Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth. Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Es war Spätnachmittag und in dem stillen Wohnzimmer lag der letzte Strahl der scheidenden Sonne.' „Starr nicht so auf die Straße hinaus, Paul," bat die Mutter, die still am Tisch gesessen nnb zu ihrem Sohne hinübergeblickt hatte. „Seit einer Stunde stehst Du nun schon so. Komm doch her, mein Junge. Sprich Dich doch aus." „ „ , r „Wo die Großmutter bleibt!" sagte Paul, als habe er die freundliche Aufforderung gar nicht vernommen. Seine Stimme war tonlos. „Sie müßte doch zurück sein." „Es ist ein weiter Weg nach der Hasenheide, mein Kind. Und Nettchen wird sie nicht gleich wieder fort- gelassen haben — die alte Frau." Frau Brinkmanns Stimme zitterte. „Wenn ichs mir nur erklären könnte!" fügte sre nach einer kleinen Weile hinzu. „Wie ist sie auf solche Abenteuer gekommen. Bei uns hat sie nur gutes gesehen und gehört." „Es liegt ihr vielleicht im Blut", sagte Paul, noch immer mit der unbewegten Stimme, mehr vor sich hin. „Sie kam wie ein fremder Vogel zu uns. Sie hat Flügel gehabt von Anfang an. Ich! hatte immer nur einen knrzeu Fuß." Bi M Einkehr. un wieder an den Wänden Weilst, liebe Dämmrung, du Und deckst mit leisen Händen Vor mir die Bücher zu. Nur große Töne wallen Vom Leben noch herein, Wie durch die Kirchenhallen Die alten Melodein. Und von den Jugendzeiten Singt es dazu im Dom. Dann grüßen sie und gleiten Vorbei im reinen Strom. Die Kinderträume hauchen Im Nebel rings herauf, Und liebe Tote tauchen Mit stillen Augen auf. Ferd. Avenarius. „Paul!" rief die Mutter aus. „Paul", setzte sie leise, weich hinzu, „sprich nicht von Flügeln! D u hast die Flügel, armes Kind, — nicht sie, und sie wird stolpern und fallen und die Arme nach Dir ausstrecken" — „Nie!" flüsterte er, indem er vom Fenster trat. „So kommt es nie!" Er ging aus dem Zimmer, und langsam, aufstelzeuv mit seinem kurzen Fuß, stieg er die Treppe zum Giebel hinan. Dort lag die Kammer, in welcher er seine Bücher, seine Raritäten und altes Kinderspielzeug untergebracht hatte. Hierher zog er sich oft zurück, um unter den kleines Besitztümern zu kramen. Das Bodensenster stand offen, und als er in die Kammer eintrat, wehte ihm eine frische, sanfte Luft entgegen, wie sie nur Hoch über den Dächern schwebt. An diesem Fenster hatte er einst gestanden und Nettcheus Namen' geschrieen, als sie hinausging aus dem Hause in die unbekannte Welt. In dieser Kammer standen die Kindersachen, der kleine Tisch und der winzige Stuhl, der Puppenwagen, hinter dessen Gardine ein zerzaustes Säugekind der Unendlichkeit! entgegenschlummerte. Paul hob den kleinen Vorhang und nahm das Kind heraus. Es war in gänzlich unbekleidetem Zustande, uhd 'auf dem zerkratzten! Rücken aus Papiermachee hatte Nettchen mit einer Haarnadel die Worte eingraviert: „Meine und Paul's Tochter. Im Alter von zwei Jahren". Und mit der Puppe int Arm durchstöberte er nun das ganze, kleine Reich. Er hob die Kochtöpfchen empor, in denen noch' ein steinhart vertrockneter Rest von Brot und Chokolade nistete. Er ergriff die Schiefertafel, auf der krumme, widerwillige Einsen standen, und betrachtete bren- nenben Auges die Hieroglyphen, dann setzte er sich vor den Kindertisch und studierte die Inschrift: Was ich mir wünsche: Zwei Sack voll Gold. Den Kronprinz als Manu. Ein klein Hund, der Ami heißt. Ein Lächeln huschte über Pauls Gesicht. Aber es schnitt nur zwei Furchen um den Mund. So war sie schon damals gewesen — weit fort mit der Phantasie von ihrem beschei-, denen Kreis — bunte, verworrene Träume, Wünsche nach Besitz und kindische Gedanken hatten in ihrem Kopfe herum- gewirbelt — aber bei allem, was sie dachte und träumte, war nie ein Gedanke an ihn, eine Zukunftsillusion, die sich mit ihm beschäftigt hätte, mit untergeflossen. Durch das kleine Bogenfenster sah Paul über unzähligs Dächer der Stadt hinweg. Er erblickte, — wie einen gegen den Himmel gekehrten Riesenleib, _— den Viadukt des! Lehrter Bahnhofes, mit seiner kolossalen Masse; die Viktoria der Siegessäule schwebte wie ein goldener Engel über den Baumwipfeln des Tiergartens, mit ausgebreiteten Flügeln, als wolle sie sich hernieder in das grüne Meer der Blätter senken. Dunkler, schwerer Rauch schnitt im Nordwesten, in der Gegend, wo die Fabriken Moabits ihre Schlote strecken, den blauen Himmel wie eine Mauer ab. Und zwischen den ungezählten Dächern, die sich in tausend Abstufungen häuften und senkten, spannten sich Netze wie aus Silberdraht, — ein Gewirr in der Sonne blitzender Telephondrähte — als habe eine Riesenspinne über die Stadt hinweg ein ganzes Gewebe von blanken Fäden gezogen. Paul stand lange und blickte hinaus in das verwirrende Bild. Hinter dieser ungeheuren Stadt lag die ihm noch unbekannte Welt, Länder, Meere, Gebirge. Er hatte noch nichts von ihr gesehen, und er dachte daran, wie Menschen zu Mute sein müsse, die mit gesunden, kräftigen Beinen, ein Ränzel auf dem Rücken, aus den Thoren hinauswanderten, in die lockende Fremde. Ihn durste sie nicht locken, ihm nicht winken! Er würde niemals wandern können, — und die Mutter und die Großmutter ihn nie aus ihren Händen lassen! j Aber Nettchen, der freie Wandervogel, — warum sollte sie nicht fliegen? Und wieder kam, wie schon so oft, diese klare Stimmung über thn, dieses Verstehen eines zweiten Lebens, das stärker, gesünder war und freier als das seine. Er suchte in seinem Herzen nach einer einzigen Empfindung des Grolles gegen die abtrünnige, über alles Geliebte, — aber nur doppelte Zärtlichkeit erfüllte ihn, und Bewunderung für ihren Mut und Thatendurst. Er schrak zusammen, als die Thür geöffnet wurde. Die Großmutter trat ein. „Paul," sagte sie, „hier hab' ich sie Dir mitgebracht". Sie stieß die Thür zurück und schob Nettchen herein. Paul saß wie erstarrt auf dem Kindertisch. Die Puppe war seinen Händen entfallen. „Sei man nich' böse, Paul," horte er eine Stimme wie aus weiter Ferne. „Die Großmutter hat so sehr gequält. Da wollte ich kommen. Euch um Verzeihung bitten. Aber fort muß ich wieder morgen früh. Die Ballonfahrt muß ich machen." . „Nettchen!" flüsterte Paul. Er war vor ihr in die Knie gesunken. Sein Kopf barg sich in ihrem Kleid, ein heißes. Schluchzen erschütterte ihn. Leise schlich die alte Frau hinaus. Lange lagen Nettchens Hände auf dem an ihre Knie gepreßten Haupt. Was mochte sie denken, als sie so stand, vom ersten Ausbruch wahrhafter Liebe erschüttert? Ihr Blick war hinausgerichtet in die beginnende Wenddämmerung. Sie konnte nichts fühlen, nichts überlegen. Nnr das eine Bewußtsein hatte sie, daß sie auch in diesem Moment an die Ballonfahrt denken mußte. Warum liebten diese Menschen sie, ketteten sich an sie fest? Sie hatte nichts dazu gethan, sie an sich zu binden, sie fühlte diese Umarmung ihres Pflegebruders wie eine Fessel, die sich um ihre Füße spann. „Steh auf, Paul," flüsterte sie. „Es wird ja alles wieder besser. Das ist ja nicht so schlimm." Er Hob den Kopf und sah sie an. Ihm war, als hätte erne leere Glocke geredet. Dann erhob er sich. „Verzeih mir," sagte er. Sie blickte nur scheu zu ihm hin. „Was Ihr alle gleich für ein Wesen macht", sagte sie mit leisem Trotz. „Ich bin doch ausgezogen in die Welt, um mein Brot zu verdienen. Da muß man's eben mitnehmen wie's kommt. Die eine strickt und häkelt Lappen, die andere tanzt auf dem Seil. Wenn man nur ehrlich und brav dabei bleibt." „Nettchen", sagte Paul, indem er dicht an sie herantrat und ihre Hände ergriff. „Sag das noch einmal,— ehrlich und brav! Sieh — ich will auch nie mehr von alledem sprechen, was Du aus mir gemacht hast. Nie sollst Du mehr ein Wort, eine Klage hören. Aber das eine, Nettchen, kannst Du mir gewähren, — Deinem Bruder, Nettchen: Ehrlich und brav! Dieses Einzige, — ja?" Sie sah ihn mit ihren großen, klugen Augen trotzig an. „Ich weiß doch gar nicht, was Ihr alle von mir wollt", rief sie aus. „Das ist doch blos natürlich, daß man brav bleibt und keine Dummheiten macht, und wenn eine zehnmal Ballon fährt, und meinetwegen rittlings auf 'm Seil tanzt, deswegen braucht sie doch nicht anders zu sein, als Ihr alle seid!" „Das wollte ich hören, Nettchen!" flüsterte Paul. Und während er noch einmal ihre Hände preßte, fügte er erregt hinzüst „Dann ist es ja klar zwischen uns. Dann magst Du Türkin werden und was Du willst. Dann ist ja alles gut." Am kommenden Morgen erwachte er spät. Ruhig, wie in einem Glückszustand, hatte er geschlafen. Der Gedanke, daß Nettchen mit ihm wie einst unter demselben Dache weilte, hatte ihn mit süßem Frieden erfüllt. Die Mutter stand vor seinem Bett und blickte ihn liebevoll am. „Sie ist schon fort," sagte sie leise. „Sie wollte sich das Abschiednehmen ersparen. Ganz stillschweigend ist sie ausgerückt." Sie legte einen Zettel auf die Bettdecke nieder. Paul griff darnach, kehrte sich rasch zum Licht. „Lieber Pflegebruder", las er, „ich sende Dir noch einen schönen Gruß. Hoffentlich seht Ihr mich alle Drei bei meinem Luftaufstieg. Dein Türkenmädchen. —" Er schob den Zettel auf seine Brust. „Wollen wir wirklich hin?" fragte die Mutter zaghaft. Er nickte nur. In der „Neuen Welt" wurden! inzwischen für den bevorstehenden Menschenandrang Vorkehrungen getroffen. Der große Garten sah feierlich aus. Ueberall eilten Kellner mit Wischtüchern hin und her und polierten geschäftig die von Bierflecken starrenden Tische; die Proviantpapiere und Speisenreste, die sich! unter den Stühlen herumtrieben, wurden von geschwätzig plaudernden Weibern in Körbe gesammelt. Die Musik-Tribüne war mit kleinen Fahnen und Tannengrün geschsmückt; in den Schenk- und Würfelbuden begann es sich zu regen, die Kulissen fielen, und man sah die Batterien Flaschen und Gläfer, den terrassenförmigen Aufbau all der überraschenden Herrlichkeiten, die für einen Groschen Einsatz zu gewinnen waren. In die Schießbude war eine Vertreterin eingerückt. Die Besitzerin, die es Nettchen nicht verzeihen konnte, daß dieselbe zu einem anderen „Metier" übergegangen war, eilte inzwischen aufgeregt zwischen den Erquickungsstationen des Gartens auf und ab und tauschte mit ihren Bekannten Bemerkungen über den bevorstehenden Nachmittag. In ihrem Herzen wühlte ein unklarer Wunsch nach einem Zwischenfall, der von oben, aus den verhüllten Schleusen des Himmels hervor das Ereignis unterbrechen möchte: Hinwiederum das Kuchenweib, das entsetzliche Stangen Lakritzen mit scherzhaften Etiketten versah, und die Salzbretzeln zu Dutzenden und halben Dutzenden zusammenband, war dem Aufstieg wohlgeneigt, und erfreute jeden Vorübergehenden durch den Hinweis auf den wolkenlosen Himmel; enthusiastisch gestimmt aber schien vor allen anderen der junge Mann, welcher seinerzeit unter Nettchens Oberaufsicht in der Schießbude Helfersdienste verrichtet hatte; er verkaufte die Festprogramme, auf deren Titelblatt dasselbe Reklamebild zu sehen war, das an den Litfaß- säulen prangte, und während er, an den Eingang des Gartens postiert, mit weithin schallender Stimme ausrief: „Nettka, die Aeronautin !" setzte er aus eigener Initiative begeistert hinzu: „Das schönste Mädchen der Welt. Erst weunzehn Jahre alt. Jeder überzeuge sich selbst." --— Schön um drei Uhr war der Garten dichL gefüllt. Eine ganze Völkerwanderung schien sich in die sonnigen Wege ergossen zu haben. Unter den glühenden Strahlen, die vom Himmel prallten, zog sich der Menschenknäuel immer enger zusammen, dichter auf die schattigen Plätze, die unter den laubreichen Bäumen lockten. Ganze Warenlager an Proviant breiteten sich auf den Tischen aus. Eine allgemeine, vertrauliche Gemütlichkeit, als sei eine einzige, riesengroße Familie bei einander versammelt, griff um sich. Schweißtriefend eilten die Kellner hin und her, um den gemahlenen Kaffee, den die Hausfrauen in wohlverwahrten Tüten mitgebracht hatten, in der Küche den Händen der Wirtin zu übergeben. Daneben begann das erste, schmetternde Geträtsch des Orchesters, und zwischen das Bumm der Pauke und das hell blasende Trä- Trä des Pistons krachte das donnernde Getös der in blitzschneller Fahrt befindlichen Rutschbahn, das Bollern der Schießstände, das Gedudel der Leiern, das Blöken der kleinn roten Ballon-„PiPen" und das Quäken der krabbelnden Weltbürger, die aus den Kinderwagen strebten. Fortsetzung folgt. — Und die Sorge — umsonst. Von E. Friedel. Nachdruck verboten. Laß nur die Sorge, das giebt sich alles schon. Goethe. Ja, da haben wir uns lange gebangt und gesorgt; die Frage: „Wie soll es werden? Was sangen wir an?" raubte uns den Schlaf der Nächte und machte uns am Tage ungeschickt zu tüchtigen Leistungen. Und dann, mit einemmale, kommt eine Lösung, eine Lösung, an die wir mit unserem beschränkten Menschenverstände nimmer gedacht hätten. Die Sorge, die bange Sorge, sie war, — umsonst. Wir haben erfahren die Wahrheit des alten Wortes: „Der Mensch denkt, Gott lenkt." Die Sorge — umsonst! Oh, wie mir aufatmen bei dieser Erfahrung, wie lvir nicht mehr begreifen können unser ängstliches Grübeln und Bangen vorher. Die Sache lag doch so nahe, die Lösung vollzog sich so einfach; daß wir auch daran nicht gedacht hatten! Wie viel Qual hätten wir uns ersparen können, wir kurzsichtigen Menschen! Und doch, wenigstens ein Gutes ist dabei. Wir haben gelernt, nicht zu viel und nicht zu ängstlich zu sorgen. Wir haben gespürt das Walten eines allmächtigen Wesens, eines Wesens, das gütig und gnädig ohne Unterlaß die Welt regiert, in welche die Menschen mit kleinlichem Sinn so viel Haß und Bitterkeit hineintragen. Aamit soll natürlich nicht gesagt sein, daß wir müßig die Hände in den Schoß legen können und alles an uns herankommen lassen sollen. Nein, nimmermehr! Thun wir in schwierigen Lagen alles, was in unseren Kräften steht. Sorgen wir, aber sorgen wir nicht zu viel, denn wer weiß, ob nicht gar alle Sorge umsonst war. Wintertage am Nil. Von Paul Pasig. Nachdruck verboten. Meinem Freunde, der Rekonvaleszent war, hatten die Aerzte zur Vermeidung des mitteleuropäischen Winters einen Aufenthalt im „sonnigen Süden" empfohlen. Natürlich wurde vor allem an die fashionable Riviera und Italien überhaupt gedacht. Ich erlaubte mir jedoch abweichender Meinung zu sein. „Wenn Du", so folgerte ich, „in der That unserem Winter, d. h. Eis, Schnee und Kälte den Rücken kehren willst, so ist Dir das in den erwähnten Gegenden nicht immer möglich, seitdem namentlich die Erfahrung der letzten Jahre gelehrt hat, daß die Palmen- und Orangenhaine von San Remo, Mentone und Nizza auch zuweilen unter der unwillkommenen Last des Schnees erseufzen, seit in Rom und Neapel Menschen auf offener Straße erfroren und ich selbst mich in dem noch südlicher gelegenen Hafenort Brindisi bei wehender Bora in dem notdürftig durch Kamin erheizten Zimmer nicht zu erwärmen vermochte. Auf daher nach dem fast ebenso schnell und bequem zu erreichenden gelobten Pharaonenlande, auf nach Egypten, das all' Dein Sehnen stillen wird!" Und siehe dch meine Lobrede auf das sonnige Nilland machte Eindruck, und ehe ich michs versah, war der Freund über alle Berge und das Mittelmeer, und nun schwelgt er in seinen häufigen Briesen schadenfroh in dem wonnigen Bewußtsein, dem bösen Winter entflohen zu sein und eine Art „ewigen Frühlings" zu genießen. Wintertage am Nil! ,§n der That möchte man euch einem lachenden Frühlinge vergleichen, wenn der Vergleich mit milden Herbsttagen mir nicht zutreffender erschiene! Der sogenannte egyptische „Winter", den wir getrost mit der Sonnenwende am 25. Dezember beginnen lassen wollen, kündet sich durch die um diese Zeit mit ungewohnter Starke auftretenden Morgennebel an, die zuweilen so dicht sind, daß selbst kaum die Strahlen der Mittagssonne sie zu verscheuchen vermögen. Die Ursache derselben ist darin zu suchen, daß der Boden ringsherum mit Feuchtigkeit gesättigt ist, da der Nil nach der Ueberflutung des Landes erst seit etwa Ende Oktober wieder in sein Bett zurückkehrte. Natürlich ist infolgedessen auch der Feuchtigkeitsgehalt der während des übrigen Teils des Jahres ungemein trockenen Luft ein außergewöhnlich hoher (60 bis 80 pCt.). Auch eine merkliche Temperaturabnahme macht sich während dieses „Winters" geltend, jedoch mit dem Unterschiede, daß die Minima Ende Januar bezw. Anfang Februar fallen. Im allgemeinen ergeben genaue Messungen, daß die mittlere Luftwärme in den Monaten Januar bis März für Alexandrien lüGrad Celsius, für Kairo 14,5 Grad C. beträgt die M a x i m a während dieser Zeit für Alexandrien 32,8 Grad, für Kairo 37,6 Grad, die Minima 7,8 Grad bezw. 2 Grad Celsius. Für Alexandrien liegt also die Sache so, daß infolge der Nähe des Meeres die Temperaturschwank- ungen nicht so auffällig sind, wie in Kairo, das infolge seiner Binnenlage ein mehr kontinentales Klima hat, und daher höhere Wärme- und Kältegrade aufweist. Frost und Schnee sind in Mittel- und Unteregypten gänzlich unbekannt. Am Rande der Wüste bei Sakkara (Memphis) habe ich indessen, während wir in Kairo des Morgens 5 Grad Celsius beobachtet hatten, erfrorene Gurkenblätter bemerkt, ein Beweis, daß das Thermometer hier während der Nacht mindestens auf den Gefrierpunkt gesunken sein mußte, und die Rohlfssche Expedition erlebte am 16. Februar 1874 in der lydischen Wüste selbst —5 Grad Celsius. Ueberhaupt ist der Februar, zumal in seiner ersten Hälfte, der unangenehmste Monat int Nillande und etwa unserem sprichs- wörtlichen April vergleichbar; denn um diese Zeit vollzieht sich hier der heiße Wettstreit zwischen dem an sich am Nil ohnmächtigen sogenannten „Winter" und dem mit Jugendfeuer heranstürmenden jungen Lenze. Denn, wohl- gemerkt, die unangenehmste Zugabe des egyptischen „Winters", der zeitweilig, wenn auch nur ganz vorübergehend und tropfenweise fallende Regen — Mittel- und Unter» egYPten gehören bekanntlich zur regenfreien Zone — stellt sich von Mitte Januar bis Mitte Februar am regelmäßigsten ein, wenn auch der Dezember und der März noch ein paar Regentage, besser Regenstunden, aufzuweisen hat. Allein alles in allem giebt es während der drei bezw. vier Monate, in welcher Zeit es überhaupt dort nur zu regnen pflegt, höchstens zehn bis zwölf sogenannte Regentage, und als nie dagewesenes Phänomen erlebte ich 1888/89 deren fünfzehn. Aber recht nnangnehm fühlbar sind diese Tage doch! Wenn man nämlich erwägt, daß die Sonne dort etwa neun bis zehn Monate hindurch in strahlendem Glanze vom ungetrübten, blauen Himmel auf die Gefilde herablächelt, die trotz allem infolge des Wunderbarn Stromes von beispielloser Fruchtbarkeit sind und eine teilweise troptsche Vegetation tragen, so vermögen trübe Tage, wie fte sich während der erwähnten Periode einstellen, bei erniedrigter Temperatur, etwa 10 bis 12 Grad Celsius als Tagesmittel, recht niederschlagend auf das Gemüt einzuwirken, ja zuweilen sogar die Sehnsucht nach einem behaglich durchheizten Zimmer wachzurufen. Und der wenn auch nur eine Stunde lang gefallene Regen verwandelt doch Straßen und Plätze int Nu in einen ungangbaren, abscheulichen Morast, sodaß man es vorzieht, vom geschützten, wenn auch nicht durchwärmten Zimmer aus die sturm- gepeitschten, ächzenden Palmen und die gesvenstergleich aus den Straßen dahinhuschenden Eingeborenen zu betrachten. Letztere gewähren in der That um jene Zeil einen höchst possierlichen Anblick. Nur mit linnenem Unterbeinkleid, Hemd und ebensolchem Kaftan bekleidet, suchen sie sich gegen den Einfluß der ungewohnten Kälte und des Regens durch einen dunklen Tuchrock europäischen Schnittes zu- chützen, und während die nackten Füße unbarmherzig im Kotmeere einhertappen, ist das liebe Haupt, ohnehin bedeckt. mit.dem „Tarbusch" (Fez), der „Krone des Islam", gang unförmlich mit dicken wollenen Tüchern umwundn. Der Grundsatz unserer Hygieniker: „Füße warm, Kopf kalt!" wird eben int Orient in sein gerades Gegenteil verkehrt. Ein Glück ist es, daß diese unangenehmste Periode des egyptischen „Winters" von nur kurzer Dauer, etwa vier Wochen, ist, und diejenigen, die lediglich ihrer Gesundheit wegen im Nillande sich aufhalten, thun gut, für diese Zeit im benachbarten Helwan in der arabischen Wüste, jenem. — 128 — in einer Stunde mit der Eisenbahn zu erreichenden, höchst komfortabel eingerichteten Schwefelbade, das sich zu einem villenartigen Luftkurorte allerersten Ranges -entwickelt hat, Aufenthalt zu nehmn. Es ist erstaunlich, was menschlicher Fleiß und gärtnerische Kunst aus diesem etwas oberhalb des Niles auf dessen rechtem User gelegenen Sandboden gemacht haben! Man kann behaupten, daß eine blühende Oase hier mitten in der Wüste hervorgezaubert wurde. Dazu zeichnet sich die Wüstenluft durch ihre beispiellose Reinheit und Frische ganz besonders aus und kommt an belebender Kraft der Alpenlust nahezu gleich. Ein Ausflug in die umgebende Wüsteneinsamkeit ist ebenso ungefährlich als lehrreich und unterhaltend. Welch reiche Ausbeute winkt hier dem Botaniker, der aus den meist zierlichen und niedlichen, farbenprächtigen Wüstenpflanzen ein Sträußchen sich windet, und zur Widerlegung eingewurzelter Vorurteile in die nordische Heimat mitbringt, dem Zoologen und Mineralogen, die gar mancherlei seltene Versteinerung hier entdecken und mühelos sich eine stattliche Sammlung zulegen können, dem Astronomen, der immer aufs neue bewundernd in das in nie geahnter Pracht über ihm funkelnde Firmament sich vertieft, ganz zu schweigen von dem mutigen Waidmanne, der, wenn er auch nicht gerade Löwen und Tiger sich zur Beute erküren kann, doch manch seltenes Wild erlegen wird. Auch die Pflanzenwelt steht, wenigstens was die aus nördlichen Breiten eingeführten Arten betrifft, einigermaßen unter dem Einflüsse des egyptischen „Winters". Einige derselben (Weidenarten, Hollunder u. a.) verlieren ihre Blätter und zeigen ein bemerkenswertes Stocken im Wachstum. Da jedoch diese Arten immerhin zu den Seltenheiten gehören, so trägt die egyptische Flora auch im „Winter" eine durchaus sommerliche Physiognomie, und außer den einheimischen Palmen prangen die zahlreichen Ficus- (Feigen-)Arten, deren der berühmte Ezbekiyegarten in Kairo allein an die Dreißig aufweist, unausgesetzt im üppigsten BlätterschMuck. Dies gilt namentlich von dem Maulbeerfeigenbaum (FicuI Sycomorus), dessen ehrwürdigste Repräsentanten die Lustallee nach Schubra einsäumen, und dem sogenannten „Gummibaum" (Ficus elastica), dessen harmonisch geordnetes Blätterdach den gewaltigen Straßenbäumen ein ungemein apartes Aussehen giebt. Einen besonders freundlichen Eindruck verleihen die stattlichen Lebbach-Akazien (Albizzia Lebbok, nicht zu verwechseln mit der Nil-Akazie oder dem Suntbaum) den öffentlichen Straßen und Plätzen, die jahraus, jahrein im herrlichsten Grün prangen, und nun in die schattigsten Promenadenwege verwandelt sind, unter denen man selbst hinaus bis zu sten drei Stunden entfernten „großen" Pyramiden von Gizeh so bequem und angenehm dahinwandeln kann. Wie weidet sich da das trunkene Auge mit Entzücken an den haushohen, saftstrotzenden Kaktusseigen- sträuchern und langblätterigen Bananen, den dunkelgrünen Orangenbäumen, die neben der Fülle ihrer verlockenden goldenen Früchte immer neue Blüten und Knospen hervortreiben, den mit üppig wucherndem, meterhohem Weißklee, Zuckerrohr, Tabak- und Baumwollenpflanzen bedeckten weiten Kulturflächen, die uns im Geiste in eine „güldene Aue" des gesegneten deutschen Vaterlandes zur holden Maienzeit versetzen. Freilich, da dieser „Winter" zugleich reich an süßen Früchten ist, unter.denen die Datteln und Orangen obenan- stehen, wird uns, wie oben angedeutet, der Vergleich desselben mit unserem Lenze ziemlich schwer, und wir möchten ihn lieber einen freundlichen, segenspendenden Herbst nennen. Die Ernte der Datteln, deren Blüte in den April fällt, wird meist schon Mitte bis Ende November vorgenommen. Aber da die ziegelroten, reifen Früchte wegen ihres harten Fleisches und ihres herben, arg beizenden Geschmackes in diesem Zustande ungenießbar sind und nach Art unserer heimischen Mispel, um wohlschmeckend und überhaupt genießbar zu werden, erst einen Gährungs- prozeß durchmachen müssen, so sind sie so recht die eigentliche „Winterfrucht" Egyvtens. Denn die getrockneten Datteln, die während der übrigen Monate zu haben sind, kommen den frifcEjen nicht im entferntesten an Aroma und Wohlgeschmack gleich. Das gilt auch von den Orangen im Vergleich mit d!en bei uns in den Handel kommenden „Apfelsinen". Wer nur einmal im Januar egyptische Blutorangen frisch vom Baume weg verzehrt hat, der findet weder an den Apfelsinen von Messina, Catania u. a., noch an denen aus Spanien Gefallen; sie schmecken ihm herb, fade und gewürzlos. Die lieblichste Begleiterin des egyptischen „Winters" bleibt indessen die Königin der Blumen, die Rose, die fast überall wild wuchert und neben Geranien und Pelargonien unausgesetzt ihre vollen, bald in blendendem Weiß, bald in glühendem Rot prangenden Blütenbüschel zur Schau trägt. Gesellen sich zu ihr Hollunder, Akazien, Pfirsichbäume u. a. und beginnen diese ihre Blütenpracht zu entfalten, was in der ersten Hälfte des Monats Februar der Fall zu sein pflegt, so ist das das sicherste Zeichen, daß der egyptische „Winter" dem mit Macht herannahenden jungen Lenze zu weichen tm Begriffe ist, und die Fremden denken bereits an die Heimkehr. Denn die nunmehr häufiger und intensiver auftretenden heißen Glutwinde (Chamsin) verleiden ihnen bald den Aufenthalt im Freien, und der nun beginnende, leider nur zwei Monde währende egyptische Lenz gleicht einem feurigen Liebhaber, der im Sturme der Leidenschaft die Erwählte gefangen nimmt. Daher bleibt der „Winter" die auserwählte Jahreszeit in Egypten, sowohl für den Fremden, den wissenschaftliche oder gesundheitliche Zwecke ins Nilland führten, wie für den Eingeborenen, der in ihm seine „goldene" Zeit sieht. Zeit ist Geld; denn Zeit spart Geld, diese Worte find keineswegs neu, aber wie viele Leute opfern Zeit wie Geld unnötig Dingen, bei denen sie beides ganz erheblich sparen könnten! Wie viele Hausfrauen, selbst tüchtige, praktische und sparsame, arbeiten stundenlang in der Küche, um eine gute Mittagsuppe herzustellen. Wie manchmal möchten sie den aus der Schule kommenden Kindern oder dem von der Arbeit heimkehrenden Manne eine Tasse stärkende Bouillon oder einen Teller kräftiger Suppe darbieten. Ja> ivenn! das 'nur nicht so lange dauerte! — Und dabei ist die Sache so einfach. — Möchten doch solche Leserinnen, welche die Maggi-Präparate noch nicht kennen, nur einen Versuch damit machen. Wir wollen diesmal nur auf die Suppen - Präparate aufmerksam machen, die in ihrer großen Auswahl jedem Geschmack gerecht werden, während durch die prächügen und ebenfalls billigen Bouillon-Kapseln, bei vorhandenem heißen Wasser, die sofortige Herstellung einer vortrefflichen Bouillon ermöglicht wird. — Zeit ist Geld, denn Zeit spart Geld! — Keine Neuerung auf kulinarischem Gebiete ist so dazu berufen, um unfern Hausfrauen die Arbeit zu erleichtern und das Wirtschaftsgeld zu erhalten, wie die trefflichen Maggi-Präparate. Bilderrätsel. Nachbildung verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. Te 7 — gl Beliebig. 2. T giebt Matt. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Aerlag der Brühl'schen UniverMtS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.