(Nachdruck verboten.) Unter dem Schwerte der Themis. Roman von Reinhold Ort mann. (Fortsetzung.) Achtes Kapitel. Es war ani Tage vor dem vielbesprochenen Kostümfest, das die ganze Einwohnerschaft von Waldenberg zuletzt in eine Art von fieberhafter Aufregung versetzt zu haben schien, als Rudolf Sandory um die zwölfte Vormittagsstunde die ausgetretene Wendeltreppe zur Wohnung der Frau Pollnitz emporstieg. Er fand die würdige Dame allein zu Hause. Ihre Tochter war zur Probe im Theater; sie selbst aber befaud sich in großer Aufregung und gab sich gegen ihre Gewohnheit durchaus keine Mühe, heiter und liebenswürdig zu erscheinen. Auf Sandorys teilnehmende Erkundigung zeigte sie sich vielmehr sogleich bereit, ihm ihr sorgenbeladenes Herz auszuschütten. „Ach, Sie glauben nicht, verehrter Freund, wie schwer es für eine schutzlose Frau ist, sich- durch das Dasein zu schiagen! Sie würden entrüstet sein, wenn Sie wüßten, eine wie jämmerliche Gage uns dieser Blutsauger von; einem Direktor zahlt. Ich schäme mich geradezu, es Ihnen zu sagen. Und dabei die kostspieligen Toiletten — die teuren Preise in diesem erbärmlichen Nest! Man darf gar nicht daran denken, um Nicht zu verzweifeln." „Aber wenn es so ist, meine liebe Frau Pollnitz", sagte Sandory, der mit brennender Zigarre eingetreten war, „warum gehen Sie denn dem Vampyr nicht einfach durch?" Die Schauspielerin lachte bitter und schneidend auf. Es war ein Lachen, das eine gewisse Berühmtheit gehabt hatte zu der Zeit, da sie noch Heroinen spielte. „Der Rat ist gut! Wenn es nur ebenso leicht wäre, ihn auszuführen, als ihn zu geben. Da — sehen Sie her" — und sie hielt ihm einen mit verschiedenen, Fettflecken ausgestatteten Bries entgegen, auf dem die gedruckte Firma eines Berliner Theateragenten zu lesen war — „soeben macht man mir für mich und meine Elli einen glänzenden Engagementsantrag nach Brünn. Mehr als die doppelte Gage und außerdem ein sehr anständiges Sonntag den 4. November. „8 Hs i}. »Iffl WM Willi KM UM as Unser Vater ist ein schön Gebet, Es dient und hilft in allen Nöten. Wenn einer auch Vater Unser fleht, In Gottes Namen laß ihn beten. Goethe: Gott, Gemüt, Welt. Spielhonorar für jedes Auftreten. Auf meinen Kuieen würde ich dem Hünmel danken, wenn es uns vergönnt wäre, diesem ehrenvollen Ruse zu folgen." „Und was hindert Sie daran? Doch nicht Ihr Kontrakt?" „Ah, mein Kontrakt! Um dergleichen habe ich mich nie gekümmert. Not kennt kein.Gebot. Aber da id), Sie für meinen Freund halte, warum sollte ich es Ihnen verschweigen? Unsere Schulden sind es, die uns hier festhalten. Man würde uns hier nicht abreisen lassen, bevor sie getilgt sind. Und woher sollten wir auch das Reisegeld nehmen? Alle meine Schmucksachen und Ellis beste Kleider sind ohnedies schon längst beim Pfandleiher." Das war ein Geständnis, das an Offenheit freilich kaum noch; etwas zu wünschen übrig ließ, Sandory aber zeigte sich nicht im mindesten überrascht. „Vermutlich würden Sie eine ziemlich große Summe brauchen — nicht wahr?" Frau Pollnitz ging an ein Schubfach und begann unter den Pchüeren zu wühlen, die dort im wirren Durchs einander mit Puderquasten, Handschuhen und hundert anderen Dingen lagen. „Ich habe es noch gar nicht zusammengezühlt", seufzte sie, „das ist eine so widerwärtige Arbeit. Hier sind ja einige Rechnungen. Aber man brauchte am Ende nicht alles zu bezahlen. Die Leute dürfen nur nicht vorher erfahren, daß man fort will. Die Schmucksachen und die Toiletten freilich müßten notwendig ausgelöst werden. Unter tausend Mark — alles in allem — ließe es sich wohl kaum machen." „Und Fräulein Elli? Ist sie mit Ihren Plänen einverstanden ?" „Ach, was denken sie! Sie ist in allen Fragen des praktischen Lebens unschuldig und unerfahren wie ein rechtes Kind. Wollte ich es auf ihre Zustimmung ankommen lassen, so würden wir dies verhaßte Joch niemals abschütteln können. Nein, sie weiß nichts von diesem Antrag, und sie wird vorläufig auch nichts davon erfahren." „Aber Sie müssen sie bodji notwendig ins Vertrauen ziehen, wenn Sie die Absicht haben, mit ihr zu reisen." „Gewiß! Wenn es mir gelänge, die fünfzehnhundert Mark aufzutreiben, was freilich- nur durch ein Wunder geschehen könnte, so würde ich ihr irgend etwas von einem kurzen Gastspiel vorlügen, um sie von hier fortzubringen. Habe ich sie nur erst in Brünn, so muß sie sich wohl in das Unabänderliche ergeben." „Ihre Umsicht ist bewunderungswürdig! — Aber, sagen Sie mir doch^ beste Frau Pollnitz, wie stehen Sie denn eigentliche zu Herrn Sigismund Ruthardt?" Die Schauspielerin war von dieser Abschweifung auf 626 gewiß; schließlich aber könnte ich den Direktor, wenn er sich wider Erwarten weigern sollte, doch nicht dazu zwingen, und ich stände diesem Ruthardt gegenüber dann wohl gar als eine Betrügerin da." Da trat Sandory näher an sie heran und sagte mit gedämpfter Stimme: „Verstehen ivir uns doch endlich recht, beste Frau Pollnitz! Wenn ich Ihnen einen solchen Rat erteile, stehe ich selbstverständlich auch nach jeder Richtung hin für die Konsequenzen ein, die sich aus seiner Befolgung ergeben könnten. Sie sollen sich den Kopf ebensowenig darüber zerbrechen, woher Sigismund Ruthardt das Geld nimmt, als darüber, wer es ihm zurück erstattet. Ich wünsche nur, daß Sie ihn veranlassen, es Ihnen zu geben — weiter nichts! Wegen der Rückzahlung sollen Sie sich, dann nicht die geringste Sorge machen. Ich verbürge mich dafür, daß Ihnen keinerlei Ungelegenheiten entstehen werden." Als hätte er ein erlösendes Zauberwort gesprochen, erhellte sich! plötzlich die sorgenvolle Miene der würdigen Frau. Ehe Sandory es verhindern konnte, hatte sie mit beiden Händen seine Rechte ergriffen. „Nun erst begreife ich Sie, mein lieber, verehrter Freund! Weil Ihnen Ihr Zartgefühl verbietet —" Aber er wehrte mit einiger Entschiedenheit dem drohenden Ausbruch ihres dankbaren Entzückens. „Noch einmal, beste Frau: Sie sollen nichts fragen und sich über nichts den Kopf zerbrechen. Werden Sie heute abend spielen?" „Nein! Aber meine Tochter ist in dem Stück beschäftigt, und ich hatte die Absicht, sie ins Theater zu begleiten." „Das werden Sie also nicht thun, sondern Sie werden Herrn Sigismund Ruthardt — natürlich ohne Fräulein Ellis Vorwissen — brieflich ersuchen, gleich! nach dem Schluß der Kontorstunden, also um sieben Uhr, zum Zwecke einer sehr wichtigen Unterredung zu Ihnen zu kommen. Alles weitere hängt dann von Ihrer Geschicklichkeit ab. Es wird Ihre eigene Schuld sein, wenn Sie Ihr Ziel nicht erreichen und auf den schönen Traum eines Brünner Engagements verzichten müssen." Er hatte die letzten Worte mit einem Nachdruck gesprochen, der keinen Zweifel über ihre Bedeutung lassen konnte. Mit einem kleinen Seufzer drückte ihm Frau Pollnitz verständnisvoll die Hand. „Ach, wenn mein Gatte wüßte, wie wir uns hier durchschlagen müssen. Ich schreibe ihm niemals etwas davon, weil ich fürchte, er würde sich's vom Munde absparen, um uns zu helfen. Aber der Weg einer Künstlerin ist dornenvoll — das dürfen Sie imir wahrlich glauben, mein lieber Freund!" ' Als Sandory gegangen war, verwandelte sich ihre elegische Miene freilich auf der Stelle in eine sehr zornige, und wütend schüttelte sie hinter ihm drein die Faust. „Ich hätte ihm ins Gesicht springen mögen für diese Zumutung", knirschte sie. „Der Henker mag wissen, was er damit beabsichtigt. Aber ich habe keine Wahl mehr; denn fort müssen wir um jeden Preis." (Fortsetzung folgt.) ein ganz anderes Thema augenscheinlich sehr wenig erbaut. Ihr Antlitz bewölkte sich, und sie mgchte eine unzweideutig wegwerfende Gebärde. „Wie soll ich zu ihm stehen? Der junge Mensch ist ein Phantast, den man überhaupt nicht ernsthaft nehmen kann!" „Nun, ich meinte, daß sich bei diesen künstlerische Lektionen vielleicht gewisse zarte Beziehungen zwischen ihm und Ihrer Tochter angesponnen haben könnten." „Davor bewahre uns der Himmel! Elli müßte ja keinen Funken gesunden Menschenverstandes haben, wenn sie sich auf dergleichen eingelassen hätte." „Nun, der Sohn des vielbeschäftigten Doktor Rui- hardt wäre vielleicht keine so üble Partie." Aber die Schauspielerin machte eine sehr entschieden ablehnende Geste. „Da ist so gut wie gar kein Vermögen. Ich habe mich bei zuverlässigen Leuten danach erkundigt. Und dieser junge Mensch, der nichts hat und nichts ist, wie könnte er überhaupt ans Heiraten denken? Er ist vielleicht nach zehn Jahren noch nicht im stände, eine Frau anständig zu ernähren. Es ist Unsinn, überhaupt davon zu reden. Sie können sich wohl denken, lieber Freund, daß mir jetzt ganz andere Dinge im Kopfe liegen als solche Kindereien. — Wenn es mir doch gelingen möchte, diese lumpigen paar hundert Thaler aufzutreiben! Man würde sie gewiß nicht verlieren; denn der Theaterdirektor in Brünn müßte mir gleich bei meinem Eintreffen einen anständigen Vorschuß bewilligen, und unsere Gage wäre groß genug, daß wir später bedeutende Ersparnisse davon machen könnten." Rudolf Sandory, der zuletzt eine gewisse Zerstreutheit an den Tag gelegt hatte, zog seine Uhr. Ich muß mich! jetzt empfehlen, da ich noch einen Besuch zu machen habe. Wenn ich Ihnen raten darf, so wenden Sie sich an Herrn Sigismund Ruthardt mit der Bitte, Ihnen die Keine Gefälligkeit zu erweisen". Frau Pollnitz war außer stände, die Enttäuschung zu verbergen, die seine Worte ihr bereitet hatten. Sie maß den Besser mit einem funkelnden Blick. „An den? Womit habe ich es verdient, daß Sie sich über mich lustig machen, Herr Sandory?" „Aber ich denke nicht daran, liebste Freundin! Und ich würde Ihnen einen solchen Schritt gewiß nicht empfehlen, wenn ich nicht sicher wäre, daß er von Erfolg sein wird. Wann gedachten Sie denn, Ihre Reise anzutreten?" „O, wir hätten schon übermorgen fahren können. In solcher Lage hält man sich nicht viel mit umständlichen Vorbereitungen auf. Aber was hilft es, davon zu reden, wenn ich auf den guten Willen dieses jungen Menschen angewiesen bleiben soll! Er hat es uns selber gesagt, daß er nichts besitzt." „Demgegenüber kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß er immer ein paar tausend Mark mit sich herumträgt, die er Ihnen ohne weiteres geben könnte. Und er wird es ganz gewiß thun, wenn Sie ihn mit einigem Nachdruck darum bitten." Dockj Frau Pollnitz setzte offenbar nicht das geringste Vertrauen in diese Zusicherung. „Wenn es sich auch so verhielte", sagte sie verdrießlich, „ich kann mich vor diesem Jüngling nicht so tief demütigen, ihm unsere verzweifelte Sage zu schildern." „Dazu möchte ich Ihnen auch gar nicht raten. Von Ihrer Absicht, Waldenberg auf Nimmerwiederkehr zu verlassen, dürfen Sie ihm ja schon deshalb nicht sprechen, weil dann auch Fräulein Elli ohne Zweifel sogleich Kenntnis davon erhalten würde. Aber es hat für keinen Menschen etwas demütigendes, sich infolge unglücklicher Zufälle in vorübergehender Geldverlegenheit zu befinden. Je fester Sie ihm die Rückgabe seines Darlehens innerhalb weniger Tage versprechen können, desto stärker dürfen Sie die Farben bei der Schilderung Ihrer augenblicklichen Bedrängnis auftragen, ohne sich damit irgend etwas zu vergeben." Das Gesicht der Schauspielerin bewölkte sich immer mehr. „Wie leicht es doch ist, solche guten Ratschläge zu erteilen", meinte sie bitter. „Daß ich in Brünn "ben gewünschten Vorschuß erhalten würde, ist ja so gut wie Gustav Schwab. Zum 50 jährigen Todestage von Uhlands „ältestem Schüler". — 4. November. — Von Paul Pasig. Nachdruck verboten. „Doch laß' mich immer froh gestehen, Daß ich 'Sein ält'ster Schüler bin: , Will den in mir die Nachwelt sehen, So zielt mein Schatten aufrecht hin —" Mit diesen stolz-bescheidenen, an Uhlaud gerichteten Worten deutet Gustav Schwab selbst die Stellung an, welche er in der deutschen Sitteratur beanspruche: er will nichts mehr und üichts weniger sein, als der „älteste Schüler" des anerkannten Hauptes der sogenannten „Schwäbischen Dichterschule". In wer Thal dürfte Schwab, der Verfasser der altbekannten Balladen: „Das Gewitter", „Der Reiter und der Bodensee" u. a. in. mit diesen Worten, recht verstanden, im allgemeinen seine 627 dichterische Bedeutung zutreffend gekennzeichnet haben; denn wenn Uhland nächst Schiller als unbestrittener Meister der balladenartigen Dichtung (Romanze, Rhapsodie, Ballade) dasteht, so kommt ihm in dieser Dichtungsgattung keiner so nahe als Gustav Schwab. Von Geburt an, in der Atmosphäre eines evangelischen Pfarrhauses ausgewachsen — Schwabs Vater war Oberstudien- und Konsistorialrat in Stuttgart — theologisch vorgebildet und seinem innersten Wesen nach, die letzten 13 Jahre auch praktisch von tiefer Religiosität, verleugnen freilich Schwabs Dichtungen diesen Charakterzug ihres Verfassers nicht, und eine gewisse behagliche Breite, die, namentlich in den größeren Romanzen, an den Predigerton erinnert, unterscheidet dieselben von der knappen, präzisen Diktion seines großen Meisters und Vorbildes. Gleichwohl dürste, nachdem ein halbes Jahrhundert seit des Dichters Tode verrauscht ist, ein Blick auf dessen Leben und Wirken um so willkommener sein, als gerade bei ihm mehr als sonst beide einander bedingen. Geboren in Stuttgart am 19. Juni 1792, ist Schwab der jüngste unter den drei Hauptvertretern seiner Schwule (Justinus Kerner, geb. 1786, Ludwig Uhland, geb. 1787). Vom Gymnasium seiner Vaterstadt begab er sich auf das bekaunte Tübinger Stift, um hier Theologie und Philosophie zu studieren (1809—1814). Daneben aber folgte er seiner innersten Neigung und beschäftigte sich nicht nur mit Litteratur und Dichtkunst, wobei Goethe, Tieck, Novalis (Hardenberg), A. W. Schlegel und vor allem Uhland einen großen Einfluß auf ihn ausübten, sondern er versuchte sich auch selbst in Versen und hatte die Freude, einige seiner lyrischen Gedichte im „Deutschen Dichterwald" von Uhland und in Kerners „Schwäbischem Almanachs abgedruckt zu finden. Noch entscheidender für den inneren Gang seines Leberts und dessen ganze Richtung war die persönliche Bekanntschaft mit Chamisso, Fouquee, Neander, Schleiermacher, Franz Horn u. a., die er nach, Vollendung seiner Studien in Berlin (1815) kennen lernte, und die ihn noch mehr für die Dichtkunst begeisterten, ihm auch manch ermunterndes Wort über seine eigenen Erzeugnisse sagten. Vorerst freilich! galt es, eine geeignete Brotstelle zu finden, und daher wurde er, von der Reise zurück- gekehrt, Repetent am Stift zu Tübingen (1815) und zwei Jahre später Professor der alten Sprachen und Litteratur am Gymnasium zu Stuttgart. Hier entfaltete Schwab eine reiche und ausgedehnte litterarische Thätigkeit. Mit Cha- misso besorgte er 1833 — 1836 die Herausgabe des „Deutschen Musen-Almanachs" und leitete zehn Jahre hindurch (1827—1837) den poetischen Teil des bekannten .„Morgenblattes". Namentlich in letzterer Stellung war Schwab von unermeßlichem Einflüsse auf die zeitgenössische Litteratur, indem er nicht nur jüngern, strebsamen Talenten die Spalten des Blattes öffnete und ihnen so den Weg an die Oeffentlichkeit bahnte, sondern es ihnen auch, durch persönliches Eintreten ermöglichte, ihre gesammelten Dichtungen erscheinen zu lassen. Platen, Lenau,-Waiblinger, Freiligrath, waren ihm in dieser Hinsicht zu Dank verpflichtet, und mancher junge Poet, der in Schwab seinen dichterischen Beichtvater verehrte, dankte es später der Vorsehung, erst ihn, das litterarische Gewissen des Schwabenlandes nm einen Rat befragt zu haben. Diese fast ausschließliche litterarische Thätigkeit ließ, in Schwab auch den begreiflichen Wunsch aufkeimen, endlich in einer Stellung wirken zu können, die ihm mehr Muße zur Bethätigung seines Dichtertalentes gewährte. Und welches Amt wäre hierzu wohl geeigneter gewesen, als das eines schlichten Landpfarrers in idyllischer Naturumgebung, wo Wald und Flur, Berg und Thal dem Dichterherzen ihre trauten Grüße zuflüstern? Eine solche Stelle war Gomaringen bei Tübingen am Fuße der schwäbischen Alb. Hier finden wir Schwab in den nächsten fünf Jahren (1837—1842), unermüdlich im Dienste der Musen thätig, soweit ihn nicht ernstliche Geschäfte in der kleinen Gemeinde beanspruchten, und aufgesucht von Dichtern und Dichterfreunden, die im gastlichen Pfarrhause nie vergeblich anklopften. Dieses Idyll fand seinen jähen Abschluß durch Schwabs Berufung als Stadtpfarrer an St. Leonhard in Stuttgart (1842), wo ihm später die Würde eines Oberkonsistorial- und Studienrates und seitens der Universität Tübingen die eines Doktors der Theologie verliehen wurde. Seine Lebensarbeit, die in Rücksicht auf die verhältnismäßig kurze Spanne Zeit, die ihm beschieden war, eine außergewöhnlich reiche genannt werden muß, war gethan, und nach, achtjähriger Wirksamkeit in Stuttgart verschied der erst 58 jährige in der Nacht vom 3. zum 4. November 1850. Sein Schwanenlied war das Gedicht: „Für Schleswig-Holstein", welches als Prolog in einem zum Besten der Schleswig-Holsteiner veranstalteten Konzerte gesprochen wurde. Schwabs litterarische Thätigkeit war eine ebenso reiche wie mannigfaltige. Wir haben von ihm Uebersetzungen, teilweise metrisch („Lamartines poetische Gedanken", „Napoleon in Aegypten, von Barthelemy und Mery"), Sammlungen von Werken anderer Dichter („Erlesene Gedichte von Paul Fleming", dem Verfasser des allbekannten Kirchen - Liedes „In allen meinen Thaten", „Fünf Bücher deutscher Lieder und Gedichte. Von Haller bis .auf die neueste Zeit", „Die deutsche Prosa von Mosheim bis auf unsere Tage"), ja, sogar eine Anzahl Reisehandbücher. Schwab kannte nicht nur seine engere schwäbische Heimat und die angrenzenden Länder (Schweiz) auf das gründlichste, sondern er hatte sich auch in außerdeutschen Ländern umgesehen. So hatte er im Jahre 1827 während seiner Stuttgarter Wirksamkeit als Gymnasialprofessor eine Reise nach Paris unternommen, und im Sommer 1841 wurde das stille Pfarrerleben in Gomaringen durch eine längere Reise nach Skandinavien unterbrochen. In seinen Reiseschriften zeigt sich Schwab als treuen, genauen Beobachter namentlich der Sitten und Volksgebräuche und gemütvollen Erzähler. Zu erwähnen sind: „Die Neckarseite der schwäbischen Alb", „Der Bodensee", „Wanderungen durch Schwaben", „Die Schweiz in ihren Ritterburgen", usw. Bekannter unter Schwabs Prosaschriften sind seine fast klassisch zu nennenden Darstellungen aus der alten Geschichte, die als Musterlektüre selbst in unsere besseren Schullesebücher Eingang gefunden haben, und welche die Zierde jeder guten Volksbibliothek bilden. Hierher gehören: „Buch der schönsten Geschichten und Sagen", „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums", „Die deutschen Volksbücher, für Jung und Alt wiedererzählt". Nebst einer Biographie Schillers („Schillers Leben"), sowie (mit Klüpfel) einen „Wegweiser durch die deutsche Litteratur" besitzen wir von ihm, Werke, die von dem Fleiße und der Vielseitigkeit ihres Verfassers vollgiltiges Zeugnis ablegen. Immerhin besteht der Ruhm unseres Dichters nicht hierin, sondern in seinen „Balladen". Wir meinen darunter nicht jene längeren epischen Dichtungen, von denen einleitend die Rede war, wie die „Romanzen aus dem Jugendleben des Herzogs Christoph von Württemberg", die „Legende von den heiligen drei Königen in 12 Romanzen", den „Möringer, schwäbische Sage in vier Romanzen", den „Appenzeller Krieg in neun Romanzen" u. a. Von ihnen gilt das Urteil Gottschalls: Sie sind „geschwätzig, breit in der Schilderung, oft matt in der Pointe; ihnen fehlt der ideale Hauch des Uhlandschen Kolorits, die Grazie, die Harmonie der Linien; an ihre Stelle tritt eine wohlgefällige Landschaftsmalerei und eine ebenso wohlgefällige Gemüts-Theologie, welche mit ihren Reflexionen die Erzählung unterbricht. Die Mischung eines oft hausbackenen Realismus mit dieser gutmütigen Redseligkeit vermag nicht Dichtungen aus einem Gusse zu erzeugen, wie sie aus Meister Uhlands lebendiger Anschauung fertig hervorsprangen". Vielmehr meinen wir, daß in der eigentlichen Ballade, jener knappen epischen Dichtung mit vorwiegend lyrischem Charakter die Stärke unseres Dichters beruht. Wer denkt hier nicht an das ergreifende „Gewitter": „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind In dumpfer Stube beisammen sind?" Wie treffend weiß da der Dichter die erwartungsfrohe Stimmung der einzelnen zu malen, bis der tötliche Strahl ihr ein jähes Ende bereitet: „Sie hören's nicht, sie sehen's nicht. Es flammt die Stube wie lauter Licht: Urahne, Großmutter, Mutter und Kind Vom Strahl miteinander getroffen sind) Vier Leben endet ein Schlag — Und morgen ist's Feiertag." 628 Mni Gedichte liegt übrigens eine wahre Begebenheit zu Grunde, über die der „Schwäbische Merkur" (1828) berichtete: „Am 30. Juni 1828 schlug der Blitz in ein von zwei armen Familien bewohntes Haus der württembergi- schen Stadt Tuttlingen und tötete von 10 Bewohnern desselben vier Personen weiblichen Geschlechts, Großmutter, Mutter, Tochter und Enkelin, die erste 71, die letztere 8 Jahre alt." Den vernichtenden Schreck aber nach einer unerkannten, glücklich überstandenen Gefahr malt der Dichter in „Der Reiter und der Bodensee". Auch hier sind die Kontraste überaus wirksam: Auf der einen Seite die Dorfbewohner, die den Reiter, welcher, ohne es zu wissen, über den zugefrorenen Bodensee ritt, beglückwünschen, auf der anderen der Reiter selbst, dem erst jetzt die ungeheure Gefahr, in der er ahnungslos schwebte, zum Bewußtsein kommt: „Es stocket sein Herz, es sträubt sich sein Haar, Dicht hinter ihm grinst noch die grause Gefahr. Es sieht sein Blick nur den gräßlichen Schlund, Sein Geist versinkt in den schwarzen Grund. Im Ohr ihm donnerts wie krachend Eis, Wie die Well' umrieselt ihn kalter Schweiß. Da seufzt er, da sinkt er vom Roß herab, Ta ward ihm am User ein trocken Grab." Aehnliche Balladen sind „Das Mahl zu Heidelberg", „Schloß Lichtenstein", „Der Riese von Marbachs" u. a. Das Lehrgedicht „Johannes Kant"" hingegen hat schon manchen über die ernste Tiefe des „kategorischen Imperativs"" aufgeklärt. Auch als Lyriker ist Schwab manches Lied gelungen, das von edler Empfindung zeugt und die Musik geradezu heraussordert. Das bekannteste ist „Burschenabschied"", an dem sich Bursch und Fuchs nach wohlbestandenem Examen noch heute ergötzen, ohne in den meisten Fällen eine Ahnung vom Verfasser zu haben. Das ist Dichterlos! Und doch verdiente unser Schwab schon wegen dieses einzigen Liedes wenigstens vom Bruder Studio gekannt zu sein, wenn er wehmütig anstimmt: „Bemoster Bursche zieh' ich aus. Behüt' Dich Gott, Philisterhaus! Zur alten Heimat geh' ich ein. Muß selber nun Philister sein! Fahrt wohl, ihr Straßen grad und krumm! Ich zieh nicht mehr in Euch herum, Turchtöu' Euch nickt mehr mit Gesang, Mit Lärm nicht mehr und Sporenklang. Was wollt Ihr Kneipen all von mir? Mein Bleiben ist nichr mehr allhier; Winkt nicht mit Eurem langen Arm, Macht mir mein durstig Herz nicht warm!"" usw. usw. Auch „Nachruf"" ist von echt lyrischer Stimmung: hier erbittet der Dichter von der „entschwundenen Liebe"" nur das, was andere an ihr verschmähen: „Dein Seufzen, Deine Last, Dein Sehnen, Was andere nur an Dir verschmähn — O gieb mir alles, bis mir Thränen In den erstorb'nen Augen stehn!"" Doch genug der Proben! Das deutsche Volk hat sicher allen Grund, wenn es seines Uhlands, des großen Meisters der Balladen-Dichtung, gedenkt, auch auf dem Grabe dessen, der sich seinen „ältesten Schüler"" nannte, einen Kranz treuen Gedenkens niederzulegen, und wäre es auch nur, um im Schüler den unsterblichen Meister und die Kunst selbst zu ehren! GeinsinniUzrges. Bastseidne Kleider, welche etwas angeschmutzt sind, kann man selbst waschen, so daß sie wieder wie neu ausseheu. Man wäscht sie mit milder weißer Seife in lauwarmem Wasser uud spült sie einige Male. Dem letzten Spülwasser setzt man etwas aufgelösten Zucker und zwei Tafeln weiße aufgelöste Gelatine zu, wodurch die Seide Glanz und Steife erhält. Dann hängt man das Kleid möglichst glatt zum Trocknen so lange auf, bis es nur noch so feucht ist, daß man das Kleid sogleich plätten kann. Litterari-ches.ö LS „Der Mönch von St. Blaste« Roman von Franz Rosen. Illustriert von M. E. Pinoff. E. Piersons Verlag, Dresden und Leipzig. Preis 4 Mk., geb. 5 Mk. — Ein tragisches Kapitel aus den alten Gerichtsrechten der Stadt Freiburg i. B. hat Rosen den Stofs zu seinem fesselnden und künstlerisch hochbedeutendcn Roman geliefert. Der junge Mönch Severus, früher Edler Geiger von Klingenberg, der die Blutschuld seines Bruders auf sich nimmt, um diesen zu retten, sich selbst aber dadurch aus den verhaßt gewordenen Klosterfesseln zu befreien, ist eine der anziehendsten Figuren, welche die neueste deutsche Romanlitteratur aufzuweisen hat. Mit sicherer Meisterschaft hat Rosen das Wirken dieser beiden Motive in der Seele des Jünglings darzustellen gewußt, der bis zum letzten Atemzuge unter dem entehrenden Beile des Henkers sich selbst treu bleibt. Einen ihm ebenbürtigen Charakter sehen wir in Annegrcd Hübner, die den weiten Weg nicht scheut über Berg und Thal und durch den wütenden Schncesturm, um dem unschuldig vergossenen Blut des Geliebten Sühnung zu verschaffen und seinen Namen vor der Welt wieder rein zu waschen. Ebenso verdienen die anderen Hauptpersonen des Romans, namentlich der Fürst- abt zu St. Blasien in seiner hoheitsvollen Milde, und Annegreds Bruder Lorenzo um der trefflichen Charakteristik uneingeschränktes Lob. So deutlich, ja geradezu plastisch stehen diese Gestalten vor unseren Augen, daß es ihrer äußeren Wiedergabe durch die prächtigen Zeichnungen M. E. Pinoffs kaum bedurst hätte, um sie im Bilde lebendig werden zu lassen. ______ In dem soeben erschienenen 3. Hest von Velhüge« ll. Kiastugs Monatshefte« scssclt zunächst ein überraschend reich illustrierter Aufsatz: „Der Einfluß Chinas und Japans auf die europäische Kunst" unsere Aufmerksamkeit; die hochinteressante Arbeit stammt aus der Feder Dr. A. Brömings vom Berliner Kunstgewerbe-Museum. Wie dieser Aufsatz an die Zeitereignisse anklingt, so in noch höherem Maße ein Artikel: „Rußland und China" von vr. Charpentier. Ein weiterer Aussatz schildert sesselnd das „Französische Bayreuth", nämlich das seltsame Nationalthcater zu Orange. Von erzählenden Beiträgen schließt in dem Heft die feinsinnige Erzählung „Ma" von Andreas Lou-Saloine ab, während der großangelegte Roman „Psyche" von Richard Voß weitergeführt wird. Aus dem erstaunlich reichen Inhalt des wiederum sehr elegant und schön ausgestatteten Heftes heben wir ferner noch hervor einen Aussatz: „Unter der deutschen Handelsflotte" vonG.Schwarz- Hamburg, eine reizende Plauderei: „Theaterpremiere" von Elsbeth Meyer-Förster und die Bücherbesprechungen von Heinrich Hart. Eine illustrierte Rundschau über Kunst und Kunstgewerbe schließt das Heft ab, dessen Gratisanhang, die Romanbibliothek, die Fortsetzung des Romans „Thöneine Füße" von H. Harder bringt. Des Meisters Ende. Roman von Gust. Johs. Krauß. Berlin 1901. Ferd. Tümmlers Verlagsbuchhandlung. Preis geh. Mk. 4,50, geb. Mk. 5,60. Semper veritas, des Verlegers Wahlspruch: „Die Wahrheit über alles!", sucht im vorliegenden Falle auch der Urheber sich zu eigen zu machen. Der Roman ist ein nicht unbedeutendes Werk moderner Kleinmalerei; er bietet ein Stück Leben, darin die verschiedensten Anschauungen und Lehren vertreten sind, unter denen der Materialismus neben dem Spiritismus besonders zur Geltung kommt. Natur, Kunst und Wissenschaft werden in ihren Vertretern geschildert, um zu dem Schlüsse zu gelaugen, „daß alle Wissenschast am letzten Ende nichts vermag wider die Natur". Daneben möchte der Roman lehren, daß Leben Kunst, und wahre Kunst Leben ist. Daß der Liebe Allgewalt als roter Faden sich durch die Erzählung hinzieht, verleiht ihr natürlich erhöhte Reize, die auch das Erörtern der Vererbungslehre nicht zu schmälern vermag. Des in den Tod gehenden Meisters Bekenntnis: „Ich bin demütig geworden und achte das natürliche Werden!" verfehlt auf nachdenkende Menschen eines tiefen Eindrucks nicht. — Der Verfasser hat das Beste geben wollen; daß cs ihm nicht überall gelungen, ist keine Schande. Seine Beschlagenheit und unverkennbare Fähigkeit verheißen zunehmende Reife seiner Werke. Bdt. Anagramm. Nachdruck verboten. Made, Silen, Reich, Gans, Enten, Streich, Serie, Tonne, Robe, Leiden, Rain, Amme, Stab, Nelke, Sage, Lende, Mahl, Emir, Bitte, Siam, Sache, Äsen, Angel, Seil, Schoa, Mehl, Murat, Saum, Genua, Leben, Reifen, Dirne, Lese, Haut, Jota, Amsel, Kain, Strich, Bohle, Rille, Sahne, Eros, Stern, Amur, Nepos, Geier, Leda, Reich, Rahm, Sicht. Von jedem der vorstehenden Wörter ist durch Umstellung der Buchstaben ein anderes Hauptwort zu bilden. Die Anfangsbuchstaben der neuen Wörter müssen im Zusammenhang einen vielzitierten Goethe'schen Vers ergeben. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Auszählrätsels in voriger Nummer: (Es wird mit 5 ausgezählt.) Reichsarmee. Reaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfltätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.