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(Fortsetzung.) „Feinet Jeschäft heute. — Sind Sie auch von der Branche?" Paul, der das philiströse Selbstbewußtsein der kleinbürgerlichen Kreise besaß/ wurde rot, und indem er von den anderen hinweg in den Biergarten blickte, entgegnete er fürj: „Nein, ich bin Kaufmann." „Det is jrade wat Scheenes", entgegnete der Junge, indem er näher trat und wieder spie. „In wat machen Sie denn?" * „Droguen, en gros", entgegnete Paul kurzweg, und wandte sich ab. Der Junge blickte verdutzt auf ihn hin, augenscheinlich dachte er über eine neue, feinere Art der Anknüpfung nach. In diesem Augenblick aber kam Nettchen mit entern Tablett in den Armen zurück, und soforrt verschwand er hinter den Koulissen. „ „So, nun ißt Du", sagte Nettchen, rüdem sie die Last von ihren Armen niedersetzte. „Es is nicht viel, aber kommt von Herzen." Bei diesen Worten sah sie Paul mit einem so Hellen Blick ihrer braunen, schalkhaften Augen an, daß er die seinen zu Boden schlug. „Ich mache Dir Umstände, Nettchen, — es ist nicht hübsch von mir", entgegnete er, ohne recht zu wissen, was er sprach. Mechanisch setzte er sich und sah auf die Speisen nieder. Aber als der warme Geruch derselben ihm entgegenschlug, erwachte sein Appetit. Nettchen hatte sich, etwas von ihm entfernt, an den am Eingang der Bude aufgepflanzten Gewehrtisch gesetzt, sie begann die Waffen eine nach der anderen auf ihren Schoß zn nehmen und mit Bolzen zu versehen. „Es gefällt mir gut hier", sagte sie, infolge erner mit den Gewehren zusammenhängenden Gedankenverbindung. „An das Schießen habe ich mich schon geivöhnt. Es ist ein ganz schönes Leben so, Paul." Paul legte das Messer hin, das er, wie Nettchen staunend bemerkte, neuerdings mit der linken Hand regierte, ohne es wie früher zum Munde zu führen. Donnerstag den 1. März »: iM iw taJrfpänT ÄM a % Und finden unterwegs Amerika. Ludwig Fulda. ie Großen gehn zum Ziel auf graben Gleisen, Die Größten kommen ihm durch Irrtum nah; Die wollen ganz verkehrt nach Indien reisen „Willst Du hier — lauge bleiben", fragte er stockend. „Es gefällt mir gut hier", sagte Nettchen statt aller Antwort zum zweitenmale. „Das ist 'n Leben, Paulechen, wie ich es brauche. Immer Skandal, immer was los! Wart man erst bis gegen zehn. Wenn alles voll wird. Dann sollst Du was erleben." Paul schob seinen Stuhl zurück, stand auf und trat auf Nettchen zu. „Nettchen", flüsterte er, „liebes Nettchen, — höre doch"--Er brach ab. Nettchen war zurückgewichen, mit großen entsetzten Augen blickte sie ihn an! Ihr Gesicht war ganz rot geworden, ihre Unterlippe zitterte, halb in ängstlicher Erregung, halb, so wollte es Paul scheinen, in einem nervösen, zurückgehaltenen Lachen. „Nein Paul", sagte sie, indem sie ihn hastig von sich schob, „was hast Du denn nur?" Und als käme ihr ein rettender Gedanke, beugte sie sich über den Ladentisch, winkte erhitzt hinaus und rief dem Herrn, der eben bei . der Bude vorbei schritt, mit unterwürfiger Freundlichkeit zu: „Nicht schießen, mein Herr?" Paul stand noch immer, tote sie ihn sanft von sich zurückgestoßen hatte, an die Wand der Bude gelehnt. Auch er war rot am Gesicht, auch seine Lippen bebten, aber nur einen Augenblick gab er sich dieser demütigenden Stellung hin. Dann reckte er sich auf und ging aus der Bude hinaus. „Wo willst Du denu hin, Paulchen, ich komme gleich nach", hörte er Nettchens Stimme ihm noch mit versöhnendem Eifer nachrufen, dann krachten hinter ihm die Bolzenschüsse, die in die hölzernen Puppen fuhren, er hörte die Gestelle der Figuren klappen. Er ging durch den Biergarten dem Ausgange zu. Noch nie war ihm sein kurzer Fuß so schwer, so schleppend, so verfluchenswert vorgekommen, wie in diesen Minuten, wo, wie er wußte, ihm Nettchen nachsah und mit ihren schönen, klugen, scharfen Augen, die jetzt alles erraten hatten, die Figur des von ihr Abgewiesenen durchdringend prüfte. Das Lächerliche seiner Lage, sein ganzer Aufzug, ferne Kommis-Kleidung, das Unbegründete seines Hierseins, das alles kam ihm jetzt erst zum Bewußtsein, so daß unter diesen peinigenden Empfindungen fürs erste die viel tiefer gehende, die verlorene und zertretene Liebe schwieg. Er hatte nur den Wunsch hinauszukommen, möglichst rasch aus dem lärmerfüllten Garten wieder in die Straßen zu gelangen, wo seine Gestalt verschwinden würde unter den anderen laufenden, hastenden, hinstürmenden Menschen. Da fühlte er eine leichte Hand auf seinem Arm, er blickte auf und sah Nettchen atemlos keuchend neben sich stehen. „Warum bist Du mir denn fortgelaufen?" sagte sre, indem sie that, als wäre nichts geschehen. „Ich sehe mich 122 spielte." _ , c Immer dichter wurde der Trubel, tn den sie gerieten. Das Sonnabendspublikum hatte sich eingefunden, alle die Tausende, die ihren Sonntagsbraten mit unzähligen Debatten erfeilschen müssen, drängten und stießen einander Geliebten verzichtete, bot das Thema für die Mutter und Großmutter einen unerschöpflichen Gesprächsstoff. „Was meinst'?", fragte die Großmutter, „er hat sein Herz an die wilde Martell gehängt" — und die Mutter seufzte tief. Voll einmütigen Schmerzes erwogen sie die Mittel und Wege, ihrem Jungen seinen Seelenfrieden wiederzugeben. Sie hatten beschlossen, an Nettchen einen langen eindringlichen Brief zu schreiben. Sie wollten all' ihren Groll gegen das leichtsinnige Kind bekämpfen, in mütterlichen Worten die einstige Pflegetochter zurückzurufen suchen in ihr Haus, an ihr um den einzigen Sohn besorgtes Herz. Ueber den Wortlaut dieses Briefes berieten sie nun, während sie die Markthalle zerstreut durchschritten. Sie waren hergekommen, um ein Rindersilet, einen Ochsenschweif, Kohlrabi und Obst einzuhandeln. Aber indem sie von Stand zu Stand, von Bude zu Bude gingen, irrten ihre Gedanken auf Abwegen,, und fortwährend sagte bte Mutter, während sie mechanisch das ausgelegte Gemüse betastete oder eine Messerspitze Butter kostete: „Sie liebt ihn nicht, und sie hat kein Herz. Ich wußte es schon damals, als sie noch mit ihm Vater und Mutter in dichtem Gewirre. „Gott - was eine Menschheit!" seufzte bte Großmutter mehr als einmal. Sie kam sich oft vor, trotzbem sie doch schon eine Anzahl Jahre in Berlin wohnhaft war, um nach meinem Paul, aber wer nicht da ist, das ist mein Paul." Sie holte, vom raschen Lauf erhitzt, noch immer tief Atem und sah Paul von der Seite an. „Du, — Paul bist Du mir böse?" fragte sie in ihrer schmeichelnden Kinderart, indem sie seine Hand ergriff. Paul rührte sich nicht, er starrte nach dem Ausgang, als hinge von dort sein Glück imd Wehe ab, er wagte es nicht, Nettchen anzusehen. , , . „Ich bin nicht böse", stotterte er hervor, wobei brennende Röte sein Gesicht übergoß, denn nun fühlte er, wie alle Spannung in seinem Inneren sich löste und Thränen in seine Augen traten. . , „Ich dachte nur", entgegnete Nettchen, bte seine yanb in ihren Fingern brückte. Noch nie hatte sie jemanben ihretwegen weinen sehen. Das Schauspiel entzückte unb beunruhigte sie zu gleicher Zeit. Sie konnte bett Blick nicht davon abwenben. Sie verfolgte feben Thränen tropfen, bis er die Wange entlang gerollt, und in dem spärlichen Bärtchen verlaufen war. Paul, der den prüfenden Blick empfand, der langsam an seinem Gesicht auf und nieder glitt, wandte sich erbittert fort und wollte ohne ein Wort jetztrnn der That davongehen. Nettchen erschrak: Ein kleiner Stich fuhr ihr plötzlich durchs Herz, — etwas wie Siegesangst, — ein unbestimmtes Gefühl, daß sie den guten, ehrlichen Menschen für sich verlieren könnte. „Ich — Du — Du mußt doch einmal mit mir tanzen", stieß sie hervor. „Warum willst Du schon wieder fort? Gleich beginnt die Musik." — „Tanzen?" fragte Paul wie im Traum. , „ . |Ut «««, ..... .u-,-----. ... H . Ja, das geht hier vom Nachmittag bis in die tiefe sei sie unter Hottentotten ber eit, und der Gedanke Nacht hinein", erläuterte Nettchen rasch. „Und von zehn I an das Heimatsörtchen, aus dem sie auch Nettchen hatte ab bin ich frei — da besorgt mein kleiner Kommis das I jammen lassen, an die Stille und Umgänglichkeit einer Geschäft. — Komm", fügte sie exregt hinzu, als sie sah, I ganz kleinen Stadt, erfüllte sie zuweilen mit wehmütiger daß er zögerte, „ich bitte, ich beschwöre Dich! Ich muß I Sehnsucht. - heut noch tanzen, ich fühle es, — und bist Du's nicht, so Plötzlich, — sie waren mit den vollbepackten Korben holen mich so und so viel andere." — Jetzt ging er willen- I bOr den Ausgang gekommen und standen nun im Gewuyt los mit. Als sie in einen Seitenweg gekommen waren, des Alexanderplatzes, stieß sie ernen Schrei ber uever- der von Gebüsch ganz umschlossen war, blieb Nettchen I xaschung aus. _ Ihre Tochter ließ vor Schreck da^> Fischnetz aufatmend stehen. , . I fallen und drängte sich herzu. .Nun,", sagte sie mit ihrem verwirrenden Lächeln, m- I „Was grebt es beim, Mutter?!? dem' sie Pauls Häube ergriff und leicht an ihre Wange I Da stand die alte Frau, den altmodischen Sonnenschirm drückte. Paul stand wie betäubt, es flimmerte vor seinem hoch erhoben, und zeigte zitternd nach den Plakaten der Blick Ein Schauer flog über seinen Körper, aber doch I Anschlagssäule hin. Frau Brinkmann folgte dem Blute, empfand er durch alles hindurch etwas von der De- „Gott", murmelte sie ganz schwach, — „ist es denn mütigung, die für ihn in Nettchens so rasch verändertem möglich?" Benehmen lag. „Geh'", sagte er und schob sie leise von j Dort glänzte von der oberen Hälfte der Litfaßsäule sich das soll wohl Mitleid sein?" Seine Lippen zitterten. I her, ein weithin strahlendes Bild. An einem Fallschirm, Nettchen stand ein wenig entfernt von ihm, sie kämpfte I der aus ultramarineblauen Wolken zur Erde f^bder- fetzt zwischen Unmut und Mitleid. Da ertönten von ferne schwebte, hing eine Frauengestalt in rosarotem Trikot. Das die Töne eines Walzers, die dämmerige Abendluft wurde I Gesicht war dem Beschauer zugewandt. erfüllt vom Rauschen froher Musik. „Höre doch, — höre", „— Nettchen!" — stießen bte betben Frauen tote aus rief Nettchen wie elektrisiert. „Lockt Dich bas nicht? Du einem Munbe hervor. , . , mußt es einmal mit mir probieren!" Sie nahm in fliegen- I Nettchen hing an dem Fallschirm mit unbesorgter ber Eile seinen Arm, zog Paul weiter mit sich fort. „O, I Grazie. Sie lächelte wie eine Zirkusreiterin, bie einen wärst Du nicht so ein Stock — so wache doch auf", schalt I schwierigen Pas ausführt; das außerordentliche aber an sie schmollend. Mit zärtlichen Augen blitzte sie ihn an. I ihr waren ein par türkische Pantoffeln, und em um den Die Dämmerung, ber Rausch des Vergnügens ringsum Kopf gewundener roter Fez. — betäubten den armen Paul. „Nettchen", murmelte er. Dann I Die beiden Frauen hatten sich angstvoll ganz nahe «ch nJM) mit W*»- ______ «tbtä&0, d«s teonrotatoSWn -u- d-r Silrtri". Es mar an einem warmen Sugufttmrnnttag als die [«Jen' (ie ®r»W 'S Heiben Nrauen Pauls Mutter und die Großmutter, der 1 lebensgefährlichen Aufstieg Mit bem -oallon bes ruy Zentral-Markthalle zustrebten, um für ben bevorstehenden I schiffers Hafemann am, Sonntag, den zwölften A g s Sonntag ihre Einkäufe zu wachem Pauls Miltter trug der "Neuen Welt aus, nnternelM iemÄ85 lU^m» beide in dieselben Gedanken versunken. Sie dachten an! wie besessen herum, mit empört erhobenem P’ d t Paul. Er war noch schweigsamer geworden, verschlossener ,ah in em ganz entstelltes Gesicht^ber e^_er noch re ) beim ie- eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen ihm | zur Besinnung kam, hatte erne zweite Frau bie z 9 unb ben’betben ihn so zärtlich liebenben Frauen aufgebaut. I Greisin bereits unter bem Arm gepackt unb mit sich fo MW ""ÜLch«. iammerte dw «Ite8r«u * nunmehrigem Leben ^gegeben; bann war er verstummt, ! ist es möglich!" Sie war wie um den Verstaub gekornrne , hatt? sichern sich selbst zurückgezogen, und alle weiteren ] vermochte es nicht zu fassen. „Dies Kinb, was ich T ■^raaen mit Starrsinn abgewiesen. Aber während er selbst | den Knieen geschaukelt habe. Nfebes wZer? Eingehen auf bas Schicksal ber heimlich ' „Paul", sagte bie Mutter leise, „mein armer Junge! 123 Das war alles, was sie sprachen. Schweigsam, den Mick zn Boden gesenkt, keuchten sie unter der Last ihrer Einkäufe weiter. „Wie ist es möglich!" murmelte die Großmutter nur mitunter wie im Traum. Plötzlich, sie hatten noch nicht ihre Straße erreicht, blieb die Großmutter stehen. „Nimm den Blumenkohl, Marie, und den Wirsing" sagte sie. „Ich kann nicht mit nach Haus. Ich muß hinaus nach der Hasenheide!" „Was willst Du thun, Mutter", fragte Frau Brinkmann ängstlich, indem sie in das erschöpfte Gesicht der alten Frau blickte. „Laß doch sein, Marie", entgegnete die Greisin. „Du kannst mich nicht hindern, und nicht der Papst könnte es. „Mutter, Mutter, du darfst nicht allein!" „Laß nur sein, Marie. Da kommt schon die grüne Pferdebahn. Leb' wohl, Marie, und warte nicht mit dem Essen. — Das wäre so das Letzte — Türkenmädchen! Und Luftballon!!!" — Fortsetzung folgt. Kohlennot und Kohlenüberffuß. Von Dr. Max Neu Wirth. Nachdruck verboten. Es fehlt nie an scharfsinnigen Betrachtungen darüber, Mas einst geschehen wird, wenn die Menschheit die ihr erreichbaren Kohlenvorräte in der Erdrinde verbrannt hat. Mit Beruhigung vernimmt der deutsche Leser, daß unsere einheimischen Kohlenbecken, vor allem das überaus reiche oberscyiestsche, bsi normaler Progression des Verbrauchs mindestens zweimal länger ausreichen werden, als die englisch-schottischen, und mit Neid müssen wir vernehmen, daß uns die Amerikaner mit ihren ungeheuren Kohlen- feldern in Kanada, Pennsylvanien, am Missouri und am Michigansee weit über sind, und daß auch China und Sibirien Reichtümer an diesen schwarzen Diamanten bergen, gegenüber welchen der in deutscher Erde liegende Vorrat gradezu winzig erscheint. Während wib nun als glücklich Besitzende uns in akademischen Betrachtungen für das Geschick unserer Urenkel in der zwanzigsten bis dreißigsten Generation erwärmen, rückt uns auf einmal das Gegenteil, die Kälte, auf den Hals, als Folge eines plötzlich hereingebrochenen Kohlen- mangels, der seine Ursache keineswegs in der Erschöpfung einzelner fossiler Lagerstätten, sondern in der umfassenden Lohnbewegung hat, welche, von den böhmischen Braunkohlenrevieren ausgehend, nach den sächsischn Kohlenrevieren übergegriffen hat und weite Gegenden Deutschlands und Oesterreichs mit Mangel an diesem unentbehrlichen Brennstoff bedroht. Diese Not wird ja gewiß in wenigen Wochen vorübergehen, und der Konsument wird höchstens einige Mark oder Kronen mehr aus dem Portemonnaie herausrücken müssen. Immerhin wird sich aber mancher fragen, ob bei dem Vorhandensein so großer unterirdischer Lagerstätten die Preissteigerung der letzten Zeit eine Berechtigung hat. _ Unter den Faktoren der Preisbildung spielt nun der Gesamtkohlenreichtum der Erde begreiflicherweise die letzte Rolle. Wie Hoch sich ein Zentner Kohle im Kleinverkauf ÄN einem bestimmten Orte stellt, hängt zunächst von der Höhe der Transportkosten, also von der Entfernung der Gruben und von der - etwaigen Existenz eines billigen Weges oder der Notwendigkeit eines kostspieligen Bahntransportes, dann aber auch davon ab, ob und in welcher Höhe eine wenig providentielle Steuerpolitik dem Volke be» unentbehrlichen Heizstosf durch Oktroi und andere Steuern verteuert. Daneben kommt aber auch die Höhe der Arbeitslöhne und das Kapital in Betracht, welches in den in Abbau stehenden Flötzen steckt und börsenmäßig bewertet wird, so lange wir noch nicht beim Staatssozialismus an- Tgelangt sind. Wären daher die Kohlenbergwerke annähernd gleichmäßig über die Erde verteilt, so würden wir, von ^otreikzeiten abgesehen, wohl immer annehmbare Kohlenhreise haben. Aber die Natur, die an manchen Stellen unfruchtbare Wüsten entstehen ließ, um anderswo üppige Paradiese zu schaffen, hat auch hier des Glücks Gaben un- -gleich verteilt; während der eine im Ueberfluß schwelgt. muß der andere darben. Das ist nun einmal der Lauf der Dinge auf dieser Erde. Obenan an Kohlenreichtum steht der nordamerikanische Kontinent. Von Kanada zieht sich das sogenannte appa- lachische Kohlenfeld tief in die Vereinigten, Staaten über Pennsylvanien, Ohio und Virginia bis tief hinunter nach Tenessee hin. Diese Reviere bedecken einen Flächenraunr von 160 000 Quadratkilometer, also eine Bodenfläche, welche einem Drittel des Deutschen Reiches nahe kommt, und die Summe der Flötze erreicht eine Mächtigkeit von 8 bis 40 Meter. Ausgedehnter noch, wenn auch nicht reicher, sind die Kohlenfelder in Illinois, Indiana, Kentucky, Missouri und den benachbarten Unionsstaaten. Dazu kommen noch jene in Neuschottland und Neufundland. Schon diese Felder enthalten einen kolossalen Kohlenvorrat, den man, wenn man einen Abbau bis zu 1000 Meter Schachttiefe annimmt, billig auf 800 Milliarden Metertonnen schätzen muß. Was aber außerdem in den Rocky-Mountains, auf Melville, Banksland und den übrigen zirkum- polaren Inseln, einschließlich Grönlands, im Erdenschoße ruht, entzieht sich jeder Schätzung, muß aber sehr hoch bewertet werden, da das ganze Becken der Hudsonbailänder nach seiner geologischen Beschaffenheit für eine enorme Entfaltung der dort lagernden Kohlenflötze spricht. Effektiv arm an Steinkohlen ist Südamerika, wo nur die Becken von Kolumbien am Golfe von Uraba und im partement Magdalena und die Kohlendistrikte von Chile und an der Magelhaensstraße von Bedeutung sind. Außerdem finden sich natürlich noch an vielen anderen Orten, so namentlich in Peru, Ecuador und Südbrasilien, zahlreiche Kohlenwerke. Den Weltmarkt wird aber Südamerika kaum je beeinflussen können, selbst wenn im Innern des Amazonenstrombeckens und Paraguays, die beide so gut wie unerforscht sind, noch manches Kohlenlager gesunden werden sollte. In Europa fällt zunächst der gänzliche Mangel an Steinkohlen in Italien auf, welcher dieses reich-, ja fast überbevölkerte Land hindert, den wirtschaftlichen Aufschwung zu nehmen, der ihm bitter not thäte. Der kleine Mann empfindet den hohen Preis der aus England oder Südfrankreich importierten Kohle zunächst zwar kaum; denn das gesegnete Klima macht an vielen Orten die Zimmerheizung fast stets entbehrlich; im übrigen besitzt der Italiener aber auch eine Virtuosität im Frieren, um die ihn mancher Nordländer beneiden könnte. Dafür ist aber die Lage der Industrie um so schlimmer. Fast ebenso arm sind die Balkanländer an Steinkohlen, und auch Ungarn wird Not haben, für seine aufblühende Industrie stets dn erforderlichen Brennstoff bereit zu stelln. Nur wenig besser, daran ist Schweden, welches wahrscheinlich, dank seiner wertvollen Eisenerze, welche die spanischen und steierischen an Reinheit und Güte weit übertreffen, längst eine mcüh- tige Eisen- und Maschinenindustrie haben würde, wenn nur in einigermaßen annehmbarer Nähe Kohlenlager vorhanden wären. Zu den mittelmäßig mit Kohle gesegneten Ländern gehört Frankreich, welches zahlreiche kleinere Lagerstätten, daneben dann die Kohlendistrikte von St. Etienne und le Creuzot, besitzt, außerdem aber auch an dem Reichtum des belgischen Kohlenbezirks teilnimmt, dessen Flötze weit ins Französische hineinreichen. Nichtsdestoweniger haben aber die hart an der Grenze liegenden Saarbrücker Kohlenlager stets den Neid der französischen Machthaber erweckt, und es unterliegt keinem Zweifel, daß man bei einem umgekehrten Ausgange des Krieges von 1870 in Frankreich keinen Moment gezögert haben würde, den wertvollen Besitz des preußischen Nachbars mit Beschlag zu telegen., Spanien, Portugal, Norwegen und Dänemark spielen in der Weltwirtschaft keine Rolle; übrigens hat auch nuv Spanien unter allen Dreien nennenswerte Kohlenlager, welche kaum den eigenen Bedarf decken. Auch Oesterreich ist nur mäßig mit Stein- wie Braunkohlen gesegnet, untz nachdem man sich seit Jahrzehnten in Sachsen auf die Braunkohlen der benachbarten böhmischen Reviere verlassen hat, ist es kein Wunder, daß ein umfassender Kohlenarbeiterstreik, wie er jetzt in Böhmen ausgebrochen ist, die Fabriken in Leipzig und Chemnitz zum Stillstand und die sächsischen Staatsbahnen zur Einschränkung des Betriebes zwingt. ' 124 Rußland besitzt in seinem zentralen Teile südlich von Moskau bei Tula, Rjasan und Kaluga sehr bedeutende Kohlenfelder, desgleichen am Ural und Dniepr, und es gehört keine Sehergabe dazu, vorauszusagen, daß hier auch in hundert Jahren die Zentren der großen Industrie stehen werden, welche das mächtig aufstrebende Land dann besitzen wird. Belgien verdankt seinen heutigen Wohlstand in erster Linie seinen Kohlenvorräten, welche sich im Becken von Mons über 900 Quadratkilometer ausdehnen, und zu denen bei Lüttich weitere 540 Quadratkilometer kommen. Allen diesen Ländern an Kohlenreichtum weit voran stehen aber Deutschland und England. Das Saarbecken, oder wie man es jetzt öfter scherzhäfterweise nennen hört, „das Königreich Stumm", ist schon erwähnt worden. Am bekanntesten ist das rheinisch-westfälische Revier, welches aus 2000 Quadratkilometern 130 Flötze mit 77 Meter Kohle enthält. .Recht bedeutend ist auch das niederschlesische Kohlenbecken bei Waldenburg. Alle werden aber an Ausdehnung wie an Kohlenreichtum weit übertroffen von Oberschlesien. Dort findet sich Kohle auf einer-Fläche von 5000 Quadratkilometer, und die 104 abbauwerten Flötze haben eine Gesamtmächtigkeit von 154 Meter Kohle. Der bedeutendste von ihnen ist der Xaveriflötz mit 16 Meter Höhe. Es ist ein eigenartiger Anblick, wenn man vor dieser Kohlenwand steht, welche die Höhe eines ganz stattlichen Hauses hat und Milliarden Zentner Kohle irgt. Kleinere Steinkohlenlager finden sich noch an vielen Orten Deutschlands, fallen aber hier nicht ins Gewicht. England gräbt seine schwarzen Diamanten auf einer Fläche von 30 000 Quadratkilometer Und überall, wo Kohlen liegen, in Südwales, bei Birmingham, Manchester, Liverpool, in Staffordshire, Warwickshire, in Northumberland und Durham, in Cumberland, in Schottland am Firth of Forth oder am Clyde befindet sich das Meer in nächster Nähe. Dank diesem Umstande kann die Kohle auf weithin mit der billigen Wasserfracht versandt werden, und so sind schon viele hundert Millionen Mark aus Norddeutschland als Kaufpreis für englische Kohle ins Ausland gegangen. Die anderen Weltteile sind schnell abgethan. In Afrika finden sich Steinkohlen nur im Kaplande, in Natal, Transvaal und in Deutsch-Ostafrika am Rovuma und zwischen dem Nyassa- und Tanganjikasee und am Sambesi. Um so reicher an Kohle ist China, dessen Lager sich! »unter einer Fläche von der Ausdehnung des Deutschen Reiches erstrecken. Auch Vorder- und Hinterindien, Borneo, der Altai und Sibirien, namentlich die Gegend um Tomsk, sind reich damit gesegnet. Australien besitzt gleichfalls große Kohlenfelder, und Neuseeland ist sogar überreich damit bedacht. Wie wird sich nun die Kohlenfrage in den nächsten Jahrhunderten gestalten? Man berechnet die Kohlenvorräte Englands auf 200 Milliarden Tonnen, diejenigen Deutschlands auf 200 Milliarden, denen in Frankreich 18, in Oesterreich-Ungarn 17, in Belgien 15 Milliarden Tonnen 'gegenüberstehen. Das macht zusammen 400 Milliarden, während Nordamerika deren etwa 700 Milliarden besitzt. Bei der jetzigen Förderung würden die Kohlen zuerst in Oesterreich-Ungarn ausgehen, demnächst itt Frankreich und in Belgien, und zwar wäre das in längstens 400 bis 500 Jahren zu erwarten; dann käme in 600 bis 700 Jahren England an die Reihe und in 100 Jahren träte dieser Fall in Deutschland ein. Jedes Jahr erbringt aber den Beweis, daß die Kohlenförderung zunimmt. Es ist eine sehr mäßige Schätzung, wenn man annimmt, daß sich dieselbe bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf eine halbe Milliarde Tonnen in Europa gehoben haben wird. Bei diesem Verbrauch wäre aber Europa schon in 800 Jahren mit seinen Vorräten gänzlich fertig. Die Sache hat nun aber noch mehrere Haken. Alle vorgenannten Zahlen beruhen auf der Voraussetzung, daß der'Geologie keine bedeutenderen Kohlenlager mehr unbekannt geblieben sind und daß der Abbau in der Tiefe an der jetzigen Grenze Halt machen wird. Beides ist unzutreffend. Selbst die obersten Schichten der Erdrinde sind uns erst unzulänglich bekannt, und das Schicksal des Wiener Geologen und Bimetallisten Süß, der ein baldiges Versiegen der Goldlager in Aussicht stellte und sehen mußte, daß die Goldproduktion wenige Jahre darauf ungeheuer zunahm, kann sich in ähnlicher Weise wiederholen. Zweitens wird man aber die Schächte noch viel tiefer in die Eingeweide der Erde hinabtreiben; der Betrieb wird- dadurch allerdings gefährlicher, weil dann schlagende Wetter in größerem Maße auftreten, und die Produktionskosten nehmen zu. Aber ausführbar ist es mit den modernen Hilfsmitteln, mindestens 600 Meter tiefer, als es bisher geschah, Bergbau zu treiben. Vielleicht ist dies aber zu dem Zeitpunkt, wo die Kohlen zu Ende gehen werden, nicht mehr nötig. Denn andere Naturkräfte, welche Luft und Wärme und Energie spenden, sind genug vorhanden. Es kommt nur darauf an, sie dem Menschen dienstbar zu machen, und in diesen Problemen macht der Erfindungsgeist ja täglich Fortschritte. Es ist erstaunlich, welcher Mittel sich der intelligente Formobstzüchter bedient, um die Natur seinem Willen unterzuordnen. Ungestümes Wachstum bändigt er, indem er starktreibende Aeste in eine mehr wagerechte Stellung bringt, kahle Stellen seiner Spaliere bekleidet er durch Einsetzen von Fruchtaugen und -zweigen. Will ein Auge nicht austreiben, so bringt er oberhalb desselben einen! halbmondförmigen Schnitt an und erzielt dadurch in den meisten Fällen den gewünschten Erfolg. Befinden sich an sonst gesunden Spalierarmen verletzte oder kranke Stellen, so überbrückt er diese durch geschickt ausgeführte Veredelungsmethoden. Viel zu wenig bekannt ist aber ein Verfahren, auf das der praktische Ratgeber im Obst- und Gartenbau in seiner neuesten Nummer in Wort und Bild aufmerksam macht. Man kann nämlich Birnpyramiden, die sich erschöpft haben, oder die Quittenunterlage nicht vertragen, sicher retten und zu freudigerem Wachstum veranlassen, wenn man in den Mutterstamm über der alten Veredelungsstelle Birnwildlinge seitlich einsetzt. Wie das gemacht wird, können Interessenten aus den vom Geschäftsamte des praktischen Ratgebers zu Frankfurt a. O, auf Verlangen kostenlos zugestellten Probenummer ersehen. Schachaufgabe. (Nachdruck Verboten.) 4 3 2 1 8 ■ ■ ■ e 7 MtM n ■ « B ■ ■ I »■.......WtW W 4 AH er'B i iMNMckM Ä abcdef g h ________Schwarz.___________ abcdef g h 8 7 6 Weiß setzt mit dem zweiten Zuge matt. Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Geographischen Verschiebrätsels in voriger Nummer: Budapest Persien Schweiz Paris Teplitz Magdeburg Warschau Redaktion: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schrn Universitäts-Buch" und Steindrnckerei (Pietsch Erbens in Siesien.