ö, !SVV Ä let einen Aal fangen will, der macht erst das Wasser trübe. Sprichwort. (Nachdruck verboten.) Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Ernst Sommer rüttelte an der Thür; sie gab nicht nach, und bitter sagte er: „äßir sind in einer unerhört raffinierten Weise ausgeraubt worden/ die Schurken haben ja Tag und Nacht ganz ungestört zu ihrer Arbeit benutzen können. Ach, mein bedauernswerter Vater, meine arme Schwester!" Die Letztere war bereits zur Stelle, denn sie hatte von dem Dienstmädchen gehört, daß Nother den jungen Herrn geholt habe, und daß unten etwas Besonderes vorgefallen sein müsse/ sie benahm sich sehr klug und gefaßt. „Geht hinauf!" gebot sie den Mädchen, die ihr gefolgt waren, „und verhaltet Euch ruhig. Ich komme auch und will versuchen, es dem Vater schonend beizubringen. Ach, mein Gott, er kann den Tod davon haben!" fügte sie nun doch mit ausbrechender Angst hinzu. „Du weißt nicht, wie groß wohl der Schaden sein kann, der ihm zugefügt ist?" wandte sie sich an ihren Bruder. Er schüttelte den Kopf. „Wie kann ich das wissen? Darüber kann nur der Vater und vielleicht der Kassierer Auskunft geben. Aber ich fürchte, der Verlust ist bedeutender —" Er brach ab, als er das Gesicht der Schwester sich wie im Todesschreck verändern sah und setzte hinzu: „Aber man braucht ja noch nicht alles verloren zu geben. Hoffentlich gelingt es, die Einbrecher zu erwischen und ihnen den Raub wieder abzujagen. Die Polizei muß sogleich benachrichtigt werden." Inzwischen waren einer nach dem anderen auch die im Kontor angestellten Gehilfen herbeigekommen/ einer davon eilte nach dem nächsten Polizeibureau, um die Anzeige zu erstatten, die anderen umstanden die Unglücksstätte und tauschten mit großer Lebhaftigkeit ihre Meinungen aus, wie der Diebstahl hatte ausgeführt werden können. Auch von der Straße drangen Leute ein, und unter ihnen der Baumeister Schüller, der den jetzt auch erscheinenden Polizeibeamten zunächst Rede steh en mußte über die Person seines Mieters. Er konnte dies, ohne daß ihn der geringste Vorwurf traf. Die Meldung des Mannes war von ihm regelrecht bewirkt und dessen Papiere von der Behörde in vollster Ordnung befunden worden. „Hat er denn zum Ausbrechen des Wandschrankes von Ihnen Arbeiter verlangt?" fragte der Beamte. Schüller mußte das verneinen. „Davor würde er sich auch gehütet haben. Die sogenannten Arbeiter waren Verbrecher/ die eigentliche Seele des Anschlags ist aber Ihr Mieter gewesen. Ich habe bereits meine Vermutung, wem das Stückchen zuzutrauen ist, und wir werden ungesäumt an die Verfolgung gehen/ zuvor müssen wir uns aber doch genauer unterrichten, wie die Sache ausgeführt und was eigentlich gestohlen ist. Das Erstere war leichter zu erfahren als das Letztere, denn Sommer, der, gestützt auf den Arm sein Tochter, herbeigewankt kam, war völlig außer stände, die verlangte Auskunft zu geben. Er vermochte nur zu sagen, daß die entwendete Summe sehr bedeutend sei und wiederholte, die Hände ringend und wie geistesabwesend auf den Fußboden starrend, einmal über das andere: „Ich bin zu Grunde gerichtet! Ich bin zu Grunde gerichtet! Von dem Schlage kann ich mich nicht wieder erholen!" Der Kassierer vermochte allerdings über die vorhanden gewesenen Wertsachen und Papiere Angaben zu machen, mußte jedoch hinzufügen, der Chef habe in einem besonderen Fache noch eine Kasse gehabt, zu der er allein den Schlüssel besessen und über die er auch Buch geführt habe. Man mußte vorläufig davon abstehen, darüber nähere Angaben zu erhalten, denn der Bankier erwies sich als vernehmungsunfähtg. Er mußte in seine Wohnung zurückgebracht und der Behandlung des herbeigerufenen Arztes übergeben werden, der seinen Zustand als nicht unbedenklich bezeichnete. Das Durchbrechen der Mauer war mit großer Geschicklichkeit, aber auch mit ebensoviel Vorsicht und Schlauheit ausgeführt worden. Man hatte den angeblichen Wandschrank wirklich erbrochen und zwar in die Wand, welche der an das Haus des Bankiers stoßenden, gegenüberlag, so daß, wenn selbst spähende Augen in den Laden geblickt hätten, jeder Verdacht völlig ausgeschlossen gewesen sein würde. Eine zurückgelassene, der alten grauen, rissigen Wand genau nachgebildete Pappbekleidung gab Zeugnis davon, wie — 494 — geschickt man verfahren war, um die eigentlich beabsichtigte Bresche zu legen. Gedeckt von der so geschaffenen Kulissenwand, mußte das Einhacken dieser Mauer allem Ansckein nach in Zwischenpausen geschehen sein, während der Wandschrank mit großem Lärm und ebenso großem Kraftaufwand hergestellt worden war. Der letzte Durchbruch nach dem Privatkontor des beklagenswerten Sommer war höchstwahrscheinlich während der Feiertage ausgeführt worden, wo das Geschäftslokal wie die Wohnung leer gestanden hatten und auch von den Bewohnern der ersten und dritten Etage niemand daheim geblieben war. Der Polizeibeamte neigte sich der Ansicht zu, die gemachte Beute sei von den Dieben unter dem Schutze der Nacht weggeschafft worden. Auf welche Weise dies vollführt worden war, galt für die Bestohlenen allerdings gleich. Der Raub war gelungen, und dadurch über die Familie unsägliches Leid hereingebrochen, dessen Umfang erst nach und nach in immer bedrohlicherer Gestalt zu Tage trat. Sommer lag in einem Zustande beinahe vollständiger Apathie,- es war nur selten etwas aus ihm herauszubekommen, und was er sagte, war weit mehr geeignet, die Dinge zu verwirren als sie zu klären. Der Kassierer hatte eine Uebersicht des fehlenden baren Geldes, wie der entwendeten Effekten gegeben, und da die Nummern der letzteren gebucht waren, hoffte man, die Diebe bet deren Versilberung abfassen zu können. Die Erwartung erwies sich als trügerisch. Weder in Berlin, noch an einem anderen Handelsplätze tauchte ein einziges der gestohlenen Papiere auf. Die sorgfältigsten Nachforschungen der Behörden erwiesen sich als vollständig vergeblich. Wochen verstrichen, ohne daß sich eine Spur von den Dieben gefunden hätte. Sie waren wie vom Erdboden verschwunden, und bald hatte der Schauplatz ihres schlau ausgeführten Verbrechens in Wirklichkeit dieses Schicksal. Baumeister Schöller hatte seinen Plan geändert und ließ das neben dem Sommer'schen Hause belegens kleine Haus zuerst niederreißen, vielleicht um sich selbst den Ort aus den Augen zu schaffen, der ihn an eine für ihn beschämende Thatsache erinnerte. Er hatte geglaubt mit der Vermietung des Ladens ein gutes Geschäft zu machen und war das Opfer eines pfiffigen Betrügers geworden, der von dem versprochenen hohen Mietspreise natürlich nicht einen Pfennig gezahlt hatte. Wieder erdröhnte das Haus des Bankiers von den Schlägen der die Mauern des Nebenhauses niederlegenden Arbeiter. Kein Fenster konnte geöffnet werden, ohne daß ganze Wolken von Kalkftaub durch den scharfen Wind in die Zimmer gewirbelt wurden, und unruhig und angstvoll hielt sich der Kranke mit beiden Händen den Kopf, mochte er nun auf seinem Lager sich befinden oder von seiner Tochter sorgsam im Lehnstuhl gebettet sein. _ Der Lärm schien nicht nur seinem armen, schwachen Kopfe physisch wehe zu thun, sondern auch Erinnerungen zu wecken, denen er nun angstvoll Worte zu leihen bestrebt war, ohne doch mehr als verworrene, wenig zusammenhängende Sätze hervorbringen zu können. Die Aufklärung, die zu geben der unglückliche Mann sich vergeblich bemühte, kam seinen Kindern in erschreckender Weise von anderer Seite. Es stellte sich heraus, daß Sommer sich auf Spekulationen eingelassen hatte, die mit der Art und dem Umfange seines Geschäftes nicht im Einklang standen. Er hatte jedoch in neuerer Zeit glücklich operiert und mußte im Geheimfach seines Schrankes recht ansehnliche Summen ausbewahrt haben. Die Auszeichnung derselben, die wahrscheinlich dabei gelegen hatte, fehlte jedoch. Die Diebe waren schlau genug gewesen, auch diesen Nachweis über das, was ihnen in die Hände gefallen war, mit sich zu nehmen. Sie schienen überhaupt besser über die augenblickliche I Geschäftslage des Bankiers unterrichtet gewesen zu sein als I dessen Kinder und Angestellte. Sommer hatte Zeitgeschäfte abgeschloffen und allem Anscheine nach die Deckung dafür vorsorglich in seinem eisernen Schrank ausbewahrt gehabt, nun war das Geld weg, die Spekulation fehlgeschlagen — die Differenzen mußten bezahlt werden. Ohne das opferwillige Eingreifen des Kommerzienrates Helldorf hätte der Konkurs über das Sommer'sche Bankgeschäft eröffnet werden müssen,- er war, wie dies häufig genug der Fall ist, von alten Geschäfts- und sonstigen Freunden des Bankiers, denen er sich häufig genug gefällig erwiesen hatte, der einzige, der sich in Wirklichkeit als ein Freund in der Not erwies. Dagegen stellte sich ein anderer ein, dessen Bekanntschaft mit der Familie Sommer doch nur eine sehr kurze und oberflächliche war — Dr. Corbus. Schon an dem Tage, als die Nachricht von dem bet Sommer stattgehabten Einbruch sich verbreitet, hatte er sich eingefunden, um dem Assessor und dessen Schwester seine herzlichste Teilnahme auszudrücken, wobei er auf ihr Gespräch am vergangenen Tuge hinwies und seufzend sagte: „Wären wir damals sogleich hierher gegangen, so hätten wir die Diebe vielleicht bei der Arbeit angetroffen, aber man muß eben ein abgefeimter Gauner oder ein Polizeigenie sein, um auf solche Dinge zu kommen." Trotzdem er von den Geschwistern und namentlich von Ernst sehr frostig behandelt ward, kam er doch noch ein paarmal wieder, um seine Hilfe anzubieten, die besonders darin bestehen sollte, daß er große Summen zur Fortführung des Geschäfts hergeben wollte. Ernst Sommer lehnte dies entschieden ab, und nun rückte Corbus mit dem Vorschlag heraus, er wolle als Teilnehmer etntreten. Erst als auch dies zurückgewiesen ward, zog er sich verletzt zurück. Es wäre dem Asseffor völlig unmöglich gewesen, einem Manne gegenüber Verbindlichkeiten einzugehen, der ihm ein unüberwindliches Mißtrauen einflößte, von dessen Vorleben man nur das wußte, was zu erzählen er für gut fand. Hätte das Geschäft mit Hilfe der von Corbus zur Verfügung gestellten Mittel, oder gar unter seiner Teilhaberschaft fortgeführt werden sollen, so wäre Ernst nichts übrig geblieben, als seinen Beruf aufzugeben und ebenfalls einzutreten — das aber vermochte er nicht. Es wäre ihm vorgekommen, als habe er einen Pakt mit dem Bösen geschlossen. So mochte die Firma denn lieber liquidieren. Dank der Hilfe des Kommerzienrates war es möglich geworden, alle Forderungen zu befriedigen und Sommers guten Namen unangetastet zu erhalten. Frei und ohne Scheu durften seine Kinder vor jedermann das Haupt erheben. Sie waren dem Freunde ihres Vaters unsäglich dankbar für diese Gutthat, und trotzdem war und blieb es für sie ein unaufhörlich bohrender Schmerz, daß sie sich gezwungen gesehen hatten, sie anzunehmen. Kommerzienrat Helldorf hatte in der liebenswürdigsten Weise in Form eines Darlehns das Geld hergegeben; Ernst fragte sich aber doch in den bangen, schweren Stunden, die er wachend auf seinem Lager zubrachte, wie er jemals imstande sein sollte, dasselbe zurückzuzahlen? Zuweilen machte er sich dann einen Vorwurf daraus, das Anerbieten des Dr. Corbus nicht angenommen zu haben, da hier vielleicht die Möglichkeit gewesen wäre, den Wohlstand der Familie wieder zu heben; aber mit Entsetzen rief er dann ganz laut: „Nein, nein, ich konnte, ich durfte es nicht! Lieber das Aeußerste ertragen!" Und viel lag in der That auf den Schultern des armen jungen Mannes. Das geringe Vermögen, das nach Auflösung des Geschäftes und dem bereits in die Wege geleiteten Verkauf des Hauses den Seinen noch übrig blieb, reichte kaum zur Bestreitung des bescheidenen Lebensunterhaltes und zur Pflege des Vaters aus, und er selbst konnte, auch wenn er demnächst zu einer festen Anstellung gelangte, nur auf ein kleines Einkommen rechnen. Weit, weit, in nebelhafte Ferne gerückt — 495 — war die Aussicht auf eine Vereinigung mit der Geliebten, war die Hoffnung, sie den Banden der Dienstbarkeit zu entreißen und ihr ein bescheidenes, aber freies Dasein an seiner Seite zu bereiten. Er fragte sich, ob es unter diesen Umständen nicht seine Schuldigkeit sei, Felicitas ihr Wort zurückzugeben, damit sie ohne jede Rücksicht auf ihn über ihre Hand verfügen könne; einem Mädchen wie sie konnte es ja an einer guten Partie nicht fehlen, sobald sie nur einem geeigneten Bewerber ihre Hand reichen wollte, und, wie er erfahren, sollte ein solcher sich sogar bereits gefunden haben. (Fortsetzung folgt.) Cakes. Von Fred Hood. ------- (Nachdruck verboten.) Die Cakes, welche sich heut ihres hohen Nährwertes, ihres verhältnismäßig geringen Preises und ihrer leichten Konservierung wegen in allen Volksschichten einer hohen Wertschätzung erfreuen, haben, wie schon ihr Name verrät, auf englischem Boden das Licht der Welt erblickt. Aber in England werden diese kleinen, trockenen Backprodukte nicht als Cakes, sondern als Bisquits bezeichnet, während „Cake" nichts mehr und nichts minder als „Kuchen" bedeutet. Diese Bezeichnung findet dort nur auf Backwaren größeren Umfangs Anwendung. Thatsächlich ist das Wort „Bisquit" (zweimal Gebackenes oder „Zwieback") weit treffender, denn es erinnert uns an die ursprünglich angewandte Technik. Wenn ich trotzdem in meinen Ausführungen nicht von englischen Bisquits, sondern ständig von Cakes spreche, so geschieht es, weil uns dieser Ausdruck weit geläufiger ist, und man in Deutschland als „Bisquit" auch die verschiedensten Backwaren von wesentlich anderer Beschaffenheit bezeichnet. Anfangs wurden die Cakes in höchst primitiver Weise erzeugt. Ein aus Mehl und Wasser bereiteter Teig wurde zu großen Blättern ausgerollt und aus diesem durch Hitze alle Feuchtigkeit ausgetrteben. Dabei wurde das sonderbare Gebäck, das dem ungesäuerten Brot der Juden an Konsistenz ähnlich war, so trocken, daß es ein bis zwei Jahre aufbewahrt werden konnte, ohne zu verderben. Das ist nun gerade der Vorzug der Cakes, welche man deshalb auch zu den Konserven zu rechnen pflegt. Um sie nun so trocken als möglich zu bekommen, begnügte man sich nicht mit dem einmaligen Backprozeß, sondern röstete sie zwei oder dreimal über dem Feuer. Dabei wurden sie häufig so hart, daß man sie mit dem Hammer oder Beil spalten mußte, um sie überhaupt genießen zu können. Selbst die im Mehl enthaltene Feuchtigkeit wurde durch diesen radikalen Prozeß mit zum Verdunsten gebracht, so daß man die sonderbare That- sache konstatieren konnte, daß zehn Pfund Mehl kaum neun Pfund Cakes ergaben. Im Grunde war es ein recht trauriges, nüchternes Produkt, das jedenfalls nicht zu den Leckerbissen gezählt werden konnte. Aber aus jenen bescheidenen Anfängen hat sich eine riesige Industrie entwickelt, und die moderne Feinbäckerei bringt nun eine ungeheure Fülle schmackhaften Gebäcks in den Handel, welches gleichsam^ aus den steinharten Cakes jener entschwundenen Epoche hervorgegangen ist. Indem man kleine, handliche Formen schuf und jeder Geschmacksrichtung Rechnung trug, hat man diesen kleinen Kuchen den Weltmarkt erobert. Einige Firmen in England und Schottland, welche über weit ausgedehnte Etablissements verfügen, haben einen Weltruf erlangt. Es sind dies Huntleh & Palmer in Reading, Peak, Frean & Co. in London, Middlemas L Son in Edinburgh, Carr & Co. in Carlisle, Cray, Dünn & Co. in Glasgow und andere mehr. Das Verdienst, diese Industrie in Deutschland eingeführt und sie zu einer großen Bedeutung emporgehoben zu haben, gebührt A. H. Langenese in Hamburg. Dieser Fabrikant fing 1861 ganz bescheiden an, aber die » inzwischen stattlich angewachsene Fabrik versendet jetzt jährlich Cakes und Bisquits im Werte von zirka 300,000 Maik. Es ist fast unglaublich, welch ungeheure Mengen Cakes aus den großen englischen Fabriken hervorgehen, und von welch großer Mannigfaltigkeit diese Erzeugnisse sind. Eins dieser weltberühmten Etablissements fertigt heut nicht weniger als vierhundert verschiedene Arten. Ein solches Etabliffement beschäftigt aber auch Tausende von Arbeitern und setzt hunderte mit Dampf oder Elektrizität betriebene Maschinen in Bewegung. Die Maschinen wägen und mischen das Material, kneten und rollen den Teig, schneiden und stanzen aus den großen, glänzend weißen Blättern die Formen, besorgen den Backprozeß und schließlich auch das Verpacken des fertigen Produktes — und das alles fast ohne jede Mitwirkung der Menschenhand. Und dennoch ist eine so große Zahl von Arbeitern erforderlich, um das nötige Material herbeizuschaffen, die Maschinen zu speisen oder auch das Produkt en großen, auf Schienen rollenden Karren von einem Fabrikraum nach dem andern zu befördern. Dazu kommt eine große Zahl von Leuten, welche mit der Wartung, Regelung und Reparatur der Maschinen betraut find. Es leuchtet ein, daß bei der großen Ausdehnung des Betriebes solch eiw Etablissement auch seine eigenen Telephon- und Telegraphenanlagen, seine eigene Industriebahn, Sägemühlen, Kisten- und Emballagefabriken, endlich auch seine besondere Druckerei und graphische Anstalt zur Herstellung der Preislisten, Plakate usw. besitzt, in welchen wir wieder Hunderte von Arbeitern beschäftigt finden. Die Fabrikanten haben längst herausgefunden, daß sie zu besonders schmackhaften Produkten gelangen, wenn sie das Mehl verschiedener Sorten mischen/ das geschieht in riesigen, mit Rührarmen versehenen Zylindern, die durch Dampskrast in Rotation versetzt werden. Das Mehl für feinere Erzeugnisse wird natürlich auch „gebeutelt". Lie Beutelwerke dieser englischen Etabliffements bestehen in der Regel aus mehreren schräg gestellten Zylindern von etwa sechs Meter Länge und 80 Zentimeter Durchmeffer. Die Zylindermäntel sind aus einem leichten Holz- und Eisengerippe gebildet, über welches ein feines Drahtgewebe oder Seidengaze gespannt ist. Das Mahlgut passiert die schräg gestellten Zylinder, während diese in Rotation gesetzt und gleichzeitig durch mechanische Klopfer erschüttert werden. Das feine Mehl fällt hierbei durch die Maschen des Zylindermantels, während die groben Bestandteile das Beutelwerk am unteren Ende verlassen. Je nach der Maschenweite dieser Stebwände kann man natürlich ein gröberes oder feineres Produkt erzielen und jedes gesondert in entsprechenden Behältern aufsaugen. Es wäre interessant, zu ermitteln, wie viele Erfindet ihre ganze Gelehrsamkeit und ihren Mutterwitz darauf verwandt haben, diesen kleinen Kuchen eine gefällige Form und einen angenehmen Geschmack zu verleihen/ denn man arbeitet in dieser Industrie mit Maschinen, die man nahezu als vollkommen bezeichnen möchte. Da giebt es sinnreiche Maschinen, welche das Einschlagen der Eier besorgen, Maschinen, die die Eier mit Milch und Butter mischen, mit Syrup, Korinthen, Rosinen, Zucker und allen möglichen Gewürzen zusammenrühren, wie es gerade die zu bereitenden Cakes verlangen- Dann muß das erzeugte Produkt auch tüchtig durchgeknetet werden. > Das geschieht in einer Maschine, in welcher der Teig zwischen zahlreichen Walzen und Rollen hindurchgeführt und dann wieder zur Abwechselung von eigenartigen Vorrichtungen bearbeitet wird, die wie kräftige MenschenfäustL auf die zähe Materie wirken. So wird der Teig geknetet, gequetscht, gerollt, geschlagen, auseinandergerissen und wieder zusammengepreßt, bis er zu einer völlig gleichmäßigen gefügigen Masse geworden. Ein Wagen rollt heran, um sie nach einer neuen rasselnden Maschine zu befördern, die einer Rotationsmaschine ähnlich ist. Der Teig wird an einem Ende htneingethan, läuft zwischen großen, glatten Holzrollen hindurch, die ihn zu breiten, glänzenden Blättern auswalzen, welche gerade die 496 — Stärke der herzustellenden Cakes erhalten. Diese riesigen Teigblätter gleiten dann unter einer ganzen Reihe von Stanzen dahin, welche bei jeder Bewegung der Maschine, bei jeder Umdrehung der Walzen zugleich Hunderte kleiner Kuchen ausstanzen und formen. Sie marschieren tadellos, in dichten Reihen gedrängt auf Blechen und für den Ofen bereit, aus der Maschine hervor. Eine solche Maschine bringt bei zehnstündiger Arbeitszeit nicht weniger als 2% Millionen Cakes fertig. Infolge dieser gleichmäßigen Behandlung der ganzen Teigmaffe in den Rühr-, Knet- und Stanzmaschinen gehen die Cakes schließlich in absolut gleichen Formen aus dem Mechanismus hervor. Aber nun müffen sie auch der gleichen Temperatur und einer möglichst gleichmäßigen Hitze ausgesetzt werden, um ihre gefällige Form zu bewahren und gleich gelb oder bräunlich getönt aus dem Ofen zu kommen. Diese Backöfen sind angeheizte Kammern, durch welche die Cakes auf Blechen, in Reihen geordnet, langsam htndurch- gezogen werden und zwar derart, daß den ganzen lieben langen Tag auf „Ketten ohne Ende" ruhende Bleche an der Vorderöffnung in den Ofen eintreten, um ihn am anderen Ende zu verlaffen. Die Geschwindigkeit der Bewegung und natürlich auch die Temperatur kann je nach der Beschaffenheit des zu erzielenden Gebäcks reguliert werden. Dieses gelangt endlich nach den Packsälen, um in vielen Tausenden von Büchsen und Kästchen die Fabrik zu verlassen. Man hat berechnet, daß eine englische Fabrik, welche nur 2000 Arbeiter beschäftigt, also noch nicht zu den größten zählt, zur Beschaffung der Milch ständig etwa 750 Kühe nötig hätte. Nicht weniger als vierzigtausend Hennen müßte das Etablissement in Anspruch nehmen, um den nötigen Jahresbedarf an Eiern zu decken. Die Fabrik empfängt jährlich nicht weniger als 1200 Waggonladungen Mehl und 500 Wagen Zucker. Füge ich hierzu noch die Berge von Korinthen, Marmeladen, Zitronat, Gewürzen und all die anderen leckeren Dinge, so haben wir ein ganzes Schlaraffenland, in welchem gerade noch die gebratenen Tauben fehlen. Diese bedeutsame Entwicklung der Cakes-Industrie aus ganz bescheidenen Anfängen beweist uns, daß es nicht immer die kostbaren Erzeugnisse sind, welche der Industrie eines Landes große Kapitalien eintragen. Das Kleinste, scheinbar Unbedeutende, das wir achtlos behandeln oder als etwas Selbstverständliches hinnehmen, kann in der Industrie gerade eine ganz hervorragende Rolle spielen. Und wie in der Natur die kleinsten Lebewesen eine Macht bedeuten, mit der wir rechnen müssen, so giebt es auch in der Industrie eine „Macht der Kleinen", welche sich zu einer Großmacht auswachsen kann — wie die Cakes. Gemeinnütziges. Um Lever auf seine Qualität zu prüfe«, lege man ein kleines Stück des in Frage kommenden in Essig. Wird durch das Liegen des Leders in dem Essig die Farbe nur etwas dunkler, ohne sich sonst zu verändern, so ist das Leder vollständig gegerbt. Ist das Leder jedoch nicht vollkommen mit Tannin imprägniert, so schwellen die Fasern in kurzer Zeit stark an und das ganze Stückchen Leder verwandelt sich nach und nach in eine gelatinöse Masse. Oefundyeitspflege. Die Tomaten (Paradiesäpfel). Die Verwertung der Tomaten ist, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, eine äußerst mannigfaltige, sowohl im frischen Zustande, wie im präservierten. Manche Leute müssen sich erst an den Geschmack gewöhnen, dann kann man sie aber jeden Tag effen, ohne Ueberdruß zu bekommen. Ferner verdient noch hervorgehoben zu werden, daß die Tomaten anregend auf die Leber wirken. Wer über eine träge Leber zu klagen hat, dem wird der Genuß von frischem oder gekochtem Obste empfohlen, allein die Tomaten bilden eine noch wirksamere Diät, da man nicht, wie beim Obstgenuß, eine gewisse Grenze einhalten muß. Kl. Vermischtes. Die Beglückwünschungen beim Niese«. Der gelehrte Aristoteles glaubte deren Grund in der religiösen Verehrung des Kopfes, als des vornehmsten Körperteils, zu finden. Nach einer andern Sage hielt Prometheus dem neugeschaffenen Menschen einen Sonnenstrahl unter die Nase, das Leben gab sich durch Niesen kund, Prometheus rief in seiner Sprache prosit, und der erfreute Mensch vererbte diesen Glückwunsch auf seine Nachkommen. Nach Ueberlieferung der Rabbiner führte Gott nach der Schöpfung das Gesetz ein, daß der Mensch im Leben nur einmal, und zwar kurz vor seinem Tode, niesen solle. Der ebenso schlaue wie fromme Patriarch Jakob bat um eine andere Todesart, wurde erhört, nieste und starb nicht. Nach dieser Abweichung vom alten Brauch rief man, so ost jemand nieste: „Wohl bekomme es!" Bei den alten Griechen war das gebräuchliche Kompliment: „Lebe!" oder „Jupiter hilf!", bei den Römern: „Salve!" Die Quäker sind die einzigen unter allen bekannten Erdbewohnern, welche diese Gewohnheit nicht befolgen. Sonst findet man den Glückwunsch in allen Weltteilen. Niest der König von Monomotapa, so freut sich die ganze Stadt mit Beten und Rufen. Nieste der Kazike von Gnachoja, so neigten sich die Indianer vor ihm und baten die Sonne, ihren Fürsten zu schützen. Bald mischte sich der Aberglaube mit ein: Wer morgens beim Aufstehen nieste, befürchtete einen Unfall, in den Stunden von Mittag bis Mitternacht war es gut und Glück verkündend, in den übrigen wieder Unglück verheißend. — Noch jetzt heißt „eine Sache beniesen" soviel wie deren Wahrheit bekräftigen. Einer Dame zu sagen, „daß die Liebesgötter bei ihrer Geburt geniest" hätten, war eine feine Schmeichelei bei den griechischen und römischen Dichtern. Als Penelope ihren Freiern den Korb gab und die Götter um Ulysses' Rückkehr anflehte, nieste Telemach so heftig, daß das ganze Gemach davon erschüttert und Penelope davon hoffnungsvoll gestimmt wurde. Als Xenophon seine Armee zu einem gefährlichen Entschluß aufforderte, nieste ein Soldat heftig, worauf das erfreute Heer den Götten Dankopfer brachte. — Wenn in unserer nüchternen Zeit auch vielfach das Beglückwünschen beim Niesen nicht mehr als anständig gilt, so wollen wir doch die uralte Sitte nicht verachten. Denn das Niesen ist meistens ein Zeichen kräftiger Gesundheit und wird in mancher schweren Krankheit als eine glückliche Krisis angesehen. Also „Hatzi!" — „Prosit!" Bilderrätsel. Nachbildung verboten. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Logogriph in voriger Nummer: Tauber, Ander. Sebastian: <$. Burkhardt. — Sruck und Verlag der Brühl'schen UniversttSts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.