(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendors. (Fortsetzung.) Von dem Wirtschaftshofe herüber schallte noch Gesang. Die Mägde, die mit den stattlichen Kürassieren rasch Freundschaft geschlossen haben mochten, unterhielten ihre neuen Verehrer durch den Vortrag alter litauischer Volkslieder, die auch Elisabeth gar häufig vernommen hatte, deren schwermütige Weisen ihr jedoch heute zum ersten Male Thränen in die Augen trieben. Sie lauschte regungslos, bis endlich- auch der letzte Ton verhallt war; dann ging sie in ihr 'Schlafzimmer, entkleidete sich mit Hilfe der Zofe, die dort bereits auf sie wartete, und legte, sich ins Bett. Aber sie schlief nicht ein, sondern nach Verlauf einer Stunde, als es im Hause längst totenstill geworden war, stand sie wieder auf, legte unter sorgfältiger Vermeidung jedes Geräusches ihr Reitkostüm an und stieg, ihren Weg mit einer kleinen Blendlaterne beleuchtend, behutsam die Treppe hinab. Die Hausthür war von innen versperrt; aber der Schlüssel steckte im Schloß. Sein Knirschen konnte ihr nicht zum Verräter werden, denn es wurde übertönt von einem mächtigen Donnerschlag- der mit dumpfem Dröhnen und Poltern über das Schloß dahinrollte. Als Elisabeth den schweren Thorflügel öffnete, brauste ihr ein orkanartiger Wirbelwind entgegen, sodaß sie für einen Moment Mühe hatte, sich auf den Füßen zu erhalten, und rasch aufeinander folgende Blitze blendeten ihre Augen, indem sie die nachtschwarze Finsternis jäh mit einer Flut bläulichen Lichtes wechseln ließen. Ihre Laterne war unter diesen llmständen ganz wertlos, und mühsam nur tastete sich Elisabeth bis zu dem kleinen Stallgebäude hin, in welchem außer vier anderen wertvollen Pferden auch ihr Brauner untergebracht war. Die großen Hofhunde, die zu solcher Stunde selbst für die Bewohner des Schlosses nicht ganz ungefährlich waren, hatte man aus ihren Befehl in dieser Nacht gar nicht von der Kette gelöst, damit nicht etwa einer der Soldaten durch sie verletzt würde, und weil es ja auch! bei der Anwesenheit eines so starken militärischen Schatzes einmal lesen kann. Jean Paul. as Leben gleicht einem Buche; Thoren durchblättern es flüchtig; der Weise liest es mit Bedacht, weil er weiß, daß er es nur ihrer Wachsamkeit kaum bedurfte. Die Posten aber, die Herr von Kapnist ohne Zweifel reglementsmäßig hatte ausstellen lassen, wären bei diesem mit surchtbarer Heftigkeit losbrechenden Unwetter völlig außer stände gewesen, irgend etwas von den Vorgängen auf dem Hofe wahrzunehmen, selbst wenn sie nicht vor dem Gewitterregen, der mit der Wucht eines Wolkenbruches niederprasselte, in irgend einem halbwegs geschützten Winkel Unterschlupf gesucht hätten. Die junge Schloßherrin war bereits bis auf die Haut durchnäßt, als sie den Stall betrat, aber sie achtete dessen nicht, sondern machte sich ohne weiteres daran, ihrem Braunen, der mit leisem Wiehern den klugen Kopf nach ihr umwendete, das aus der anstoßenden Geschirrkammer herbeigeholte Sattelzeug aufzulegen. „Heut' sollst Du zeigen, was Du zu leisten vermagst, mein braves Tier", sagte sie, ihm schmeichelnd den schlanken, glänzenden Hals klopfend. „In dieser Nacht reiten wir um des besten Mannes Leben." Die ungewohnte Arbeit des Sattelns, zumal bei der kümmerlichen Beleuchtung durch die einzige Laterne, bereitete ihr große Mühe; doch ihre Energie überwand alle Schwierigkeiten, und nach wenig mehr als einer Viertelstunde konnte sie das Tier am Zügel hinausführen. Wohl schnob der Braune unruhig und gab durch lebhaftes Kopfschütteln sein Mißbehagen zu erkennen, als er das Unwetter spürte; ein freundliches Wort seiner Herrin aber machte ihn lammfromm, sodaß er sich geduldig ihrer Leitung überlieft Die schweren Flügel des großen Thorweges hätte Elisabeth bei dem tobenden Sturm Wohl kaum ohne fremde Hilfe zu öffnen vermocht; zum Glück aber gab es in der Ümfriedigungsmauer, die Franz sorgfältig hatte wiederherstellen lassen, noch eine kleinere Seitenpforte, und Elisabeth hatte sich schon im Laufe des verflossenen Nachmittags — wie sie meinte, ganz unauffällig — bert! Schlüssel dazu verschafft. Anfänglich schien zu ihrem Schrecken das wenig benutzte Schloß nicht nachgeben zu wollen; mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft brachte sie indessen doch endlich den Riegel zurück, und sie atmete auf, denn es war keineswegs der leichteste Teil ihres tollkühnen Vorhabens gewesen, den sie jetzt glücklich! hinter sich hatte. Ein paar hundert Schritte weit noch führte sie das Pferd am Zügel; dann schwang sie sich von einem am Wege liegenden großen Steine aus in den Sattel und ritt auf anfänglich noch wohlbekannten, gebahntem Wege dem Walde zu. Das Unwetter, das sie bis jetzt gesegnet hatte, weil es die Ausführung ihres Planes über alles Erhoffen begünstigte, machte sich- ihr nun, wo es an Heftigkeit noch beständig zuzunehmen schien, doch auf eine recht unangenehme Weise fühlbar. Daß ihr die triefenden 502 Kleider bleischwer am Leibe hingen, hätte sie wohl nur wenig belästigt; viel schlimmer war es, daß sie selbst hier, auf der bequemen Strahe, genötigt war, im Schxitt zu reiten, weil der von den unaufhörlich niederzuckenden Blitzen geblendete Braune auf keine Weise in eine schnellere Gangart zu bringen war. Kostbare Minuten, die sich kaum wieder einbringen ließen, gingen dadurch verloren, und voll beklemmender Bangigkeit dachte Elisabeth daran, wie sie unter diesen Umständen nun gar erst im dichten Wald den Weg wiederfinden sollte, der selbst am Hellen Tage nur für ein geübtes, angestrengt aufmerksames Auge zu erkennen war. „ Ihre Hoffnung, daß das Gewitter vorüber sein wurde, ehe sie den Wald erreichte, erfüllte sich nicht. Noch immer rollten und knatterten furchtbare Donnerschläge über ihrem Haupte, und noch immer goß es in Strömen vom tiefschwarzen Himmel hernieder, als sie im Aufleuchten eines neuen Blitzstrahls die unheimlich riesenhaften Stämme und das schier undurchdringliche Unterholzdickicht vor sich sah. Von ihrem sonst so sicheren Ortssinn völlig im Stich gelassen, verzweifelte sie von vornherein daran, den halb verwachsenen Pfad zu finden, den sie ja bisher nur zweimal im vollen Tageslichte geritten war, und alle ihre Hoffnungen ruhten jetzt nur noch auf dem Instinkt des Pferdes, dem sie entmutigt die Zügel auf den Hals fallen ließ. ' Sie war nahe daran, in Thräneu ohnmächtigen Zornes auszubrechen, als der Braune, dessen Schritt während der letzten Minuten immer langsamer geworden war, zuletzt stehen blieb, wie wenn er sich nun ebenfalls der Unmog- lichjkeit bewußt geworden wäre, in dieser finsteren Wildnis eine gangbare Straße zu entdecken. Hier warten zu müssen, bis es Tag wurde oder bis der Mond die Gewitterwolken durchbrach, war gleichbedeutend mit einer völligen Vereitelung ihres Unternehmens; denn sie hätte ine Birkengruppe hinter dem Totenhof dann kaum noch früher erreichen können, als die von Franz nach der glerchen Rrch- tung geschickten Kürassiere. An die Möglichkeit einer rechtzeitigen Warnung war nicht mehr zu denken, selbst wenn sie ihre eigene Person rücksichtslos preisgegeben und rhr Einverständnis mit dem Geächteten auf jede Gefahr hm offenbaren wollte. „ Von dem Bewußtsein ihrer Hilflofigkert zur Verzweiflung gebracht, beugte sich Elisabeth über den Hals des Pferdes und beschwor es unter liebkosendem Streicheln und Klopsen, weiter -zu gehen, als ob sie zu einem menschlichen Wesen gesprochen hätte. Und das treue Tier, von dessen glatter Haut das Wasser rn kleinen Bächen herabrieselte, machte ihre Hoffnung nrcht zu schänden. Es spitzte -die Ohren, begann mit oem Vorderhuf zu scharren, und setzte sich plötzlich wieder tn Bewegung, ganz langsam und vorsichtig zwar, doch tn einer bestimmten, mit Sicherheit festgehaltenen Rtchtung, die feine schärferen Sinne trotz der Dunkelhert und des. Unwetters glücklichHausgesPürt haben mußten. Nahezu drei Vrertelstunden mochte dieser unsaglrch aufregende Ritt bereits gewährt haben, als das Rauschen des Regens in dem dichten Laubwerk endlich nach-- lieh, der Donner immer schwächer, und die Blitze immer seltener wurden. Nur kurze zehn Minuten noch, und mit voller Klarheit trat der siegreiche Mond wieder aus den zerteilten Wolken hervor. War es auch nur eine matte, ungewisse Helligkeit, die seine Strahlen hier unter dem gewaltigen Blätterdach hervorzubringen vermochten, so reichten sie doch hin, den Weg erkennbar zu machen und Elisabeth eine Fortsetzung des Rittes in schärfster Gangart zu ermöglichen. Ein leichter Schein zwischen den Stämmen kündete ihr schon von weitem, daß sie dem Rande des Waldes nicht mehr fern sei, und nun, da sich die weite Ebene vor ihr aufthat, nahm ihr der Anblick des zerstörten Dorfes auch! den letzten Zweifel, daß der von dem klugen Tiere eingeschlagene Weg der rechte gewesen sei. Zwar konnte sie die Birkengruppe noch nicht sehen, aber sie hatte sich damals ihre Lage gut genug eingeprägt, um keiner neuen Ungewißheit mehr zu verfallen. Obwohl der grausige Knochenhügel inmitten des Dorfes jetzt, da er vom vollen Mondlicht beschienen war, noch leichter als damals am Tage ein Gegenstand des Schreckens für den Braunen werden konnte, gewann sie es doch nicht über ich, ihn durch einen zeitraubenden Umweg zu vermeiden, sondern sprengte mutig gerade aus ihn los, icher, daß ihr die gebieterische Notwendigkeit diesmal Kraft genug verleihen würde, sich die Herrschaft über ihr Pferd zu bewahren. Und sie hatte es nicht zu bereuen; denn der Braune stutzte nur für einen kurzen Augenblick, um dann, dem Zügel gehorsam, weiter zu galoppieren. Sie sah' die weißen Stämmchen der fünf niedrigen Birken vor sich austanchen, und sie parierte ihr braves keuchendes Tier hart vor dem kleinen Hügel, den sie bekrönten. Weithin vernehmlich tönte ihr fünfmaliger Pfiff durch die nächtliche Stille. Dann «wartete sie lauschend aus den Erfolg. Minute auf Minute verrann, ohne daß sich etwas geregt hätte, und eben hatte sie die Hornpseise abermals an die Lippen gesetzt, um das Signal zu wiederholen, als wie aus der Erde gewachsen ein Mann in Bauerntracht neben, dem Kopfe ihres Pferdes stand. Elisabeth erkannte ihn sogleich als jenen Husaren, der sie damals vor der Hütte des Majors bedient und später die Arznei aus dem Schlosse geholt hatte. Noch ehe er sie nach ihrem Begehr hatte fragen können, redete sie ihn hastig an: „Führt mich so schnell als möglich zu Eurem Major! Ich muß ihn auf der Stelle sprechen. Es handelt sich um seine Sicherheit und sein Leben". Der Mann, dessen ernste Miene keine Verwunderung über ihr Erscheinen zeigte, erwiderte rasch: „Der Major ist weit von hier entferrrt. Euer Gnaden müßten wenigstens eine Stunde reiten, noch dazu aus sehr üblem Wege. Aber es sind- einige von uns hier in der Nähe. Wenn es so dringend ist, werde ich eine Ordonnanz abschicken, die ihn ruft". „Ihr mögt immerhin einen Boten senden, wenn Ihr glaubt, daß er schneller ans Ziel gelangt, als ich. Aber Ihr müßt mir außerdem die Möglichkeit gewähren, dem Major entgegen zu reiten. Jede nutzlos geopferte Minute bedeutet einen uneinbringlichen Verlust". „Es thut mir leid. Euer Gnaden — doch- ich kann Ihnen den Weg nicht zeigen. Es wäre gegen meine £Drbrc/z. „Darauf kann es jetzt nicht ankomMen", bat Elisabeth in dem stehendsten, eindringlichsten Ton, den sie anzuschlagen vermochte. „Ich wiederhole, es gilt Euer aller Leben. Die Nachricht, die ich dem Major zu bringen habe, ist von äußerster Wichtigkeit. Wenn er sie nur um eine Viertelstunde zu spät erhält, sieht vielleicht keiner von Euch die Sonne dieses Tages untergehen". Nicht so sehr ihre Worte, als der rührende Ausdruck ihres schönen Antlitzes entschieden den Zwiespalt im Innern des Mannes zu ihren Gunsten. Nach kurzem Zureden erklärte er sich- bereit, ihrem Wunsche zu willfahren und die Verantwortung für seinen Ungehorsam auf sich zu nehmen. Er hieß sie eine kleine Weile warten und kehrte nach Verlauf von etwa fünf Minuten zurück, um ihr kurz zu melden, daß der Bote abgefertigt sei, und daß er sie nun dem Major entgegenführen wolle. Er selbst hatte sich nicht beritten« gemacht, und Elisabeth war deshalb trotz ihrer fieberhaften Ungeduld abermals genötigt, im Schritt zu reiten. Bald genug jedoch erkannte sie, daß der Husar recht daran gethan hatte, sein Pferd zurück zu lassen, denn sobald sie wieder in den Wald gelangt waren, wurde der Weg so schlecht und das Vorwärts- kommen so schwierig, daß der Braune sicherlich nicht einen Schritt weiter gethan hätte, wenn er nicht am Zügel geführt worden wäre. Von Minute zu Minute, wenn Dickicht und Gestrüpp ihr wie eine undurchdringliche Mauer entgegen starrten, fürchtete Elisabeth aus dem Munde ihres Begleiters zu hören, daß er sich verirrt habe; aber es fand sich doch immer wieder eine Lücke, groß genug, um einen einzelnen Reiter durchzulassen, und ohne Aufenthalt drangen sie wohl drei Viertelstunden lang in einer Wildnis vorwärts, die für keinen Unkundigen passierbar gewesen wäre. . .. u Auf einer kleinen Lichtung machte ihr Führer Halt. „Hier müssen Euer Gnaden den Major erwarten", sagte er, „denn wir würden sonst in Gefahr geraten, ihn zu verfehlen. Auch ist -er durch die Ordonnanz be- 503 — nachrichtigt, daß das gnädige Fräulein auf diesem Platze mü ihm zusammentreffen, werden." Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich dieser Weisung zu fügen, und jetzt wenigstens wurde ihre Geduld nicht mehr allzu hart auf die Probe gestellt. Denn noch waren nicht zehn Minuten vergangen, seitdem sie mit Hilfe des verkleideten Husaren vom Pferde gestiegen war, als das Knacken brechender Zweige die Annäherung des Erwarteten verkündete, und als sie die ritterliche Gestalt des geliebten Mannes hoch im Sattel zwischen den mondbeschienenen Stämmen auftauchen sah. (Fortsetzung folgt.) Die schnellsten Schiffe der Gegenwart. Von Dr. Otto Wegner. Nachdruck verboten. Ueber des weiten Ozeans blaue Flut nehmen Tausende von deutschen Kämpen den Weg zu den fernen Gestaden des Stillen Ozeans, um die ungeheure Frevelthat zu rächen, die aus den blutigen Instinkten der gelben Rasse heraus geboren, zur grausen Wirklichkeit geworden ist. Hinter den stolzen Passagierdampfern, welche die Elitetruppe, das Seebataillon nach China tragen, kommen die schwimmenden Festungen, die mit Kanonen gespickten, düsteren, Unheil drohenden Panzerkolosse, und ihren Spuren folgen, um sie dank ihrer den Seeschwalben vergleichbaren Geschwindigkeit, bald einzuholen, die flinken Hochseetorpedoboote, welche unbeirrt durch die Taifune des indo-chinesischen Meeres dem weitentlegenen, 12 000 Seemeilen entfernten Ziele zudampfen. Jenen, die zu Hause bleiben, und mit ihren Segenswünschen die Davonziehenden begleiten, und wohl auch letzteren selbst deucht es viel zu lange, daß ein Zeitraum von sechD bis acht Wochen vergehen wird, ehe diese stolzeste Flotte, welche Deutschhand je zu Kriegszwecken über das Meer geschickt hat, angesichts der ostasratischen Küsten vor Anker gehen wird, und so wird das Bestreben, das unseren gesamten friedlichen Festlandsverkehr beherrscht, und sich in den zwei Worten wiedergeben läßt „Immer schneller" auch zur Devise unseres Wollens zur See. Die Beantwortung der Frage nach den schnellsten Schiffen der Gegenwart zwingt uns, zurückzugehen auf jene Zeit, da die deutsche Handels- und Kriegsmarine im Leben unseres Volkes noch nicht die Rolle spielte wie heute, wo die deutsche Schiffsbaukunst noch weit, weit hinter den Leistungen Englands zurückstand und der Welt das klägliche Schauspiel geboten wurde, daß die im Völkerfrühling der Achtundvierziger Bewegung geschaffenen ersten Anfänge einer Kriegsflotte von Hannibal Fischer meistbietend versteigert wurden. An die beiden größten deutschen Schiffahrtsgesellschaften, die im Jahre 1847 gegründete Hamburg-Amerikanische Packetfahrtaktiengesellschaft und den im Jahre 1857 ins Leben gerufenen Norddeutschen Lloyd in Bremen knüpft sich nicht nur für Deutschland, sondern auch für alle anderen Schiffahrt treibenden Nationen W phänomenale Entwickelung des Baues von Schnelldampfern; denn nachdem man vorher das Hauptgewicht auf Schiffe gelegt hatte, welche geeignet waren, eine möglichst große Zahl von Auswanderern aufzunehmen und dabei gleichzeitig große Mengen Fracht zu befördern, schritten die genannten deutschen Gesellschaften, angefeuert durch has Beginnen der englischen Guionlinie, welche den damals hochberühmten Dampfer Arizona in Dienst stellte, an die Errichtung von Schnelldampferlinien, in deren Betriebe Zwischendeckspassa- giere und Frachten nur eine untergeordnete Rolle spielten. Hatte man mit den früheren Dampfern nur acht bis zehn Knoten in der Stunde zurückgelegt und den Weg über den Atlantischen Ozean von Bremen oder Hamburg nach! New- York in 18 bis zwanzig Tagen durchmessen — eine Fahrtdauer, die zum Beginn der siebziger Jahre immer erst auf 12 bis 14 Tage herab gedrückt war, so durchmaß das erste Eilschiff des Bremer Lloyd, die viel angestaunte „Elbe", diese Strecke in achteinhalb^ Tagen, und die anderen Dchpall- dampfer, welche die Gesellschaft in der ersten Hälfte der achtziger Fahre bauen ließ, blieben an Geschwindigkeit hinter der „Elbe" nicht zurück. Die erste Fahrt dieses Schiffes wirkte geradezu sensationell, und es beeilten sich auch die anderen seefahrende» Völker, das Beispiel Deutschlands nachzuahmen; letzteres machte nun aber den zwecken Schritt auf dem Wege zur Seemacht, indem es davon abging, seine großen und. schnellen Schiffe nicht mehr wie bisher im Auslande, und zwar namentlich in England, sondern am heimischen Strande zu bauen; es entstanden bezw. vergrößerten sich, die weltberühmten Werften in Hamburg, Kiel, Stettin und Danzig, und jedes Schiff, das dort vom Stapel lief, war ein Meisterwerk, welches den Vergleich mit den besten Schiffen wohl aushält, die in dem früher ein wahres Monopol ausübenden England gebaut waren. Die Glanzleistungen des deutschen Handelsschiffbaues der letzten Fahre sind in den Zeitungen so oft und ausführliche besprochen worden, daß hier über einzelne Zahlenangaben wohl hinweggegangen werden kann; erwähnt werden mag nur, daß es den Engländern mit ihrem derzeit größten Schiff der Erde, dem 215 Meter langen „Oceanic", nicht gelungen ist, einen neuen Schnelligkeitsrekord aufzustellen und daß Deutschland mit dem Riesendampferr „Kaiser Wilhelm der Große", der bei gewöhnlicher Fahrt 40 Kilometer in der Stunde zurücklegt und auf kürzere Strecken noch bedeutend größere Geschwindigkeiten erreicht, den führenden Platz im Schnelldampferbetrieb behauptet. In den letzten Tagen sind nun auch die Leistungen dieses Schiffes durch den ebenfalls zwischen Europa und Amerika fahrenden Dampfer „Deutschland" überholt worden, der schon bei seiner ersten transozeanischen Fahrt den bisherigen Schnelligkeitsrekord um eine Stunde verbessert hat, und wie durch die Erfahrungen bisher immer bewiesen wurde, bei seinen weiteren Fahrten jedenfalls noch bedeutend bessere Leistungen bieten wird. Hand in Hand mit der Entwickelung der Handelsflotten ist jene der Düegsmarinen gegangen. Es sind noch keine 40 Jahre her, daß die Amerikaner im Bürgerkriege mit dem ersten Panzerschiffe die Aera des Wettrennens um die dicksten Panzerplatten, die größten Kanonen und natürlich erst recht Um die größten und schnellsten Schiffe selbst hervorriefen. Seitdem ist unausgesetzt an der Vervollkommnung dieser furchtbaren Kriegsmaschinen gearbeitet worden; doch dürfen wir ihre schnellsten Vertreter nicht unter den Linienschiffen suchen, deren schwere Bepanzerung und artilleristische Armierung die Erreichung der höchsten Geschwindigkeiten ausschließt, die auch gar nicht angestrebt werden, da es für sie hauptsächlich darauf ankommt, in der Seeschlacht und im Kampfe gegen Landbefestigungen ihre Stärke zu zeigen. Um aber auf feindliche Kriegs- und Handelsschiffe Jagd zu machen — ein Geschäft, mit welchem dem Feinde ein ungeheurer Schwaden zugesügt werden kann — sind andere Schiffstypen im Gebrauch, welche die mittlere Geschwindigkeit der gewöhnlichen Kriegs- und Handelsdampfer um ein erhebliches übertreffen. Es find dies die besonders für den Auslandsdienst bestimmten Panzerkreuzer, die Torpedoboote und die Torpedojäger, welche in der für die ostasiatischen Wirren bestimmten deutschen Flotte eine große Rolle spielen. Leider will es ein eigenartiger Zufall, daß gerade die Chinesen, welche Europa gegenwärtig zur Entfaltung einer so bedeutenden Kriegsmacht zwingen, im Besitze der schnellsten Schiffe dieser Gattung sind, und daß gerade Deutschland der Staat gewesen ist, in welchem für sie diese furchtbaren Kriegswerkzeuge er Baut worden sind. Bei Schichau in Elbing, der weltbekannten Werft, aus der schon große Flotten von Kriegsschiffen für europäische wie für transatlantische Seemächte hervorgegangen! sind. Baute man im Jahre 1888 für die russische Regierung das erste Hochseetorpedoboot mit sehr bedeutender Geschwindigkeit; dieses Schiff, der „Adler", übertraf mit 27 Knoten gleich 44 Kilometer Fahrtgeschwindigkeit in der Stunde alles bisher dagewesene in so hohem Grade, daß es für alle späteren derartigen Schiffsbauten vorbildlich wurde, und der ohnehin schon rühmlich bekannten Firma von allen Seiten, namentliche von Rußland, Oesterreich; Japan, Chile ufw. umfangreiche Bestellungen zuführte. Nirgendwo auf der Welt find wohl die selbst gewonnenen Erfahrungen sorgsamer und fruchtbarer verwertet worden als es bei Schichau geschehen ist. Denn zum großen Verdruß und Erstaunen der Engländer, die auf — 504 — ihre Ueberlegenheit im Schiffsbau pochten, wiesen die weiteren Bauten der deutschen Firma am westpreußischen Ostseestrande ununterbrochen neue Fortschritte auf, und mit den schon erwähnten für die chinesische Regierung konstruierten Torpedobooten wurde schließlich eine Leistung geschaffen, welche, obwohl seit der Vollendung dieser Schiffe fast zwei Jahre verstrichen sind, nirgendwo anders erreicht worden ist. Diese Boote, die bei einem Deplacement von 270 Tonnen eine Länge von 59 Meter haben, sind für eine Besatzung von 4 Offizieren, 8 Unteroffizieren und 24 Mann erbaut und leisteten mit ihren 5600 Pferdekraft starken Maschinen, für welche 1200 Zentner Kohle in den Bunker,: liegen, bei den im August 1898 durchgeführten Probefahrten eine Stundengeschwindigkeit von 35,5 Knoten, was der Geschwindigkeit unserer Schnellzüge sehr nahe kommt. Seitdem hat sich jede Seemacht eine große Zahl schnell fahrender Torpedoboote beigelegt oder hat diese in Bau. England, welches weit über 200 Torpedoboote besitzt, baut gegenwärtig an nicht weniger als 18 solcher Renner des Ozeans, für welche eine Geschwindigkeit von 26 bis 33 Knoten — inan hofft sogar auf 36 Knoten — vorgesehen ist. Nicht weit zurück hinter diesen an Zahl der Schiffe bleibt Frankreich dessen Torpedoboote jedoch meistens nur zwischen 17 und 26 Seemeilen in der Stunde zurücklegen, und wo nur 7 Geschwadertorpedoboote und 31 Hochseetorpedoboote zwischen 20 und 30 Seemeilen fahren. Auch! in Rußland erreicht nur eine kleine Anzahl Torpedoboote 25 bis 30 Seemeilen Geschwindigkeit, während Italien, die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Japan sich des Besitzes einer großen Anzahl derselben erfreuen. Die deutsche Marineverwaltung, welche frühzeitig an die Schaffung einer bedeutenden Torpedoflottille ging, schleppt sich leider mit einer großen Zahl derartiger Fahrzeuge herum, die den heutigen Anforderungen an Geschwindigkeit durchaus nicht mehr entsprechen; denn unsere 11 Torpedodivisionsboote erreichen nur 50 Kilometer Geschwindigkeit gegenüber 61 Kilometer der englischen, und 56 und 57 Kilometer der französischen, italienischen, amerikanischen und japanischen Boote. Immerhin können wir mit den Durchschnittsleistungen unserer Torpedoflottille recht zufrieden sein und die nach dem Typus der chinesischen Schiffe bei Schichau bereits erbauten und noch im Bau begriffenen Hochseetorpedoboote führen unserer Marine ein Element zu, das den besten Torpedobooten des Auslandes mindestens ebenbürtig ist und der Aufgabe gerecht wird, sozusagen mit Blitzesschnelle auf dem Kampfplatz zu erscheinen und sich ebenso rasch der Verfolgung durch die größeren Schiffe zu entziehen. < Es sei zum Schluß nun noch gestattet, mit einigen Worten die voraussichtliche Zukunft des Schiffsbaues zu besprechen. Eine Schnelldampferfahrt von 5—6 Tagen nach Amerika kommt den hastenden Menschen der Gegenwart noch immer viel zu langsam vor, und es fehlt daher nicht an Projekten, diese Fahrzeit auf die Hälfte herabzudrücken. Wenn dabei die Phantasie über den nüchtern kalkulierenden Verstand das Uebergewicht erlangt, kommen manchmal die seltsamsten Pläne heraus. Schon vor drei Jahren glaubte ein Franzose mit einem auf großen Rollen ruhenden Schiff in drei Tagen den Atlantischen Ozean überqueren zu können; er machte ein glänzendes Fiasko; denn sein in ziemlich großen Dimensionen ausgeführtes Probeschiff kam überhaupt nicht von der Stelle, was ihm übrigens jeder Praktiker vorausgesagt hat. Nicht besser wird es mit pem vor kurzem aufgetauchten Projekt eines Schiffes gehen, das als Ganzes nichts anderes ist, als eine ungeheure Hohlschraube, in deren Hohlraum der zylindrische, Maschinen und Passagiere beherbergende Schiffskörper hängt. Alle diese Projekte sind nun eitel Narretei; denn die Schiffskörper werden sich immer an das von der Natur gegebene Beispiel halten, und die Gestalt des Fisches nachahmen müssen; jeder weitere bedeutende Fortschritt kann daher nur von Verbesserungen des bewegenden Apparates erwartet werden, und diese hinwiederum können nur von der Konstruktion stärkerer Maschinen und der Umgestaltung der Schiffsschrauben oder Ersatz derselben durch etway gänzlich Neues erhofft werden. Bei den Torpedobooten nehmen nun die Maschinen bereits einen derartigen Raum ein, daß an ihre Vergrößerung nicht gedacht werden kann. Etwas anderes hingegen wäre es, wenn das Problem der Umsetzung der schlummernden Energie der Kohle in lebendige Kraft gelöst würde; denn dann wäre es mögliche aus demselben Quantum Heizmaterial mindestens die drei- bis vierfache Energie als bisher für die Fortbewegung zu gewinnen. Was nun den äußeren Fortbewegungsapparat betrifft, so ist es durchaus nicht ausgemacht, daß die Schraube das Ideal desselben darstellt; denn der Flossenapparat jedes Fisches leistet unvergleichlich! viel mehr als die vorzüglichste Schraube, wie man sich durch folgende einfache Erwägung überzeugen kann. Ein 60 Meter langes Torpedoboot legt bei einer Stundengeschwindigkeit von 60 Kilometer in der Sekunde 16,6 Meter, also noch nicht den vierten Teil der eigenen Länge zurück; ein Fisch dagegen bewegt sich mühelos in einer Sekunde um das Vierfache der eigenen Körpec- länge vorwärts. Allerdings sind die Verhältniszahlen von Körperlänge und Sekundengeschwindigkeit für die Riesen der Fischwelt sehr viel ungünstiger als für die kleinen, aber doch noch vielfach Lesser als die entsprechenden Zahlen, welche für unsere Schnelldampfer gelten. Immerhin aber bietet der Versuch, Dampfschiffe durch flossenartige Apparate zu treiben, große Aussichten auf Erfolg und bietet die Möglichkeit zum Fortschritt ebenso wie trotz Zeppelins Ballonmonstrum die Nachahmung des Vogelfluges der einzig gangbare Weg zur Lösung des Problems des lenkbaren Luftschiffes ist. G-nreinniltziges. Den verehrten Leserinnen, die uns um Veröffentlichung von Einmache-Rezepten angingen, glauben wir einen Dienst damit zu iertoeifert, wenn wir sie auf das Wrzlich im Verlage von Hugo Steinitz, Berlin SW. erschienene Groß e Buch d er Ein m ach e tun st, gründliche Anleitung zum Einlegen von Früchten, Gemüsen rc., zur Herstellung von Gelees, Kompots, Marmeladen, Pasten, Fruchtsäften und dergl. von G. Gärtner aufmerksam machen. Das auf Grund langjähriger eigener Erfahrung verfaßte, von einem guten Haushalter klar und verständlich geschriebene Buch empfiehlt sich selbst dermaßen, daß es jeglicher Anpreisung fremder Zungen entraten kann. Der Preis, Mk. 1.50, des ansprechend ausgestatteten Buches darf mit Rücksicht auf das darin gebotene ein immerhin wohlfeiler genannt werden. D. R. Literarisches. Maria von Ebner-Eschcnbach, die gefeierte Novellistin, begeht am 13. September die Feier ihres 70. Geburtstages. Diese Gelegenheit hat den österreichischen Dichter Ferdinand von Saar veranlaßt, in der „Gartenlaube«« seine Begegnungen mit der berühmten Erzählerin zu schildern. Auch sonst bietet das beliebte Familienblatt eine Fülle lesenswerter Beiträge, aus deren Reihe wir einen Artikel R. Cronans über deutsches Lied und deutschen Sang in Amerika, einen sehr interessanten Bericht des Herrn Direktors Dr. L. Heck über eine neue Sendung ostafrikanischer Tiere für den Zoologischen Garten in Berlin, Mitteilungen über Blumenbindekunst und Rudolf von Gottschalls Erinncrungsblatt für Nikolaus Lenau hervorhcben. An Erzählungen liegt neben der Fortsetzung von Ludwig Ganghofcrs prächtigem Hochlandsroman „Der Dorfapostel" die anmutige Erzählung „In der Sundsstraße" von Charlotte Niese vor. Der bildliche Teil der „Gartenlaube", um den fich Peter Janssen, R. Mahn, Ernst Platz, H. Bachmann und andere verdient gemacht haben, steht auf der glänzenden Höhe, welche die Namen dieser Meister verbürgen. Logogriph. Nachdruck verboten. Mit „K" es dir der Himmel Als Speise pflegt zu senden. Mit einem „B" im Haupte Kann's kühlen Trank dir spenden. P. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Wer auch im Unglück noch besonnen bleibt, Wen Wohlergeh'n zum Uebermut nicht treibt, Wem in Gefahr der Mut nicht wird entrungen: Der ist ein weiser Mann und hat die Welt bezwungen. Indisch.. Rtbettien: ®. Burkberdt.— Druck und Verlag der Brühl'schen Uninersttiitl-Buch» und Steindruckerei (Pietsch Erden) in Gießen.