3 A W 'i n'.iiElZOrgsa MMZlhM -'LsMW^S Paul, indem et aufsptang und förmlich die Hände rang. „Der an dem Fallschirm schwebende Mensch kann unterwegs schwindlig werden, — die Kraft kann ihn verlassen." „Oder vor allen Dingen der Mechanismus an denk Dinge versagt, wie gch es seinerzeit einmal in München in Bayern auf der Vogelwiese miterlebt habe", mengte sich hier ein untersetzter, kleiner Mann ins Gespräch, der am Nebentisch gesessen und bereits mehrere Seidel sehr eilig hinuntergegossen hatte, „da war der Kasus dieser, daß der Schirm, der anfänglich gefaltet ist, sich durch den Widerstand der Luft nicht öffnen ließ, sondern zusammengeklappt blieb, sodaß er pfeilschnell die 300 Meter hinab in die Tiefe schoß" — — „Halten Sie ein, lieber Herr!" rief Frau Brinkmann, indem sie zitternd ihre Hand auf den Arm des Fremden legte. „Sie sehen, der alten Dame, meiner Mutter, wird schwach. „O mein Gott", setzte sie hinzu, „warum müssen wir diesen Tag erleben. Das junge Mädchen, daß Sie auf dem Bilde sehen, ist unser Pflegekind. Man giebt sie für eine Türkin aus, man knüpft Lügen an ihre Person und Vergangenheit — und wir stehen machtlos dabei und können sie nicht zurückhalten vor dem Verderben, — sie hat sich losgesagt von dem Einfluß, von dem Schutz der Ihrigen." Ein lauter Böllerschuß unterbrach diesen ersten Redestrom des bedrückten Mutterherzens. „Es geht los", sagte der kleine Mann, der mit neugierig-dntnmdreister Teilnahme dieser Eröffnung gefolgt war, und nun näher, wie ein Zugehöriger, an den Tisch heranrückte. „Da ist nichts zu machen, meine liebe Madam'. Sehen Sie hin, da tritt das Fräulein aus dem Artistenraum. Horchen Sie, wie man Hurra schreit. Steigen Sie auf den Tisch, Frau Großmama, und stützen Sie sich nur auf mich. Ei, ei, ei, seht, seht! Niedlich ist sie ja, die kleine Türkin vom Strande der Panke. Aber sehen Sie blos wie sonderbar! Warum' besteigt sie die Gondel nicht? Der Herr da, der sie am Arm erfaßt und sie so elegant hineinnötigt, das ist Herr Hase- mann. Was redet er denn auf sie ein?! Sehen Sie nur, sehen Sie! Sie will nicht! Sie schüttelt den Kopf. Schauen Sie blos um alles in der Welt, wie rot sie ist! Wie sie zittert, sehen Sie doch! Sie will nicht! Sie wehrt sich! Was sagt er denn, was fckftmpft er denn auf sie ein? Wie er keucht, wie er pustet, und sie nur immer „nein !" und wieder nein", und nochmals, — und schüttelt wie wild den Kopf — und da fängt man auch schon an, unruhig zu werden im Publikum, — horchen Sie blos das Johlen — und das Trampeln — Kinder — da muß ich hin."-- Auch Paul war fortgestürzt, beinah rascher noch als der kleine Mann, der vor Hast gegen alle Tische taumelte. Fast das gesamte Publikum hatte sich zu der Stelle hingedrängt, von der aus das Schauspiel des Aufstiegs erfolgen sollte, und ein dumpfes Gemurmel, das wie das Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Frau Brinkmann mit Paul Und der Großmutter befand sich unter dem letzten Nachschub, der sich durch den weitgeöffneten Eingang in den Garten drängte. Die beiden Frauen sahen schweigsam und ängstlich aus. Auch Paul ging mit gesenktem Blick. „Da steht der Ballon", flüsterte Paul, indem er den Kopf erhob und nach dem bewimpelten, zu einem Riesenumsang aufgeblähten Ungetüm hinüberzeigte, das in der Mitte des Gartens von einer dichten Mauer Neugieriger umringt war. „ Die Großmutter blickte in entgegengesetzter Züchtung in die leere Luft. „Ich; will ihn nicht sehn", stieß sie hervor. Und müde, erschöpft setzt sie hinzu: „Gieb nur einen Stuhl, mein Sohn. Meine Beine zittern nur so." „Murrer", bat Frau Brinkmann, als sie saßen, „beruhige Dich doch. Komm, trink eine Tafte Kaffee, das' wird Dir gut thuu." Aber die Greisin schob die Tasse zurück. „In Nettchens Todesstunde trinke ich keinen Kaffee nicht", brach sie hervor. „Meine Ahnung trügt mich nicht, Marie. Die kommt nicht heil wieder ’runter von. dort oben. Ich hab's die Nacht im Traum gesehn. Mit zerschmettertem Kopf lag sie da — die wilde, schlechte Martell." AW Paul saß mit zusammengepreßten Lippen. Sin Blick hing an dem in der Sonne grell flimmernden Ballon. „Sie sagt doch, daß die Probefahrt ihr gut gelungen war", begann Frau Brinkmann mit leiser, angstvoller Stimme. „Es wäre ihr wohl erst gruselig gewesen, tote sie zwei Kirchtürme hoch über der Erde den Fallschirm hatte ergreifen sollen — aber da hat sie die Augen rasch geschlossen, und krampfhaft festgehalten, und wie im Fieber hat sie geschrieen: „Los!" — und da hat sie nichts mehr gefühlt, als daß sie sich von der Gondel entfernte und langsam, wie auf Flügeln, hinabgeschwebt ist, bis ihre Füße den Boden berührten." — „Aber es sollte polizeilicherseits verboten sein!" rief eber em Ding wird viel geplaudert, Ü Viel beraten und lange gezaudert, Und endlich giebt ein bößes Muß Der Sache widrig den Beschluß. Göthe. - 130 - Geräusch empörter Wellen klang, aber von johlenden, zischenden Stimmen in kurzen Zwischenräumen unterbrochen wurde, pflanzte sich über die Köpfe des Menschenknäuels fort. Im Jnnenpunkt dieser Ansammlung, auf dem abgegrenzten Raum, der für den Umfang des Ballons abgesteckt war, stand Nettchen, die Aeronautin, im roten Fez, im rosa Trikot, und zitterte am ganzen Leibe wie Espenlaub. Sie stand wie betäubt. Sie begriff nicht, was geschehen war, vor ihren Augen tanzten Erde, Himmel und Ballon, sie sah wie in weiter Ferne die tausend höhnischen und grinsenden Gesichter, — und sie wußte nur das eine, daß sie die grausige Fahrt nicht machen könnte, daß dumpfe, bleierne Angst in ihre Seele gezogen war und daß im entscheidenden Augenblick ihre Füße schwer wie Eisen sich gegen das feste und sichere Land stemmten, das sie zu schwindelnder Luftfahrt verlassen sollte. • Sie hörte die schimpfende, vor Erregung geradezu heisere Stimme des Luftschiffers, dem sie sich verpflichtet hatte, vernahm Worte wie „Niedertracht" — „Schande" — „Blamage vor dem gesamten Publikum". Sie hörte das Johlen und Hohngelächter der Menge, und angstvoll, wie ein bedrohtes Wild, das ringsum von Jägern umlauert rst, spähte ihr Blick die Menschenmauer auf und nieder, eine Lücke zur Flucht zu entdecken. Plötzlich sah sie eine Gestalt sich durchdrängen, durch den immer verworrender werdenden Knäuel ihr zustreben. „Paul!" schrie sie leise auf. Mit einem einzigen, blitzschnellen Sprunge war sie vom Rande der Gondel, stieß ein paar Frauen beiseite, die sich neugierig bereits über den abgesteckten Kreis gedrängt hatten, und während sie durch die entstandene Lücke in den Knäuel des Publikums schlüpfte, rief sie mit weinender Stimme. „Lassen Sie mich durch. Ich kann nicht mit. Ich habe so viel Angst!!" Jetzt hinderte sie niemand mehr, neugierig wich alles zurück-, und nur spöttische, ordinäre oder auch mitleidige Scherzworte flogen zu diesem seltsamen Flüchtling hin, dem großen, in Trikot gekleideten Mädchen, dieser imitierten Türkin, der die hellen Thränen aus den Augen stürzten, während der im hastigen Laufe rhr abgefallene Fez wie ein roter Capuchon auf ihrem Nacken hing. Im selben Augenblick jedoch ließ der Lustschiffer, der seine Geistesgegenwart wiedergefunden hatte, einen zweiten Böllerschuß abgeben, schwang sich auf die Gondel und gab durch ein Schwenken seiner roten Fahne das Zeichen zur Abfahrt. —• Aller Augen richteten sich nach dem aufgeblähten Riesenballe, der langsam, majestätisch in die Höh' zu schweben begann, während der Aeronaut auf dem schmalen Rande der Gondel, in der Schwebe zwischen Himmel und Erde stand, und einen leichten Sprühregen von Sand herniederrieseln ließ. Nnr wenige noch weihten ihre Aufmerksamkeit dem jungen Mädchen, das halb ohnmächtig an die Brust eines jungen Mannes gesunken war. Nur der kleine Zettelträger, Nettchens früherer Berufsgenosse, hatte keine Augen für das Ballonschauspiel, mit starrem Blick betrachtete er die Gruppe. Das Kuchenweib hatte sich an seinen Stand zurückgezogen und wehrte mechanisch den Fliegen, die auf dem türkischen Honig dunkle Schattierungen verursachten. Es kränkte sie, daß Nettchen, ihre eifrigste Kundin, sich diese öffentliche Blame zugezogen hatte. Aber die Schießbudendame schwamm in Genugthüung. Bolzen laden ist freilich ein leichter Ding, als per Luftballon durch die Wolken schießen. — Sie hatte es ja vorausgesagt. Wer hatte man ihr denn geglaubt? Ruhige Tage zogen ein bei der Familie Brinkmann. — Nettchen, die an dem verhängnisvollen Tage mit der Familie heimgekehrt war, schien still und verschlossen. Der Sommer verging, der Winter, ein Jahr neigte srch seinem Ende zu. Paul war glücklich. Die Unruhe war von ihm gewichen. Nettchen war in seiner Nähe! Sie atmete mit ihm wieder unter demselben Dache! Mehr verlangte er nicht. Die beiden Frauen berieten längst mit Ruhe die Dinge, die sie kommen sahen: Die beiden jungen Menschen waren herangewachsen; Paul konnte ohne dieses Mädchen niM leben. Es war das Richtigste, sie einander zu geben. Unmerklich, von den Frauen auf leise Weise geleitet, verschob sich das bisherige Verhältnis von Bruder und Schwester, um einem bräutlichen Zustand Platz zu machen. Niemand sprach feierliche oder zeremonielle Worte aus. Aber die Großmutter und die Mutter begannen schaffend die Hände zu regen, und wenn Paul mit scheuer Befangenheit zwischen Vorbereitungen erriet, von denen er that, als begriff er sie nicht, hieß es lächelnd: „Hier wird ein kleines Nest gebaut. Es soll ein fremder Herr einziehen mit seinem Weibchen." Zwei Zimmer der Wohnung wurden auf diese heim- lich^frohe Weise hergerichtet, mit teilweise neuen Möbeln, stischen Gardinen und manchem modernen Stück, das in den Haushalt einer jungen Ehe paßte. Nur die „Berliner" Stube behielten die beiden Frauen für sich. Nettchen ließ alles stillschweigend geschehen. Sie war äußerlich eine andere geworden, ihr Wesen schien gesittet und still, ihren. Straßenkind-Jargon hatte sie abgelegt, von leidenschaftlichen Ausbrüchen hörte und sah man nichts mehr. Widerspruchslos nahm sie die Glückwünsche der wenigen Bekannten entgegen, die bei gelegentlichen Besuchen ihre mit Neugier gemischte Teilnahme wortreich zum Ausdruck brachten. „Nun sind Sie ein Bräutchen, Kleine", sagte eine der Hausfreundinnen, die seinerzeit so stark um das Wohl des anscheinend so.sehr zurückgesetzten Pflegekindes besorgt gewesen war, „nun werden- Sie keine Gelegenheit mehr haben, mit einem Ballon in die Wolken zu fliegen. Der Herr Paul wird, sein Frauchen fest am Schürzenband halten, daß es nicht mehr davonflattern kann, etwa nach der Hasenheide hin, oder sonst an einen Ort, wo sie nicht hingehört." Nettchen blickte mit einem seltsamen, starren Ausdruck auf; aber sofort fielen ihre Lider wieder über ihre Augen. Blitzesgleich waren in diesem Moment verwirrende Bilder an ihrem Blick vorbeigeflogen. Sie sah die Hasenheide, die vielen jauchzenden, lachenden Menschen, die wogende Sonntagslust. Und schönere Bilder kamen — hinter dem geschlossenen Blick zog Reihe an Reihe vorbei. Sie sah die weite, große Welt, in die sie einst in schwindelnder Angst und doch voll seligen Gruselns aus der Gondel des Luftschiffers hinäbgeblickt hatte, und vor ihren Augen nahmen alle Dinge und Gegenden, von denen sie gehört, und gelesen hatte, urplötzlich Gestalt an, sie erblickte wie eine Fata Morgana die Reiche der Erde, sah Länder voll wilder, gigantischer Wunder, sah! London, Wien, Paris, alles Städte von endloser Größe, in denen acht- und zwöls- spännige Karossen führen, Grafensöhne und Fürsten spazieren gingen, während Frauen in alle den Trachten, welche der „Bazar" und die „Modenwelt" veranschaulichten, in hellstem Sonnenlicht vor unaussprechlichen Schaufenstern in allen Sprachen der Erde sich über die Freuden des Daseins unterhielten. Der Traum, die Illusion waren so intensiv, daß Nettchen zusammenfuhr, als jemand sie weckte. Es war Paul, der vor ihr stand und ihr einen schmalen, goldenen Reif entgegenhielt. ,,Habe ich! Dich erschreckt?" fragte er, indem er ihr ies in die Augen blickte. Sie errötete flüchtig, dann nahm ie den Ring. Spielerisch streifte sie ihn auf ihren Gold- inger. „Der Verlobungsring", flüsterte Paul. Er nahm ihre Hand, drückte sie fest, fest an sein Herz. — — In den kommenden Wochen war Nettchen unruhig und erregt. „Ich muß was thun, — mir was zu schaffen suchen", sagte sie. „Laßt mich nähen lernen gehn, oder schneidern, Mutter. Ich kann ja so gar nichts, was man als Hausfrau nötig hat." Sie ließen sie gern gewähren. Vielleicht wurde ihre Unruhe, die ihnen jetzt, so kurz vor einem neuen Lebensabschnitt, nur natürlich dünkte, durch eine solche Thätigkeit gestillt. — In der großen Nähstube, in die Nettchen eintrat, herrschte von früh bis abends sieberhafte Thätigkeit. Fräulein Windelbach, die Unterrichtsmeisterin, hielt auf strenge Disziplin, und mit ihrem Ellenmaß in der Hand, eingeschnürt in einen Stahlpanzer, dessen Schienen man durch die Aufnäher der Taille sich abheben sah, schritt sie auf und ab zwischen den Reihen der Arbeitenden wie ein gewappneter Gensdarm. Immer, wenn eines der jungen Mädchen den Kopf von der Arbeit hob, um einen Blick nach der grauen Hofwand hinauszutyun, oder auf den Zeiger der Schiffsuhr, die über der Thür hing, fühlte es das Klopfen des Ellenmaßes im Rücken oder aus der Frisur, und die herbe Stimme des Fräuleins rief in hohem Ton: „Hohlsaum und Passe, mein Kind! — Was macht die Hinternaht? — Immer noch nicht beim Aermelloch?" Als Nettchen den ersten Morgen des Unterrichts hinter sich hatte und abwartend in den Korridor der Nähakademie hinaustrat, war sie wie gerädert. Es war vereinbart worden, wegen der Kürze des bis zur Hochzeit verbleibendn Zeitraumes, daß sie den Kursus doppelt nahm, also den Vor- und Nachmittagsunterricht in eins zusammenfaßte. Für diesen Thätigkeits-Plan hatte man mit Fräulein Windelbach das Uebereinkommen getroffen, daß Nettchen, in Anbetracht des weiten Nachhauseweges, die Mittagspause in der Akademie verbringen und dort auch das Mitagtsmahl einnehmen solle. „Wir haben auch- einen kleinen Garten", hatte Fräulein Windelbach den Frauen versichert, „in diesem darf das junge Mädchen ihre Erholungspausen verbringen" (Fortsetzung folgt.) Elektrizität aus dem Müllkasten. Von Fred Hood. Nachdruck verboten. Es ist ein hervorstechender Zug unserer Zeit, daß sie die Abfallstoffe fast jeder Industrie nutzbringend zu verwerten weiß und unablässig bemüht ist, neue Verfahren für ihre Verarbeitung ausfindig zu machen. Aber gerade für die unvermeidlichen Abgänge des einfachsten aller Betriebe, des bürgerlichen Haushalts, welcher auch bei sparsamster Verwaltung große Mengen solcher Stoffe erzeugt, hat man bisher die rechte Verwendung nicht gefunden. Die Hauseigentümer haben sich daran gewöhnt, für die regelmäßige Müllabfuhr, für die sie ein ganz hübsches Sümmchen zu zahlen haben, Sorge zu tragen; und ich glaube, daß bei uns kaum jemals ein Hauswirt darauf verfallen wäre, von dem Abfuhrunternehmer noch eine Entschädigung für das in seinem Hause erzeugte Produkt zu verlangen. In England aber, dem kohlenreichsten Lande, repräsentiert der Inhalt der Müllkästen, welche noch häufig Kohlenstaub und Koks enthalten, in der That einen gewissen Wert, und es. hat eine Zeit gegeben, in welcher sich die Unternehmer nicht allein um das Privilegium der Müllabfuhr eines Bezirks eifrigst bewarben, sondern noch ein ganz nettes Trinkgeld für dieses Vorrecht bezahlten. Das ist allerdings auch schon 30 Jahre her, und man würde sich heute vergeblich nach einem Unternehmer umsehen, der sich zu diesem Geschäft bereit fände. Unter anderem erhielt. das Kirchspiel von St. Pankratius in London im Jahre 1867 für seine Müllproduktion die Summe von 1525 Pfund (zirka 31000 Mark), während es im Jahre 1893 mehr als das zehnfache dieser Summe für die Entleerung seiner Müllkästen bezahlen mußte. Wie konnte in dieser kurzen Zeit ein so merkwürdiger Wechsel eintreten? Nun, vor dreißig Jahren, da das vorstädtische London in der Entwickelung begriffen war, dachte noch niemand daran, Ziegelsteine ohne Zusatz von Hausmüll zu brennen. Der Inhalt der Müllkästen lieferte das aus den Kohlenresten bestehende Brennmaterial — „breeze" genannt — zum Entzünden der Lehmziegel in den Meilern. Seitdem ist der Marktpreis des Mülls sehr gesunken, bis schließlich die Nachfrage ganz aufgehört hat; denn heute produziert London eine ungeheuere Menge dieser Abfallstoffe, auch hat die Technik der Ziegelfabrikation neue Formen an»- §b"Enwn. So sah man sich genötigt, für die Beseitigung des Mülls, welches jetzt in der Regel auf Barken verladen rn die See hinausgesahren und in die Tiefe versenkt wird, ebenso, wie bei uns große Entschädigungen zu zahlen. Dres veranlaßte vor etwa siebzehn Jahren , mehrere Klrchsprele, das „Destruktorsystem" einzuführen. Solch ein Destrnktor ist eine Art Schachtofen, in welchem die Materie 131 — schnell verbrannt und absolut unschädlich gemacht wird. Es stellte sich heraus, daß es billiger sei, auf diese Weise die Abfallstoffe zu vernichten, als für das Wegschaffen ansehnliche Summen zu zahlen. Gleichzeitig galt es, aus diese Weise die Gefahren, welche durch den Transport leicht staubender und verwesender Stoffe der Gesundheit des Menschen erwachsen, zu beseitigen. So trat die Müllabfuhr in London in eine neue Phase, und für den Augenblick schien eine befriedigende Lösung der Frage gefunden zu sein. Mittlerweile hatte die Elektrotechnik aber einen riesigen Aufschwung genommen. Große und kleine Städte wurden durch den elektrischen Strom erleuchtet, Straßen- und Eisenbahnen durch dieselbe geheimnisvolle Kraft getrieben, und Riesenarbeiten geleistet, deren Bewältigung man bis dahin für unmöglich gehalten. Die Werke am Niagara wie auch an kleineren Wasserfällen hatten jedermann belehrt, daß mit Hilfe dieser Kraft die an einem Orte entwickelte Energie durch Drähte nach einem entfernten Punkte übertragen und dort noch einmal in Bewegung oder Licht umgesetzt werden könnte. Nun verbündeten sich die Anhänger des Destruktor- systems mit den Elektrikern und wiesen darauf hin, daß bei der Verbrennung all jener Abfälle eine bedeutende Hitze entwickelt werde, daß man diese aber völlig nutzlos zum Schornstein hinausjage. Warum sollte man sie nicht zum Betriebe von Dynamomaschinen anwenden und, wenn dies möglich, den erzeugten Strom zur Beleuchtung des Kirchspiels nutzbar machen? Diese interessante Frage, deren Lösung zu den glänzendsten Hoffnungen berechtigte, wurde eingehender Prüfung unterworfen. Das Resultat war die Verwirklichung des sonderbaren Projekts; St. Pankratius errichtete die ersten Müllöfen für elektrischen Betrieb. Ueber die Einrichtung dieses merkwürdigen Etablissements entnehme ich „Chambers Journal" folgende interessante Mitteilungen. Der Gebäudekomplex gleicht äußerlich einer großen Fabrikanlage, und wer seine Bestimmung nicht kennt, dürfte sich nicht wenig über den langen Zug von Müllwagen verwundern, die fortwährend gefüllt zu einem Thor hinein und leer aus einem zweiten herausfahren. Diese Wagen entleeren ihren unappetitlichen Inhalt in weite Tröge, aus welchen die Masse in Fülltrichter und dann in die Oefen fällt. Die Trichter sind mit einer Vorrichtung versehen, durch deren Bewegung der Müll ununterbrochen in die Flammen befördert wird. Dieser Mechanismus wird durch eine Dampfmaschine getrieben, die zugleich einen starken Luftzug in den Oefen erzeugt, um die Verbrennung der schwer entzündbaren Stoffe zu befördern. Doch ist auch noch ein bestimmtes Kvhlen- quantum erforderlich, um die vollständige Verbrennung des Mülls herbeizusühren. Nur Töpfe, Kessel und anderes. Eisenzeug, welche die Maschine leicht verstopfen könnten, werden vorher entfernt und nach Lancashire verschifft. Hier werden sie eingeschmolzen, um in anderer Form eine neue Laufbahn zu beginnen. Minder zweckmäßig find die Müllverbrennungsöfen eines anderen Systems, welche fortwährend von den sich schnell ansammelnden Schlacken und der Asche gereinigt werden müssen. Indessen sind auch die Schlacken kein Abfallprodukt, denn sie geben, in Mühlen zermahlen und mit einem Bindemittel vermischt, ein vorzügliches Mörtelmittel, das im Kirchspiel verarbeitet wird. So werden täglich achtzig bis hundert Tonnen Müll für den Dienst eines Elektrizitätswerkes nutzbar gemacht, um Schmutz und Finsternis in Licht umzuwandeln. Viele Monate der Erfahrung hatten mancherlei Ver- besserungen wünschenswert gemacht, und so konnte sich das Shoreditch-Kirchspiel, welches vor drei Jahren ähnliche Werke, jedoch in noch weit größerem Maßftabe eröffnete, aus den in St. Pankratius gesammelten Erfahrungen Nutzen ziehen. Shoreditch hat eine zeitlang einem Unternehmer ca. drei Schilling per Tonne für das Wegschasien eines Mülles bezahlt. Jetzt verbrennt es ihn in seinen Müllöfen und verdient dabei Noch; zwei Schilling per Tonne, das ist bei achtzig Tonnen pro Tag ein jährlicher Reingewinn von nahezu dreitausend Pfund. Die Hauptvorzüge dieses (Systems bildet die Anwendung zweckmäßiger Röhrenkessel und ein neues Verfahren der Wärmeauffpeicherung, durch welches jede Verschwendung vermieden wird. Man wird die Wichtigkeit letztgenannter Einrichtung ohne weiteres erkennen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Arbeit der Müllverbrennung naturgemäß kontinuierlich ist, da volle Wagen jeden Augenblick eintreffen und ihr Inhalt ohne Aufschub in die Oesen befördert werden muß. Deshalb wird auch in den Tagesstunden in den Kesseln Dampf erzeugt, welcher erst später für den Betrieb der Dynamomaschinen zur Beleuchtung des Kirchspiels Anwendung findet. Shoreditch ist von allen Bezirken Londons am dichtesten bevölkert; es bedeckt eine Quadratmeile und gewährt nicht weniger als 124 000 Personen Wohnsitz. Das ist ein Versuchsfeld, auf welchem jede elektrische Gesellschaft mit Wonne ihr eigenes System erprobt hätte. Aber zum besten der Bevölkerung hat sich das Kirchspiel das Beleuchtungsmonopol Vorbehalten. Es ist in der Lage, das Licht einer Lampe von acht Normalkerzen Stärke während sechs Stunden für einen Penny abzugeben. Dies ist fürwahr eine Wohlthat für einen Stadtteil, dessen Bewohner in der Mehrzahl dem Arbeiterstande angehören; denn Shoreditch ist der Sitz der Möbelindustrie, und nahezu jedes Haus ist eine kleine Fabrik. Ueberdies liefert das Kirchspiel am Tage Strom zum Treiben kleiner Maschinen, und zwar zu einem sehr mäßigen Preise. Gegenwärtig stehen bereits mit diesem ausgedehnten Unternehmen, welches 70 000 Pfund gekostet hat, Bäder und Waschhäuser, eine öffentliche Bibliothek und ein „technisches Institut" in Verbindung. Man sieht also, Shoreditch! thut nicht wenig, das Wohlsein seiner Bewohner zu fördern. Aber weit über die Grenzen dieses Kirchspiels hinaus dürften jene Anlagen, welche den widrigen Inhalt der Müllkästen in strahlendes Licht verwandeln, das lebhafteste Interesse der gebildeten Welt erregen und die Verwaltungen der Großstädte zur Nacheiferung ermuntern. GeineinnÄtziges. Es ist eine nicht zu verkennende Thatsache, daß bei der Anlage von Haus- und Villengärten noch sehr gesündigt wird. Plan- und ziellos werden einige Wege ausgeschaufelt, die Grenzen des Grundstückes werden schablonenmäßig zugepflanzt, das übrige wird eingefäet einige mehr oder weniger passende Blumenbeete werden angelegt und der Durchschnittsgarten ist fertig. Man kann aber schon aus kleinem Raum unter beschränkten Verhältnissen einen hübschen Hausgarten schaffen, in dem nicht Planlosigkeit und Willkür herrschen, sondern der das Walten eines ordnenden, denkenden Geistes verrät. In seiner soeben erschienenen Nummer zeigt der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau an der Hand zweier Pläne, nach welchen Gesichtspunkten die Anlage derartiger Gärten zu erfolgen hat. Er weist darauf hin, daß kleine Gärten in den meisten Fällen regelmäßig anzulegen sind und daß das Gebäude die einzig richtige Grundlage ab- giebt, an die sich die Gartenanlage anschließt. Man möge doch endlich aus die verschnörkelten und verschlungenen Wege verzichten und zu einer ruhigen, vornehmen Wegeführung zurückkommen. Wer sich für die Sache interessiert, lasse sich die reichillustrierte Nummer vom Geschäftsamte zuschicken. ______ Litterarischer. Da- Buschobst. Schnell lohnende Obstzuchst nach vereinfachtem Verfahren von Johannes Büttner, Chefredakteur des Praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau. 2 verbesserte Auflage 122 Seiten, 62 Abbildungen. Verlag von Trowitzsch und Sohn in Frankfurt a. d. Oder. Preis brochiert 1,80 Mk. Herr Di*. E. S. Zürn, Dozent für Obst- und Gartenbau am landwirtschaftlichen UnivcrsitätSinstitut in Leipzig schreibt über die erste Auflage in der Leipziger Zeitung: „Wir können nach eingehendem Studium vorliegenden Buches sein Erscheinen nur mit Freuden begrüßen, den ausgezeichneten und ungemein instruktiven Ausführungen seines Verfassers, ganz besonders denen auf Seite 18. voll und ganz beipflichten. Wenn man fast alltäglich zu beobachten Gelegen- heit hat, wie wenig in unseren Obstgärten ein korekter Baumschnit verstanden und ausgeübt wird, und welche ungezählten Mengen dauernd 132 - unfruchtbarer Obstbaumhochstämme die Gärten füllen, dann muß Man für eine Obstgchölzkulturart, wie die obige, stch erwärmen und ehr eine große Zukunft auch für Deutschland prophezeien; denn sie besitzt vor allem die großen Vorzüge, weit früher und gegen unrichtige Aussuhrungs- weise viel mehr gesicherte Erträge zu geben und einfacher, naturgemäßer leichter versteh- und ausführbar zu fein. Wir halten deshalb die Busch- obstkiiltur nicht nur für den aus Erzielung von Maffenertragen hm- arbeitenden Großobstzüchter, sondern namentlich auch für den in der Obstkultur noch minder erfahrenen Liebhaber als besonders empfehlenswert Ihnen wird dieses Böttner'sche Buch der beste Ratgeber sein, zumal da auch zahlreiche vortreffliche Jllustraüonen seinen Textmhalt auf das Beste erläutern helfen". In dreiviertel Jahren — vom April bis Dezember 1899 — sind, nach einer Mitteilung der Verlagsbuchhandlung, rund 2500 Exemplare dieses Buches verkauft worden; das beweist, daß der erfahrene Leiter des Praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau auch mit dieser seiner neuesten Schrift wieder den Nagel auf den Kopf getroffen hat. In der zweiten, verbesserten Auflage hat Herr Büttner die neuesten Erfahrungen berücksichtigt; dieselbe ist noch recht- zeitig erschienen, um bei der bevorstehenden Arühjahrspstanzung zu Rate gezogen zu werden. Ein Werk, das nach Anlage, Durchführung und Wert, den es für die gesamte gebildete Lesewelt besitzt, die lebhafteste Beachtung auch weiterer Kreise verdient, ist soeben nach Ausgabe der letzt erschienenen achten Lieferung zum Abschluß gelangt; es ist dies das im Verlage der Königlichen Hchbuchhandlung von E. S. Mittler u. Sohn in Berlin herausgegebene , Wörterbuch philosophischen Begriffe und Ausdrücke", quellenmäßig bearbeitet von Dr. Rudolf Eisler. Das Werk, das nahezu 60 Bogen umfaßt, bietet eine einheitliche, über das Gesamtgebiet der Philosophie sich erstreckende übersichtliche Erläuterung der verschiedenen Begriffe und Ausdrucke dar. Dasselbe, die Frucht mehrjähriger angestrengter Arbeit, macht sich ,m Unterschiede von anderen ähnlichen Werken zur Ausgabe, die mannig- sachen Begriffsbestimmungen, wie sie uns im Gesamtgebiete der Philosophie begegnen, in ihren wichtigeren Modistkationen vom Altntume bis zur jüngsten Gegenwart, und zwar quellenmäßig und möglichst un Wortlaute der Originale (bezw. ihrer Uebertragung ins Deutsche) m einer gewissen Ordnung aufzuführen. Der Hauptsache nach ist das Werk also eine Geschichte der philosophischen Terminologie nut besonderer Berücksichtigung der Begriffe, wodurch die Beziehung zu den Theorien der Philosophen hergestellt wird, ohne daß diese hier den eigentlichen Gegenstand der Bearbeitung bilden. Der Verfasser verhält sich in seinen Darbietimgeu völlig objektiv, sein Wörterbuch bietet ein ausgewahltes und geordnetes Ouellenmaterial für vergleichende und kritische Unter, suchungen dar; es zeigt, in welch glänzender Weise der Bearbeiter den riesigen Stoff beherrscht. Durch zweckmäßige Anordnung und Gruppierung, wie durch das Hervorheben des Wichtigeren ist auch der innere Zusammenhang erreicht worden. Berücksichtigt sind die meisten erkenntnistheoretischen, metaphysischen, logischen, psychologischen, ethischen, ästhetischen Begrisse und Termini, wie sie in der antiken, scholastischen, neueren und neuesten Philosophie in Gebrauch kamen. Bei jedem der dargestellten Begriffe ist auf die ihm verwandten verwiesen worden. Es kann nicht fehlen, daß ein solches Buch zu einem Handlich, zu einem Sammelpunkte des Interesses für jeden wird, der sich feiner bedient, daß fein Besitzer neue Belagstellen aus feinen eigenen Studien, seiner Lektüre darin vermerkt, den Text durch seine eigenen Wahrnehmungen, seine Lesefrüchte und Studienergebniffe bereichert und erweitert. Es bildet somit ein ausgezeichnetes Hilfsmittel für philosophische Studien und wird den Philosophie Studierenden und allen, die sich ernsthaft als Forscher und Gelehrte mit der Wissenschaft und ihrer Geschichte beschäftigen, als Hand- und Hilssbuch für die Orientierung, als Fundstätte für die Litteratur und als nächster Hinweis auf die am meisten charakteristischen Aussprüche der Autoren wesentliche Dienste leisten. Aber auch weiteren Kreisen wird das „Eisler'sche Wörterbuch , da sich in der gebildeten Umgangs- und Schriftsprache philosophische Ausdrücke in Menge finden, ohne daß die jeweilige Bedeutung doch eine eindeutige wäre, von hohem Werte und Interesse fein; fo toirb es selbst für Unterrichtszwecke dem Philologen wie dem Mathematiker oder Na- turwiffeuschaftler als Nachschlagebuch viel Nutzen bieten. Ein Verzeichnis philosophischer Onellenwerke, alphabetisch nach den Philosophen geordnet, beschließt das Werk, das nunmehr sowohl vollständig (geh. Mk. 16,—, geb. Mk. 18,—), als auch lieferungsweise (8 Lfgn. & Lsg. Mk. 2,—) zu beziehen ist. Logogriph. Nachdruck verboten. Ohne mich würd' es dir schwer, Deine Arbeit zu verrichten. Trag' ich „G" statt „L" als Kopf, Sehnst du dich nach mir mit Nichten. w. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Gedanken sind zollfrei. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.