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Roman von Reinhold Ortmann. - W ------ (Fortsetzung.) Der Marktplatz von Waldenberg, an dem sich der „König von Spanien" als eines der stattlichsten Gebäude erhob, lag im hellsten Wintersonnenschein vor ihm da. Aber er hatte ersichtlich ebenso wenig Aufmerksamkeit für das schmucke gotische Rathaus, als für den uralten steinernen Roland, das ehrwürdige Wahrzeichen der guten Stadt. Mit jener müden Gleichgiltigkeit, die dem etwas verschleierten Blick seines Auges eigentümlich schien, obwohl sie in einem seltsamen Gegensatz zu seiner kraftvollen und elastischen Persönlichkeit stand, überflog er seine Umgebung, um dann nach sekundenlanger Ungewißheit die Straße hinabzuschlendern wie jemand, der aufs Geratewohl in einer fremden Stadt flüdEjtige Umschau halten will. Bis auf ein paar altertümliche Kirchen und Wohnhäuser gab es des Sehenswerten da freilich nicht allzuviel; denn Waldenberg war eine bescheidene Provinzstadt, die etwas abseits von den großen Verkehrswegen lag, und deren Entwickelung daher während der letzten Jahrzehnte nur sehr geringe Fortschritte gemacht hatte. Die Straßen waren .zum größten Teile noch ebenso eng und tvinkclig, wie vor zweihundert oder dreihundert Jahren; das Pflaster war erbärmlich, und eure, trübe Flüssigkeit wälzte sich langsam in den abgrundtiefen Rinnsteinen dahin. Ziemlich weit draußen erst, jenseits der ehemaligen Stadtmauer, deren ruinenhafte Ueberreste mit ihren verfallenen Türmchen und spitzbogigen Thoröffnungen manches Malerauge entzückt haben würden, ließ sich etwas von dem Geiste neuer Zeiten verspüren. Dem wohlhabenden Teile der Einwohnerschaft mochte es nachgerade doch zu unbehaglich geworden sein in dem Gewirr der Gassen und Gäßchen, und er hatte sich hier draußen einen neuen Stadtteil gebaut mit breiten, schnurgeraden Straßen und mit schmucken Häusern, die sich inmitten hübscher, wohl- gepflegter Gärten erhoben. Da gab es an Licht und Luft freilich keinen Mangel mehr, und int Gegensatz zu dem lauten Treiben innerhalb der zerbröckelnden Stadtmauer herrschte da auch jene tiefe Stille, die in Großstädten als das charakteristische Merkmal der vornehmen Viertel gilt. Den ehrwürdigen Bauwerken und den pittoresken Winkeln hatte der elegante Fremde nicht das geringste Interesse zugewendet; hier aber begann er seine Umgebung mit prüfender Aufmerksamkeit zu mustern. Er verlangsamte seinen Schritt, um die Namenschilder an den Pforten der Vorgärten lesen zu können, und er ließ seine Augen forschend über die einzelnen Häuser hinstreifen, als läge ihm daran, aus den Besonderheiten ihrer Bauart und ihrer Ausstattung einen Schluß auf die Bewohner zu ziehen. Mit einem Male jedoch hielt er mit dieser Beschäftigung inne, weil sein Blick an etwas anderem, etwas Lebendigem haften geblieben war. Und es lag nichts verwunderliches darin; denn dies Lebendige war eine zierliche, jugendschlanke Mädchengestalt in eng anschließendem Jackett und mit einem allerliebsten koketten Pelzmützchen auf dem blonden Haar. Sie war aus einem der verschneiten Vorgärten getreten und kam nun eilenden Schrittes die Straße herab, dem Fremden entgegen. Der hatte also Muße genug, ihr geschmeidiges Figürchen und das reizende Gesicht zu betrachten, dessen Wangen die Winterluft leicht gerötet hatte. Als die blauen Augen des jungen Mädchens dem Blick des unbekannten Mannes begegneten, senkten sie sich schnell zu Boden, und die langbewimperten Lider hoben sich nicht.mehr, bis er an ihr vorüber war. Aber der Fremde hatte doch eht paar Sekunden lang in die funkelnden Sterne schauen dürfen, und es mußte davon eine sehr angenehme Erinnerung in ihm zurückgeblieben sein, da es jetzt wie ein Lächeln auf seinem bärtigen Antlitz lag. Ein Dutzend Schritte noch machte er in der bisherigen. Richtung weiter; dann wandte er sich- kurz entschlossen um und folgte in immer gleich bleibender Entfernung dem flink ausschreitenden jungen Mädchen nach. Ein Windstoß hatte sie eben genötigt, mit raschem Griff ihre Kopfbedeckung festzuhalten, und dabei mochte wohl aus ihrem Muff das kleine Päckchen zu Boden geglitten sein, das der Verfolger plötzlich zu seinen Füßen liegen sah. Natürlich zögerte er keinen Augenblick, sich, danach Zu bücken. Es war allem Anschein nach eine in Papier eingewickelte kleine Schachtel, die einen feinen Duft ausströmte. Der schwarzbärtige Fremde sog denselben einige Sekunden lang mit unverkennbarem Wohlbehagen ein; dann erst beschleunigte er seinen Gang, um die junge Dame einzuholen. Mit vollendeter Höflichkeit lüftete er, als er an ihrer Seite war, seinen Hut. „Verzeihen Sie, mein Fräulein! Aber wenn ich nicht — 570 stellen vermögen, nicht allein in Deutschland, sondern überhaucht in Europa so gut wie unbekannt war, und- daß die fremde und sonderbare Knollenpflanze, als man sie bei uns einzuführen versuchte, nicht etwa mit Freude Und Beifall begrüßt wurde, sondern allenthalben dem größten Mißtrauen, der offenbarsten Unlust, ja sogar ausgesprochenem Hasse begegnete, daß man sie für ein schädliches Gewächs hielt und dem Aberglauben alle möglichen Konzessionen in Bezug auf ihre Wirksamkeit einräumte. Ueber die Herkunft des trefflichen Gewächses wissen die meisten von uns wenig mehr, als daß es aus Amerika stammt und von Franz Drake nach Europa gebracht worden ist. Letzteres ist nur halb richtig, wie uns überhaupt wie . bei der Darstellung so mancher anderen wichtigen Begebenheiten auch in der Geschichte der Kartoffel die eigentümliche Thatsache entgegentritt, daß wir von den betreffenden Vorgängen recht wenig zuverlässiges wissen, obwohl die Einführung der Kartoffel doch kaum 1300 Jahre zurückliegt, also zu einer Zeit stattfand, in welcher Chronisten und Geschichtsschreiber eine äußerst rührige Thatig- keit entfalteten. Allerdings ist die Erscheinung leicht erklärlich — niemand konnte eben im voraus ahnen, um was für eine hervorragende Kulturpflanze es fich Han- , beite, sonst würde man derselben von vornherein mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben. Weiß man denn, wenn ein Kind geboren wird, ob dasselbe dereinst ein großer Mann werden wird? Als die Heimat der Urkartoffel, einer nierenformigen, länglich dunkelgrauen Frucht von unangenehm süßlichem Geschmacke, ist wohl Peru anzusehen; unter den Namen Papas wurden die Kartoffeln dort schon lange als ein vorzügliches Nahrungsmittel geschätzt. Andere Geschichtsschreiber geben zwar Virginien als das Vaterland unserer Pflanze an, doch hat es mehr den Anschein, als habe sich von Peru aus die Kartoffel allmählich über die benachbarten Länder verbreitet und sei auf diese Weise auch nach Virginien gelangt; ja, in einer älteren Einzelbeschreibung wird sogar behauptet, daß Franz Drake sie zuerst 158o nach Virginien gebracht habe. Die erste Nachsicht über die Verwendung und Einführung der Kartoffeln stammt aus dem Jahre 1565, wo ein Sklavenhändler John Hawkins eine Partie aus Santa Fe nach Irland überführte. Vermutlich benutzte er die Früchte als Nahrung für seine Sklaven, jedenfalls diente die Person des Ueberbrmgers dem neuen Gewächs keinesfalls als Empfehlung, auch mag dieses selbst sich in so unansehnlichem Zustande befunden haben, daß niemand Lust bezeigte, mit dem Anbau einen Versuch zu machen. Letzteres war vielleicht auch die Ursache der später zutage tretenden Abgeneigtheit, sich mit der Kartoffel zu befassen. Der nächste, welcher einen neuen, wenn auch verfehlten Versuch zur Einführung der Kartoffel unternahm, war der englische Admiral Walter Raleigh, der sie 1584 in Virginien vorfand und in seinem Garten zu Aonghall in Irland anpflanzte.. Erst zwei Jahre später, 1586, erscheint der berühmte Seefahrer Franz Drake auf dem Schauplatze. Bereits im Jahre 1578 hatte er die Frucht bei einer Landung in Peru kennen gelernt; er überzeugte sich auch von dem Nutzen der unscheinbaren Knollen, da dieselben chm und seinen Gefährten während einer Hungerperwde eine ausgezeichnete Speise gewährten. Bei seiner Rückkehr nach England (1586) führte er eine wohlerhaltene Ladung der Früchte mit sich, und er gab sich die größte Mühe, sie in seinem Vaterlande einheimisch zu machen, indem er nicht nur seinen eigenen Gärtner mit der Anpflanzung beauftragte, sondern auch dem berühmten Botaniker John Gerard eine Anzahl Samenknollen zur Verfügung stelte. Zunächst scheiterte freilich die Erkenntnis der Bedeutung der Pflanze an einem eigentümlichen Mißverständnis. Drakes Gärtner hielt nämlich die grünen Samenäpfel für die etz- bare Frucht des fremden Gewächses; als ihm diese genügende Reise erlangt zu haben schienen, kostete er davon, und fand sie natürlich, nichts weniger als wohlschmeckend. Aerqerlich begab er sich mit den grünen Kugeln zu seinem Herrn, um ihm sein Leid zu klagen. Mit verstelltem Ernst erwiderte ihm Drake, er solle die Pflanze, wenn er glaube, daß sie nichts tauge, sogleich mitsamt den Wurzeln aus dem Boden reißen. Das that denn auch der ^Gärtner — da fand er zu seinem Erstaunen unter jeder Staude eine irre sind Sie die Besitzerin dieses kleinen Gegenstandes, den zu finden ich soeben das Glück hatte." Sie war bei seiner Anrede erschrocken zusammen gefahren, nun aber, da sie das dargebotene Päckchen ansah, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Allerdings. Ich danke Ihnen, mein Herr! Es Ware ein schrecklicher Verlust gewesen." Ein Ton lustiger Schelmerei war in ihren letzten Worten, und für einen Moment blitzten ihn die Augen übermütig an. Sie barg das gerettete Paket wieder tn ihrem Muff und neigte ein wenig das Köpfchen, tote zum Zeichen der Verabschiedung. Der Fremde aber zögerte noch, sich zurück zu ziehen. . ‘ „Die Umstände nötigen mich leider, emen kleinen Finderlohn zu beanspruchen", sagte er, und seme volltönende Stimme gewann durch den scherzenden Ausdruck einen überaus sympathischen Klang. „Ich bin, tote ich fürchte, vom rechten Wege abgekommen, und Sie sehen selbst, daß es hier außer Ihnen weit und breit fein menschliches Wesen giebt, das mich zurecht weisen konnte. „Natürlich bin ich gern dazu bereit. Wohin wünschen Sie denn zu gelangen?" . . „Nach dem Marktplatz, mein Fraulein. Ich habe tnt „König von Spanien" Quartier genommen." „O weh, das ist noch weit, wenigstens für unsere Waldenberger Begriffe. Und ich weiß gar nicht, wie ich es ansangen soll, Ihnen den Weg zu beschreiben, wenn Sie hier unbekannt sind." „Ganz unbekannt. Ich betrat das Gebiet Ihrer reizenden Vaterstadt heute zum erstenmale." Sie dachte ein wenig nach und machte dann den Versuch, ihn zurecht zu weisen. Aber als sie sah, eine wie drollig ratlose Miene er bei ihrer Beschreibung machte, schüttelte sie lachend den Kopf. . „Nein, nein, Sie werden sich nach niemer Schilderung natürlich niemals zurechtfinden können. Aber ich habe beinahe den nämlichen Weg. Wenn Sie wollen, werde ich Sie führen." , . „ Der Unbekannte dankte ihr durch eine artige Verbeugung. „ ., . , Das ist viel mehr Liebenswürdigkeit, als ich erhoffen durfte. Aber ich fürchte, daß Sie durch die Begleitung eines Mannes, den in ganz Waldenberg kaum jemand kennt, unliebsamen Vermutungen und Fragen ausgesetzt werden könnten. Deshalb bitte ich Sie nur um die Erlaubnis, Ihnen in einigem Abstand folgen zu dürfen. Ich werde auch dies als einen Beweis ganz besonderer Güte betrachten." c , ... Die Art, wie ihr etwas unbedachtes Anerbieten zuruck- gewiesen wurde, mochte der jungen Dame wohl als ern Versuche erscheinen, ihr eine kleine Lektion tn ber Schicklichkeit zu erteilen. Sie wurde sehr rot und setzte mit einem etwas schnippischen: „Wie es Ihnen behebt, ntem herr!" ihren Weg fort, ohne dem Fremden noch' einen Blick zu schenken. E (Fortsetzung folgt.) Die Einführung der Kartoffel». Von Hermann Grelling. Nachdruck verboten. Nächst einem Stücke gut gebackenen Roggenbrotes giebt e§ wohl kaum ein größeres und beliebteres Nahrungsmittel als eine zarte, duftige, mehlige Kartoffel! Brot und Kartoffeln sind neben dem Salz wohl die Hauptbedurfnisfe des Kulturmenschen geworden, und wenn es Tausende von Leuten atebt, die keine Bohnen, keine Macearont oder keine - Austern essen mögen, so findet sich doch wohl unter Millionen kaum einer, welcher dieses herrliche, wohlschmeckende, billige Gericht verschmähte Ganze Völkerschaften lebten fast ausschließlich von der kostbaren Frucht, und in teuren Zeiten und nach Mißernten erscheinen sie als die wahren Lebensretter der Armut, lieber den Wert der Kartoffeln noch ein Wort verlieren, hieße Frosche m einen Sumps setzen. Daher muß es uns heutzutage ganz befremdlich und wunderbar vorkommen, wenn wir erfahren, daß noch vor 200 Jahren die Kartoffel, ohne die wir uns das Leben und unsere Fluren garnicht mehr vorzu- 571 Menge runder oder länglicher Knollen, von denen er auf Befehl seines Herrn sogleich eine Anzahl kochen mußte. Nachdem er davon gekostet, änderte sich plötzlich feine Ansicht, er fand sie geradezu köstlich von Geschmack "und widmete sich fortan mit Eifer ihrer Vermehrung und Kultur. Von Willberg wird diese Geschichte noch ergötzlicher erzählt. Danach hatte der Admiral einem englischen Freunde Kartoffeln zur Aussaat mit dem Bedeuten uber- lassen, daß es sich um eine höchst.treffliche, nützliche und nahrhafte Frucht handle, deren Anbau er für fein Vaterland als äußerst ersprießlich erachte. Der Freund befolgte wißbegierig alle Weisungen Franz Drakes, unglücklicherweise hielt er aber die am Kraute Hängenden Samenäpfel für die eigentliche Frucht. Da es nun Herbst war, und die Knollen schön gelb geworden, lud er eine Menge vornehmer Herren zu einem Gastmahle ein, wobei es hoch herging. Am Ende kam auch eine zugedeckte Schüssel, deren Enthüllung der Hausherr mit einer feierlichen Rede über den Ursprung und der Bedeutung ihres Inhalts begleitete. Die Samenäpfel waren in Butter gebacken und mit Zucker und Zimmt bestreut worden — neugierig machten sich die Gäste alsbald darüber her, aber jedem blieb der Bissen im Munde stecken; denn das Zeug schmeckte abscheulich. Wütend ließ der Gastgeber die Kartoffeln aus seinem Garten ausreißen. Als er einige Zeit darauf in letzterem spazieren ging, sah er in der Asche eines von dem Gärtner entzündeten Feuers schwarze runde Knollen liegen. Er zertrat ein solches Ding, und da es inwendig so schön weiß und mehlig war und ihm so lieblich entgegenduftete, fragte er den Gärtner, was das wohl sei, und bekam den Bescheid, es seien das Knollen, die unten an der Wurzel der amerikanischen Pflanze gehangen. Jetzt begriff der Herr seinen .Irrtum, er ließ die Knollen fammeln und veranstaltete ein zweites Gastmahl, bei dem sich dieselben Gäste die .erst so verlästerte Frucht aufs beste schmecken ließen. Derlei Irrtümer mögen am Anfang wohl häufig gewesen sein, deshalb kann man der Anekdote immerhin Glauben schenken. In England führten die Kartoffeln ihren virginischen Namen „Potatoes", sie wurden lange Zeit Mr in Gärten gezogen und gelangten erst 80 Jahre später zur Verpflanzung im offenen Felde. Nach Deutschland kamen die Kartoffeln erst am Anfang des 17. Jahrhunderts, und zwar nicht über England, sondern über Spanien und Italien. Die Spanier bezogen dieselben unter dem peruanischen Namen „Papas"! noch früher als die Engländer aus Mexiko und Peru, von ihnen erhielten sie die Italiener, die sie „Tartuffoli" nannten, woraus die Deutschen später „Kartoffel" machten. Schon im Jahre 1587 soll ein Arzt in Breslau, Lorenz Scholz, die neue Frucht in seinem Garten gezogen, und ein Jahr später der päpstliche Nuntius in Brüssel einige Knollen an den Aufseher des botanischen Gartens in Wien, Karl Clusius, gesandt haben. Mit der Verbreitung in Deutschland sowohl als den übrigen Ländern ging es jedoch äußerst langsam. Im Jahre 1616 erschienen die Kartoffeln noch, als etwas ganz seltenes auf der königlichen Hoftafel in Frankreich ; in England kostete 1618 das Pfund noch 2 Schillinge; in Schlesien wurde noch 1705 die Kartoffel als Delikatesse mit 6 Kr. pro Thaler versteuert. In Böhmen führte die Kartoffeln ein daselbst einquartierter niederländischer Offizier ein, dessen Bericht über die in seinem Vaterlande bereits bekannte Frucht mit soviel Unglauben ausgenommen worden war, daß er sich sofort eine Partie derselben senden ließ. Nach Württemberg brachte am 22. April 1701 der Waldenser Antoine Seignoret die Kartoffeln, indem er dem Pfarrer Henri Arnaud 200 Stück zur Verfügung stellte, der später hie erzielte Ernte an alle deutschen Waldenser Gemeinden verkeilte. Preußen bekam sie erst 1720 aus der Pfalz; nach Sachsen brachte gegen. 1647 der Bauer Hans Rogler aus Selb im Voigtlande von Roßbach die ersten Erdäpfel, ihre Kultur machte jedoch wenig Fortschritte, sodaß sie 1717 durch den Generalleutnant von Milkau aus Belgien nochmals eingeführt wurden. Ueberall baute man die Kartoffeln lange Zeit nur in Gärten an, erst im letzten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts begann man sie mehr im offenen Felde anzupflanzen. Der Hauptgrund hierfür lag wohl in wirtschaftlichen Hindernissen, die Landwirte mußten mit dem System der reinen Brache brechen, bevor sie Raum für den Kartoffelbau im großen gewinnen konnten. Man widerstrebte indessen auch noch aus Vorurteil, hielt die wackere Kartoffel, weil sie zu der giftigen Pflanzengattung der Nachtschatten gehört, für der Gesundheit nachteilig und glaubte, sie bilde nur eine für das Vieh geeignete Speise. Die arme Fremde stand vielfach sogar in dem Rufe, ihr Genuß mache dumm und stumpfsinnig, weshalb viele gar nicht wagten, von ihr zu essen. Einsichtsvolle Männer erkannten gar wohl den Wert der Vielgeschmähten und bemühten sich, die herrschenden Vorurteile zu zerstreuen. Friedrich der Große schritt sogar zu Zwangsmaßregeln, wie er auch in manchen Gegenden die Saat des verkannten Gewächses unentgeltlich verteilen ließ. In der Mark Brandenburg nötigte er die Pächter und Bauern auf den königlichen Aemtern durch die Drohung, es werde ihnen im Unterlassungsfälle nie die geringste Remission bei Mißwuchs und anderen Unglücksfällen zu teil werden, zum Kartoffelbau, und noch im Jahre 1764 erließ er ein besonderes Reskript zur Beförderung desselben, was aber ebenfalls so wenig Erfolg hatte, daß. der König Soldaten schicken mußte, um überall die Felder untersuchen zu lassen. „Wir haben", heißt es in dem erwähnten Reskript, „mit nicht geringer Verwunderung vernehmen müssen, daß wie gegen alle nützlichen Einrichtungen, also auch gegen die dem Landmann so vorteilhafte Anpflanzung der Kartoffeln an einigen Orten ein Vorurteil herrschet, welches als die Ursache des geringen Anbaues zu betrachten ist. Da Wir nun aber um des allgemeinen Bestens willen die nützliche Sache, aller Widersprüche ohngeachtet, allgemein gemacht wissen wollen, so befehlen Wir Euch hierdurch in Gnaden, die Verfügung zu treffen, daß an denen Orten, wo per Kartoffelbau gar nicht getrieben worden, aus andern Creißern, wo solcher getrieben wird, soviel Kartoffeln angekauft werden, als dazu nötig find, daß jeder Bauer wenigstens ein Viertel, auch jeder Gärtner, welcher Ackerland hat, zwei Metzen davon erhalten kann, welche ihnen sodann gegen Bezahlung zu verabfolgen, und ihr darauf zu sehen habt, daß solche von ihnen künftiges Frühjahr gestecket und angebauet werden . . ." Wenn die Landleute konnten, umgingen sie alle Vorschriften und Verfügungen, erst die große Tenerung in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts belehrte die Menschen über den unschätzbaren Wert der gehaßten Frucht, da ohne die Kartoffeln, tote Dr. Putsche in seiner 1819 erschienenen Einzelbeschreibung der Kartoffeln berichtet, .vielleicht die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland Hungers gestorben wäre. Also erst durch Schaden mußte man klug werden! Mehr und mehr verehrte man nun in der vorher Verachteten die treue, nützliche Freundin! Eigentümlich berührt es uns heute, wo der Gebrauch der Kartoffel so selbstverständlich und die Art ihrer Verwertung so allgemein bekannt ist, wenn man die zahlreichen Rezepte und Vorschläge liest, welche in jenen Zeiten erschienen, um die Nützlichkeit und vielseitige Anwendbarkeit der unscheinbaren Knollen dar- zuthun. So handelt in der erwähnten Beschreibung ein ganzer Teil „von der mannigfaltigen Anwendung der Kartoffeln"; es wird da in ausführlichen Artikeln dargelegt, wie man sie kocht, wie man Kartoffelmehl, Kraft- oder Stärkemehl, Kartoffelbrot, Kartosfelgrütze, Kartofselsago, Kartoffelbranntwein, Essig, Bier, Käse, Kaffee, Syrup und Zucker, Wein!u,sw. aus ihnen bereitet, sogar zum vorherigen Waschen der Kartoffeln ist eine umständliche Anleitung gegeben. Ferner wird ausgeführt, wie man sich ihrer statt der Seife, zur Verzinnung des Eisenblechs und der Schalen zur Fabrikation des Papiers bedienen kann — kurz, es wurde nichts versäumt, sie dem Volke im glänzendsten Lichte darzustellen. Der Name Kartoffel, dessen Ursprung wir oben erklärt haben, ist, der gebräuchlichste, obgleich er erst seit 1770 aus der früheren Bezeichnung „Tartuffel" allmählich entstanden ist. Bei der Einführung in Deutschland führten sie fast in jeder Gegend einen anderen Namen, und ein Teil dieser Benennungen hat sich bis heute erhalten. In Jacob Theodors altem Kräuterbuch hießen sie „Grüblinge", in einzelnen Gegenden Artischokken, in anderen Erdäpfel, Erdbirnen, Grundbirnen, Artoffeln, Ertoffeln, Erdtuffeln, Toffeln, Töffelchen, Kartusfeln, Knollen, Nudeln, Knoll- Z W ||kL MI — 572 erhalten und zu mehren, ist eure der ersten und dankbarsten Ansgaben der Familie. Darum halten die ^a- milienblätter es für ihre Pflicht, aus das rn der Volksausgabe zu billigem Preise vorliegende Werk, das nie veraltet, hinzuweisen, als auf einen untrüglichen Wegweiser zu dauerndem Glück, Wohlstand und Zufriedenheit. Vernunftlge Lebensweise. Hufelands Makrobiotik oder die Kunst, das I menschliche Leben zu verlängern. Volksausgabe von Tr. I Maury, prakt. Arzt. Preis geb. Mk. 2.50. Verlag von Hugo Steinitz, Berlin SW. 12. . 1 Wer ist aber unter Euch, der seines Lebens Lange eine I Elle "zusetzen möge, ob er gleich darum sorget?^ heißt es in der Bergpredigt. Demnach kann keiner sem Leben ver- I längern über das ihm gesteckte Ziel hinaus; dafür aber kann er sorgen, daß er nicht durch eigene Schuld und Un- I verstand seines Lebens Ende vor der Zeit herberführe. In diesem Sinne will gedachtes Buch des unsterblichen Lerb- nnd Seelenarztes H u f e l a n d verstanden, und wollen seine Lehren beherzigt sein. Gesundheit ist des Menschen | höchstes Gut; Volkskraft des Staates bestes Kapital. Sie zu Stbaftiatt: Surfbarbt. — »ruck und Berlgg der »rühl'fcheu nudelu, Bataten usw. Wie man sie aber auch nennen | mag: «gegessen werden sie überall gern, und wenn wir I jetzt, aus Anlaß der Kartoffelernte unseren Lesern dre Geschichte ihrer Einführung nebst den Schchrerrgkerten, welchen dieselbe begegnete und den Kuriositäten, die fre zeitgte, ins Gedächtnis rufen, so wird dre Darstellung dieser Vorgänge bei den meisten allgemeines KopZchutteln erregen. 9hm, die Hauptsache ist, daß wrr fre doch haben, und sie soll uns in Anbetracht der Muhe, dre uns ihre I Erlangung gekostet hat, fernerhin noch einmal so gut schmecken! — Im übrigen blerbt's ber des Dichter^ Urteil, I das Ludwig Richter so trefflich im Bilde sestgehalten hat. „Schön rötlich die Kartoffeln sind Und weiß wie Alabaster; Sie däu'n sich lieblich und geschwind, I Und sind für Mann und Weib und Kind Ein rechtes Magenpflaster." Kulturgeschichtliches. W. H. Riehls Gesch ichten und Novellen. Gesamt- I ausgabe 7. Band. Preis geb. Mk. 4.— Stuttgart 1900. I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Dwser^Band schließt den Reigen von Riehls ^Fünfzig Novellen", die seinerzeit in sieben Bänden nach I und nach erschienen, ein Ganzes bilden, daran er zwerund- I vierzig Jahre lang gearbeitet hat. | Der ihm dabei vorschwebende Plan war, alv Novellrst I einen Gang durch tausend Jahre der deutschen Kulturgeschichte zu unternehmen, vom neunten bis ins neunzehnte Jahrhundert. Mit vollendeter Meisterschaft hat er diesen Plan durchgeführt, als Stationen seines Weges Vor- I qänqe aus: Aeltester Zeit, Romantischem 9Nittelalter, Re- formations- und Renaissancezeit, Zeit des dreißigfahrigen Krieges, Rokokozeit, Revolutionszeit nnd Neuzeit mrt glücklichem Forscherblick herausgreifend. — Die sieben Bände, in welchen diese fünfzig Novellen erschienen find, fuhren | je ihren besonderen Titel. Auch diese Titel haben; tote wir bei Besprechung der einzelnen Bände erwähnten —ihre kleine Geschichte; sie ergänzen und erläutern sich und buben zusammen ein Kennzeichen des Gesamtwerkes. Riehl sagt über Beweggrund und Ziel ferner Arbeit: „Ich begann zu erzählen aus Lust am Erzählen. Dies war und blieb meine wichtigste „Tendenz" Wir erzählen aber am liebsten von dem, was uns -lieb ist, nnd lieb war mir vor allem unser deutsches Land nnd Volk. Darum blieb ich stets auf deutschem Boden." Und ferner: „Wir stehen, leben und weben in unserem Volke und in der Zeit, und so zeichnete ich die Einzelcharaktere und ihre Schicksale in ihrem Zusammenhänge mit dem Volkscharakter und der historischen Epoche." — „ Den Sondertitel dieses Bandes „L e b e n s r a t s e l" wählte der Verfasser in der Erwägung, daß jede echte Novelle bei aller klarsten Lösung der seelischen -Vorwürfe — gleichviel ob sie mit unseren Grillen nnd Launen spielt oder die dämonischen Tiefen der Leidenschaft enthüllt — dem Leser doch immer zugleich) ein L e b e n s r ä t s e I aus- öicbt — Wohljedem, der an solch en Meisters Hand die Tage seiner Wallfahrt zur Lösung aller Lebensrätfel nützen lernt! Bdt. Gemeinnütziges. Ter Obstzüchter und der Kaufmann, mehr Obst wächst, desto schwieriger ist es, Lasselbe zu lohnenden Preisen abzusetzen. In solchen Zähren suhlt es der Obstzüchter — er muß mehr Kaufmann werden, wenn er die höchsten Preise aus seinem Ertrag erzielen will. Sein Bestreben wird durch segensreiche Einrichtungen „Obstverkausvermittlungsstellen" bedeutend-erleichtert. Tie Vermittelungsstellen, welche wir in Nr. 27 des „Erfurter Führers im Gartenbau" namentlich aufgesuhrt smden, stehen dem Obstzüchter zur Vermittelung fernes Obstverkaufes kostenfrei zur Verfügung. Auch die Nummer 27 mit ihren Ratschlägen bechi Berkaus können uni ere Abonnenten kostenfrei erhalten, wenn fre sich mittelst Postkarte an das Geschäftsamt des Erfurter Führers wenden. Litterarisches. Welch' hohes Maß von Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit das japanische Heer besitzt, haben nicht nur der letzte Krieg zwischen China und Japan, sondern auch die vor kurzem stattgehabten Ereignisse in Ostasien bewiesen, an denen die japanischen Truppen in hervorragender Weife beteiligt waren. Einen ausführlichen, auf genaueste- Kenntnis der Verhältnisse gestützten Bericht über das l°p°nffche Heer bringt zugleich mit einer Anzahl hierauf bezüglicher Ausnahmen die Nummer 5 der „Weiten Wett'ch die sich schnell einen großen Leserkreis zu erwerben gewußt hat. Nicht minder interessant ist eme umfangreiche Darstellung der künstlerischen ThätigkeU des Dresdener Malers Max Pietschmann, von dessen stimmungsvollen und farbenprächtigen Bildern und Skizzen dem Texte eine ganze Anzahl belgefügt find. Zahl- i reiche aktuelle Bilder, groß-, buntfarbige Illustrationen Fortsetzungen eines Romans und einer Novelle, sowie zahlreiche Beiträge auS den verschiedensten Gebieten geben auch dies« Nummer (Union, Berlin, Stuttgart, Preis 25 Psg.) das Gepräge künstlerischer Gediegenheit und anerkennenswerter Vielseitigkeit. Die Punkte' und Striche entsprechen den einzelnen Buchstaben der nachstehend in anderer Reihensolge aufgeführten Wörter. ®'^e 0 . sind so zu ordnen, daß die auf die Punkte lallenden Buchstaben Zusammenhang ein Citat aus einem Lenau schen Gedicht ergeben. Dessau, Hering, Horn, Jahn, Jäger, Kessel, Kiesel, Paitone, P ei en, Schober, Stein, Taube, Trieb, Urwelt, Wieland, Wunde. *) Lösungen find mit Aufschrift: ,,Preisräts