1900 v.:nfcv N U- B u Üüuxülj kubiere nur und raste nie, Mß Du kommst nicht weit mit deinen Schlüsseln! Das ist das Ende der Philosophie: Zu wissen, daß wir glauben müssen. Geibel. (Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ort mann. (Fortsetzung.) Er zauderte lange -bevor er ben Umschlag löste — dann aber riß er ihn mit einem male ungestüm herab und las: Sehr geehrter Herr! Rücksichten persönlicher Natur bestimmen mich, Ihnen aus diesem, zunächst nicht amtlichen Wege zu eröffnen, daß an die Staatsanwaltschaft des Waldenberger Landgerichts, und zwar zu meinen Händen, eine anonyme Denunziation gelangt ist, in der auch Ihres Namens Erwähnung geschieht. Ich habe einigen Grund zu vermuten, daß Ihnen der Verfasser oder die Verfasserin des Schriftstückes nicht unbekannt ist, glaube indessen, diesen Umstand so lange unerörtert lassen zu dürfen, als ich durch meine Amtspflicht nicht geradezu genötigt werde, Nachforschungen nach der Person des Einsenders oder der Einsenderin anstellen zu lassen. Dagegen muß ich 'r— wenn auch mit einem gewissen inneren Widerstreben, dessen letzte Ursache Sie begreifen werden — zu Ihrer Kenntnis bringen, daß in der erwähnten Zuschrift schwere Anschuldigungen gegen einen Mann erhoben werden, den ich bisher für einen intimen Freund Ihres Hauses halten mußte. Der Denunziant bezichtigt den angeblichen Privatier Rudolf Sandory, sich Hierselbst unter einem falschen Namen aufzuh alten und in Wahrheit identisch 'M sein mit einem wegen schweren Verbrechens verfolgten und schon seit Jahren' vergeblich gesuchten ^Individuum. Weder der richtige Name des angeblichen Sandory, noch die Art des behaupteten Verbrechens sind in der Zuschrift des näheren bezeichnet; wohl aber findet sich die Bemerkung, daß der Bankier Franz Norrenberg m der Lage sei, über beide Punkte ausführliche Angaben zu -machen. Es ist meine Pflicht, diese anonyme Denunziation genau so zu behandeln, wie jede andere, mir in meiner amtlichen Eigenschaft zugekommene Anzeige, initr ich habe demgemäß die Kriminalpolizei bereits mit der Einleitung der erforderlichen Nachforschungen-beauftragt. Auch Ihnen, sehr geehrter Herr, wird eine Vernehmung in der Angelegenheit nicht erspart bleiben, und es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, daß jedes Verschweigen einer etwa zu Ihrer Kenntnis gelangten Strafthat sür Sie selbst die unangenehmsten Folgen haben würde. Da es Ihnen aber möglicherweise peinlich ist, von einem Beamten der Kriminalpolizei in dieser Sache vernommen zu werden, so erkläre ich mich gern bereit, Sie während der Amtsstunden in meinem Bureau zu empfangen, damit Sie Ihre etwaigen Aussagen mir persönlich zu Protokoll geben können. Ich stelle Ihnen anheim, sich für den einen oder den anderen Weg zu entscheiden, muß aber er» gebenst hinzufügen, daß eine polizeiliche Vorladung wahrscheinlich bereits innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden an Sie gelangen wird, eine rasche Entscheidung also schon durch die Natur der Sache geboten fein dürfte. Eine weitere Korrespondenz in dieser Angelegenheit müßte ich höflichst ablehnen, da ich selbstverständliche weder auf das Ermittel'irngsverfahreu, noch auf den etwaigen ferneren Verlauf der Sache eine andere Einwirkung zu üben vermag als die, welche mir durch die Pflichten meines Amtes auf das Bestimmteste vorgeschrieben ist. Mit vollkommener Hochachtung Georg Lengfeld." Mit einem verzerrten Lächeln hatte Franz Norrenberg den Brief zu Ende gelesen. Nun drehte er das Blatt mechanisch in der Hand und betrachtete es von allen Seiten wie einen höchst merkwürdigen, nie zuvor gesehenen Gegenstand. Unzähligemale in der langen Zeit, die seit der Begehung seines Verbrechens verstrichen war, hatte er sich's ausgemalt, wie eines Tages das Verhängnis der Entdeckung über ihn hereinbrechen würde. Tausend verschiedene Möglichkeiten hatten sich in solchen trüben Stunden seinem erfinderischen Geiste dargestellt; aber die Art, wie es nun in Wahrheit an ihn heranschlich, diese langsame, tückische Art, war doch etwas ganz Neues, etwas, daran er nie gedacht hatte, und das er trotz aller Vorbereitung noch kaum zu fassen vermochte. Eines nur war ihm völlig klar und gewiß — nämlich, daß dies das Ende war, daß es jetzt kein Entrinnen mehr gab und keine Rettung. Die Zeiten, da er Geistesgegenwart und Verschlagenheit genug gehabt hätte, ein solches Verhör zu bestehen, ohne sich selber ans Messer zu liefern, waren längst vorüber. In den ersten fünf Minuten schon würde er sich verraten haben, daran hegte er nicht den geringsten Zweifel. Es gab nach diesem Briefe des Staatsanwalts keine Hoffnung mehr — nicht einmal die Hoffnung, einen Aufschub, eine kurze Galgenfrist zu erlangen. Es blieb ihm nichts mehr, als sich auf das Letzte, das Aeußerste vorzubereiteu. — 690 — Und seine Tochter mar es, die ihn dem Verderben überlieferte! Mit so geringer Vorsicht war sie zu Werke gegangen, daß der Staatsanwalt sie sofort als die Urheberin der Denunziation erkannt hatte. Deutlich genug war es ja zwischen den Zeilen seines Briefes zu lesen. Und wie'er auch in seiner thörichteu Liebe noch immer danach suchte — nichts fiel dem unglücklichen Vater ein, das Doras Handlungsweise hätte entschuldigen können. Er durfte sich der grausamen Erkenntnis nicht mehr verschließen, daß er bis zu diesem Augenblick wie ein Blinder neben ihr her gegangen war, daß sein vergöttertes Kleinod nichts anderes war, als ein liebloses, rachsüchtiges, schlechtes Geschöpf. Kläglich zertrümmert sah er das Idol, beni er alles geopfert hatte, vor seinen Füßen liegen, und vielleicht war es gerade das, was seinen siechen, hinfälligen Leib endlich völlig zusammenbrechen ließ. Der junge Buchhalter, der in das Arbeitszimmer seines Prinzipals ein.getreten war, um ihm eine Meldung zu erstatten, sah entsetzt, daß der Bankier lang ausgestreckt neben feinem Schreibstuhl aus dem Fußboden lag — das Gesicht nach unten gekehrt und einen zerknitterten Brief in der geballten rechten Hand. Das ganze Personal lief natürlich sofort zusammen, und kräftige Arme hoben den leichten, abgezehrten Körper auf das einfache Ruhebett. Man hielt ihn anfänglich für tot, denn er atmete nicht mehr in wahrnehmbarer Weise, und sein wächsernes Gesicht zeigte ganz das charakteristische Gepräge eines Leichenantlitzes. Dann aber ließ sich doch noch ein leiser Pulsschlag fühlen, wenn auch schwach und vielfach stockend, als ob er mit jedem Augenblick völlig aufhören müsse. — Sigismund Ruthardt machte sich sofort auf „ den Weg, um seinen Vater zu holen; der Prokurist aber übernahm die Aufgabe, sich nach der Villa hinaus zu begeben und Fräulein Dora auf schonende Art von der schweren Erkrankung ihres Vaters in Kenntnis zu setzen. Sechstes Kapitel. Eine düstere, gedrückte Stimmung, wie sie in diesen sonnig heiteren Räumen sonst ganz unbekannt war, lag seit zwei Tagen über Doktor Hermann Ruthardts Hause. Die rundliche, kleine Hausfrau war die einzige, die ihre gewöhnliche- gute Laune wenigstens zuin Schein bewahrt hatte; aber auch sie konnte sich zuletzt der unvermeidlichen Wirkung nicht entziehen, die eine schweigsame, grämliche Umgebung aus das Gemüt des Menschen übt. An Sigismunds stilles, verschlossenes Wesen war man freilich nachgerade gewöhnt. So ängstlich, wie es jetzt geschah, war er seinen Angehörigen sonst allerdings nicht aus dem Wege gegangen; so ganz verstummt und appetitlos hatte er sonst nicht am Familientische gesessen. Aber man glaubte ja den stillen Kummer zu kennen, der ihn bedrückte, und da er selber offenbar nicht den Wunsch hatte, davon zu reden, war man längst stillschweigend übereingekommen, ihn mit keiner zwecklosen Frage zu be- helligen. Umsomehr beunruhigte sich Frau Ruthardt über Margaretens plötzlich verändertes Benehmen, über ihre sonderbare Zerstreutheit und ihr ganz augenfällig verschlechtertes Aussehen. Ein vorgeschütztes Unwohlsein würde ihr vielleicht als genügende Erklärung erschienen sein; aber das junge Mädchen war zu ehrlich, sich dieser Lüge zu bedienen. Die Mutter erhielt auf alle besorgten Fragen nur immer die nämliche Antwort, daß-ihr nichts fehle, und mit aufrichtigem Kummer kam sie mehr und mehr zu der Ueberzeugung, daß Margarete zum erstenmale in ihrem Leben etwas, das sie ernstlich quälte, vor ihr verbarg. In der Frühe des zweiten Tages hatte sie sich nach einigem Seelenkampfe entschlossen, mit ihrem Manne davon zu sprechen. Aber sie hatte bei ihm 4nicht das Verständnis für ihre mütterlichen Sorgen gefunden, auf das sie gerechnet hatte. Sei es, daß ihn seine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch nahmen, sei es, daß er der scheinbar grundlosen Verstimmung eines jungen Mädchens wirklich keine Bedeutung beilegte — jedenfalls war der Doktor sehr rasch über den Gegenstand hinweggegangen und hatte es nicht für nötig gehalten, Margarete auch seinerseits zu befragen. „Das wird sich schon wieder geben", meinte er beinahe ungeduldig, als seine Fran noch einmal daraus zurückkommen wollte. „Ich kenne das Mädel zur Genüge, um zu wissen, daß wir von ihr nichts zu fürchten haben; wenn sie wirklich etwas aus dem Herzen hat, wird sie Dir's schon bei guter Gelegenheit beichten. Und im übrigen bist Du ja auch eine kluge Frau, die sich darauf versteht, die Augen offen zu halten." Nun wußte sie, daß die Sache für ihn vorläufig abgethan sei, und es blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig zu warten und ihre Augen dabei so weit als möglich offen zu halten; denn sie hatte am Ende noch Erinnerung genug an ihre eigenen Mädchenjahre behalten, um sich über das verwandelte Wesen ihres Töchterchens allerlei sehr ernste Gedanken und Sorgen zu machen. Für den Doktor waren die letzten Tage auch in seiner Eigenschaft als Arzt sehr unerfreuliche und anstrengende gewesen. Seine ohnehin ausgedehnte Praxis hatte sich um eine Anzahl schwerer Krankheitsfälle vermehrt, die zumeist auf Rechnung einer'mit besonderer Heftigkeit auftretenden Diphtheritisepidemie zu setzen waren. Man hatte heute vormittag lange nach ihm suchen müssen, als es galt, dem schwer erkrankten Bankier Norrenberg ärztliche Hilfe zu bringen, und das Ergebnis, welches schon die erste, flüchtige Untersuchung dieses neuen Kranken gehabt, war auch nicht danach angethan gewesen, seine Saune zu verbessern. Müde und abgespannt kehrte er erst am späten Nachmittag nach Hause zurück, herzlich wenig zum Plaudern mit den Seinen aufgelegt. Als sich's seine Frau trotzdem nicht versagen konnte, nach Franz Norrenbergs Befinden und nach der Art seiner Erkrankung zu fragen, meinte er ziemlich kurz: „Ein Schlaganfall mit schlechten Aussichten. Seine Gesundheit war ohnedies völlig zerrüttet. Ich habe keine Hoffnung, daß er den kommenden Tag überleben wird." „Die arme Dora!" seufzte Frau Ruthardt voll innigen Mitleids. „Sie hat in diesen Tagen schon soviel Aufregung durchmachen müssen. Wie wird sie den neuen, furchtbaren Schlag ertragen! Meinst Du nicht auch^ Hermann, daß es meine Pflicht wäre, sie zu besuchen und ihr meinen Beistand anzubieten?" „Nein!" versetzte der Doktor mit großer Bestimmtheit. „Die junge Dame hat mir durchaus nicht den Eindruck gemacht, als ob sie eines Beistandes bedürfe. Beschränke Dich nur auch künftig auf Deine Armenpraxis. Da ist, wie mich dünkt, die Bethätigung Deines guten Willens besser am Platze." Nicht lange nachher wurde Doktor Ruthardt abermals abberufen, und es fehlte kaum noch eine Viertelstunde an Mitternacht, als er heimkam, durch die Strapazen des arbeitsreichen Tages auf's äußerste ermattet. Es galt als eine strenge und unumstößliche Vorschrift in seinem Hause, daß niemand seinetwegen über die gewöhnliche Zeit hinaus aufbleiben dürfe, und so lag denn auch heute alles anscheinend schon in tiefem Schlafe, als Ruthardt sein Arbeitszimmer betrat. Er hatte kaum Zeit gehabt, zu Mittag zu essen, und seit vielen Stunden war kein Bissen mehr über seine Lippen gekommen. Trotzdem ließ -er die einfache Abendmahlzeit, die Dank der treuen Fürsorge seiner Frau für solche Fälle immer bereit stand, vorläufig unberührt. Nicht um der späteren Rechnungen willen, sondern damit ja keine Einzelheit des Krankheitsverlanfes seinem Gedächtnis entschwinde, pflegte er sich allabendlich über jeden seiner Patienten ausführliche Notizen zu machen, und trotz seiner Müdigkeit sollte die Erfüllung dieser Pflicht auch, heute der leiblichen Erquickung voranfgehen. Aber er hatte noch kaum vor seinem Schreibtisch Platz genommen, als mit wohlbekanntem, durchdringendem Klang die Nachtglocke anschlug, erst mit einem einzigen kurzen Ton, als ob sie von schüchterner Hand in Bewegung gesetzt worden sei, dann aber lang anhaltend und stürmisch. , L, „Wieder ein krankes Kind!" sagte. Doktor Ruthardt vor sich hin, während er sein Buch- zuschlug und sich erhob. „Und wahrscheinlich wieder zu spät. Wahrhastig, es ist schwer, da nicht dem Mut zu verlieren." (Fortsetzung folgt.) - ßgl - Temperatur. Als ich gegen 5 Uhr — ich vermute wenigstens, das es um diese Zeit gewesen fern muß — erwachte, erfüllte noch tiefe Finsternis das Gemach, sodaß ich nicht einmal die mir zunächst besindlichen Gegenstände zu unterscheiden vermochte. Vergeblich versuchte ich, wieder einzuschlummern, daher gönnte ich mir ein Bergungen, das ich mir chft zu bereiten pflege, und das einen weit höheren Genuß gewährt, als man annehmen sollte — ich beobachtete das allmähliche Hereinbrechen des Morgens. Das Rouleaiix vor meinem Fenster war wie gewöhnlich nicht herabgelassen, die ersten Schimmer des nahenden Tages mußten also, da mein Fenster nach Osten hinausging, in meine Klause den Weg finden. Nicht lange währte es auch, so brach die Dämmerung an. Erst traten aus der schwarzen Nacht, die mich umgab, allmählich die Wand und der Stuhl vor meinem Bett hervor, anfangs nur als dunkle Schatten, dann m bestirnniten Umrissen, dann enthüllte die Ampel über nur an der Decke in derselben langsamen Weise ihre Existenz. Nun unterschied ich- die Bilder neben und über mir, aber natürlich nur als viereckige Rahmen, deren Bewohner noch nicht aufgestanden zu sein schienen und sich erst in einiger Zeit meinen Augen offenbaren wurden. Bald reichte mein Blick bis zu den großen Bücherregalen links und rechts, und jetzt — ja jetzt tauchte allmählich der große Lehnstuhl vor meinem Schreibtisch in das ungewiße Dämmerlicht hinein, das, kaum um ein paar Nüaneen heller als die Nacht, mir allein die Anwesenheit und Existenz der Möbel und Geräte zu vermitteln im stände war. . r • u Aber halt — wer war das? Saß da nicht jemand vor meinem Schreibtisch? Unterschied ich nicht, in wenn auch noch schattenhaften Umrissen eine dunkle Gestalt? Ich riß meine Augen weit auf, einesteils um scharfer sehen zu können, andernteils, weil ich noch unter dem Eindrücke einer Art Schlaftrunkenheit mich: zu befinden glaubte. Kein Zweifel, die Gestalt war da, und als sie eben jetzt in etwas deutlichen Konturen sichtbar ward, erkannte ich auch, daß sie in gebeugter Haltung dasaß, als ob sie schreibe. Ich gestehe ossen, daß mein Herz jetzt zu klopfen begann. Ich konnte nicht an meinem völligen Wachsein zweifeln, ebensowenig aber an dem Dasein des Phänomens. Natürlich dachte ich zunächst nicht an eine Geistererscheinnng, sondern an einen Ein- brnchsdiebstahl. In dem Schreibtisch, vor welchem ich die Erscheinung wahrnahm, verwahrte ich meine geringen Geldmittel. Vielleicht hatte der Dieb mein Erwachen bemerkt, und verharrte nun regungslos, ohne selbst die gerade eingenommene Stellung zu verändern, um meine Aufmerksamkeit nicht wachzurufen, in der Hoffnung, daß ich wieder einschlasen und ihn, da der Raum noch immer in mehr als Halbdunkel getaucht war, nicht bemerken würde. Denn fchreiben konnte der rätselhafte Jemand natürlich nickst, dazu war es viel zu finster. Was sollte ich thun? Ich überlegte einen Augenblick. Eine Waffe hatte ich nicht zur Hand. Rufen mochte rch nicht; denn gesetzt den Fall, man hätte mich wirklich gehört, so hätte ich dadurch den Eindringling herausgefordert, und ehe eilt Mensch zu meiner Hilfe herbeteilen konnte, hatte er.Zeit, mich zehnmal abzuthnn. Spitzbuben dringen doch- in der Regel nicht ohne Verteidigungsmittel in fremde Häuser. - Noch hatte ich keinerlei Entschluß gefaßt, da enthüllte mir die wieder etwas weiter vorgerückte Däinmerung plötzlich ein wahrhaft schreckliches Phantom. Die Gestalt ans meinem Schreibtische war ein Mann, das sah icty, und den erkannte ich — und mit Blitzesschnelle ging die furchtbare Wahrheit mir auf — daß ich der Mann selbst war! Nein, es war keine Täuschung, ich sah es zu deutlich — ich selbst in eigener Person saß dort vor dem Arbeitstisch, ganz so, wie ich in der Regel zu sitzen pflegte m der gebeugten Haltung des eifrig Schreibenden, den Kopf etwas nach vorn geneigt, aber sonst starr und regungslos wie ein Toter, ohne die leiseste Bewegung, soweit jene Körperteile in Frage kamen, die ich allein zu erkennen vermochte. x Im ersten Augenblick überkam mich eine wahrhaft tätliche Bestürzung. Ich warf mich in die Kissen zurück und zog die Decke fest über meinen Kopf, tote es der Der Doppelgänger. Gin Erlebnis von Friedrich Thieme. Nachdruck verboten. In Goethes Faust sagt der Proktophantasmist: „Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört. Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. Wir sind so klug, und dennoch spukt's in Tegel. Wie lange hab' ich nicht am Wahn hinausgekehrt, Und nie wird's' rein; das ist doch unerhört!" Diese Worte besitzen noch heute volle Giltigkeit. Trotz aller Ausklärung feiert der Aberglanbe noch- genau dieselben Orgien toie vor hundert Jahren und früher, und zwar nicht allein in den Köpfen und Herzen der naiven Geister, sondern auch in denen der Gebildeten, nur daß diese ihrer Sache ein wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen suchen. Die Cagliostro, St. Germain und Swedenborg sind freilich verschwunden, dafür haben wir die Seherin von Prevorst, die Pneumatologen, die Spiritisten, Occultsten und andere mehr. Das Wort Hamlets: „Es giebt mehr Dinge im Himmel und aus Erden, als unsere Schulweisheit schh träumt" gilt sür viele gleich einem Beweise, und trotz der zahlreichen Entlarvungen, ja trotz Der Thatsache, daß unsere Taschenspieler und Magiker gleich! den ägyptischen Zauberern, welche die Zeichen Mosis nachahmten, die Wunder der Medien und Spiritisten uns ebenfalls vorführen, vermehrt sich die Zahl der Gläubigen von Jahr zu Jahr. Eine große Rolle in der Geschichte des Aberglaubens spielten von jeher die sogenannten Doppelgänger, das sind jene Personen, die sich selbst noch einmal außer sich! zu sehen glauben. Die Erscheinung der Doppelgängerei hängt innig mit dem Phänomen des zweiten Gesichts zusammen, von welchem sogar in einem, große Beachtung genießenden, wissenschaftlichen und weitverbreiteten Werke gesagt ist, daß es „unmöglich erscheine, die in Bezug aüf dasselbe gesammelten Thatsachen nicht in einer gewissen Beschränkung als wahr anzuerkennen". Gewiß ist nun, daß hier ebensoviel Treffer vorkommen mögen, als bei jeder anderen Geheimwissenschaft, wer aber weiß, was sür eilte ungeheure Rolle auf diesem Gebiete Furcht, Selbstbetrug und bewußte Täuschung spielen, der wird sich selbft sogenannten „unparteiischen und wissenschaftlich- gebildeten Beobachtern" gegenüber zweifelnd verhalten. Damit ist nicht gesagt, daß jeder, der sich rühmt, mit dem zweiten Gesicht begabt zu sein, ein Betrüger ist. Die Deuteroskopie ist vielmehr ein anomaler Zustand, dessen wissenschaftliche Erklärung als noch nicht völlig befriedigend zu bezeichnen ist. Sie gehört zu denjenigen Erscheinungen, die, tote der Hypnotismus und Somnambulismus, noch manche rätselhafte Seite bieten, ohne daß wir darum gleich an ihrer Natürlichkeit zu zweifeln brauchen. Was tue Wissenschaft noch nicht ergründet hat^ ist deshalb noch kein Wunder: auch das scheinbar Unerklärliche geht naturlich- zu, und die Elektrizität ist uns im letzten Sinne ja ein ebenso großes, und säst noch größeres Wunder als die Phänomene des Hhpnotismus und