(Nachdruck verboten.) Die Irre von Sankt Rochus. Kriminalroman von Gustav Höcker. (Fortsetzung.) Weiberthränen waren auf Allram ohne jede Wirkung, wenn er Grund hatte, ihnen zu mißtrauen. Hielt er sie aber für aufrichtig, entstammten sie einer Ursache, die er klar vor sich sah und die sein Mitgefühl erweckte, so verfehlten sie selten ihren Eindruck. Die Dame mit dem schlauen Zuge war ihm nicht gerade sympathisch; aber den Schuft zu fassen, der sie in so schändlicher Weise betrogen und sich mit raffinierter Berechnung auch! noch eines Pfandes versichert hatte, um sie noch mehr aussaugen zu können, würde ihm Vergnügen bereitet haben. „Augenblicklich habe ich eine unaufschiebbare Reis» vor", erklärte er nach einigem Besinnen; „ob ich in acht Tagen, ob ich später oder früher zurückkehre, kann ich nicht sagen. Wenn es Ihnen auf ein paar Fehlgänge zn mir nicht ankommt, gnädige Frau, und wenn es dann nicht zu spät ist, so werde ich sehen, was ich in der Sache thun kann." Befriedigt über diese Zusicherung, verabschiedete sich die Dame. Während sie die Treppe hinabging, hörte sie den Detektiv langsam hinter sich Herkommen. Auf der Straße blieb sie vor einem Schaufenster stehen, anscheinend die Auslage betrachtend, in Wirklichf- keit aber mit halbabgewandtem Gesicht den Detektiv im Strome der Menschen verfolgend, von dem er in seiner Hellen Kleidung noch lange zu unterscheiden war. In dem Blicke, womit sie ihm nachsah, drückte sich Besorgnis und Furcht aus. Als Allram verschwunden war, bestieg sie eme Droschke und ließ sich nach einem der Bahnhöfe fahren. Dort betrat sie die große Halle, wo sich die Billetschalter und bte Gepäckexpedition befanden. Hier gab es viel Gedränge, denn es war gerade um eine Stunde, wo mehrere Züge nach verschiedenen Richtungen abgehen sollten, und unaufhörlich tönte das Dröhnen der Stempel, welche sich auf die Fahrbillets drückten, das Klimpern des eilig aufgezahlten Geldes Md das Rasseln der mit Koffern und Körben lldlllifl JÖUli iMMMF W -• N, ins erfasse, eins erwähle Halt im Sturm cs treu und still: Arm nur ist, wer ganzer Seele Richt ein Lebenshöchstes will. Julius Lohmeyer. beladenen Karren, welche unter dem beständig wiederholten Rufe „Vorsicht!" in ungestümer Hast auf den Perron hinausgeschoben wurden. lieber jedem Schalter war in großen Buchstaben die Bahnlinie, für welche die Fahrscheine hier zu lösen waren, mit ihren Hauptorten angegeben. „Hält dieser Zug in Wörb?" frug die Dame, als es ihr, dank ihrer Energie und ihren Ellenbogen, gelungen war, sich an einen der Billetschalter heranzudrängen. „Nein, es ist ein Schnellzug", antwortete der Beamte. „Erst der nächste Zug hält in Wörb." „Wann geht der nächste ab?" „In einer Stunde." Die Stunde, die sie warten mußte, schien ihr zu einer Ewigkeit zu werden. Sie fand nirgends Ruhe, sondern wandelte in der Promenadenanlage vor dem Bahnhofe rastlos auf und ab, beständig ihre goldene Uhr ziehend. Endlich saß ifte in einem Kupee zweiter Klasse und wurde in brausender Fahrt ihrem Ziele entgegen getragen. Sie hatte kein Auge für die Felder, Wälder, Berge und Ortschaften, die an ihr vorüberflogen, und nur karge, zerstreute Antworten für die redselige Mitreisende, die gern ein Gespräch mit ihr angeknüpft hätte, dieses Bemühen aber als hoffnungslos endlich aufgab. Nach mehrstündiger Reise stieg unsere Dame in Wörb aus, einem kleinen Städtchen. Sie durcheilte die toten Gassen und erreichte bald einen Feldweg, der nach halbstündiger Wanderung an das Ufer eines breiten, kräftig dahin rauschenden Stromes führte. Dort lag ein Fährboot, in welchem bereits eine Anzahl Personen Platz genommen hatten, zumeist Marktweiber aus den Dörfern, welche weiter landeinwärts auf der anderen Flußseite lagen. Die Dame stieg ebenfalls in das Boot und der Fährmann steuerte dasselbe mittelst eines Segels dem jenseitigen Ufer zu, wo ein kleines Fährhaus stand, während weiterhin ein größeres Gebäude lag, an dessen dem Flusse zugekehrter Schmalseite ein mächtiges Rad von den Wellen in Bewegung gesetzt wurde. Das ununterbrochene Kreischen einer Säge;und die vor der Hauptfront des Hauses umherliegenden Baumstämme ließen erkennen, daß es eine Schneidemühle war. In entgegengesetzter Richtung, stromaufwärts, sah man die eiserne Eisenbahnbrücke, über welche die Bahnlinie, auf der die Reisende gekommen war, weiterführte. Blickte man zurück nach dem Ufer, von welchem das Boot abgestoßen war, so hatte man die Aussicht auf einen großen, von Linden überschatteten Garten, der vom Flusse durch einen hohen Lattenzaun abgegrenzt war, so daß nur ein schmaler Fußweg am Ufer hinführte. Der Garten, aus welchem ein weißgetünchtes Häuschen hervorschimmerte, war auf beiden Seiten von hohen Mauern umschlossen und gehörte zu einem dahinter liegenden, bom 362 Flusse aus nicht sichtbaren Gute, der „Lindenhof" genannt. „Nun, Jungmagd", wandte sich einer der Fahrgäste, seiner Kleidung nach ein Förster, an seine Nachbarin, eine oralle Bauerndirne, „wie stehts denn mit Eurem Pächter?" Er wies mit seiner kurzen Pfeife nach der Richtung des Lindenhofes. „Hat er sich das Zigarrenrauchen wieder abgewöhnt? Ißt er nun wieder für einen, statt für zwei? Heh?" Es lag etwas verschmitztes in der Art, wie die Frage gestellt wurde, und verschmitzt klang auch die Antwort der Jungmagd: „Rauchen thut er nicht mehr, aber essen thut er immer noch für zwei." Das Boot, in welchem die Gesellschaft ziemlich zusammengedrängt saß, war nicht groß, die Luft war still und das Geräusch der Sägemühle fern genug, sodaß alte die laut geführte Unterhaltung hatten hören können. Einige der Marktweiber waren neugierig geworden und wollten wissen, was das mit dem Pächter wäre. Wie nun die Jungmagd, die auf dem Lindenhof diente, mit geheimnisvoller Miene erzählte, hielt sich dort seit einiger Zeit ein unsichtbarer Gast auf. Niemand bekam ihn zu sehen, aber die Köchin merkte es am Kochen, denn es wurde für drei Personen gekocht, obwohl die Pächtersfamilie nur aus Mann und Frau bestand, und im Wohnzimmer wie auch auf dem Gange duftete es nach Zigarrenrauch, obwohl der Pächter niemals rauchte. Ein gewisses Zimmer wurde stets verschlossen gehalten, war aber feit kurzem wieder geöffnet worden, auch von Zigarrenduft ließ sich nichts mehr verspüren, dagegen wurde immer noch für drei gekocht. Einer der Knechte hatte an einem der letzten Abende, jUls es finster geworden, ein Schwimmbad im Flusse genommen, zu welchem man durch ein großes Loch in dem Lattenzaun leicht gelangen konnte. Als er zurückkehrte und sich durch den Garten schlich, dessen Betreten dem Hofgesinde verboten war, bemerkte er die Pächterin. Sie klopfte an die Thür des Gartenhauses, und als diese sich von innen öffnete, verschwand sie darin. In der Hand hatte die Pächterin einen Korb getragen, welcher wahrscheinlich Eßwaren für den geheimnisvollen Gast enthielt. So erzählte die Jungmagd, und die ganze Gesellschaft hatte ihr mit vorgestreckten Köpfen neugierig gelauscht, niemand aber wohl mit größerer Aufmerksamkeit als die reisende Dame. Während sie sehr nachdenkend geworden war und der Ausdruck des Berechnenden in ihren hellbraunen Augen mehr noch als sonst hervortrat, ließ der Forstmann allerlei spaßhafte Vermutungen laut werden, wer der Unsichtbare sein könne. Vielleicht sei es der ewige Jude, der hier die Sommerferien verbringe, meinte er, oder der Kaiser Rotbart, dem im Kyfshäuser die Zeit lang geworden sei. „Wenn's Ahasver ist, so hat er sich! auf seinen Wanderungen den einen Fuß abgelaufen, und wenn's Barbarossa ist, so muß ihm der Bart nicht durch den Tisch, sondern auch durch die Zähne gewachsen sein; denn er hat einen Sprachfehler", tönte eine Stinime. Es war der Fährmann, tu er dies lachend sagte. Die Dame hatte ihn bisher nicht beachtet. Beim Klange dieser Stimme erst blickte sie nach ihm und betrachtete ihn mit gespannter Aufmerksamkeit. Da die Blicke der übrigen ebenfalls auf den Fährmann gerichtet waren, so bemerkte niemand die Bestürzung, welche sich plötzlich in den Mienen der vornehm ge^- kletdeten Mitpassagierin zeigte. Sie zog hastig ihren braunen Schleier von Seiden-Gaze über das Gesicht und setzte sich so, daß sie dem! Fährmann den Rücken wandte. „Einen Fuß abgelaufen? Einen Sprachfehler? Wieso?" frug der Förster, und die Marktweiber samt der Jungmagd sahen erst den Förster und dann den Fährmann an. „Goddamn, ja! er hat einen Sprachfehler, er kann das S nicht iaussprechen", machte sich der Fährmann lustig, „Und dabei hinkt er wie Mephistopheles, wenn die Herrschaften wissen, wer das ist. Entweder ist eines seiner Beine zu kurz oder es ist zu lang. Das ist eine Preisfrage, welche die medizinische Fakultät erst nioch lösen muß." Die Insassen des Bootes waren bereits daran gewöhnt, den Fährmann in Ausdrücken reden zu hören, die sonst nur Gebildeten geläufig sind, und wunderten sich! darüber ebenso wenig wie über sein englisches Fluchwort. Daß dieser Mann, der in schäbiger Kleidung einen so untergeordneten Dienst versah, nur mit „gelehrten Brocken" um sich warf, welche er irgendwo ausgelesen hatte, ohne sie selbst zu verstehen, das glaubten alle im Boote — nur die Dame glaubte es nicht: sie wußte es besser. „Habt Ihr denn den Mann gesehen?" frug der Förster, und wieder blickten die Weiber den Frager und dann den Fährmann an, wobei sie den Mund öffneten, als hielten sie sich bereit, die Antwort zu verschlingen. „Goddamn! Gesehen und gesprochen", erwiderte der Fährmann. „Letzthin setzte ich abends, so zwischen zehn und elf Uhr, den Doktor aus Wörth über, der spät von einem Krankenbesuche kam. Als ich wieder herüberfahren wollte, hörte ich einen Pfiff. Er kam ans dem Lindengarten und konnte nur mir gelten. Ich steuerte mein Boot auf die Stelle zu, und da stand ein Mann hinter dem Zaune. „Sie da, guter Freund!" redete er mich an, „würden Sie mir wohl einen Gefallen erweisen? Es soll ihr Schaden nicht sein." — Warum nicht, sagte ich. — „Seien Sie doch so gut, und besorgen Sie mir in der Stadt ein Kistchen Zigarren, kräftige Marke. Das Stück darf dreißig bis vierzig Pfennige kosten." — Er mußte es mir zweimal sagen, ehe ich verstand, was er mit „Ftadt, Kistchen und Ftück" meinte. Er gab mir Geld, sagte, daß er mich am nächsten Abend um dieselbe Zeit wieder hier erwarten wollte, und ich versprach, seinen Auftrag zu besorgen. Am anderen Abend war er richtig da, ich reichte ihm das Kistchen durch das Loch im Zaune und erhielt — Goddamn! — einen blanken Thaler Trinkgeld. Als er mit seinem Kistchen fortging, sah ich, d aß er hinkte. Seitdem bin ich spät abends wieder einigemale h'nübergefahren, habe durch den Zaun geschaut und ihn wie einen Nachtwandler im Garten spazieren gehen sehen, die brennende Zigarre im Munde." „Na, wenn das der Pächter wüßte oder seine Frau!" lachte die Jungmagd. „Die würden Augen machen!" stimmte der Förster bei. „Wagen sich wahrscheinlich nicht einmal selbst in die Stadt, wagen auch niemanden zu schicken, damit 's nicht herauskommt, daß sich ein verwöhnter Raucher — das Stück nicht unter dreißig Pfennige! — auf dem Lindenhofe aufhält, und jenes Mondkalb, das so schön im Gartenhause versteckt wird, verrät sich selber, weil es sein feines Kraut nicht entbehren kann, und läßt sich mit dem Fährmann ein, der die Geschichte an die große Glocke hängt. Na, was geht's am Ende unsereinen an!" Das Boot stieß ans Ufer, und die Insassen bezahlten beim Aussteigen ihr Ueberfahrtsgeld. Die Dame hatte keine kleine Münze im Portemonnaie: Sie drückte dem Fährmann flüchtig ein Markstück in die Hand, ohne sich darauf herausgeben zu lassen, denn es lag ihr alles daran, so rasch wie möglich von ihm sortzu- kommen. Trotzdem sie vermieden hatte, ihm das Gesicht zuzuwenden, als sie ihm das Geld gab, entging ihr doch nicht der starke Branntweinduft, der von dem Manne ausströmte. Während die übrigen dem breiten Wege folgten, welcher geradeaus nach den nächsten Dörfern führte, schlug sie den am Stromufer sich hinziehenden Fußpfad nach der Sägemühle ein. Ihr Gang war hastig, ihre Lippen preßten sich fest aufeinander, als ob sie einen inneren Aerger verbeiße. Als sie die Mühle erreichte, trat ihr aus dem Sägewerk, zu welchem ein großes, jetzt offenes Thor führte, ein Arbeiter, ein alter Mann, entgegen. „Wo ist der Sägemüller?" redete sie ihn an. „Er wird wohl oben in seiner Wohnung sein", war die Antwort. Schon im Begriff, sich abzuwenden, drehte sie sich noch einmal um und frug: „Seit wann hat denn der Sägemüller den neuen Fährmann angestellt?" „Mag wohl so um' vierzehn Tage herum sein", entgegnete der Alte. Die Dame schritt der anderen Seite des Hauses zu und verschwand unter einem hölzernen, schräg aufsteigenden Vorbau, in welchem eine Treppe nach! der Wohnung des Mühlenbesitzers hinaufführte. (Fortsetzung folgt.) 363 Von Tschifu bis Tienffln. Reiseerinnerung von Marinepfarrer a. D. P. G. Heims. Nachdruck verboten. Nachdem die Spannung auf das große Drama im Burenlande angefangen hat einer betrübenden Gewißheit Raum zu geben, fängt ein neues Drama an, die Blicke der Welt auf sich zu ziehen. In Ostasien bereiten sich Dinge von unabsehbarer Bedeutung vor, und unter den Namen, die jetzt genannt werden, als fasche von Städten, die den Angriffen der chinesischen Fanatiker ausgesetzt sind, werden z. Z. besonders Tschifu und Tientsin genannt. Als es noch kein Kiautschou gab, mit der Aussicht auf erneu großartigen Badestrand dort auf eigenem deutschen Gebiet als Sommerfrische, gab es doch in Nordchina ein Tschifu als hochangesehenen Bade- und Erholungsort für die an der ostasiatischen Küste wohnenden Europäer. Auch wir gingen dort zu Anker. Aber allerdings nicht um zu baden, sondern im Dienst des Kaisers und au Bord Sr. Fregatte „Elisabeth". Von Tschifu — ich sehe gar nicht ein, weshalb man es den Engländern zu liebe „Cheefoo" schreiben soll — sahen wir zunächst allerdings nicht viel; oder eigentlich gar nichts; denn der Ankerplatz der Kriegsschiffe ist bei den Kung-kung-Tau-Jnseln, die sich in anderthalb deutsche Meilen Entfernung von der Stadt aus dem Gelben Meer erheben, so die Rhede von Tschifu in ziemlich eng geschlossener Linie gegen die See abschließend und einen vorzüglichen Ankerplatz bietend. Es sind öde, abgebrochene und recht heruntergekommen aussehende Felsen, auf deren größten, der sich sogar Mühe gießt, einigen Graswuchs aufzuweisen, ein weiß und rot angestrichener Leuchtturm sich erhebt. Auf der Rhede selbst könnten ohne Beschwer sämtliche Kriegsflotten der Welt liegen. Alles, was von Tschifu von Bord aus zu sehen war, beschränkte sich aus den undeutlichen Schimmer einiger Heller Gebäude und einer weißen Mauer, wehche den Gipfel des „Bluff" umgab. Das Gebirge des Ufers sah wieder ganz so abgeholzt, kahl und langweilig aus, wie man es von einer chinesischen Küstenstrecke nur erwarten kann. Bloß zur Abendzeit, bei untepgehender Sonne, konnten auch diese öden Gesteinmassen, in Glut und Gold und Purpur getaucht, bezaubernd schönen Schimmer um sich legen. Die Dampfpinaß, die uns den weiten Weg von Bord bis an Land gebraucht hat, stoppt und hört auf zu rasseln und zu fauchen, nachdem wir jenen „Bluff", einen mächtigen, tief durchfurchten, braunen Felsblock, umfahren und im eigentlichen Binnenhafen an die Landungstreppe gelegt haben. Es ist Ebbe. Aber von dem schlammigen Grund ist so gut wie nichts zu sehen. So dicht ist er buchstäblich bedeckt mit fluchen, floßähnlichen Lastböten in dichtgedrängter Reihe. Die meisten lagen ganz verlassen da. In einigen aber regte sich ein recht faules, nacktes, unreinliches Leben gähnender oder behaglich stöhnender Kulis, auf der anderen Seite des Raumes patschen nackte braune Jungens im warmen, gährenden Schlanim umher und prügelten sich um einen armseligen Taschenkrebs; weiter hinaus wurden neue Kähne bei langsameren Feuer angeschwelt, um die edlen Fahrzeuge in Ermangelung von Farbe gegen das Wasser zu stärken. Draußen im tieferen Wasser fuhren Flöße aus einfuchstem Balkenbau umher, gelenkt von kräftigen Kerlen in der denkbar einfachsten Tracht der Erde, durchaus waschecht und wasserdicht. Dicht aufgeschlossen lag dort auch! noch! eine andere Art von Fahrzeugen, die jetzt wohl ganz verschwunden sein werden: nationale kaiserliche chinesische Kriegsdschunken mit hohem, eckigem, breitem Bug, mit zwei, weit nach! vorn und achtern hinausgerückten Masten. Auffällig an den an sich ganz unbrauchbaren Schiffen ist die im Verhältnis zur Größe überstarke Bestückung von bis zu acht alten Vorderladergeschützen von ganz gehörigem Kaliber. Stattlicher stellten sich einige moderne und sehr sauber gehaltene weißgemalte Panzerkanonenboote dar, von denen die chinesische Kriegsflagge, der gelbe dreieckige Wimpel mit dem blauen Drachen flattert. Unten am Seestrande und vor dem Hotel entwickelte sich, besonders zur Zeit des oft zauberhaft schönen Sonnenunterganges, ein farbenbuntes, ganz abendländisch-elegantes Bild von ruhenden und lustwandelnden Badegästen, unter denen besonders die Damen in Toiletten erschienen, die überall sich! hätten sehen lassen können, und da wurde nun im Abendsonnengold geplaudert, geflirtet, beobachtet, gescherzt, und es dachte damals wahrlich keiner daran, daß das einmal anders und weniger harmlos und kurzweilig werden könnte so wie jetzt in unseren Tagen der angreifenden „Boxers", denen natürlich wieder ein englischer Name, statt der Partei „vom großen Messer" hat angehängt werden müssen. Außer seinem schönen Strande, seiner guten Luft und seinem Salzwasser hat Tschifu noch eins, durch das es angenehm auffällt, besonders dem Seefahrer, der es lange hat entbehren müssen: das prächtige Obst, das in Gestalt von Aepfeln, Pfirsichen, Pflaumen und herrlichen Trauben sich darbietet in unerschöpflicher Fülle. In den Gärten der Europäer finden wir all' unsere lieben Bekannten und stummen Freunde: da blüht die bunte Aster, die leuchtende Petunie, der glutrote Geranienstrauch und die duftende Reseda. Und wie köstlich sind die Veranden der Wohnhäuser der Europäer mit Schling-Gewächsen verhangen und mit Pflanzen, die in Töpfen und Kübeln blühen, geschprückt. Ueberall Farbe, milde Luft und freudiges Leben: wenigstens äußerliche, und so lange der Herbst währt. Wenn die Winterstürme nahen, flieht alles, was nicht bleiben muß, zurück in die Küstenstädte, und es wird still und öde am Strande. Einen seltsamen Gegensatz zu dem oft recht anspruchsvoll auftreteuden Wesen der fremden Gäste bietet das Sein der eingeborenen Kulis. Wovon und wie sie leben, bei schwerster Arbeit: man versteht es eben nicht! So fällt es den kaffeebraun gebrannten, kaum bekleideten, vom heißesten Sonnenbrand durchglühten Gesellen, welche als Kohlenarbeiter ihre schweren Lasten schleppen, auf der Rhede von Knng-kung-Tau, ja gar nicht ein, eine Mittagspause zu machen: es wird stramm geschafft, bis der letzte Tragkorb voll Kohlen an Bord ist, und dann erst hocken sie nieder im breiten Krahn, um ihr jammervolles Mahl von Reis und Knoblauch einzunehmen. Wie fürchterlich die Armut ist, zeigten uns die kleinen, wirklich! Nußschalen vergleichbaren Kähne, in denen nackte oder mit Lumpen bekleidete Kinder den weiten Weg bis zum Geschwader hinaus ruderten, um kleinen aber gierigen Seeräubern gleich Unter fortwährendem Ausschöpfen der lecken Bote alles, was über Bord geworfen wurde, aufzufischen. Gelegentlich entwickelte sich so um einen ausgeschnittenen Kohlstrunk ein leidenschaftliches Wettrudern, und der Sieger legte den armseligen Gewinnst sorglich zum Abtropfen zurecht. — Die greuliche Chinesenstadt an sich zählt wohl 30 000 Einwohner — und alle Städte der Chinesen sind greulich, schmutzig, stinkend, widerwärtig, soweit der Kuli in ihnen haust; am scheußlichsten aber stellen sich die Bettler an den Ecken des „Settlement" dar, der europäischen Niederlassung, die, um Mitleid zu erregen, die grauenhaftesten Schäden aufdecken oder die gräßlichsten Verstümmelungen darbieten. Dagegen machen die Chinesen der besseren Stände wohlgenährt und anständig gekleidet, einen förmlich- erquickenden Eindruck. Körperlich ist der Chinese des Nordens dem viel angenehmeren Japaner entschieden überlegen; er ist größer, kräftiger, auch! als der Süd- Chinese, sein eigenes Schönheitsideal besteht neben der Größe über auch in der Dicke: je fetter, desto mannhafter und edler! Und der Zopf, der hängt ihm hinten. Es ist aber auch hier nicht alles echt! Die meisten flechten Seide und ähnliches hinein, um die nötige Länge und Dicke herauszubringen. Bei der Arbeit wird er der Bequemlich!-- keit halber um den Kopf gewickelt; und es gilt als grober Mangel an Achtung, wenn er beim Hinzutreten Höherstehender nicht augenblicklich gelöst wird. Greulich aber sind auch die chinesischen Frauenfüße. Auf diesen vier Zoll langen, ganz spitz zulausenden, unförmlich steifen Klumpen, zu dem schon die Füßchen der Neugeborenen gewickelt werden, wackeln diejenigen Weiber, die daraus halten, aus „besserer Familie" zu sein, zum Erbarmen plump und jämmerlich einher, unter ihnen nicht wenige Kindermädchen der Europäer. Die Jahrestemperatur ist im ganzen mild. An der Küste von Tschifu pflegt des Thermometer unter 10 Grad Celsius nicht zu sinken. Bei den Europäern gehören aber eiserne Oefen darum doch noch mit zum Hausrat. Drollig ist die Art der Chinesen, zu heizen. Unter ihrem Bettgestell ist ein kleiner Backofen aus Lehm angebracht; der Bauch dieses Ofens wird mit Kohlen gefüllt, und die Heizung Ist erledigt. Aber auch jeden Maishalm und Strohhalm, ja jeden Grashalm sammelt der Chinese und hebt ihn zur Winterfeuerung auf. — Aber Tschifu mit der ragenden Signalstation auf dem „Bluff" vermochte uns nicht zu halten, ebensowenig die Kung-Kung-Tau-Jnseln, die an dem Morgen, an dem wir an ihnen vorbeidampften, so still dalagen, als wären sie immtzr nur von Skorpionen besiedelt gewesen, deren es dort Unmassen geben soll, und denen man ngchsagt, daß sie, von einem Ring feuriger Kohlen umgeben, und sobald ihnen die Unmöglichkeit des Entkommens klar geworden, mit wütend-heroischem Schwanzschlag sich selbst den todbringenden Stachel in den Kopf bohren, um von eigenem Gifte einzugehen. — Am zweiten Mittag nach guter Fahrt lagen wir schon vor der Mündung des Peiho zu Anker, um angesichts der zur Zeit des englisch-französischMnesischen Krieges von 1859 so viel genannten, damals trotz aller Kettensperren bald genommenen Forts von Taku, die jetzt freilich andere, kriegsmäßigere Gestalt und andere Bewaffnung von Kruppschen Kanonen bekommen haben, den höchsten Wasserstand abzuwarten, welcher uns das Einlaufen in den Fluß über die bei Ebbezeit ihn sperrende Barre ermöglichen sollte. Taku ist der Vorhafen von Peking. • Jetzt gab der an Bord genommene Lotse das Zeichen zur Weiterfahrt, und die Barre wurde in Gemeinschaft mit anderen Schiffen glücklich bei Hochwasser genommen. Die Fahrt nach Tientsin, den stark gewundenen Peiho hinauf, begann, zunächst noch immer unter den Kanonen der machtvoll schauenden chinesischen Festungswälle, welche die Ufer noch eine ziemliche Strecke lang in Schutz nehmen. Dem Bombendonner einer europäischen Flotte dürften sie doch aber nicht lange stand halten. Ländlicher und immer ländlicher wurde das Gelände. Der Fluß macht die unglaublichsten Windungen, sodaß man sich der Stadt Tientsin eigentlich in einer andauernden Spirale nähert. Und ringsum „glattes Land", vergleiche bar dem reizlosesten Lande der flachen norddeutschen Tiefebene. Dazu schmutzige Dörfer, verfallende Hütten und Häuser; spärliches Weidengebüsch um die Dörfer herum; auf den Feldern Hirse, und auf den Dächern goldgelbe Maiskolben zur Nachreife ausgebreitet, auf dem Acker ein Pflug, mit einem Pferdchen und einem Esel bespannt; ein unter düstrem Taktgesang stromaufwärts geschlepptes Schiff; Rohrpflanzungen mit raschelndem Schilf am Ufer — so geht's stundenlang in eintöniger Fahrt; nun senken sich schnell die Schatten der Nacht über die Ebene und den Fluß: noch eine jener Windungen, bei denen schon manches Schiff sich festgelaufen hat, und vor uns liegt in buntem Lichterglanz Tientsin, und wir machen fest am Kai einer gewerbereichen, in diesem Teil ganz europäischen Eindruck machenden bedeutenden Stadt, von der 1870 die Rede gewesen bei dem gräßlichen „Massacre von Tientsin", und von der jetzt wieder genug geredet wird; — denn von hiev aus marschieren die gesammelten Heerhaufen der fremden Mächte gegen die Hauptstadt Peking, sei es mit der Bahn, sei es zu Fuß und zu Roß. Davon später. OsnHEinn LUzigers» Ziergarten und Mmnenpflege. 1000 0 Mark für eine Rose, aber — es muß eine blaue sein, so schreibt der „Erfurter Führer", eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift für den Gartenfreund. Es versteht sich von selbst, daß diese blaue Rose nicht blau gefärbt oder künstlich präpariert ist, sondern auf einem Mutterstamm gewachsen ist, dessen Reiser sich zur blauen Fortpflanzung treu erweisen. Zwischen Blau und Blau ist allerdings ein Unterschied. Es ist nicht das Blaurot gemeint, wie es die Königin Marie Henriette zu unserem Aerger so schnell bei großer Wärme zeigt, auch nickst ein Schwarzblau, sondern das Blau, wie es im Auge des blondlockigen Mädchens erscheint, das Blau, wie es der italienische Himmel ausstrahlt und wie es das Meer wieder- giebt, das Blau, das uns in der Kornblume entgegenlacht. Es ist merkwürdig um das menschliche Wünschen, Wollen und Hoffen. Gäbe es blaue Rosen allein, vielleicht böte jemand! die gleiche Summe für eine rote oder weiße Rose. Es ist aber Ernst um die Sache. Der „Erfurter Führer im Gartenbau" verbürgt sich dafür, daß diese Summe bezahlt wird, wenn es gelingen sollte, die blaue Rose zu ziehen, und wenn ihm der alleinige Mutterstamm als Eigentum zugeführt wird. „Wie schön blühen doch unsere Rosen wieder!"wird jetzt in der Rosenzeit mancher Gartenbesitzer erfreut ausrufen. Hier stehen die alten Lieblingssorten wie La France, Marechal Niel, Kaiserin Auguste Victoria u. a. in schönstem Blumenschmuck, dort leuchten lebhafte Buschrosen aus dem Grün hervor, die Gartenlaube haben die Rankrosen in ein weißes Blütenkleid gehüllt, und selbst die wenig beachteten Wildrosen, die zwischen Epheu und hellgrünem Farnkraut über Steine und Felsen ranken, öffnen ihre einfachen Blüten, überall Rosen: Die Königin unter den Bluinen hat wieder ihren Siegeszug durchs die Gärten angetreten. Auch der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau bringt dem bevorzugten Liebling seine Huldigung dar: Er widmet ihr seine neueste Nummer. In Wort und Bild werden einige der bewährtesten Reinheiten der letzten Jahre vorgeführt, alte, unverdient in Vergessenheit geratene Sorten werden hervorgehoben. Der Schnitt und die Grünveredelung finden eine eingehende Besprechung, die besonders durch die zahlreichen Abbildungen an Wert gewinnt. Wer sich die Rosennummer beim Geschäftsamte in Frankfburt a. O. bestellt — jeder erhält sie umsonst und postfrei — wird sie sicher nicht unbefriedigt aus der Hand legen. ____________ Bilderrätsel. (Nachbildung verboten). Auflösung in nächster Nummer. ✓272, W Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Wer befehlen will, muß gehorchen lernen. Preisrätsel.*) Kreuzrätsel. Nachdruck verboten. In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a, ä ä ä, e e e e c e, f f f s, h h, l l, ui m, n n, o o, p p, s s s s s s, t t t t, u u u u n u derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes ergeben: 1. Ein Küchcngewürz. 2. Name mehrerer ägyptischer Könige. 3. Schädliche Tiere. *) Von 1900 ab bringen wir in angemessenen Zwischenräumen in den Familienblättcrn Preisrätsel, an deren Lösung recht eifrig sich zu beteiligen, wir unsere geschätzten Leser bitten. Die Lösungsfrist läuft stets acht Tage nach Ausgabe der betr. Nr. ab. Unter den an die Redaktion der,,Familienblätter" einzusendenden richtigen Lösungen wird eine ausgelost, deren Einsender mit einem Preise — nützliches Buch oder dergleichen — bedacht wird. «lebaknon: ©. Burkhardt. — Druck und »erlag der Brühl'schen Univerfität«»Buch> unb Steinbrudtrei (Pietsch Erben) in Eieim.