Samstag den 30. Dezember iMiliÜßB TTrmrftrt zeitlich ist, fleucht weg behend, Ewig ist lang und hat kein End'. Sprichwort. Alles was geboren, Hat der Tod erkoren. Sprichwort. Moselblümchen. Eine Sylvestergeschichte von Fritz Schott.*) ------- (Nachdruck verboten.) Im Delikateßgeschäft der Witwe Bolten waren Mutter und Töchter in emsiger Thätigkeit. Es galt, mancherlei Kasten und Körbe auszupacken, aber so sehr die Mädchen sich damit auch beeilten, es war längst Mitternacht vorbei, ehe der Laden aufgeräumt, das Schaufenster dekoriert war und alle die Herrlichkeiten, welche für Sylvester und Neujahr Käufer anlocken sollten, wohl geordnet dalagen. Die kleine Handlung hatte das erste Geschäftsjahr hinter sich. Sie war zu sehr abseits gelegen, um mit anderen Geschäften in Wettbewerb treten zu können, und Witwe Bolten begnügte sich damit, den anspruchsvollen Bewohnern von Berlin W. als bescheidene Aushilfe zu dienen. Aus diesem Grunde war der Warenvorrat gering, weil aber dort von vielem etwas zu haben war, erfreute sich das kleine Geschäft regen nachbarlichen Zuspruchs. Es graute kaum der Morgen, als Witwe Bolten schon die schwere Rolljalousie vor ihrem Schaufenster aufzog, und auf die Straße tretend, mit wohlgefälligem Blick das kunstvolle Arrangement ihrer Töchter betrachtete. Die Witwe hatte wirklich Grund, zufrieden zu fein; „Borchardt" konnte sich großartiger zeigen, an Stimmung aber leistete sie nicht weniger Zauberhaftes. Den Glanzpunkt der Schaufenster*) Wir entnehmen diese reizende Sylvestergeschichte dem bei Georg Heinrich Meyer in Leipzig erschienenen Geschichtenbuch „Im Winkel der Großstadt" von Fritz Schott. Preis geh. Mk. 3,—, geb. Mk. 4,—. Der Verfasser, dessen Erzählungen in der „Tägl. Rundschau" seiner Zeit berechtigtes Aufsehen erregten, zeigt sich in der vorliegenden Sammlung erst recht als ein ganz ungemein feiner Kenner großstädtischen Lebens, als ein Poet von köstlichem Humor und, wenn es darauf ankommt, von tiefstem Lebcnsernst, ja, von erschütternder Tragik. Er beherrscht die ganze Skala deutschinnigen Empfindens und wird, davon find wir überzeugt, nicht nur wie bisher der Lieblingsautor eines kleinen Kreises sondern in Kürze ein Liebling jedes deutschen Hauses sein. dekoration bildete das Mittelstück: auf bauschigem, rosa Seidenpapier lässig ruhend, eine korpulente, goldhalsige Veuve Cliquot, die einzige zwar, deren sich die Handlung rühmen konnte, und erst nach langer, reiflicher Ueberlegung als Paradestück angeschafft. Rechts und links von ihr ein paar Flaschen Burgunder, Punschextrakt und Likör, dann Weintrauben, amerikanische Aepfel, Räucherfische, Büchsen, Pastetentöpfe, Weißweinflalchen — alles scheinbar nachlässig hingeworfen und doch von anheimelndem Behagen umgeben. Ganz im Vordergründe, dicht an die Glasscheibe gepreßt, lag ein Hummer. Nur schweren Herzens hatte sich die Witwe zu seinem Einkauf entschlossen, und die Sorge um sein Leben hatte ihr die Nachtruhe gekürzt. Jetzt, da sie ihn wohlbehalten die runden Knopfaugen bewegen sah, mußte sie sich eingestehen, daß gerade die ungeschickte Beweglichkeit dieses Lebewesens den Hauptreiz des Schaufensters ausmachte und das Stillleben aufs angenehmste unterbrach. Ganz befriedigt, voll Hoffnung auf einen guten Geschäftstag ging Frau Bolten in ihren Laden zurück. Langsam löste sich der helle Morgen aus dämmrigen Nebelschleiern. Rotgoldenes Sonnenlicht streifte die Fenster der Straße und spiegelte sich funkensprühend in den Krhstall- scheiben der Delikateßhandlung. Langsam ließ der Hummer seine Fühlhörner spielen; als er dann in dreister Lappigkeit seinen gepanzerten Leib über eine Weißweinflasche zu ziehen sich bemühte, vernahm er ein merkwürdiges Stöhnen. Erschreckt zog er seine Scheren zurück, und sich ein wenig in die Höhe richtend, ward er Zeuge nie erlebter Dinge. In der Mitte des Stilllebens rührte es sich, der prächtige Goldhals der Madame Cliquot bewegte sich stolz über dem knistrigen Seidenpapierkleid und mit tiefer Altstimme und fremdländischem Accent begann die Dame also: „Wer seufzte da? Ist jemand meines Geschlechts in meiner Nähe?" Schüchtern erhob sich eine leicht verkorkte Weinflasche von ihrem Lager, und ihren zarten Hals ein wenig neigend, stotterte sie: „Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich Sie aus Ihrer langjährigen Ruhe aufgeschreckt habe, mir war's, als sollt' ich erdrückt werden, sonst hätte ich Sie gewiß nicht gestört." Die goldstrotzende Französin blickte herablassend auf die Sprecherin, dann sagte sie: „Es ist mir nicht unlieb, daß das langweilige Einerlei meines Daseins unterbrochen worden. Sie scheinen wohlerzogen, Kleine. Doch wohl in meinem Heimatlande! Ihr Name?" „Moselblümchen, gnädige Frau! Sie können selbst die Marke an meinem Kleidersaum lesen, Wenns Ihnen beliebt!" 746 „So — so", gab Madame lang gezogen zurück — „und niemals Frankreich berührt?" „Wo denken Sie hin, gnädige Frau", erwiderte Mosel- blümchen und lachte so heftig, daß sich ein paar Bläschen in der Flasche bildeten, „ich bin ja erst vom letzten Jahrgang. Aber weil die Sonnenstrahlen meine besten Spielgefährten waren, setzte man große Hoffnungen auf mich. Und ich glaub'", fügte das Moselblümchen etwas selbstbewußt hinzu, „man hat sich nicht in mir getäuscht. „Erklären Sie sich näher", sagte die Cliquot, „so etwas interessiert mich." „Gern, Madame. Also hören Sie. Kaum war ich in dies enge gläserne Kleid gezwängt, als man mich schon für genießbar hielt. Mein Stolz war grenzenlos, denn das langjährige Kellerdasein, von dem ich gehört, und dem leider so viele meiner Verwandtschaft zum Opfer gefallen sind, denke ich mir entsetzlich." „Welch kindischer Unverstand, Kleine! Der Aufenthalt in den Mauern eines wohlassortierten Weinkellers ist der einzige Reiz unseres flüchtigen Lebens. Hätten Sie ihn kennen gelernt, hätten Sie erlebt, was ich erlebte" — hier seufzte die Cliquot tief auf —, „hätten Sie in der vornehmsten Gesellschaft, unter den edelsten staubumsponnenen Häuptern eine Rolle gespielt, wie ich, Sir könnten meinen Schmerz verstehen, wo ich jetzt dem allen entrissen und einer ungewiffen Zukunft ausgesetzt bin!" „Ach, Madame", erwiderte Moselblümchen kleinlaut, „das alles hat mir noch niemand gesagt!" „Natürlich nicht! Ja, ja, das kennt man! Die liebe Unschuld freut sich, Hals über Kopf in die Welt zu kommen, um dann ohne Sang und Klang verthan zu werden. Sinnlos verbraucht, ohne Geschichte, ohne eine intime Geschichte, und darauf, Kleine, kommt es doch einzig an!" Madames tiefe Altstimme hatte eine wundervolle Färbung erhalten, so daß Moselblümchen ihr atemlos zuhörte, als jene erregt fortfuhr! „Wie wird Ihr Los denn? Für ein paar Nickel ersteht sie irgend ein kleines Schneidermädchen oder eine alte Jungfer, um für sich und die lieben Ihren unter Beimischung unwürdiger Surrogate aus Ihnen einen tugendhaften Sylvesterpunsch zu brauen. Ungeheure Pfannkuchen verzehrt man bei Ihrem kläglichen Ende oder gar Käsestullen — die Berliner sind groß in dieser Geschmacksverirrung — ich dagegen — —!" „Sie dagegen?" fragte Moselbümchen gespannt. „Bin ein Cliquot, mein Kind das genügt!" Zerknirscht erkannte Moselblümchen den Abstand der Geburt. Wie fröhlich wars in die Welt gezogen und wie begehrenswert war es sich selbst vorgekommen in seinem Hellen, gelbgrünen Kleidchen. Sollte es wirklich ein so klägliches Ende nehmen mit der Lebensfreude? Gern hätte es mit der welterfahrenen Frau weiter geplaudert — aber die Ladenthür wurde jetzt oft auf und zu gemacht, Käufer kamen und gingen, daß es nicht möglich war, die leise Unterhaltung fortzusetzen. Inzwischen war es Abend geworden, der Warenvorrat des Schaufensters zeigte Lücken, und endlich schien so viel Ruhe im Geschäftsverkehr eingetreten zu sein, daß Moselblümchen seinem gequälten Herzen Lust machen konnte. So hob es neugierig ein wenig das Köpfchen und fragte leise: „Verzeihung, gnädige Frau, wie ich sehe, sind Sie noch da — wie geht es Ihnen?" „Danke, gut, Kleine!" „Aber mir ist schrecklich zu Mut! Immer dies aufregende Gefühl, ob man einen Liebhaber findet, und wie es einem ergehen wird — man kommt aus der Angst nicht heraus! Glücklicherweise ist es jetzt aber viel anständiger in unserer Nähe geworden — dieser entsetzliche Limburger rechts ist verschwunden, die thranigen Bücklinge links sind fort — und selbst der gepanzerte Herr aus Helgoland hat uns ver- laffen!" „So, so," sagte schläfrig Madame Cliquot. „Merkten Sie das gar nicht, gnädige Frau?" „Ich schlief und hatte angenehme Träume!" „Sind Sie denn gar nicht aufgeregt?" „Nicht im geringsten," lächelte die Cliquot überlegen. „Und ich wollte beinahe vergehen! Hätten Sie das nur auch gesehen, Madame!" „Was denn?" „Oder vielmehr ihn gesehen, von dem ich fürchtete und hoffte mitgenommen zu werden!" „Wer war es denn?" „O Madame, wenn ich Ihnen das beschreiben könnte. Himmlisch! Ich glaube ein Leutnant!" Madame lachte hell auf. In diesem Augenblick trat ein schlanker junger Mann ans Schaufenster und warf vorübergehend einen Blick auf Frau Boltens Delikatessen. „Der!" rief Moselblümchen, außer sich vor Freude, „sehen Sie die entzückende Uniform, Madame!" „Erst Fähnrich, meine Liebe!" „Das ist ja gleich I Ich finde ihn entzückend! Ueberhaupt schwärme ich fürs Militär!" „Aber das Militär wohl nicht für Sie!" höhnte die Cliquot. „Wie Sie sehen, haben Sie nicht den geringsten Eindruck auf diesen Jüngling gemacht! Ich finde Sie überhaupt etwas eingebildet, meine Beste. Der erklärte Liebling des Militärs bin ich! Während die Herren der Schöpfung Sie in Selter- oder Sodawasser ertränken, bin ich berufen, die Geister auf die Höhen alles Genusses zu führen! Ein Tropfen meines kostbaren Blutes vermag mehr, als Ihr ganzer seelenloser Inhalt! Wer mich trinkt, dem verleihe ick Grazie, Laune, Begeisterung! Der Jugend entflamme ich sehnsüchtige Wünsche, dem Alter schenke ich Jünglingskraft. Ich zaubere Rosenglut auf zarte Wangen, schüre das Feuer der Blicke und lasse aus ihnen verschwiegene Gedanken sprechen — allen aber steig' ich zu Kopf, und das ist mein Temperament, Kleine!" Moselblümchen hatte eine Antwort auf den Lippen, aber da wurde die Ladenthür aufgeriflen, ein Dienstmädchen stürmte herein mit der Erklärung, daß der Weinhändler die Herrschaft hätte sitzen lassen, und ehe Moselblümchen sich noch von seinem Schreck erholen konnte, stand es zugleich mit der vornehmen Französin auf dem Ladentisch. „Deutschen Sekt habe ich leider nicht," sagte Frau Bolten, „aber wenn Sie diesen mal mitnehmen wollen — vielleicht nimmt die gnädige Frau noch ein paar Flaschen leichten Mosel dazu — ich lege diese Flasche zur Probe bei — zur Bowle ausgezeichnet — und wenn dann zuletzt echt französischer Sekt dazu kommt, feineres giebts nicht!" „Na, denn man her damit!" Damit eilte das Mädchen davon, mit jeder ihrer kräftigen Hände eine der Flaschen umfassend. Der Schreck hatte das Moselblümchen beinahe betäubt. Als es seine Fassung wieder hatte, sah es sich in einer neue« Welt. In einem hell erleuchteten Saal saßen an festlich gedeckter Tafel fröhliche Menschen. Auf schweren Schüsseln wurden leckere Speisen gereicht, in schlanken Pokalen und weiten, geschliffenen Gläsern funkelte Traubenblut. Die ganze Luft erfüllte ein seltsamer Duft — alles atmete heitere Sorglosigkeit und warme Lebensfreude. Moselblümchen erschauerte. Gewiß — jetzt gings zu Ende — aber wenn es sein mußte — so hier und nirgend anders! Seines Geschickes harrend, stand es auf dem Serviertisch, und weil es so gern die Menschenlust sehen wollte, reckte es seinen Hals. Und plötzlich hätte es aufjauchzen mögen! Am Ende der Tafel, hinter einem mit Früchten und Konfekt hoch aufgetürmten Aufsatz schimmerten goldene Tressen und des schmucken Fähnrichs rosiges Apfelgesicht leuchtete wie in Sonnenlicht getaucht. Neben ihm, ganz dicht, einer Frühlingsblüte gleich, ein blondhaariges Mägdelein. Dustwolken leichten, lichten Stoffes umfließen die taufrischen Glieder, die 747 n mit Purpur male ich deine schneeigen das sie schlürfend über die Lippen so mancherlei!" Ellenbogen be- vpfere ich mich willig! ins Goldhaar — und Wangen. Trink!" Und sie trank. Jedes Tröpflcin, Loch so viel von ihm!" „WaS denn?" fragte sie ausgelassen. „Na die Epauletts — und dann noch Sie rücken noch ein wenig näher, die Wunder, wenn's Und ich erwarte nicht quälen. Aber schad' ists, Else, wir irgend was anstoßen I" „Selterwaffer thuts auch!" „Das wäre geradezu sündhaft! Kein einem danach schlecht geht im neuen Jahr! rühren sich, und flammende Blutwellen fliegen über des Mädchens Wangen. „Ja — richtig, anstoßen müssen wir denn doch! Und wenn's mit Selter nicht feierlich genug ist — gieb mir ein wenig leichten Wein, den kann ich noch am besten vertragen." Er springt auf, winkt der Bedienung, läßt die Flasche Moselblümchen bringen und entkorken. „Jetzt", dachte das Moselblümchen, und das Eisen in seinem Korke fühlend, zuckt es zusammen. Der Fähnrich gießt ein Schlückchen ins Glas und probiert. „Ein ganz guter Tropfen, Else, grab wie für dich geschaffen, leicht, ein feines Aroma, davon kannst du ordentlich trinken!" Und er füllt den Pokal. Eine tragikomische Liebesgeschichte. —-—- (Nachdruck verboten.) Seine Kleider hingen locker um seine eckigen Glieder,- seine sonst tadellose Kravatte saß schlecht und schlaff. Sein Auge war trübe, sein Schnurrbart hing wehmütig herab und aus seinem Munde kam etwas wie ein Seufzer — als er vor mir eine Portion Beefsteak mit Zwiebeln niedersetzte. Hierauf beehrte er mich mit seinem Vertrauen in den kurzen Pausen, die ihm die Aufträge der anderen Gäste gestatteten. Seine Geschichte war tragisch, aber die Art und Weise, wie sie mir vorgetragen wurde, raubten ihr viel von ihrer erschütternden Wirkung. Ich hörte nur Fragmente dieser seltsamen Geschichte, gemischt mit den Rufen der übrigen Kellner und der ungeduldigen Gäste. „Es ist alles aus, Herr," flüsterte er. „Was ist aus, Karl?" fragte ich. — Ich genoß sein neckisches Spiel. „Siehst du, Else, das macht fidel!" sagte der Fähnrich. „Und schmeckt himmlisch! So kühl — gar nicht stark! Und so lustig ist mir zu Mut — wie Ostern, als ich den letzten Tag aus der Schule kam — und Bücher, Mappe und Tintenfaß zum Fenster hinauswarf." Der Fähnrich lachte. „Famos, Else, du sollst leben!" „Und du auch, Eberhard!" Die Gläser berührten fich, in einem Zuge waren sie leer. „Noch eins, Else!" „Ja, bitte! Ich merke wirklich noch gar nichts. So -furchtbar glücklich bin ich — und so schön ist alles! Selbst -drüben der dicke Onkel Gustav kommt mir so hübsch vor — und gut — und die gräßliche Tante Marie, die mir immer sagt, ich sollte mich nicht unterstehen, dich zu lieben — die Wnnt' ich umarmen!" „So was sagt die Tante Marie?" Sie nickte. „Und viel mehr noch! Heiraten würdest du mich doch micht —" .Trink, schönes Mädchen," dachte Moselblümchen, „dir Meinen Hollunderzweig drücke ich dir gleiten ließ, jagte mit koboldartiger Schnelligkeit durch die Adern, und als der Tropsen viele wurden, trieben Mosel- blümchens losgelaffene Geister im Kopf der Kleinen ein Augen leuchten übermütig, und der kirschrote Mund plaudert allerhand krauses Zeug. „Gleich kommt Bowle, Else, die trinkst du doch!" sagt der Fähnrich und blickt ihr in das lustige Gesicht. „Die erst recht nicht," erwidert sie, „ich kann wirklich gar nichts vertragen!" „Ein Glas, Else!" „Nein, nein — nicht einen Schluck! Ich kriege immer gleich 'nen Schwipps — und Mama hätte mich gar nicht hergelassen, wenn ich ihr nicht die Hand darauf gegeben hätte, Zeinen Tropfen Bowle zu trinken!" „Aber irgend was muß doch der Mensch trinken! Alle guten Vorsätze gelten von morgen ab — heut kannst du doch noch eine Ausnahme machen — eine Koustne mit 'nem kleinen Schwipps ist überhaupt sehr was nettes! „Nein, nein, Eberhard," rief das Mädchen, „hilf mir lieber, daß ich fest bleibe!" „Kommst du in der Tonart, dann darf ich dich freilich müssen doch mit „Warum nicht?" unterbrach sie der Fähnrich heftig. „Weil ich kaum das Kommiß habe!" „So'n Unsinn!" „Ach, Eberhard, du bist der beste Koustn auf der ganzen Welt! Und ich könnt' mich kringeln über Tante Marie, wie die immer zu uns 'rüber sieht! Gieb mir noch ein ganz klein bißchen Mosel!" Er zögerte. Ihre Ausgelassenheit und ihr blankes Augenpaar flößten ihm doch einige Besorgnis ein. „®er Rest soll bleiben, bis es zwölf ist, damit du was zum Anstoßen mit den andern hast, Else." — Langsam und feierlich verhallte der letzte Glockenschlag des alten Jahres. Still wurde es im Saal — der Hausherr erhob sich, füllte das Glas, und alles Denken, Wünschen, Hoffen zusammenfassend, sagte er: „Dem Künftigen!" Stühle rückten, Gläser klangen, Stimmen schwirrten durcheinander. „Mir ist, als hätte ich gar keine Füße," sagte Else, sich wieder setzend. „Wie meinst du das?" „So leicht, so zum Fliegen ist mir — nur den Kopf fühl' ich, und der kommt mir riesengroß vor. „Und schwer?" Sie nickte. „Dann trink' keinen Tropfen mehr!" „Barbar! Nun hab' ich erst Lust darauf bekommen", lachte sie mit flackerndern Augen. Ananasbowle wurde aufgetragen. Der Hausherr prüfte, rührte und prüfte wieder. Dann neigte er sich zum Weinkübel, nahm vom kühlen Eisbett die Cliquot, und ihr festes Halsband lösend, goß er das perlende Naß in die Krystall- schale. Klanglos versank die Stolze in die Allgemeinheit. Moselblümchen war seinem Ende nahe. Als es den Champagnerpropfen knallen hörte, reckte es sich noch einmal । und sah, was vorging. „O, Madame, das also ist Ihr Los?" flüsterte es. „Mein Ende dünkt mich beneidenswert gegen das Ihre! Was Temperament ist, davon könnte ich doch jetzt auch ein Wort mitsprechen!" — „Dies Glas der Jugend," sagte der Hausherr, seinem Aeltesten zutrinkend, „und auf den baldigen Leutnant!" Schön Elschen trank Moselblümchens letzten Tropfen. Hastig, wie er geschlürft, jagten die munteren Weingeister- chen durch des Mägdleins Hirn. Munter schnellte es empor, hob den leeren Pokal, nickte übermütig dem Vetter zu und I deklamierte: „Der Fähnrich — der wird Leutenant — Das Kalb wird später Ochs genannt!" „Else, Else!" rief entsetzt Tante Marie. „Aber Else I — Mädchen!" Die ganze Gesellschaft geriet in lebhafteste I Bewegung. „Um Gottes willen, Eberhard, was hat denn das I Mädel getrunken?" — „Moselblümchen!" 748 Vertrauen, er achtete wich, weil ich ihm stets zwei Nickel Trinkgeld zahlte. „Zwischen mir und — Kalbsbrust! — Ja, Herr." „Das junge Mädchen machte Eindruck auf — Einen Kümmelkäse!" „Ich liebte sie, wie kein Mann je liebte — Gebratene Kalbsleber!" „Ich hätte alles hingegeben für — Ein Gläschen Eognac!" „Sie war Köchin, Herr, und so anständig wie — Ne gebratene Gans!" „Wir hielten ein halbes Jahr lang zusammen und alles ging so schön — Durchgebraten! — Jawohl!" „Aber es kam eine Zeit, als mein Seelenfrieden zerstört war und alles durch — Etwas Schmalz! Ja, Herr." „Es war einer von der Gardekavallerie. Als ich das erfuhr, sagte ich: — Rostbcaf ist alle." „Marianne, sagte ich, laß dich nicht täuschen durch — Backpflaumen!" „Das Militär hat einen bunten Rock- aber es schlagen keine treuen Herzen in ihren — Nieren mit Bratkartoffeln." „Ich sagte: Wähle zwischen uns, sagte ich. Und sie wählte, aber Nicht Hammel- sondern Kalbskotelett!" — —" Des armen Burschen einfache, kunstlose Geschichte rührte mich tief. „Karl," sagte ich, „ich bedaure Sie." „Danke, Herr, danke! — Suppe 30, Beefsteak mit Zwiebeln 1,20 Kartoffeln 20, Gurken 20, Brot 10, Bier 30, ein Gläschen Bittern 20 — macht 2,50. Ja, Herr- Das war ein Schlag, ein herber Schlag — Jawohl, Kalbskopf!" Ueber den Nutzen des Stares. Dem berühmten Naturforscher Lenz, der viele bestimmte und genaue Beobachtungen aus der Vogelwelt zur öffentlichen Kenntnis gebracht hat, verdanken wir folgende interessante Mitteilungen über den Star: „Ist die erste Brut ausgekrochen, so bringen die Alten in der Regel vormittags alle drei Minuten Futter zum Neste, nachmittags alle fünf Minuten, macht jeden Vormittag in sieben Stunden 140 fette Schnecken oder das Gleichartige an Heuschrecken, Raupen u. s. w., nachmittags 84. Auf die zwei Alten rechne ich in der Stunde wenigstens zusammen zehn Schnecken, macht in 14 Stunden 140. In Summa werden also von der Familie 364 höchst schädliche Schnecken verzehrt. Im Auftrage des hiesigen Tierschutzvereins find in dem großen, schönen Garten der Frau Dr. Ploch dahier acht Nistkästchen für Stare aufgehängt worden, die alle bewohnt waren, und es fliegen demnach von hier aus eine nützliche Streiterschar gegen oben genanntes schädliches Ungeziefer von 96 Stück in Flur, Feld und Wald. Auf Veranlassung des hiesigen Tierschutzvereins sind um die Stadt und an anderen verschiedenen Stellen nahezu an 500 Nistkästchen für Stare angebracht worden, und es wird sicherlich dadurch ein großer Nutzen gestiftet. Die Stare verdienen daher nicht nur gehegt und gepflegt zu werden, sondern auch, daß man denselben recht viele Nistkästchen anbringen läßt. Gießen, im Dezember 1899. H. Cur sch mann. Hrrnrovistisches. Die höhere Tochter auf dem Lande. Luci: „Wer bekommt das viele Salz?" — Magd: „Unsere Kuh." — Luci: „Muß die aber verliebt sein!" Wie man spricht. Marktfrau: „Haben Sie sonst noch etwas auf dem Herzen, Fräuleinchen." — Fräulein: „Ja, ein Pfund Gänsefett!" Citterarifcbes. Aufgaben und Ziele des Menschenlebens. Bon Dr. I. Unold in München. („Aus Natur und Geisteswclt". Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen ans allen Gebieten des Wissens. 12 monatliche Bändchen zu je 90 Pfg., geschmackvoll gebunden zu je Mk. 1,15.) Verlag von B. G. Teubner in Leipzig. Jeder denkende Mensch wird und muß sich heute — wo die modernen Kulturvölker, wie die Entwickelung ihres wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens lehrt, in unaufhaltsamem Uebergang begriffen sind aus dem naiven, von Sitten und Autorität geleiteten Dahinleben zur Mündigkeit und Selbstbestimmung — die Frage vorlegen: wie ordnen wir unser Dasein, das persönliche und das öffentliche; gießt es für die mündige Persönlichkeit überhaupt keinen Zweck und kein Ziel des Einzel- und Gesamtlcbens? gießt es keine kündenden Gesetze und Regeln des menschlichen Handelns? Die Beantwortung dieser Frage, in der er zugleich die Lebensfrage der modernen Kulturvölker und somit auch unseres deutschen Volkes sieht, seitens des Verfassers dieses Bändchens ist eine zuversichtlich bejahende, zugleich wohl begründete. Die Gesetze und Bedingungen, die Zwecke und Ziele des menschlichen Einzel- und Gesamtlebens ans zwei Quellen der Betrachtung ableitend, gewinnt er die Natur- und die Kulturbedingungen, die notwendigsten nächsten und die fernsten höchsten Zwecke und Ziele des menschlichen Einzel- und Gesamtdaseins. Hieraus ergeben sich dann als unabweisliche Folgerungen die einzelnen Sittengesetze. Daß ein Volk mit der Abwendung von den alten Antoritaten notwendig zu Grunde gehen müsse, ist darum nicht zu befürchten. Vielmehr entstehen im Lause der fortschreitenden Entwickelung neue Stützen, die man beizeiten erkennen und wirksam machen muß. Dazu will das vorliegende Büchlein jedem nachdenklichen Leser reiche Anregung, jedem Suchenden willkommene Anweisung geben. Der sensationelle Maffia-Prozeß, in den Mitglieder aller Gesellschaftsklassen von Palermo verwickelt sind und der jeden Tag neue, Aufsehen erregende Enthüllungen bringt, bildet eine ausgezeichnete Illustration zum Roman „Corleone" von F. Marion Crawford. Der berühmte Verfasser kennt aus eigener Anschauung das Treiben der Maffia, da er lange Jahre in Sizilien gelebt hat. Mit meisterhafter Hand schildert er in dem Roman „Corleone", der gegenwärtig in „Dies Blatt gehört derHausfrau!" (Verlag von Friedrich Schirmer, Berlin SW., Rcuenburgerstraße 14 a) erscheint, die Macht der Bande, die ihr Netz über ganz Sizilien ausgebreitet hat. Die üppige Landschaft und die heißblütigen Menschen leben darin auf und fesseln den Leser. Daß „Corleone" keine Räuber- und Mordgeschichte, sondern ein wirklicher Sittenroman ist, dafür bürgt sowohl der Name Crawfords, als auch das Renommee der Wochenschrift „Dies Blatt gehört der Hausfrau!" Königspromei» ade. Nachdruck verboten. Man darf die einzelnen Wörter und. S ilben nur in der Weise mit einander verbinden, daß man — wie der König auf dem Schachbrett — stets von einem Felde aus auf ein benachbartes übergeht. Auflösung in nächster Nummer. freun lich aber die nen de wahr neidlos sen er neu in die du glück ein wei cher der freund darfst nen dir möch man sich not nicht gön hei reich te will viel hilf ßm Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummer Wo Worte selten, haben sie Gewicht. Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen NuiversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.