1900. - Nr. 92» MDMD fhf aß sie die Perle trägt, Das macht die Muschel krank; Dem Himmel sag' für Schmerz, Der dich veredelt, Dank. Rückert. (Nachdruck verboten.) Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) „Ob ich Neuigkeiten bringe? O ja, Herr Doktor; ich bin ziemlich viel herumkutschiert und kann" mit den Ergebnissen meiner Kreuz- und Querfahrten wohl zufrieden sein, wenn ich auch gleich hinzufügen muß, daß es noch immer nur Fußstapfen sind, hinter denen ich einhergehe, und daß die Personen selbst, die ich greifen möchte, sich meinem Gesichtskreise noch entziehen." Es Ivar im Zimmer Doktor Gerths, wo diese Worte mit gedämpfter Stimme gesprochen wurden, und der vorsichtige Sprecher ivar Herr Titus Allram, welcher in der ehrwürdigen Gestalt des weißbärtigen, blau bebrillten Doktor Hauser dem Irrenärzte soeben seinen zweiten Besuch machte. „Nein, bitte! wegen mir keine Umstände", sagte er, als .er bemerkte, daß Gerth eine elektrische Klingel in Thätigkeit setzen wollte. „Nur eine kleine Erfrischung", bat der Arzt. , „Ich habe bereits zu Mittag gespeist, um den Gewaltigen von Sankt Rochus wenigstens in diesem Punkte nicht belügen zu müssen, falls er mich wieder zum Diner einladen sollte." „Er ist verreist." „Das ist mir sehr angenehm." „Aber wenigstens ein Glas Wein —" „Auch dafür muß ich danken. Ich trinke Wein für mein Leben gern, aber nur, wenn id) ausgespannt bin. Ich kenne meine Schwäche: aus einem Gläschen werden zwei und drei, und dann bin ich zu allem aufgelegt, nur nicht zu ernsten Geschäften." Doktor Gerth kehrte zu seinem Stuhle zurück. „Wer ist Grotjau?" begann der Detektiv seinen Bericht, indem er die blaue Brille auf die Stirne hinaufschob. „Wer ist dieser Grotjau, der zuletzt Merkurbriefträger und vorher Zimmermaler war, nachdem er sich in Magdeburg den Strick um den Hals gelegt hatte? Das zu ergründen, war der nächste Zweck meiner Reisen, und ich, weiß jetzt, wer er ist." „Sie wissen — ? frug Gerth überrascht. Allram nickte langsam mit dem Kopse und sah den Irrenarzt mit einem eigentümliche forschenden Blicke an. Wirst Du es aber auch gern hören? Muß meine Entdeckung nicht einen alten Argwohn wieder ausleben lassen, den Du Dir bereits aus dem Sinne geschlagen hattest? Das waren Allrams Gedanken, die sich! in seinem Blicke aussprachen, die aber Gerth erst erriet, als er alles wußte, was jener ihnt zu sagen hatte. „Es erforderte keinen besonderen Scharfsinn", fuhr der Detektiv fort, „um auf den Gedanken zu kommen, daß die Personalien dieses Grotjan sich nur auf falsche Legitimationspapiere gründen konnten, die er einem andexen gestohlen hat. In meiner früheren Praxis gehörte diesep Fall zu den Alltäglichkeiten. —• Als ich mir durch eine telegraphische Anfrage die Gewißheit verschafft hatte, daß der Malermeister, bei dem Grotjan unmittelbar vor seinem Selbstmorde gearbeitet, von seiner Badekur zurückgekehrt sei, reiste ich sogleich wieder nach Magdeburg und veranlaßte den Meister, in seinen Lohnlisten nachzusehen, wer damals mit Grotjan zugleich bei ihm in Arbeit gestanden hatte. Es waren fünf Gehilfen gewesen, eine große Zahl, wenn ich jedem einzelnen derselben hätte nachspüren müssen. Ich hatte jedoch Glück, denn unter diesen fünfen trug einer einen Namen, der für mich eine große Anziehungskraft besaß. Er hieß — (hier traf den Irrenarzt wieder jener forschende Blick) — er hieß Bruscher." „Bruscher?" fuhr Gerth auf, erstaunt und erschrocken zugleich. Darauf war er nicht gefaßt gewesen. „Bruscher, Heinrich Bruscher, ja", nickte der Detektiv, „das ist der richtige Name des höchst verdächtigen Merkurbriefträgers. Bruscher heißt er, wie Professor Georgis ehemalige Wirtschafterin." „Das ist doch äußerst seltsam! Oder sollte hier der Zufall spielen?" „Wir werden sehen", sagte Allram mit großer Ruhe. '„Es gelang mir, in Magdeburg noch zu ermitteln, daß Bruscher, der mit Grotjan zugleich aus der Arbeit entlassen worden war, sich auch mit diesem bei dem gleichen Logis- wirt in Schlafstelle befunden hatte. Diese Familie wohnte nicht mehr in Magdeburg, von ihr hätte ich jedoch auch kaum erfahren können, was ich mir selbst sagte: daß nämlich Bruscher den Tod seines lebensmüden Kollegen und Schlafgenossen benutzt hatte, sich dessen Legitimationsi- papiere anzueignen. Welcher Grund ihn bestimmt haben, mochte, seinen Namen abzulegen, darauf werde ich gleich zu sprechen kommen. Da ich aus den polizeilichen Meldelisten ohne besondere Schwierigkeit erfuhr, aus welchem Orte Heinrich Bruscher gebürtig war, so war mir jetzt meine Reiseroute vorgeschrieben. Aber der Ort konnte ja über Nacht nicht fortgetragen werden, und so durfte ich mir den Luxus gestatten, einen Seitenpfad einzuschlagen. . Sie 366 wissen Herr Doktor, daß ich ein Kleinigkeitskrämer bin." , war Brnschers HeimatÄdorf enr größeres Kirchdorf Dre Mi-NM tackelte ironiick als -er dies sagte. Erkundigungen, welche ich dort emzog, sind zuverlässig. Allram lächelt r o sch ch er o e 18 Brnschers Eltern leben nicht mehr. Sein Vater war der wobl'mrstmrd ,ich?abeEn^Jhnen sogar gelernt. So ist Stellmachermeister Jakob Bruscher. Dieser hatte einen mir z. B. schon -oft der Zettel wieder eingefallen, den Sie I älteren Bruder, welcher in demselben jao-rje Srärer war bei Gelegenheit jenes Bibeldiebstahls in Wippachs Papier- und eine SewisseHelene Steinheiratete. Als der -ehrer korbe gefunden haben, und es ging mir im Kopfe herum, spater an ber Schwindsucht starb sah sich die mittellos nh ipttp Qiffprrr irh hfrbß fip bßtQCffßtl —" I SSittüC Tt-ttu)- einer öt6ll€ QlS 1 Secksundfünf'iastes Regiment dritte Kompagnie", I terin um und fand eine solche beim Professor Georgi. Die hals'AMaT lebhaft mit dem Kopfe nickend, G?rths Ge- Erbin von dessen Vermögen ist mithin Brnschers Tante." dächtnisse nach. 1 (Fortsetzung folgt.) „Ob diese Ziffern nur so ins Blaue hineingekritzelt I ----------- waren", fuhr Gerth fort, „oder ob sie nicht ein Stichwort m n waren, an welchem Wippach. den Briefschreiber sogleich I «vtClHOC» yiCfL erkannte, ohne daß dieser sich zu nennen brauchte." Rna M M Sovbar „Sehen Sie, Herr Doktor, da haben wir beide genau I Von M. Bl. Sopyar. den gleichen Gedanken gehabt, und Sie sprechen ihn pust I Nachdruck verboten, in dem AngeNblicke aus, wo ich selbst daraus zu sprechen Der König ist nach alter preußischer Überlieferung kommen wollte. Der Seitenpfad, den ich einschlug, ging I Pgthe bei ihm gewesen, denn er besitzt sechs ältere Bruder, nämlich nach dem Standorte des 56sten Regiments, über I Willi, der jetzt schon vier Jahre zählt, ist inzwischen den ich mich durchs die Quartierliste unterrichtete, und es I auch nicht der Jüngste geblieben, ein zweijähriges Bruder- war kein großer Umweg, den ich zu machen hatte." I chen trippelt neben ihm, und das Allerjüngste — endlich „Sie wollten sich erkundigen, ob Bruscher in jenem | einmal ein Mädchen — schreit in der Wiege. Macht tn Regiment gedient habe, vermute ich" I Summa: Neun.. „Sie beschämen mich, Herr Doktor, weil Ihre Logik 1 Die neun gesunden, prächtig gedeihenden „OrgÄ- schärfer ist als die meinige. Ich gestehe, daß ich dabei nicht I pfeifen" machen den Eltern mehr Freude als Sorge, obgleich an Bruscher dachte, sondern zunächst nur an Pro- I wohl sich der Vater, ein schlichter und geschickter Kunsttisch- fessor Georgis Neffen, über dem ich bei der Diebstahls- I ler, sein Brod sauer verdienen muß. ■ affäre nebenher erfahren hatte, daß er als Einjährig-Frei- I Die Mutter ist ebenso rührig und thätig; ihr steht williger in -einem Jnfanterie-Regimente gedient habe. Ob 1 eine ältere Schwester zur Seite, die unverheiratet geblie- es das 56ste war, hoffte ich! im Garnisonorte desselben 1 ben ist, weil ihr Verlobter bei Wörth fiel. „Tante Marn" zu erfahren. Dort begab ich mich auf die Regiments-Korn- I ist den Kindern die zweite Mutter; sie leistet dem Haus- mandantur. Die Zeit, wo Wippach seiner Militärpflicht I stand mehr, als ihre bescheidenen Ansprüche an Wohnung genügt haben mußte, konnte ich ungefähr abschätzen; sie I Kost erfordern. Es giebt was zu flicken bet den Jun- mochte um etwa sechs oder sieben Jahre zurückliegen, und I gen§, aber auch die neuen Anzüge „baut" Tante Marte da ich auch die Kompagnie anzugeben wußte, die mich be- I Der Abgott aller ist das kleine Schwesterchen, das sonders interessierte, so war die Nachsuchüng in den Listen I nach der Tante Marie heißt, vorläufig mtt Miezekatze, mit keinen großen Umstünden verbunden. Es stimmte: I Mwzele angesprochen wird. Die Benennung ist ja auch Alfred Wippach, im Zivilstande Studiosus juris, hatte in I gleichgiltig; das bischen Mensch hört auf jeden Ruf . . . der dritten Kompagnie des 56sten Regiments sein Fret- I Eines Tages nimmt der Vater bei Ablieferung einer Willigenjahr abgedient. Und jetzt erst kam der Gedanke, I Arbeit seinen Willi mit in das Haus des Kunden. Während Bruscher könne mit der Regiments- und Kompagnienum- 1 bie älteren Knaben schon die frühen Sorgen der Schule mer in seiner Meldung zur „Nachtübung" eine Anspielung tragen, erfreut sich Willi noch des schönsten zwecklosen auf eine alte Kameradschaft beabsichtigt haben, die er dann Daseins. Er sieht, wie immer, recht sauber und nett aus auch auf das gemeinsame diebische Vorhaben übertrug, und giebt sich redliche Mühe, mit seinen kleinen Beinen Ta nun die Listen einmal aufgeschlagen waren, so frug I neben dem Vater Schritt zu halten. . ich also auch nach Bruscher. Richtig! auch ein Heinrich I Das kunstvoll ausgeführte Schränkchen mit altfranki- Bruscher, im Zivilstande Malergehilfe, hatte mit dem Ein- I scher Schnitzerei findet den vollen Beifall des Bestellers, jährigen Wippach zugleich in derselben Kompagnie gedient, I Freudig zahlt er deshalb sofort den ausbedungenen Preis und zwar als Soldat zweiter Klasse. Warum zweiter I und bestellt sofort ein zweites Schränkchen in ähnlicher Klasse'? Weil er vor seinem Eintritt ins Militär wieder- I Ausführung. Der sonst so wortkarge Schreiner weiß den holt zweimal wegen Diebstahls mit Gefängnis bestraft wor- I materiellen Vorteil wohl zu schätzen, empfindet aber auch den war. Diesen Flecken aus seinem Leben herauszu- I spr die Anerkennung seines Werkes warme Dankbarkeit, waschen, erweckte er den toten Grotjan wieder zum Leben, Der reiche, kunstsinnige Mann unterhält sich mit dem indem er dessen Ausweispapiere zu den {einigen machte. Meister und sucht sich durch die auf praktischem Boden Ob Wippachj um diesen Namenwechsel wußte, als beide I wurzelnden Anschauungen über Stil und Ausführung zu sich wiedertrasen und sich zu jenem antiquarischen Unter- I belehren. Das Gespräch währt schon eine halbe Stunde und nehmen vereinigten, kommt für uns nicht in Betracht, wie | zieht hie wißbegierige jugendliche Gemahlin des Hans- ich denn überhaupt gestehen muß, daß der aus Amerika 1 Herrn herbei, welche bisher in einem Nebenzimmer mtt zurückgekehrte Neffe für mich etwas in den Hintergrund 1 ihrem vierjährigen Knaben plauderte. zu treten beginnt. Die Anwesenheit dieses enterbten 1 Willi hat sich inzwischen mit dem hohen Neufundländer Taugenichts ist ja, mit dem gewaltsamen Tode seines I angefreundet. Er hat die kurzen Aermchen um den Nacken Onkels zusammengehalten, allerdings auffallend genug; ob 1 des Hundes geschlungen, und Tier und Kind machen den aber Bruscher, als Mörder gedacht, auch bei diesem Ver- I Eindruck, als wären sie alte Spielgefährten. Kaum ist brechen sein ausführendes Organ war oder ob er für eine I aber der kleine Hans erschienen, so reißt sich- Nero knurrend andere Person handelte, darüber läßt sich streiten. Auf I bon seinem Freunde los und schreitet selbstbewußt, als keinen Fall kann Bruscher dieser anderen Person und dem I wolle er durch seine Haltung zu erkennen geben, daß er Neffen des Ermordeten zugleich! gedient haben; denn die I ben Unterschied zwischen Herrenrecht und zufälliger Be- Jnteressen dieser beiden stehen sich feindlich gegenüber."- 1 kanntschafi wohl zu würdigen weiß, zu dem Hausföhnchen Ob Gerth die letzten Worte des Detektivs verstand? hinüber. Dessen stolze Haltung bei dem Triumphe über Allram schwieg, als wolle er ihm Zeit lassen, sich darüber den „fremden Jungen" und das enttäuschte, verbluffü zu äußern I Gesicht Willis könnten einem Maler zum Vorwurf dienen „Ich richtete vorhin eine Frage an Sie", sagte der I Nero legt sich wie ein Schutzwall vor Hans nieder und Irrenarzt zögernd, „oder vielmehr ich meinte, ob es viel- I empfängt nun etwas demonstrative Liebkosungen. Lu leiM ein bloßer Unfall sei —" I glückliche junge Frau bricht beim Anblick der sich tn einem „Daß Georgis ehemalige Wirtschafterin und der höchst I Nu entwickelnden Szene in ein helles Lachen aus. Sie verdächtige Merkurbriefträger den gleichen Namen mit ein- I ruft Willi, der sich kaum von seiner Enttäuschung erholt ander gemein haben?" ergänzte Allram. „Wir sind dieser I hat, nun auch zu sich heran. Er hat eine so »vornehm Frage jetzt sehr nahe gerückt. Das letzte Ziel meiner Reise | angezogene Fran" noch nte so nahe gesehen, ist aber oom 367 nicht blöde. Er geht, ohne Nero und dessen jungen Herrn mich nur eines Blickes zu würdigen, tapfer auf die Dame zu und giebt ihr die Hand. Er nennt laut seinen Namen und fügt unaufgefordert hinzu: „Ich bin vier Jahre alt, der Kaiser rst mein Pate, meine Schwester heißt Mieze, und ich habe sieben Brüder." Frau Gertrud ist entzückt von dem kleinen naturwüchsigen Jungen. Kaum hat sie den reichen Kindersegen erfahren, als sie an den stolzen Vater die Frage richtete: „Herr Wohlgemuth, würden Sie mir wohl diesen! Lieben Jungen zum Spielgenossen für meinen Hans lassen? Sw haben ja zu Hause noch genug von dem Prachtvölkchen !" „Wie meinen Sie das, gnädige Frau?" lautete die verlegene Gegenfrage. Frau Gertrud zieht sich mit ihrem Gatten und Willis Vater in eine Fensternische zurück. Das Ergebnis der Halb- Laut geführten Unterredung ist, daß Willi schon am Nach^- mittage von Mutter, Tante Marie, Mieze, Heinrich, Ernst, Fritz, Albert, Bernhard, Ludwig und Georg Abschied nimmt, um mit seinem neuen Freunde Hans und dem wiederversöhnten Nero zusammen zu wohnen. — Mag das Dichterwort von dem „schweren Ertragen! einer Reihe von schönen Tagen" für Erwachsene geltens für Kinder gilt es nicht. Willi hatte ein ausgesprochenes Talent, alle guten Dinge dieser Welt, die für Geld zu haben sind, zu nehmest, wie sie sind. Er hat längst ausgehört, sich über irgend etwas zu wundern, und doch ist es noch gar nicht so lange her, daß er es durchaus nicht begreifen konnte, weshalb €r und Hans jeder sein Bettchen für sich haben sollten und noch dazu eins mit einem „bunten Himmel", „von inwendig weiß", während er bisher mit Bernhard und Ludwig zusammen ganz gut geschlafen; weshalb es bei Tisch nur ein kleines Stückchen Brot giebt, nur eine Kartoffel, dafür aber so viele andere gute Sachen und jeden Tag etwas Leckeres; weshalb er sich nicht selbst zu waschen braucht, sondern jeden Morgen in eine weiße, blanke Wanne hineinspaziert und dann nur still zu halten hat; weshalb er nicht mehr ohne Hut und Pantöffelchen auf die Straße darf, sondern genau so sauber angezogen wie Hans, von „Fräulein" ausgeführt wird. Aber jetzt kann nichts sein Erstaunen mehr erregen. Trotz dieser Veränderungen bleibt Willi der bescheidene gut erzogene Junge. Kein Fremder könnte unterscheiden, sieht er die beiden Knaben zusammen, wer das richtige, wer das fremde Kind ist. Willi ist zwar draller als Hans, dessen zartere Formen die Herkunft verraten. Aber ihnen beiden lacht aus den offenen Kinderaugen der ungetrübte Sonnenschein des Glückes. Nero teilt seine Liebe zwischen ihnen. Der kluge Hund muß es wohl verstanden haben, wie Hans tägliche hundertmal wiederholt: „Willi, Du bist nun mein Bruder, gerade so, als ob Dich; derselbe Storck; gebracht hat wie mich: — Du bist mein Bruder, und wir bleiben immer zusammen, immer, immer. . Hans weiß mehr von seiner Welt. Er erzählt, wenn „Fräulein" nicht dabei ist, in geheimnisvoller Weise von den „glanten" (soll heißen: eleganten) Tanten und Onkels, die aibends „ganz, ganz spät, nachdem sie uns zu Bett geschickt haben, zu Papa und Mama zu Besuch kommen." Aber keine ist so „glant" wie seine schöne Mama. Das reine Kinderseelchen Willi weiß nichts von Neid; er freut sich der schönen Mama, die ja auch gegen ihn voller Güte ist. Kinder fühlen es deutlich, wer sie aufrichtig liebt. — So gehen Monate dahin. Unter den Dienstboten des großen Haushaltes spielt die dicke Köchin die erste Rolle. Ein „umgeworfenes Menu" für eine kleine Wendgesellschaft hat indes den gerechten Zorn des Hausherrn erregt. Das Gewitter ist schwer auf Auguste niedergegangen, und dröhnend durchschallen das Souterrain die Worte: „Ick ziehe am Ersten!" Diese Worte werden von den Kindern gehört, die auf der Gartenterrasse spielen. Hans versteht den Berliner Dialekt schlecht, aber Willi besser. Er ahnt die Bedeutung, obgleich er bisher natürlich noch nichts von dem „Dienstbotenelend der Herrschaft" wissen kann. Ein Zwist im Hause ist den beiden Knaben etwas ganz neues, das naturgemäß ihre volle Neugierde erregt. „Fräulein" soll ihnen erklären, was Auguste ge- schrieen hat. Das pädagogisch veranlagte Fräulein erklärt: „Auguste ist ungezogen gewesen und muß deshalb am ersten September fort." Hans fragt: „Wohin?" Willi: „Weshalb?" Die Antwort lautet für beide: „Das weiß ich nicht!" Die Kinder halten einen Kriegsrat. — Willi, der um zwei Monat Aeltere, ist, wie gewöhnlich, der ausführende, Teil. Sobald Fräulein auf einen Augenblick ins Haus gegangen ist, verfügt er sich stapfend in die Küche. „Wat willst De, mein Jungekem?" „Weshalb hast Du vorhin geweint, Auguste?" „Na, so wat, ick heulen?! Jelacht hab ick, dat mir die Wände weh duhn!" dabei stemmt sie sich in die Hüften. „Weshalb ziehst Du denn?" „Na, nu Heere Eener man bloß so 'nen Jrünschnabel! ziehe! — Weshalb — ach, wat, weshalb! weshalb! Behandeln ,duhn se mer schlecht, und da ziehe ick Leine! Fort geh'n 'duhe ick, und Du dhätest ooch besser, Du jingest zu Muttern, eh' se Dir an die Luft setzen! Es ist 'ne bloße Affenschande —" Der Küchendragoner hält plötzlich inne. Der Knabe ist so weiß geworden, wie die Farbe der Porzellanwände in der Küche. Dicke Thränen rollen ihm aus den eben noch so heiteren Augen. Dann läuft er spornstreichs davon, schlägt aber auf der ersten Treppenstufe hin. Vermutlich, weil die Thränen ihn blenden — oder vor Aufregung. Auguste will ihm beistehen. Ehe sie sich aber zur Treppe hinschiebt, steht Willi längst wieder auf seinen Füßen und ist einen Augenblick später auch schon oben. Er eilt an Hans vorüber, der ihn so gerne ausgefragt hätte. Er rennt ins Haus, gerade in Frau Gertruds Zimmer. „Was ist geschehen, mein Junge?" fragt die besorgte Frau, und streicht ihm das wirre Haar von der Stirn. „Ich bitte, ich bitte, ich — will nach Hause!" „Nach Hause?" — „Ja!" „Hast Du mit Hans Streit gehabt?" „Nein. — Ach, mein guter, lieber Hans!" schluchzt Willi. „Mso was hast Du, mein lieber Willi?" „Ich bitte, ich bite, ich, will nach, Hause!" „Ich bitte, ich bitte, ich will nach Hause!" das wiederholt Willi schluchzend, weinend, klagend, jammernd auf alle Fragen, die Frau Gertrud und Hans — der mit anfängt zu weinen — an ihn richten. Weiter ist nichts aus ihm herauszubekommen. Niemand war Zeuge der Unterredung zwischen ihm und Auguste. Diese schweigt wohlweislich. Es ist alles vergeblich — Willi geht nach Haus. — Mehrere Stunden später reicht «i mit verweinten' Augen, aber ruhig dem Vater, der MuWr und der Tante die Hand und streichelt Mieze, welche auf dem Schoß der Tante sitzt. Der kleine Georg verbirgt sich hinter der Mutter. Aus der Schule heimkehrend, begrüßten ihn Heinrich, Ernst, Fritz, Albert, Bernhard und Ludwig. Sie spielen mit ihm, als sei er niemals fort gewesen. — Vergessen ist alles, was er in dem reichen Hause hatte. Er hat auch von der Kleidung und dem schönen Spielzeugs nichts behalten. Als er aber abends mit Bernhard und Ludwig schlafen geht, betet er: „Lieber Gott, und schütze auch! Mama Gertrud, Papa Eduard und meinen lieben, lieben, guten Bruder Hans!" Wer ergründet eine Kinderseele?! 368 - Ein Gang durch Feld und Garten. Nachdruck verboten. „Rosenzeit, wie bald vorbei!" Sang und Klang verschwinden allmählich in Busch und Wald, auf Wiese und Feld. Das Blühen jedoch will noch nicht enden. Die Glockenblumen läuten. Mchngeformte Kamillen-, Mohn- und Ritterspornarten erfreuen das Auge. Flockenblumen, Skabiosen, Schafgarben mischen sich mit einem Heer von Lippen- und Larvenblütlern. Stolz erhebt sich das Wollkraut, bescheiden blühen Thymian und Augentrost. Dort am Wege reckt sich die blaßblaue Wegwarte neben dem Taubenkrops, mit dessen blasig aufgetriebenen Kelchen wir schon als Kinder unser Spiel getrieben. Weithin leuchten die gelben Blüten der Lysimachie und der Nachtkerze, die rosenroten Blumen des Weidenröschens. Die Ufer des geschwätzigen Bächleins besäumt die wilde Balsamine, das Pflänzchen „Rühr' mich nicht an". Am sonnenbeschienenen Hügel haben sich Verwandte aus der Sippe der Nelken gefunden: die Pechs- und Buschnelke, die Gras- und Kar- läusernelke. Am Rande des Fruchtfeldes wuchert die Hau- echel, von der Höhe grüßt der reichblühende Ginster. Des Kornfelds Grün neigt stark zum Fahlen. Bald laben sich die Augen zum letztenmal am dämmerigen Halendickicht. Am Waldesrand erhebt sich stolz der rote Fingerhut mit den Purpurglocken; Goldruten und Habichtskräuter besäumen den Weg. Allmählich schwellen zwischen den dunkelgrünen Blättern die Früchte; ihr Reifen bedeutet für die Natur den Uebergang zur Ruhe. Das Frühjahr ist zu Ende, der Sommer hat begonnen, es beginnt die Hochsaison für Kanne, Schlauch und Spritze, um den Pflanzen Dünger und Wafser zuzuführen, dem Ungeziefer tüchtig Abbruch! zu thun. Die Spargel werden, wo es bislang noch nicht geschehen, mit Schweinfurter Grün gespritzt, oder gegen den Rost mit Kupferkalkbrühe überschüttet. Man häufelt und hackt in den Gemüsebeeten, man jätet und sorgt, daß kein Unkraut in Samen schießen kann. Die Tomaten werden entspitzt und gegossen, die Erdbeeren entrankt, Pflanzen zur Treiberei herangezogen. Es beginnt das Bleichen der Sommer-Endivien, des Cardy und des Bleichsellerie, wenn von letzteren beiden schon starke Pflanzen vorhanden sind. Leerwerdende Beete sind gut für Salat, Grünkohl, Rosenkohl, auch Winter-Endivien, Herbstrüben, Winterrettiche Harren aus ein Plätzchen. Buschbohnen geben noch eine gute Ernte, und da die Frühkartoffeln zum Teil gerodet werden, so läßt sich alles unterbringen. Man soll aber nicht lange zögernd Jeder verlorene Tag ist ein großer Verlust für die Pflanzung. Bei Dürre soll man durch, Gießen auch darauf halten, daß für genügende Feuchtigkeit gesorgt wird, um das Anwachsen und Keimen schnell zu fördern. Zwiebellaub wird geknickt oder gedreht, um die Nährstoffe in größerem Maße der Zwiebel zuzuführen. Frühkartoffeln, „echte Lechswochen Nieren", die zur Saat stehen bleiben, dürfen nicht blühen, Raupen am Kohl nicht aufkommen. Kohl, der kropfig wird, gehört ins Feuer, damit wir Pilz und Kohlfliege, welche das Kropfigwerden Hervorrufen, vernichten. Abschneiden der verblühten Blumen im Blumengarten ist eine Hauptsorge, es erhält uns den Flor. Gegen Rosenmehltau ist energische zu schwefeln. Die Blätter mit roten Punkten (Rostflecken) sind abzuschneiden und zu verbrennen, wenn sich! die Krankheit nicht ungemein verbreiten soll. Man macht Stecklinge von Rosen und von allen Gehölzen, die sich krautig vermehren lassen. Nelken werden abgesenkt, ^Stecklinge davon gemacht. Das Mähen und Wässern des Rasens nimmt seinen Fortgang. Düngung mit Chili oder Blut ist auch jetzt noch angebrach!t. Aus schattigen Stellen wird nachgesät und mit Kompost gedüngt. Kahle Stellen auf den Blumenbeeten sind schnell zu füllen. Man soll zu diesem' Zwecke immer einige Pflanzen als Reserve in Töpfen stehen haben. Die Blumenbeete stehen in schönster Entwicklung. Wo bei Pelargonien sich nur mangelhafte Blüte infolge zu dichten Standes zeigt, ntuß man Pflanzen herausnehmen. Blütenbegonien lassen sich nach Belieben umpflanzen. Die Zimmerpflanzen im Freien werden jeden Tag überspritzt. Man sieht nach, ob die Abzugslöcher in Ordnung sind, stellt die Gruppen, die durch den verschieden starken Wuchs der Gewächse in Unordnung gerieten, um, gräbt den Boden von neuem, damit die Töpfe sich besser einsenken lassen. Stecklinge können von Fuchsien, Pelargonien, Veroniken, Philodendron und manchen anderen gemacht werden. Es ist Zeit, einmal die Töpfe aufzulockern. Im Zimmer hält man die Pflanzen schattig, sie bekommen sonst Ungeziefer. Es ist vorteilhaft, des Nachts die Fenster aufzulassen. I. C. S ch m i d t in Erfurt. Gein-innritziges. Die Wanderlust zieht jetzt zur besseren Jahreszeit wieder in die Herzen; mit frohem Mut und leichtem Gepäck eilt der Tourist hinaus ins Freie. Findet sich im Ränzel oder im Rucksack ein Töpfchen Liebigs Fleischi-Extrakt, so ist es dem Wanderer möglich, mittelst etwas kochendem Wasser und Salz, das ja überall zu beschaffen, eine Tasse kräftiger Bouillon zu bereiten, sicherlich das beste Labsal für den ermüdeten Körper. Auch gewährt eine Messerspitze Fleische Extrakt, auf etwas Brot gestrichen, Stärkung und neue Auffrischung der Lebensgeister während der Tour. Die Zweckmäßigkeit dieses einfachen Mittels bezeugen viele erfahrene Reisende. Kesundhettspflege. Frische Luft ist für ein kleines Kind unentbehrlich, und mit Recht sagt ein französisches Sprichwort: „Wo die Sonne nicht eintritt, kommt der Arzt oft hin" und nicht minder schön ein italienisches: „Von allen Blumen bedarf die menschliche Blume am meisten der Luft." Wenn das Wetter es daher gestattet, müssen die Kinder täglich in die frische Luft gebracht werden. Leert ein Kind Spulwürmer aus, so muß in erster Linie, auf seine Nahrung acht gegeben werden; es muß vorzugsweise Fleisch essen, Gemüse und Früchte, welche bekanntlich die Spulwürmer erzeugen, müssen unterdrückt und Wurmmittel gegeben gegeben werden. Zitwersamen ist von allen das wirksamste und bekannteste Mittel, auch! Santonin in Pillen oder Zuckermandeln angewendet führt zum Ziel. Eine Stunde nach. Einnehmen dieses Mittels versäume man jedoch nicht, etwas Ricinusöl zumj Ab führen chnzugeben, Um die durch! das! Santonin betäubten Würmer Nbzutreiben. Mit großem Erfolge wird auch, korsisches Moos und Feldbeisuß (Zitronenkraut) zum Äb- treiben der Würmer benützt. Literarisches. Eine Revolution in der Mode. Mitten in der toten Saison wird die elegante Welt durch! eine vollständige Umwälzung im Schnitt der Aermel an Damenkleidern und Blusen überrascht. An Stelle der eng anliegenden Aermel sind vielfach variierte getreten, die eine entschiedene Tendenz zum Weiterwerden zeigen und deren Herstellung nicht selten recht schwierig ist. Um diesen Umschwung so rasch als möglich zur Kenntnis ihrer Leserinnen zu bringen, hat die „Wiener Mode" ihrem soeben erschienenen Wäscheheft (Nr. 19) eine Gratisbeilage mit zahlreichen Modellen der neuesten Aermel beigefügt und liefert den Abonnentinnen hierzu Schnitte nach! Maß gegen bloßen Ersatz der Portospesen. Mit dem genannten Hefte beginnt ein neues Quartal. Preis des Heftes 45 Pfg. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und vom Verlage der „Wiener Mode", Wien, IV., Wienstraße 19. Logogriph. Nachdruck verboten. Ich bin ein begehrtes Möbelgerät, Aus Holz oder Eisen zumeist geschaffen; Ein Zeichen entferne: nun bin ich ein Ort, Der Fahrräder liefert und gute Waffen. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer: Glück macht Mut. Rebaftieit: ®, Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schrn Uni»erfitäts uud Steiudruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.