(Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Sechsundzwanzigstes Kapitel. Ich lausche. Die Zeit ging hin und die Brigg steuerte nach Süden. Eine andere Temperatur bezeichnete die Breiten, die sie jetzt durchschnitt, und andere Sternbilder erhoben sich am Horizont. In den regelmäßigen Passatwinden war ein Tag wie der andere: die Brigg, unter allen Segeln, strich mit ihrer Kerbe im Wasser, die oberen Kanten der Segel zitterten, das Tauwerk auf der Leeseite hing schlaff, auf der Luvseite aber war es straff gespannt wie Eisendraht- die vom Druck der Segel geneigte Lage des Decks, das dumpfe Rauschen des Wassers auf der Leeseite, die in dem sie überflutenden Wasser grün schimmernden Fenster, all dies war uns so vertraut wie das Geräusch der Schraube in einem Dampfschiff. Kein Wetterwechsel veränderte die Scene. Beständig zogen die weißen Wolken über den tiefblauen Grund nach Nordwesten, und die unendliche Fläche des grünen Meeres war mit ungestümen Wogen bedeckt, welche sie auf der Windseite bis zum Horizont in schneegleichen Reihen brachen. Manchmal ■ frischte der Passatwind zu einem Sturm auf, so daß wir die obersten Segel einnehmen mußten. Sowohl der Kapitän wie der Maat jagten das Schiff förmlich vorwärts. Der alte Windwärts war ein solcher See-Jockey, daß, wenn Extra - Windstöße kamen und die Brigg ihre Püttings in den Wellen begrub, so, daß man auf der Leeseite das Wasser mit der Hand berühren konnte, er vor Vergnügen auf dem Deck herumstampste, sich die Hände rieb und in 1899. Dienstag den 30. Mai BBB ii k inO JLXrfr ch, welch' ein Himmel liegt doch in dem Klange Der Sprache, die die Mutter uns gelehrt! Und nur, wer je im sehnsuchtsvollen Drange Sie unter Fremden lange Zeit entbehrt, Der kennt sie ganz; dem wird sie zum Gesänge, Den er mit trunk'nem Ohre lauschend hört; Und Jeden möcht' er in die Arme schließen, Von dessen Lippen ihre Töne fließen. Norman». seinem Entzücken dem dahinfliegenden Schiffe in seiner Weise alle möglichen Aufmunterungen zurief: Ho, immer vorwärts, vorwärts alte Schachtel! Verdammt, kannst du nicht bester laufen, soll ich dir nachhelfen? — So, — schön, — gieb Dampf, mein Liebchen! Ich weiß ja, du hast den Satan im Leibe re. — gerade so, als wenn es ein lebendes Wesen wäre, welches er durch seine Zurufe zu größeren Anstrengungen anspornen könnte. Der Schiffer, wenngleich sein Vergnügen nicht in so lärmender Weise äußernd wie der Maat, war doch auch sehr erfreut über das rasche Vorwärtskommen. Kein Schiff, mit dem ich je gesegelt, hüpfte, selbst bei konträrem Wind, elastischer über die Wogen. Es glitt über dieselben hinweg mit der Sicherheit eines Eisberges und der Geschwindigkeit eines Vogels. Bei solcher Fahrt drangen wir schnell nach Süden vor. Parallele nach Parallele ließen wir hinter uns, jeden mittag hatten wir durchschnittlich volle zweihundertfünfzig Seemeilen zurückgelegt. Eines Tages kam ich während der zweiten Hundswache (Mitternacht) auf Deck, um eine Pfeife zu rauchen. Bei der steifen Brise, welche quer vom Hauptsegel pfiff, wurde es mir nicht möglich, ein Streichholz in Brand zu setzen,- ich trat deshalb in die Küche. Der Koch war auf dem Vorderdeck,- ein schwaches Feuer flackerte im Ofen, und nachdem ich meine Pfeife angesteckt hatte, war ich im Begriff, wieder hinaus zu gehen, als ich Stimmen von Leuten hörte, welche auf der Leeseite der Küche vor dem Winde Schutz gesucht hatten. Deacon sprach gerade, und das, was ich vernahm, veranlaßte mich, stehen zu bleiben und zu horchen. „Sößtig düsend, segg ik Jug. Heft du Jim, dien Leb- dag schon ßößtig düsend Pund in Gold sahn?" „Ne, dat is mi noch »ich vörkamen." „Also, ik mak den en Büdel up, um henein tau kieken, 's rohren blot ein düsend drin, äroer ok dat is en Summ, de jeden Minschen lüstern scheelen maken kann, wenn sei in blankem Golde för em liggt. Stell di vör, du steckst de Hand henein bis an dat Handgelenk un fäulst de harten Guineen glatt un rein in dien Hand. Wat, dat is wat? Dat australische Pund is geeler, as dat englische, — ’t süht ut wo pures Gold, blot dat ’t keinen hübschen Stempel het, äroer de Färb gefällt mi, Ii." „Stopp mi man de Taschen vull dormit, — mi dücht, de Färb ward mi täullich egal sin." „Aewer de Goldbarrn, Maat! — Heft du all mal en Goldbarrn sahn? ' 802 — „Dat heft du mi schon einmal fragt. Wo tum Kuckuck hädd iE sülln Goldbarrn seihn? Denkst du, ik bün in 'n Bargwark uP de Welt kamen?" „As toi sei von de Schipp toegdrogen, Packt' ik sei Tommy up de Arm', acht uP einmal. Keiner von uns künnt' mihr dragen, un as ik em einmal ein' mihr uppackt', let hei allens sollen, wil ’t tau sw er wat, un dorbi was Tommy en hellschen starken Kierl." „Ik toullt', ik künnt' mi so vel dorvon behöllen, as ik in stann toter, tau steppen," sagte mürrisch eine andere Stimme, welche ich sogleich als die von Sam erkannte. „Wenn ik en poor von de Goldbarrn hädd, weilst du, wat ik dormit maken däd? Ik würd' mi en Gastwirtschaft köpen. Dit hew ik all für en gauden Brod ansahn, as ik irst drei Fant hoch war," bemerkte wieder ein anderer. „Mi liggt nicks an Blaumen up den Disch un an upgetakelten Dierns mit Locken up de Stirn, weck, statt de Kunnschaft tau bedein', sik mit Zierbengeln in de Eck fetten un de Tied mit scharmautzteren verbring'n. Ne, ik bün für de Gemäud- lichkeit; de Seemann fall bi mi sten Toback toten, sien Grog supen, un ungestürt sing'n känen. Seiht Ji, dat toter wat für mi." „Dorbi sünd mi tauvel Füerdag bi so 'ne Ort von Lewen," brummte der alte Sam. „Wien Vörstellung von ein gauen Lewen iS en lütt Hus un en Fedderbedd, en Armstaul un en Wirtshus in de Nachbarschaft mit en Goren dorachter, wo ik Sündags in de Schummerstunn mit en Por achtbor'n Seelüd en richtig Garn spinn'n künnt." „Je ja, dat künnt mi ok all sihr gefallen, äwer leiwer köpt ik mi en Tiater, en Tiater blot mi Fiedeln und Fläuten, nich mit so 'ne verdunnerten Trumpeten dormang. Ne, de richt'ge naut'sche Musik möt ’t sien, ein Musik, de einem de Fäut zappeln makt vör Bergnäugen. Langwil'ge Stücks würd ik nich upführn laten, ne, blot danzt füllt Warden, blot danzt von Seelüd un smucke DiernS, ik ümmer vörweg. Allens füllt sik dreihn. Ne, wat denn? Wat meint Ji? Dat toier nich sticht." „Un dit allens künnt Ji hebben, Ji brukt blot tau» griepen, Maats," sagte Deacon. Hiermit hatte ich genug gehört,- ich verließ die Küche schnell, da schließlich doch einer hätte hereinkommen und mich bet meinem nicht schönen Geschäft deS Horchens überraschen können. WaS sollte ich nun aber von Deacon denken, der nach dem Aufhebens, was er mir gegenüber von feinem Geheimnis gemacht hatte, jetzt auf einmal die ganze Mannschaft in sein Vertrauen zog? Vielleicht war seine ganze Geschichte doch nur eine reine Erfindung; indessen Lügen ohne Beweggrund sind undenkbar, und daß er sich sein ganzes Gewebe nur zum Scherz auS- gespouueu haben sollte, erschien mir nicht glaubhaft. Dies erwägend, sagte ich zu mir: „ES läßt sich kein rechter Grund erkennen, weshalb die Geschichte erlogen sein sollte,- welchen Zweck könnte er dabei verfolgen? Wenn sie wahr ist, kann er nichts besseres thun, als seine Zurück' Haltung endlich aufzugeben und seine SchiffSmaatS ins Vertrauen zu ziehen,- ohne Hilfe kann er das Gold nicht holen und die ersten Leute, die er dazu findet, find die besten." Aber dies war mir alles nichts, meine Gedanken gingen weiter. Er hatte mich aufgefordert, mich der Brigg zu bemächtigen. Angenommen, er machte denselben Vorschlag der Mannschaft? Schlechte Behandlung hatte ste in Zunder verwandelt, und hier war der glühende Funke, welcher zünden, d. h. eine Erhebung Hervorrufen konnte. Diese konnte Reichtum bringen und gleichzeitig Rache üben taffen. Aber das war ja wieder nur so eine Grillenfängerei von mir. Ich war nicht der Mann, mich mit bloßen Möglichkeiten zu quälen. Ich klopfte die Asche auS meiner Pfeife und begab mich nach der Kajüte, im ganzen mehr amüsiert als erschreckt durch das Gespräch, welches ich erlauscht hatte. SiebenundzwanzigsteS Kapitel. Die Meuterei. Am zwanzigsten August befanden wir uns auf dem vierundzwanzigsten Grad westlicher Länge und neunund- ztoanzigsten Grad südlicher Breite. Der Südost-Passatwind hatte nnS verlassen. Zur Um« schiffung des Kaps der guten Hoffnung waren wir jetzt nur auf flaue Brisen angewiesen. Stärkere Winde mußten wir erhoffen für die acht bis neun Tausend Meilen, die wir noch zurückzulegen hatten, ehe wir die graue, trostlose Küste von Sydney in Sicht bekommen konnten. Am Mittag dieses Tages wurde der Kurs nach O.-S.-O. geändert. Während die Mannschaft die Raaen Vierkant braßte, gab Deacon, der am Rade stand, den Leuten, welche die großen Brassen anholen sollten, ein Zeichen, indem er einen Finger in die Höhe hob. Die Bewegung war nur eine ganz kurze, machte mir aber jedenfalls einen verdächtigen Eindruck. Ich begab mich deshalb in seine Nähe, that, als ob ich aufmerksam die Windrose betrachtete, und fragte ihn ganz leise: „Was bedeutete soeben das Zeichen?" „Welches Zeichen?" „Du erhobst einen Finger in einer mir auffälligen Art gegen die Leute hin." „That ich das?" „Ich frage, was das bedeutete?" „Möchtest du eS gerne wissen?" Ich blickte fragend in sein Gesicht und entdeckte auf demselben ein lauerndes Grinsen. „Dies ist nicht der Kurs nach Teapy," sagte ich. „Jawohl ist er eS, wenn wir ihn lange genug beibehalten," antwortete er; „doch was hat das mit meinem Finger zu thun?" „Die Bewegung erregte meine Neugierde," erwiderte ich sorglos. „Ich fühlte nach dem Winde," sagte er; „hast du nicht gesehen, daß ich erst den Finger in den Mund steckte?" „Nein." „Ein andermal achte also auf alles, ehe du urteilst, damit du keinen Mißgriff begehst." ES lag in der Art, tote er öieS sagte, keine direkte Grobheit, ein anderer Ton würde seine Sprache aber entschieden unverschämt gemacht haben. „Ich hoffe," flüsterte ich sehr eindringlich, „daß du zweimal überlegst, ehe du handelst; es gtebt Reichtum in der Welt, der mehr kostet, als er wert ist." „Du hast keine Ursache, einen Mangel an Ueberlegung von meiner Sette zu fürchten," entgegnete er, als ich weg- ging; mir siel aber auf, daß er das „du" stark betonte. Während des Nachmittags wurde der Wind schwächer Die Leesegelspteren wurden ausgeschoben, die Segel gesetzt, und unter einer Wolke von Leinwand schwebte die Brigg über die großen Wogen, welche von Süden herrollten. Gegen vier Uhr kam ein Schiff auf unserem Steuerbordbug in Sicht. Ich betrachtete es durch das Glas und rekognoszierte es als einen großen Schraubendampfer, offenbar ein Kriegsschiff. Seine Bramstengen waren binnen- bords geholt und festgemacht, kein Segel war zu sehen. Rote Gestalten auf seinem Vorderdeck deuteten an, daß es ein Truppenschiff war. Für ein Seemannsauge liegt immer etwas Entzückendes in der imposanten Takelung eines Kriegsschiffes. Die bedeutende Ausbreitung der schwarzen Wanten, die massiven Raaen, die starken TopS, die weißen Reihen der Hängematten, die großen Backen, welche sich tote mit Verachtung Über die anprallenden Wogen zu heben schienen, und das Buttern des Schaumes unter der Gillung, alles dies bietet einen großartigen Anblick. Wir hißten die Flagge, bereit, sie beim Vorbeifahren — 308 — des Schiffes dreimal auf und nieder holen, denn dies ist die Art, in welcher Schiffe einander salutieren, und das Handelsschiff ist verpflichtet, in dieser Weise vor jedem englischen Kriegsschiff seinen Hut zu ziehen, welches ihm auf hoher See begegnet. Als Erwiderung unserer Begrüßung ging auf dem Dampfer das ruhmreiche St. Georg-Kreuz auf, ein Symbol, das jedem Engländer teuer ist und seine Pulse kräftiger schlagen macht, so wie bei den Klängen bon„Bule Britannia“ oder der munteren Melodie „Cheer, Boys, Cheer“. Ein Mann tanzte uns zu Ehren auf der Mars des Großmastes einen Hornpipe, und beim Anblick unserer roten Flagge schwenkten die Soldaten ihre roten Mützen und Taschentücher, und die Schiffskapelle spielte einen Walzer. Schön drangen die Klänge der munteren Weise zu uns herüber, bald aber wurden sie schwächer und schwächer und verhallten endlich ganz. Der große Rumpf des Schiffes schrumpfte mehr und mehr zusammen, die Masten wurden immer kleiner, nach kurzer Zeit war der Koloß nur noch ein schwarzer Punkt am Horizont, und tiefes Schweigen herrschte um uns her. Zum erstenmal an diesem Tage kam Miß Franklin jetzt an Deck. Sie blieb, nachdenklich auf das Schiff blickend, stehen, bis Meilen von Wasser zwischen uns tagen; darauf ging sie wieder nach unten. Unsere Augen trafen sich und sie lächelte mir zu, ohne etwas zu sagen. Ich schloß daraus, daß ihr Bruder ihr verboten hatte, mit mir zu sprechen, und ihr untersagt hatte, auf Deck zu gehen, wenn ich oben war. Sicherlich stimmte ihr Benehmen mit diesen Vermutungen überein, aber ihr Stolz erlaubte es ihr nicht, zu gestehen, daß ihr Bruder sie nicht viel weniger despotisch behandelte als mich. Dies nahm mir nun auch die einzige gute Meinung, die ich bisher von ihm gehabt hatte: daß sein Herz seiner Schwester gegenüber weich sei. Ich hielt ihn in seiner besonderen kalten Art für ebenso roh wie den alten Windwärts in seiner ewig lärmenden und fluchenden Weise. Von ganzer Seele haßte ich ihn jetzt, weil er mir das einzige Glück entzog, welches mich noch die fast unerträglich gewordenen Zustände einigermaßen bergeff en ließ. In der That, die Behandlung.war nachgerade eine so tyrannische geworden, wie man sie nur aus den Verhandlungen vor dem Liverpooler Polizeiamt kennt, wenn ein Dankee - Kapitän sich dafür verantworten soll, daß er seine Leute auf Lebenszeit zu Krüppeln geschlagen hat. Als ich in der Nacht um zwölf Uhr auf Deck kam, war es völlig windstill geworden. Es stand kein Mond am Himmel, aber der Glanz der Sterne war so prachtvoll, daß bei den Strahlen vom Himmel oben und ihren Wiederschein auf der glatten Oberfläche des Wassers die fernsten Strecken des Ozeans sichtbar wurden und das höchste Tauwerk so deutlich zu erkennen wkr, wie die Zweige eines Baumes im Mondschein. Das südliche Kreuz stand in seiner klaren Schönheit über dem Horizont, ein Sinnbild des Christenglaubens, welches Gottes eigene Hand über die entlegenen Länder des Stillen Ozeans gepflanzt hat. Manchmal wurde die Stille unterbrochen durch das melodische Gurgeln des Wassers. Die Segel schlappten leise, und die Radketten rasselten aus den eisernen Scheiben der Blöcke. Ich vernahm vorn ein unterdrücktes Stimmengemurmel, etwas ganz Ungewöhnliches zu dieser Stunde. Ich fühlte mich versucht, nach der Luke hinzuschleichen und zu hören, was da verhandelt würde, dachte aber an Banyards Rat, mich fern zu halten, und blieb demnach auf meinem Posten. Demungeachtet regte sich in mir ein Gefühl der Unbehaglichkeit. Diese totenstillen, feierlichen Nächte auf dem Meer wirken auf die Nerven. Die umgebende Unendlichkeit berührt das Herz mit einem überwältigenden Gefühl der Einsamkeit. (Fortsetzung folgt.) Juwelen. Novellette von A. Schoebel. ------- (Nachdruck verboten.) Sie sitzt in ihrem ehemaligen Studierzimmer, die alte Schauspielerin. Es herrscht hier nicht der Luxus, welcher die übrigen Räume der Villa vergoldet, könnte man sagen. Eingestaubt und verschollen sehen die Schränke an den Wänden ans, die wenigen armseligen, abgeblaßten Stahlstiche und Silhouetten, die halbzerfallenen Lorbeerkränze, welche Schleifen in den Farben der meisten europäischen Länder schmücken. Eingestaubt und verschollen sieht sie selber aus, die ab- gethane Berühmtheit. Ihr Haar ist grau, das Feuer ihrer schönen, blauen Augen erloschen. Die Truhe, auf welcher sie sitzt, enthält zwei oder drei Kostüme, die kostbarsten, welche die berühmte Tragödin getragen und von denen sie sich nicht zu trennen vermocht hat. Auf jenem quer in die Ecke geschobenen Divan hat Ada Rnbini ehemals das Sterben eingeübt, — den letzten großen Schrei, der sie berühmt gemacht hat, der ihren Namen trägt in der Bretterwelt. Dort an die ausgestopfte Männergestalt hat sie die süßesten Zärtlichkeiten und Liebesworteverschwendet,ihr holdes Pianissimo des Kosens. Wie oft mußte die große Spiegelfläche all die unechte Leidenschaft zurückstrahlen, durch welche die Schauspielerin die Gestalten zu beleben hat, welche den Werken der großen Dichter entsteigen! Die alte Frau deckt die Hand über die Augen. Wahnbilder der Erinnerung steigen vor ihr auf, geisterhaft rauscht es zwischen den Blättern der verwelkten Kränze. Und in den breiten Sonnenstrahlen, die jung und goldig durch die Fenster hereinfallen, tanzen die Atome, tanzt der Staub. Plötzlich steht Ada Rubini auf. Sie geht hinüber zu dem mit Selbstschüssen und Greifern bewehrten Schrank, der die Juwelen der alternden Berühmtheit enthält. Sie öffnet ihn, reißt feinen Inhalt hervor ans Licht. Nichts trägt sie mehr in ihrer klösterlichen Abgeschiedenheit von all diesem glitzernden Tand, — gar nichts I Nicht jene von grauen Perlen umfaßten Smaragden, nicht die Fuchsien aus Diamanten mit den tropfenden Staubfäden, nicht jene drei Meter lange Kette ausgewählter rosiger Perlen. Ihre Stirn glättet sich unter einem Triumphgedanken. Diese rosa Perlen hat ihr ein gekröntes Haupt geschenkt, die Smaragden stammen von einem indischen Fürsten. Wie deutlich sie sich an das fahle, tabakfarbene Gesicht des schmächtigen, jungen Menschen erinnert, an fein leises, müdes Sprechen, und — an feine grausamen Instinkte! Kasten nach Kasten thut sich auf. Und all die weißen * und blauen und violetten Samtpolster, sie präsentieren ihre Schätze. Ada Rubini zieht einen Seffel herbei, sinkt hinein. Sie greift sich an die Schläfe. Von wem jener geschmacklose Kornblumenzweig aus Saphiren stammt, sie hat es wahrhaftig vergessen! Mitleidig lächelnd legt sie ein Paar von den Etuis bei Seite. Sie wird den Inhalt derselben ausrangieren, ihrer Kammerfrau, den Hausmädchen Geschenke damit zu machen. Norwegischer Goldschmuck! Wie naiv! Wie kindlich! Daß sie sich auch gar nicht besinnen kann, wer ihr derartiges anzubieten wagte. Allerliebst sind ja die Sachen gearbeitet, fein und zierlich, — an Exikazweige erinnernd mit ihren zarten lebenden Blüten, den gefiederten hängenden Zweigen. Sie muß noch sehr jung gewesen sein damals. Jung—! Das Wort trifft sie wie mit einer Dolchspitze, reißt ihr eine blutige Wunde. Rasch läßt sie die Feder ins Schloß fallen. Ein wundervoller Kasten kommt ihr in die Hände, —* 304 — orientalische Goldschmiedearbeit mit bunten Edelsteinen ausgelegt. Diamanten vom reinsten Wasser, einfach in Silber gefaßt, um die Größe, das Feuer der Steine nicht zu beeinträchtigen, liegen da auf malachitgrünen Samt gebettet. Diamanten, hell und prächtig, — Thränen gleichend. Und ungezählte Thränen haben ein Paar junge, blaue Augen geweint über diesen Steinen. Mit einem harten, grausamen Klang schnappt der goldene Kasten zu. Finster, die Brauen zusammengeschoben, zieht die alte Schauspielerin andere Köfferchen hervor, — filberbeschlagene, perlmutterverzierte. Und in jedem von ihnen ruhen Juwelen, welche Erinnerungen erzählen, einfache, rührende, übermütige, hohnvolle — Jene prächtige Nadel, sie trägt einen Solitair, der einem Kronschatz entstammt, der auf den Namen eines Helden getauft ist, auf den Namen Nelsons. Ein Prinz von Geblüt hat diesen Stein der großen Tragödin verehrt. Die alte Frau schüttelt die Erinnerung ab. Sie greift nach einem langen schmalen Etui, das ihre Ringe enthält, wahllos nebeneinander gereiht. Welche Fülle wertvoller und absonderlicher Andenken! Ringe darunter, die niemals Ada Rubinis weiße, schlanke Finger geschmückt haben, — Vitrinengeschmeide. Ein alter jüdischer Ehering zum Beispiel. Neben hebräischen Schriftzeichen trägt er den Tempel Salomonis statt des Schildes, in wunderfeiner Arbeit. Auch der mittelalterliche, angeblich gegen Behexung und Pestilenz schützende Amuletring ist seinem Behälter kaum je entstiegen. Dagegen versäumte es die berühmte Künstlerin in der Blütezeit ihrer Schönheit niemals, den aus der Familie Borgia stammenden Giftring anzulegen, einen Ring, imstande, aus feiner, scharfer Spritze ein tödliches Gift zu entsenden. Lächelnd tändelte die gefeierte Frau damals wohl mit dem gefährlichen Spielzeug im Kreise ihrer Verehrer. Und ein Mal — ein Gerücht flüsterte davon, — soll sie einen lebensgefährdenden Händedruck ausgeteilr haben vermittels des Giftrings. Die Gleichgültigkeit, mit welcher Ada Rubini den Reif einen Augenblick lang betrachtet, straft die unheimliche Legende Lügen. Sinnend greift die alte Frau sodann nach dem großen Türkis, den einst die russische Katharina ihrem Günstling Potemkin schenkte. Der kaukasische Stein ist grün geworden. Einem Aberglauben zufolge soll der Türkis seine himmelblaue Farbe nur im Besitz einer Persönlichkeit bewahren, deren Charakter-Eigentümlichkeit die — Treue ist. Ob der Ring schon an der Hand Potemkins die blaue Färbung einbüßte? Ob er den grünlichen Schimmer erst gewann als Ada Rubinis Eigentum? Flüchtig gleitet der Blick der Schauspielerin hin über all diese Seltenheiten, einen Ring der Maria Stuart, den originellen Siegelring Lord Byrons, der acht geschnittene Steine mit seltsamen Emblemen zeigt, über ägyptische und Fakir-Ringe. Gelangweilt klappt sie endlich das Etui zu. Nur ein einziger großer Kasten steht noch im Schrank. An die Form eines Sarges erinnert seine Gestalt. Er enthält in buntem Gemisch eine Fülle von Gegenständen ohne hervorragenden Wert, — Ringe, Armspangen, Ohrgehänge, Ketten, die keiner besonderen Verwahrung bedürfen. Ada Rubini taucht die Hände hinein, zieht sie beladen heraus. Dieses ganze Charivari wird sie verschenken, damit man es nicht in ihrem Nachlaß finde, — wertloses Gerümpel, das es darstellt! Plötzlich zuckt die alte Frau zusammen. Sie stößt einen Seufzer aus, einen langen wimmernden Seufzer, der einem Klagelaut gleicht.--In ihre verlöschenden Augen kehrt der wunderbare blaue Märchenglanz der Jugend zurück. Wie kommt der Ring zwischen die Andenken an ihre Laufbahn als berühmte Schauspielerin, als gefeierte Frau? Der Ring? Armselig ist er, verbogen, -* mit einem Vergißmeinnicht aus Email geschmückt. Langsam streift ihn die Greisin an die Hand, an diese weiße, gepflegte Hand, die jung geblieben ist unter dem allgemeinen Verfall des Körpers. Lächerlich nimmt er sich daran aus, der arme, schmale Reif. Und doch tropft eine Thräne auf ihn herab, eine einzige, heiße Thräne, mit der Ada Rubini ihre Jugend beweint, ihre Träume, ihre Ideale. Wer ihr den Ring geschenkt hat? Ein junger Mensch, der sie heiß geliebt, — der einzige, dessen Herz ihr wahrhaft gehörte von allen, die ihr gehuldigt Ihr ganzes, wildes, buntes Leben hindurch. Der sie geliebt, damals als sie noch eine kleine fleißige Putzmacherin bei der großen Madame Lisette war. Und sie selber hat ihn ebenso heiß geliebt, den jungen Menschen. Alle abend hat sie seinen Namen gesprochen vor dem Einschlafen, mit ihrem Nachtgebet zusammen. Und unter den zärtlichen Ausbrüchen ihrer Liebe, ihrer Leidenschaft, da hat es die kleine Putzmacherin eines Tages erkannt, daß ein großes Talent in ihr wohne, — und sie hat Vater und Mutter verlassen, und den Liebsten dazu, — und ist in die weite Welt gegangen, ein schmales Päckchen im Arm, den Vergißmeinnicht-Ring am Finger. Der arme Reif war bald ersetzt durch einen von Diamanten funkelnden. Und derMebste? Hat ihn die große Tragödin vergesfen? Um sie her stehen in goldverzierten Kassetten fürstliche Geschenke. Und sie fitzt dazwischen, einen schmalen Reif an die Lippen pressend, und murmelt einen Namen, — denselben Namen, den sie einst gemurmelt, voll heiliger Zärtlichkeit zwischen den Bitten ihres Nachtgebets. — Eine bittere, bittere Erkenntnis steigt der alten Frau auf: Liebe und Treue, die echten, die wahren, die glanzvollsten Juwelen, sie hat sie dahingegeben, für kalte, öde Pracht, — für Truggold, für totes, funkelndes Gestein. Die Stirn gefurcht, die Lippen zusammengepreßt, schließt Ada Rubini ihre Schätze in den Schrank ein. Nie wird sie sie wieder betrachten, niemals. Einen einzigen kleinen Ring nimmt sie heraus. Seltsam armselig steht er ihrer Hand. Den kleinen Ring will sie mit ins Grab nehmen. Gemeinnütziges. Aetd und Karten. Ein Feind der Salatpflanzen treibt jetzt sein Unwesen. Bemerkt man eine welke Pflanze, so ist anzunehmen, daß ein Drehwurm an ihr sein verderbliches Handwerk treibt, welcher die Hauptwurzel durchfrißt. Man kann weiter nichts thun, als die Pflänzchen herausnehmen, die Würmer absuchen und sie töten, sonst wandern sie von einer Pflanze zur andern. — Die Hühner räumen sehr unter ihnen auf, und wenn es angängig ist, kann man diese auf das Salatbeet lassen. Was thut man gegen die ekelhafte schwarze Laus an Puffdohne«? Sobald sich die ersten Läuse zeigen, breche man die Spitzen sämtlicher Pflanzen ab. Dem Ertrag wird dadurch kein Abbruch gethan. Das Moos auf Rasenplätzen wird am besten durch Ausharken mit einer eisernen Harke bei nasser oder feuchter Witterung oder durch Ueberstreuen der betreffenden Stellen mit Ruß vertilgt. Redaktion: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckcrei (Pietsch Erben) in Gießen.