1900. Pfingsten 1900. Von Alwin Römer. Nachdruck verboten. Nun ist er endlich doch gekommen. Der holde Lenz mit Duft und Glanz, Und hat den Bann von uns genommen, Und uns geschmückt mit frischem Kranz! Vergessen sind die grauen Tage, Vergessen Winterweh und Leid! Nun grüßt mein Herz mit frohem Schlage Dich!, wundersel'ge Pfingstenzeit! . . . Wie reger Drang, sich zu entfalten .Schon in den Rosenknospen schwellt! . . . Das ist der Pfingstengeister Walten, Die feurig brausen durch die Welt! Sie schassen Lischt an tausend Stätten Und lösen aus des Zweifels Haft Und aus des Kleinmuts Kerkerketten Die flammende Apostelkraft! Sie lodern aus den Blütenfarben, Zu denen froh Dein Auge schweift; Sie pred'gen aus den jungen Garben, In denen künft'ger Segen reift! Sie rufen aus den Fliederzweigen, Drin keck ihr Lied die Drossel singt; Sie hallen aus dem Kinderreigen, Der sich im Lindenschatten schwingt! Sie leichten aus dem Glanz der Falter, Die frei durchgaukeln Feld und Wald; Sie rauschen aus dem Jubelpsalter, Der feierlich den Dom durchschallt! Sie flüstern aus dem Laub der Birken, Die lieblich! an den Pforten stehn: O, laß der hehren Geister Wirken Befreiend auch Dein Herz durchwehn! . . . Wirf ab die Fesseln, die Dich drücken, Der Selbstsucht Macht, des Zweisels Pern, Und lern' vom Lenze, im Beglücken Der Erdenkinder glücklich sein! . - - Wenn in Dir auch für den Geringsten Ein heiliges Erbarmen glüht. Dann hat Dir still der Geist der Pfingsten Den Lenz beschert, der nie verblüht! . . - (Nachdruck verboten.) „Es sah eine Linde ins tiefe Thal." Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) Schluß. Gefunden. Nie, nie vergißt das Herz den Traum der ersten Liebe. Der große Festsaal auf Schloß Heiking war glänzend- erleuchtet, eine frohe Menschenmenge wogte darin auf und nieder, und die am Morgen aus. der nächsten Stadt telegraphisch herbeigerufene Musikkapelle intonierte Webers Aufforderung zum Tanz. Vor einem kleinen, zierlichen, von luftigem rosenroten Stoff umflatterten Fräulein stand der Hausherr und beugte seine schlanke Gestalt tief zu ihr herab. Sie warf einen Blick auf die Tanzkarte, die er ihr dabei überreicht, und verzog schmollend die srischen roten Lippen. „Erster Tanz, Tischwalzer und Kotillon! Bescherden- heit gehört wohl nicht gerade zu ihren Tugenden, Baron SoeitiTiß ?" Der Angeredete sah ihr lustig in die Augen. „Offen gestanden: nein, mein gnädiges Fräulein! Warum denn auch ? Ich- bin ein gläubiger Anhänger Goethes, aber auch ohne das, ohne des Altmeisters ost zitierte Warnung, würde ich, keineswegs einsehen, warum ich von ferne stehen soll, wenn sich schönes und begehrenswertes im Bereiche meiner Augen zeigt." Sein Gegenüber drohte chm mit dem zierlichen Zeigefinger. „Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut fidi. ihrer Pracht. Sagt das nicht auch. Ihr Dichter?" Klemens Heiking lachte. „Gewiß, Gnädigste! Ab^: ich glaube, damit hat er nicht ganz das gemeint, was ich im Auge hatte: eine schöne junge Dame nämlich. Oder sollten wirklich alle schönen jungen Damen zuftreden sem wenn man sich nur ihrer Pracht freut, sie Nicht begehrt? Die Kleine war purpurrot geworden, Aerger und Lachlust stritten in ihrem hübschen Gesichtchen. „Sie sind abscheulich, Baron, und bringen es wirklich dahin, daß ich mich heute abend still in einen Winkel setze und keinen Schritt —" _ . . ~.. Er unterbrach sie lebhaft. „Das wäre reizend, üwvu- lein Else! Dann setze ich mich Sh Ihnen, und wir haben eine Insel der Seligen mitten in den Wogen des Ball- 'aak£n Herr näherte sich der Baronesse, um ihre Tanzkarte zu erbitten, sie mußte sich begnügen, ihrem Nachbar einen majestätischen Blick zuzuwerfen. 310 Indessen stand Professor Volkmann in einer der guir- landengeschmückten Thüren des Saales und schaute mit zerstreuten, gleichgiltigen Blicken in das Gewoge. Schon geraume Zeit befand er sich auf diesem Platze. Erst hatte sich, sein Auge an dem bunten malerischen Durcheinander, an all diesen leuchtenden Augen, rosigen Wangen, marmorweißen Schaltern und Armen erfreut, nach) und nach aber kam es wie eine leise Verstimmung über ihn. Es war doch eigentlich, trotz des unablässig rauschenden Regens dort draußen, eine verrückte Idee, dieses Tanzfest im Hochsommer. Mußte man sich denn durchaus zu zweien int Kreise drehen, um sich! zu vergnügen? Lächerlich, er würde sicher den Unsinn nicht mitmachen, er mit seinen 29 Jahren. Freilich, der Gedanke an den heutigen Abend hatte ihn froh gestimmt, er war den ganzen Tag erwartungsvoll wie ein Kind am Vorabend des Weihnachtsfestes gewesen, aber das war das Ungewohnte, das ihm fast Fremde, dessen fidj feine Phantasie bemächtigt hatte. Im Grunde genommen war die Geschichte doch herzliche schal. In Mellinghausen hatte man ebenso gedacht. „Die Rosen des Südens" tönten bereits lockend vom Orchester, von Gräfin Frieda keine Spur. Sie hatte zwar noch gestern, als sie zusammen mit Heiking und ihm — zufällig war man zusammengetroffen — den weiten köstlichen Spazierritt unternommen, das feste Versprechen gegeben, zu erscheinen, wohl aber noch in elfter Stunde ihren Entschluß geändert. Sie kam sicher nicht mehr, und er that wohl auch am besten, sich zurückzuziehen. Noch einmal ließ er die Blicke gleichgiltig durch den Saal schweifen, plötzlich aber wurden sie lebendig und hafteten am gegenüberliegenden Eingänge des Saales. Dort war die, an welche er soeben gedacht, erschienen, ihre Hand lag auf dem Arm eines älteren Herrn, der sie zu einem Sitz geleitete. Letzterer verließ sie oder wich, vielmehr dem Ansturm der jüngeren Herren, welche zufällig eben nicht mit einer Tänzerin über das spiegelglatte Parkett flogen. Wie blendend schön sie war, wie sich der gelbliche glänzende Atlas ihrer herrlichen Gestalt an- schimtegte, wie die roten Rosen in ihrem Haar und an der weißen Schulter leuchteten! Auch Gräfin Frieda schien zerstreut und unruhig, sie hatte nur ein halbes Lächeln für die sie Umringenden, und ab und zu flog ein heimlich suchender Blick durch den Raum. Dem sie unausgesetzt Beobachtenden entging das nicht, und es durchfuhr ihn, wie die Spitze eines scharfen Stahls. Was wollte er noch? Was stand er hier wie ein Thor, um zu ergründen, wem sich das Herz des herrlichen Geschöpfes zuneigte, was ging ihn, den stillen Gelehrten, biefe ganze sich drehende, lachende, schwatzende Gesellschaft an? Ihnen das Vergnügen, der Genuß, ihm dte Arbeit und das Entsagen. Er hob den Fuß zum Gehen. Am besten gleich fort, ein paar Zecken hinterlassen, welche sein plötzliches Verschwinden weniger „auffällig machen — nur noch einmal, nur etn einziges Mal noch sich sattsehen an diesem edlen Antlitz dreser grazienhaften Gestalt, und dann — leb wohl, leb wohl für immer! Da traf fein glühender Blick mit ihrem umherschweifen- den zusammen. Sie errötete heiß, ein glückliches Leuchten brach ans ihren Augen, in Verwirrung barg sie ihr Gesicht m dem Strauß, den ihre Hand hielt. Als sie wieder auf» bückte, stand Hans Volkmann vor ihr. „Ich bin ein wenig gewandter Tänzer, Gräfin, aber wenn sie es trotzdem mit nttr versuchen wollen?" Sie gab keine Antwort, sie lächelte ihm zu und erhob iW Me Umstehenden sahen sich erstaunt an. Was war das? Erst drangt sich dieser Federfuchser durch, als wäre das fein gutes Recht, und sie, die noch eben jedes Engage- ment abgelehnt - sie müsse sich erst entscheiden, ob sie Yente überhaupt tanze, ihr fehle vorläufig noch die Stim- mung dazu — folgt ihm, als ginge das nicht anders, als habe ste feinen eigenen Willen. Aber zugeben mußten die Herren doch, die beiden bildeten unstreitig das schönste Paar im Saale und verdienten vollauf die bewundernden Blicke, welche ihnen von allen Seiten folgten. F^ut mit der Kraft gepaart", flüsterte ein ältliches Fraulem, welches sich durch seine Poesien zu emer gefürchteten Persönlichkeit in diesem Kreise gemacht hatte, der neben ihr sitzenden Frau von Suchen zu. Ob Professor Volkmann wohl auch! jetzt noch dachte daß dieses sich Jmkreisadrehen ein Unsinn, eine Lächerlichkeit, eines reifen Mannes unwürdig, ob es überhaupt em Denken zu nennen war, dieses Jneinanderwogen süßer verworrener Bilder und Vorstellungen in seinem Hirnö Endlich mußte er die leichte lebenswarme Gestalt aus seinen Armen lassen und zu ihrem Platze geleiten. Sie hatten während des Tanzens kein Wort miteinander gesprochen, nur einmal hatte sie aufgeblickt gerade in seine strahlenden Augensterne hinein, dann blieben ihre dunklen Wimpern tief gesenkt. „Wollen Sie mir den Kotillon geben?" bat er leise, ehe sie ihre Hand von seinem Arm loste. Sie reichte ihm das zierliche Büchlein an ihrem Fächer ihre Hände berührten sich dabei. Aber dann mußte er doch von ihr gehen, und sie mußte lächeln, entschuldigende Worte sprechen und von einem Arm in den anderen gleiten Der Professor erhielt in den nächsten Stunden nur hin und wieder einen Blick, ein flüchtiges Wort von ihr, so sehr war sie stets in Anspruch genommen. Bei Tische aber — er hatte das alte Tantchen des Hausherrn trotz ihres Sträubens zu seiner Nachbarin erkoren — saß er neben ihr, er wußte nicht, daß sie es einzurichten gewußt — und seinetwegen hätten Küche und Keller des Hauses Nicht so Vorzügliches zu leisten brauchen, ihm hätte auch Geringeres wie Nektar und Ambrosia gemundet. Dann endlich kam der Kotillon, dieser Tanz, geschaffen zum Finden der Herzen, zum Festhalten des Gefundenen. Komtesse Frieda ließ sich heute zu keiner Extratour entführen, sie sei ermüdet, versicherte sie, unbekümmert, daß ihre strahlenden Augen, ihre blühenden Lippen dem widersprachen. Zuerst bewegte sich das Gespräch der beiden m weiten Grenzen, streifte Kunst und Wissenschaft, Welt und Menschen; nach und nach aber, unmerklich, zog es engere Kreise, bis es zuletzt am eigenen Ich haften blieb. Von ihrem Großvater sprach sie, ihrem einzigen näheren Verwandten; mit wie zärtlicher Liebe er sie umgeben und welche Lücke sein Tod in ihrem Dasein hinterlassen. Er von seinem Wirken, seinem Geistes- und — schließlich auch von seinem Herzensleben. Er sprach stockend davon, abgebrochen, wie jemand, dem es ungewohnt ist, es zu thun, der sich vielleicht auch erst seit kurzem völlig tiar darüber geworden, aber nach und nach wurde seine Rede geläufiger, fluteten die Worte von seinen Lippen wie Wogen, die ihren Damm gesprengt. Wie er bisher ganz in seiner Wissenschaft aufgegangen, schilderte er, wie sie ihm als das Höchste, Hehrste, Anbetungswürdigste erschienen, und wie seit kurzem, seit wenigen Tagen erst, ihr Thron ins Wanken gekommen, er ahne, er wisse es, und jetzt in dieser Stunde. Er brach ab, eine bebende Hand berührte seinen Arm. „Nicht hier, Herr Professor! Morgen, ich bitte Sie darum, morgen in Mellinghausen!" Er hatte die Sprechende erst tief erblaßt angeschaut. Nun kehrte die Farbe in sein Antlitz zurück. Ein paar Minuten später war der Tanz beendet. Noch em leiser Händedruck, ein letzter Blick, und für Haus Vollmann war der Saal leer, das Licht verlöscht. Und doch hatten nur wenige gleich der jungen Gräfin sofort stach dem Schlußtanz den Heimweg angetreten, die meisten blöken noch m lauter Fröhlichkeit zusammen. Der Professor sprach mit niemand mehr, er bemerkte es kaum, daß in einem Nebengemach, welches er durchschritt, um in sein Zimmer zu gelangen, Baron Heiking auf den Kni een vor emer f feinen rosenroten Gestalt lag und die schwere goldblonde Flechte, welche über ihr Kleid herabhing, inbrünstig an seine Lippe» preßte — er mußte allein sein. (Fortsetzung folgt.) Als alle Knospen sprangen. Pfingstnovelfette von A. Schoebel. Nachdruck verboten. „Ach! So eine Frühlingshochzeit muß doch etwas Entzückendes sein! Trude Mertens drückte ihr Näschen platt an die Fensterscheibe, durch welche sie himmterspähte auf 311 den Kirchplatz, der in blendendem Sonnenglanz dalag. Um das Portal der Sebalduskirche drängte sich eine schaulustige Menge, festlich geputzt zu Ehren des Pfingstfestes, die Frauen mit Blumenhüten auf dem Kopf, die Männer mit Sträußen in dem Knopfloch. Alle wollten sie die Braut sehen, die einzige Tpchter des reichen Pelzwarenhändlers Spangenberg, drüben von der Bastei. „Sicherlich wird die große Orangerie um den Altar herstehen, und alles mit Rosen geschmückt sein. Lotte wird ganz in Duft getaucht sein, so häßliche wie die ist —" Trude seufzte. „Und wenn man bedenkt, daß das alles nur sein kann, weil Tausende von kleinen Zobeln und Hermelinchen ihr Leben lassen mußten, von den lieben kleinen Kaninchen ganz zu schweigen — Lotte Spangenberg hätte im Dezember heiraten sollen. Eis und Schnee würden besser zu ihrer Fadheit und Kälte passen als diese fröhliche, selige Pfingst- nnd Frühlingszeit. Da könnte sie ein Kleid wie Allerleirauh tragen, zusammengesetzt aus sämtlichen Pelzroben aus ihres Vaters Gewölbe, und würde von außen so sachlich und kratzbürstig dastehen, wie sie von innen ist." Trude lachte und trommelte eine lustige Melodie auf die Fensterscheibe hin. Ihre frische Blondheit und Jugend glänzte int Hellen Sonnenschein. „Kindskopf", murmelte eine schwache Stimme aus einem tiefen Lehnstuhl hervor. Trudes halbgelähmte Mutter saß darin. Seit Jahren hörte sie die Berichte von all den Hochzeitszügen, die unter dem Portal der Sebalduskirche verschwanden, von all den Bräuten, die gleich Riesenknospen, weiß und glänzend wie große Lilien dem Altar zuschwankten, der Zukunft, dem Glück entgegen. Niemals würde sie ihre Tochter dort erblicken, ihr einziges Kind, das seine Blütenjahre in einer dumpfen Schulstube verbringen mußte! „Nur reiche Mädchen heiraten", murmelte sie voller Bitternis. „Warum zerreißt Du Dir immer wieder das Herz, Trude, indem Du da hinab schaust auf den Mrchplatz! Zieh' die Vorhänge zusammen und lies mir weiter vor." Trude wendete den Kopf über die Schulter. „Ich mir das Herz zerreißen, Mama? Weshalb denn?" „Weil Du keine Aussicht haft, je eine Frühlingshochzeit zu feiern." Trudes Näschen lag wieder fest an der Glasscheibe. „Auch keine Sommer-, Herbst- oder Winterhochzeit, liebste Mutter." Die kranke Frau seufzte. „Und wenn ich denke, daß das einzig daher kommt, weil wir arm sind und Du Dir Dein Brot selber verdienen mußt —" Trude glitt plötzlich von dem Stuhl herab, auf dem sie bis dahin gekniet hatte. „Und wenn ich! über eine Million verfügte, und alle Gesellschaften der Welt besuchen könnte, — ich würde doch nicht heiraten." Das helle Gesicht war plötzlich« finster geworden. „Ich will keinen Mann, ich hasse die Männer." „Du kennst sie ja garnicht, mein Liebling." „Ich kenne sie nicht? Rechnest Du meine Kollegen nicht? Diese trockenen, steifleinenen Pedanten? Und dann meinen lieben Vetter Felix? Felix, den Glücklichen, an dem die Provinzen hängen, — d. h. ihr weiblicher Teil? Die genaue Bekanntschaft mit ihm hat genügt, mir einen Abscheu vor all seinen Geschlechtsgenossen einzuflößen — „Ja, es war wirklich ein Unglück, daß Ihr Euch so schlecht vertrugt, von Kindheit an. Schon als meine arme Schwester zu mir zog, damals vor 18 Jahren, hast Du Felix gleich ins Bein gebissen —" „Wie ein Storch", platzte Trude heraus. „Du krochst als zweijähriges Wichtlein auf der Erde herum, spieltest „Wauwau". Da kam Dir der kleine dralle Bengel mit seinen nackten Beinchen gerade zu paß." „Na, und die Hahnenkämpfe später! Und die Turniere!" Trude reckte ihre festen kleinen Hände. „Aber ich bin doch beinahe immer Siegerin geblieben." „Weil Felix nachgab. Er hat die ganze Ritterlichkeit und Gutmütigkeit seines Vaters geerbt." „Und die ganze Keckheit der Bredows dazu." Eine brennende Röte schlug plötzlich über Trudes Gesicht hin. Sie hatte einen Blick durchs Fenster geworfen. „Jetzt kommt übrigens die Braut", bemerkte sie hastig. Sonderbarerweise haftete ihr Auge nicht an den rieselnden Atlas- und Tüllwogeu des Brautkleides, sondern es ruhte äußerst eindringlich, auf einer schlanken, männlichen Gestalt, die anscheinend zufällig über den Kirchplatz geschritten war, und sich, nun durch das Schauspiel vor der Kirchthiir eine Weile aufhalten ließ. „Wie sieht Lotte Spangenberg aus?" forschte die Mutter von ihrer Ecke herüber. „Keck wie immer", flog es von Trudes Lippen. „Keck, — Lotte Spangenberg?" Trude zog die Schultern hoch, als wollte sie sich verkriechen. „Na ja — so als Braut--Weißt Du, sie hat eiNj sehr herablassendes Wesen angenommen, seit sie ver- „Merkwürdig! Sie machte stets einen so nichtssagenden Eindruck auf mich" Trude blickte noch immer auf den Kirchplatz hinunter, obgleich es eigentlich nichts mehr dort zu sehen gab. Der Schwarm der Neugierigen fing an, sich zu verlaufen. Ein Zug von Trotz trat in das Mädchengesicht. Jetzt verstummte das Geläut der Glocken, das Brausen der Orgel. Der Prediger mochte drüben die feierliche Handlung vornehmen, am Altar, unter den Rosen. Da klopfte es an die Thür des Witwenstübchens. Ein junger! Mann trat herein, derselbe junge Mann, der vorhin so angelegentlich! nach) der Braut hingespäht hatte. Vetter Felix, der Hausgenosse von Mutter und Tochter. Er begrüßte die Tante und trat dann zu Trude, die gar keine Notiz von seinem Eintritt genommen hatte. Zur Strafe für ihre Unhöflichkeit und die Nichtachtung seiner Person faßte er sie rasch um und gab ihr unversehens einen Kuß. — Da fuhr sie wie ein fauchendes Kätzchen auf ihn zu. „Unverschämter Mensch, was denkst Du Dir eigentlich? Was erlaubst Du Dir?" Sie weinte beinahe. „Weißt Du, daß es bei den alten Römern mit dem Tode bestraft wurde, wenn jemand einer unbescholtenen Frau einen Kuß zu rauben wagte?" „Gewiß, teures, hochgebildetes Cousinchen, das weiß ich! Wozu hätte ich denn mit heißem Bemühen römisches und deutsches Recht studiert? Aber was geht es mich an? Bin ich etwa ein alter Römer?" „Nein. Leider nein", rief Trude wütend. „Warum leider?" „Da könntest Du mich wenigstens nicht ärgern, weil Du schon lange tot wärst!" Er zwirbelte an seinem Schnurrbart. „Sobald es meine beschränkten Mittel erlauben, werde ich mir einen Revolver kaufen —" Ironisch verbeugte er sich, dreimal. „Wie hat Dir übrigens die schöne Braut gefallen, süße Trude? Vorhin, als ich ihre Liebreizlosigkeit anstaunte, kam mir der frevelhafte Gedanke, wie gut Dir der weiße Schleier stehen müßte —" „Mir? Mir? Du träumst wohl?" „Ja, vorhin träumt’ ich allerdings. Sehr schön und sehr unnütz." „Pah! Du wolltest Dich nur der armen Lotte Spangenberg noch einmal in den Weg schieben, um ihr ins Gedächtnis zu rufen, daß sie Dich auch geliebt hat." „Auch, Cousinchen? Wer liebt mich denn sonst noch?" „Wer? Nun, alle! Das heißt, ich nicht. Die Anwesenden sind ja immer ausgenommen." „Oho! Das möcht' ich. mir ausbitten. Ich habe meinen Neffen Felix von ganzem Herzen lieb! Zankt Euch doch! nicht immer, Kinder! Laß die Trude gehen, komm herüber zu mir, Felix", beschwichtigte die Mutter. „So schlimm meint's der Trotzkopf übrigens gar nicht." „Ich meine es noch viel schlimmer! Garnicht zum Ausdrücken schlimm!" Der junge Mann zog aus der Brusttasche ein Zeitungsblatt hervor. — „Stehe sofort zur Verfügung, Tantchen. Sieh’ mal her, Trude. Da ist mir durch Zufall die letzte Lotterielifte in die Hand gekommen. Hast Du eigentliche nachgesehen, ob unsere Nummern gezogen sind?" „Diesmal hatt' ich's vergessen. Im übrigen ist's ja doch, zwecklos." Er faltete das Blatt auseinander und ließ den Zeigefinger die Zahlenkolonneu entlang laufen Hie die Nummer des Hauptgewinns kommt mir bekannt vor! 312 — 0 302 227! Eine böse Sieben war dabei, zwei Nullen ebenfalls. Wo hast Du die Lose, Trude?" Das Mädchen war totenbleich geworden bei der Nennung der Zahl. Ihre Hände begannen zu zittern. „Im Schlafzimmer", stotterte sie, „in meiner Kommode." „Ja, was ist Dir denn, Trude?" ries Felix erschrocken aus. — Sie war bereits verschwunden. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sie wieder zum Vorschein kam, die Lose schwenkend. Jetzt strahlten ihre Augen, und ein rosiger Schimmer verklärte ihr Gesicht. 1 „Da", ries sie, „Dein Los hat gewonnen, Felix! Nun gehört Dir die Welt!" „Mein lieber, lieber Junge!" rief die gebrechliche alte Frau glückwünschend herüber. Ein Ruck ging durch die Glieder des Ueberraschten. „Es ist nicht möglich", stammelte er, und schickte sich an, die Nummer des Loses mit der des Hauptgewinnes zu vergleichen. Dann wendete er das Los um. „Aber mein Name steht lischt hier." Er trat zum Fenster und prüfte das Bläthchen Papier. „Und hier ist eine Rasur ganz deutlich zu erkennen! Zeig' Dein Los her, Trude! Auch hier die Rasur! Ich selber hatte doch, unsere Namen auf die Lose geschrieben zur Unterscheidung!" „Ach bewahre", wehrte das Mädchen ab. Ihre Bewegungen wurden zuckend, unbeholfen. „Das wirst Du wohl geträumt haben. Im übrigen ist's Deine Nummer, das weiß ich gewiß. So sperr' Dich doch nicht, alter Schwerenöter! Springe lieber bis zur Decke, und dann laus zum Justizrat Coceius und halte um seine Rose an. Du bist ja nun kein armer Schlucker mehr." Felix stand da, dunkelrot, nach Atem ringend. „Trude", sagte e,r endlich mit zitternder Stimme. „Dein Los war das Gewinnlos! Du hast die Namen ausradiert, um mir das Geld zuzuwenden, — weil Du vermutest, daß ich die Rose Coceius liebe." Das Mädchen senkte den Kopf. Und Felix sprach weiter. „Meinst Du, ich hätte es nicht bemerkt, wie unter all den Dornen, die Du mir' zukehrtest, die Rosen sproßten —" seine Stimme wurde jetzt so leise, daß nur Trude sie vernehmen konnte, die knapp vor ihm stand — „und zuletzt die allerschönste, die Rose der Liebe? Trude, glaubst Du denn im Ernst, ich würde es leiden, daß Du Dich täglich mit 30 Rangen abplagst, wenn ich Dir und Deiner Mutter eine Versorgung zu bieten hätte? Deiner Mutter, die mich wie ihren Sohn gehalten hat, als ich! mit zehn Jahren eine Waise wurde?" Er biß sich! aus die Lippen. „Nun bist Du reich, nun darf ich nicht um Dich, werben." „Ich reich?" Der alte Trotz erhob sich in dem Mädchen. „Nicht einen Pfennig möcht' ich anrühren von dem Mammon. Ich müßte ja Henken, Du wolltest, meiniGeld —!" Er fuhr zusammen. „Dies Wort trennt uns für immer!" sagte er kalt und ernst. Aber sie hing schon an seinem Halse, jubelnd, lachend, weinend. „Nicht lebendig kommst Du aus diesem Zimmer, wenn Du nicht feierliche gelobst, mich zu heiraten, Du, der resche Felix v. Bredow, mich, die arme Trude Mertens! Denn das Geld ist Dein, Dein, Dein!" Das Pfingstgeläut der Sebaldus-Glocken begann in diesem Augenblick zu ertönen, feierlich! hallend und durch den Sonnenschein schwebte ihr Klang herüber in das enge Stübchen. „Frühlingshochzeit", murmelte die Mutter, Freuden- thränen in den Augen. Gemeinnütziges. Der „praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau" hat seinen leitenden Redakteur Johannes Büttner und den Leiter seines Jllustrationsteils, den Kunstmaler Kleindienst, nach Paris geschickt, um den deutschen Gartenfreunden in Wort und Bild zu schildern, was es neues und beachtenswertes für den deutschen Gartenbau in der Ausstellung gießt. In der soeben ausgegebeneu Nummer, die Gartenfreunden auf Wunsch gern umsonst von dem Geschästsamte in Frankfurt a. Oder zugeschrüt Nkdaktion: «. Burkhardt. — »rnt uni «erlag der Brühl'schen wird, beginnen die Berschte, die sich auch auf die in der Umgebung von Paris hochentwickelten Sonderkulturen und Treibereien (Frühgemüse, Salat, Spargel, Champignons, Erdbeeren, Pfirsiche u. s. w.) erstrecken werden. Isür die Küche. Kaninchen im Topf. Abgezogene, gehäutete Lapins in egale Stücke zerlegen, einige Scheiben fetten Schinken dazu, desgleichen auf je 1 Lapin 2 Zwiebeln in Scheiben geschnitten. Alles schichtweise mit Pfeffer und Salz bestreuen, in einen braunen, irdenen Topf legen, welcher mit einem gefalteten reinen Papier verdeckt werden mag; darüber der passende Deckel. Den Topf stelle in ein Wasserbad, dämpfe im Bratofen zwei Stunden. Billiges, wohlschmeckendes Gericht. Salatgemüse. Vom Salat die schlechten Blätter entfernt, reingewaschen; in Salzwasser weichgekocht, abgetropft, nicht zu fein gewiegt, mit 1 Löffel Fleischbrühe, 1 Stückchen Butter eine halbe Stunde gedämpft, mit zwei Eigelb, 3—4 Eßlöffel saurer Sahne abgezogen, nicht mehr kochen lassen, angerichtet. Literarisches. Pfing stz aub er! Wie mit einem sonnigen, glückbringenden Schein liegt die ganze Erde übergossen, und alles schmückt sich zu Ehren des herrlichen Festes. Besonders die Trägerin der Anmut und Schönheit, die Damenwelt, bietet alles auf, um sich dem Rahmen des farbenfreudigen Bildes anzupassen. Wie kann man sich nun chik und elegant kleiden ohne große Kosten? Dieses Problem löst das tonangebende Weltmodenblatt „Große Modenwelt" mit bunter Fächervignette, Verlag John Henry Schwerin, Berlin. In der That, jede Hausfrau, die dieses gediegene Blatt in die Hand nimmt, ist aufs höchste von der Vornehmheit, Reichhaltigkeit und Billigkeit überrascht und zögert niemals, sich der großen, über die ganze Welt verbreiteten Abonnentenzahl anzuschließen. Bietet es doch jetzt noch bedeutend mehr als früher, indem mehrere neue Beilagen, darunter eine vorzügliche illustrierte Rubrik „Neuestes aus Paris" und eine neue Handarbeiteu-Beilage, hinzugekommen sind. Daneben führt das Blatt nach wie vor die elegantesten reichen wie einfachen Moden vor, die jede Hausfrau mit Hilfe des jeder Nummer beiliegenden mustergiltigen Schnittmusterbogens sich selbst billig herstellen kann. Hierzu kommt noch das illustrierte Unterhaltungsblatt und das farbenprächtige Kolorit. „Große Modenwelt" mit bunter Fächervignette — man achte ganz genau auf den Titel — ist für nur 1 Mark vierteljährlich zu beziehen von allen Buchhandlungen und Postanstalten. Gratis-Probenummern bei ersteren und durch den Verlag John Henry Schwerin, Berlin 35. Kollektion Hnrtleben. Eine Auswahl der hervorragendsten Romane aller Nationen. Achter Jahrgang. Vierzehntägig erscheint ein Band, eleg. geb. ä 75 Pf. Jährlich 26 Bände; bisher Band 1 bis 20 vom VIII. Jahrgang ausgegeben (A. Hartleben's Verlag in Wien). Der VIII. Jahrgang der beliebten „Kollektion Hartleben" hat folgenden abwechslungreichen Inhalt an Romanen: I.—III. Pont-Dest, „Eine vornehme Ehe". 3 Bde. IV. Orzeszko, „Der Australier". V.—VI. Savage, „Die gefangene Prinzessin". 2 Bde. VII. Bülow, „Ohne Herz". VIII.—IX. Rovetta, „Das Idol". 2 Bde. X. Benedek, „Anna Huszar". XI.—XII. Fleming, „Vom Sturm getragen". 2 Bde. XIII. —XIV. Mairet, „Die Studentin". 2 Bde. XV.—XVII. Lötang, „Eine schöne Frau". 3 Bde. XVIII.—XIX. Lancken, „Ein neues Geschlecht". 2 Bde. XX. Memini, „Mario". XXI —XXII. Lescot, „Mich-lette". 2 Bde. XXIII.—XXIV. Paura, „Irmengarde". 2 Bde. XXV —XXVI. Sales, „Beaulieu". 2 Bde. Wie man sieht, ein ebenso gut gewähltes als literarisch vornehmes Programm, welches sich bisher bis zum 20. Bande abgespielt hat. Logogriph. Nachdruck verboten. Mein Saft ist dir willkommen, Wenn dich der Durst bedrängt; Mit and'rem Herzen steche Ich den, der mich gekränkt. m. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Arühmogriphs in voriger Nummer: Aha — Lille — Kea — Halle — Ella — Jll — Lila; All Heil! Universttils-Buch- und Steindruckerei (Pietsch erben) in Sieten.