en die Götter lieben, Segnen sie mit Leiden, Mit der stillen Seele, Die den Schmerz versteht. Viel ist dann geblieben, Was im Lärm der Freuden Wie der Philomele Dunkles Lied am Tag verloren geht. Paul Heyse. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth' Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Um die siebente Abendstunde kam Johanne, um ihrem Mann das Nachtmahl zn bereiten und ihm auf den Spirituskocher den Thee zu kochen; denn Paul hatte beschlossen, erst des Abends warm zu essen und sich zur Mittagszeit mit etwas kaltem Vorrat zu begnügen. Sie fand ihren Gatten schlafend. Leise hob sie seinen Kops von seinen Armen, lehnte ihn an ihre Brust, ohne daß Paul von dieser zärtlichen Bewegung erwachte, und nun sah sie in sein blasses, entmutigtes Gesicht, das während des erschöpften Schlafens einen Ausdruck von Kummer angenommen hatte. Er hatte ihren Eintritt nicht gehört, fest und müde schlief er, und man hätte ihm den ganzen Laden ausräumen können, ohne daß er es gewahr geworden wäre! Im Laufe der Zeit fanden sich jedoch nach und nach auch einige feste Kunden ein, die ihren Bedarf an Haushaltsartikeln aus der weiß-blau-vergoldeten Drogenhandlung entnahmen. Auch der Zuspruch der Passanten wurde um die Weihnachtszeit herum lebendiger; einen Hauptteil daran hatte wohl das geschmückte Schaufenster, in welchem Paul eine ganze Weihnachtsausstellung aufgebant hatte. Viele Abendstunden vor Geschäftsschluß war er mit seiner Frau in die Stadt gegangen, um Einkäufe an Weihnachis- schmuck zu machen, während der Hausdiener in dieser Zeit den Prinzipal hinter der Theke vertreten mußte. — Durch Regen, Frost und dichtes Schneegestöber waren sie von Hauptstraße zu Hauptstraße, von Zeichner zu Lohse, und von dort zu Puttendörfer, von Puttendörfer zu Schwarzlose gewandert, um deren Schaufensterausstellungen zu studieren, und darauf in der Großbeerenstraße, cJGi M ytf I iw ('III nHOfö £ W dicht unter der Krinoline des Kreuzberges, einen Abglanz der gesehenen Herrlichkeiten zu schaffen. Johanne .besonders in ihrer Vergoldungs- und Versilberungssucht hatte sich gar nicht -genug thun können am Einkauf all der feenhaften Dinge, die" um diese Zeit herum ein so phantastisches Gepräge über die Schaufensterwelt ergießen. Wie ein gelernter Dekorateur hatte sie die Spiegelscheibe aufs feinste mit weißem Sammt, über dem schwarze Sterne aus zusammengesetztem Cachou lagen, austapeziert, goldenes und weißes Christkindleinhaar hing in leuchtenden Strähnen von oben herunter, während der Hintergrund von einem aus roter und weißer Gelatine hervorgezauberten Wasserfall romantisch ausgefüllt wurde. Große Seifenstücke waren als Felsgeröll angelegt, über welche die Gelatine in wilden Strömen hinunterflutete, rechts und links aber sah man zwischen kleinen Büscheln getrockneten Lorbeers saubere, von Putzpulver ausgefüllte Wege sich hinziehen. Ein mit Kupfervitriol-Lösung gefülltes Glas paradierte als Bassin in der Mitte, und warf seinen blauen Schein über diesen feenhaften Garten, in welchem kleine Korkdamen mit Gesichtern aus Schwamm und Hüten aus Luffah melancholisch auf ihren Zahnstocherbeinen standen. Die halbe Großbeerenstraße, mindestens aber die gesamte Schuljugend derselben versammelte sich vor diesem seltsamen Schaufenster, und es konnte nicht fehlen, daß unter den vielen müßigen Zuschauern, die vor Kälte von einem Bein aufs andere traten, auch einige reelle Menschen waren, die nach dem Portemonnaie fühlten, und rasch entschlossen den Laden betraten. Johanne, die neben ihrem Manne hinter der Theke stand, errötete dann jedesmal vor Glück. Der eventuelle Käufer war vielleicht noch nie in seinem Leben so sorgsam bedient worden, wie in diesem Geschäft, wo der Besitzer und die Besitzerin gemeinschaftlich wetteiferten, den halben Laden umzukramen, um das Verlangte in allen Variationen vorzuzeigen. Der Kostenpunkt bereitete dann noch weitere lleberraschungen, Paul in seinem Diensteifer zeigte sich so entgegenkommend, daß er gern den Preis bis auf ein Minimum herabgesetzt hätte, und während sich der Kunde, noch mit einer netten Zugabe bedacht, verwirrt entfernte, flogen Paul und seine Gattin wie zwei emsige Bienen hin und her, um die vielen aufgerissenen Schachteln und Kisten wieder zu schließen und an Ort und Platz zu stellen. Am Weihnachtsabend brachte Johanne auch Paul den jüngeren mit ins Geschäft, der zu Hause vor lauter Christkindsungeduld keine Ruhe mehr geben wollte. Sie setzten ihn in das Ledersofa hinter dem Vorhang, gaben ihm einen Karton mit beim Transport zerbrochenem Baumbehang zum Spielen in den Schoß, und widmeten sich dann voll Eifer dem Weihnachtsverkauf. - 186 Stunde um Stunde verrann, schon wurden in einzelnen I trieben, mit so fieberhafter Leidenschaft gepackt hatten, .Häusern die Lichter au den Bäumen angezündet, aber noch I ihn, den stillen, scheuen Knecht zu einem friedlosen Men- immer schafften die beiden hinter der Theke. Paul sah I scheu gemacht, sie erwachten in ihm, und rn fernen Ohren bestaubt, erhitzt und eifrig aus, Johanne's blasse Wangen I tönte das betäubende Summen: Geld! Geld.. glühten. Ab und zu tauchte aus dem Verließ, das durch I Geld war das rote, leuchtende Ziel, das ihn her- eine Fallthür mit dem Laden in Verbindung stand, die I genarrt hatte, — Geld verdienen und sie dann suchen, das Gestalt Karls, des Hausdieners auf, den sie bei Uebernahnie I fahrende, schöne Mädchen, das ihn nut ihren weichen Blicken des Geschäftes mit verpflichtet hatten, und dessen gedanken- I verzaubert hatte, und das nun allein und hilflos in der loser Fleiß, dessen Zerstreutheit und mürrisches Wesen I Welt herumirrte, daß jeder fremde Mann sie greifen durfte, ihnen oft zu Ermahnungen Anlaß gab. I Drei Jahre war er nun in der Stadt, und sem Leben Karl war vom Lande in die Stadt hereingekommen, I war ein einziges Suchen und Hofftn, alle Schaubühnen^ „um sich zu verbessern", wie er sagte. Aber Johanne über- I alle Vergnügungstheater, alle Spelunken der fahrenden! raschte ihn oft, wie er vor einer kleinen, schlechten Photo- I Künstler suchte er auf, von der wirren öbee besessen, sie qraphie saß, die ein Bauernweib und ein kleines Mädchen I eines Tages finden zu muffen. Auf den engen, heißen i darstellte, und mit trübem Blick das Bild betrachtete. „Ver- I schmutzigen Galerien und Tribunen faß er mit der siebe - bessert" konnte er sich nicht haben; denn er, den eine I haften Neugier des Bauern, und seinen ganzen Verdi f andere, frühere Photographie in Gemeinschaft mit der I vergeudete er in diesen abendlichen Irrfahrten m die Ve - Bäuerin als einen robusten, kernigen Menschen mit freien I gnügungslokale der Stadt, von denen er spat nachts dumps, Gesichtszügen darstellte, war äußerlich ersichtlich weit zu- I müde und niedergeschlagen nach Hause zuruckkehrte Kramvs- rückgegangen, seine Miene war finster und schlaff, seine haft umklammerte er das Goldstück, und stolperte die Farbe bleich, und aus den Gelagen und Nachtschwär- I Treppen zum Keller hinab. Waren es wirklich zwanzig mereien, an denen er sich mit leichtsinnigen Kumpanen I Mark? Hatte sein Auge chü nicht getauscht . Seme Hand beteiligte, brachte er eineii stumpfen Mißmut für sein Tage- I tasteten nach den Streichhölzern in semer -asche, und ov- werk mit . gleich er wußte, daß er m diesem Raume nicht Licht Arbeiten konnte er jedoch wie ein Pferd. Seine kräf- I machen durfte, entzündete er die Phosphorkuppe an seiner tigert Schultern trugen die Lasten wie Spielbälle, seine I Hose. von der Arbeit lederharten, rissigen Hände scheuten vor I Im selben Augenblick folgte em furcht - keiner noch so groben Beschäftigung zurück, er griff in die | Eine Flamme lohte m der Dunkelheit auf, sprang b -, ^- Laugenfässer, reinigte die mit ätzenden Stoffen gefüllten I schnell gegen die Decke hm, an der sie hint , Tonnen, scheuerte Keller und Lagerraum, und war, abge- | währeiid sie Locher und Risse in den Mortel tji- sehen von seiner nächtlichen, unregelmäßigen Lebensfüh- I vom Blitz entzunoet, stand der ganze Kellerraum nF rung, ein so brauchbarer Arbeiter, daß Paul sich im stillen I flammen. hmrSpn r1P< zu diesem Menschen gratulierte. I „ Der Knecht war zur Seite geschleudertw <■ Dicht neben dem Lagerraum befand sich ein Keller, I stäubt dem furch aren «chr durch eine Art Laboratorium, in welchem der vorherige, in Kon- I dor der Kell rtr pp. P berietst die Treppe Hinkurs geratene Besitzer mit Präparaten eigener Erfindung | ^^tonatw gEinabe über den Körper des regunqs- erfolglos experimentiert hatte. Paul fühlte sich nicht zu uutergesturzt, wo sie deiche über den K dem Ehrgeiz seines Vorgängers hingerissen, Zeit und Mittel l lav am Bode -_ g Toten vor sich zu hab em au die fruchtlosen Ideen des Selbstpräparierens anzu- Augenblck glaubtensie /men Toten^vo^ sich zu yavew wenden; er freute sich seiner kleinen, dürftigen Erfolge I und ihre Herren s wie Esvenlaub beugte sich hinter d er Ladentafel, und überließ gern den großen Fa- W be™?ieJ^r larl i SteT tien 5men $«1 Srltauien ben Ruhm b=8 fcfhibenä. über . er tat) mit und Ä Lpptsu sie qü m°h "m bie^Trefpe Erstaunen, wie der Knecht sich m fernen freien Stunden I mit zu, u 1 1 ) PP 1 P,< L toie geblendet in diesem Kellerraum zu schaffen machte, und in dem Kel?er hint^chnm sich ei^wildes Feuerwerk chaotischen Durcheinander der tleberbleibsel vom einstigen I myen, oaß im u ) ) i Material wie ein finsterer Geist hernmwirtschaftete, alte, I entwHe„ obnmächtia zusammen. Jn- phnrmaceutische Schmöker beim Schein der Laterne stu- I .-T / , smben eingedrunqen, dierte, Flüssigkeiten mengte und zersetzte, während er auf I nahmen sich der beiden Bewußtlosen an, die anderen die schüchtern an ihn gestellten Fragen über den Zweck I einige seiner Experimente nur einsilbig Auskunft gab. I ei(ten lCI cT-ortsekuna folat ) In der That empfand Paul fast etwas wie Scheu (Fortsetzung folgt.) vor diesem finsteren, in sich versunkenen Menschen, der I ohne jegliche Kenntnisse, mit bäuerischer Einfalt und Hart- I 11t näckigkeit sich an Dinge wagte, von denen er nicht einmal I die Hauptbegriffe wußte. Es lag etwas in diesem plan- I Afghanistan und Herat. losen, aber' leidenschaftlichen Vorgehen, das Paul eilte I $on Heribert von Hiller-Sternberg, stumme Bewunderung abnötigte, und er mußte an Nettchen I " Nachdruck verboten, denken, die auch das Schicksal hatte zwingen wollen, und I nffrt pin(,r ßmroüa SSÄÄSÄ*“ ***" M‘ «U« barüSt 'erfüll'b’biie. b-ß Sch Wber £ed)t einen neuen Beweis seines das b-nische Veit nicht W“» Ehrgeizes abgegeben, indem er gebeten hatte, Paul möge [ als Paukboden für ^^^I^erzug b n, sch Eng ihm gewähren, nach Geschäftsschluß den Abend im Keller I and emSchriftchen, into&fyem ctingfyantajt :beaabtc:r .örtte bei seinen Versuchen verbringen zu dürfen. „Ich habe I fernen Landsleuten schildert, wie in irg Urmeekorvs hier niemanden in der Stadt", sagte er, „und will auch I des zwanzigsten ^uhrhuErts em deutsches p vom heiligen Abend nichts sehen. In die Kneipe gehe ich I m einem unbewachten Momente "n der südlich s heute nicht, und wenn Sie mir den Schlüssel da lassen, I Englands landet, die kümmerliche englische ~r Pp $ so komme ich vielleicht heute mit meiner Sache noch I bei ©orfing, südlich von London, über den Haus / ' u stände" I und sich, ohne weiteren ernstlichen Widerstand zu finden, 3 Paul schüttelte den Kopf, gab aber den Schlüssel zum Gebieter der ganzen,Jnftl macht dennoch aus den Händen. „Und hier Ihr Weihnachts- Jßer ^Kolomalgeschichte Englands leimt, kann, gelb, Karl", sagte er. „Sie waren so fleißig und arbeitsam, I weit Deutschland dabei m Frage kommt, uberdissi da haben Sie sich's reichlich verdient." kunftsspekulation nur den Kopf schütt--ln; indes die Schlacht Mit einer scheu gemurmelten Danksagung entfernte I von Dorking wird dereinst geschlagen werden, aber g z sich der Knecht. Hatte er recht gesehen? Waren es zwanzig I sicher tausende von Meilen von dem genannten. Ort Mark, — ein richtiges, doppeltes Goldstück, was ihm der I nicht an einem Tage, sondern aufgelöst mehrfache Feld Herr in die Hand gedrückt hatte? Sein Herz schlug wie I züge mit zahlreichen Gefechten und Nicht gegen deutsch ein Hammer, die Gier, der Ehrgeiz, der Drang, diese ganze I Truppen, sondern gegen die Regimenter deo weißen. ■ Sturmflut von Empfindungen, die ihn aus der Heimat ver- I Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt man tr S ■= 187 - land alle aus Mittelasien kommenden Nachrichkpn, und während man bezüglich Persiens kaum noch int Zweifel darüber sein kann, daß es der russischen Machtsphäre anheimfällt, hofft man jenseits des Kanals, wenigstens von den afghanischen Bergländern, noch so viel erwerben zu können, um daraus eine sichere Vormauer für das Vorwärtsdringen der über alles gefürchteten Russen erbauen zu können. Thatsache ist, daß England seit zwei Jahrzehnten über den schneebedeckten Bergketten des Hindukuh und des Sija-kuh das Gespenst einer russischen Invasion in Indien erblickt, und so rücken im Hinblick auf die immer 'wiederholten Nachrichten von russischen Truppenbewegungen gegen die afghanische Grenze diese fast vergessenen Lande aufs neue in den Vordergrund des Interesses. Wir stehen hier auf althistorischem Boden. Von den drei bedeutenderen Städten Afghanistans, welche ja leider noch immer das einzige sind, was eine Gymnasialgeographie über das interessante Land anzugeben weiß, haben zwei keinen geringeren als Mazedoniens großen Alexander zum Erbauer, der in den Jahren 330 und 329 v. Ehr. das damals zu Persien gehörige Land seinem Szepter unterwarf und Alexandreia Areion (das heutige Herat) und Alexandreia Arachoton (das heutige Kandahar) gründete. Mit dem Untergang der persischen Herrschaft war es auch mit der Ruhe des Landes und seiner Bewohner vorbei. Dem nur wenige Jahrzehnte währenden griechischen Regi- mente folgte die Herrlichkeit des Partherreiches, dann diejenige der Sassaniden, welche ihrerseits wieder den Arabern Platz machen mußten, und als sich diese von dem Khalifen in Bagdad unabhängig machten, wechselten die Dynastien in bunter Reihenfolge aufeinander, bis endlich wieder im 17. Jahrhundert eine einheimische Familie, die Durani, zur Macht gelangten. Auch ihre Herrschaft war nicht von Dauer und wurde dnrch den Perserschah Nadir niedergeworfen; bald aber folgten wieder eingeborene Dynasten, unter denen das Land in viele Teile zerfiel, was schließlich die Einmischung Englands und Ritßlands herbeiführte. Im Jähre 1838 rief Schah Sudschah, welcher sich zuin Herrn von Herat und Umgebung aufgeworfen hatte, die Engländer zur Hilfe herbei, die nicht zögerten, und schon im nächsten Frühjahr 9000 Mann ins Land sandten nnd Sudschah als Herrn von ganz Afghanistan in die Königsburg von Kabul führten. Der Fremdenhaß der fanatisch inuhamedanischen Bevölkerung, unter der russische Send- linge mit Erfolg die Flamme des Aufruhrs schürten, führte bald zu einer entsetzlichen Explosion. Am 2. November 1841 brach die Empörung los, und während der Schah mit der britischen Besatzung sich kaum in die stark befestigte Zitadelle zu flüchten vermochte, wurde die gesamte europäische Kolonie Kabuls ermordet, und auch ein großer Teil der über das Land zerstreuten englischen Armee verfiel demselben Schicksale. Durch 37 Jahre begnügte sich nun England, in die Geschicke des Landes, in welchem der Bürgerkrieg in Permanenz erklärt war, nicht durch Waffengewalt, sondern nur durch den Einfluß klingender Münze einzugreifen, bis neue Wirren die Engländer im Jahre 1878 veranlaßten, wiederum die Gewalt ihrer Waffen geltend zu machen. Den Vorwand fand man in der Ablehnung des Emirs, eine englische Gesandtschaft zu empfangen. Derselbe General Roberts, der sich jetzt eben in Südafrika den zweifelhaften Ruhm erwirbt, der Mörder des Burenstammes zu werden, entschied das schwankende Waffenglück zu Englands Gunsten. Seinen Weg nach Kabul kennzeichneten Galgen und verbrannte Besitzungen: aber auf den Zinnen von Kandahar, wo er den Prätendenten Ejub Khan endgiltig besiegte, winkte ihnt das mit Blut geschriebene Diplom eines Lord of Kandahar, als der er jetzt im englischen Adelsbuche figuriert. Sein Schützling Abdurrhaman, der am 22. Juli 1880 zum Emir von Afghanistan proklamiert wurde und seitdem von England einen bedeutenden Jahresgehalt bezieht, hat den Engländern nie besonderes Vertrauen eingeflößt; denn ebensogut wie der Wohlklang des englischen Sovereigns ist der des russischen Rubels, der, seit Rußland seinen Eroberungszug 1861 in Mittelasien begann, immer lauter und vernehmlicher ertönt. Seit Rußland seine mittel- asiatische Bahn bis Andischan ausgedehnt hat, steht in Penschdeh, hart an der afghanischen Grenze, russisches Militär, und die in Kuscht' garnisonierende russische Schützenbrigade, welche durch die neuerbaute Murahab- bahn eine sichere Rücklehnung auf Merw hat, vermag durch einen Marsch von kaum 90 Kilometer bis unter die Mauern von Herat zu kommen, das von jeher als der Schlüssel von Indien gegolten hat. Diese bedeutungsvolle Bezeichnung kann nur von einem recht optimistischen Gehirne erfunden sein; denn ein Blick auf die Karte Afghanistans, dessen Mitte von hohen Bergketten eingenommen wird, zwischen denen tief und schroff die Flußthäler eingeschnitten sind, zeigt deutlich, daß der Besitzer von Herat diese zentralen Gebirgssysteme erst in einem tzewaltigeu Bogenmarsch bis Kandahar umgehen muß, ehe er wirksam Indien bedrohen kann. Um sich aber hier das Prävenire zu sichern, haben die Engländer längst die nach Quetta führende Bahn mittels einer gewaltigen Durchtunnelung der Chodscha-Amrumberge gegen Kandahar weitergeführt und können von deren Endpunkte Nutschaman letztgenannte Stadt mindestens ebenso schnell erreichen, wie die Russen Herat. Immerhin ist aber mit großer Sicherheit anzunehmen, daß auf den zwischen beiden Orten liegenden Hochebenen entscheidende Schlachten um den Besitz der asiatischen Herrschaft dereinst geschlagen werden. Auch äußerlich präsentiert sich übrigens dieser Schlüssel zur Weltherrschaft in recht verrostetem Gewände. Der Afghane nennt in poetischem Ueberschwange Herat die „Perle der Welt"; aber wenn man dem nationalen Enthusiasmus auch noch so viel zugute zu halten geneigt ist, so kann man doch nur der Umgebung der Stadt lobende Qualitäten zuerkennen. Besonders wenn man von Norden aus dem Gebirge Chodscha Abdullah Ansari in das eminent fruchtbare, in weiter Ebene sich hindehnende Flußthal des Heri-Rud eintritt, befindet man sich in einer paradiesischen Landschaft. Baumwuchs fehlt zwar fast vollständig; nichtsdestoweniger hat aber die Ueppigkeit der Kulturen, besonders des Weinbaues und der Oelbaumpflanzungen noch auf keinen Reisenden ihren Eindruck verfehlt. Mit 26 Bogen überspannt eine plumpe Brücke den Fluß; dann geht es noch 5 Kilometer weiter gegen Süden bis zur Stadt, welche in Gestalt eines länglichen Vierecks erbaut, ehedem von einer 15 Meter hohen Lehmmauer umgeben war, jetzt aber durch englische Genie-Osfiziere in eine starke Festung umgewandelt ist, die erheblichen Widerstand leisten kann, vorausgesetzt, daß sie die entsprechenden Verteidiger findet. Das Innere der Stadt jedoch ist ruinen- haft, und nur der Bazar, welcher früher die ganze Länge der Hauptstraße einnahm, und vom Arak- bis zum Kan- daharthore reichte, ist auch in seinem Verfall noch schön. Von mächtigen Kuppeln überbaut, die schon mancher Belagerung getrotzt haben, vereinigt er in sich die Handelserzeugnisse von drei in ihrer Kultur recht verschiedenen Ländern, und das bunte Durcheinander der uns hier umgebenden Menschen zeigt deutlich, daß hier Persien, Mittelasien und Indien mit ihren Völkerschaften aneinander grenzen. Aber 20 Schritt seitwärts, in die erste beste Nebengasse hinein, grinst der Verfall, der nun doch das unvermeidliche Schicksal dieser Länder und ihrer Bewohner zu sein scheint. In einem Häusergewirr, welches sich ebenso unvorteilhaft durch die Enge der Straßen wie durch den Schmutz der Gebäude auszeichnet, haust eine Bevölkerung von etwa 50000 Menschen, unter denen sich natürlich Tausende von Turkmenen, Indiern, Persern, Tataren und Juden befinden. Der echte Afghane, obwohl selbst persischer Abstammung, unterscheidet sich äußerlich auch von den Persern durch seine Gewandung. Das eigentliche Nationalkostüm besteht aus einem langen Hemde samt Unterhosen und einem togaartig darüber geworfenen Leinentuche. Daneben liebt es aber der Afghane auch, sich in einem halb militärischen Kleide zu zeigen, einem merkwürdigen Räuberzivil, bei welchem er über sein Hemd einen roten englischen Waffenrock zieht, und seinen Kopf mit einem vielfach gewundenen indischen Turban umhüllt. Der Umgebung der Stadt hat man erst in neuester Zeit die gebührende Beachtung geschenkt. Afghanistan als ganzes ist schon überreich an Baudenkmälern aus allen Jahrhunderten; die Umgebung Herats aber ist eine Fund- grübe für den Altertumsforscher, der hart nebeneinander Ruinen aus griechischer, buddhistischer und muhamedan- ischer Zeit findet. Selbst der Schatzgräber kommt zuweilen auf seine Rechnung; denn aus den Trümmern der Städte, welche hier vor Hunderten von Jahren in Schutt und Asche sanken, sind schon tausende von Goldstücken hervorgeholt wdrden, von denen nur die wenigsten den Weg in die Museen gefunden haben. Afghanistan im allgemeinen und Herat im besonderen rst wiederum nur ein neuer Beweis dafür, was menschliche Zerstörungswut aus einem von der Natur mit reichen Geschenken ausgestatteten Lande machen konnte, und es ist im Interesse der Menschlichkeit nur zu wünschen, daß diese Gefilde in nicht zu ferner Zeit der Segnungen europäischer Kultur teilhaftig werden möchten, welche hier wohl nur als russische gedacht werden kann, nachdem der Engländer ui Asien nur so lange zu bleiben Pflegt, bis er sich als Rentier in seine Heimat zurückziehen kann. Md und Karten. Frühkulturen — den Markt möglichst zeitig mit frischem Gemüse zu versorgen, das ist der Grundsatz, nach dem der Gemüsegärtner zu arbeiten hat. Sobald der feldmüßige, landwirtschaftliche Gemüsebau seine Erzeugnisse anzubieten vermag, kann ber_ Gärtner nicht mit in erfolgreichen Wettbewerb treten, die Großkultur hat vereinfachte Kulturmethoden, weniger Auslagen, arbeitet billiger und kann daher auch billiger absetzen. In der Frühkultur liegt also die Stärke des Gemüsegärtners. Ganz ebenso, ist es nun beim Kartoffelbau. Auch hier werden bekanntlich die ersten Kartoffeln am besten bezahlt. Nun ist es aber ganz richtig, daß, wie der -„Praktische Ratgeber im Obstund Gartenbau" in seiner neuesten Nummer schreibt, die Frühkultur der Kartoffeln nur dann recht erfolgreich ist, wenn die Knollen vorgekeimt gelegt werden. Unterläßt man diese wichtige Borkultur, so quälen sich die Keime oft lange, bevor sie die Erde durchbrechen, und wenn sie dann im Juni so recht zum Wachsen anwtzen, stockt infolge der Hitze und Trockenheit das Wachstum, die Pflanzen bleiben schwach, und der Ertrag ist gering. Die vorgekeimte Knolle dagegen benutzt die ersten warmen Tage, um stch zu bewurzeln und zu belauben. Die Junihitze trifft eine fertige Pflanze, die reichliche Ernten liefern kann. Interessant ist die Methode, nach welcher auf dem Hcdwigsberge bei Frank- surt a. O. das Borkeimen der Frühkartoffeln vorgenommen wird. Schon im September, also bald nach der Ernte, werden die ausgesuchten Knollen in den Keimkeller gebracht, wo sie aus 2000 Horden, deren jede etwa 10 Pfund Kartoffeln erhält, untergebracht werden. Würde man mit dem Vorkeimen bis zum Januar oder Februar warten, so müßte man die sich inzwischen gebildeten Keime entfernen, wodurch die Knollen unnötigerweise einen Teil ihrer Reservenährstosfe verlieren, dann würde aber auch eine höhere Temperatur zum Treiben erforderlich sein, die ein Welkwerden der Kartoffeln und Vergeilen der Keime zur Folge haben würde. — Als früheste und wohlschmeckendste Sorte hat sich aus dem Hedwigsberge bis jetzt die „Früheste Sechswochen" bewährt, die aber einen sehr guten Boden verlangt. Weniger wählerisch ist „Kaiserkrone". Von mittelfrühen Sorten sind ,-,Perle von Erfurt" und „Charles Downing" recht gut und reichtragend, namentlich die letztere, die im vorigen Jahre vom Morgen 250 Zentner brachte — In der durch zahlreiche Bilder veranschaulichten Abhandlung wird außerdem noch der Versand derselben eingehend besprochen, ebenso die zur Frühkultur erforderlichen Bedingungen. Auf Wunsch ist die betreffende Nummer vom Geschäftsamte des „Praktischen Ratgebers" kostenlos zu erhalten Isür die Küche. Wis sehr Kartoffelsuppe gewinnt, wenn man etwas echtes Liebigs Fleisch-Extrakt hinzufügt und mit durchkochen läßt, das wissen erfahrene Haussrauen, und das bestätigt wiederum das neuerschienene größere Werk „Kochbuch" von Elise Hannemann, Vorsteherin der Kochschule des Lette-Vereins, (Oswald Seehagens Verlag, Berlin) auf Seite 96, das jene Zuthat besonders empfiehlt. Ebenso wird daselbst Liebigs Fleisch-Extrakt vorgeschrieben in den Rezepten zu Suppen aus Erbsen, Bohnen, Linsen, Grünkorn, Schoten, Sellerie, Sauerampfer, die durch das Fleisch-Extrakt in der That sehr gewinnen, namentlich wenn andere kräftigende Zuthaten (Fleischreste ic.) gerade fehlen oder nicht genügend vorhanden sind. 188 — MtteVarisches. .. Die Buren, der deutsche B r u d c r st ä m IN in Südas- r t ka von H. Elß, Oberlehrer an der Realschule zu Bielefeld. Fünfte Auflage 13.—15. Tausend. Mit 10 Abbildungen 80 S. 8 ° Preis Phnnig, Bielefeld, Ernst Sicdhoff. Von allen Schriften über den südafrikanischen Burenstamm hat die vorstehende bei weitem das größte Aufsehen erregt. Handelt es sich hier doch um ein Meisterwerk ° suer volkstümlichen Darstellung, das in knapper, streßender Form uns alles W i s s e u s w e r t e ü b e r d i e B u r e u Südafrikas, Geschichte, Land, Leute, Sitten und Gebräuche berichtet. Die nach so kurzer Zeit seit Erscheinen der ersten jetzt notwendig gewordene fünfte Auflage (13. bis 15 Tausend) spricht zur Genüge für die ungemeine Beliebtheit dieser bet allen ihren Vorzügen beispiellos billigen Schrift, deren Anschaffung wir ledermann nicht dringend genug empfehlen können. Zur Verteilung tn Schulen und Vereinen rc. ist das Werkchen wie geschaffen. Deutsches Wörterbuch. Wörterbuch der deutschen Schrift- und Umgangssprache, sowie der wichtigsten Fremdwörter. Von Dr. I. H.Kaltschmidt, neu bearbeitet und vielfach ergänzt von vr. Georg Lehnert. Zwei Teile in einem Originalbande 7 Mark 50 Pfennig. Pfrlag von J. I. Weber in Leipzig. Das gesprochene wie das geschriebene Nlort soll der vollkommene Spiegel des Gedankens sein; ein Blick in das praktische Leben zeigt jedoch, daß es nicht immer so leicht fällt für leden Begriff sofort das rechte Wort zu treffen. Diese Schwierigkeit a6er tft die Ursache so mannigfacher Mißverständnisse. Zudem versteht der Laie oft nicht den Fachmann, der nur die Schriftsprache Beherrschende nicht recht die Umgangssprache der niederen Schichten des Volkes, die durch Aufnahme mundartlicher Ausdrücke der nicht selten zur Erstarrung neigenden Schriftsprache erfrischende Quellen der Verjüngung erschließt. Wie man auch über den mehr oder weniger sparsamen Gebrauch der Fremdwörter denken mag, sie sind nun einmal da, sie wollen verstanden, wollen richtig angewendet sein. Hier tritt hilfsbereit das vorliegende, 52 Bogen starke. Lexikon mit seinem reichen Schatz von 50 000 Stichwörtern ein; es erklärt das Fremdwort, weist die Heimat desselben nach, verdolmetscht die Fachausdrücke des Bergmannes, des Schiffers, des Jägers u. s. f., deutet mundartliche Wörter, falls sie im Begriff stehen, sich Bürgerrecht im Reiche gemeindeutscher Sprache zu erwerben, erleichtert die Auswahl unter der Fülle sinnverwandter Wörter und läßt der deutschen Muttersprache, dieses herrlichen Besitztums unseres Volkes, erst so recht von Herzen froh werden. Katechismus der Violine und des Violinspiels von R e t n h o l d I o ck i s ch. Mit 19 Abbildungen und zahlreichen Noten- betsptelen. In Originalleinenband 2 Mark 50 Pfennig. Verlag von I. I. Weber m Leipzig. Dieser neueste Band von Webers Illustrierten Katechismen orientiert über den Ursprung der Violine und die italienischen Geigermacherschulen, gießt eine gedrängte historische Uebersicht über die Kunst des Geigenbaus in Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und England, bespricht die einzelnen Teile der Geige und des Bogens und das Material zu denselben und erteilt Ratschläge beim An- rauf und zur Pflege des Instruments. Der zweite Hauptteil des Buches ermöglicht einen Uebsrblick über die gesamte Technik des ViolinspielS: hier findet auch der -junge Violinist von Beruf eine Zusammenstellung aller, den Lehren der großen Meister der Geige entnommenen Regeln, ergänzt durch Mitteilung von Ergebnissen aus der Beobachtung «nd Erfahrung des Verfassers. Der vorliegende Katechismus y* ert” nutzbares Supplement zu jeder praktischen Violinschule. (Auflösung folgt in nächster Nummer.) GitterrStsel Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a, 6 6 6 b, e e c e e e e e e, h h, j j, l l, in m, n n, o o, p p, r r r r r r, s s, t t t t, v v, w w derart einzutragen, daß die senkrechten und wagerechten Reihen gleichlautend folgendes ergeben: 1. Komponisten. 2. Stadt im westlichen Deutschland. 3. Monatsnamen. Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. 8k 3 — g 5 Kd 5 n. e 5. 2. c 2 — c 3 Ko 5 — ck5 3. D f 1 — b 5 oder — f 4 f und matt. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scheu UniverfitätS-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen. Drunb der Kellert blicken, bie| die gegen gefüllten I unter wild Haftes Dur nern ohne erschien, d fanden die Der ge waren schn der Decke in der Will Farben, La Zerrissene gequetschte Thür zum dert, und d die meist s unter den ■ der Inhalt flössen war, lieblichen T An ein erfolgt wai gerissen, u drangen Rc ten, in den einer alten die Augen c schönen Feu der als blei tisch prangt der grünen Wie Zu