Nachdruck verboten. „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) Am nächsten Vormittag schritt Professor Volkmann, rin einsamer Wanderer, im lachenden Sonnenschein den Weg nach Wellinghausen hinunter. Heiking hatte ihn begleiten, der Komtesse selbst seine noch gestern zustande gekommene Verlobung mit Elisabeth von Wedd-au mitteilen wollen, doch schließlich hatte er davon abgesehen. Sein Gast war bei seinem Anerbieten gänzlich verstummt, seine Augenbrauen hatten sich leicht zusammengeschoben, kurz, der Baron pfiff leise, als er dem DavonschVeiten'den nach? blickte, und spracht zu sich selbst: „Den Mann hat's!" Er schüttelte dabei leise den Kopf. Weiß Gott, Professor Volkmann hatte wenig genug von einer Motte, aber mit versengten Flügeln kehrte er heim, das war gewiß. Schade um ihn, ein prächtiger Kerl, er hatte gestern Furore gemacht, die Damen waren alle ganz bezaubert, seine kleine Goldelse nicht ausgenommen. Hatte sie doch bei seiner stürmischen Werbung — der Entschluß dazu war Hals über Kopf gekommen; warum war sie auch solch allerliebster, trotziger kleiner Schelm? — hatte sie da doch gemeint, sie wolle es in Gottes Namen mit ihm versuchen, wenn der Professor, sein Freund, so herzlich von ihm spräche, wie er es heute zu ihr gethan, möge er vielleicht nicht ganz so arg sein, wie es den Anschein habe. Er lächelte, murmelte ein paar Worte, die genau wie „süßer kleiner Kobold" klangen und ging ungeduldig zu dem Gärtner, ihm zum dritten Male am heutigen Morgen genaue Anweisung über das Bouquet zu geben, das er seinem Bräutchen zu überreichen gedachte. Auf halbem Wege aber kehrte er um. Seine Uhr zeigte die zehnte Morgenstunde^ und erst um drei Uhr war es ihm gestattet, in Annahof zu erscheinen. Goldelse wollte ausgeschlafen haben, ehe sie den Bräutigam empfing. Seufzend steckte er seine Uhr wieder ein. Wie träge heute die Stunden schlichen. Auch Hans Volkmann hätte gerade heute der Zeit raschere Fittiche gegönnt. Es war noch früh für einen Besuch, kaum 11 Uhr, als er Schloß Wellinghausen betrat. Es begegnete ihm niemand, der ihn hätte melden könüen, Donnerstag den 7. Juni. iW W WWW f er Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der vermehret das Uebel und breitet es weiter und weiter. Aber wer fest auf dem Sinne beharrt, der bildet die Welt sich. Goethe. Hermann und Dorothea IX. und so schritt er denn den teppichbelegten Korridor entlang und klopfte an das Zimmer, in dem er das letzte. Mal empfangen worden. Es war leer, aus dem Nebenl- gemach aber klang Klavierspiel, und durch die an einer Seite leicht geraffte Portiere erblickte er diejenige, der all seine Gedanken entgegenflogen. Er wollte sie nicht? erschrecken, und es war ja auch so süß für ihn, hier zu stehen, ihr edles Profil zu betrachten und den Klängesw zu lauschen, welche ihre zarten Finger den Tasten ent-, lockten. Hans Volkmann war kein Musikschwärmer, nicht einmal das, was man eine musikalisch empfängliche Natur nennt; selten noch hatte ein Tonstück das Blut der Erregung in seine Wangen getrieben, seine Augen ttt| Begeisterung aufstrahlen lassen, aber in diesen Tönen, welche jetzt an sein Ohr klangen, in diesen kunstlosen, ineinander verklingenden Melodien war etwas) was sein Herzj klopfen machte. Was war es nur? Wi hatte er das gehört? Was pochte mit diesen Klängen an seine Seele, daß sie erzitterte? Hans Volkmann stand mit vorgebeugtem Haupte und lauschte, unklare Bilder und Vorstellungen schossen wie ein Schwarm aufgescheuchter Vögel durch sein Hirn. Nun begann dort drinnen eine andere Weise, einförmig und traurig, eine weiche, glockenreine Stimme sang dazu. Es sah eine Linde ins tiefe Thal, War unten breit und oben schmal. Worunter zwei Verliebte saßen. In Lieb' ihr Leid vergaßen. Feins Liebchen, wir müssen von einander. Ich muß noch sieben Jahr' wandern. — Mußt du noch sieben Jahr' wandern. So heirat' ich keinen andern. Und als nun die sieben Jahr' um waren, Sie meinte, ihr Liebchen käme bald. Sie ging wohl in den Garten, Ihr seines Liebchen zu erwarten. Sie ging wohl in das grüne Holz, Da kam ein Reiter geritten stolz. „Gott grüße dich, Mägdelein feine, Was machst du hier alleine?" Der Lauschende hatte regustgslos dagestanden. Nun fuhr er auf, Totenblässe lag auf seinem Antlitz. „Das Kind!" murmelte er, „das verlassene Kind!" Er stürzte vorwärts und kniete im nächsten Augenblick vor dem zusammenfahrenden Mädchen. „Verzeihung!" stammelte er, „Verzeihung!" Sie sah ihn erblaßt und erschreckt an. Was wollte die stumme Qual in seinen Augen? „sprechen Sie, was soll ich verzeihen?" sagte sie tonlos. Er drückte seine bebenden Lippen auf ihre Hände. „Daß ich Sie zu lieben wagte, Gräfin, mit dem Bilde einer anderen im Herzen. Zucken Sie nicht so zusammen, wenden Sie nicht den Blick von mir. Es ist ja nur ein Schemen, eine Erinnerung, ein halbverwehter Traum, aber" — nun gab er doch ihre Hand frei — „es ist da und — es reißt mich von Ihnen. Soeben bei den Klängeiw des alten Liedes stand es vor mir, sah mich aus großen traurigen Augen an und sprach : ,Schwöre mir, daß Du mich nicht vergessen willst!' Ich hatte geschworen, ich nahm den Ring aus den Kinderhänden, und ich trage ihn heute noch". Er streifte den breiten Goldreif vom kleinen Finger feiner Rechten, ein schwacher dünner Ring mit rötlichem Stein kam darunter zum Vorschein. Er hielt den Blick darauf gesenkt, Md so sprach er weiter, tonlos, hastig, wie aus einem Traume heraus. „Wir waren zusammen aufgewachsen, die Kleine und ich. Kein Tag, der uns nicht zusammen sah; keine Freude, kein Leid, das uns nicht gemeinsam berührte. Da riß uns das Schicksal auseinander. Ich ertrug es schwer, ich weiß es, jetzt in dieser Stunde weiß ich es, schon damals keimte im Herzen des Knaben die Wunderblüte der Liebe. Aber!meine Erinnerungen an das Kind verblaßten; früher, in den ersten Jahren unserer Trennung, hatte ich die Kleine täglich mit den Augen meines Geistes geschaut, die abenteuerlichsten Pläne ersann ich, sie wiederzüsinden, „Es war ein eigenes Empfinden, das sich nicht weglächeln, nicht wegspotten ließ — ich kam mir gebunden vor, und ich war es auch. Nicht durch die immer schwächer klingende Stimme in meinem Herzen, nein, durchs Ehre und Pflicht. Mein Onkel, dessen Erbe ich angetMtßn, hatte das verwaiste Kind an sein Herz genomryM,Hhist dieselben Rechte wie mir eingeräumt, wohl-IturffMOlötzlicher Tod hatte ihn verhindert, das auch in anderer Hstnpzum Aus- druck zu bringen, muhte idj da nicht suchen und forschen, bis ich Elfriede fand, ihr meine Schuld abtragen konnte. Ich wollte es auch, fest hatte ich mir's gelobt, als dort im fernen Heimatstädtchen die Erinnerung plötzlich so übermächtig wurve, und ich hoffte, es.solle mir nun gelingen. Da kam ich hierher und — Frieda, lassen Sie es mich aussprechen, einmal nur — ich liebte Sie, als ich Sie erblickte! Und jedes Mal, wenn ich Sie aufs neue sah, verstärkte sich das Gefühl. Es war, als hätte es längst in mir geschlummert, wäre mit mir groß geworden und hätte nur cuuf den Blick Ihres Auges gewartet, um seine Fesseln zu sprengen. Manchmal, wenn ich Ihnen gegenüberstand, war es mir, als flattere ein unsichtbares Band zwischen uns, als wärew sich unsere Seelen schon einmal, an einem anderen OrteKnahe gewesen. Seit gestern aber dachte ich nichts mehr dergleichen. Alle unklaren Vor- stellungan, jedes Bedenken schmolz in der heißen Glut meines Herzens, in dem Verlangen nach! Ihnen. So kam ich her, ein glücklicher, seliger Mann, denn — zürnen Sie nicht, Frieda — ich hätte in vergangener Nacht in Ihren Augen gelesen, und was ich darin fand, hatte mich berauscht. Und nun mußten Sie selbst es sein, die mein schlafendes Gewissen weckte! Das Lied, das alte Lied hatte das Kind gesungen! Vielleicht singt Elfe es auch jetzt in dieser Stunde und ruft mich damit. Was soll ich ihr antworten, Frieda?" Er schwieg und sah zu ihr aus, bleich mit verstörten Augen. (Fortsetzung folgt.) Geographische Jubiläen. Von AlexanderBauer. Nachdruck verboten. So sehr man auch geneigt ist, gegen unsere Zeit den Vorwurf zu erheben, daß fie raschlebig ist und schnell vergißt, so! kann man ihr doch das schöne Lob nicht vorenthalten, daß sie der großen Thaten der Geschichte gern gedenkt, und sich der großen Männer, die sich um die Menschheit verdient gemacht haben, pietätvoll erinnert. Mehr und mehr hat die Sitte, die Wiederkehr bedeutungsvoller Tage zu feiern, bei uns Eingang gefunden, und wenn die That oder der Mann, um die es sich handelt, durch die Länge der Zeit oder aus anderen Gründen unserem direkten In- teresse entrückt sind, so weist wenigstens die Presse auf die allgemeine Bedeutung des betreffenden Ereignisses oder der fraglichen Persönlichkeit hin. Allerdings.vermag sich unsere Pietät nur im Rahmen des historischen Geschichtszeitraums zu bethätigen — die Termine gerade der hervorragendsten Begebnisse unserer Entwickelungsgeschichte und die Namen der Helden derselben kennen wir nicht, wir wissen nicht, wem wir jene großartigen Kulturerrungenschaften, wie z. B. des Feuers, des Ackerbaus, der Viehzucht usw. verdanken, die wir bei dem ersten Hineintauchen des menschlichen Geschlechts in den Dämmer der Geschichte bereits als Allgemeinbesitz der Menschheit finden. Und wie viel andere wertvolle Erfindungen und Entdeckungen hat die historische Menschheit übernommen, deren Schätzung wir fast verlernt haben, weil wir uns so sehr an sie gewöhnt haben, daß sie uns als ganz selbstverständliche Dinge erscheinen, oder die uns nach dem Maßstab wichtiger Erfindungen und Entdeckungen unserer Zeit gemessen, um bedeutend Vorkommen, während sie in Wirklichkeit Ereig- nisse von gewaltiger Tragweite oarstellen. Oder war der Entschluß des ersten Bootfahrers, aus schwankendem Kahn oder Floß die Entfernung bis zu einer dem Auge sichtbaren Insel zurückzulegen, nicht schwerer zu fassen und auszuführen, als heutzutage der einer Fahrt nach Amerika? Selbst in der historischen Periode sind wir leider noch zum großen Teil auf ungefähre Zeitbestimmungen ange- wiesen, aber das ist kein Grund, an bedeutsamen Ereignissen gleichgültig vörüberzugehen. Wenn die Ueberliefer- ung der Geschichte uns sagt: „Diese oder jene wichtige Begebenheit fällt etwa in das Jahr 1050", oder „ereignete sich um 1200 v. Ehr.", so müssen wir uns eben an diese Zahlen halten, weil wir keine anderen besitzen, und undankbar wäre es, der betreffenden Vorkommnisse deshalb nicht zu gedenken, weil ihr Zeitpunkt in unseren Augen ein schwankender und ungenauer ist. Die „Geographischen Jubiläen", die wir nachstehend vorführen, gehören zum größten Teil zu dieser Kategorie — wir führen den Leser zurück in eine ferne, uferlose Vergangenheit und begleiten die Engländer des Altertums, bte seekundigen Phöniker, auf ihren abenteuerlichen Fahrten. Bewohner eines unbedeutenden Küstenlandes, verwandelten sich die Phöniker aus schlichten Fischern in gewandte Kaufleute und kühne Seefahrer. Der Welthandel des Altertums lag in ihren Händen, Reichtum und Einfluß waren seine Früchte. Die Intelligenz war sein Kind. Bedeutungsvolle Erfindungen wurden gemacht oder doch ausgebeutet und verbreitet, die Färberei, die Glasfabrikation, Buchstabenschrift usw. Vor allem erwiesen sich die Phöniker als Meister im Schiffbau. Ihre großen Handelsschiffe trugen gegen 500 Menschen und legten gegen 30 Meilen am Tage zurück. Die phönikischen Seeleute verstanden sogar gegen den Wind zu steuern und kannten bereits den Polarstern der ihnen als zuverlässiger Führer diente. Als Handelsvolk ließen sie sich vor allem die Anlegung von Kolonien in den von ihnen entdeckten Gebieten angelegen sein, um die Schätze derselben besser ausnutzen zu können; so verdankt man ihnen nicht nur eine Reihe kühner Entdeckungen, sondern auch die Ausbreitung der Kultur. Das Mittelländische Meer mit allen seinen Inseln und Küsten war der naturgemäße Schauplatz ihrer Thätigkeit. Ihr Unternehmungsgeist trieb sie jedoch noch weiter, sie siedelten sW in Nordafrika an, drangen bis nach Spanien vor und besuchten England und vermutlich sogar die Ostsee. Anfangs hielten sie die „Säulen des Herakles", die Meerenge von Gibraltar, für das Ende der Welt und wagten sich darüber nicht hinaus. Der Tag, an welchem der erste phönikische Seefahrer den Mut besaß, sein Fahrzeug durch das vermeinte Thor der Welt hindurchzusteuern, um sich jenseits desselben umzusehen, war ein großer Tag in der Geschichte der Menschheit und Kultur. Wann dieser entscheidungsvolle Schritt geschehen ist, vermögen wir nur ungefähr zu bestimm^: etwa 1400 v. Ehr. — also vor nunmehr 3300 Jährest; wenigstens ist es um diese Zeit gewesen, als die Phöniker jenseits der Meerenge die Stadt — 315 — Gädtr (später Gades-Cadix) erbauten, den berühmten Hauptstapelplatz des Handels mit Tarsis, dem Goldlande des Altertums, einer Landschaft im Süden der pyrenäischen Halbinsel. Nach einer anderen Quelle hat die Gründung von Gadir etwa 1100 v. Ehr. stattgefunden — in letzterem Falle hätte idie alte Stadt Veranlassung, in diesem Jahre die Feier ihres 3000 jährigen Bestehens zu begehen. Etwa um 600 v. Ehr. — also vor 2500 Jahren — fand die erste Umsegelung Afrikas statt. Die kühnen Unternehmer waren phönikische Seefahrer, der eigentliche spiri- tus rector der gewagten Expedition war aber König Necho II. (Nekru II. 609 bis 594) von Aegypten, ein weitblickender, thatenlustiger Monarch, der vor allen Dingen der Handelspolitik hohe Aufmerksamkeit widmete. Sein Lieblingsziel bestand in der Errichtung einer großen Seemacht, er berief tüchtige Schtffsbaumeister aus Griechenland, welche ihm eine große Anzahl Schiffe bauen mußten und begann einen Kanal zu bauen, welcher das Rote Meer mit dem Mittelländischen durch den Nil verbinden sollte. Einen ähnlichen Vorläufer des Suezkanals hatten bereits 800 Jahre früher (1400 v. Ehr.) Sethos I. und Ramses II. Herstellen lassen. Necho vermochte zwar das begonnene Riesenwerk nicht zu Ende zu bringen, angeblich gab er es auf, weil ein Orakelspruch ihm verkündete, er arbeite damit nur für die Barbaren, vermutlich' ließ er die 100 Jahre später von Darius vollendete Arbeit aber aus strategischen Gründen und der bedeutenden Kosten, sowie der ungeheuren Menschenopfer wegen, die sie forderte (er soll 120 000 Mann dabei eingebüßt haben) fallen. Um so glücklicher endete sein Plan, Afrika umschiffen zu lassen, dessen Zweck es war, die von den Phönikern geheim gehaltenen Plätze zu erforschen, von denen sie ihre wertvollen Produkte bezogen. Die - Expedition sollte vom Roten Meere ausgehen, die gesamte Küste entlang fahren und durch die Säulen des Herakles wieder in Nechos Land zurückkommen. Herodot giebt uns einen Bericht über die Unternehmung in seiner schlichten, treffenden Art. „Die Phöniker", schreibt er, „fuhren aus dem Roten Meere ab und gingen in das Südmeer. Und wenn es Herbst ward, gingen sie ans Land, besäeten das Feld, und erst, wenn sie eingeerntet hatten, gingen sie wieder zu Schiffe, also daß sie nach zwei Jahren, im dritten Jahre, durch die Säulen des Herakles wieder in Aegypten ankamen. Und sie erzählten, wie sie um Libyen (d. i. um Afrika) geschifft, hätten sie die Sonne zur rechten Seite gehabt, was ich freilich nicht glauben kann." Der skeptische Geschrchts- sorscher bezweifelt also gerade den Umstand in der Reisebeschreibung, welcher uns die Gewähr für die Thatsache giebt, daß die Schiffer wirkliche die südliche Erdhälfte erreicht resp. die Südspitze Afrikas umschifft haben. Um das Jahr 500 v. Ehr. begegnen wir den ersten beiden Reisenden, welche die Geschichte uns namhaft zu machen weiß, den vom Senat von Karthago zu Kolonisationszwecken entsandten Admiralen Hanno, und Himilko. Hannos Reiseziel war die Westküste Afrikas, er führte aus 60 Schiffen mit je 50 Rudern etwa 30 000 Menschen mit sich, welche zur Bevölkerung der neu zu gründenden Niederlassungen bestimmt waren. Die Reise Himilkos galt der Erforschung der westlichen Küstenländer Europas. Wir verlassen nunmehr den schwankenden Boden der Schätzung und begeben uns auf historischen Grund. In den Jahren 401 und 400 v. Ehr. sand jener berühmte Rückzug der 10 000 Griechen unter Xenophon aus Athen, einem Schüler des Sokrates, statt, der nicht nur geschichtlich eine große Bedeutung gewonnen hat, sondern auch durch die ausführliche Beschreibung, welche Xenophon in seiner „Anabasis" geliefert hat, als geographische Entdeckungsreise ein ehrenvolles Andenken verdient. Die Griechen waren nach Persien gezogen, um Kyros dem Jüngeren Sen seinen Bruder Artaxerxes Beistand zu leisten, mußten aber, nachdem Kyros bei Kunaxa geschlagen und ge- tötet worden war, beständig verfolgt und mit den wuden Bewohnern der durchzogenen Gegenden kämpfend, von Babylon nach dem Schwarzen Meere zurückzrehen resp. mühsam durchschlagen. Endlich erblickten sie (im Februar oder März des Jahres 400) das rettende Meer, ber dessen Anblick der Jubelruf„Thalatta!" „Thalatta!" brausend durch ihre Reihen Ang. Der Strom der Jahrhunderte trägt uns weiter bis zum Jahre 1000 n. Ehr., in welchem der Boden Amerik-2 zum ersten Male von europäischen Füßen betreten wurde. Denn die ersten Entdecker Amerikas sind die alten Normannen; schon 986 erreichte Bjarne, der seinen Vater in Grönland aufsuchen wollte, die Küste von Labrador, ohne indessen das neu aufgefundene Land zu betreten. Vierzehn Jahre später zog Leif Erikson, der Sohn Eriks des Roten aus, das von Bjarne entdeckte Gebiet zu untersuchen. Auf seiner waghalsigen und glücklichen Fahrt erforschte er die Küsten von Unter-Kanada, Massachusetts, Rhode-Island, Connecticut und Newyork, er überwinterte sogar mit seinen Leuten in dem neuen Lande und kehrte rerch mit Schätzen (Früchten, Holz usw.) beladen, nach Grönland zurück. Die Normannen besuchten seitdem wiederholt die amerikanische Küste und gründeten oort sogar eine Kolonie, doch ging dieselbe bald wieder zu Grunde. Für die Zivilisation und Kultur wurde Amerika jedenfalls erst durch Kolumbus gewonnen, dessen unsterbliches Verdienst durch die Vorentdeckung der Normannen aus Island und Grönland nicht geschmälert erscheint. Ein wichtiges Jubiläum, und zwar ein 400 jähriges — ist das der am 21. oder 24. April 1500 erfolgten Entdeckung und Besitznahme Brasiliens durch Pedro Alvarez Cabral. Als Befehlshaber einer Flotte von 13 Schiffen ging Cabral am 9. März 1500 unter Segel, um im Auftrage des Königs Emanuel von Portugal das von dem eben zurückgekehrten Vasco de Gama zum ersten Mal auf dem Seewege erreichte Indien von neuem zu besuchen und mit den Bewohnern desselben in nähere Verbindung zu treten. Durch anhaltende Stürme verlor Cabral die Richtung und sah M immer weiter nach Westen verschlagen. Am 22. April erblickten die Schiffer einen hohen Berg und bald darauf eine lange Küstenreihe, der man den Namen VeraUÄH (Kater in Santa-Cruz umgewandelt) beilegte. DasM^l»elMeckWLand war Brasilien, und Cabral säumte nich^^füLtrerWöntz von Portugal in Besitz zu nehmen. Tie Untersuchung deü Küste hatte ihn überzeugt, daß er hier ein außerordentliche fruchtbares Land mit höchst mildem Klima vor sich' habe, auch die Eingeborenen, welche voll- kommen nackend einherschritten, schienen von äußerst frred- lich-em Charakter und traten den neuen Ankömmlingen ohne jedes Zeichen von Furcht entgegen- Am Ostersonntag des Jahres 1500 ließ Cabral in Gegenwart der Indianer am Strande Messe lesen, sodann erklärte er das Land für Portugals Eigentum, worauf er sofort einen besonderen Boten nach Lissabon absandte, um den König von der wichtigen Entdeckung zu benachrichtigen. Die rechtmäßigen Besitzer, die Indianer, wurden natürlich gar nicht gefragt; später sollte ihnen das Vergnügen, entdeckt worden zu sein, teuer genug zu stehen kommen. Skataufgabe. Nachdruck verboten. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün, Coeur gleich Rot, Carreau gleich Schellen.) Vorhand hält bis Null, worauf Mittelhand auf folgende Karte <2 O evQ ■ W an Stelle des Rot(Coeur)-SoloS das erheblich teurere Grün(Pique).Golo spielt. Obgleich noch ein Trumph im Skat liegt, geht dar Spiel verloren. Vorhand hat in ihren Karten 24, Hinterhand 46 Augen. Wie war die Kartenverteilung und der Gang des Spieles? Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Logogriphs in voriger Nummer; Birne — Biene. 316 Pariser Original-Modenbericht. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen Schnittmanufaktur, Dresden. Reichhaltiges Modenalbum und Tchnittmusterbuch stbOPfg. daselbst erhältlich. Wenn man einen der üblichen Pariser Modenberichte liest, so erfährt man in der Regel, was zu den verschiedenen großen Rennen getragen worden ist, mit welchen Kostümen diese und jene Aristokratin glänzte, waS die große Schauspielerin Madame X. für neue Toiletten trug, ober wie sich Madame 5)., eine bekannte Mondaine, zeigte. Dies ist nun gewiß ganz interessant zu lesen, aber eS charakterisieren diese apartesten Kostüme weder die spezielle Pariser Mode, noch geben derartige Berichte kaum irgendwelche Fingerzeige für die praktische Ausführung geschmackvoller Modeneuheiten. Man wird mir einwenden, daß im Grunde genommen die Pariser Mode ja die Mode aller Welt sei, welche durch Modenberichte und Modenzeitungen genügend bekannt gemacht werde. Bis zu einem gewissen Grade mag daS ja wohl stimmen, denn wir wiffen z. B. heute, daß Faltenröcke mit kurzen Schleppen, Bolerojäckchen und Blousen- taillen an der Tagesordnung sind. Die Art jedoch, wie diese Sachen getragen werden, wie sie auSgestattct werden, wodurch sie ergänzt werden, kurz all' die intimeren Toilettengeheimnisse erfährt man bei solchen Berichterstattungen nicht, und über diese will ich heute einmal auf Grund meiner neuesten persönlichen Beobachtungen plaudern. Es ist nicht zu verkennen, daß für den guten Eindruck einer eleganten Toilette auch die kleinsten Details von Wichtigkeit sind. Dies weiß die Pariserin wohl, und da für sie daS oberste Gesetz heißt „chik und elegant um jeden Preis", so kann man hier mit Erstaunen sehen, wie sie auch den kleinsten Nichtigkeiten die größte Aufmerksamkeit entgegenbringt. Und elegant ist die Pariserin (nicht zu verwechseln mit der Französin im allgemeinen), dies müssen wir Deutschen neidlos anerkennen. Mögen ihre sonstigen Eigenschaften sein wie sie wollen, jedenfalls versteht sie es aus dem ff, ihrer Person einen eigenen Reiz zu verleihen, welcher sogar nur ziemlich selten durch ein schönes Gesicht unterstützt wird. Dafür ist ihre Figur um so zierlicher und eleganter, und ihre Füßchen sind fast ausnahmslos die Zierlichkeit selbst. Diese beiden Faktoren bilden denn auch die Grundlage ihrer Ele- ganz, besonders die Figur. Nach dem Pariser Geschmack muß die Taille lang und möglichst eng sein, und die Hüftweite so eng wie möglich. Hat Mutter Natur einer Pariserin unmoderne Leibesfülle verliehen, so weiß sie doch immer noch ihrer Gestalt „die Linie" zu geben, d. h. breite Schultern und ausreichende Oberweite, geschweifte Taille mit besonders hinten graziöser Schweifung und vorn sich verlängerndem Taillenschluß. Um dies zu erreichen, kommt ein modernes Korsett zur Anwendung, das den Leib zusammennimmt und die Fülle nach oben bringt. Dann müssen unbedingt sämtliche Röcke und Unterkleider vorn ungefähr 20, hinten ungefähr 10 cm unterhalb Taillenschluß getragen werden, woselbst ste durch Haken gehalten werden. Taille und Hüfte bleiben dadurch vollständig frei. Unsere soliden Kollerbünde, mögen sie noch so glatt und faltenlos sitzen, würden daher das Mißfallen jeder Pariserin erregen, und sie meint, vielleicht mit Recht, daß es nicht einen Pfennig mehr kostet, ob man den Rockbund wie wir mit einem Kollerbund Modell No. 175. oder mit einem schmalen Passepoil abschließen läßt. Den gleichen Wert legt sie auf die Ausstattung des unteren Randes des Unterrockes. Wir geben ihm einen guten, soliden Schweif und setzen einen hübschen Volant darauf. Quel horrenr, sagt die Pariserin. Der Unterrock ist doch dazu da, den Rock zu stützen, und dazu muß er vor allem viele Volants haben, welche nach hinten aufstcigen. Zuerst erhält der eigentliche Rock als unteren Abschluß an Stelle eines Schweifes einen Volant; darüber fällt dann ent- weder ein Serpentinvolant oder plissierte Volants, welche wieder mit Spitzenvolants überdeckt werden oder, was besonders hübsch aussieht, eine Anzahl nach hinten aufsteigende Volants, welche unten abgepaspelt find. Dies find die einfachen Unterröcke aus Alpakka oder Mohair, welche aber nur für die ganz praktischen Zwecke getragen werden. SoModell No. 176. bald man nur ein wenig elegant ist, wird ein seidener Rock unumgänglich notwendig, und der Luxus darin ist so allgemein verbreitet, daß ein tafftseidener Unterrock mit einer Garnitnr und zahlreichen Falbeln mit zu den unentbehrlichsten Toilettestücken gehört, während Röcke zum Preise von 80 bis 100 Francs für eine halbwegs elegante Frau nichts außer- gewöhnliches sind. Auf diesen raffiniert zusammengestellten Unterkleidern ist eS nun natürlich nicht mehr allzu schwer, einen eleganten Anzug aufzubauen, besonders wenn man immer die gleiche Sorgfalt aus alle Kleinigkeiten verwendet. Da ist nun wieder ein eleganter Schnitt die Hauptsache, d. h. er muß breite Schultern, reichliche Oberweite und engen Anschluß um Taillen und Hüften haben. Von den Hüften aus muß der Rock hinten in leichte, nach unten abstehende Falten fallen und unten auf- treffen. Die bei uns allgemein verbreitete Ansicht von der Unzweckmäßigkeit der Schleppröcke wegen des Staubes, den sie verursachen, wird beim Anblick einer Pariserin so gut wie hinfällig; denn nie steht man auf der Straße ein schleppendes Kleid. Wozu auch? Hat man doch einen eleganten Unterrock, welcher meist noch mit dem abstechenden Seidenfutter des Kleides übereinstimmt. Und die zierlichen, stets elegant beschuhten Füßchen wird man doch auch nicht verstecken. Außer- .ra&gs dem gibt das graziös geraffte Kleid dem Wrsjr ganzen Persönchen noch einen besonderen \r/ Reiz. Für die Taillen sind, wie gesagt, Blousen und Boleroformen an der Tagesordnung, ifrv/Tfn A und geben unsere beiden Modelle 175 und 176 lui rj //ik 1 die beliebtesten und am meisten variierten „ .{ Formen derselben. Vorn immer recht lose /yW’li und recht leicht garniert, die Schultern recht //r breit; diese beiden Grundsätze werden immer //$ j befolgt. Besonders hervorgehoben wird 4M, p dann noch die moderne Linie durch die M bauschigen, duftigen Seidenmousselinboas — und die hellen Tüllkravalten, welche denn f I I 1\ auch nie fehlen. Graziös legt sich die oben I I l ,1V starke, nach dem Taillenschluß zu sich ver« j J I n mindernde Boa um Hals und Nacken, in der fl Ä i.r t Mitte eine helle Tüll- oder Chiffonschleife tillA X freilaffend, sodaß das ganze Gesicht von \K\xj ! - VV zarten Stoffen umrahmt ist. Nach oben f7 wird dieser Rahmen durch das wohlgepflegte, Li 1 stark bauschende Haar abgeschlossen, welches '__ schließlich von einem geschmackvollen Hut gekrönt wird. Wenn man so die ganze Modell No. 115. Toilette der Pariserin zerlegt, so wundert man sich eigentlich, daß nichts besonderes weiter dabei ist, denn sie ist trotz allem einfach und nie überladen. Die Pariserin weiß jedoch vor allem die Umrisse des Ganzen gefällig zu gestalten, die Einzelheiten ihrer Persönlichkeit anzupaffen und die Farben geschmackvoll zu assortieren. Um dies zu erreichen, scheut ste keine Mühe, und zieht es weit eher vor, ihre Garderobe selbst zu schneidern, als sie einer minderwertigen Schneiderin zu überlassen. Die Gelegenheit dazu wird ihr durch die zahlreichen, in Paris befindlichen Schnittgeschäfte geboten, welche Schnitte aller Art nach Maß und Normal verkaufen, und welche sehr gern von den Damen frequentiert werden. Jede deutsche Dame, die nach Paris kommt, wird sich gewiß über manche Absurditäten in der Kleidung der Pariser Damen wundern, aber sie wird auch nicht umhin können, den Chik der Pariserin anzuerkennen, und der Wunsch, ihr darin bis zu einem gewissen Grade nachzuahmen, wird rege werden. Und es ist in der That ein wahlberechtigtes Streben, in der Kleidung, die doch so viel zu vorteilhaften äußeren Repräsentation beiträgt, einen guten Geschmack zu entwickeln. Auch die guten Schnitte, von denen die Eleganz einer Toilette sehr abhängt, sind uns Deutschen gleich den Pariserinnen zugängig, da z. B. die Internationale Schnitt- Manufaktur, Dresden, die auch mit Paris ständige Verbindung unterhält, fertige Papier-Modelle liefert, die nicht nur vorzüglich sitzen und Pariser Chik haben, sondern auch sehr preiswert sind. Praktische Zuschneidetafeln fürs Haus, unter diesem Titel erschienen soeben im Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden, eine Serie von Schnittheften, welche Schnitte in Naturgröße für alle zur Selbstanfertigung im Haus geeigneten Kleidungsstücke enthalten. Es gelangte vorläufig zur Ausgabe Heft 1 Herrenhemden, 80 Pfg.; Heft 2 Frauenjacken, 30 Pfg.; Heft 3 Frauentaillen, 50 Pfg. Jedes Heft enthält die naturgroßen Schnitte in allen gängigen Größen zum einfachen Abkopiereu nebst genauer Anweisung zum Gebrauch und zur praktischen Fertigstellung. Der Preis ist extra niedrig berechnet, um diese so ungemein praktischen Hilfsmittel allen den weiten Kreisen zugängig zu machen, in denen Ersparnisse,^ die durch häuslichen Fleiß zu erzielen sind, noch geschätzt werden. Für alle jungen Mädchen, welche das Schneidern lernten, für alle Haushaltungen, wo eine Nähmaschine zum Zweck praktischen Gebrauchs bereit steht, sind die Zuschneidetafeln von größtem Wert, denn sie ermöglichen gewissermaßen erst eine wirklich produktive Anwendung der Nähkunst für allerhand Bedarfsgegenstände. Die Zuschneidetafcln sind durch alle Buchhandlungen zu beziehen. ««teftie»: «. Vnrkhurdt. — »ruck und Verlag der Brühl'scheu Uni»erfitit»-Buch. imd Steindruck«« (Pietsch Erben) in «iejen.