(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Einer von diesen jungen Offizieren, ein hübscher, schlanker Leutnant von höchstens vierundzwanzig Jahren, dessen elastischer Gestalt und dessen thatenlustiger Miene man es unschwer ansah, daß er für solchen „Sporn des Ruhmes" keineswegs unempfindlich sein würde, schritt an einem Sommertage des ersten Friedensjahres 1763 durch die Straßen der Festung Küstrin. Die Spuren des furchtbaren Bombardements, dem das freundliche Oderstädtchen fünf Jahre zuvor durch die Russen ausgesetzt worden war, ließen sich noch immer hier und da an den Ruinen eines Hauses wahrnehmen, aus dessen leeren Fensterhöhlen all das schauerliche Elend des Krieges zu grinsen schien. Der schmucke Leutnant aber war in den sechs Monaten, die er hier bereits zubrachte, hinlänglich an den traurigen Anblick gewöhnt worden, um sich keinerlei Gedanken mehr darüber zu machen. Er ging an den zerschossenen Gebäuden ebenso vergnügt vorüber wie an den unversehrten, um endlich nach einem letzten prüfenden Blick über seine eigene wohlgebaute Figur, den hübschen, kleinen Garten zu betreten, der ein schmuckloses Häuschen nahe dem Oderufer umgab. Eben wollte er den Klopfer an der verschlossenen Thür in Bewegung setzen, als eine fröhliche, jugendhelle Stimme hinter seinem Rücken ertönte: „Sparen Sie sich die Mühe, Herr Leutnant von Kapnist! Es ist keine Menschenseele darinnen". Blitzschnell fuhr -fyer Offizier auf dem Absatz herum und legte, vom Sonnenlicht geblendet, die behandschuhte Rechte über die Augen, um nach der Besitzerin der wohlklingenden Stimme ailszuspähen. Aus einer dicht umrankten Weinlaube neben dem Hause schimmerte ihm etwas Sonntag den 5. Anguß m WM unempfindlich nicht und ungerührt vorbei Vor'm Schönen dieser Welt, als ob's nicht Gottes sei. Zu schauen Blumenflor, zu hören Vögelchor, Hat er das Auge dir erschlossen und das Ohr; Wenn du verstopfen willst das Ohr, das Auge schließen, Kann Gottes Preis dir nicht ertönen und ersprießen. Viel Schönes hat die Welt, das, um von dir genossen Zu werden, Gott erschuf; genieß es unverdrossen. Rückert. Weißes entgegen, und- mit kriegerischer Unternehmungslust ging er schnurstracks daraus zu. „Schönen guten Morgen, Fräulein von Menzelius! Ihr gehorsamer Diener legt sich Ihnen unterthänigst zu Füßen". „Aber nicht hier in den Sand, wenn ich bitten darf! Es wäre jammerschade um die neue Uniform". Sie lachte über das ganze reizende Gesichtchen, als sie ihm die Hand zum Gruße reichte, und auch! der Leutnant von Kapnist sah nichts weniger als unzufrieden aus, während er diese allerliebste, kleine Hand ritterlich! an seine Lippen führte. „Was für scharfe Augen Sie doch haben, Fräulein Charlotte! Wirklich, der Regimentsschneider hat sie mir gestern erst abgeliefert". „Und sie steht Ihnen großartig. Ich glaube, wenü Sie heute auf die Brautschau gingen, kein Mädchjenherz könnte Ihnen widerstehen". Diesmal war das Lächeln des Offiziers nicht (ohne eine merkliche Beimischung von Verlegenheit. Er setzte sich behutsam auf die roh gezimmerte Gartenbank, deren größere Hälfte ihm die dunkellockige junge Dame bereitwillig überlassen hatte, und vertiefte sich alsbald in die Betrachtung einer Häkelarbeit, die sie ziemlich achtlos auf den Tisch geworfen hatte, um ihn zu begrüßen. „Es muß doch schrecklich schwer sein, so was zu machen, und eine abscheuliche Arbeit obendrein", meinte er nach einem kleinen Schweigen. Dann aber, da seine übermütige Nachbarin statt aller Antwort nur fröhlich! auflachte, beeilte er sich, hinzuzusügen-: „Sind Sie denn übrigens wirklich ganz allein zu Haus, Fräulein Charlotte? Oder ist das nur wieder einer Ihrer gewöhnlichen Späße, mit denen Sie mich zu necken lieben?" „Aber, Herr Leutnant!" sagte sie mit drolliger Feierlichkeit. „Wie dürfte ich mich unterstehen, mit der Person eines künftigen Feldmarschalls meinen Scherz zu treiben! Nein, Parole d'honneur, es ist niemand da! Und wenn Sie nicht etwa Verlangen tragen, sich der alten Sophie in ihrer neuen Adjustierung zu präsentieren, werden Sie wohl mit meiner unzulänglichen Gesellschaft vorlieb nehmen müssen, bis die Fee des Hauses zurückrehrt." „Die Fee des Hauses — vortrefflich gesagt, Fräulein Charlotte! Etwas Feenhaftes, Königliches, etwas, das sie von allen anderen Frauen unterscheidet, ist mir wahrhaftig schon beim ersten Anblick aus ihrer Erscheinung entgegengetreten. Ich glaube, mit einem einzigen gebietenden Strahl ihres Auges könnte sie selbst dem rabiatesten Kerl Respekt einslößen." „Ei der Tausend, Herr Leutnant, Sie sind ja ein Poet! Aber vielleicht verstehen wir uns gar nicht. Denn es war natürlich! meine Mutter, von der ich sprach," Dabei sahen ihn ihre lustigen braunen Augen gar — 434 — schelmisch von der Seite an, und er fühlte zu seinem Verdrösse, daß er rot wurde wie ein Mädchen. „Das gnädige Fräulein belieben schon wieder zu scherzen. Denn bei aller schuldigen Ehrerbietung vor dero Frau Mutter —" Der Rest ging in einem Räuspern unter. Charlotte von Menzelius aber stellte sich sehr überrascht- „Ah, meine Freundin Elisabeth von Marschall also ist diese königliche Fee? Nun, ich habe sie mir noch nicht daraufhin angesehen. Aber Sie hätten in der Wahl Ihrer Bilder immerhin einen noch schlechteren Geschmack an den Tag legen können, Herr von Kapnist." „So zum Beispiel, wenn idji Sie mit einem sanften Veilchen verglichen hätte, Fräulein Charlotte —" „O, meinetwegen brauchen Sie Ihre Phantasie überhaupt nicht anzustrengen, Herr Leutnant! Ich würde solche dichterische Verherrlichung gar nicht nach Gebühr zu schätzen wissen. Lassen wir meine unbedeutende Person also ganz aus dem Spiel. Und um wieder auf Ihre Fee zurückzukommen, ein halbes Stündchen oder dergleichen werden Sie sich schon noch gedulden müssen, bevor sie zu Ihnen herniedersteigt. Sie macht mit meiner Mntter einen Besuch bei unserem kranken Gärtner." „Der Beneidenswerte!" seufzte Herr von Kapnist. Und bann, nach einem kurzen Zaudern, setzte er mit geradezu rührender Treuherzigkeit hinzu: „Wenn Sie nur ein «einziges Mal ernsthaft sein und mir versprechen wollten, sich! nicht gleiche wieder über mich lustig zu machen, Fräulein von Menzelius —" „Nun? Wenn ich Ihnen dies schwere Opfer brächte, was würden Sie bann thun?" „Dann würde ich Sie etwas fragen, das mir in dieser Stunde gar sehr am Herzen liegt. Aber zu einem Scherz, sch wiederhole es, mein gnädiges Fräulein, zu einem Scherz ist es nicht angethan." „Wohlan denn! Ich schwöre, daß ich ernsthaft sein werde wie ein Richter der heiligen Behrne. Fragen Sie, Herr Leutnant!" Er stützte die Ellenbogen auf die Kniee und schaute sehr angelegentlich vor sich hin in den Sand. „Das Fräulein von Marschall ist Ihre Freundin, und man sagt, daß junge Damen keine Geheimnisse vor einander haben. Ich verlange nun zwar keineswegs, daß Sie eine Indiskretion begehen, aber — aber — Sie könnten mir doch vielleicht, wenn auch nur andeutungsweise, verraten, wie Fräulein von Marschall in — in Bezug auf meine unbedeutende Person gesinnt ist." Er wagte es gar nicht, zu seiner hübschen Nachbarin aufzublicken; aber er hätte es immerhin thun dürfen, denn ihre Miene war so feierlich!, als er es nur wünschen konnte. Sie schien äußerst angestrengt nachzudenken, und dann, nach einer langen, langen Zeit sagte sie im Tone wichtiger Offenbarung: „Wenn ich! Ihrer Verschwiegenheit gewiß sein darf, Herr von Kapnist, sie hält Sie für den besten Menuetttänzer hier in Küstrin." Zwar mochte der Leutnant von Kapnist dunkel ahnen, daß Charlotte trotz aller Versprechungen ihren Spott mit ihm treibe, aber als er dann mit scheuem Seitenblick über ihr Gesicht hinwegstreifte, wurde er durch den ehrlichjen .Ausdruck desselben doch, wieder beruhigt. „Hm!" machte er, „äußerst schmeichelhaft, in der Thal, sch bin glücklich über ein Lob aus solchem Munde! Wer wenn mir das Fräulein von Marschall, wie Sie damit nun schon verraten haben, überhaupt die Ehre erwies, sich mit meiner Wenigkeit zu beschäftigen, so dürfte sie doch noch einiges Weitere über mich geäußert haben, Ist es nicht so, Fräulein Charlotte?" „Es mag wohl sein, aber ich werde es Ihnen nicht sagen." „Ah, das ist nicht freundschaftlich. Und weshalb soll ich vergebens darum bitten?" „Erstens, weil ich Sie nicht noch eitler machen will, als Sie es leider schpn sind, iunb zweitens, weil ich Ihnen keinen Kummer bereiten möchte; denn das eine wie das ändere würde sicherlich geschehen, wenn ich alles ausplaudern wollte." Der Leutnant dachse ein wenig nach aber das Ergebnis dieses Nachhenkens befriedigte ihn nicht; denn mißvergnügt schüttelte er den Kopf. „Das ist mir zu dunkel. Seligkeit und Verdammnis in einem Atem. Wahrhaftig, Sie hätten in Delphi als Pythia auf dem Dreifus sitzen können, Fräulein von Menzelius!" „Ich! kann nicht beurteilen, ob das ein Kompliment ist, denn ich habe nicht die Gelehrsamkeit des Herrn Leutnants und weiß nicht, was für ein Frauenzimmer diese Pythia gewesen. Aber wenn ich so «offenherzig sein soll, könnte ich zuvor doch wohl auch einige Offenheit verlangen. Ehrlich gesagt, Herr von Kapnist: weshalb liegt Ihnen so viel daran, die Meinung Elisabeths über Sie zu erfahren ?" „Weil — weil — nun, Sie haben es ja doch schon längst erraten — weil ich im Begriff bin, dem gnädigen Fräulein mein Herz und meine Hand anzutragen." Aus den braunen Schelmenaugen war mit einem Male auch! das letzte Spottteufelchen verschwunden. „Wirklich? Darauf haben Sie sich! Hoffnung gemacht? Armer Herr Leutnant, Sie thun mir von Herzen leid." Mit höchst verblüffter Miene nahm er diesen unverkennbar ganz ernst gemeinten Ausdruck des Bedauerns entgegen. „Ich thue Ihnen leid? Das heißt also, Sie meinen, daß es eine Vermessenheit wäre, und daß ich nicht würdig bin —" Fräulein Charlotte protestierte durch eine verneinende Kopfbewegung. „Nicht doch! Sie könnten noch hundertmal besser tanzen, und Sie könnten «ein Fürst oder gar ein Herzog sein, Elisabeth würde Sie doch nicht nehmen; denn sie heiratet überhaupt nicht —i niemals! Das hat sie der Mutter in meinem Beisein feierlich erklärt." „Nun, wenn esj nur das ist! Solche Gelöbnisse einer jungen Dame muß man nicht gar zu ernsthaft nehmen." Fräulein von Menzelius strafte ihn mit einem streng verweisenden Blick. „Wenn diese junge Dame Elisabeth von Marschall heißt, Herr Leutnant, dürfte es doch ratsam sein, eine Ausnahme! zu machen. Ein Wort aus ihrem Munde ist genau so viel wert, wie das Wort irgend eines Kavaliers. Wäre es ihr nicht heiliger «Ernst damit, sie hätte wohl kaum auf Ihren ehrenvollen Antrag zu warten brauchen. Seitdem vor fünf Jahren der General von Marschall auf dem Felde der Ehre den Heldentod gestorben ist, haben sich bis zum heutigen Tage nicht weniger als sechs tadellose Edelleute um ihre Hand beworben. Sie sind der siebente, Herr von Kapnist —< und wenn Sie auch vielleicht der schönste und geistreichste sind —" Jetzt war es an dem jungen Offizier, sie abwehrend zu unterbrechen. „O, ich! bitte gehorsamst; «das gnädige Fräulein braucht die Pille nicht noch« bitterer zu machen; sie will ohnedies schwer genug hinunter. Sechs Bewerber und sechs Körbe! Alle Teufel! Pardon, es fuhr mir nur so heraus. Aber das muß hoch; irgend eine Ursache haben. Vielleicht eine unglückliche Liebe —" Charlotte von Menzelius zuckte die Achseln. „Sie spricht nicht darüber. Wer ich, benke mir, daß sie einem gefallenen Offizier auch Über das Grab hinaus die Treue bewahrt. Sie hat einen so starken Charakter und denkt so viel größer und edler als alle anderen Menschen, die ich kenne; mehr als einmal vermöchte sie gewiß nicht zu lieben." „Nein", stimmte der Leutnant aus voller Ueberzeu- gung zu, „dazu wäre sie sicherlich nicht imstande. Aber es ist schade, sehr schade, ich« hatte mich so darauf gefreut." Er sah äußerst betrübt aus und schaute recht wehleidig vor sich hin. Eine kleine Weile verharrten sie beide in bedrücktem Schweigen; bann rückte Charlotte ein wenig näher zu ihm heran unb sagte im Tone einer freunb« lichen Trösterin: „Sie müssen es mannhaft überwinden, Herr von Kapnist! Es lhut mir herzlich leid, daß ich Ihnen keine bessere Auskunft geben konnte; aber am Ende — am Ende hätten Sie doch gar nicht zu einander gepaßt." Er behielt zwar noch immer feine niedergeschlagene Miene; aber der teilnehmende Zuspruch that ihm sehr wohl. „Weshalb meinen Sie das, Fräulein Charlotte?" fragte er kleinlaut. „Etwa weil sie mir an Alter gleich ist oder vielleicht sogar noch, ein paar Monate älter ist als ich?" „Nein, nicht darum! Elisabeth ist jung und schön mit ihren fünfundzwanzig Jahren, wie sie es nodj, mit fünfzig sein wird. Aber — mein Gott, ich, weiß nicht recht, wie ich es sagen soll, ohne Ihnen von neum wehe zu thun, aber es ist doch eine so große Verschiedenheit zwischen Ihnen. Sie nannten sie vorhin selbst eine königliche Erscheinung. Uni) ich meine, Herr von Kapnist, Sie müßten keine königliche Frau haben, sondern eine lustige, die mit Ihnen lacht —" „Oder über mich, nicht wahr?" „Oder auch über Sie, wenn es sich gerade so trifft; der es nichts verschlägt, allerlei dummes Zeug zu schwatzen, wenn eben weder Ihnen noch ihr was Ge- scheidtes einfallen will, die mehr übermütig als hoheitsvoll, mehr kindlich als erhaben ist — kurzum eine Frau, mit der Sie vergnügt sein können- statt immerfort anbetend zu ihr aufzusehen." (Fortsetzung folgt.) Die Heilkraft der See?) Winke für die Badesaison von Peregr inus. Nachdruck verboten. Immer wenn der Sommer naht, findet ein förmliches Wallfahrten nach- den Gestaden der See hin statt. Der nervöse oder sonst an einer Krankheit leidende Kulturmensch sucht hier Genesung von allerhand körperlichen Unzuträglichkeiten, die ihn heimsuchen. Und die Thatsachx läßt sich nicht leugnen: das Meer besitzt eine Heilkraft, die geradezu erstaunlich wirkt. Es findet auf diesem Gebiete ein Zusammentreffen von Faktoren statt, die, jeder für sich genommen, vielleicht fchpn hinreichen würden, unter Umständen einem Kranken die Gesundheit zurückzugeben. Vor allem muß dabei die Seeluft genannt werden. Die Arzeneikunde in ihrem steten Fortschreiten hat zur Genüge dargethan, daß der Mensch gerade beim Atmungsprozeß den denkbar größten Gefahren ausgesetzt ist, und die schlechte Luft, die in seine Lungen dringt, läßt in diesem vielleicht edelsten seiner sämtlichen Organe einen Herd von Mikroorganismen entstehen, die, sich stets vermehrend und fortwuchernd, schließlich Verfall der Kräfte oder gar den Tod Herbeisuhren. All das leuchtet ein, wenn man bedenkt, daß unsere Lungen ununterbrochen arbeiten, daß sie Stunde für Stunde, Tag für Tag die so schädlichen Lebewesen einzuatmen gezwungen sind. Anders an der See. Alle jene schädlichen Beimischungen, von denen die Luft in den Städten oder in der Nähe derselben, meistens sogar auf dem gesamten Binnenlands, erfüllt ist, fehlen dem Seeklima mehr oder weniger gänzlich. Staubatome, Kohlen- partikelchen, schädliche Gase: wo sollen sie ihren Ursprung nehmen, wenn die Bedingungen für das Entstehen nicht vorhanden sind? Freilich wird man eine völlig reine Seeluft überhaupt kaum an dem Gestade, wo Menschen Hausen und sich zueinander gesellen, antreffen. Ein so ideales Seebad würde eben keinen Platz in der Wirklichkeit haben. Allein wenn die Reinheit des Seeklimas nur annähernd erreicht ist, kann der Mensch!, der in ihm Genesung sucht, schon zufrieden sein und diese erhoffen. Eine sehr wichtige Rolle spielt übrigens jedesmal die gerade herrschende Luftströmung. Weht der Wind vom Binnenlande her, wo sich in der Nähe große Städte oder gar Fabriken befinden, so wird auch das Klima in dem bewußten Sinne ungünstig beeinflußt sein. Anderseits erreicht es den denkbar größten Grad der überhaupt möglichen Reinheit, wenn die Luftströmungen über den Wellen her den Pfad nehmen. Dieses Unterschiedes wird der Kranke sehr leicht gewahr. Wie würzig weht dann der Odem des Meeres, wie kräftig, wie erfrischend !Die Lungen saugen ihn gierig auf; sie klämmern sich gewissermaßen an ihn; sie wollen ihn nimmer freigeben. Nur die Seeluft in ihrer krystallenen Reinheit vermag ihm die so sehr ersehnte Genesung zu verschaffen. Der Wind vom Binnenlande her ist mit allerhand Abhub gemischt; er schadet in demselben Maße, wie jener nützt. *) Vgl. Nr. 98 der Familienblätter: „Schwimmende Sommerfrische n." Im allgemeinen ist die Erkenntnis vom Werte des Badens in der Salzflut für den menschlichen Organismus ziemlich jungen Ursprungs. Zwar das klassische Altertum war in die Geheimnisse dieser Hygieine sehr wohl ein- geweiht, und zu Roms Blütezeit eilte jeder, der es irgendwie ermöglichen konnte, an das Gestade des Meeres. Die Aristokratie der Siebenhügelstadt besäete die Küste Cam- paniens mit Landhäusern, und zu Bajä, dem fashionablen Badeort jener Epoche, entfaltete sich ein Leben voll von Luxus und Flirt, wie etwa heute in Trouville, Ostende und Brighton. Es gehörte, kaum anders als heute in der Gesellschaft, durchaus zum guten Ton, daß man den Sommer, der freilich in Rom während der heißen Monate unerträglich und wegen der Pontinischen Sümpfe übrigens auch! gefährlich! war, seine Villegiatur am Gestade aufschlug. Auch das Baden selber pflegte man sehr fleißig; uns sind Schilderungen erhalten, wonach wasserwütige Römer stundenlang in den Wellen verweilten und sogar hier die Mahlzeiten einnahmen. Aber Roms Kultur geriet in Vergessenheit, und mit ihr der mächtige hygieinische Wert der Salzflut. Die barbarischen Horden, die aus dem Westen her kamen, waren wohl lüstern nach den goldenen Armspangen und glitzernden Edelsteinen, an denen die Cäsarenstadt so reich ivar: um die Schätze an Wissen, die dort gleichfalls durch eine mehr als tausendjährige Kultur aufgespeichert waren, kümmerten sie sich herzlich! wenig. Wozu bedurften sie auch eines Bades in den Meereswogen — die kräftigen Gestalten, die reinen Naturmenschen! Das mochte gut sein für die entnervten Römer, die siechen Nachkommen einer ganzen Reihe schwächlicher Generationen! Und sie wurden Herren Roms und all seiner Provinzen. Mit der Kultur der Vergangenheit geriet auch das bedeutende hygieinische Wissen derselben unter Schutt und Geröll. Das gesamte Mittelalter weiß nichts von der Heilkraft der See und ihrem Wert für das Wohlbefinden des armseligen Sterblichen. Ihm war die Salzflut eine Stätte des Abscheus, vor der man Grauen empfand. Der Aberglaube meinte, daß hier allerhand unwirsche Gewalten ihren Tummelplatz hätten, und wenn man jemand, den man im Verdacht hatte, daßüer mit jenen unholde Beziehungen unterhalte, gebührend strafen wollte, meinte man, dies nicht besser thun zu können, als wenn man ihn recht oft und gründlich in das Meerwasser tauchte. Da ereignete sich etwas, worauf niemand gefaßt war und wodurch! ganz plötzlich gerade der entgegengesetzten Auffassung Thür und Thor geöffnet werden sollte. Ein armer Teufel, den man dafür strafen' wollte, daß er mit dem Gottseibeiuns und Hexen unerlaubten Verkehr gepflogen, wurde nach solchem Wasserbade allmählich von einem bösen Siechtum, das ihm bisher viel zu schaffen gemacht, befreit. Er tauchte jetzt aus freien Stücken, so oft es nur ging, in die Fluten und fühlte sich nach jedem Bade kräftiger und der Genesung näher. Man staunte, man glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Schließlich« ahmte man ihm nach und kam zu eben demselben Ergebnis. Da- mals nun wurde die Menschheit von einem gar bösen Leiden heimgesucht, den Skropheln. Die Landbevölkerung am Meere begann, einmal darauf verfallen, daß dem Salzwasser doch wohl eine bestimmte Heilkraft innewohne, auf eigene Faust eine Kur. Man wusch die Wunden mit den Wellen und verband sie mit dem Tang, den sie führten. Und siehe da: man genas.... Seit dieser Zeit wurde die Heilkraft der See wieder in ihren Wert gesetzt. Bedeutende Aerzte wiesen in nicht ermüdendem Eifer auf ihn hin; eine Krankheit nach der andern schwand unter dem Odem, der vom Meer ans in die Lungen der Gesundheit suchenden Sterblichen strömte. Die Gestade bedeckten sich wieder mit Landhäusern ;wo eine Stelle besonders günstig erschien, entstanden Badeorte mit breiten Promenaden und schattigen Laubwegen. Kurzum: man ist heute wieder bezüglich der Wertschätzung des Meeres für die Gesundheit des Menschen auf den nämlichen Standpunkt gelangt, den man etwa vor zwei Jahrtausenden zu Alt-Rom inne gehabt. Dabei ist es absolut nicht nötig, das Baden in der Salzflut oder überhaupt den Aufenthalt an dieser nur dann in Anwendung zu bringen, wenn wirkliche Erkrankungen vorliegen. Der von einem Leiden eben Genesende sollte vielmehr das! Meeres- 436 ufer ebenso fleißig aufsuchen, wie derjenige, der sich gegen eine etwaige Erkrankung zu panzern sucht. Die Reinheit der Luft bewirkt nach dem Ausspruche eines Arztes, daß der Mensch, „der wochenlang darin atmet und lebt, shch täglich mehr von den ihm aus der staubigen Stadtlust noch anhaftenden Keimen, diesen Störenfrieden seiner Gesundheit, befreit, und schließlich ganz keimfrei wird wie ein neugeborenes Kind". An eine Erkältung ist während solchen Aufenthalts am Meere viel weniger zu denken als etwa an einem Orte im Binnenlande. Das Seeklima ist nämlich überaus gleichmäßig in Bezug auf den Wärmegehalt; Schwankungen in der Temperatur vom Tage zur zur Nacht und umgekehrt sind so gering, daß selbst empsind- liche Naturen darunter wenig oder gar nicht zu leiden haben; sie können sich deswegen fast ununterbrochen im Freien anshalten, und sie thun gut daran, wenn sie, soweit dies angängig, selbst bei offenen Fenstern schlafen. Freilich ist zwischen Seebad und Seebad immer noch ein sehr bedeutender Unterschied. Die Bäder der Nordsee, wie sie gewissermaßen in einen stets strömenden Born milder Seewinde getaucht sind, müssen, wenn man sein Hauptaugenmerk daraus richtet, daß die Lungen recht fleißig vom Odem des Meeres durchtränkt werden, unbedingt den Vorzug haben vor denjenigen der Ostsee. Da diese sehr häufig vom Landwinde gestreift werden, kann die Luft unmöglich hier immer gleichmäßig krystallen rein sein. Anderseits sind gerade die Gestade der Ostsee in landschaftlicher Hinsicht oftmals wunderbar schön. Mutter Natur hat auf sie wie aus einem Füllhorn die Gaben gestreut. Die Küstenlinie ist reich an anmutiger Wellenwindung oder sogar scharf charakteristischer Einbuchtung. Jenseits des weißen Dünensandes, der wie ein lichter Gürtel die sma- ragdenschimmernde Fläche umspannt, steigt der Wald auf, der echte nordische Wald mit seinen Baumriesen, die den grünen blattgewobenen Dom tragen. Und die Schönheit der Vegetation soll niemand unterschätzen, der Genesung sucht von einem Leiden, welcher Art es immer auch, sein mag. Auch von ihr strömt eine Heilkraft aus, deren Ziel das Gemüt ist, und während die Salzflut den Körper er- starken macht, läßt sie dafür in allmählicher, schier un- bemerkbarer Wechselwirkung jenes gesunden. Neuerdings hat man den hygieinischen Wert der See noch insofern zu erhöhen gewußt, als dem, der sich ihr anvertrauen will, der Aufenthalt aus dem Meere selber angeraten wird. Seereisen zu Kurzwecken Haber sich überaus bewährt. Alle jene Vorteile, die schon für den Aufenthalt in einem Seebade gelten, verdichten sich hier gewissermaßen zur denkbar größten Vollkommenheit. Mitten auf dem Meere muß wohl die Luft rein sein, da sie nicht die mindeste Zufuhr an schädlichen Stoffen erhält. Selbst das am meisten günstig gelegene Nordseebad kann niemals so ununterbrochen von Seewinden umspielt werden wie das Schiff, das, Tausende von Meilen entfernt von den Stätten, wo Menschen hausen und die Fabrikschlote den rußigen Dampf gegen den Himmel speien, über den Meeresspiegel hinweg seine Bahn nimmt. In England ist man heute schon so weit gekommen, daß man eigens Schiffe ausrüstet, die den Zweck haben, nur Kranke oder Genesende aufzunehmen. Ebenso hat eine durchaus zielsichere Arzenei- wissenschaft ausfindig gemacht, welche Seereisen gerade für bestimmte Krankheiten und Konstitutionen am besten zu empfehlen sind. Ein deutscher Arzt, der Jahre hindurch auf Schiffen des kürzlich so schswer heimgesuchten „Norddeutschen Lloyd" beschäftigt war, hat die Erfahrungen, die er hier gesammelt, überaus eindringlich dazu verwertet, daß er auch dem eigenen Vaterlande die betreffende Einrichtung empfahl. Wer nur eine Seereise zur Erholung machen will, der soll nach seiner Anleitung die Fahrt nach Ostindien unternehmen. Für Lungenkranke eignet ftä), am besten die Reise nach dem Kap oder sogar bis Australien. Skrophulvse, Blutarmut, Rekonvaleszenz nach einer schweren Rippenfellentzündung kommen in Betracht für jene Schiffe, die Südamerika zum Ziel haben. Nervöse Beschwerden aller Art werden behoben, wenn der Kiel munter den Atlantischen Ozean durchschneidet. Freilich, werden die Seereisen überhaupt Wohl noch viel billiger werden müssen. wofern der Durchschnittsmensch daran denken soll, an einer Kur dieser Art teilzunehmen. Allein schließlich! hat die hygieinische Wissenschaft in jüngster Zeit doch so viele segensreiche Umgestaltungen und Erweiterungen erfahren, daß inan bestimmt noch auf manchs fernere Ueberraschung gefaßt sein darf. Ameisen können zu einer unerträglichen Plage werden, wenn sie in die Zimmer kommen, und sich hier in Schränken und Möbeln, Speisekammern, Schubladen oder gar in den Betten einnisten. Der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau empfiehlt als Mittel, Ameisen zu vertreiben: Petroleum oder Pottasche mit Zucker gemischt und ausgestreut, oder ausgestreutes, frisches Kerbelkraut. Bild-rrätfel. (Nachbildung verboten). Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Silbenrätsels in voriger Nummer: ; Damhirsch — Estoc — Regenwetter — Kairo — Leberwurst — Ananas — Panther — Pauline. Der Klapperstorch. Preisrätsel.*) Königspromenade. Nachdruck verboten. Man darf die einzelnen Wörter und Silben nur in der Weise miteinander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Felde aus auf ein benachbartes übergeht. *) Von 1900 ab bringen wir in angemessenen Zwischenräumen in den Familienblättern Preisrätsel, an deren Lösung recht eifrig sich zu beteiligen, wir unsere geschätzten Leser bitten. Die Lösungsfrist läuft stets acht Tage nach Ausgabe der betr. Nr. ab. Unter den an die Redaktion der„Fomilienl»lätter" einzusendenden richtige«» Lösungen wird eine ausgelost, deren Einsender mit einem Preise — nützliches Buch oder dergleichen — bedacht wird. sa zu nur wer weiß gen nichts ni schreit leis cht schim wer re cht es flu pft es den kcn klin ein sch kann ner star re ge lag des mann RtMtan: 9, Burkhardt. — »ruck und »«lag der Brühl'scheu Universitäts-Buch, und Steindruckerei (Pietsch Erden) in »ießen.