(Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Dreizehntes Kapitel. Ihre Pflichten als Wirtin gestatteten der unglücklichen Schlostherrin von Lasdehnen nicht lange, sich in der Einsamkeit ihres Zimmers den schmerzlichen Gedanken hinzugeben, mit denen die grausame Vereitelung ihrer Hoffnung sie erfüllt hatte. Selbst wenn ihr der Offizier ein völlig Fremder geivesen wäre, hätte sie es als ein selbstverständliches Gebot der Höflichkeit ansehen müssen, ihm einen Platz an ihrer Tafel einzuräumen, und bei ihren freundschaftlichen Beziehungen zu dem Leutnant von Kapnist ließ sich dies vollends unter keinen Umständen vermeiden. Zu früher Stunde schpn, wie es auf dem Lande üblich ist, traf Man wieder im Speisezimmer zusammen, und Herr von Kapnist fand sein Gedeck zwischen denen Elisabeths und der Frau von Menzelius, die ihm von allen Bewohnern des Schlosses wohl die herzlichste Begrüßung hatte zu teil werden lassen. Da er nicht wußte, daß diese Anordnung der Plätze eine eigenmächtige Handlung Charlottens war, erblickte er darin eine neue Auszeichnung von feiten des Fräuleins von Marschall, und bemühte sich nach Kräften, ihr durch allerlei ritterlich^ Galanterien seine Dankbarkeit dafür an den Tag zu legen. Vielleicht wäre sein Eifer, sich als geistreicher und unterhaltender Gesellschafter zu zeigen, von besserem Erfolge gekrönt gewesen, wenn ihn nicht Charlottens blasses Gesichtchen, ihre trübe blickenden Augen, und ihre auffällige Schweigsamkeit gar zu sehr beirrt und um einen wesentlichen Teil seiner guten Laune gebracht hätten. Auch von feiten Elisabeths meinte er jetzt weniger liebenswürdiges Entgegen- kominen zu finden, als vorhin beim Empfange, und so geschah es, daß das Gespräch bedenklich ins Stocken geraten war, als gegen Ende der einfachen Abendmahlzeit der Verwalter erschien, um wegen einiger Anordnungen, die für den nächsten Tag zu treffen wären, die Befehle seiner 'noU 'fcjASSg.n. g 1900. d*Ä f lles sei richt, was du thusi! doch dabei laß es bewenden, Freund, und enthalte dich ja, alles, was recht ist, zu thun: Wahrem Eiser genügt, daß das Vorhand'ne vollkommen Sei, der falsche will stets: daß das Vollkommene sei! Schiller. jungen Herrin einzuholen. Elisabeth beeilte sich, ihn abzufertigen; Frau von Menzelius aber mochte fich von der Gesellschaft des redegewandten Wülfing eine wünschenswerte Aufbesserung der Stimmung versprechen, und sie lud ihn deshalb aus eigener Machtvollkominenheit zum Verweilen ein. Der Verwalter hatte solche Aufforderungen bis dahin stets bescheiden abgelehnt; heute aber besann er sich zu Elisabeths unwilligem Erstaunen nicht, sie anzunehmen, und schon nach Verlauf weniger Minuten war er in lebhaftem' Gespräch mit dem Offizier. Er hatte mit der Bemerkung begonnen, daß auch ihm schon allerlei Gerüchte von dem Aufenthalt bewaffneter Banden im weiteren Umkreise von Lasdehnen zu Ohren gekommen seien. Da der Leutnant dieses Thema natürlich sehr bereitwillig aufgriff, machte er im weiteren Verlauf der Unterhaltung über den vermutlichen Schlupfwinkel des Majors Sixtus noch allerlei Andeutungen, die Elisabeth fast um ihre ohnedies nur mühsam behauptete Fassung brachten, da sie der Wahrheit nur zu nahe kamen. Wenn Kapnist die Fingerzeige zu nutzen wußte, die ihm hier zu teil wurden, so mußte es ihm ein leichtes sein, den Major aufzufinden und ihn, falls jener nicht vorher gewarnt worden war, mit seiner an Kopfzahl, Bewaffnung und Kampffähigkeit weitaus überlegenen Schar zu überrumpeln. Der Leutnant sah sich denn auch im Geiste bereits am Ziel seiner ehrgeizigen Wünsche und erklärte, daß er noch vor Tagesanbruch mit seinen Kürassieren nach dem sogenannten Totendorfe ausrücken würde. Den Führer, den ihm der Verwalter zuvorkommend anbot, nahm er Mit großem Danke an und versicherte, daß er in seinem Bericht nicht unterlassen werde, die wirksame Unterstützung zu rühmen, die seinem Vorhaben hier auf Lasdehnen zu teil geworden sei. „Wissen Sie auch, meine Damen, daß man sich von diesem Major Sixtus in der Armee eine höchst romantische Geschichte erzählt?" wandte er sich — jetzt wieder sehr wohlgelaunt — an Elisabeth und Charlotte, um sie für die Vernachlässigung zu entschädigen, deren er sich in seinem Eifer während der letzten Minuten gegen sie schuldig gemacht hatte. „Vermutlich ist es ein Märchen; aber wenn auch nur ein kleiner Teil davon auf Wahrheit beruhte, so wünschte ich dem Manne von Herzen, er fiele morgen durch eine ehrliche Pistolenkugel oder durch einen Säbelhieb, statt wie ein gemeiner Strauchdieb hängen zu müssen". Elisabeth fühlte sich bei all ihrer Tapferkeit nicht stark genug, etwas zu erwidern, Frau von Menzelius aber fragte neugierig: „Eine romantische Geschichte? Ah, die müssen Sie uns erzählen, Herr von Kapnist!" „Die Einzelheiten sind mir leider zum Teil aus dem Gedächtnis entschwunden, und der Name des jungen Edel- — 498 — fräuleins, das die Hauptheldin in dem Drama gewesen sein soll, ist mir überhaupt nicht bekannt geworden. Ich weiß nur, daß dieser angebliche Major Sixtus nach der allgemeinen Ansicht kein simpler Bürgerlicher ist, sondern einem alten, ruhmvollen Adelsgeschlechte angehört, und noch kurz vor dem Ausbruch des letzten großen Krieges als Offizier in einem der vornehmsten Garderegimenter gedient hat. Aus blinder Leidenschaft für die erwähnte junge Dame, so heißt es, habe er sich damals zu einer verbrecherischen Handlung hinreißen lassen, indem er einem ihrer Verwandten, der einen Mord begangen hatte, zur Flucht verhalf. Mit Schimpf und Schande aus der Armee ausgestoßen, soll er sich dann dem Freikorps angeschlossen haben, dessen Ueberbleibsel wir morgen unschädlich machen werden. Seinen Namen aber hatte er zuvor für immer abgelegt, und wenn die Geschichte wahr ist, so wird seiner Familie hoffentlich auch die Schwach erspart bleiben, ihn noch einmal ans Licht gebracht zu sehen". Elisabeth hatte während dieser letzten Minuten unsägliche Qualen ausgestanden, und erst bei den letzten Worten des Leutnants wagte sie es, einen scheuen, verstohlenen Blick zu Franz von der Räcknitz hinüberzuwerfen. Sie hatte erwartet, auch auf seinem Gesicht die Anzeichen einer gewaltigen seelischen Bewegung zu finden, aber mit Schrecken gewahrte sie statt dessen in seinen lauernd auf sie gerichteten Augen jenes tückische, böse Glitzern, das ihr schon einmal die ganze Niedrigkeit und Verworfenheit seines Charakters offenbart hatte. Ein furchtbarer Argwohn stieg in ihrer Seele aus, der Argwohn, daß Franz ihr Geheimnis erraten oder ausspioniert habe, und daß er jetzt mit vollem Bewußtsein, daran arbeite, seinen edelmütigen Retter zu verderben, indem er das Militär auf feine Fährte brachte. Im Uebermaß ihres Zornes und ihres Abscheus fühlte sie sich für einen Augenblick versucht, aufzuspringen und dem Elenden hier vor allen Zeugen die heuchlerische Maske vom Gesicht zu reißen. Aber sie erinnerte sich glücklicherweise noch; zur rechten Zeit, daß sie damit wahrscheinlich auch das Schicksal des geliebten Mannes besiegeln würde, und sie preßte die Lippen zusammen, um ihnen kein unbedachtes Wort entschlüpfen zu lassen. Der Plan jedoch- den sie seit der Ankunft der Soldaten unablässig erwogen hatte, war jetzt zum unumstößlichen Entschlüsse geworden, und mit fiebernden Pulsen sehnte sie das Ende dieses qualvollen Beisammenseins herbei. Charlotte von Menzelius war es, die ihr ahnungslos zu Hilfe kam, indem sie bald nachher aufstand, um sich unter dem Vorwande, daß sie au Kopfschmerzen leide, zurückzuziehen. Ihr angegriffenes Aussehen ließ! die anderen ohne weiteres an die Wahrheit dieser Erklärung glauben; der Leutnant von Kapnist aber, obgleich er bis dahin fast ausschließlich der Herrin des Hauses seine galanten Huldigungen dargebracht hatte, schien doch gerade durch Charlottens Entfernung mit einem Male um alles Vergnügen an dem traulichen Plauderstündchen gebracht worden zu sein. Er erinnerte sich plötzlich, daß er ja schon vor Tagesgrauen wieder im Sattel sein müsse, und Laß es deshalb auch, für ihn an der Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben. Er schüttelte dem Verwalter beim Abschied besonders kräftig die Hand und erinnerte ihn noch einmal an sein Versprechen wegen des Führers. Frau von Menzelins. ließ es sich nicht nehmen, den lieben Gast bis an die Schwelle des in aller Eile notdürftig für ihn hergerichteten Zimmers zu geleiten, und Elisabeth sah sich endlich — endlich allein. Sie trat an das Fenster und blickte hinaus. Es war eine Mondnacht; aber schweres, zerrissenes Gewölk jagte dm Himmel dahin und ließ die silberne Scheibe des matt leuchtenden Gestirns nur hier und da auf kurze Zeit sichtbar werden. Die Luft war schwül, und vereinzelte Windstöße schienen wie eilige Herolde das Herannahen einest Unwetters zu verkünden. Fern am Horizont zuckte es, bereits zuweilen in fahlem Leuchten auf. (Fortsetzung folgt.) Eindrücke aus Ober-Ammergau. Von Pfarrer Dr. Grein in Gießen. Nachdruck verboten. In zwei Artikeln haben die Familienblätter (Nr. 63 und 71) sich bereits mit den Oberammergauer Passionsspielen beschäftigt, um weiteren Kreisen Mitteilung über die Geschichte des Spiels, Mer die Anlagen des neuen Passionsspielhauses, über die Mitwirkenden, über die Verkehrswege nach Ober-Amwergau zu geben. Es sei nun einem, der kürzlich von hier aus dort war, gestattet, seine mannigfachen Eindrücke wiederzugeben. — Es war an einem trüben regnerischen Samstagmorgen, als wir uns von Linderhof her, jenem bekannten Lustschloß des Königs Ludwig II., int dichtbesetzten Stellwagen Ober - Ammergau näherten. Trotzdem der andauernde Regen in den sonst schmuck aussehenden Straßen des Dorfes bereits große Seen gebildet hatte, war der Verkehr von Fußgängern ein recht lebhafter und steigerte sich mit jeder Stunde; denn unaufhörlich rollten Wagen über Wagen aus allen Himmelsgegenden heran mit neuen Gästen. Gegen Abend, wo es sich aufhellte, war das Massengedränge aus den Straßen, vor den vielen Läden, unter denen die Bilderläden am meisten hervortraten, stellenweise sehr stark, und dabei von einer seltsamen Mischung von Menschentypen aus allen Zonen, englische und französische Laute hörte man mehr als deutsche; den schlichten deutschen Touristen sah man so cjut wie den Fremdländer im neuesten Modeschnitt, die entfache, nicht zu verkennende deutsche Lehrerin neben der hocheleganten, nicht minder unverkennbaren Lady,Geistliche mih mehr oder weniger langen Röcken, unbekümmert um das Gedränge im Gehen ihr Brevier lesend oder sich miteinander unterhaltend. So kam der Abend, und mit ihm eine frühe Stille über den ganzen Ort. Das Quartier, das wir be- zogen zum Preis von 5 Mark pro Bett, war bei freundlichen bescheidenen Leuten. Es mußte zwar erst mit Hilfe einer etwas halsbrecherischen Treppe erklommen werden, war aber durchaus sauber und nett. Früh um 5 Uhr weckten uns bereits die Glocken vom hohen Pfarrkirchturm, die in ihrem majestätischen wuchtigen Klang an das schöne Geläute unserer Gießener Stadtkirche erinnerten. Sie riefen die Einwohnerschaft zur Messe, da ja der übrige! Teil des Sonntags fast sämtliche Ober-Ammergauer mit Ausnahme der verheirateten Frauen als Mitwirkende bei dem Spiel in Anspruch nahm . Schon am Tage vorher, nun aber in der Frühe erst recht sah man sie von der Kirche zum Spielhaus eilen, alle, vom Greis bis zum Kind in langem wallenden Haupthaar, die Männer zum Teil mit langen ungeschorenen Bärten, zum Teil mit glattem Gesicht, viele aber so charakteristisch in ihrem Aussehen, daß man ihnen auf den ersten Blick diese oder jene Gestalt des alten oder neuen Bundes ansah. Die Sorgfalt, mit der seit Jahren dort der äußere Mensch für das kommende Spiel gepflegt wird, ist bewundernswert; irgend welche künstliche Mittel zur Erzielung eines charakteristischen Aussehens sind durchaus unzulässig. Um 8 Uhr hatte sich das Festspielhaus mit seinen 3500 Sitzplätzen völlig gefüllt, ein imposanter Anblick? Die Zuschauerhalle ist so gebaut, daß man von allen Plätzen (von 10 Mark bis 2 Mark) einen guten Ueberblick hat; luftig und hoch, von mächtigen geschwungenen Eisenträgern gehalten, ähnelt sie der weiten Halle eines großen Bahnhofs. Die Bühne ist völlig unter freiem Himmel; sie besteht aus einer großen freien Vorbühne, dem massiven Bühnenhaus mit Vorhang, in welchem sich die eigentlichen Handlungen abspielen, und in dem die lebenden Bilder zur Darstellung kommen, und ist flankiert rechts und links vor dem Haus des Hohenpriesters und des Pilatus, die wiederum durch mächtige Thorbögen-Eingänge zu jerusalemer Straßen — mit dem Bühnenhaus verbunden sind. Das Ganze ist sehr stimmungsvoll angelegt und erhält noch seine besondere Weihe durch die im Hintergrund erscheinenden Ober-AmMergauer Berge mit ihren Matten und Weiden, wie durch den freien sichtbaren Himmel, der an jenem Tage ein freundliches sonniges Gesicht machte, so daß — merkwürdiger ”;f'> nur nicht während der Kreuzigungsszene — die ganze Bühne von strahlen- - 499 dem Sonnenlicht überflutet war. Die heilige Handlung umfaßt den Leidensweg unsers Herrn und Heilands von seinem Einzug in Jerusalem bis zu seiner Auferstehung in 18 Abteilungen. Jede Abteilung wird eingeleitet durch das Auftreten des 34 Männer und Frauen umfassenden Chores mit dem Prologsprecher (dem früheren Christus- > darsteller an der Spitze) die die Handlung vorbereitenden Worte des Prologsprechers — eine prachtvolle majestätische Gestalt, gehüllt in ein langes, silberdurchwirktes Gewand — greift der ebenfalls in lange Gewänder gekleidete Chor im Gesang auf. So trefflich auch der Chor geschult ist, so wunderbar schöne Stimmen auch im Einzelgesang aus demselben hervortreten, der immer wieder mit jedem Akt- schluß sofort auftretende Chor hat auf die Dauer etwas Ermüdendes, zumal die ganze musikalische Bearbeitung sich sehr klein und unbedeutend gegenüber der Großartigkeit des behandelten Stoffes ausnimmt. Jeder der 18 Akte der Abteilungen zerfällt nun in ein alttestament- liches Vorbild — dargestellt durch ein lebendes' Bild — und in die neutestamentliche Handlung, bei der die Bibelworte durch die Mitspielenden teils in sehr freier Umschreibung, teils in der für das Ohr eines evangelischen Zuhörers ungewohnten katholischen Uebersetzung wiedergegeben sind. Sowohl in den lebenden Bildern, wie in dem ganzen Arrangement der von Handlungen erfüllten Szenen macht sich ein feiner künstlerischer Sinn bemerkbar. Es sind z. B. beim Einzug Jesu in Jerusalem, vor dem Richthaus des Pilatus, aus dem Kreuzweg und während der Kreuzigung viele hundert Menschen gleichzeitig auf der Bühne. Die Natürlichkeit wie die dramatische Lebendigkeit, mit der diese Massen sich bewegen, ist geradezu bewundernswert, nichts von theatralischer Effekthascherei, nichts von unvermittelten Uebergängen in der Stimmung, das entwickelt sich alles vor unfern Augen so naturgetreu, so wahr und packend, daß man teilweise Zeit und Raum vergessen und glauben konnte, selber ein Zeuge der ursprünglichen Vorgänge zu sein. Und nun zu den Einzeldarstellern! Das Hauptinteresse nimmt natürlich Anton Lang jr. in Anspruch als Darsteller der Person unseres Heilands. Ich must gestehen, ich hatte gefürchtet, der erst 26 jährige Darsteller müsse sowohl durch die häufige Wiederholung des Spiels, wie durch die Schwärmerei, die ihm namentlich von Ausländerinnen entgegengebracht wird, mit der Zeit etwas einbüßen an der frommen Unmittelbarkeit und innigen Versenkung in das hohe Vorbild des Meisters, ohne die eine wahrhaft würdige Vertretung dieser schwersten Aufgabe im ganzen Spiel undenkbar ist. Aber ich war angenehm enttäuscht: es lag eine wahrhaft heilige Ruhe, Klarheit und Festigkeit über der ganzen Gestalt, die auf's tiefste ergriff. Mehr noch als das sympathische, aber vom Dialekt nicht immer ganz freie Organ, fesselte die wunderbare Ebenmäßigkeit und Formenschönheit in jeder körperlichen Bewegung; man hatte die Empfindung: das ist nichts äußerlich Angelerntes, das ist bei dem Darsteller nur der Ausdruck des Ergriffenseins von der gewaltigen göttlichen Persönlichkeit, die er mit immerhin schwacher menschlicher Kraft wiederzugeben sich bemühte. Die ganze Wiedergabe hatte ihre Höhepunkte — so bei der Fußwaschung urto bei der Abendmahlseinsetzung, eine Szene von geradezu überwältigender Schönheit und Weihe — sie hatte aber auch ihre schwachen Momente, bei denen man die lebhafte Empfindung hatte, daß auch die innigste Darstellung nicht entfernt heranreicht an die Gestalt und das Erlebnis des Meisters — dies war bei dem Gebetskampf Jesu im Garten Gethsemane. Gerade bei diesem Vorgang, so keusch und zart er auch behandelt wurde, drängte es sich einem auf, daß das Gebet und namentlich dies Gebet von einem Menschen überhaupt nicht wiedergegeben werden sollte; es ist für uns zu unergründlich tief, zu göttlich groß. — Wie aber war's bei dem Kreuzesweg, der Kreuzigungsszene? Zunächst: auch hier lag über der Erscheinung des Christus eine ergreifende Wtzrde, Hp-Heit und Ergebenheit; die sieben Worte am Kreuz, besonders das „Eli, Eli lama asabthani" werden jedeü, der es gehört hat, erschüttert haben, nicht minder vorher der Zusammenbruch- des Herrn unter dem Kreuz auf dem Wege nach Golgatha. Allein der ganze Höhepunkt der Leidensgeschichte wäre meiner Meinung nach noch von größerer innerer Wirkung auf die Zuhörer gewesen, wenn die krasse, grausame Realistik, in der die ganzen Vorgänge an und unter dem Kreuz dargestellt wurden, in etwas gemildert worden wäre. Bei der ganzen Szene wechselte bei dem Zuhörer das Schaudern über die brutalen^ Grausamkeiten mit dem äußeren Mitleid für den Mann der Schmerzen. Es ist dies ja echt katholisch empfunden, dem Gläubigen das ganze volle Maß der körperlichen Qualen recht handgreiflich vor Augen zu führen und damit auf seine Sinne zu wirken, aber für unser protestantisches Gefühl wäre meiner Meinung nach an diesem Platz etwas weniger mehr gewesen; denn vor lauter Schauer über die Vorgänge kam entschieden zu kurz diestilleVersenkungindieuner- meßlichegöttlicheLiebe, die aus freiem Triebe hier ihr Leben, s i ch s e l b st hingiebt für die sündige Menschheit. Uebrigens kam man während der ganzen Szene aus einer inneren Unruhe und einem starken Mitleidsgefühl für den Christusdarsteller nicht heraus, der volle 20 Minuten in der Lage am Kreuz verharren muß. Wenn auch dabei Erleichterungsmittel, die übrigens trotz scharfer Beobachtung nicht zu erkennen waren, angewandt worden sind, so muß diefer Akt trotzdem dem Darsteller eine qualvolle große körperliche Anstrengung bereiten. Nach all dem Schrecklichen, was man da gesehen, besonders auch noch zuletzt nach der rohen Art, mit der die Kriegsknechte den beiden Uebelthätern die Beine brachen, und dem Herrn die Lanze in die Seite stießen, war die Abnahme des Leichnams Jesu vom Kreuz durch seine Getreuen und die Grablegung um so wohlthuender; denn sie geschah mit einer rührenden Liebe und Sorgfalt. Die nun folgende Auferstehung des Herrn, so notwendig sie als Thatsache zum Ganzen der Passion gehört, fiel in der Da r st e l l u n g des Spiels entschieden gegen die vorhergehenden Szenen ab. Wenn wir noch auf die anderen Personen der Handlung einen Blick werfen, so fällt es auf, wie als Hauptperson neben die Gestalt Christi die des Judas tritt. Es ist ja biblisch nicht zu rechtfertigen, daß Judas durch die bei der Tempelreinigung schwer beleidigten Händler zum Verrat bestochen wird, aber die Seelenkämpfe des Judas, besonders das immer mehr erwachende Bewußtsein der Ruchlosigkeit seiner Handlung, sind von dem Verfasser des Spiels in ihrer ganzen Furchtbarkeit erschütternd dargestellt und von dem Vertreter dieser Gestalt meisterhaft gegeben worden, schade nur, daß diese Selbstanklagen einen zu breiten Raum einnehmen, und durch die bevorzugte Behandlung dieses einen Jüngers seitens des Verfassers die Gestalten der anderen Jünger, wie die eines Petrus und Johannes, allzusehr in den Hintergrund treten. — Es soll eben das personifizierte Böse in seiner abfchreckend- sten Erscheinung so recht unvermittelt neben die göttliche Erscheinung des Guten gestellt werden. — Von den anderen Personen fielen besonders der Hohepriester durch seine gewaltige Figur und seine mächtige Stimme, Pilatus durch sein derbes rauhes Wesen auf, doch darf auch nicht vergessen werden die Gruppe der Frauen: Maria, Maria- Magdalena usw. Hier kontrastierte das würdige sympathische Aussehen der Gestalten seltsam gegen den harten fast fchrillen Klang ihrer Stimmen, die an manchen Stellen direkt störend wirkten. — Alles in allem kann der Schreiber dieser Zeilen, dev von Haus aus sehr ablehnend gegen eine dramatische Aufführung des Lebens und Leidens Jesu sich! verhielt und mit kritisch abwartenden Gefühlen dem Spiel entgegensah, bekennen, daß er sich angenehm enttäuscht fühlte. Wohl zieht sich durch das Ganze die Unzulänglichkeit des Menschen, das Höchste und Heiligste, was wir haben, darzustellen, aber diese Leute dort geben, getragen von ihrer eigenen geschichtlichen Vergangenheit und einzigartig eingelebt in die Gestalten des Neuen Testaments, das Beste, was sie nur tznMer können, und das mit einem Ernst, einer Würde und einer Innigkeit, die jeder theatralischen Mache fern ist. Man konnte, ergriffen durch die Spielenden, aber auch wohlthuend berührt durch die lautlose Stille und Aufmerksamkeit der Tausende von Zuhörern zeitweilig ganz vergessen, daß es nur ein Spiel war, das vor den Augen vorüberzog. 500 Es wird viel geklagt über den unwürdigen Geschäftsgeist der Ober-Anynergauer, welcher durch sein Treiben vielen Fremden den Genuß und den weihevollen Eindruck des Spiels in Frage stelle, ja viele direkt abhalte, überhaupt nach Ober-Ammergau zu reisen. Wir persönlich haben keinen Grund, in diese Anklagen mit einzustimmen. Die Preise sind, wenn man die gewaltigen Unkosten der Leute bedenkt (die Halle allein kostet an 200 000 Mark; die vielfach dem Regen ausgesetzten und darum erneuerungsbedürftigen Gewänder verursachen große Ausgaben) und wenn man in Betracht zieht, daß nur alle zehn Jahre das Spiel stattfindet — die Preise sind nicht zu teuer. Es scheint mir allerdings eine Schwäche dort in hohem Maße vorhanden zu sein, die ja leider vielen Deutschen anhaftet: die unbegrenzte Hochachtung vor allem, was Ausland heißt. Infolgedessen ist es mehrfach vorgekom- Men, daß von Auswärtigen bereits längst bestellte und bezahlte Billete kurzerhand großen, eben vor dem Spieltag anreisenden Gesellschaften von Amerikanern und Engländern ausgehändigt worden sind. Diese Mißgriffe möchte ich weniger einer verwerflichen Gewinnsucht — denn ich kann es nicht glauben, daß diese Leute sich durch höhere Angebote sollten bestechen lassen — als vielmehr ihrer Unfähigkeit zuschreiben, den großen Geschäftsbetrieb zu übersehen und — wie schon erwähnt — ihrer leider ja bei Deutschen sehr verbreiteten Schwäche, dem Ausländer unbedingt den Vortritt vor dem Heimatgenossen zu lassen. Der Garten im September. Nachdruck verboten. Im Herbst erhalten wir die Quittung für unsere Arbeit im Sommer und im Frühling. Wer rechtzeitig zur Hand war, Schäden und unangenehmen Zwischenfällen abzuhelfen, wer tapfer goß und düngte, dem ist reiche Ernte der Lohn. Zu ernten giebt es ja überall. Auf den Kartoffel- beeten, auf den Kohl- und Bohnenbeeten, den Gurken- und Selleriefeldern, und wenn es noch nicht überall im vollsten Maße geschieht, so sind wir doch dabei, der Ernte den letzten Schliff zu geben. Das gilt vorn hmlich von Bleichsellerie, dessen Gräben immer mehr zuge/hüttet werden müssen, das gilt vom Kardy, den wir in Stroh einhüllen, damit er bleicht, von der Endivie und dem Eskariol, um beide gleichfalls durch Bleichen zarter zu machen. Das gilt vom Sprossen- oder Rosenkohl, dessen Köpfe wir ausbrechen, wenn feine Rosetten noch gar zu klein sind, sowie von den Zwiebeln, deren Blattwerk wir knicken, wenn sie noch grün sein sollten. Wir sammeln zu gleicher Zeit Samen von den Gemüsesorten, die wir des Samens wegen anbauten. Wir säen aber auch noch Spinat, Wintersalat, Feldsalat Petersilie, Kerbelrübe, Teltower Rübe und Perlzwiebel, um für das nächste Frühjahr vorzuarbeiten. Im Obstgarten heißt es ebenfalls ernten, aber wir sollen nicht ernten wie unmündige Kinder, sondern als Geschäftsleute, d>. h. wir sollen gleich sortieren nach der Güte, und wer darin sauber und peinlich verfährt, erntet den klingenden Lohn in entsprechender Höhe. Wer in seinen Obstkörben großes und kleines, fleckiges und reines Obst zusammenwirft, darf nur Anspruch erheben auf den Ertrag, den fleckiges Obst bringt. Damit das fallende Obst keinen Schaden erleidet, wird der Boden unter den Bäumen gegraben und mit Stroh bedeckt. Wo Wasserschosse die Krone durchsetzen, sind sie zum Heil des Baumes zu entfernen. Für neue Pflanzungen ist durch Auswerfen von Baumgruben, durch Rigolen des Bodens zu sorgen. Den jungen Obstokulationen ist der Verband zu lösen. Auch im Rosengarten ist das Lösen der Okulationen durchzuführen, sind energische Vorbereitungen zur Bekämpfung des Rosenrostes zu treffen. Für den Ziergarten mächen wir Aussaaten von Rittersporn, Mohn, Ringelblumen. Die Zwiebeln von Narzissen, Tazetten, Hyazinthen werden ausgepflanzt. Man pflanzt Ende des Monats Christrosen in Töpfe, setzt Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht, Silene aus die dazu bestimmten Beete, vergißt auch das Veilchen nicht, das zur Treiberei in Töpfe gesetzt sein will. Zwiebeln von Hyazinthen, Tulpen rc. werden in Töpfe gepflanzt und auf Gläser gebracht, damit uns im Winter nicht die duftigen Frühlingsboten fehlen. Wir suchen die Calla hervor und pflanzen sie um; wir setzen all' die Pflanzen, welche den Sominer über im freien Grunde des Gartens ausgepflanzt waren, als da sind: Azaleen, Dracänen, Abutilon und Fuchsien, Chrysanthemum rc., in Töpfe und sorgen dafür, daß sie einige Tage an schattigem Platze sich den neuen Verhältnissen an- passen. — Wir bringen die Winterquartiere in Ordnung. I. C. Schmidt, Erfurt. Grasflecken in Weißzeug werden, wenn sie mit Seife ausgewaschen sind, stets eine schmutzig aussehend« Stelle hinterlassen. Es muß dann nochmals ganz kochendes Wasser daraus gegossen werden. Auch kann man die Flecken gelinde schwefeln und dann nochmals regelrecht durchwaschen und spülen. Litterarisches. Der soeben erschienene ,,Gartenlaube-Kalender" für das Jahr 1901 begrüßt in schwungvollen, sornivollciideten Versen von Karl Busse das neue Jahrhundert und bietet diesein letzteren zu Ehren eine ganz besonders reiche Mannigfaltigkeit in Text nnd Bildern seinen Lesern dar. Den Reigen eröffnet SB. Heimburg, die beliebte Erzählerin der „Gartenlaube", mit ihrer neuesten Novelle „Maiblumen", welche das Schicksal eines mit Glücksgütern nicht gesegneten Mädchens in rührender Weise schildert. In das thüringische Dorfleben führt Else Hofmann uns mit ihrer lebenswahren und gemütvollen Erzählung „Mutters Begräbnisgeld", während M. Berger in der Novelle „Ihr Hans" eine kernhafte Frau aus dem Volk überaus treffend charakterisiert und deren schweres Geschick in schlichter, aber um so ergreifenderer Sprache erzählt. Höchst interessante wissenschaftliche Artikel in leicht verständlicher Darstellung haben beigesteuert der bekannte Zoologe Pros. Dr. Kurt Lampert über leuchtendes Fleisch und C. Falkenhorst über passendes Schuhwerk. L. Holle spricht über die deutsche Hochseefischerei und deren Einfluß auf die Ernährung des Volkes, Karl Brandt giebt seine Erfahrungen über die „Sprache" des Wildes kund, Martin Greif ist mit einem stimmungsvollen Frühlingsgedicht vertreten — lauter klangvolle, den Freunden der „Gartenlaube" und des „Gartenlaube-Kalenders" wohlbekannte Namen, denen jene der Künstler, welchen der bildliche Schmuck dieses vortrefflichen Hausbuches anvertraut wurde, ebenbürtig zur Seite stehen. Der „Tagesgeschichtliche Rückblick", den Dr. Hermann Diez in der bekannten flotten und übersichtlichen Art geschrieben hat, ist wiederum reich illustriert, und das Kleinwerk an guten Ratschlägen für Hauswirtschaft rc., kürzeren gut pointierten humoristischen, historischen u. s. w. Artikeln, Anekdoten, astronomischen, statistischen, genealogischen rc. Notizen ist mit Sorgfalt und glücklicher Hand gewählt. Kurz, wir können den im Verlage von Ernst Keil's Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig seit vielen Jahren erscheinenden, würdig und hübsch ausgestatteten „Gartenlaube-Kalender" nur empfehlen, um so mehr, als der billige Preis von 1 Mk. auch dem Minderbemittelten die Anschaffung gestattet. Rösselsprung. Nachdruck verboten. fort er litt gelt treibt zum wohl glück der be geil’« im ser nicht nen mut wen run wem mut hat ü fahr ent noch ist auch wei bc mann nicht bleibt der in zwnn und der die ge wird wer ein Welt gen Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Irrgarten-Rebus in voriger Nummer: Singe, wem Gesang gegeben. 8. »urk»«r»l. — »ruck un» Hering »er Brüht'scheu Nntuerslrütt-Buch. nnd Stetutzruckerei (Pietsch tr»e*) in Niete«.