteres Besinnen fuhr Friede in die Hosentasche, knüpfte zehn Mark aus dem Sacktuch und reckte sie ihr hin. „Da! aber schnell! eh es zu spät wird! — den Korb trag' ich schon". Weg lief er mit dem Korbe, dem Bahnhof zu, und die Alte, die noch lange nicht begriffen hatte, was eigentlich los war, trottete, das Geld in der Hand, hinter dem Korbe drein: ihrem Korbe mußte sie schon nach. Beinahe wußte sie nicht mehr, wohin sie wollte. Aber am Schalter wußten sie's noch, und die Schaffner wußten es auch. Sie kriegte ihren Fahrschein, sie wurde in den Wagen gehoben, Friede stellte den Korb neben sie hin, schwenkte die Mütze und rief: „Glückliche Reise!" gerade als die Lokomotive anzog. Da begriff sie's endlich; sie guckte zum Fenster hinaus, grüßte und winkte und rief: „Gott segne Dich, Gott segne Dich!" Da stand nun der Friede, der Zug war fort, das Geld - 2Ö0 - war fort, und im Ohr lag ihm Bastians Mahnung: Zanken wird Dein Vater! Da war's denn ein Heller Trost wie ihm der Mutter Rede vom Wohlthun einfiel, die er gestern in seiner großen Stieselfreude nur halb gehört hatte. Sie würden nicht zanken! — Wenn er die alten sonntagschen Stiefeln recht schön wichste, waren sie dem lieben Gott auch feierlich genug. Den Fleck aus der Sohle reckte man ja nicht himmel- auf. — Nein — sie zankten gewiß nicht! aber nun schnell nach Hause, damit er die Beichte vom Herzen bekam — Bastian hatte sich so inzwischen zum Schuster getrollt. Wie Friede so in großen Sprüngen die Landstraße entlang setzt, sah ihm einer nach, von dem er's am wenigsten gedacht hätte: das war Pastor Braun. Er stand iin offenen Pförtchen oben über den Stufen, auf denen der alten Frau das Glück gekommen war, da hatte er schon vorhin gestanden, nur hinter der Thür, bie Rocktaschen voll Samen, wie man ihn sich zu Frühlingszeiten vom Gärtner holt. — . , Da hatte er mit einem Male feinen Schulern ms Herz gesehen. Freundlich blickte er auf den springenden Friede, ben- die Füße auch im Hopsschritt heimtrugen, aber er rief ihn nicht an, und er ging auch nicht fürbaß, sondern wartete auf den Bastian. . Eine halbe Stunde später kam der, seine neuen Stieseln schlenkernd, vorüber. Allzu vergnügt war er nicht, pfiff unwirsch vor sich hin, und hielt nach dem Friede Umschau, dem dummen Friede, der ihm beinahe die ganze Stiefel« freude verdorben hatte. — Aber er freute sich doch! nun gerade! Seine Stiefeln würden die schönsten sein, er that dem lieben Gott die Ehre an, und seinem Vater dazu, der der reichste Mann im Dorfe war. Den Bastian rief Pastor Braun an^ und gesellte sich zu ihm zum Seüntoeg. Als sie im Dorf von einander Ab- fchied nahm«i, hatte Bastian heiße Backen, und seine Stiefeln freuten ihn gar nicht mehr, trotz der roten Strippen. „ , ,. „ ... r Ja, er konnte ein paar Sprüche mehr, und die Beispiele fielen ihm schneller ein, wie dem Friede, aber mit dem, was sich so von selber verstand, da hatte .es bei ihm gehapert. . _ t , Am anderen Tage wurde Friede aus den Spruch fonfirmiert: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb" — was ihn mächtig verlegen machte. Und Bastian auf den anderen: Nicht, daß ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach! Die Orgel brauste dazu, und die Herzen waren voller Feierstimmung; ehrliche Vorsätze und tapfere Lebenspläne. Sie haben beide die Stiefeln mit den roten Strippen nicht wieder vergessen. Lächelndes Entsagen. 7 vtr-Baxu.aax 1 Illi—■—i Von E. Friede l. Nachdruck verboten. Herz, halte still! Laß Dich erziehn Zum schwersten hier im Leben: Das, was als höchstes Gut Dir schien, Mit Lächeln hinzugeben. G. T r i e p e l. Das Entsagen gehört sicher zu den Tugenden, welche schwer und immer nur widerstrebend erlernt werden. Auf etwas verzichten, das uns lieb, entsagen einem lange still gehegten Wunsche, von einem schönen Vergnügen, einem echten Genüsse abstehen — ach, wie schmerzlich ist das! Wie sträuben wir uns zuerst, mit welcher Verzweiflung sehen wir eine Hoffnung scheitern, und wie lange währt's, bis wir wns durchgerungen zu der Erkenntnis: e s m u ß s e i n, — bis wir das rebellische Herz beruhigt haben. Die höchste Staffel der Selbstverleugnung aber hat derjenige erreicht, welcher mit lächelndem Munde entsagen lernte. Was brauchen andere auch zu wissen, wie es in uns aussieht, ändert es doch nichts an der Thatsache! Wenn wir einmal entsagen müssen, warum dann nicht mit lächelnder Lippe? Ein Verzichten mit Murren, Jammern und Klagen ist kein rechtes Entsagen, dadurch schaden wir uns nur selbst und bringen ein wertloses Opfer. Setzen wir einmal den Fall, wir hätten uns lange auf eine schöne Reise gefreut, fie sei uns zu unserer Erholung durchaus notwendig, viele schöne Pläne hätten sich bereits daran geknüpst, und nun, kurz vor dem angesetzten Tage, erkrankt jemand im Hause; wir sind schwer entbehrlich; wir wissen, man wünscht unsere Gegenwart und wagt doch nicht, es auszusprechen. Was nun? Hier daheim harrt unser eine aufreibende Kranken-, pflege, und dort draußen winkt Erholung und Erfüllung eines sehnlich gehegten Wunsches. Pflicht oberjßergnügen? Die Frage tritt au uns heran. Wir schwanken wohl -ein wenig, parlamentieren mit dein eigenen „Ich" und doch, endlich siegt und muß siegen die Pflicht. Sind wir aber so weit, dann darf es auch kein Zurückschanen, kein Vergleichen mehr geben. Mit frohem Angesicht müssen wir die Versicherung geben, daß wir gern bleiben, daß die Erholungsreise uns doch nicht so durchaus notwendig erscheine, kurz, nur ein lächelnden Mundes und freudigen Herzens gebrachtes Opfer hat Wert. Wollten wir stets mit verdrossener Miene umhergehen, klagen über das uns entgangene Gute, würden wir da wohl irgend jemand einen wirklichen Dienst leisten? Muß unsere Anwesenheit dann nicht eher lästig als beglückend wirken? Und so treten manche Fälle des Entsagens an uns heran, ja, viel, viel schwerere, als der eben geschilderte. Versuchen wir es nur fleißig mit der Selbstüberwindung. Der größte Sieg ist doch immer der Sieg über das eigene Ich. — Lernen wir die schwere Kunst: entsagen mit lächelndem Mund e! Litteravischss. „Der Stein der Weisen" enthält in seinem uns zu- gekommenen 17. Hefte wieder mehrere sehr instruktive Abhandlungen naturwissenschaftlichen und technischen, sowie allgemein interessanten Inhaltes, von welchen wir den Aufsatz über das Nährstofsbedürfnis der Pflanzen (mit Bildern) auf Grund von in landwirtschaftlichen Versuchsstationen angestellten Studien besonders hervorheben möchten. Ebenso instruktiv ist der Aussatz über den neuen Distanzmesser von Zeiß (mit Bildern), der aus einem neuen optischen Prinzipe beruht. Die Abhandlung Nordische Ruinen in Grönland und bie anziehende zoologische Lckizze Tierleben auf Kerguelen (mit Bildern) vervollständigen den Hauptinhalt des vorliegenden Heftes. Andere Beiträge behandeln den Zengdruck (mit Bildern), die Gewinnung des Rosenöles und Anstalt für Galvanoplastik (beide illustriert), Arabische Benennungen in der Astronomie, schließlich vielerlei technische Mitteilungen und andere Notizen. Die beliebte und verbreitete Halbmonatschrift (A. Hartlebens Verlag, Wien) empfiehlt sich allen, welche bezüglich der wissenschaftlichen und praktischen Errungenschaften unserer Zeit einer sachgemäßen Informierung bedürfen als wertvolles Hilfsmittel. Bei reicher Illustrierung (30 bis 40 Abbildungen per Heft) und abwechslungsreichem Texte ist der Preis des Heftes (50 Pfennige) gewiß ein sehr mäßiger, ^ebe Buchhandlung besorgt Probehefte. Bilderrätsel. Nachbildung verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer. Eine Schwalbe macht keinen Sommer. Redaktion: <8. Burkhardt. — Druck und »erlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Srbens in «ießeu.