1899. iTJQTTw vIjH ^WWWMUE^^ iWW^^^Wi IU!.WZK iäi er nicht ein Vaterland auf Erden fühlt, Der wird im Himmel keinen Himmel haben. C. Schefer. (Nachdruck verboten.) Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) XVII. Der Oktober neigte sich dem Ende zu,- ein rauher, unfreundlicher Oktober. Der Wind fegte die letzten Blätter von den Bäumen und wehte den trockenen Staub in die Höhe. Er pfiff durch die Straßen und immer weniger gehemmt in seinem Laufe durch die hohen, festen Häuserreihen, trieb er sein Wesen bei den gartenumgebenen Vorstadtvillen und blies mit wachsender Stärke über den Exerzierplatz im Norden der Stadt und den großen Kasernenhof, in den die Soldaten eben wieder eingerückt waren. Der Dienst war erledigt. Die Mannschaft beeilte sich, das wärmende Obdach aufzusuchen, und die Osfiziere freuten sich nicht minder, im Kasino von ihrem Tagwerke auszuruhen. Leutnant Hoffmann wechselte im Vorübergehen noch ein paar Worte mit einem Einjährigfreiwilligen, dem man den Neuling im Militärdienste noch deutlich anmerkte. Er fühlte sich offenbar wenig heimisch in seiner Uniform, und auch die Haltung ließ noch viel zu wünschen übrig. In der Nähe standen zwei Soldaten, der eine war ein bäurisch aussehender Rekrut, der andere war Leo Rößler. „Mich kennt er freilich nicht mehr," meinte Leo, mit dem Daumen der rechten Hand auf den Leutnant hinweisend, „und wir haben manche Stunde zusammen auf der Schulbank geschwitzt." Der Rekrut antwortete nicht. Die Mitteilung machte ihm längst keinen Eindruck mehr. Leo hatte bereits häufig mit dieser vornehmen Kameradschaft geprahlt. „Den Doktor da/ begann Leo wieder, mit derselben etwas geringschätzigen Handbewegung auf den Freiwilligen deutend, „hab' ich auch gekannt, nicht näher. — Hat mich einmal einen Schafskopf genannt. Das bleibt ihm unvergessen." „Wird wohl nicht der einzige Schafskopf gewesen sein, den Du in Deinem Leben hast einstecken müssen," bemerkte der Soldat trocken. Leo brummte. Nein, wirklich nicht. Er gedenke sie aber zurückzuzahlen, alle! Die Schimpfworte und die Schläge, die Püffe und die Kopfnüsse. Verdient oder unverdient, wie sie gewesen sein mochten, sie waren den Spendern getreulich nachgerechnet worden und sollten mit Zinsen erstattet werden, wenn sich die Gelegenheit dafür bieten würde. Dann wollte er seiner Rache freien Lauf lassen, tausendfältig Vergeltung üben an allen, die ihn gepeinigt und mißhandelt, an allen, die mit Hochmut oder Verachtung auf ihn herabgesehen hatten. Und immer weitere Kreise zog sein Haß. Er umfing alle, denen es besser erging, als ihm selbst,- vor allem aber jene, die mit den früheren glücklichen Zeiten in irgend einem Zusammenhang standen. Und es machte ihm ein teuflisches Vergnügen, einen Teil seiner Hassesschuld, wo sich Gelegenheit bot, schon vorläufig abzutragen. „Nur vorläufig!" knirschte er ingrimmig,- „später kommt's besser. Nur vorläufig!" Da stand in erster Linie der Leutnant Hoffmann, der in der Thal keine Ahnung davon hatte, daß der blondlockige, in Seide und Sammet gekleidete Lson aus der Pension Heilmann und der Rekrut Rößler ein und dieselbe Person sei. Ihm that Leo zuleide, was er irgend konnte: er trat mit ungeputzten Stiefeln an, er blieb auf dem Marsche liegen,- er zeigte eine absolute Unfähigkeit, die einfachsten Begriffe, die den Rekruten beigebracht werden sollten, zu soffen- er verdarb durch falschen Schritt die geradeste Marschlinie, natürlich mit Vorliebe an Tagen, wo etwas darauf ankam, wo etwa ein Vorgesetzter zur Inspektion anwesend war. Wenn Leo bei solchen Manövern den größten Schaden auch selbst davontrug, so gewährte es ihm doch eine Genugthuung, zu sehen, daß sein Feind sich seinetwegen ärgerte oder wohl gar von obenher eine Nase bekam. Gegen Leonhard Andree, der vor einigen Wochen eingetreten und derselben Kompagnie zugeteilt worden war, hegte er, wohl zunächst in Erinnerung an jene flüchtige Begegnung, eine tiefgehende Antipathie. Er war es, der für jenen den Spitznamen „der Doktor" aufgebracht hatte, und er führte denselben, so oft es sich thun ließ, den Unteroffizieren vor, in der sehr richtigen Berechnung, daß seinem Träger dadurch eine Art Bildungshochmut untergeschoben würde, der besonders mißliebig zu sein pflegt. Leonhard selbst konnte nicht umhin, diese Sticheleien zu bemerken. „Ich weiß nicht, wie es kommt/ sagte er einmal zu 430 Dievenow, der sich eingehend erkundigte, wie es seinem Schwager beim Militär gefiele, „ich scheine mich einer be- sondern Unbeliebtheit zu erfreuen. Ich bin mir doch bewußt, niemand irgendwie zu nahe getreten zu sein, und doch sind da ein paar Kerls, die dümmsten der ganzen Kompanie, die mir grundsätzlich alles zum Possen thun. Zuvörderst nennen sie mich immer sehr demonstrativ den Doktor- — und daß das beim Militär kein Ehrentitel ist, wissen Sie ja." „Ich wundere mich, daß sie überhaupt Gelegenheit finden, Sie zu chikauteren," meinte Dievenow. „Ich bin während meiner Dienstzeit kaum je mit den Dreijährigen in Berührung gekommen." Leonhard lachte. „Ich suche die Anknüpfung nicht, dessen können Sie sicher sein. Ich bin heilsvergnügt, wenn man mich nach Beendigung des Dienstes in Ruhe läßt, denn ich bin immer hundemüde. Wenn man jahrelang gewohnt war, in der warmen Stube hinter den Büchern zu hocken, und muß nun plötzlich stundenlang sich im Freien bewegen, wenn einem der Sturm um die Ohren pfeift: das fällt einem höllisch sauer. Und ich glaube, lieber Dievenow, bei aller Ihrer Begeisterung, wenn Sie die Geschichte jetzt durchmachen müßten, es würde Ihnen nicht sehr gefallen. Sie kamen frisch von der Schule dazu, während ich schon ein verhältnismäßig alter Herr bin. Na, es geht vorüber — wie alle Tage, die guten und die bösen. Sprechen wir nicht mehr davon." Dann, als wolle er alle unangenehmen Gedanken von sich abschütteln, reckte er kräftig die Arme aus und atmete tief auf. „Wie wohl das thut, wieder einmal zu Hause zu sein." Es war abends um die achte Stunde, und die beiden Männer saßen allein in dem Andreeschen Wohnzimmer. „Meinem Hunger nach hätte schon vor zwei Stunden Essenszeit sein dürfen. Ob denn die Mutter und Martha nicht bald zurückkommen werden?" Dievenow sah auf seine Uhr und zuckte mit den Achseln. „Frau Else behält sie immer bis zum letzten Augenblick." „Sehr anspruchsvoll meine kleine Schwester. An Ihrer Stelle als Bräutigam würde ich mir das nicht bieten lassen. Denn es geht ihr doch gut, der Else?" „Wie ich höre, ja. Der Arzt sei mit dem Befinden zufrieden, erzählte mir Martha. Gestern ist Frau Z'el zum erstenmale aufgestanden." Else war krank gewesen. Sie hatte zum tiefsten Leidwesen ihres Mannes um mehrere Monate zu früh ein totes Kind geboren. Jetzt war alle Gefahr für sie vorüber- nur der Ruhe bedurfte sie noch. Und die genoß sie im vollsten Maße. Wie eine Prinzessin lag sie auf dem Sofa, das weiße Bärenfell über die Füße gebreitet, ein elegantes Häubchen auf dem zierlich frisierten Haar- eine Fülle der schönsten Blumen in Töpfen, Basen und Körben um sie herum, und Gatte, Mutter und Schwester wetteiferten, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Martha, von häuslichen und bräutlichen Pflichten in Anspruch genommen, fand eigentlich, daß ihre Gegenwart hier überflüssig sei- allein Elschen sah gern viel Menschen um sich, ein Vergnügen, das sie sich sonst durch ihre Ausgänge zu bereiten verstand, und das ihr jetzt sehr fehlte. Und man mußte Elschen allen Willen thun, man durfte Elschen nicht aufregen. XVIII. In dem Zielschen Salon wartete ein Herr. Er hatte dem Schreiber seine Karte gegeben und nach dem Rechtsanwalt gefragt. — Der sei augenblicklich beschäftigt. Ob sich der Herr nicht ein paar Minuten gedulden wolle? Er werde ihn sobald als möglich melden. Darüber war jetzt bald eine Viertelstunde vergangen. Der junge Mann durchmaß mit ungeduldigen Schritten das Zimmer. Die zeitige Dämmerung verdichtete sich mehr und mehr. Es war fast dunkel um ihn herum. Schlossen doch die schweren Portieren, das modische llebereinander mehrfacher cremefarbener Vorhänge selbst in den längsten Lommermgen das helle Licht aus und ließen den Raum in ein mystisches Dunkel gehüllt erscheinen- und nun gar heute bei dem braungrauen Zwielicht eines nebligen Novembernachmittags. Der Wartende trat ans Fenster, entfernte das gelbliche Spitzengewebe und blickte herab auf das bewegte Straßenbild. Heute war er dieselben Wege gegangen, wie vor Jahren, aber niemand hatte den Hut vor ihm abgenommen oder ihm freundlich zugenickt, wie ehedem. Er lehnte den Kopf nachdenklich gegen die Fensterscheibe. Im Hause gegenüber waren die Gasflammen angezündet worden, und ein heller Lichtschein fiel gerade auf das Gesicht des jungen Mannes: ein Nordländergestcht, gebräunt unter dem Einflüsse eines südlichen Klimas- das Blondhaar nachgedunkelt, nur der kurzverschnittene, etwas stachelige Bart von hellerer Färbung und die Augen blau und hellleuchtend, den energischen Ausdruck der festen Züge freundlich mildernd. Plötzlich wurde die Mittelthür hastig geöffnet. In der Erwartung, den Rechtsanwalt eintreten zu sehen, verließ der junge Mann die Fensternische und schritt rasch der Mitte des Zimmers zu. Er war nicht wenig erstaunt, sich unvermutet 'einer Dame gegenüber zu finden. Auch diese war leicht überrascht durch die aus dem Dunkel auftauchende Gestalt. „Entschuldigen Sie," sagte sie flüchtig. „Ich wußte nicht, daß jemand hier wartete." Und schon war sie an ihm vorüber geeilt. Im selben Augenblick trat der Schreiber ins Zimmer, in der Hand eine Lampe, die er auf den Mitteltisch stellte. Er mochte sich des Wartenden erinnert haben und brachte ihm nun Licht, indem er zugleich ankündigte, der Herr Rechtsanwalt werde sehr bald erscheinen. „Gut, gut." Beim Klange dieser Stimme wandte sich die Dame unwillkürlich noch einmal um. Die Lampe beleuchtete ein schöngeformtes, dunkles Mädchenantlitz, und: „Fräulein Andree!" rief mit freudiger Betonung der junge Mann. Martha stutzte. Sie war ihrer Sache noch nicht ganz sicher, und doch begann ihr Herz mächtig zu klopfen. Diese schönen, blauen Augen — sie hatte sie nicht vergessen- und die weiche, volle Stimme — berührte sie nicht eine Saite, die lange nicht mehr geklungen und die nun wieder cm fing zu vibrieren und es doch nicht sollte. Warum regte sie das Wiedersehen so auf mit einem, mit dem sie fertig war für immer? Der andere deutete ihr zögerndes Schweigen falsch. „Sie kennen mich nicht mehr?" begann er von neuem. „Ich habe mich freilich sehr verändert, während Sie —" Sie unterbrach ihn hastig. „Nicht doch. Ich entsinne mich jetzt. Herr Olaf Nansen. Es war vorhin zu dunkel, und ich war so gar nicht vorbereitet, Sie noch einmal im Leben wiederzusehen!" Das sollte kühl und gleichgültig klingen und kam doch bitter und leidenschaftlich heraus. Er schien das nicht zu bemerken. „Wirklich? Der Umstand, daß ich Sie hier treffe, ließ mich vermuten, daß Sie doch vielleicht einmal durch meinen Freund etwas über mich gehört haben könnten." „Von welchem Freunde sprechen Sie?" „Von Herrn Ziel, selbstverständlich." „Der ist Ihr Freund?" ° „Mein bester Freund." „Das ist mir neu." Es kam ihr in den Sinn, daß Olaf früher mit dieser Bezeichnung ihren Vater belegt hatte - und wie hatte er dessen Freundschaft vergolten? „Ziel hatte Ihnen nie davon gesprochen?" „Nein. — Er mag wohl nicht viel Wert auf diese Freundschaft gelegt haben," konnte sie sich nicht enthalten hinzuzufügen. Da stand er nun vor ihr, unterhielt sich mit ihr wie mit einer Bekannten, die man zufällig wiedertrifft 431 — als ob nichts geschehen wäre, als ob er gar nicht ahne, wie unendlich weh er ihr einmal gethan hatte. Er sollte es auch nicht merken, wie tief er sie damals ins Herz getroffen. Und doch, so sehr sie sich bemühte, ihm ruhig und freundlich entgegen zu kommen, vermochte sie es nicht. Er beachtete ihre beleidigenden Worte nicht und fragte nur mit oberflächlicher Höflichkeit! „Wie ist cs Ihnen denn immer gegangen?" „Gut, danke," antwortete sie kurz. Dann brachte sie es aber doch nicht übers Herz, es dabet bewenden zu lassen und fügte hinzu: „Zuerst schlecht. Das wissen Sie ja, oder vielmehr, Sie wissen es vielleicht nicht, da Sie so plötzlich abreisten." „Wir hatten schwere Zeiten durchzumachen. Aber wir kämpften sie durch. In der Not lernt man seine wahren Freunde kennen." Es lag eine erneute Herausforderung in ihrem Tone, der er nicht wieder auszuweichen gedachte. Er sah ihr gerade ins Gesicht, in die trotzigen, braunen Augen. „Ich glaube, Fräulein Martha," sagte er langsam mit Nachdruck, „daß Sie Ihre wahren Freunde noch lange nicht genügend kennen. Es giebt ein Sprichwort: tout comprendre, c’est tout p ar donner. Sie, Fräulein Martha, müssen noch viel verstehen lernen, um gerechter zu werden." Sie war so bis ins Innerste betroffen von diesen seltsamen, ihr unverständlichen Worten, daß sie keine Er- widerung fand. Noch immer stand sie wortlos da, gerade vor sich hinsehend, um seinen Blick zu vermeiden, da kam das Stubenmädchen und meldete, Frau Rechtsanwalt lasse bitten, das Fräulein möge gleich zu ihr kommen. „Ist Ziel verheiratet?" fragte Nansen erstaunt. „Das hat Ihnen Ihr bester Freund wohl gar nicht mitgeteilt?" gab sie höhnisch zurück. „Ja, er ist verheiratet — mit meiner Schwester Else." Unterdessen öffnete sich auch die Thür zur Linken, und Ziel trat herein. „Nansen, Sie hier!" rief er freudig. „Welche angenehme Ueberraschung! Stellen Sie sich vor, daß ich Ihre Karte soeben erst zu Gesicht bekommen habe. Bei uns geht nämlich heute alles drunter und drüber. Aber ich sehe, Sie haben Gesellschaft gefunden. Um so besser. Und nun kommen Sie. Sie bleiben doch zum Abendbrot da? Bitte, Martha, benachrichtige Elschen, daß Nansen — natürlich, keine Widerrede — (das zu Nansen, der halb zögernd eine Ausrede Vorbringen wollte, dann halblaut zu Martha) und hilf ihr ein bischen. Sie ist ganz aus dem Häuschen. Ich rechne auch auf Dich zum Abendbrot." (Fortsetzung folgt.) Die Mietssteigerung. Eine lustige Geschichte von Max Feder. ------- (Nachdruck verboten.) Lona trat vor den Spiegel, um zu sehen, ob ihren Augen noch das Weinen anzumerken sei. Sie betupfte die Lider mit kaltem Wasser, und als sie bei nochmaliger Prüfung ihr Aussehen zufriedenstellend fand, holte sie aus einem verborgenen Winkel ihres Schreins ein Päckchen mit Briefen hervor, das mit einem roten Bändchen umbunden war, schob es in die Tasche, hängte die Musikmappe auf den Arm und verließ ihr Zimmer. Zu gleicher Zeit hatte ihr Vater, der reiche Hausbesitzer Wenzel, darüber nachgedacht, wie er die bevorstehende teuere Badereise decken könne, ohne seine schönen Kapitalien anzu- gretfen, und da war er auf die in unserer Zeit so nahe liegende Idee gekommen, seine Mieter zu steigern. Die Mieter der Vorderwohnungen waren schon in den Vorjahren nicht wenig gesteigert worden, — nun sollten die kleinen Leute in den Hinterhäusern darankommen. „Liebe Lona", sagte Papa Wenzel zu seiner Tochter, „die Post liegt auf dem Wege zu Deiner Musiklehrerin. Da kannst Du diese Briefe hier mitnehmen und einschreiben lassen, aber verbummele es ja nicht, denn heute ist der letzte Termin, an dem die Steigerung noch zulässig ist". Lona schob die Briefe des Vaters in ihre Musikmappe und ging davon. Ihre Gedanken waren unterwegs keine tröstlichen, und sie mußte sich recht zusammennehmen, um die aufsteigenden Thränen zu unterdrücken. Es war auch eine zu jammervolle Welt. Sie, die hübsche und reiche Hausbesitzerstochter, hatte sich herabgelassen, einen einfachen, armen Buchhalter, namens Karl Liese, zu lieben, sie hatte sogar Liebesbriefe mit ihm gewechselt und sich mit dem ziemlich aussichtslosen Gedanken getragen, ihre Eltern zur Einwilligung in die Heirat zu bestimmen, und nun — gestern hatte sie ihn ganz deutlich im Ausstellungspark an der Musikkapelle mit einem jungen Mädchen vorbeistreichen sehen, mit dem er Arm in Arm ging und zärtliche Blicke wechselte. Sie hatte ihm darauf geschrieben: auf dem Wege zu den Musikstunden solle er sie treffen, seine Liebesbriefe in Empfang nehmen und ihr die ihrigen zurückgeben. Sie schaute sich nach ihm um und bemerkte jetzt erst, daß sie schon ein beträchtliches Stück am Postamt vorbeigeschritten sei. Das war ärgerlich. Sollte sie die ganze Strecke wieder zurückgehen? Da traf es sich denn glücklich, daß sie dem Portier des Wenzel'schen Hauses begegnete. Das Besorgen der Briefe wäre ohnehin seine Sache gewesen. „Ach bitte, lieber Schulze", sagte sie zu ihm, „gehen Sie doch zur Post und lassen Sie diese Briefe einschreiben". Schulze zog mit den Briefen ab. Wenige Schritte weiter befand sich das Denkmal, an welchem sie schon öfter mit Karl zusammengetroffen war. Und richtig, da stand er auch heute, mit einem wahren Armensündergesicht, von dem sie seine Schuld ablesen konnte. Mit einer königlich verachtenden Gebärde reichte sie ihm, ohne ein Wort zu sprechen, die Briefe hin. „Aber, Lona", stotterte er „Du wirst doch nicht auf einen bloßen Verdacht hin--" „Ich glaube, mein Herr", erwiderte sie mit scharfer Stimme, „wir sind fertig mit einander und ich bitte, mich nicht länger aufzuhalten". „Aber, Lona, es war wirklich nur ein Mißverständnis. Die Dame, mit der ich im Ausstellungspark war — —" „Schöne Dame", sagte Lona verächtlich. „Lona, ich liebe ja nur Dich allein, und wenn Du mir Deine Liebe entziehst, nehme ich mir das Leben". „Ganz nach Belieben!" „Und mein Geist würde Dir keine Ruhe lassen". „Das wäre mir besonders interessant. In unserem Parke in Wansee befindet sich eine alte Ruine, und wir haben es längst bedauert, daß dort nicht ein richtiger Geist spukt. Diese Ruine dürfen Sie nach Ihrem Tode als Ihre Wohnung betrachten". „Ich danke", sagte er matt, „Ihr Vater würde mich doch zu sehr steigern". Er hielt die Briefe in der Hand, die sie ihm übergeben hatte, und zog auch seinerseits langsam ein Päckchen aus der Brusttasche. „Wenn Sie's durchaus befehlen, mein Fräulein, muß ich mich fügen, obgleich ich nicht weiß, wie ich diesen Bruch verwinden werde. Für alle Fälle", schloß er, indem er ihr die Briefe hinreichte und die von ihr dargebotenen einsteckte, „versichere ich Sie aber, daß die Dame, mit der Sie mich im Ausstellungsparke gesehen haben, meine Cousine war". Mit tiefem Gruße entfernte er sich, unterwegs seinen Leichtsinn verwünschend, der ihn dazu getrieben hatte, mit einem Ladenmädchen seines Geschäftes den kleinen Sonntagsausflug zu unternehmen. Welch ein Pech auch, daß gerade an diesem Tage Lona mit ihren Eltern im Ausstellungspark sein mußte! 432 Lona wiederum machte sich Vorwürfe, daß sie ihm vielleicht doch Unrecht gethan hätte. Wie, wenn seine Begleiterin im Ausstellungspark wirklich seine Cousine gewesen wäre? Freilich die zärtlichen Blicke--, aber vielleicht hatte sie in ihrer Eifersucht auch ein wenig zu scharf gesehen. — Unglücklicher als je zuvor begab sie sich in die Musikstunde. Am folgende Tage stand der Portier Schulze in Wenzels Privatkontor. „Na, Schulze", redete der Hausbesitzer ihn an, „wie haben denn die Hinterhäusler die Mietssteigerung ausgenommen ?" „Welche Mietssteigerungen?" „Nun, ich habe sie ja alle gesteigert". „Davon weiß ich nichts, im Gegenteil, alle Bewohner des Hinterhauses rühmen Sie, Herr Wenzel, daß Sie der einzige in der ganzen Straße sind, der nicht gesteigert hat". „Unmöglich", fuhr Wenzel auf, „der Postbote wird die Briefe noch nicht abgegeben haben. Gehen Sie doch noch einmal, Schulze, und erkundigen Sie sich". Der Portier wurde durch den Postboten abgelöft. „Fräulein Lona Wenzel", sagte dieser geschäftsmäßig. „Ist gut! Warum werfen Sie nicht in den Briefkasten ?" „O bitte, es sind vierundzwanzig Einschreibebriefe an Fräulein Lona Wenzel". „Vierundzwan—" Das Wort blieb dem Hausbesitzer in der Kehle stecken. Endlich ermannte er sich soweit, seine Tochter zu rufen. Uebergehen wir die nächsten fünf Minuten. Herr Wenzel befand sich mit seiner Tochter allein. Auf dem Tische lagen einige der vierundzwanzig Briefe geöffnet. „Mit dem Menschen hast Du also Liebesbriefe gewechselt?" „Ich liebe ihn doch nun einmal", erwiderte Lona weinerlich. „Und wie kommen Deine Briefe wiederum eingeschrieWi an Dich zurück?" „Ach, Väterchen, ich fürchte, ich habe gestern in meiner Zerstreutheit etwas Schönes angerichtet. Die Briefe, die Du mir zum Besorgen gabst, werde ich wohl Karl gegeben haben, und statt dessen hat Schulze diese Briefe hier zur Post gebracht und einschreiben lassen. Karl ist ein so ordnungsliebender Geschäftsmann, daß er jeden Brief, den er mir durch einen Boten übersandte, mit meiner vollständigen Adrefle versehen hat. Schulze hat nun offenbar, da ich ihm die Briefe zum Einschreiben gab, die Kouverts zugeklebt, mit Marken versehen und, da er selbst Geschriebenes nur schlecht lesen kann, ohne weiteres auf die Post befördert". „Und auf diese Weise", rief Papa Wenzel händeringend, „muß ich ein paar hundert Mark verlieren". „Ach, lieber, guter Vater, Du brauchst es ja nicht, und die Leute im Hinterhause — —" „Und nun kommt noch gar Deine Liebesgeschichte dazu! Nachdem Du Dich mit dem Menschen kompromittiert hast, brichst Du nun mit ihm. Dein Ruf ist dahin, und nun kannst Du zusehen--" „Ach, Vater", lispelte Lona, „ich habe ihm heute morgen schon geschrieben, daß ich ihm verzeihe und daß ich mit ihm am Denkmal zusammentreffen will". „Diesmal will ich aber bei dem Stelldichein zugegen sein, und wehe ihm, wenn — — na, wir werden ja sehen". Was Herr Wenzel gesehen hat, muß ihn doch wohl befriedigt haben, wenigstens durfte Herr Karl Liese bereits am nächsten Sonntage sein Bräutchen in seine Arme schließen. Einiges über die Saatkrähe. (Vortrag in einer Ausschußsitzung des Gießener Tierschutzvereins.) Schon bereits vor etwa zehn Jahren habe ich in diesem geschätzten Blatte („Gießener Anzeiger") einen längeren Artikel über die große Nützlichkeit der Rabenkrähen zur öffentlichen Kenntnis gebracht. Da diese guten Eigenschaften alle Rabenkrähen mit Ausnahme des Kolkraben besitzen, so will ich für diesmal nur einiges über den sehr großen Nutzen, den die Saatkrähe stiftet, veröffentlichen. Die Saatkrähe, die gerade auch in hiesiger Gegend häufig vorkommt, unterscheidet sich von den anderen Krähen durch einen schlankeren Körperbau, durch einen langen Schnabel, der nicht am Ende mit Borstenfedern bedeckt ist, was darin seinen Grund hat, daß dieser Vogel beständig auf Wiesen, Aeckern und auch im Walde nach schädlichem Ungeziefer in den Boden hackt. Derselbe hat einen längeren, abgerundeten Schwanz und ein prachtvolleres, glänzendes Gefieder. Wer das Thun und Treiben der Saatkrähe in der Natur genau und vorurteilsfrei betrachtet, der muß dieselbe schätzen und achten lernen, denn sie treibt sich, wie schon oben bemerkt, vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf unseren Fluren umher und vertilgt eine große Menge Maikäfer, sowie deren Larven; auch unter den verderblichen Nakt- oder Ackerschnecken räumt sie gewaltig auf. Nach der Aussage des berühmten Naturforschers Naumann ist sie der beste Mäusejäger, den unser Vaterland aufzuweisen hat, denn derselbe hat in dem Kropfe der Saatkrähe stets mehrere Mäuse vorgefunden. Man weiß ganz bestimmt, daß es namentlich in England Gegenden giebt, in denen man die Saatkrähe auszurotten suchte, Mißernten vorkamen, die erst dann wieder aufhörten, nachdem man die Saatkrähe in ihrer nutzbringenden Thätigkeit nicht mehr störte. Verschweigen will ich jedoch nicht, daß die Saatkrähe bei der Suche nach Nahrung auch Schaden am Getreide, an keimenden Erbsen verursacht, daß sie Vogelnester, die auf die Erde gebaut sind, ausplündert; allein, man kann mit Recht behaupten, daß der Schaden, den sie dadurch verursacht, von dem großen Nutzen, den sie stiftet, weit übertroffen wird, und es ist sehr zu bedauern, daß es nach diesen bestimmten Beobachtungen noch viele Oekonomen giebt, die die Saatkrähe, den unersetzlichen Wohlthäter ihrer Felder, nicht nur verfolgen, sondern auch noch die Unterstützung der Behörde zu ihrem schlimmen Werke verlangen. Gießen, im Juli 1899. H. Curschmann, Lehrer i. P. Hrrinovistrsches. In dem Badeorte X am Meere, wo in den Hotels die Gäste abgewiesen werden. EinReisender zum Wirt: „Was bin ich schuldig?" — Wirt: Sogleich. Also Zimmer — Der Reisende: „Aber ich habe ja gar kein Zimmer gehabt, ich habe auf dem Billard geschlafen". Wirt: „Sehr wohl. Das ist dann ganz einfach: Ein Franc fünfzig Centimes für die Stunde". ♦ * * Amtsrichter: „Was, schon wieder hier? DaS ist nun gewiß das zwanzigste Mal, daß Sie vor mir erscheinen. — Angeklagter: „Na, Herr Amtsrichter, da kann t do nix dafür, daß S' nöt befördert werd'n". * * * Mama: „Um's Himmelswillen, Clärchen, was machst Du denn da?" Clärchen: „Die Blumen auf dem Teppich begießen, damit sie wieder frischer aussehen!" („Münch. Jugend.") Ätbattion: 6. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scheu UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.