1900. V W^üMUNMl'k i .■ Sg# s sei dein Herz dein Prunkgemach, DaS kehre aus wohl jeden Tag, Das halte sauber, halte fein Von jedem Staub der Sünde rein. > F. Stolle. Nachdruck verboten. Das Pflegekind. Roman von Elsbeth Meyer-Förster. (Fortsetzung.) Schon am nächsten Morgen trat Paul seine Rolle als Ladenbesitzer an. Still und heimlich, aber mit der ruhigen Hartnäckigkeit, die in seinem Charakter begründet lag, hatte er seit dem Anftauchen seines Projektes alle Beziehungen zu seiner bisherigen Abhängigkeit gelöst, die Kontorstelle aufgekündigt, die Wohnung für das nächste Quartal aufgegeben und ein Logis in Aussicht genommen, das im südlichen Vorort lag, und zwar höheren Mietzins erforderte, als das bisherige, im billigen Moabit gelegene, dafür aber auch mit einem gewissen Komfort der Neuzeit aufs angenehmste ausgestattet war. Als die Großmutter von all diesen Vorbereitungen, die hinter ihrem Rücken in stand gesetzt worden waren, erfuhr, wurde sie ganz still und zog sich gänzlich in sich selbst zurück. Dieser Verrat von feiten des Menschen, den sie um meisten von allen auf der Welt geliebt hätte, war für sie so ungeheuerlich, daß er Jie zuvörderst ganz betäubte. Sie war wie gelähmt. Sie konnte nicht schelten mehr, nicht murren. „Bald wird alles vorüber sein", sagte sie geduldig, und die Stumpfheit des Alters, die ihr noch fern gewesen war, trat nach diesem letzten Schicksälsschlage mehr und mehr in ihre Rechte, und "breitete wohlthätige Schutzhüllen gegen alle Außeneindrücke über das von Sorgen müde Herz. Paul fand den ersten Tag in seinem neuen Wirkungskreise so viel Arbeit und Pflichten vor, das heißt, er machte sich eine solche Unmenge Beschäftigung zurecht, indem er sich sofort mit so und soviel Warenhäusern in Verbindung fetzte, und etwaige, fehlende Bestände durch dieselben augenblicklich ersetzen ließ, daß er nicht gleich dazu kam, sich über das Kuriosum eines fast gänzlich stockenden Geschäftsganges entmutigenden Gedanken hinzugeben. Seine Hauptbeschäftigung bestand an diesem Tage darin, in Gemeinschaft mit dem Hausdiener die ankommenden Pakete und Kisten von ihren Emballagen zu befreien, die eingelieferten Rechnungen zu begleichen und dann ins Hauptbuch einzutragen. Als aber dieser erste Ansturm von Besorgungen vorüber war, er erwartungsvoll und gespannt hinter der Theke stand, und während des ganzen Nachmittags nicht ein einziges Mal die Ladenthür aufging, um einen Käufer ejnzulassen, begann sich seiner eine trübe Stimmung zu bemächtigen. — Leiser Regen rieselte an den Ladenscheiben herab und breitete sich an dem warmen Glase zu zerfließenden kleinen Strömen auseinander. Es wurde früh dunkel, und in dem schmucklosen Kachelofen, worin mit dem Stroh, dem Heu und den Holzleisten der Emballagen ein Feuer angesteckt worden war, knatterte und prasselte es wie von einem unruhigen, kleinen Geschütz, und immerfort glaubte Paul aus dem Knattern und Prasseln die Worte herauszuhören: Es wird Herbst! Es wird Herbst! Es wird Herbst! Mitunter trat er vor die Ladenthür und blickte zu seinem Gegenüber, dieser stillen, langen Straßenreihe hin, deren vornehme Häuser in kalter Ruhe lagen. Woher waren die Gardinen an diesen unzähligen Fenstern so schneeig und steif, wenn man keine Seife, keine Stärke brauchte? Womit scheuerte man diese vielen Hausflure, putzte man diese messingnen und kupfernen Drücker an den schweren, eichenen Thüren? Woher holten die Schulkinder, die schreiend, die Mappen auf dem Rücken, über die Straße stürmten, den Bimftein für ihre Tintenfinger, die Bonbons für ihre Leckermäuler, die Kohle für ihre Zeichenhefte, wenn nicht bei ihm? Konnte er sich so weit erniedrigen, um den Frauen, die mit Einkaufstaschen an den Armen an seinem Laden vorübergingen und teilnahmslos die Scheiben streiften, zuzurufen: „Kommen Sie hierher! Hier giebt es die beste Seife! Das hellste Petroleum! , Die' Scheuertücher sollen Sie im Dutzend zehn Pfennig billiger haben als anderswo!"--?? Ein paar Häuser weiter war ein zweiter, einsamer Laden, ein Wollwarengeschäft, dessen Besitzer es thatsäch- lich auf diese Weise mit den spröden Passanten versuchte. Paul sah, wie der kleine lebhafte Herr, der vor der Ladenthür stand, die vorbeieilenden Frauen anrief, zuweilen festhielt und mit eindringlicher Stimme auf sie einfprach, wobei sein Gesicht einen demütigen und doch fast leidenschaftlichen Ausdruck annahm. Doch sie wehrten ihn ab, wie man Fliegen von sich scheucht. Nur ab und zu trat eine, der er gar zu hart zufetzte, oder ein Dienstmädchen, dem er durch seine Scherze ein dummes, verschämtes Lachen entlockte, in seinen Laden ein. - Auf diese Weise zu Kunden gelangen, — nein! nein! Und er trat wieder in den Laden zurück, ging abermals hinter die Theke, stützte die Hände auf den Tisch und musterte mechanisch die Etiketten an den Gläsern und Flaschen der Regale. Mein Gott, wie viele Mittel, Heilding«, Nutzartikel für Gesunde und Kranke, — war eg 182 - möglich, daß auch nicht einer in der langen Straße etwas von diesen Schätzen brauchte? Nach einer kleinen halben Stunde jedoch, während deren er sich eine Zigarre angezündet und mit erkünstelter Ruhe die Zeitung vorgenommen hatte, ging die Laden- thür. Es war die erste Kundin, die eintrat, und in seiner Freude wäre er ihr beinahe um den Hals gefallen. Schon seit der dritten Nachmittagsstunde hatte er die Gaslampen in Brand gesteckt, der Laden [tuar bis in seine fernsten Ecken erleuchtet, und die Eingetretene blinzelte unter ihrem wollenen Kopftuch scheu gegen diesen Strom von Helle, der ihr entgegcndrang. Es war eine ärmliche, blasse Frau, die langsam ein Zwanzigpfennigstück auf den Ladentisch niederlegte und eine Schachtel Putzpomade forderte. Paul packte ihr das Gewünschte in eines der rot und grün gestreiften Seidenpapiere, die er riesweise aus einer Luxuspapierfabrik bestellt hatte, und in seiner Aufregung über diese erste Huld des Schicksals an dem entmutigenden Tage griff er in die Bonbonbüchse und legte mit der gemurmelten Frage: „Haben Sie Kinderchen?" einen kleinen Haufen Zuckerwerk neben das Päckchen mit der Putzpomade nieder. Die Frau musterte ihn erstaunt. Einen Augenblick trafen sich die beiden Augenpaare, und Paul Ivar es, als er in das herbe, von Sorgenlinien durchgrabene Gesicht blickte, als müsse er die zwanzig Pfennige in die Hand des Weibes zurückschieben. „Dat is aber mal nett von Ihnen, — da werden se Augen machen", rief die Frau, indem sie mit ihren Arbeitshänden nach den bunten Papierhüllen griff. „Dat hätte nu der Vorigte nie jethan", — dat war en zu gnietschiger Mensch. „Ja, ja", fügte sie hinzu, indem sie sich in dem weiten, leeren Laden 'umsah, und dann Paul wieder mit teilnahmsvollem Blicke streifte, „so den Anfang machen, nachdem et der andere verdorben hat, det is schwer. Un die' Jegend hier — wo eener nach dem andern stillschweigend wieder die Bude schließt. — Na, vielen Dank noch einmal, junger Herr, und Ville Glück!" Eilfertig, noch immer lebhaft sprechend, entfernte sie sich. Paul stand noch immer am Tische, die Hände aufgestützt, die Worte der Frau schwebten ihin im Ohre, als sie schon längst gegangen war. Immer und immer wieder hörte er die laute, ungebildete Stimme in so festem Tone: „Einer nach dem andern hier draußen stillschweigend wieder die Bude schließt." Er fühlte, wie ihm ein Frösteln den Körper entlang lief, ging an den Ofen, hielt seine kalten Hände an die Kacheln, lehnte sich dann mit dem Rücken dagegen und stand so lange, den Blick in den leeren, großen, kalten Raum gerichtet; mit fieberhaft geschärften Sinnen horchte er auf das Trottoir hinaus, auf die vorbeigehenden Schritte, von denen manche ihm vor seiner Ladenthür zu zögern schienen. Aber immer wieder, wenn das erwartungsvolle Klopfen seines Herzens ihm sagte: „Jetzt geht gleich die Ladenglocke, jetzt kommt jemand" — verhallten draußen die Schritte wieder, und von diesem Spiel der aufgeregten Phantasie am Ende ganz erschöpft, ließ er sich in dem „Wohnraum" aufs Sofa nieder und legte den Kopf aus die Arme. (Fortsetzung folgt.) Der Reinfall bei Schaffhausen. Ein Aprilscherz von B. Anders. Nachdruck verboten. Just am 1. April war's. Im „Herrenstübel" des „Bienenkorb", wie die renommierteste Konditorei des Jn- dustriestädtchens A. genannt wurde, ging's heute lebhafter zu, als sonst. In den vorderen Räumlichkeiten, in denen nur Kaffee geschenkt und allerlei Süßigkeiten verabreicht wurden, saßen nur, in die dunkelsten Winkel gedrückt, einige Liebespaare, im leisen Flüsterton verstohlen miteinander tuschelnd; dahinter aber, im „Herrenstübel", herrschte ein um so lauterer Ton, und der geschäftige Wirt, Herr Schaffhaufen, konnte nicht oft genug in den Keller hinabsteigen, um Flasche aus Flasche seines vorzüglichen „Rauenthalers" herauszuholen, und zwar -alle auf Kosten des jovialen Herrn Schlenther. Das berührte aber Herrn Schaffhausens gastwirtliches Gewissen wenig; denn Herr Schlenther war ;;a der reichste Fabrikant am Ort, obendrein Junggeselle, sodaß er für niemand sonst zu sorgen brauchte — er konnte also die Zeche zahlen, ohne sonderlich darunter zu leiden. Dem behäbigen Herrn Schlenther aber machte die Sache Spaß; er war Freund eines guten, harmlosen Witzes, und als Opfer eines solchen war er zur Zahlung der Wette verpflichtet. Und das kam so. Am 1. April des vergangenen Jahres hatte die Tageszeitung des Städtchens einen Aprilscherz veröffentlicht, auf den eine Menge Leute, darunter auch verschiedene Stammgäste des Herrenstübels im „Bienenkorb", hineingefallen waren. 'Herr Schlenther gehörte nicht zu den Hineinge- fallenen, weniger freilich infolge seiner Schlauheit, als vielmehr dank einem Zufall. Er brüstete sich aber damit und meinte, daß es wohl niemandem gelingen könne, ihn „in den April zu schicken". Dem wurde widersprochen; am heftigsten von dem stets zu allerlei lustigen Streichen aufgelegten Apotheker Hansen. Schließlich kam es zu einer Wette zwischen beiden, dahin gehend, daß der Fabrikant eine Rheinwein-Zeche für den Stammtisch zahlen solle, wenn es dem Apotheker gelänge, ihn „in den April zu schicken"; andernfalls hatte der Apotheker die Zeche zu zahlen. In den nächsten Wochen, ja Monaten, wurde noch häufig diese Wette erwähnt, dann aber schien sie allmählich in Vergessenheit geraten zu sein. Bei dem Fabrikanten war das wohl auch der Fall, nicht aber bei dem Apotheker; der grübelte und grübelte, wie er es wohl anfangen könne, seinen Freund hineinzulegen. So viel stand bei ihm fest, daß er den Scherz langer Hand vorbereiten müsse; denn durch eine plötzliche Ueberrumpelung würde er den Fabrikanten kopfscheu gemacht haben. Und ein günstiger Zufall verhalf -ihm dazu, schon um die Weihnachtszeit seinen Feldzugsplan einzuleiten. Der Fabrikant Schlenther kam eines Abends ungewöhnlich erregt an den Stammtisch. Er hatte im Laufe des Tages ein Abenteuer gehabt; eine Dame von auffallender Schönheit war auf dem Wege zum Bahnhof aus- gegtitten, und er hatte sie, da ihr das Gehen Schmerzen verursachte, in seinem Wagen bis zum Bahnhof gebracht und sie dann noch bis zuni Coupee geleitet. Als Mann von Bildung hatte er ihr seinen Namen genannt; auch die Dame hatte das gleiche gethan, doch so undeutlich, daß er den Namen nicht verstanden hatte. Er wußte von ihr nur, daß sie in der Nachbarstadt N. wohne. Das Abenteuer hatte den wohlbeleibten Herrn, den sonst nichts so leicht aus der Ruhe zu bringen vermochte, augenscheinlich ungewöhnlich erregt, und darauf baute der Apotheker seinen Plan. Die schöne Unbekannte mußte ihm dazu verhelfen, seine Wette gegen den Fabrikanten zu gewinnen. Aber wie? Dieses „Wie" beschäftigte den Apotheker wieder einmal recht lebhaft, als er eines Vormittags auf dem Wege zum „Bienenkorb" die Hauptstraße des Städtchens entlang schlenderte, ab und zu stehen bleibend, um die Auslagen der Schaufenster zu besichtigen. Da — beim Buchhändler — fiel sein Blick auf ein kleines, zierliches Büchlein in rotem Umschlag, das auf weißem Felde die Aufschrift „Briefmarkensprache" trug. Wie eine Erleuchtung hufchte es in diesem Augenblick über sein Angesicht, und mit einem „Hallo, alter Junge, jetzt haben wir Dich!" betrat er den Laden. Für eine halbe Reichsmark setzte er sich in den Besitz des Büchleins und dann eilte er, seinen geliebten Frühschoppen für diesmal im Stiche lassend, nach Hause, um sich ungestört mit Feuereifer auf das Studium des Büchleins zu werfen. Am Nachmittage desselben Tages noch sandte er einen dicken Brief an seinen Freund, den Postdirektor der Nachbarstadt N. ab, in dem er diesem seinen Plan auseinandersetzte und ihn um seine Hilfe bat, die dieser auch bereitwilligst zusagte.---- Fabrikant Schlenther saß in seinem Privatkontor, mit der Durchsicht der Post beschäftigt. Sämtliche Briefe waren bereits erledigt, nur noch einer lag vor ihm — einer, der so gar kein geschäftliches Aussehen hatte. Er fühlte sich ziemlich dick an, war von kleinem Format, feinstem englischen, elfenbeinfarbenem Papier und duftete nach Veilchen. 183 Die Adresse wies eine zierliche Damenhandschrift auf. Abgestempelt war er in N. Merkwürdig! — Warum zögerte er, diesen Brief zu öffnen? Warum pochte sein Herz so ungestüm und warum schwebte ihm gerade jetzt die bezaubernde Gestalt jener unbekannten, schönen Dame vor Augen, der er auf dem Wege zum Bahnhofe Ritterdienste geleistet? War's schließlich ein Wunder, wenn sie ihm jetzt noch ihren Dank aussprach? War's nicht vielmehr ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, wenn sie es that? Resolut riß er das Couvert auf und — war enttäuscht. Er fand nichts weiter darin, als ein kleines, rotes Büchlein mit der Aufschrift: „Briefmarkensprache. Ein Wegweiser für Liebende." Sonst keine Zeile, keinen Namen'! Was sollte das bedeuten? Er blätterte und blätterte, las und las. Dann plötzlich beugte er sich zum Papierkorb hernieder und holte das Couvert hervor, das er da hinein versenkt hatte. Ein Blick darauf überzeugte ihn, daß die beiden Fünfpfennig-Marken nicht wie üblich, in der rechten oberen Ecke, sondern rechts unten, und zwar in einer von der gewöhnlichen abweichenden Stellung aufgeklebt waren. Hastig schlug er in dem Büchlein nach und fand, daß diese Markenstellung bedeutet: „Besten Dank!" Also d och ein Dank, seiner schönen Unbekannten! Warum aber so geheimnisvoll? — Wie sollte er ihr antworten, da er ihren Namen nicht kannte? So sehr er sich über dieses Lebenszeichen gefreut — er war verstimmt und blieb es auch. Ja, so sehr wirkte dieser anonyme Brief auf ihn ein, daß er ein paar Abende hintereinander den „Bienenkorb" mied. Ein paar Tage waren vergangen, da fand der Fabrikant wieder unter den eingelaufenen Postsachen einen gleichen Brief mit derselben Handschrift. Aber auch diesmal war kein Sterbenswörtchen dazu geschrieben. Der Inhalt bestand lediglich aus einem gepreßten Veilchen. Die Markenstellung aber bedeutete diesmal: „Guten Morgen!" Und auch ein dritter Brief ließ nicht lange auf sich warten; er war aber inhaltsreicher, als die beiden ersten. Er enthielt eine Karte mit den Buchstaben G. H.; die Markenstellung aber enthielt nach dem kleinen roten Büchlein die Aufforderung: „Schreibe mir postlagernd." Lange ging der Fabrikant mit sich zu Rate, ob er der Aufforderung Folge leisten sollte; schließlich aber siegte das Verlangen, die schöne Unbekannte näher kennen zu lernen, nnd ein Brief ging unter der Chiffre „G. H., postlagernd N." ab, in dem Herr Schlenther die geheimnisvolle Briefschreiberin bat, den Schleier der Anonymität zu lüften. Allein die Antwort — wiederum durch die Stellung der Briefmarke ausgedrückt, lautete ablehnend: „Ich' kann Deinen Wunsch nicht erfüllen." Der Fabrikant ließ sich aber durch diesen ablehnenden Bescheid nicht einschüchtern, nnd bald entwickelte sich zwischen ihm und seiner schönen Unbekannten ein regelmäßiger Briefwechsel, der freilich nur auf seiner Seite den Charakter einer wirklichen Korrespondenz trug, während s i e sich auf Blumensendungen und jeweilige Andeutungen „durch die Briefmarke" beschränkte. Diese Andeutungen waren allerdings dazu angethan, in dem Fabrikanten noch mehr den Wunsch anzustacheln, seine unbekannte Partnerin kennen zu lernen. Da hieß es einmal, wenn er gar zu verzagt geschrieben hatte: „Mut, teurer Freund!", ein andermal: „Du wirst von mir hören", dann wieder: „Dein süßes Bild umschwebt mich Tag und Nacht" oder gar: „Mein Herz ist längst Dein Eigentum!" Ein Brief aber brachte den Fabrikanten ganz außer Rand und Band. Dieser enthielt nämlich anstatt der üblichen Blumensendung eine Karte mit den inhaltschweren Worten: „Nächsten Sonntag früh weile ich in Ihrer Stadt!"' Die Folge dieser Ankündigung war die inständige Bitte des Fabrikanten, ihm eine Zusammenkunft zu gewähren, und die Antwort darauf lautete, wiederum nur durch die Briefmarke gegeben: „Gieb einen Ort an, wo wir uns treffen können!" So vergnügt, wie an diesem Tage, war der Fabrikant lange nicht gewesen. Wo konnte er sich wohl am unauffälligsten mit seiner schönen Unbekannten treffen? Das einfachste und natürlichste war wohl, wenn er sie auf» forderte, in den „Bienenkorb" zu kommen; denn die Kott- ditorei wurde ja häufig genug von einzelnen Damen besucht. In diesem Sinne machte er denn auch seinen Vorschlag, und die Antwort lautete — kaum glaubte er seinen Augen trauen zu dürfen — laut Briefmarkensprache: „Erwarte mich!"--- — Der nächste Sonntag — es war der 1. April — war herangekommen. Herr Schlenther hatte zeitiger als sonst sein Lager verlassen, um ja zu rechter Zeit im „süßen" Zimmer des „Bienenkorb", wie das Vorderzimmer der Konditorei im Gegensatz zum „Herrenstübel" genannt wurde, auf dem Posten zu sein. Da überbrachte ihm der „Stift" des Apothekers einen Brief. Ungehalten über die Störung öffnete er das Schreiben und las: Lieber Freund! Der Wirt vom „Ratskeller" hat, wie er mir eben sagen läßt, einen mächtigen, beinahe einen Zentner schweren Wels gekauft, der heute verspeist werden soll. Du wirst Dich doch an dem „Wels-Essen" beteiligen? Die andern vom Stammtisch habe ich auch benachrichtigt! Wir erwarten Dich bestimmt. Gegen 11 Uhr werden wir alle beisammen sein. Komme ja nicht zu spät! Dein Freund A., den 1. April. Hansen. Ein Wels-Essen — das war nun eigentlich nach seinem Sinn; aber heute? Nein! Heute konnte er nicht kommen! Eben wollte er bedauernd dem „Stift" erklären, daß es ihm unmöglich sei, sich an dem Wels-Essen zu beteiligen, als sein Blick auf das Datum fiel: den 1. April! Also das war der plumpe Versuch, ihn hineinfallen zu lassen! Na warte, Freund Hausen, diesmal sollst Du der Hineingefalleue sein. Die Falle war ja auch zu durchsichtig. Und lachend trug er dem Burschen auf, seinem Herrn zu melden, daß er pünktlich! um 11 Uhr im Ratskeller eintreffen werde und sich schon riesig auf das Wels- Essen freue! Der „Stift" lief eilig davon, und Herr Schlenther machte sich auf den Weg zum „Bienenkorb". Daß seine Stammtischgeuossen sich im Ratskeller trafen, war ihm gerade recht, konnte er so doch ungestört sich seiner schönen Unbekannten widmen. Unterwegs nahm er erst noch aus dem nächsten Blumenladen einen hübschen Veilchenstrauß mit — Veilchen waren ja „ihre" Lieblingsblumen — und dann betrat er, hochklopfenden Herzens, das „süße" Zimmer des „Bienenkorbs". Herr Schaffhausen, der Wirt, wollte ihn, alter Gewohnheit gemäß, ins „Herrenstübel" komplimentieren, allein Herr Schlenther lehnte dankend ab; er nahm an einem der Marmortischchen im „süßen" Zimmer Platz und bat um eine — Tasse Kaffee. „Kaffee?" fragte der Wirt, als zweifle er, recht gehört zu haben. „Jawohl—Kaffee!" erwiderte Herr Schlenther lächelnd. „Ich hab' heute gerade Appetit auf Kaffee!" „Glaubte gar nicht, heute vormittag das Vergnügeck zu haben", meinte der Wirt redselig. „Die andern Herren sind, so viel ich weiß, im Ratskeller, zum Wels-Essen „Ganz recht — werde vielleicht auch noch dahin gehen; vorläufig aber habe ich hier — geschäftlich natürlich — mit einer Dame zu sprechen. Ist vielleicht schon nach mir gefragt worden?" Der Wirt schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und meinte, als habe er das ganz vergessen: „Ja, richtig — eine Dame ist hier, die Sie zu sprechen wünscht. Ich habe sie einstweilen ins „Herrenstübel" eintreten lassen!" Mit einem aus tiefster Seele kommenden: ,,Schafskopf! Und da lassen Sie mich hier sitzen?" erhob sich . Herr Schlenther, schritt zur Thür und öffnete diese. Im selben Augenblick aber prallte er entsetzt zurück. In dem Zimmer saßen alle seine Freunde, und ein dröhnendes „Reingefallen!" scholl ihm entgegen. Herr Schlenther wußte im ersten Augenblick nicht, was er dazu sagen sollte. Als aber der Apotheker, ein kleines, rotes Büchlein mit der Aufschrift „Briefmarkensprache'« in der Hand haltend, ihm entgegentrat und ihn lächelnd fragte: „Nun, Freund Schlenther, giebst Du die Wette ver- - 184 — loten?;'. -- da machte er gute Miene znm bösen Spiele, lachte laut aus und rief: „Hansen, Du bist ein Mordskerl. Jawohl, ich habe die Wette verloren! Die Rheinwein-Zeche zahle ich. Aber eine Bedingung stelle ich: Das erste Glas gilt — meiner schönen Unbekannten!" Und so geschah es denn auch. Das erste Glas galt wirklich der schönen Unbekannten. Alle die übrigen aber, die noch bis in den späten Nachmittag hinein geleert wurden, galten dem Gastgeber, dem Apotheker, dem Postdirektor in N., der Schlenthers postlagernde Briefe immer so getreulich an Hansen weiterbefördert hatte, der „Briefmarkensprache" *) und dem — 1. April! *) Eine solche „Briefmarkensprache" mit 187 verschiedenen Markenstellungen ist im Verlage von Max Schildberger, Berlin W., Schillstraße 3, zum Preise von 50 Pfg. erschienen. Unser Garten im April. Nachdruck verboten. Ueberall sprießt es und sproßt es mit stannender Schnelligkeit. Man müßte schier das Wachstum sehen rönnen, wenn man Zeit und Muße genug hätte, auszupassen: aber so gewaltig wie das Wachstum fortschreitet, so gewaltig mehrt sich auch die Arbeit. Noch kann der Nachzügler — und er hat den letzten Termin vor sich — manches versäumte nachholen; denn noch sind Obst- bänme zu pflanzen, noch läßt sich umveredeln, noch ist dem Ungeziefer und den Pilzen durch Kalken der Stämme und Spritzen der Kronen mit Kupferkalkbrühe wesentlich entgegenzuarbeiten, noch ist das Petroleum gegen Schildläuse anwendbar, aber mit dem Ende dieses Monats dürfen viele dieser Arbeiten nicht mehr ausgeführt werden, sind andere nicht mehr in so energischer Weise zu handhaben. Der Schaden, welchen man sich durch Versäumnis selber zusügte, tritt in die Erscheinung. Das Graben des Bodens ist eine Hauptarbeit — auch das Anssuchen der Quecken und des anderen Unkrautes. Man macht die zweite Aussaat von Erbsen und Pussbohnen, sät mittelfrühe Möhren, Sommerrettich, Wurzel- und Schnittpetersilic, bringt den Samen von Tomaten, Thymian, Majoran in Kästen, vergißt auch Gurken, Kürbis und Melonen' nicht. Kohlkopssorten sind ins freie zu säen, in Mistbeeten gezogene Pflanzen auszusetzen. Estragon, Sauerampfer, Rhabarber gehören in jeden Küchengarten! Frühkartoffeln sollen vorsichtig ansgepflanzt werden, damit die Keime nicht abbrechen. Kräftige Erdbeerpflanzen, zu dreien in ein Dreieck gepflanzt, geben eine prächtige Erdbeerernte, wenn man reichtragende Sorten: Noble, Kaisers Sämling, Deli- kata, Millionär rc. wählt. Die Herrichtung von neuen Spargelbeeten ist energisch zu betreiben, chas Auffüllen der alten schleunigst durchzuführen. Die beste Spargelsorte ist und bleibt der Ersurtcr Riesenspargel. Ende des Monats legt man Staudenbohnen. Der Blumengarten soll sauber gemacht werden. Man darf noch Gehölze schneiden, Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht pflanzen. Der Rasen wird mit Kompost und Kainit gedüngt, die Blumenbeete werden mit guter Erde aufgefüllt uitb, gegraben. Beete, die Sommerblumen tragen sollen, werden besäet, empsindlichere Sommerblumcn, wie Perilla, Hanf, Jpomöa, richt man in Kästen oder Töpsen heran, wozu die Aussaat jetzt zu machen ist. Die Rosen sind aufzudecken und zu schneiden. Langtriebigen Sorten läßt man viel Holz, schwachwachsende werden sehr stark zurückgeschnitten. Im allgemeinen schneidet man die Rosenkronen viel zu wenig. Wer die Borgärtchen in Land und Stadt daraufhin durchsieht, findet besenartige Kronen, die wohl leidlich viel, aber niemals ausgezeichnete Blüten bringen. Eine Rosenkrvne soll nach dem Schnitte licht sein. Es ist besser, etwas zu viel als zu wenig wegzunehmen. Den frischgepflanzten Rosen sind nur drei bis vier Zweige zu lassen, und diese sind wieder auf zwei bis drei Augen zu kürzen. Wer darnach handelt, erhält kräftig wachsende Rosen, die dankbar blühen. Das Düngen der alten Roscnbeete werde nicht vergessen! Wenn man neue Rosen an- pflanzt, vergesse man nicht, die beiden Neuheiten „Rubin" und „Leuchtstern" zu berücksichtigen. Im Zimmer pflanzt man um, macht Stecklinge von fast allen Pflanzen, säet auch noch aus und verstopft die aus den früheren Aussaaten gewonnenen Pflänzlinge. Am Ende des Monats beginnt das allmähliche Abhärten für das Hinausbringen der Pflanzen int Mai. So sehen wir uns bereits geschäftig, den Wonnemonat würdig zu empfangen: hoffentlich gelingt es, alle Pflanzen bis dahin derart zu kräftigen, daß sie aus ihm den größtmöglichsten Nutzen ziehen können. I. C. Schmidt, Erfurt. Uiirterchaltrtiigsfxrel. Das „S a l t a", vor etwa Jahresfrist erfunden, fand zwar schnell bei den Freunden anregender Brettspiele Eingang, aber erst eine jüngst von dem Mathematiker Professor Schubert über dieses Spiel veröffentlichte Schrift hat auch die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich gelenkt. Mit Recht wiesen von Anfang an die Kenner, d. h. diejenigen, die sich in das Wesen des „Salta" vertieften, dem neuen Spiel unmittelbar hinter dem Schach eine Stellung an. Sie erblickten in „Salta" nicht nur ebenfalls ein geistreiches Kriegsspiel, mit allen seinen reizvollen Wechselfällen des Angriffs, der Verteidigung und der Blokade, sondern sie fanden auch, daß es viel leichter zu erlernen sei als Schach, und seiner höchst einfachen Spielregeln wegen weit geringere Anforderungen an die Spannkraft des Geistes stellt, mithin sich als besonders für die Mußestunden geeignet erweise. Bei alledem herrschte aber die Ansicht vor, daß die Variationsfähigkeit des „Salta" hinter der des Schachspiels sehr zurückbleibe. Es gebührt nun Professor Schubert, einer anerkannt spielwissenschaftlichen Autorität, das Verdienst, auch in dieser Beziehung dem „Salta" den ihm gebührenden Platz angewiesen zu haben. Schubert, der in der oben erwähnten Broschüre eine regelrecht durchgeführte Salta-Partie analysiert, weist nach, daß die Anzahl der auf dem Saltabrett möglichen Stellungen und Züge gleich wie beim Schach ins Unendliche geht. Neben Schubert sind es neuerdings auch andere Gelehrte, die sich mit dem „Salta" wissenschaftlich beschäftigen, während andererseits im großen Publikum das Spiel von Tag zu Tag mehr Eingang findet. LrtterarLfches. „Deutscher Soldatenhort", Illustrierte Zeitschrift für das deutsche Heer und Volk, Herausgeber: General-Leutnant z. D. H. v. Below. Preis pro Quartal 1,80 Mk. Verlag von Karl Siegis- mund, Hofbuchhändler, Berlin SW., Dessaucrstraße 13, XI. Jahrgang, Nr. 18, erschien soeben und enthält: Helene. Erzählung von Hans von Losgar. — Königin Luise in Paretz. (Mit Abbildung.) — Nächtliche Streifen. Erinnerungen und Betrachtungen von Hauptmann a. D. Richard Bach. — Vom Lockstedter Lager. Von v. B. (Mit Abbildungen.) — Im Winter auf dem „Herzogstande". Nacherzählt von Zägerhuber, Major a. D. — Ein englischer Soldatenbrief aus Südafrika. Von A. H.—g. Pferdemarkt im Orient. (Bgldertext.) — Die britische Feldpost, Heliograph und Brieftauben in Südafrika. Bon A. H—g. (Mit Abbildung.) — Brieftauben im Dienste der Schiffahrt. — Der Kampf Englands gegen die holländischen Bauern-Republiken in Südafrika. Von Major z. D. Scheibert. (Mit Karte.) — Vom Militär-Telegraphenwesen in Frankreich. — Vaterländische Gedenktage. — Neue Bücher. — Vermischtes. — Splitter und Funken. — Rätsel. — Briefkasten. — Inserate. Schachaufgabe. C. Bayer. 4 3 2 1 3 2 1 8 7 6 5 4 abcdef g h Weiß. (Nachdruck verboten.) abcdef g h 8 W ’ W gg 8 6 ■ M ■ S H Weiß setzt mit dem dritten Zuge matt. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflöftlng der Dechiffrier-Aufgabe in voriger Nummer: Das Leben ist so schwer nicht zu begreifen, Du mußt es nur durchleben, nicht durchschweifen. Redaktion: «. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühlffchen UuiversttStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erbens in Biehn-..