Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Nettchen fragte sich jetzt manchmal, wie es möglich gewesen, daß sie damals, nach ihrer Flucht von der Wandertruppe, während ihres Aufenthaltes in Köln, so sonnige Wochen mit ihrem Gatten verlebt hatte, — wie es überhaupt möglich gewesen, daß er sie so über alle Rücksichten und Hindernisse hinweg im Sturm zu seiner Frau gemacht hatte? Nur eine große und mutvolle Leidenschaft, wie sie selbst sie empfunden, konnte in ihren Augen das Rätsel erklären. „Ja, dainals liebte mich Jerome, und er liebt mich auch jetzt noch!" sagte sie sich. Aber ihre Augen blickten kampfesmutig, und in der Art, mit der sie ihren Mann beobachtete, lag eine erregte Spannung. Beinahe ein Jahr lebten sie nun schon in dieser fremden, ungeheuren Stadt, in der Jerome sich wohl und heimisch fühlte, während Nettchen von Anfang an mit schwermütigem Heimweh zu kämpfen hatte. Ihre Abenteuerlust war gestillt. Oft kam es ihr vor, wenn sie unter den fremden, südlichen Menschen einherschritt, umgeben vom wilden Trubel der Straßen, und die Laute der unverstandenen Sprache auf sie niederschwirrten, als wäre das „Einst" ein versunkener, immer ferner rückender Traum, als sei der Umstand, daß sie dereinst in einem stillen Winkel Ostpreußens zur Welt gekommen, als das Kind einer armen Flurhüterswitwe, — als sei dies alles nur ein Märchen, und dieses laute, betäubende, gellende Leben allein die Wirklichkeit. Die ganze Umgebung und ihr Verkehr darin wirkte so überraschend auf sie, daß sie sich selbst bei ihrer leichten Lebenskunst nicht sobald hineinzufinden vermochte. Bunte verworrene Existenzen, wie sie der Zufall auf diesen Weltmarkt zusammenwarf, bildeten ihren und ihres Gatten Umgang; ihr Heim war ein Chambre-garni, in dessen übrigen Räumen Studenten und Grisetten hausten. Die Mahlzeiten nahm sie mit Jerome in einem Restaurant, in welchem sich die männliche und weibliche Radfahrerwelt versammelte, wo geraucht, gespielt, gewettet und geboxt wurde, ein, die Nächte nach der Vorstellung verbrachte man Hl pa.n lM L, 'fili/i: o lang ist' keine Nacht, Daß endlich nicht der Helle Morgen wacht- Shakespearc. in Cafees, in denen die männlichen Gäste beim Absynth die Würfel rollen ließen, und geputzte und geschminkte Mädchen sich dreist an die Tische drängten. Nettchen hatte von einem außergewöhnlichen Leben geträumt, aber das Bild, das sie nun Tag um Tag erblicken mußte, hatte nicht in ihrer Phantasie gelebt. Als verheiratete Frau führte sie durchaus kein angenehmes häusliches Leben, sie verbrachte den größten Teil des Tages mit ihrem Manne in Gastwirtschaften fragwürdiger Art, die Abende wurden von den Vorstellungen ausgefüllt, und in den Nächten eine Tournee durch die Cafees von Montmartre unternommen. Eine Weile laug ertrug Nettchens gesunde Natur die ungewohnten Anstrengungen ohne Nachteil; aber in ihrer Seele begann sich langsam ein Widerstand aufzurichten,' eine schmerzliche, bittere Erregung, die sich zu Trotz und festem Willen steigerte. Dieses Leben, das in vagabonden- Hafter Ilngebundenheit verfloß, begann sie abzustoßen, ihr graute vor der unsauberen Gesellschaft, mit der sie sich täglich beisammen sah. Sie hätte ihren Gatten schützen und vor dieser Umgebung zurückreißen mögen. „Laß uns zu Hause bleiben", sagte sie eines Abends, als keine Vorstellung war, und Jerome sich trotzdem zum Ausgehen fertig machte. Er wandte sich erstaunt nach ihr um. „Warum?" „Weil ich dies Leben nicht ertrage", entgegnete Nettchen, in deren Stimme verhaltene Erregung zitterte. „Auch Dich kann es nicht glücklich machen, Jerome. Bleibe hier, laß uns zusammensitzen und plaudern. Ich will Thee bereiten, und wir schwatzen von der Vergangenheit." Jerome war aufgestanden und hatte seinen Cylindev ergriffen. „Richt thöricht sein", sagte er. „Was sollen !vir hier in den kahlen vier Wänden? In der Kneipe ist's hell und gemütlich. Komm, mach' Dich zurecht." „Ich gehe uicht mit!" stieß Nettchen hervor. Sieblickte ihn an. Ihre Augen glänzten vor fieberhafter Erregung, und glühend richteten sie sich auf Jeromes kalte und unbewegte Züge. „Dann kann ich Dir nicht helfen", sagte er ruhig. „Wenn Du glaubst, daß ich geheiratet habe, um ewig am Schürzenbande meiner Frau zu hängen, dann irrst Du Dich. Adieu Schatz, und schlafe Deine Launen aus." Langsam, und ohne daß sie ihn hinderte, ging er. Sie saß wie erstarrt, dann schritt sie ans Fenster, riß es auf und blickte ihm nach. Er ging die Straße entlang, — mit dem raschen, elastischen Schritt, der ihm eigen war. Sein eleganter Cylinder, der Helle, feine Paletot, der Spazierstock mit dem platten, silbernen Knopf, jede Einzelheit wurde von dem starren, trockenen Blick verschlungen, mit dem Nettchen ihm nachsah. Wandte er sich um? Winkte er ihr? Nein, 194 — er schritt eilig weiter, als könne er nicht erwarten, an sein Ziel zu kommen. Nettchen ivar ans dem Stuhl am Fenster niedergesunken, ihr Kopf preßte sich an die Fensterscheiben. Seine harten, kurzen Worte klangen noch in ihrem Ohr, diese Worte: „Glaubst Du, ich habe mich verheiratet, um ewig am Schürzenbande meiner Frau zu hängen?" Ja, lieber Gott, vielleicht verlangte sie wirklich zu viel? Sie mußte gerecht seiu, mußte ihm seine Freiheit lassen, mußte einsehen lernen, daß er ein Mensch war wie nicht alle anderen, in der Freiheit ausgewachsen, und keinen Zwang ertragend?! Was war nur mit ihr geworden, warum fiel es ihr so schwer, diesen Gedanken ganz zu erfasse», warum kämpfte ihr ganzes, besseres Gefühl dagegen? Ja, was war ans ihr geworden diese wenigen Monate! Wohin war das Bagabondenblut? Wohin war Nettchen die einstige entschwunden, die Abenteurerin, die Leichtgesinnte, die hierher an diesen Platz, in diese von Pat- chouligeruch erfüllten Zimmer, zwischen diese vier fremden, kalten Wände, an die Seite Jeromes gehörte? Sie war nicht meh«r da, — an ihre Stelle war eine andere getreten, — ein sorgendes, liebendes, unglückseliges Weib, das sich um Güter, die es einst verachtet hatte, in einsamer Nacht die Hände vusrang. Stunden vergingen, und noch immer blieb die Gestalt der jungen Frau regungslos am Fenster. Bon der nahen Kapelle tönten zu jeder Stunde die Glockenschläge, und als die Uhr mit langsamen, schweren Tönen die dritte Morgenstunde angab, hatte Nettchen die fieberische Vorstellung, es wäre ihr Herz, das da aus irgend einer fernen Höhe mit so schweren, schweren Schlägen die dritte Stunde verkünde. Ihr Körper war kalt, wie erstarrt. Ihre Kniee schmerzten von der gezwungenen Stellung, in die sie gepreßt waren. Doch sie rührte sich nicht aus ihrer Lage, und als es vier Uhr schlug, waren es nur ihre Lippen, die sich noch einmal bewegten. Ein hartes, verzweifeltes Wort klang in die Nacht. (Fortsetzung folgt.) Der Vögel Wiederkehr. Eine Frühlingsplauderei von Hermann Grelling. Nachdruck verboten. „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle" — singt das alte Kinderlieb und fügt im Anschluß daran hinzu: „Frühling will nun einmarschieren". Das ist recht hübsch, aber nicht ganz richtig. Die letzten Vögel treffen erst Ende Mai oder doch erst in der zweiten Hälfte des Mai wieder bei uns ein, und so lange wollen wir doch nicht aus den Frühling warten, da im Juni ja schon wieder der Sommer seinen Anfang nimmt. Immerhin sind das nur Nach-- zügler, die Hauptschwärme kommen im März und April, und wer sein Herz so recht am herrlichen Vogelgesang ergötzen ynb sein Auge an dem reizvollen Leben und Treiben der lieblichen Sänger weiden will, der muß im April und Mai fleißig dahin gehen, wo sich Lieblingsaufenthalts- und Brutplätze der Vögel befinden. Das belebende Element der Tierwelt fehlt ja allerdings auch dem Winter nicht, eine große Anzahl von Vögeln halten trotz Kälte und Nahrungsmangels bei uns aus, während andere uns nur verlassen, wenn der Winter sich als gar zu harter Mann kundgiebt, und wieder von anderen eilen nur die empfindlichen Weibchen dem Süden zu. Ueberhaupt herrscht in Hinsicht des Verhaltens der Vögel während der Winterzeit die größte Mannigfaltigkeit. Die alte Einteilung in Standvögel, Strichvögel und Zugvögel genügt durchaus nicht, da viele Standvögel im Winter zu Strichvögeln werden, und viele Zugvögel dem Einflüsse des Wandertriebs nicht unter allen Umständen erliegen. Nicht gering ist die Zahl der bei uns aushaltenden Vögel, und fast hat es den Anschein, als wäre dieselbe sogar — mindestens soweit die Zahl der Individuen in Frage kommt — im Wachsen begriffen, seit die Tierchen während der rauhen Jahreszeit allenthalben gar sorgfältig gefüttert werden. Treibt sie doch in der Hauptsache der Nahrungsmangel von uns fort, die Kälte muß schon einen hohen Grad erreichen, wenn sie wenigstens den gut bei uns akklimatisierten Arten allzuviel anhaben soll. Indessen wollen wir dahingestellt sein lassen, ob nicht vielleicht auch den milden Wintern der letzten Jahre ein erheblicher Anteil an der Vermehrung unserer gefiederten Wintergäste zuzuschreiben ist. Die hier bleibenden Vögel schweifen meistens — entweder paarweise oder in Gesellschaften — umher, da die Notwendigkeit der Nahrungsbeschaffung die Möglichkeit des Aufenthalts an einem bestimmten Orte in der Regel in Frage stellt. Die Sperlinge kommen bis an die Fenster, die Haubenlerchen und Goldammer hüpfen Nahrung suchend auf den beschneiten Straßen umher, das muntere Völkchen der Tannen-, Kohl- und Blaumeisen erfüllt die Gärten mit ihrem lustigen Ruf, der niedliche Zaunkönig läßt mitten im Winter seine bescheidene Strophe ertönen. Im dürren Laub scharren die Schwarzamseln, Baumläufer und Kleiber picken an den Stämmen, der Buntspecht hämmert im Walde, das liebliche Rotkehlchen lugt aus der Hecke, zu-' weilen treffen wir selbst auch Finken, Hänflinge, Zeisige, Bachstelzen, Goldhähnchen u. s. w. In den Fluren schwirren die Rebhühner in beständiger Furcht vor den verfolgenden Jägern und Hunden kreischend empor, im eisfreien Wasser tummeln Wildenten, Becassinen, Wasserhühner; Raben, Krähen, Dohlen und Elstern lassen ihr Geschrei ertönen, und im Walde verkünden klägliche Ruse die Anwesenheit von Eulen und verwandten Arten. Auch die Raubvögel stellen ihr Kontingent. Habichte, Sperber, Bussarde, Falken fühlen ihren für die kleineren Vogelarten so verhängnisvollen Appetit durch die Kälte durchaus nicht beeinträchtigt. Der Kreuzschnabel, der Papagei unserer heimischen Wälder baut sogar, dem Schnee und Eis Trotz bietend, mitten im Winter sein Nest und verrichtet sein Brutgeschäft, als wenn es der schönste Sommer wäre. Aber nicht alle die genannten Arten bleiben sämtlich und unbedingt bei uns. Manche vielmehr nur in wilden Wintern, andere nur zum Teil, von anderen wieder bleiben nur die Männchen hier (wie z. B. größtenteils von Buchfinken und Amseln). In anderen dagegen, wie Schwalben, Wachteln u, s. w. ist der Wandertrieb noch so stark ausgeprägt, daß z. B. spät im Herbst Haus- und Uferschwalben sogar ihre zarten Jungen im Stiche lassen, die dann elend in ihrem Nest umkommen. Manche Arten, wie z. B. Schneeammern, Seidenschwänze, Schneeeulen und manche Entenarten, ziehen auch im Frühjahr, wo alle anderen Vögel zurückkehren, von uns fort; denn sie haben eben bei uns iihr Winterquartier genommen, und eilen mit Beginn der schönen Jahreszeit ihrer Heimat, dem höheren Norden, wieder zu. Andere Vögel steigen während des Winters von den Gebirgen in die Thäler hinab, und gehen im Frühling dahin zurück. Wieder andere, wie z. B. unsere berühmten Schnepfen, sind zum Teil nur Durchzügler, die sich weiter nach Norden begeben, ein Teil brütet auch bei uns, und in milden Wintern bleiben auch welche ganz bei uns zurück. Schließlich giebt es auch noch Arten, die, wie z. B. Kreuzschnäbel, Nußhäher, Schwalbenschwänze u. s. w. nur in gewissen Jahren in größerer Menge bei uns auftreten, und zwar in solchen, wo reichliche Futtergelegenheit für sie vorhanden ist. Auch der Kuckuck stellt sich da, wo der Tisch für ihn gedeckt ist, in großer Menge ein, während er da, wo dies nicht mehr der Fall, plötzlich sehr selten wird. Die Art, wie diese Vögel von den für sie vorteilhaften Veränderungen in den einzelnen Gegenden Kunde erhalten, kennen wir nicht. Die Rückkehr der lieben Süngßr und Sommergenossen wird allenthalben mit großer Freude begrüßt. Vor allem die Staare, die Schwalben und der Kuckuck als sogen. Frühlingsboten heißen wir herzlich willkommen; die Staare, die mit am frühesten eintreffen, erscheinen uns als Herolde der schönen Jahreszeit, wir vertrauen ihrem Instinkt, der sie nicht eher zurückbringt, bis die Gefahren des Winters nicht mehr zu fürchten sind. Freilich läßt auch ihr Instinkt die armen Staare manchmal im Stiche. Sie lassen sich von einer Anzahl frühzeitiger Sonnentage mit hohen Wärmegraden u_nd milder Südluft genau so täuschen wie der Mensch und, kehren oftmals so früh zur lieben Heimat zurück, daß sic noch die Schrecken eines langen traurigen Nachwinters über sich ergehen lassen müssen. Der Kuckuck 195 ist ein viel vorsichtigerer Gesell, wenn sein melodischer Nus aus dem Walde herüberdringt, so dürfen wir schon eher des endlichen Frühlings sicher sein. Während die Abreise der Vögel im Herbst sich meist im Rahmen weniger Wochen abspielt, verteilt sich die allmähliche Rückkehr vielfach auf ein volles Vierteljahr. Ist der Februar besonders mild und schön, so erscheinen bereits am Ende dieses Monats die ersten Staare, Hänflinge, Lerchen, Finken, sowie die zierlichen Ringeltauben, manchmal auch die weißen Bachstelzen u. s. w. Bon den Finken erscheinen zuerst die Männchen; denn Männchen und Weibchen reisen wenigstens bei der Rückkehr, in getrennten Zügen, und sehnsüchtig harren die zierlichen Strohwitwer an den herrlichen Lenztagen der Ankunft ihrer teuren Gefährtinnen. Im März folgen die Hauptzüge der Arten, deren Vorboten int Februar bereits eingetroffen sind, während die letzten Nachzügler den April herankommen lassen. In Busch und Hecken, in Garten und Feld, wird es nun lebendig von den munteren Sängern, überall vernehmen wir den hellen, kräftigen Schlag der Finken, die Lerchen jubilieren über den Saatfeldern, die Staare erproben hoch oben auf den Dachfirsten ihre Stimmen, die weichen schmelzenden Flötentöne der Amseln erklingen aus dem Gebüsch. In der ersten Hälfte des März erscheinen in der Regel noch Heidelerchen, Singdrosseln, Rot- und Wachholderdrosseln, Bergfinken, Dohlen, Kiebitze, wilde Gänse und verschiedene Raubvogelarten, sowie von der Mitte des Monats ab die von den Jägern so sehnlich erwarteten Waldschnepfen („Oculi, da kommen sie", lautet der alte Jägerspruch)! In der zweiten Hälfte des Monats folgen Rotkehlchen und Rotschwänzchen, Braunellen, Ammern, Schwätzer, Pieper, Laubvögel, Störche, Kraniche, verschiedene Sumpfvögel u. s. w. Anfang bis Mitte April zieht in der Regel die Rauchschwalbe wieder bei uns ein, die alte treue Freundin des Menschen, die zutraulich ihre kunstvolle Wohnung im Schutze unserer Mauern und Häuser sich errichtet. Der April bringt aber noch weitere Gäste, Blaukehlchen, Feldrotschwänzchen, Braunkehlchen, Steinschmätzer, Müllerchen und andere Grasmücken, Schwarzköpfchen, Sprossen, Rohrsänger, ferner den lautrufenden Kuckuck, den bösen Würger, den Wendehals u. s. w. Und noch einen Vogel, die Königin unserer heimatlichen Sänger, die herrliche Nachtigall! Die letzten Nachzügler treffen Anfang Mai etp, unter ihnen (wenn sie nicht schon Ende April gekommen ist) die Turmschwalbe, der Zaunammer, der graue und rotrückige Würger, die Turteltaube, der Waldlaubvogel, die Wachtel und andere mehr; vor allem die Wachtel belebt mit ihrem heiteren und gemütvollen „Pückwerwück" wie kein anderes Geschöpf die fruchtreichen Fluren. Der prächtige Pirol, die Nachtschwalbe und einige andere Arten machen in der zweiten Hälfte des Wonnemonats etwa den Schluß, und nun erst dürfen wir mit voller Berechtigung verkünden, daß alle Vögel nun da sind, alle, alle! Nun geht es mit frischem Mut an ein Heiraten und Häuserbauen, Futter gießt es in Hülle und Fülle, die Luft ist warm, die Sonne scheint, alles blüht und grünt und duftet — da jauchzt auch der Vogel so recht aus voller Brust sein Lied in den goldenen Maitag hinein, er ist ja so sorglos, so frei, so glücklich! Vielleicht erfüllt ihn auch ein Gefühl der Freude, daß er die Heimat wieder glücklich erreicht hat. Denn nicht gefahrlos war seine Wanderung, und viele der Aus- gezogenen kehren von der weiten Reise nicht wieder zurück. Zu Hunderttausenden werden die vom anstrengenden Fluge ermatteten Lerchen, Wachteln und Drosseln im Süden gefangen, um den Feinschmeckern die unersättliche Zunge letzen zu helfen, und auch wenn sie wieder zu uns kommen, erwartet sie — von den Schrecken eines unvermuteten Nachwinters ganz abgesehen — an vielen Orten das mörderische Garn und das heimtückische Netz. Das ist wahrlich ein schlechter Dank für die treue Anhänglichkeit an unserem immerhin rauhen Norden; denn könnte nicht der ILogel ebensogut im schönen Süden, wo ein ewig blauer Himmel lacht und weder Kälte noch Mangel an Futter ihm drohen, verbleiben, um sein harmloses Sein unter Palmen zu verträumen? Aber nein, er hängt treu und fest an der alten Heimat und setzt sich lieber jährlich zweimal den .Anstrengungen uub Gefahren eiltet hundert Meilen laugen Reise aus, als daß er den traulich rauschenden Buchenwald, den düsteren Forst oder die schattigen Dorflinden und die Blütenhecken und Gärten des Vaterlandes entbehren möchte! Eine seltsam und fürwahr großartige Erscheinung, dieser jährliche Vogelzug! So sehr man sich auch um Erklärungen bemüht hat, ist sie doch in vieler Hinsicht noch rätselhaft geblieben. Vor allem bei dem Wegzug ist es fast unerklärlich, wie die Vögel die Termine ihrer Abreise (die in der Regel an bestimmten Tagen des Jahres erfolgt, ohne Rücksicht darauf, ob es an diesen Tagen warm oder kalt ist) zu bestimmen vermögen. Denn daß sie, tote von einigen Forschern angenommen wird, einen gewissen Sinn für die Stellung der Sonne am Himmel haben, daß sie Unterschiede in der Beleuchtung und dem Schattentours zu erkennen wissen, erscheint doch nicht recht glaublich. Auch über die Entstehung der Vogelzüge selbst und die dabei benutzten Zugstraßen gehen die Meinungen auseinander. Einige meinen, die Vögel hätten sich früher ständig bei uns aufgehalten und seien allmählich in dem Grade, tote der Winter härter wurde, immer weiter zur herbstlichen Wanderung nach Süden gedrängt worden, andere nehmen gerade das Gegenteil an, indem sie sich die Vögel von Süden nach Norden ausbreiten, und während des Winters nach ursprünglichen Gebieten zurückkehren lassen. Dadurch erkläre sich auch, daß dieselben Landstrecken, auf welchen die ersten Einwanderer nordwärts zogen, noch jetzt als regelmäßige Zugstraßen innegehalten würden. Die erste Erklärung scheint mir noch am plausibelsten; denn wenn die Vögel nicht bei uns ihre ursprüngliche Heimat hätten, würden sie nicht hier brüten. Die Frage, wie sich die Zugvögel unterwegs, besonders auf dem Meere zurechtfinden, hat ebenfalls zu mancherlei Hypothesen Veranlassung gegeben. Die Erklärung, daß die Vögel infolge immerwährender Benutzung der von ihren Voreltern schon vor Jahrtausenden benutzten Zugstraßen den Weg instinktiv zu finden wüßten, wird schon durch das Beispiel der Brieftauben hinfällig, deren wunderbaren Ortssinn sie ihren Schlag von jedem Platze aus, auf dem sie ausgesetzt wird, selbst aus weiter Entfernung finden läßt. Eine neuere Hypothese, nach welcher die Vögel sich der Richtung der Flutwellen als Orientierungsmittel bedienen, erscheint einleuchtender und hat auch die That- sache für sich, daß überall, wo im Meere keine merklichen Flutwellen bestehen, Seevögel auch nur selten oder niemals in größerer Entfernung vom Strande angetroffen werden. Doch gleichviel — die Vögel wandern nun einmal und kehren zu uns zurück, und so wollen wir die lieben Sommergäste auf das Beste empfangen, nicht blos mit wohlfeilen Liedern und Frühlingsgedichten, sondern auch mit reelleren Zeichen unserer Dankbarkeit, indem wir ihnen Wöhnungen errichten, bei noch rauher Witterung Futter streuen und sie nach Möglichkeit vor Gefahren und Verfolgungen schützen. _____ Vom Monat April. April 1900. Nachdruck verboten. Für die großen Fasten der Karwoche bringt der April reichhaltige Auswahl von guten und billigen Fischen, der Verbrauch steht auf einer Höhe wie zu keiner Zeit des Jahres. Der offene Markt bringt große und kleine Aale, Hechte, Schleien und Barsen, eine von Kennern hoch- geschätzte Delikatesse, sowie alle Sorten Weißfische, Brassen, Diebeln, Karauschen oder Bauernkarpfen, die in der einfachen Küche als Brat- oder Saueenfische gern Verwendung finden. Vor Barben ist im April zu warnen, da ihr Rogen giftige Wirkung hat; nach der Laichzeit ist die Barbe genießbar, bleibt aber von der feineren Küche ihres Grätenreichtums wegen ausgeschlossen, selbst wenn sie aus der Weser kommt, die die vorzüglichsten Exemplare liefern soll. Besonders gut sind in diesem Monat Forellen, Rhein- und Ostseelachs. Aalraupen werden ihrer großen fetten Leber wegen besonders geschätzt. Von Seefischen sind Heilbutt und Steinbutt fein. In Räucherwaren giebt es milden fetten Lachs, billigen Dorsch, Knurrhahn u. s. w. In den Delikateßläden wird milder Kaviar vom Märzfang an- — 196 — geboten und auf beut Markt, sowie in beit Läden sind schon Krebse aus Galizien vorrätig, doch fehlen die wirklich guten Exemplare noch. Mit Ende April hört die Schonzeit der Krebse auf und vom 1. Mai an spielt der Krebs auf der Speisekarte eine große Rolle. Hummern genießen stellenweise Schonzeit, und die gute Zeit der Austern geht zu Ende. Der Gemüsemarkt der Wintervorräte ist bis auf die erhöhten Preise unverändert. Das jetzt auf den Markt gelangende Kopfkraut und Welschkraut zeigt meist die sprengende Kraft des Frühlings, oft in den drolligsten Formen, mitten aus dem festen Blattgefüge erhebt sich eine Kugelspitze, die sich spaltet und den Blütensproß des Krautes ans Tageslicht bringt. Natürlich giebt derartig gespaltener Kohl keine gute Speise mehr, und es heißt beim Einkauf desselben genau hinzusehen, um nicht wertloses Zeug nach Hause zu bringen. Ebenso mäßig sind im April die Aussichten auf Blumenkohl, der in seinen Rosen ebenfalls den Frühlingstrieb zeigt. Französischer Blumenkohl ist zwar in den Delikateßläden in tadellos schönen Köpfen vorrätig, aber auch zu Delikateßpreisen. In frischer Ware kommen die ersten hiesigen Frühlinastreibgemüse auf den Markt. Kopfsalat, scharlachrote Radieschen, neben denen auch schon die weißschaligen auftauchen, deren Fleisch fester und schärfer ist, Kohlrabi in schönen Knollen und recht blattreich, sind vorhanden. Schnittlauch, junge Zwiebeln, grüne Petersilie und Dill werden angeboten, ebenso noch recht gute Suppenkräuter, und eine Frühlingskräutersuppe mit verlorenen Eiern genießt als Fastensuppe den besten Ruf. - Man nimmt dazu zwei Hände voll junger Fruhlmgs- kräuter wie: Petersilie, Kerbel, Gundermann, Sauerampfer, Schafgarbe, Brennnessel, Erdbeerblätter, Wegerich, Gänseblümchen, Pimpinelle, verliest dieselben, wäscht und wiegt sie sein und giebt sie in zweieinhalb bis drei Liter kochende Brühe aus Liebigs Fleisch-Extrakt. Nach einmaligem Aufkochen bindet man die Suppe mit einem aus zwei Eßlöffeln Butter und ebensoviel Mehl bereiteten Schwitzmehl und richtet sie über den verlorenen Eiern an. Die Zufuhr von Gemüse aus dem Freien ist nur auf Rapunze und Spinat beschränkt. Der Spinat, dieses gesunde Gemüse, wird vielfach für fade und weichlich gehalten, doch kann es durch kräftige Zubereitung, wohl auch mit Brunnenkresse oder Sauerampfer geschärft, selbst für den Verächter schmackhaft werden. Gleiche Teile Spinat und Sauerampfer werden gelesen, gut gewaschen und jedes Gemüse für sich in siedendem, schwach gesalzenen Wasser abgekocht, mit kaltem Wasser gekühlt, abgetropft, durch ein Sieb gerieben und untereinander gemischt. Alsdann schwitzt man einen Löffel Mehl in reichlicher Butter gelb, dünstet das Gemüse damit durch, mischt einige Löffel voll gestoßenen Zwieback darunter, gießt etwas starken Fleisch- Extrakt zu, würzt mit Salz und Muskatnuß und Mehl alles unter fleißigem Umrühren bei mäßiger Hitze, um das Gemüse dann mit verlorenen Eiern, Zunge, Koteletts, Schinken, Bratwürstchen re. anzurichtem Im April beginnt auch die Saison für heimischen Spargel auf dem Markt. Aus den Treibbeeten kommen Champignons in schöner Ware. Die letzten Märztage brachten uns den feinsten Frühlingspilz, die Morchel, die im Laufe des Aprils billiger werden dürfte und als Suppen-Gemüse oder Saueenwürze für den bürgerlichen Tisch Verwendung finden wird. Junge Schoten, Bohnen, Artischoken, Tomaten, Gnrken, neue Kartoffeln englischer und französischer Zufuhr helfen der feineren Küche aus. Der Theemarkt bietet Schleedorn- blüten, Spitzwegerichs Huflattich, Erdbeerblätter und was sonst in Kneipps Apotheke eine Rolle spielt. Vom Rhein kommt duftender Waldmeister. Von Treibhausfrüchten find Erdbeeren, Pariser Pfirsiche und Kirschen zu nennen. Als Hauptdelikatesse kommen jetzt die Kibitzeier. In Deutschland begnügt man sich damit, im April und Mai die Kibitzeier zu v«speisen und beachtet den Kibitz nicht als Wildgeflügel; derselbe ist zwar im Frühling unschmackhaft, im September jedoch, wo er sich als fetter Vogel zur Reise rüstet, soll er geschmort oder wie Bekassinen znbereitet, sehr beachtenswert sein. Die Franzosen und Belgier meinen, wer noch keinen Kibitz gegessen hat, weiß nichts vom Federwild. In Wald und Feld herrscht für das Wild der tiefste Frieden. Die Vorräte an Geflügel auf dem Markt sind knapp, doch werden die Delikateßläden mit gutem Mastgeflügel reichlich versorgt. Junge Backhähnchen und Backhühnchen melden sich bescheiden. Eier sind im Preise gesunken und werden reichlich als Ostergruß in Form von Maleiern in schönsten Radierungen angeboten. Aber auch als wirkliche Eier finden sie ihrer symbolischen Bedeutung wegen mannigfaltige Verwendung. Eine feine Abwechslung für den Ostertisch bieten gefüllte Eier. Man kocht die Eier hart, schneidet sie durch, nimmt die Eidotter heraus und wirst die ausgfhöhlten Eierhälften in warmes Salzwasser. Inzwischen wiegt man die Hälfte der Dotter mit Sardellen, einigen Champignons eventl. auch einigen "Krebsschwänzen, Fray Bentos-Zunge oder gekochten Schinken, etwas saurer Gurke, kalten Braten und einem Scheibchen roter Rübe fein, vermischt dies mit einenf rohen Eigelb und mit einem Teil der Sanee, die man mit Del, Essig, Salz, Pfeffer, Mostrich und etwas Bouillon aus 10 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt aus der anderen Hälfte der durch ein Sieb geriebenen Eidotter herstellt. Man füllt die Faree in die Eierhälften und giebt die Sanee darüber. „ . Junge Ziegen und Lämmer bilden zur Osterzeit ein gern gesehenes Gericht. Besonders ist der Rücken des Lammes von feinstem Geschmack. Man häutet, spickt und salzt den Rücken, brät ihn rasch in reichlicher Butter gar, wobei man etwas kochendes Wasser angießt. Dann nimmt man den Braten heraus, verdickt die Sanee mit Kartoffel- mehl, giebt 5 Gramm Liebig's Fleisch-Extrakt, ein Glas Madeira und einige zerschnittene Champignons daran und serviert die Sauce nebenher. Literarisches. Das deutsche Handwerk in seiner kulturgeschichtlichen Entwickelung. Von Direktor Dr. Eduard Otto. Mit 27 Abbildungen auf 8 Tafeln. („Aus Natur und Geisteswelt." Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. 12 monatliche Bändchen zu je 90 Pfennig, geschmackvoll gebunden zu je Mk. 1.1b.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Auf Grund der Werke unserer hervorragendsten Volkswirtschaftslehrer und Geschichtsforscher, sowie eigener Forschungen und Quellenstudien giebt der Verfasser in knapper Form eine Darstellung der Entwickelung des deutschen Handwerks bis in die neueste Zeit. Die Einleitung bespricht den Begriff des Handwerks und seine Wandlungen. Sodann erzählt der Verfasser, wie aus der Hauswirtschaft der germanischen Urzeit und aus der Frohnhofswirtschaft das Handwerk als selbstständige Erwerbsthätig- keit allmählich herauswuchs, wie das entstehende Städtewcsen seine Entwickelung mächtig förderte, und wie sich in dem Mauerring der Städte ein freier Handwerkerstand ausbildete, der in der Zunftverfassung eine eigenartige, zeitgemäße Form des gewerblichen Lebens schuf. Der Zusammenhang der Handwerksblüte mit der Blüte der deutschen Stadt- wirtschaft und dem zunehmenden Gelvvcrkehr wird in einem besonderen Kapitel aufgezeigt und geschildert. Hierauf geht der Verfasser den Gründen und Erscheinungsformen der Entartung nach, der das Zunftwesen seit dem 16. und 17 Jahrhundert zu verfallen begann, und erörtert die Entstehung der neuen gewerblichen Betriebsformen, der Hausindustrie und der Fabrik, unter dem Einflüsse des Absolutismus und seiner merkantilistischen Gewerbepolitik, sowie die Entwickelung des Gegensatzes zwischen Handwerk und Industrie. Daran schließt sich eine Betrachtung der großen Umwälzung aller wirtschaftlichen Verhältnisse im Zeitalter der Eisenbahnen und der Dampfmaschinen und der Handwerkerbewc- gungen des 19. Jahrhunderts. Ein ausführlicher Schlußabschnitt giebt eine Darstellung des älteren Handwerkslebens, seiner Sitten, Bräuche und seiner Dichtung, sowie eine Würdigung des Meistergesanges. Wie hier, so ist auch in den vorhergehenden Abschnitten der kulturgeschichtlichen Bedeutung des deutschen Handwerks überall Rechnung getragen, so daß sich das Büchlein auch in dieser Hinsicht sich einem weiten Leser- kreise empfiehlt. Vorzügliche Abbildungen erhöhen den Wert des geschmackvollen und dabei so preiswerten Bändchens. Versteckrätsel. Nachdruck verboten. Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind wie die Silbe „an" in „Wanderer." Ballkleid — Pfandscheine — Wasserschwall — Taubenhaus — Seemacht — Ewigkeit — Tannenbaum — Gasometer — Kammer- ______________________________________Herr. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer. Engel, Ange?. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Univerfitätr-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.