Donnerstag den 2. August 3 MM M ie Wandel-, Schwanz- und Nebelstcrnc nahmen Einmal die Sonne peinlich in's Examen. Die Theorie der Wärme und des Lichts, Den Farbcnbruch, den Grund von Nacht und Tag Begehrten sie mit wicht'gen Kennermienen. Die Sonne sprach: „Davon versteh' ich nichts." Dann stand sie auf. Die klaren Augen schienen Vor Lust und Mut, und — ringsum ward es Tag. Karl Spittcler. (Nachdruck verboten.) Geächtet. Roman von LotharBrenkendorf. (Fortsetzung.) Voll höchsten Erstaunens hatten sich die Blicke der drei Männer aus den Sprechenden gerichtet. Elisabeth aber wähnte, daß ihr das Herz zerspringen müßte vor namenloser Angst. Ihr Atem stockte, und vor ihren Augen flimmerte es, so daß sie nur noch wie durch einen dichten Rebel die Gegenstände im Zimmer erblickte. Hätte der General jetzt zufällig zu ihr hinüber gesehen, so würde keine Aufopferung des jungen Offiziers im stände gewesen sein, sie vor seineni Argwohn zu schützen. Aber die unerwartete Einmischung seines Adjutanten batte ihn so aus der Fassung gebracht, daß er in diesem Augenblick nicht daran dachte, sich um ferne Tochter zu kümmern. , „Was soll das heißen, Herr Leutnant?" brach er als der erste das aus Plothows Worte eingetretene Schwergen. „Was können Sie von dem Aufenthalt dieses Burschen wissen?" „Herr General halten zu Gnaden, fernen gegenwärtigen Aufenthalt kenne ich allerdings nickst. Wohl aber kann ich Auskunft darüber geben, daß er dieses Haus gestern nur auf kurze Zeit betreten hatte, um .mit nur zu sprechen und mich um Beistand zu bitten für ferne „Süßte Er ist wirklich hier gewesen, der Lump? Die beiden Kerle haben also nicht gelogen? Und man hat mir nichts davon gemeldet? Ah, das ist stark! -och erwarte Ihre weiteren Erklärungen, Herr Leutnant von Plothow". „ „Ich erlaube mir zu bemerken, Herr General, daß niemand außer mir eine solche Meldung hätte erstatten können; denn niemand sonst hat den Flüchtling zu Gesicht bekommen. Ich gab ihm meinen Mantel, um rhn unkenntlich- zu machen, und nahm ihn mit mir in meine Wohnung, von wo er sich dann später in einer Verkleidung entfernte". Die beiden Gerichtspersonen tauschten bedeutsame Blicke aus und setzten überaus feierliche Mienen auf. In dem Antlitz des Generals aber spiegelte sich die schmerzlichste Ueberraschstng. „So wußten Sie nicht, Herr Leutnant, daß mein Neffe von der Räcknitz ein Uebelthäter war — mit Leib und Leben dem Gesetz verfallen?" „Ich wußte es, Herr 'Generäl!" „Und haben ihm dennoch fortgeholfen? — Herr, meinten Sie vielleicht, mir damit einen Dienst zu erweisen?" „Nein! Ich that es aus — ans persönlichjer Freundschaft für den Verfolgten. Ich war mir bewußt, eine sträfliche Handlung zu begehen; aber ich bitte gehorsamst, alle weitere Auskunft vor dem Kriegsgericht geben zu dürfen." Die Züge des Generals erstarrten plötzlich zu steinerner Härte. „Der Wunsch kann Ihnen erfüllt werden. — Da Sie Zeugen dieses Geständnisses gewesen sind, meine Herren, müssen Sie auch begreifen, daß es für Sie vorläufig hier nichts weiter zu untersuchen giebt. Mit diesem Offizier haben Sie nichts zu schaffen; denn er untersteht einer anderen Gerichtsbarkeit als der Ihrigen. Ich empfehle mich Ihnen, Messieurs!" Die beiden.flüsterten ein paar, Sekunden lang untereinander. Dann nahm der eine von ihnen bescheident- lich das Wort: „Ich bitte unterthänigst um Vergebung, Herr General, aber wenn Jhro Gnaden den Herrn Leutnant vielleicht veranlassen könnten, uns wenigstens mitzuteilen, in welcher Art von Verkleidung Hochdero Herr Neffe das Weite gesucht haben —" Fragend richteten sich die scharfen Augen des Generals auf Plothow. Der Adjutant zauderte ein wenig, dann aber erÜärte er fest und ruhig: „In der Verkleidung eines preußischen Offiziers. Ich hatte ihm auf seine Bitte eine meiner eigenen Uniformen gegeben". „Ah, dann läßt fich's freilich begreifen, daß er entwischen konnte", meinte der wißbegierige Beamte. „Jhro Gnaden wollen also die Gewogenheit haben, in betreff dieses Herrn Offiziers das weitere zu veranlassen?" „Ja, zum Henker, habe ich es Ihnen nicht bereits gesagt?" brauste Herr von Marschall auf. Und dann, hinter einem barschen Befehlston verbergend, was während dieser Augenblicke in seinem Innern vorgehen mochte, wandte er sich, an den Adjutanten: „Herr Leutnant von Plothow — Ihren Degen!" Schweigend gehorchte der junge Mann; aber in dem Augenblick, da er sich! anschickte, dem General seinen Säbel zu überreichen, warf sich Elisabeth mit einem Aufschrei zwischen ihn und den Vater. „Halten Sie ein! Um Gottes Barmherzigkeit willen, Vater hören Sie mich an!" „Was giebt's?" fragte der General finster. „Was hast Du zu sagen?" Sie hatte das Geständnis ihrer Schuld auf den Lippen; doch Sixtus von Plothow kam ihr zuvor: „Ich danke Ihnen von Herzen, Fräulein von Marschall, daß Sie für Ihren Lehrer um Gnade bitten wollen; aber der König allein vermöchte hier Gnade zu üben. Jedes Wort, das Sie jetzt für mich einlegten, würde mir die Pein dieser Augenblicke nur vermehren, und es liegt sicherlich nicht in Ihrer Absicht, mir Schmerz zu bereiten". Sie konnte den eigentlichen Sinn dieser Worte nicht mißverstehen, und mehr noch als der innig flehende Ton, in dem sie gesprochen waren, erschütterte der Blick, den der unglückliche junge Mann dabei auf sie richtete, ihren soeben noch felsenfesten Entschluß. Laut aufschluchzend verbarg sie das Gesicht in den Händen. „Geh auf Dein Zimmer, Elisabeth!" befahl der General rauh. „Das sind keine Affairen für Frauensleute und Kinder". Sie zauderte noch!, doch da sie die Augen abermals zu Plothows Antlitz erhob, las sie darin eine Bitte, der zu widerstehen sie nicht Kraft genug besaß. Für die Dauer weniger Sekunden nur ruhten die Blicke der beiden jungen Menschenkinder ineinander; aber innerhalb dieser winzigen Zeitspanne sagten sie sich dennoch alles, was ihre Seelen bewegte. Und wie düster immer die Zukunft vor ihnen liegen mochte, jedes von ihnen empfand doch mit schmerzlich^süßem Glücksgesühl, daß diese letzten Minuten ein unzerreißbares Band zwischen ihnen geknüpft hatten, daß sie von nun an untrennbar zusammengehörten für Zeit und Ewigkeit. In dem stummen Lebewohl ihrer Augen war mehr heiße Beredtsamkeit als in tausend glühenden Worten, und auf Sixtus von Plothow's Antlitz wäre ohne Zweifel derselbe eigentümlich freudige Glanz gewesen, auch wenn es für ihn gegolten hätte, von hier aus geradeswegs in den Tod zu gehen. Der General räusperte sich ungeduldig. Er war nicht gewöhnt, einen bestimmt ausgesprochenen Befehl so langsam befolgt zu sehen. Gesenkten Hauptes ging Elisabeth zur Thür. Auf der Schwelle aber raffte sie noch! einmal all ihren Mut zusammen und sagte, zu dem Leutnant gewendet, mit fester Stimme: „Auf Wiedersehen, Herr von von Plothow! Wenn mein Vater nichts für Sie thun kann, muß ich mich freilich wohl an den König um Gnade wenden. Und ist er in Wahrheit weise und großmütig, wie alle Welt von ihm sagt, so kann er eine That der Barmherzigkeit nicht wie ein Verbrechen bestrafen." „Elisabeth !" rief der General mit drohend zusammengezogenen Brauen, doch sie wartete nicht ab, was er ihr noch zu sagen gedachte. Nur zu deutlich fühlte sie, daß ihre Widerstandsfähigkeit erschöpft sei und daß, sie in der nächsten Minute hier vor den Augen! der Männer zusammenbrechen würde, wenn sie nicht den letzten Rest ihrer Kraft aufwandte, um sich zu entfernen. In der That trugen ihre Füße sie kaum noch! bis in ihr Zimmer zurück. Als Sixtus von Plothow als Gefangener das Haus verließ, und einen letzten sehnsüchtigen Blick nach dem wohlbekannten Fenster emporsandte, suchte er umsonst den seinen Umriß des geliebten Kopfes hinter den Scheiben. Elisabeth von Marschall wußte nichts mehr von all den schmerzlichen Dingen, die sich da draußen abspielten, denn sie lag matt und bleich in tiefer Ohnmacht auf den Kissen ihtes Lagers. , Fünftes Kapitel. 1 ' Wohl ohne es selbst zu ahnen, hatte der General von Marschall ern prophetisches Wort gesprochen, da er den beginnenden Feldzug eine Kampagne nannte, wie sie in Preußens Geschichte noch nicht dagewesen. Der Krieg, den König Friedrich gegen das halbe Europa begonnen hatte, war nicht mit einigen „glorreichen Viktorien" abgethan, welch unvergängliche Ruhmesblätter im goldenen Buche des Preußenheeres die Namen Roßbach,, Leuthen, Zorndors auch immer bedeuten mochten. Sieben lange Jahre hindurch! kämpfte der geniale Heerführer mit wechselndem Glücke gegen die Feinde, die ihm immer von neuem auf allen Seiten erstanden, wieder und wieder durchraste die Kriegsfurie mit ihrem ganzen schrecklichen Gefolge von Greueln, Not und Verwüstung sein armes, hart geprüftes Land und wenn ihn auch seine nimmer erlahmende That- kraft, sein staatsmännisches Geschick und eine Reihe günstiger Zufallsfügungen schließlich! als Sieger aus dem aufreibenden Streit hervorgehen ließen, so war es doch, keineswegs die Stimmung eines glückberauschten Triumphators, die ihn angesichts des so teuer erkauften Erfolges überkam. Die feierliche Einholung, die nach dem am 15. Februar 1763 erfolgten Abschluß des Hubertusburger Friedens seine getreue Hauptstadt dem mehr als sechs Jahre hindurch entfernt gewesenen Könige bereiten wollte, hatte er dadurch vereitelt, daß er absichtlich erst zu später Abendstunde in Berlin eintraf, und mit welchen Empfindungen er in dieser Winternacht das Schloß seiner Väter wieder betrat, davon legen die von ihm selber niedergeschriebenen Worte Zeugnis ab: „Ich armer Greis kehre in eine Stadt zurück, wo ich nur die Mauern kenne; wo ich keinen von meinen alten Bekannten wiederfinde, wo eine unermeßliche Arbeit mich erwartet, und wo ich! in kurzem meine alten Gebeine in einem Asyle bergen werde, welches weder durch Krieg, noch durch Unglücksfälle, noch durch die Verworfenheit der Menschen gestört wird". Und unermeßliche Arbeit harrte in der That des Regenten, der sich allezeit nur als „den ersten Dienex des Staates" ansah. Nun, da die politischen Erfolge des Krieges in Sicherheit gebracht waren, galt es vor allem, die Wunden zu heilen, die dieser grausame Krieg geschlagen. Friedrich der Große selbst schildert den damaligen Zustand seines Landes treffend und anschaulich genug, wenn er in seinem Geschichtswerke schreibt: „Man kann sich den preußischen Staat nicht anders vorstellen als in der Gestalt eines Mannes, der, mit Wunden bedeckt, von Blutverlust ermattet, daran ist, unter der Wucht seiner Leiden zu erliegen. Er bedurfte frischer Nahrung, um sich wieder zu beleben, Spannkraft um sich wieder zu stärken, Balsam, um seine Wunden auszuheilen. Der Adel war im Zustande der Erschöpfung, die kleinen Leute zu Grunde gerichtet; eine Menge von Ortschaften war verbrannt, viele Städte zerstört, teils durch Belagerung, teils durch die Brandstifter, deren sich die Feinde bedient hatten. Eine vollständige Anarchie hatte die Ordnung der Polizei und der Verwaltung umgestürzt; die Geldverhältnisse waren zerrüttet, kurz, die Verwüstung war allgemein. Die Armee war in keinem besseren Stande als das übrige Land. Siebzehn Schlachten hatten die Blüte der Offiziere und der Soldaten dahingerasft. Die Regimenter waren verfallen und bestanden zum Teil aus Ueberläufern oder Gefangenen. Die Ordnung war fast verschwunden und die Kriegszucht so arg gelockert, daß unsere alten Jnsanteriekorps nicht besser waren als eine ungeschulte Miliz. Es galt, die Regimenter zu ergänzen, die Ordnung und Disziplin herzustellen, vor allem die jungen Offiziere durch den Spvrn des Ruhmes zu beleben, um dieser herabgekommenen Waffe ihre alte Thatkraft wiederzugeben". (Fortsetzung folgt.) „Die Liese." Novellette von Jean de Moulhdas. Autorisierte Uebersetzung von A. Heim. Nachdruck verboten/ Als ich! „sie", die Liese, zum ersten Mal sah, war ich! ein großer, zu rasch in die Höhe geschjossener Schüler. Ich! war blaß und schwächlich, konnte meinen Körper nicht stramm aufrichten, und wußte nicht, wo ich mit meinen überlangen Armen bleiben sollte. Lernen und wieder lernen und gebückt über den Büchern sitzen in den, dumpfem Klassenräumen oder in der elterlichen Wohnung, daraus bestand mein Leben. Und so kam es denn, daß eines Tages der ermüdete Kopf nichts mehr in sich; aufnehmen wollte, und der Arzt den Eltern dringend anriet, mich eine, Weile aus der Schule zu nehmen und aufs Land, an die See, gleichviel wohin, nur aus der Großstadt fortzuschicken. - M — scheinlich gar keinen Eindruck auf das Tier; da riß icty etUL Haselnußgerte ab und holte unmutig zu einem kräftigen Schlag aus, aber in derselben Minute klang von der andern Seite der Hecke in voller Empörung der Ruf: „Was, die Liese schlagen!" Undeutlich unterschied ich neben dem Pferd einen kleinen zerzausten Kops und eine chwarze Kattunbluse, und schon war mir die Gerte aus der Hand gerissen, beschrieb einen Weg in der Luft und sauste pfeifend aus meine Wange, während dieselbe Stimme erregt hervorstieß: „So! das ist der Schlag, der die Liese treffen sollte!" Mit geballten Fäusten wollte ich vorwärts stürzen . . . denn mich von einem Weib . . . was sage ich! einem kleinen Mädchen schlagen lassen, war doch zu demütigend.... aber ich zerriß mir die Hände an den Dornen der Hecke ... und als ich glücklich hindurch war . . . da war mein Gegner schon weit fort. , c Wie eine Katze hatte sich das Mädchen behende auf das Pferd geschwungen und trabte eilig davon. Ich kühlte mir das Gesicht mit Gras und schließlich ging ich ziemlich verdrossen heim, allerdings mrt dem festen Vorsatz, dem alten Vetter nichts von meinem Abenteuer zu erzählen. Mit einer Geduld, die eines Indianers würdig, legte ich mich nun auf die Lauer, um meine Feindin, denn so nannte ich sie im stillen, abzufangen. . . aber weder sie noch „die Liese" hatte icfy wiedergesehen, als der Vetter mir mitteilte, daß er mich seinen Nachbarn vorstellen wolle. Nach den Regeln der Etikette, die selbst auf dem Lande nicht außer acht gelassen wird, fingen wir unsere Besuche bei der alten „Baronin v. Krickwiel" an. Der Vetter er- zählte mir auf dem Wege nach dort, daß sie außerordentüch geizig und eine böse Frau sei! Daß sie in der ganzen Nachbarschaft gefürchtet und wenig beliebt, doch von allen gleichsam als Oberhaupt betrachtet würde, und sich sehr als „Aristokratin" aufspiele. Die so schmeichelhaft geschilderte „Aristokratin" bewohnte ein halb zerfallenes, altes Schloß: in dem großen Hof, über den wir .mußten, wucherte das Gras lustig zwischen den Steinen, und der Salon, in dem uns die Schloßherrin empfing, war einst gewiß sehr schön gewesen: jetzt hatten die Motten an den alten Gobelins ihre Freude, und alles und jedes zeugte davon, daß nichts zur Erhaltung des Ganzen gethan wurde. Frau von Krickwiel, ein kleines verrunzeltes Frauchen, hatte für mich nur ein kurzes Kopsneigen! undmUterhielt sich sofort mit dem Vetter. Nach einigen Minuten fragte der, wie es „Fräulein Linotte" gehe. „Linotte!" sagte Frau von Krickwiel und hob wie abwehrend die Hände, „Linotte! ich habe keine Ahnung, wo sie ist . . . wahrscheinlich treibt sie sich- wieder mit ihrem dummen Tier herum . . . das Vieh kostet unnötig Geld! . . . Linotte ist wirklich verrückt!" Und wie beim Wolf in der Fabel, wurde in dem Augenblick die Thür aufgerissen, und ein kleines Mädchen trat ins Zimmer. „Ah! da bist Du ja", sagte die Baronin, „Du kommst gerade zu recht! Wir sprachen eben von Dir!" - „Nun, Fräulein Linotte", .wandte sich der Vetter mit sichtlicher Freude an das junge Mädchen, „wie gehts und was macht die gute Liese?" Die nnt „Linotte" Angeredete war im Begriff, die Frage zu beantworten, da erstarb ihr das Wort auf den Lippen, sie hatte mich gesehen nnd. . . erkannt! Mir waren die schwarze Kattunbluse, der wirre Krauskopf und die braunen Augen, die so trotzig blickten, nur zu bekannt! Ich fragte mich angstvoll: Was wird nun passieren? Aber es passierte g'arnichts. Fräulein Linotte wurde dunkelrot, wahrscheinlich so rot wie ich, stand eine Sekunde unschlüssig da und dann . . . machte sie furg' kehrt und war aus dem Zimmer verschwunden. Ich atmete erleichtert auf. Frau von Krickwiel aber meinte höhnisch lachend: „So macht sie es nun immer! . . . Sowie sie ein fremdes Gesicht sieht, ist sie nicht zu halten ... für ihre 15 Jahre wirklich unglaublich !" Dem Vetter Pankras war unsere beiderseitige Be- Ich glaube, daß meine Freude bei dieser Verordnung schon den ersten Anstoß zu meiner Kräftigung gab. Meine Eltern freilich- freuten sich nicht! Für sie kam die Lösung, der schwierigen Frage, wohin mit mir? um dem Rat des Arztes zu folgen. Sie konnten sich gar kein anderes Leben als das der Großstadt im allgemeinen und irrt „Geschäft" im besonderen vorstellen. Das „Geschäft", ein altes „Tuch en gros und en detail", in dem Vater und Mutter zusammen.fleißig für mich, ihren einzigen Sohn, schafften. Ja, was mit mir anfangen, wo mich hinschicken? Diese Frage legte sich die gute Mutter wohl 20 Mal am Tage vor. Endlich kam ihr eine Idee: Wie wär's? Beim Vetter Pankras? Der Vetter Pankras war eigentlich gar kein „richtiger" Vetter, ja, die Eltern hatten sogar Mühe, den Verwandt- schastsgrad festzuhalten. Aber er war ein guter, freundlicher Mann, ein Original freilich/ aber darum doch! ein Ehrenmann. Seine 70 Jahre trug er noch sehr rüstig, und jeden Herbst kam er in seinem altmodischen, dunkelgrünen Tuchrock und mit seinem eisenbeschlagenen Stock nach! Paris, besuchte jedesmal die Eltern, machte allerlei Gänge, von denen er nichts erzählte und nach 8 Tagen verschwand er wieder in seine „Normandie", wie er zu sagen pflegte. Ein Jahr lang hörte und sah man dann nichts mehr von ihm. , t . Obgleich die Mutter Bedenken hatte, mich in das Herrn des alten Junggesellen zu geben, so entschloß sie sich doch-, demselben zu schreiben und ihm die große Bitte, mich! als Gast bei sich- aufzunehmen, vorzutragen. Die Antwort kam umgehend. In lakonischster Kürze stand da nur: „Liebe Freunde! Schickt mir den Jungen, er ist hier gut aufgehoben und kann so lange bleiben wie er will. Herzlichen Gruß von Pankras." Meine Reisevorbereitungen waren bald getroffen, und mit einem Gefühl unendlicher Freude fuhr ich ab, in die Freiheit, ins Unbekannte, in die große, lockende Ferne! Vetter Pankras bewohnte ein altmodisches Haus, dessen Anblick mich gleich entzückte. Es lag auf einer Anhöhe, und man sah über weite Wiesenflächen die Seine ihr Silberband durch das fruchtbare Land schlängeln. Es war zur Frühlingszeit, und die mit Blüten überschütteten Bäume in ihrem leuchtenden Weiß oder zarten Rosa waren entzückend. Noch nie hatte ich, das Kind der Großstadt, derartiges gesehen! Vetter Pankras freute sich über meine Freude und lächelte leise. Er verstand mein Verlangen nach Luft und nach Freiheit. In seiner kurzen und doch- so sreundltchen Art sagte er mir am ersten Tage/ den ich! unter seinem Dach zubrach-te: „Jungchen, Du mußt Dich ordentlich! herumtrerben, auf den Wiesen, gerade wie meine jungen Fohlen es thun. Geh, laufe und thu, was Dn willst, Du bist hier zu Hause." Daß dieser Vorschlag meinen vollen Beifall fand, bedarf wohl keiner Erwähnung, und als ich dem alten Mann danken wollte, da wehrte er ab und meinte: „Ja, ja, ser faul rrud vergiß alt den Ballast, den Du, Dir in den Kopf hinein gepreßt, komm mit, ich, will Dir einen Platz zetgen, wo Du ganz ungestört sein sollst, da kannst Du Dich ins Gras legen und in den blauen Himmel gucken!" Es war ein reizendes Fleckchen, an das der alte Mann mich hinführte. Am Waldrand eine große Wiese, ein murmelnder Bach, und durch eine hohe blühende Hecke war mein Reich gleichsam von der Welt abgeschlossen. Am nächsten Morgen konnte ich es kanm erwarten, von „meinem" Eigentum Besitz zu ergreifen. Doch kaum war ich dort angelangt, als ich! ent Rascheln von Zweigen hörte. Leise, ein bißchen furchtsam, ich! gestehe es, schlich ich! nach der Richtung, wo sich das eigen» tümliche Geräusch noch immer hören ließ, und gleich daran schrie ich zornig ans, denn ein weißes Pferd, von dem man fast nur den Kopf sah, hatte sich durch eine Lücke der Hecke gedrängt und nagte ruhig all die zarten, grünen Trtebe, ja die Blumen und Blätter ab, über die ich mich so gefreut Reifte! Ich versuchte, das Tier fortzuscheuchen, aber das Pferd fraß munter weiter, und meine Gegenwart machte äugen- fangenheit nicht entgangen, und kaum waren wir wieder auf der Landstraße, als ich auch schon ein Kreuzverhör au bestehen hatte: »Hör' mal, Junge, willst Du mir vielleicht sagen, warum Ihr beide, Fräulein Linotte und Du, Euch angesehen habt wie ein paar Hunde, die aufeinander losfahren wollen? ..." Sehr kleinmütig erzählte ich meine erste Begegnung mrt der Liese und ihrer Herrin. Der Vetter lachte, und meinte dann mit halb mit- leidlgem, weichem Ton: „Ja! Wenn Du es Dir auch einfallen läßt, gegen die Liese die Hand zu erheben!" Ich war neugierig geworden, und der Vetter erzählte mir, was in der ganzen Gegend bekannt war: Fräulein Lrnotte von Krickwiel war Waise. Ihre Mutter hatte sie me gekannt, der Vater war als Offizier vor einem Jahr in Afrika geblieben. Das Kind hatte den Vater leiden- fchaftlrch geliebt, und nun war ihm sein Pferd, die Liese, wre ein Vermächtnis erschienen . . . einen wahren Kultus trieb das arme Kind mit dem Tier. Als einzige entfernte Verwandte war die alte Baronin von Krickwiel Wohl gezwungen gewesen, sich der Marse anzunehmen, und hatte auch das Pferd mit in den Kauf nehmen müssen. . . freilich in der Annahme, den vierfüßigen, höchst unwillkommenen Gast bald wieder aus dem Haus zu entfernen. Doch da hatte sich ein heißer Kampf zwischen der alten Frau und dem Kind entsponnen, aus dem das Kind als Siegerin hervorgegangen war: Liese blieb, wo Linotte gezwungen war zu bleiben. Freilich, das Gnadenbrot war dem Tier nur knapp bemessen, viel Hafer kam nicht in seine Krippe; Linotte ließ es srch daher angelegen sein, die Liese auf die Weide zu führen. Die guten Nachbarn drückten gern ein Auge zu wenn sie Linotte mit ihrer Liese ankommen sahen, und namentlich beim Vetter Pankras hatte die Liese stets „Freitisch". So war denn auch, wohl Linottes Empörung von neulich gerechtfertigt. „Und nun, da Du auch d en Zusammenhang kennst, sieh zu, daß Du Dich mit der Liese wieder versöhnst." Ich blieb dem Vetter die Antwort schuldig, aber die Geschichte der armen Waise und ihrer rührenden Anhänglichkeit an das Pferd ging mir nahe. Wieder paßte ich mehrere Tage wie ein Jäger aus das Wild, aber jetzt in anderer Absicht, ohne daß ich die Liese zu Gesicht bekam . . . aber meine Ausdauer sollte schließlich doch belohnt werden, die Liese kam zu ihrem Lieblingsplatz, „meinem Reich", zurück, und behutsam schliche ich näher, während ich aus meinen Taschen Brot und Mohrrüben hervorholte, die ich in der Absicht einer Begegnung mitgenommen hatte. So bewaffnet, trat ich dicht an die Liese heran, und die mußte auch wohl nicht nachtragend sein, denn sie nahm ohne Besinnen meine dargebotene Spende. Mutig geworden, fing ich an, dem Tier Kosenamen zu geben, während Brot und Mohrrüben mit Schnelligkeit zwischen den Zähnen der Liese zermalmt wurde. Da plötz- lich tauchte ein blonder zerzauster Kopf neben uns auf Lrnotte war es, die herbeigeeilt kam, um ihre liebe Liese zu verteidigen. Der unerwartete Anblick ließ ihr ein langgedehntes: „Ach!" entschlüpfen, dann lächelte sie. Welch allerliebstes Lächeln das war! Ich hatte meine Mütze abgenommen und stotterte sehr verlegen: „Fräulein Linotte... es thut mir so leid wenn ich gewußt hätte. . . aber nun weiß ich es . . die Liefe braucht sich nicht vor mir zu fürchten ... ich weiß..." . . . „Sie wissen, daß ich nur die gute Liese auf der ganzen Welt mein nenne", fiel sie mir ins Wort, „und nicht wahr? Sie wollen mich nicht kränken... ich danke Ihnen..." Das zarte, kleine Gesichtchen zuckte wie in verhaltenem Gram über all die Kränkungen, die sie schon der Lrese wegen erduldet, doch dann kam das fteundliche, halb wehmütige Lächeln wieder, und ganz zutraulich plauderte sie: „Ach, wenn Sie nur wüßten, wie klug die Liese ist! Nur mit ihr kann ich von Papa sprechen! Wenn ich seinen Namen nenne, daun wiehert sie . . . Oh! ich würde sterben wenn man der Liese etwas zuleide thäte! . . . Denken Sie doch nur? . . . Wer sollte mich denn lieb haben, wenn ich die Liese nicht mehr hätte? . . ." Dabei hatte sich- das blonde Köpfchen immer tiefer und tiefer auf das weiße Fell des Tieres gebeugt, und nun schluchzte Linotte so, daß der kleine Körper ordentlich bebte. Mir großem Jungen traten bei diesem Kummer auch fast die Thränen in die Augen, aber ich war ja ein Mann, durfte nicht weinen, und so nahm ich denn die kleinen, braunen Händchen zwischen die meinen, ohne recht zu wissen, was ich sprach, sagte ich-: „Ich, Fräulein Linotte, ich will Sie lieb haben, wenn Sie wollen!" Und ich habe Wort gehalten. Ich habe sie geliebt, das holde Wesen, mit der ganzen Kraft meiner Seele, von ganzem Herzen. Das Leben hatte uns zusammengeführt, zur Zeit, da ich im Begriff, die Kinderschuhe auszutreten, und nur der Tod hat uns. . . vorläufig . . . getrennt. Jahr für Jahr verlebte ich meine Ferien beim Vetter Pankras in der Nähe von Linotte, der ich mich »zu eigen gegeben hatte. Aus dem Knaben wurde ein Mann, und der Mann hatte noch manches Hindernis zu überwinden, bevor er an die Hochzeit denken konnte. Die alte Baronin starb schließlich, und der liebe Vetter starb auch, und in seinem alten hübschen Haus konnte ich „mein Weib" an den eigenen Herd führen. Daß die Liese es bei uns gut hatte, bedarf wohl keiner Erwähnung. . . sie gehörte ja zu unserem Glück! Als sie starb, war es gerade, als wenn ein Stückchen von unserer Jugend zu Grabe getragen würde. HrrmsVistifches. Boshaft. Schauspieler (von seinem Debüt erzählend): „Erst war das Publikum allerdings teilnahmlos, aber schon im zweiten Akt wurde es wärmer, und im dritten ..." — Freund (ihn nun unterbrechend): „Richtig, da kochte es schon, denn ich hörte es überall zischen!" Kinder Herz. Johanny (schluchzend): „Du sagst rmmer, es thut Dir so weh, wenn Du nM hauen mußt. Ist das auch wahr, Mama?" — Mama: „Ja, mein Sohn, viel weher wie Dir." — Johanny (seine Thränen trocknend): „Ich bin so froh!" Grundlose Furcht. Bobby: „Mama, Du hast doch gesagt, wenn ich den Kuchen äße, den Du ins Buffet stelltest, würde ich krank werden?" — Mama: „Ja, das würdest Du auch." — Bobby: „Aber Mama, ich bin doch nicht krank geworden." Der kriegerische Großpapa: „Ja, Kinder, als mrch der Feind erblickte, fing er an zu laufen--— Die kleine Jenny: „Und hat er Dich erwischt, Großpapa?" Silbenrätsel. Nachdruck verboten. a, 6er, baut, e, et, gen, hir, i, fa, le, li, na, na, ne, oc, Pan, pau, r, re, ro, s, sch, st, st, ter, th, wet, wu. Aus vorstehenden Silben und Buchstaben sollen acht Wörter qe- bildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangsbuchstaben, von oben nach unten, und die Endbuchstaben, von unten nach oben gelesen, den Namen eines beliebten Vogels ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter Folgendes: 1. Edles Wild. 2. Eine Waffe. 3. Des einen Leid, des andern Freud. 4. Aegyptische Stadt. 5. Fleischspeise. 6. Wohlschmeckende Frucht. 7. Katzenartiges Raubtier. . 8. Weiblichen Vornamen. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Rösselsprungs in voriger Nummer: Sanfter könnte wohl das Schicksal sein! Aber Dank auch seinen rauhen Griffen! Hell und herrlich glänzt der Edelstein Erst, wenn ihn des Meisters Hand geschliffen. Frida Schanz, »ebrftien: @. Burkhardt. — Truck und Berlag der vrühl'schen UmverßtitS.Buch. und Kteindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.