1900. MW WKW ■ l ll uhfco ^>GM8MsÄ i MMWL flkli fas Feuer hebt vom Funken an, Von Funken brennt ein Haus; Drum, wo ein Funke schaden kann, Lösch' ihn bei Zeiten aus. Ist groß der Brunnen oder klein, Das laß dir keine Sorge sein; Aus beiden trinkst du frischen Mut, Ist nur das Wasser rein und gut. R. Rein ick. Nachdruck verboten. Heimatlos. Roman von E. P, Roe, I. Mädchen-Ideale. Mit Vergnügen beobachtete der alte Herr Martin Howell das bunte Treiben in seinem Salon. Seine zweite Tochter Bella hatte eine Gesellschaft von Schulfreundinnen für den Abend eingeladen, zu welcher einige, besonders begünstigte Brüder gnädigst Zulaß erhalten hatten. Der Tanz bewegte sich in einem Tempo, welches daran erinnerte, daß für die Jugend Bewegung Vergnügen bedeutet. Bella wartete übrigens auf Musik und blickte ungeduldig nach ihrer Schwester Mildred, die am Piano saß. Mildred wußte, daß alle auf sie warteten, und doch vermochte sie nicht, den Worten des jungen Mannes ihre Aufmerksamkeit zu entziehen, der neben ihr stand, unter dem Vorwand, die Notenblätter umzuwenden. Ein unbedeutendes Kompliment von ihm hatte eine leichte Röte auf ihren Wangen hervorgerufen, und als ob die heitere Tanzmusik, die vor ihr aufgeschlagen lag, der natürlichste Ausdruck ihrer Stimmung wäre, begann sie mit einem Feuer zu spielen, welches selbst Bella befriedigte. Arnold Vinton sah den Erfolg seiner Worte, und auf seinem bleichen Gesicht erschien der Wiederschein ihrer Glut. Das Gesicht des alten Herrn jedoch zeigte einen Ausdruck von schwerer Sorge, als er sich abwandte. „Martin, was ist Dir?" fragte seine Frau. Sie war noch immer eine jugendliche, fast mädchenhafte Erscheinung, deren Vorzüge von der reichen Toilette noch gehoben wurden. Doch zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er, sie wäre eine starke Frau gewöhnlichen Schlages. „Es ist nichts, Fanny, erwiderte er und verließ hastig das Zimmer." „Immer diese Geschäfte, sagte sie sorglos. Geschäfte sind männlicher Natur, und sie war entschieden weiblich, ihre Welt war weit entfernt von finanziellen und geschäftlichen Dingen. Mit mütterlicher Zärtlichkeit blickte sie nach ihren blühenden Töchtern, und ihr Mutterstolz baute Luftschlösser. Aber ihre Augen ruhten mit besonderem Interesse auf Mildred. Sie kannte aus eigener Erfahrung die Ursachen, die jene Ebbe und Flut auf Mildreds Miene hervorriefen, welche bis jetzt nur dem scharfen Mutterauge bemerkbar waren. Mildred besaß die Schönheit, die zarten Züge und die blauen Augen ihrer Mutter." Mildred ist mein richtiges Ebenbild, dachte sie, aber Bella wird den jungen Leuten die Köpfe verdrehen. Wenn ich mich überhaupt auf dergleichen verstehe, so ist cs sicher, daß Vintons Symptome bedenklich werden. Er ist gerade der einzige, der für Mildred paßt, er könnte ihr ein Heim verschaffen, wie es ihr Schönheitsbedürfnis verlangt. Wie gern würde ich ihr Haus einrichten, aber Martin sagt immer, er sei so arm. Es war sehr liebenswürdig von Ihnen, sagte Mildred nach dem Abendessen zu Vinton, als die Gesellschaft sich ungezwungener Unterhaltung hingab, daß Sie gekommen sind, um mir behilflich zu sein, Bellas Freundinnen zu unterhalten, besonders da sie alle noch so jung sind. „Ja, erwiderte er," Selbstverleugnung ist meine Stärke. Sie hatte immer die bleiche Farbe seines Gesichts bewundert, doch heute wünschte sie ihm etwas mehr Röte, um ihrem Ideale von Männlichkeit zu entsprechen. „Sie sehen in diesem Frühjahr nicht gesund aus, ich fürchte, Sie sind nicht ganz wohl, bemerkte sie teilnehmend." Ein rascher Blick nach ihren blauen Augen zeigte ihm nur freundliche Teilnahme — und vielleicht noch mehr, denn ihre Züge waren der Verstellung nicht fähig. „Sie haben recht, ich bin nicht ganz wohl, sagte er etwas bitter." „Aber der Sommer ist nahe, erwiderte sie. Sie werden aufs Land gehen und wieder eine gesunde Gesichtsfarbe nach Hause bringen. Mama sagt, wir werden nach Saratoga gehen. Welchen Badeort ziehen Sie vor?" „Ich weiß nicht, ich werde mich darüber erst entscheiden, wenn ich Ihre Wahl kenne." Das ist eine liebenswürdige Schwachheit! Ich glaube, ich ziehe Saratoga vor, alles ist dort so niedlich und hübsch, auch die großen Bäder und die großen Hotels, welche alles 2 aufbieten, was man nur wünschen kann. Aber beim Anblick des Ozeans befällt mich immer ein schwermütiges Gefühl. Das Weltmeer erschien mir immer kalt und erbarmungslos. Einst habe ich gesehen, wie ein Schiff vor unseren Augen vom Sturm zerschlagen wurde. Es war nahe der Küste, wo wir den Sommer zubrachten. Ich höre noch immer das Geschrei der Ertrinkenden, und ein Schauder befällt mich, wenn ich daran denke. Und doch habe ich Sie nie für eine empfindsame Salondame gehalten, Miß Mildred. Das freut mich. Ich mache darauf auch keinen Anspruch. Die Salonmrnschen erscheinen mir so ruhelos, wie der Ozean. Sie find immer im Begriff, zu gehen oder etwas zu thun, und doch geschieht nichts. Ich kenne viele Menschen, deren Thun und Treiben so einförmig ist, wie das der Wogen auf dem Weltmeer. „Was ist denn sonst Ihr Lebensideal?" fragte er. Sie ließ den Kopf etwas tiefer sinken, um eine verräterische Röte zu verbergen. Ich kann nicht sagen, daß ich mir darüber schon eine bestimmte Ansicht gebildet habe, erwiderte sie zögernd. Die Männer haben die Welt so vollständig in Besitz genommen, daß für uns nicht viel übrig bleibt. Aber ich dachte mir immer, es sei eine sehr schöne Aufgabe für manche Frau, ein trautes Heim zu schaffen für diejenigen, die man liebt. Ich sehe, wie meine Mutter dies für uns thut und wie glücklich und zufrieden sie dabei ist- viel mehr als Weltdamen, welche das Vergnügen außer dem Hause suchen. Sie sehen, ich verstehe meine Augen zu benützen, wenn ich auch noch nicht alt genug bin, um weise zu sein. Seine Blicke zeigten so viel Interesse und selbst Spannung, daß sie ihnen auswich. Plötzlich sprang er auf, drückte ihre Hand und rief: Miß Mildred, Sie sind ein seltenes Mädchen! Gute Nacht! Was wollte er damit sagen? Hatte sie ihn zu tief in ihr Herz blicken lassen? Doch seine Blicke sprachen so deutlich, daß kein weibliches Wesen sie mißverstehen konnte. Aber etwas scheint seine Zunge zu binden, seufzte sie. Je mehr sie nachdachte, — und welches junge Mädchen durchlebt nicht hundertmal eine solche Unterhaltung? — um so mehr war sie überzeugt, daß der, den sie vor so vielen bevorzugte, ihr ebensoviel bieten konnte, als sie ihm. Welches Glück wäre es, ihm eine Heimat zu schaffen! war ihr letzter Gedanke an diesem Abend. II. Schwachheit. Arnold Vinton ging in heftiger Erregung nach Hause. Das große Gebäude mit reicher Architektur in der »fünften Avenue," vor dem er anhielt, sprach von solidem Reichtum. »Du hast wieder den Abend bei Howells verbracht?" waren die ersten Worte seiner Mutter, die ihn empfing. Er gab keine Antwort. »Bist Du ein Mann von Ehre?" Ein tiefes, dunkles Rot erschien auf seinem bleichen Gesicht, aber er schwieg noch immer. »Es scheint, Du hast meine früheren Andeutungen nicht beachtet, und ich muß mit Dir deutlicher sprechen. Komm' mit mir!" Mit augenscheinlichem Widerstreben folgte er ihr in ein kleines Zimmer mit reicher, aber altmodischer Einrichtung. Er war wieder sehr bleich geworden, aber seine Miene zeigte mehr Schmerz und Unentschlossenheit, als Trotz und Selbstvertrauen. Der Reichtum, der sich seit Generationen in der Familie angesammelt hatte, schien das Mutterherz stolz und hart gemacht zu haben, doch hielt sie sich keinen Augenblick für grausam oder zu streng, sondern nur für fest und vernünftig in der Erfüllung ihrer Pflicht zu seinem eigenen Besten. Nach einem kurzen, peinlichen Schweigen begann sie: »Bist Du ein Mann von Ehre?" frage ich Dich nochmals. »Ist es unehrenhaft, erwiderte er hastig, ein gutes Mädchen zu lieben?" »Nein, erwiderte die Mutter in demselben ruhigen, gemessenen Ton, aber es kann eine große Thorheit sein, und unehrenhaft ist es, einem Mädchen trügerische Hoffnungen zu machen, und es ist schwach und unehrenhaft, um ei« hübsches Mädchen zu schwärmen, wie eine Motte, welche ihre Flügel an einer Kerze verbrennt." „Warum kann ich sie nicht heiraten?" rief er mit plötzlicher Heftigkeit. Sie ist ebenso gut, als schön. Wenn Du sie kennen würdest, so wärest Du stolz darauf, sie Tochter zu nennen. Sie leben mit einer gewiffen Eleganz. — Eine abwehrende Bewegung seiner Mutter machte ihm klar, daß jedes weitere Wort überflüssig war. „Arnold, sagte sie, ein Löffel voll Verstand ist in solchen Sachen besser, als eine Schiffsladung von sentimentalem Unsinn. Du bist alt genug, um vernünftig zu sein und nicht wie ein Kind nach dem Unmöglichen zu verlangen. Wir haben uns gelegentlich nach der Familie erkundigt. Es find ziemlich unbekannte Leute, Howell ist nur ein Teilhaber in einem kleinen Eisengeschäft und scheint über seine Mittel gelebt zu haben. Das wird fich bald zeigen, denn die Firma ist in Verlegenheit und wird wahrscheinlich fallieren. „Kannst Du daran denken, bei Deiner schwachen Gesundheit eine Frau ohne Vermögen zu erhalten?" „Und wenn Du Dich dafür auf das Vermögen verläßt, das Deinem Vater und mir gehört, so müssen auch unsere Wünsche gehört werden. Ich sage Dir offen, daß unsere Mittel zwar groß, aber nicht genügend sind, um Dich ganz unabhängig zu machen und die Lebensweise, an die Du gewöhnt bist, fortzusetzen." „Du mußt eine reiche Heirat machen." „Dein Vater ist überzeugt, daß Du nach einer Verbindung mit diesem Mädchen sehr bald die ganze Familie auf dem Halse haben würdest. Sollen wir deswegen, weil Du Dich in ein hübsches Gesicht vergafft hast, zu Leuten in intime Beziehungen treten, die uns durchaus nicht gefallen? Das wäre ein schlechter Dank für die jahrelange Sorgfalt bei Deiner schwachen Gesundheit. Der junge Mann ließ seinen Kopf immer tiefer sinken, während sie sprach, und seine Miene zeigte den Ausdruck tiefster Niedergeschlagenheit. Plötzlich blickte er auf und rief mit einem spöttischen Lachen: Die Spartaner hatten recht, als sie ihre schwachen Kinder umbrachten. Da ich so viel Dank schuldig bin, kann ich Deinen Gründen nicht widersprechen. Du kannst unter einem Dutzend hübscher Mädchen wählen, die Dir an Stellung und Reichtum gleich find. Ich möchte lieber keine von dem Dutzend mit meiner Schwachheit beglücken. „Aber eher ein Mädchen ohne gesellschaftliche Stellung und ohne Vermögen?" Sie ist das einzige Mädchen, das ebenso sanft als stark ist, und deffen Gesinnungen mit meinen eigenen harmonieren. Aber Du kennst sie nicht und wirst sie nie kennen. Du gehst nur nach Deinen Vorurteilen. Mit verzagter Miene verließ er langsam das Zimmer. Es ist kein Versprechen von ihm zu erlangen, dieses Mädchen aufzugeben, murmelte die Mutter, und es ist eine Frage, ob er ein solches Versprechen überhaupt halten könnte. Deshalb muß ich durch eigene Willenskraft ersetzen, was ihm an Entschiedenheit fehlt. Sie schien wohl imstande zu sein, diesen Mangel zu ersetzen. Es wäre ein Glück gewesen, wenn sie etwas von ihrer Festigkeit und Entschlossenheit Howell hätte mitteilen können. An diesem Abend kam er zum ersten Mal in seinem Leben mit etwas unsicheren Schritten nach Hause. Seine Frau bemerkte nichts davon, außer, daß Howell heiterer als gewöhnlich war. Er lag auf einem Sofa, lachte und versicherte seiner Frau, ihre Schritte seien so leicht und ihr Aussehen so jugendlich, wie das ihrer Töchter. Die glückliche Frau errötete so lebhaft vor Vergnügen, und ihr mütter- 3 lick er Stolz über die Aussichten ihrer Töchter verlieh ihren Schritten so viel Elastizität, daß seine Komplimente kaum übertrieben erschienen. „Fürchte nichts, Fanny," sagte er in überströmendem Gefühl, ich werde für Dich sorgen, was auch kommen mag Aber, Fanny, wir müssen sparen — wirklich. „Unsinn! sagte sie, immer predigst Du Sparsamkeit, und niemals wendest Du sie an." Sie war die Tochter eines Pflanzers im Süden und war von frühester Jugend auf an einen Zustand von chronischer Geldverlegenheit und sorgloser Verschwendung gewöhnt, der Krieg hatte samt dem Vater und den Brüdern chen letzten Rest ihres Vermögens weggeschwemmt. Howells früheres Leben war ähnlich verlaufen und sie chatten sich geheiratet, wie ein Pärchen Turteltauben ohne zu wissen, wo sie ein Nest bauen sollten. Beim Beginn des Krieges erhielt er eine Anstellung in der Südarmee und machte den ganzen Krieg ohne Unfall mit. Als der Friede geschloffen war, kam er nach dem Norden, gegen den er so tapfer gekämpft hatte. Er besaß Bildung und kaufmännische Fähigkeiten und bald gelang es ihm, sich in einer großen Eisenfirma eine Stellung zu verschaffen und endlich deren Teilhaber zu werden. Der Umstand, daß seine Ausgaben immer seinem Einkommen etwas voraus waren, störte Frau Howell nicht, denn sie war von Jugend auf an ein alljährliches Defizit gewöhnt. Es war immer auf irgend eine Art Rat geschafft worden, und sie lebte im blinden Glauben, daß sich »immer Rat finden werde. Er hatte ein etwas soldatisches Wesen beibehalten und lernte nur schwer den Wert des Geldes erkennen. Bedenklich war eine Gewohnheit, die er im geheimen angenommen hatte. Zwei Jahre früher hatte er an einer schmerzhaften Krankheit gelitten, während welcher er zur Stillung der Schmerzen mehrere Wochen lang Morphiumpulver erhalten hatte. Die Wirkung derselben war so angenehm gewesen, daß er sie auch ferner gern einnahm, nachdem er genesen war. Dieses Reizmittel linderte nicht nur die Schmerzen, sondern erhöhte auch für den Augenblick seine geistigen Fähigkeiten, und so wurde er nach und nach ein gewohnheitsmäßiger Morphinist. Als die gelegentliche Anwendung des Mittels gegen Zahnschmerzen oder irgend eine geistige Niedergeschlagenheit oder Ermüdung zu einer dauernden Gewohnheit wurde, schämte er sich derselben und wußte sie geschickt zu verbergen. Sein Wesen wurde veränderlich und es fehlte ihm an Stetigkeit- in Augenblicken der Niedergeschlagenheit verlangte er strengste Oekonomie und dann wieder zeigte er -die größte Sorglosigkeit in dieser Beziehung. Dieses Schwanken war es eben, was seine Frau von früher her gewohnt war. Immer sagte er, das nächste Jahr wollten sie sparsamer sein, jetzt aber war noch einiges zu thun oder anzuschaffen. Frau Howell hatte entschieden, wegen Mildreds Zukunft -Müsse der nächste Sommer in Saratoga zugebracht werden. Vergebens erwiderte ihr Mann, er wiffe nicht, wie das möglich zu machen sei. „O Martin, sei vernünftig, erwiderte sie. Du weißt, Arnold Vinton wird auch dort sein. Willst Du Mildreds Zukunft aufs Spiel setzen, jetzt, wo sie eine der besten Partien in der Stadt machen kann?" Inzwischen erfuhr er auch, daß das Geschäft in Schwierigkeiten geraten sei. An dem Abend, als Bella ihre Freundinnen bei sich versammelt hatte, war er mit den schlimmsten Befürchtungen nach Hause zurückgekehrt. (Fortsetzung folgt.) Mein erster Pattent. Bon C. Chatelain. Autorisierte Uebersetzung von A. Friedheim. ------- (Nachdruck verboten.) Im Kollegenkreis saßen wir zusammen, plauderten über dieses und jenes und plötzlich hieß es: „Doktorchen, beichten Sie mal, wer Ihr erster Patient war, und wieviel derselbe Ihnen eingebracht hat?" „Mein erstes Honorar?" entgegnete ich und lachte. „Es ist zwar schon eine ganze Reihe von Jahren her, aber es ist mir noch alles lebhaft in Erinnerung, und ich will Ihnen gern darüber berichten." „Mein erster Patient war Frau Dubi, die Lumpensammlerin des Städtchens und allen unter dem Namen „Mutter Dubi" bekannt. Tag für Tag zog Mutter Dubi" mit einem Handkarren durch die Straßen, und wenn sie eine Fuhre voll Lumpen, Knochen und altem Papier zusammen hatte, so verkaufte sie die Ladung an einen Großhändler. Die Alte war hüftlahm, sehr häßlich, und um ihre Häßlichkeit noch abschreckender zu machen, hatte sie ein Auge verloren und trug über der leeren Augenhöhle eine schwarze Klappe. Der Mund war zahnlos, einzelne graugelbe Haarsträhnen hingen ihr beständig in das gelbe Gefixt, kurz und gut, es war ein altes, entsetzliches Weib. Das Alter an und für sich will nichts sagen; ich kenne siebenzigjährige Frauen, die angenehmer anzusehen sind, wie viele junge. Aber die Unordnung! Der Schmutz! Ach, Freunde.....es läßt sich nicht beschreiben, wie Mutter Dubi aussah. Sie lebte allein, hatte keine Verwandte. Ihre Wohnung war ein Keller, eine Art Höhle, deren Eingangs- thür stets ängstlich geschlossen war- denn Mutter Dubi fürchtete die frische Luft, weil sie an Rheumatismus litt. In dem Kellerraum schlief sie, sortierte ihre Lumpen und kochte auf einer Petroleunlampe ihre Mahlzeiten. Unglaublicher Dunst benahm einem den Atem, wenn man in den Keller hinabstieg- vergebens war das Suchen nach einem sauberen Fleckchen, um den Hut aus der Hand zu legen. Und so im Halbdunkel gesehen, machte die Alte auf ihren Lumpen den Eindruck einer bösen Hexe, die den Eingang zu ihrer Höhle bewacht. Man konnte sich nichts Aermlicheres vorstellen, und doch hieß es in der Nachbarschaft, daß sie reich sei. Seit über vierzig Jahren betrieb sie ihren Lumpenhandel, ohne sich je das Geringste zu gewähren. Schwacher Kaffee, altes Brot und dann und wann etwas verwelktes Gemüse, was andere nicht mehr wollten, das war ihre Nahrung. In ihrem Strohsack, der, seit sie ihn besaß, nicht gelüftet worden war, sollte sie, wie es hieß, ein großes Vermögen in bar und mehrere Sparkassenbücher versteckt halten. Dabet jammerte Mutter Dubi aber immer über das elende Dasein und nahm mit freudigem Grinsen einen Teller Suppe, wenn er ihr auf ihren Gängen hier und da angeboten wurde. Mutter Dubi nun war mein erster Patient, als ich, ein noch recht junger Arzt, in B. die Praxis übernahm. Mein Vorgänger war dort alt und grau geworden, wollte sich zur Ruhe setzen und beim Abschied sagte er mir: „Lieber junger Kollege, wenn Sie einen Rat von mir annehmen wollen, so seien Sie sanft mit den Kindern und geduldig mit den alten Frauen- das sind zwei wichtige Verhaltungsmaßregeln, die ich Ihnen geben kann. Das Lächeln der Kleinen gewinnt Ihnen die Herzen der Mütter, und wenn eine alte verdrießliche Frau lobend von Ihnen spricht, so trägt das mehr zu Ihrem Rufe bei, als alle Diplome der Welt. An der Hausthür neben der Klingel ließ ich ein prachtvolles, neues Doktorschild anbringen. Ich prüfte meine Instrumente und--wartete auf den ersten Patienten. Meine Geduld sollte auch auf keine zu große Probe gestellt werden, denn gleich am ersten Abend gegen neun Uhr reißt es heftig an meiner Klingel. Eine erregte Stimme fragt hastig nach dem Arzt . . . „Gleich ... ein Unfall bei Mutter Dubi . . . aber rasch . . . bitte, sie stirbt sonst." Die Dämmerung hatte die Alte beim Sortieren ihrer Lumpen überrascht. Sie hatte die Lampe angezündet, und dann gierig in ihren Schätzen weitergewühlt. Die Ernte war an dem Tage gut gewesen, und vergnügt hatte das alte Weib wohl eine unvorsichtige Bewegung gemacht und 4 - dabei die Lampe umgestoßen. Das brennende Petroleum hatte ihre Röcke ergriffen und bei ihrem entsetzlichen Hilfeschrei waren die Nachbarn herbeigeeilt. Es war ihnen auch gelungen, das Feuer zu ersticken, aber die Beine der Frau "waren fast bis an die Kniee entsetzlich verbrannt. Ich hatte schon viel im Leben gesehen, vielL elende Räume, viel Betten ohne Laken und Fußböden fast ohne Dielen, aber so etwas, wie bei Mutter Dubi, doch noch nicht.....Doch genug davon. Die Alte auf ihrem Lager litt entsetzliche Schmerzen. Drei Nachbarinnen umstanden fie, und jede schlug irgend ein anderes Mittel vor und versuchte dabei unbemerkt von den Anwesenden den Strohsack zu betasten. Nicht etwa, um zu stehlen, nein, es waren anständige Frauen; aber sie hätten doch gerne gewußt, ob wirklich das Geld im Stroh versteckt sei! Die Brandwunden waren sehr schwer, so schwer, wie fie überhaupt nur sein konnten .... Ich will nicht auf die Einzelheiten eingehen. Zwei Monate hindurch ging ich jeden Morgen zu der armen Frau und verband die Wunden. Die Ermahnungen meines Kollegen waren mir noch frisch im Gedächtnis und die Kranke, welche ihre Leiden übrigens mit wirklichem Heroismus ertrug, war mit ihrem jungen Arzt sehr zufrieden und sagte das jedem, der es nur hören wollte. Ja, sie sagte so viel des Guten von mir, daß eine alte Verwandte, die gleich nach dem Unfall aufgetaucht war — kein Mensch wußte woher — fast eifersüchtig aus mich wurde, obgleich sie doch, wie sie erklärte, nur aus reinem Mitleid bet der Cousine Dubi blieb. Ganz langsam fingen die Wunden an zu heilen, aber allmählich sanken die Geisteskräfte von Mutter Dubi. Sie begann Unsinn zu sprechen, hielt ihre Cousine für ihre Mutter, verwechselte die Tage und Namen. Manchmal war sie sehr aufgeregt, glaubte Diebe zu hören, die unter ihrem Bett versteckt waren, oder sah Menschen, die in den Ecken des Kellers herumsuchten. Dann rief sie um Hilfe und warf aus dem einzigen Auge einen unsagbaren Blick des Schreckens und der Augst auf mich. Wenn ich ihr dann gut zusprach, wurde sie wieder ruhig, und dankbar sah sie mich an. „Wie gut Sie mit mir sind, zu einem alten Weib, wie ich es bin: Ach, das vergesse ich Ihnen nie, Herr Doktor, davon können Sie überzeugt sein!" Bet solchen und ähnlichen Reden wurde die Verwandte immer sehr verdrießlich nnd sagte dann wohl: „Cousine, Ihr sprecht zu viel, das strengt Euch an." So waren neun Wochen vergangen, da mußte ich als Reserve-Offizier ins Manöver. Ein junger Arzt übernahm während der Zett die Vertretung, und am Tage meiner Abreise stellte ich ihn in aller Form bei meiner Patientin vor. Als wir zur Mutter Dubi hinabstiegen, hatte sie gerade einen klaren Moment und sah ganz freundlich aus, soweit ein solches Gesicht überhaupt freundlich aussehen konnte. Der Anblick eines Fremden schien sie jedoch sehr zu erregen. Immerhin hörte sie meine kleine Rede aber ganz ruhig an, und dann, als ich fertig, da verzerrten sich ihre Züge mit einem Male und sie schrie fast: „So, also Du verbrennst mir die Beine, damit ich Dir verraten soll, wo ich mein Geld habe! Dieb! Räuber! Da hast Du mein Geld!" Und dabei fuhr sie wie ein Pfeil auf ihrem Lager in die Höhe und schlug mir, noch ehe wir überhaupt wußten, wie es möglich, mit der Hand ins Gesicht." „.....Als ich vom Manöver zurückkam, war Mutter Dubi tot und auf Gemeindeunkosten begraben. In ihrem Strohsack hatte man 6 Mark 35 Pfg., sowie einen kleinen silbernen Löffel gefunden, den ihr Wirt mit Beschlag belegt hatte ..." „So, meine Herren, nun wissen Sie die Geschichte meines ersten Patienten und was mir der Anfang meiner Praxis eingebracht hat/' GsmMnnNtziges. Um das Gefrieren bezw. Beschlagen der Fenster zu verhindern, löse man 55 Gramm Glycerin und 1 Liter Spiritus (63 Prozent) auf und setze noch etwas Bernsteinöl zu, welches den Geruch der Mischung verbessert. Wenn die Mischung wasserhell ist, wird die innere Fläche der Fensterscheiben damit abgerieben. Kefundyeitspffege. Frost in den Hände«, blaue oder rote Hände beseitigt man durch warme 32 Grad R. Handbäder von viertelstündiger Dauer. Darauf werden sie abgetrocknrt. Für die Nacht ist eine 18 Grad R. Handpackung zu machen. In. der Frühe ist das kalte Abreiben der Hände, Abtrocknen und Einreiben mit Lanolin oder Glycerin zu empfehlen. Tagsüber dürfen sie nicht in kaltes Wasser gebracht oder scharfer Luft ausgesetzt werden- auch sind sind sie stets gut trocken zu halten. Blutarmut und Nervosität täuschen sehr oft den Kranken dadurch daß Schmerzen in der Herzgegend und in der Lunge fühlbar werden und das Vorhandensein eines Herzfehlers glaubhaft machen. Mit der Beseitigung des Hauptübels verschwinden auch die Schmerzen. (Aus dem „Prakt. Wegweiser", Würzburg.) Aür die Küche. Ervsensuppe. Zehn Personen. Bereitungszeit ll/z bis 2 Stunden. Zuthaten: 1(a Liter abends zuvor eingeweichte Erbsen, vier Eßlöffel geschnittenes Wurzelwerk, 80 Gramm Butter, 2 Liter Bouillon aus Liebig's Fleisch-Extrakt, Salz nach Geschmack, geröstete Weißbrotwürfel. Die mit frischem, weichen Wasser aus's Feuer gesetzten Erbsen werden 1 Stunde lang tüchtig gekocht, dann fügt man das Suppengrün, die Butter, Salz und die Bouillon aus Liebig's Fleisch-Extraktzu. Sind die Erbsen völlig weich geworden, so streicht man die Suppe durch ein Sieb und richtet sie über den Semmel- würfeln an. Vermischtes. Shakespeare's Königsrra>»e» haben schon seit der Zeit der Königin Elisabeth so manchem Maler den Stoff zur Bethätigung seiner Kunst gegeben und' noch manchen Stift wird das nnsterbliche Werk in Bewegung setzen. Da es selbst sog. Liebig-Bilder mit Shakespeare- Illustrationen giebt, durfte unter diesen auch das großartigste der Königs- dramen nicht fehlen: „König Richard III." ist der Titel einer neu- crschienenen Serie. Die packendsten Scenen aus dem gewaltigen Trauerspiel sind hierzu auserwählt worden. In einem gewissen Gegensatz zu dem gekrönten Bösewicht stehen die in den Ecken eines jeden Bildchens angebrachten Fleischextrakttöpfc und Peptondosen, denn was ihr inneres bewirkt, ist gut und der Menschheit nützlich, das ivird jede Hausfrau bezeugen, der namentlich die aus echtem Liebigs Company's Fleischcx- trakt so rasch hergestellte kräftige Fleischbrühe oft gute Dienste leistet. Originelle Bezahlung. Kassierer: „Sie haben drei Mark zu zahlen!" — Michel: „Möchten S' net meinen Pepi dab' halten . . . der hat heut a Zehnmarkstückl g'schluckt! ... Da krieget i halt nacha sieben Mark raus!,, Zerstreut. Wittwe: „Mein Mann hat noch int Sterben an Sie gedacht; er bat mich, Ihnen einen Grnß zu bestellen." — Professor:. „Danke — grüßen sie ihn wieder." Magisches Quadrat. (Nachdruck verboten.) In die Felder nebenstehenden Quadrates sind die Buchstaben d, e e e e e, i, 1 I, o o, r r r, s s derart einzutragen, daß die wagcrechten und senkrechten Reihen gleichlautend folgendes ergebene 1. Herrlich duftende Blume. 2. Deutschen Fluß. 3. Bindemittel. 4. Einen Baum. (Auflösung folgt iu nächster Nummer.) Auflösung des Citatenrätsels in voriger Nummer: Es kann ja nicht immer so bleiben. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Berlag der Brühl'schen UniverfitSts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erbens in Gießen.