Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. (Forti etzung.) „Hier ist meine Arbeitsstätte," sprach Elfte mit ernstem Lächeln. „Hier ist aber auch die Stätte der Erholung, der Erhebung, des Trostes und der Hoffnung. Sie glaubten, ich lebe in günstigen Vermögensverhältnissen — alles, was Sie hier sehen, ist die Frucht meiner Arbeit, und um es zu erhalten, muß ich weiter arbeiten, weiter streben. Und ich fühle mich zufrieden dabei — soweit im Menschenleben von Zufriedenheit die Rede sein kann. Im Winter beginnen meine Künstlerfahrten. Man sagt, ich sei eine berühmte Sängerin geworden — ich muß es wohl glauben, denn man feiert mich allerorten, meine Kaffen füllen sich," setzte sie mit bitterem Lächeln hinzu. „Im Frühling, im Sommer kehre ich hierher, in mein stilles Asyl zurück. Aber auch hier bin ich nicht unthätig. Meine Kunst hat mir manche Freunde beschert. Man bat mich, ich möchte Unterricht erteilen. Ich sträubte mich zuerst, aber sie kamen immer wieder,- ich versuchte es mit einigen Schülerinnen, die mit rührender Liebe an mir hingen. Ich lernte ein neues Feld der Arbeit, des Genuffes, der inneren Befriedigung kennen und ich wurde ruhiger, zufriedener in dieser meiner Sommer- thätigkeit. Sie beglückt mich mehr, als die ruhmreiche Laufbahn der Künstlerin, als das glänzende Leben in der Welt. Wer weiß, ob ich nicht diese Laufbahn dereinst ganz verlasse und hier eine Musikschule gründe — eine arme Musiklehrerin statt einer berühmten Künstlerin werde." „Ich bewundere Sie, Elfte!" „Wie ganz anders dies Wort aus Ihrem Munde klingt," entgegnete sie lächelnd, „als in dem Munde meiner begeisterten Donnerstag den 30. März Uli,!; K W «L ein Erdenglück ist schön, Schön nur des Glückes Traum, Um Des Hart Was starre Felsenhöh'n Morgens ros'ger Saum, ist und schmerzhaft rauh, deine Hand schon hält: Der Sehnsucht Thränentau Verkläret dir die Welt. Stephan Milow. Verehrer in der Welt da draußen. Doch Sie dürfen dieses Wort nicht gebrauchen, Paul. Zur Bewunderung ist kein Grund vorhanden. Ich thue meine Pflicht, wie jeder Mensch es sollte." „Sie fühlen sich glücklich in dieser aufreibenden Beschäftigung ?" , Glücklich?" — Elfte blickte eine kleine Weile traumverloren in den Garten hinaus. „Was giebt uns die Anwartschaft, das Recht auf das Glück, von dem wir in unserer Jugend träumen?" fuhr sie dann aufatmend fort. „Sagten Sie nicht selbst vorhin, daß wir nur das Recht auf Arbeit besäßen, und daß es nicht auf den Platz ankommt, sondern darauf, wie wir den uns zugewiesenen Platz ausfüllen? Ich fühle mich ruhig und zufrieden in meiner Thätigkeit. Mehr zu verlangen sind wir nicht herechtigt." „Sie mögen recht haben, gifte. Wenn nur nicht die tief in unserem Herzen ruhende Sehnsucht nach dem Glück wäre! Das ist der Zwiespalt, der unser ganzes Leben durchzieht und an dem so manches schöne, hoffnungsreiche Leben zu Grunde geht. Doch Sie werden nicht daran zu Grunde gehen, Elfte! Ich sehe, Sie sind stark und stolz geworden, Sie brauchen das Glück nicht, Sie haben den Zwiespalt unseres Menschenlebens überwunden." gifte senkte schweigend das Haupt, gin Traum flog gleich dem Schatten einer Wolke, der über die sommerliche Heide huscht, durch ihre Seele, gin Traum von Glück und Seligkeit, ein goldener Märchentraum, der ein weiches Lächeln auf ihrem ernsten, stillen Antlitz hervorzauberte. Paul erhob sich. „Ich danke Ihnen, gifte, für diese Stunde, die mich gleich bei meinem Eintritt in die Heimat wunderbar erquickt und erhoben hat. Wenn ich eine andere Vorstellung von Ihrem Leben besaß, dann bitte ich Sie jetzt um Verzeihung. Und noch eine Bitte habe ich, gifte. Gestatten Sie mir, daß ich von Zeit zu Zeit an Ihrem Tisch niedersitzen darf, daß ich mich erquicken, erfrischen darf in dieser Stille, in diesem Frieden, daß ich mich an Ihrem Wesen erheben darf, daß ich von Ihnen lernen darf, wie man über dem Leben steht, ohne das Leben zu verachten." Sie legte mit ruhigem Lächeln ihre Hand in die seinige und sah ihn freundlich an. „Kommen Sie so oft, wie es Sie hertreibt, Paul," sagte sie einfach und schlicht. Dann schieden sie mit einem stummen Händedruck. Der junge Arzt lebte unter dem ginfluß Elftes auf, von der er sich einst in störrischem Jugendtrotz abgewandt, die er für immer verloren zu haben glaubte. Die Liebe zu dem blonden, blondlockigen Kinde hatte in seinem Jünglings- 182 Herzen tiefe Wurzeln geschlagen, sie rankten sich jetzt auch in seine Mannesjahre hinein und ließen ihm das Leben in einem anderen Lichte erscheinen. Er war in die Heimat auf Wunsch seiner Eltern zurückgekehrt, freudlos, ohne Erwartung, etwas anderes zu finden, als das arbeitsreiche, einförmige Leben eines Landarztes. Und nun fand er die Kunst, die Poesie; er fand die hochherzige Resignation eines edlen Frauenherzens, die stille Schaffensfreude einer kraftvollen, genialen Natur. Welch herrliche Stunden verlebte er in dem kleinen Landhause auf der waldumschatteten Anhöhe! In eine andere Welt fühlte er sich versetzt, wenn er abends ihrem Spiel, ihrem Gesang lauschen durfte. Draußen lärmte der Winter weiter, türmte sich der Schnee zu hohen Mauern empor. Drinnen herrschte milde Frühlingsstimmung und Lenzesdüfte, Lenzes- grüße schienen das Gemach zu durchwehen, wenn die prächtige Stimme Elstes ertönte, wenn sie dastand am Flügel und mit gesenktem Haupt und träumerisch-sinnendem Gesichtsausdruck den verhallenden Tönen der Begleitung lauschte, welche durch eine ihrer Schülerinnen meisterhaft ausgeführt wurde. Klara von Hennersdorff, die Lieblingsschülerin und Freundin Elsies, die schon fast ein Jahr in dem kleinen Landhause weilte, war nur wenig jünger als Elsie. Sie hatten sich in der großen Welt gefunden und sich in enger Freundschaft einander angeschloffen. Wenn sie Arm in Arm das Zimmer betraten, hätte man sie für Schwestern halten können. Nur fehlte dem blonden Haar Klaras der goldige Glanz der Locken Elsies) ihren Augen das tiefe Himmelsblau der Augen Elsies und dem frischen Gesicht die edle, klassische Schönheit des blaffen Antlitzes, der kleineren, etwas vollen Figur die statuenhafte, edle Schlankheit der herrlichen Gestalt Elstes. Klara von Hennersdorf besaß keine Eltern mehr. Ihren Vater hatte ste nicht gekannt, er fiel in dem letzten Kriege als Offizier, als Klara kaum ein Jahr alt war. Ihre Mutter war ebenfalls vor einigen Jahren ge storben, hatte ihr jedoch ein hinreichendes Vermögen hinter- laffen, so daß Klara ohne Sorge in die Zukunft blicken und sich ihren musikalischen Neigungen widmen konnte. „Wir trennen uns nicht wieder, meine liebe Elfte," versicherte Klara schon nach kurzer Bekanntschaft, „wenn Du mich nicht fortschickst." „Das Leben wird uns schon wieder trennen," entgegnete Elsie lächelnd. „Das Leben und die Liebe, welche in Deinem Herzen erwachen und unsere Freundschaft in den Hintergrund schieben wird." Klara lachte über die Liebe; sie war noch keinem Manne begegnet, welcher ihr Herz höher hätte schlagen machen. „Wer wird mich lieben?" lachte sie fröhlich, „wenn er Dich neben mir sieht?" Mit dem jungen Arzt kam ein neues Element in den kleinen Kreis, der sich im Hause Elstes gebildet hatte und aus Pauls Eltern und einigen Familien des Städtchens bestand. Paul wußte von seinen weiten Reisen angenehm zu erzählen. Er war auch musikalisch genug, um ein nützliches Mitglied der die Musik eifrig betreibenden Gesellschaft zu werden, und war jung und unverheiratet, so daß er die Aufmerksamkeit der jungen Damen auf sich ziehen mußte. Aber die jungen Damen mußten bald einsehen, daß er für sie verloren war. Er hatte nur Äug' und Ohr für Elsie, und bald flüsterte man im Städtchen von der Verlobung Pauls mit Elsie, als von einer nahe bevorstehenden That- sache. Der letzte Abend des Jahres vereinigte einen frohgesinnten Kreis in dem Musiksalon Elsies. Es wurde musiziert, gesungen, gelacht und gescherzt,- der Rektor hielt eine hübsche Rede auf den alten Hans Heinrich, auf die wackere Dorette Pinkepank und auf Elsie, die „geniale Künstlerin." Hans Heinrich bedankte sich in kurzen Worten, Frau Dorette vergoß einige Thränen der Rührung, und Elsie wehrte lächelnd die Lobsprüche des Rektors ab. „Sie verdienen diese Lobsprüche in vollem Maße," entgegnete der Rektor mit ernstem Eifer. „Wir alle sind Ihnen zu Dank verpflichtet, wir alle wünschen aber noch mehr, daß das schönste Glück, welches einer Frau beschert werden kann, Ihnen in dem neuen Jahre zu Teil wird. Das Glück einer wahren, treuen, innigen Liebe!" Die Gesellschaft stimmte fröhlich ein, und die Gläser klangen lustig zusammen. Nur Elsies blasses Antlitz blieb ernst- in ihren tiefblauen Augen leuchtete es auf wie von aufsteigenden Thränen- sie wandte sich ab und trat auf die Veranda, die jetzt in einen Wintergarten verwandelt war. Die breiten Blattpflanzen, die Blumen und zarten Stecklinge, welche der Vater Elsies im Sommer im Garten hegte und pflegte, fanden im Winter hier ihren Schutz und verbreiteten eine grünliche Dämmerung in dem kleinen, nur matt erhellten Raume. Elsie setzte sich auf eine Bank, welche in einem Winkel unter breitblätterigen Palmen sich befand, stützte die Stirn auf die Hand und träumte vor sich hin. Die Liebe, die wahre, treue, innige Liebe hatte ste einstmals empfunden, hatte sie einstmals geglaubt in dem Herzen eines Mannes gefunden zu haben. Diese Liebe bewahrte sie immer als höchstes Heiligtum in dem Herzen, wenn sie auch eingesehen hatte, daß diese ihr Liebe unerreichbar war mit dem Leben, mit der Wirklichkeit. Die Worte des Rektors hatten die Erinnerung in ihr wachgerufen, deren Macht ihr die Thränen in die Augen trieb. Doch dann lächelte sie über sich selbst und warf mit energischer Bewegung das Haupt empor. Da begegneten ihre Blicke den Augen Pauls, der, in der Thür des kleinen Wintergartens stehend, sie beobachtete. Rasch erhob sie sich. Sie blickte ihn mit trübem Lächeln an, als er stockte und leicht errötete. „Treten Sie nur näher, Paul," entgegnete sie sanft. »Ich errate, was Sie mir sagen wollen und es thut mir leid, daß ich Ihnen Schmerz bereiten muß." „Elsie?!" „Sie sind mir gefolgt, um mir zu sagen, daß Ste mich lieben . . ." „Ja, Elsie, ich liebe Sie! Ich habe Sie ja schon damals geliebt mit allen Fasern meines jugendlichen Herzens, als ich zur Universität ging- ich habe Sie geliebt, als ich Sie in der Residenz wieder sah und Sie trotzig verließ, da ich meinte, Sie seien mir auf immer verloren, da ich glaubte, unsere Wege trennten sich für immer. Unsere Wege haben uns wieder zusammengesührt, Elsie — ich liebe Sie noch, ich liebe Sie stärker, inniger als je, und frage Sie in dieser letzten Nacht des alten Johres, in dieser Nacht, da ein neues Jahr hoffnungsfreudig emporsteigt, ob Sie mir Siebe, Vertrauen schenken können, ob Ste mein Weib werden wollen?" Er hatte ihre Hand ergriffen und versuchte ihr in das Auge zu sehen. Sie ließ ihm die Hand, aber den Blick hielt sie auf die Erde gesenkt und schwieg eine Weile. „Elsie," drängte er und preßte ihre Hand an fein Herz. Da hob sie das Auge voll und groß zu ihm empor und ein wehmütiges Lächeln schwebte um ihre Lippen. „Werden Sie mein Freund bleiben, wenn ich Ihre Frage mit „Nein" beantworten muß?" fragte sie leise. „Elsie, Ste lieben mich nicht?" „Ich liebe Sie wie meinen Bruder, wie meinen besten Freund. Kann uns diese Liebe nicht für das ganze Leben verbinden?" Er ließ ihre Hand fallen und bedeckte mit der eigenen Rechten die schmerzenden Augen. Sie trat näher an ihn heran und legte ihr Hand auf seinen Arm. „Ich habe Sie lieb gehabt, Paul," fuhr sie leise und innig fort, „damals, als ich ein Kind war, ich war stolz auf Ihre Liebe, auf ihre Freundschaft und es schmerzte mich, 183 als Sie vor Jahren mich trotzig verließen. Ich bewahre dieser Liebe eine treue Erinnerung, aber, Paul, Sie kennen meinen Lebensweg, Sie dürfen nicht jene Liebe von mir fordern, welche Mann und Weib für alle Ewigkeit verbindet — diese Liebe vermag ich nicht mehr zu verschenken." „Elfte," entgegnete der junge Arzt fast erschreckt, „sind Sie noch immer nicht von dem unseligen Wahn geheilt, der Ihrem Leben so verhängnisvoll geworden ist? Der Sie in der Blütezeit des Lebens zu einem stillen, einsamen Weibe gemacht hat? Der so viel Schmerzen, so viel Enttäuschung auf Sie gehäuft? Der Sie unglücklich gemacht hat?" „Hören Sie auf, Paul," unterbrach Elfte ihn lächelnd. „Wohl mag meine Liebe ein Wahn gewesen sein, aber dieser Wahn hat das, was Sie alles aufführen, in Wirklichkeit nicht verschuldet. Mich hat jener Wahn, wie Sie es nennen, nicht unglücklich gemacht, mich hat er beglückt, mich hat er gebessert, mich hat er geläutert." „Aber Sie werden diese Liebe vergessen — Sie werden sie vergessen müssen! Sie dürfen nicht einsam, still durch das Leben gehen — Sie vor allen anderen nicht, denn Sie verdienen, daß der volle Sonnenschein des Glückes Sie umwogt." „Der volle Sonnenschein des Glückes? — Ach, ich bin zufrieden, daß mich ein einziger Strahl dieses Glückes getroffen hat! Er hat mich durchleuchtet, durchwärmt, geläutert für alle Zetten. Ich vermag mir kein anderes Glück mehr zu denken!" „Sie sind stolz, Elfte!" Sie richtete sich empor, so daß er ehrerbietig, wie zu einer Fürstin emporsehen mußte. „Ja, das ist das rechte Wort," entgegnete sie tief aufatmend. „Ich bin stolz auf meine Liebe, stolz auf die Liebe des Mannes, der so weit, so unerreichbar weit über mir fleht. Ich würde Ihnen keine liebende Gattin sein können, Paul, wie Sie es wünschen, wie Sie es verdienen. Glauben Sie mir, wer erlebte, was ich erlebte, wer gefühlt, was ich gefühlt, der paßt nicht mehr in das enge Leben — der muß entweder auf der Höhe des Lebens stehen, oder einsam und allein durch das Leben gehen, will er sich nicht selbst untreu werden, will er diejenigen, die ihn lieben, nicht betrügen. Lassen Sie uns Freunde bleiben, Paul, wie bisher. Ihnen blüht ein anderes, schöneres Glück, wie an meiner Seite, über deren Leben die Erinnerung ihre Schatten wirft, deren Herz in dem einzigen heißen Sonnenstrahl des Glückes, das es getroffen, verglühte und erlosch. — Sehen Sie dorthin," setzte sie mit eigenem, weichem Lächeln hinzu, „dort kommt Ihr Glück!" In der Thür stand die in duftigem Weiß gekleidete Gestalt Klaras, die schelmisch lächelnd herübersah. Paul atmete auf. Wohl schmerzten die Worte Elftes noch, aber es war ihm bei dem Anblick der jugendfrischen Gestalt Klaras, als träte er aus dumpfer Schwüle in das Sonnenlicht eines erfrischenden Maitages. „Tritt näher, Klara!" rief Elfte freundlich. „Darf ich?" entgegnete Klara mit scheu-verlegenem Blick auf Paul. „Ich wollte den Herrn Doktor bitten, mich bet einem Liede zu begleiten." „Geht nur," erwiderte Elfte lächelnd. „Nicht wahr, Paul, wir haben uns nichts mehr sagen?" „Nichts mehr . . ." flüsterte Paul mit leichtem Seufzer. Dann sah er in das bittend, halb schelmisch auf ihn gerichtete Auge Klaras. Rasch bot er ihr den Arm/ glücklich lächelnd blickte Klara zu ihm auf und eilte mit ihm fort. Elfte stand lächelnd da. Ein träumerischer, hoheitsvoller Zug überstrahlte ihr Antlitz. Einsam und allein, frei und stolz, wie der Aar über den sonnigen Thälern, über den eisbedeckten Spitzen des Gebirges schwebt, stand sie über dem Leben, über der Welt!-- (Fortsetzung folgt.) Gründonnerstags- und Karfreitags-Gebräuche. Bon H. Hahn. ------- !(Nachdruck verboten.) Die Bezeichnung „Gründonnerstag" entstammt den alten noch jetzt sehr verbreiteten Gebräuchen, an diesem Tage grüne Kräuter zu genießen, aber auch davon wird der Name abgeleitet, daß nach beendeter Kirchenbuße die Sünder als sünd- lose „Grüne" wieder in die Kirchengemeinschaft ausgenommen werden. Trotzdem Gründonnerstag und Karfreitag zu den Festtagen der Kirche zählen, sind diese doch voll von Nachklängen heidnischer Vorstellungen und Gebräuche. Nach Busch gilt der Gründonnerstag als einer der glücklichsten Tage des ganzen Jahres, und zwar sind die Altgläubigen in allen Teilen Deutschlands derselben Meinung. Cer Landmann säet an ihm so viel als nur möglich, denn die am Gründonnerstag gesäeten Aecker tragen reichliche Saat, und wenn oft Schneegestöber und Unwetter die Aussaat unmöglich macht, ist dies ein ungünstiges Vorzeichen für die Ernte. In Norddeutschland wird am Gründonnerstag besonders gern Lein geiäet. Neffeln an diesem Morgen gesammelt, halten den Blitz fern. Fasten an ihm, schützt vor Zahnweh. Kräuter an ihm gepflückt, haben besondere Heilkräfte. Eier, die am Gründonnerstag gelegt werden, sind angeblich zu vielen Dingen gut; sie bewahren in Hessen vor Feuersnot; in Schwaben, wenn sie genossen werden, vor körperlichem Schaden; ja sie verleihen dem, der sie bei sich trägt die Gabe, Verborgenes zu erkennen. In Schlesien und Sachsen, auch an manchen Orten in Schwaben und Baiern, muß am Gründonnerstag etwas Grünes, sowie Honig gegessen werden, dann hat man das Jahr über viel Geld. Die Nacht vom Gründonnerstage auf den Karfreitag hat Heilkräfte. In Schwaben reichen die Burschen ihren Mädchen dann mit Stöcken Bretzeln, die auf bunte Bänder gereiht sind, zum Fenster hinaus, welche, nüchtern gegessen, vor dem Fieber sichern. In Thüringen werden die Leute, die sich mit Sympathiekuren abgeben, in dieser Nacht von zahlreichen Kranken besucht. Busch erzählt uns auch von verschiedenen Zauberbräuchen, welche am Karfreitag gut zu verwenden sind. Wenn man an demselben die Schuhe putzt, so können einem Schlangen und sonstiges giftiges Gewürm nichts anhaben. In Schwaben schneidet das Landvolk am Karfreitag Wünschelruten. Auch müssen an ihm des Nachts die Schlüssel geschmiedet werden, mit denen man das Reich der Hölle aufschließen und den Teufel bannen kann. Drei Meister haben das stillschweigend zu thun; reden sie aber, so find sie dem Tode verfallen. Das Eisen dazu muß von einem Schwerte oder Beile herstammen, mit welchen Hinrichtungen vollzogen worden find oder auch aus den Nägeln eines verwitterten Sarges bestehen — so behauptet schwäbischer Aberglaube. Am Karfreitag regen sich auch in Schwaben verborgene Schätze und find dann leicht zu heben. Geht man nachts auf einen Kreuzweg, so kann man vom Teufel Geld bekommen. Wer in dieser Nacht um elf Uhr ein Ei in ein Glas Wasser schüttet und zerrührt, sieht am anderen Morgen an den Figuren, die sich daraus gebildet haben, welche Früchte im Herbst besonders geraten werden. Andere Volksmeinungen Schwabens betrachten den Karfreitag als Uu- glückstag. Man darf an demselben nichts von der Straße aufheben; denn die Hexen ziehen in der voraufgehenden Nacht umher und lassen da allerlei Böses fallen. Auch darf man an ihm nur von den allernächsten Verwandten Geschenke annehmen. Wer an ihm Wasser trinkt, leidet während des ganzen Jahres Durst, bei Stendal heißt es, am Karfreitag darf man nicht in den Garten gehen, weil es sonst Raupen giebt. In mehreren süddeutschen Gegenden herrscht der Aberglaube, daß man am Karfreitag die Hexen in der Kirche sehen könne, denn sie müssen bei der Kreuzigung zugegen sein. Man gewahrt aber nur dann, daß sie Hexen sind, wenn man sich eine Saalwetde, die in der „Marlerstunde" d. h. früh drei Uhr geschnitten ist, um den bloßen Leib ge- 184 Kunden hat. Dann sieht man genau, wie sie alle verkehrt fitzen und dem Pfarrer den Rücken zugedreht haben. Die Weiber haben Strohzöpfe, die Männer Strohdegen. Wer sie aber auf diese Weise erkannt hat und sich nicht eilig davon macht, bevor der Pfarrer Amen sagt, der wird von ihnen unter Beihilfe von Katzen zerkratzt, ja sogar umgebrachr, wie dies einem Manne aus Belsen widerfahren sein soll. Norddeutscher Aberglaube vom Karfreitag ist nach Busch folgender: »Regen, der an ihm fällt, soll man Tropfen für Tropfen von der Erde wegkratzen,- denn er ist sehr giftig. Wenn's dem Herrn Christus in's Grab regnet, giebt es einen trockenen Sommer. Ein Ei am Karfreitag gelegt, hat die Eigenschaft, jedes Feuer zu löschen, in das man es wirft. Wer an diesem Tage nicht trinkt, der kann das ganze Jahr trinken, ohne einen Rausch zu bekommen. Wer an ihm gräbt, der stört die Ruhe des Heilands. Wer an ihm die Stube mit einem Besen kehrt und dann im Sommer mit demselben über den Kohl fährt, der schützt diesen vor Raupen Mttb anderem Gewürm. Wer am Karsreitag vor Sonnen- aufgang drei Messerspitzen voll Hafer ißt, dem schadet das ganze Jahr über kein Trunk, er mag trinken was er will". Genreinniitzrges. OesundHeitspffege. Vorzügliches Pflaster. Ein in unzähligen Fällen ausgeprobtes Heilmittel gegen böse Finger-Geschwüre aller Art re. wird auf folgende Weise bereitet: Ein halb Pfund Baumöl und ein viertel Pfund gelbes Wachs werden zusammen eine Weile gekocht, dann werden zwei Lot hartgesottener Terpentin und ein viertel Pfund minium ruberum dazugeschüttet und unter beständigem Rühren so lange gekocht, bis das Minium anfängt, die Farbe zu verlieren. Hierauf vom Feuer genommen, lasse man es einige Augenblicke verkühlen, und schütte dann drei Eßlöffel Roggenmehl, drei Quentchen Kampher und drei Theelöffel Zucker hinein, rühre es noch ein Weilchen um, und gieße die Masse dann in Papterkäftchen, in denen sie erkalten. Die Masse muß in einem neuen irdenen Gefäß mit neuem Kochlöffel bereitet werden. Man thut gut, von dem halben Pfund Baumöl einige Löffel voll zurückzubehalten, um das Mehl damit klar zu rühren, da es sonst sehr knötlich wird. Ferner ist es ratsam, das in Oel gerührte Mehl sehr vorsichtig in die Masse zu schütten, da dieselbe sonst überkocht. Aür die Küche. Selleriesalat. Junge, große, recht weiße Selleriewurzeln werden sauber abgewaschen und in Salzwasser weich gekocht, bis man mit einer Spicknadel leicht hinetnfahren kann. Dann schält man die Wurzeln, schneidet gleichmäßig runde, dünne Scheiben davon, untermengt sie mit Oel, Essig, Salz und etwas Zucker, legt sie wohlgeordnet in eine Salat- schüssel und verziert den Salat mit einem Kranz von Rotkohl oder Rapunzeln oder auch von Kartoffelsalat. Ochsengaumen Mit Carry. Zehn Personen. Bereitungszeit 2 bis 2% Stunden. Man wässert und kocht vier Ochsengaumen, häutet sie, preßt sie zwischen zwei Brettern und schneidet sie erkaltet in gleichmäßige Scheiben. — Weiter dämpft man drei scheibig geschnittene Zwiebeln, mit einem säuerlichen, gleichfalls zerschnittenen Apfel und 60 Gramm Butter in einer Kasserolle weich, fügt einen halben Eßlöffel 6arr^-Pulver, einen Theelöffel Essig, ein Stückchen Zucker, etwas Salz, Pfeffer und 1/i Liter sehr kräftige Bouillon zu, läßt das ganze eine halbe Stunde bei gelindem Feuer kochen, seiht die Brühe durch, macht sie mit einem Theelöffel Kraftmehl sämig, giebt die Ochsengaumen-Stücke hinzu und kocht das Gericht eine weitere halbe Stunde. — Inmitten eines Reis-Randes angerichtet, wird das sehr kräftige Essen möglichst heiß serviert. Haminelvrale« auf englische Art mit Salat unv Kompot. Eine große, so lange als möglich abgehängte Hammelkeule wird, nach dem Abziehen der oberen Haut, leicht mit Salz eingerieben, an den Spieß gesteckt und sofort über ein helles, scharfes Feuer gebracht: zu Anfang begießt man sie fleißig mit Butter, bis sie selbst Fett genug zum Begießen hergiebt. Gegen Ende der Bratzeit bestäubt man sie mit Mehl und bestreicht sie mit Butter und Fett, damit sie eine schöne Kruste erlangt/ im ganzen bedarf sie anderthalb bis zwei Stunden zum Durchbraten. Man schöpft das Fett von dem abgetropften Fleischsaft, kocht denselben mit kräftiger Fleischbrühe, Pstffer und Salz auf und giebt diese Sauce zu dem Braten. Lammfrikassee. Mit Butter, Fleischbrühe und Zitronenscheiben dämpft man das zu Stücken geschnittene, gesalzene Lammfleisch weich, stäubt es dann mit etwas Mehl, gießt soviel Fleischbrühe daran, als man East braucht, und läßt es stark kochen. Dann nimmt man das Fleisch aus dem Saft, rührt in einem Töpfchen drei bis vier Eidotter mit dem Saft einer Zitrone gut ab und mischt dies unter beständigem Rühren in den kochenden Beiguß,- ist dieser dick, dann giebt man ihn über das Fleisch. Kalvsgekröse. Das Gekröse wird mehrmals in warmem Wasser gewaschen und mit Salz abgerieben, sodann eine halbe Stunde in kaltes Wasser gelegt, dann abermals gewaschen und nun in kochendes, schwach gesalzenes Wasser gelegt und weich gekocht. Alsdann röstet man Mehl in Schmalz hellgelb, füllt Fleischbrühe auf, giebt Essig daran, ebenso eine Zwiebel, ein Lorbeerblatt, mehrere Pfefferkörner, ein wenig Salz, ein Stück Zitronenschale, schneidet das Gekröse halb- sipger lang, legt es in die Sauce, kocht es eine halbe Stunde darin und richtet es mit derselben an. Kalte Poularde. Die vorgerichtete Poularde wird in Salzwasser gar gekocht, zu dem man hinzugefügt: ein Glas Weißwein, Suppengrün, gehackte Petersilie und 10 Gramm Fleischextrakt. Nun wird die Poularde zerlegt, die Stückchen werden bergartig angerichtet. Die Brühe wird mit gebräuntem Mehl semig gemacht, mit einigen Eidottern abgerührt und mit fünf Eßlöffeln Aspik aus Fleisch-Extrakt versehen. Bevor man die Poulardenstücke aorichtet, legt man sie einzeln in diese Sauce, die man zuletzt über die bergartig geordneten Poulardenstückchen gießt. Den Rand der Schüssel umgiebt man mit Aspikwürfeln. ^umorifiifd?es* Aus der Philippika eines Antifeministen: Den besten Beweis dafür, daß das weibliche Geschlecht von der Teilnahme am öffentlichen Leben ausgeschlossen bleiben muß, können Sie darin erblicken, daß man von einem Parteisührer getrost sagen kann: »das ist mein Mann!" während es lächerlich wäre, in einem solchen Falle zu sagen: »das ist meine Frau!" (»Münch. Jugend.") * * * Höchste Anerkennung. Aeltere Dame (zu einer jüngeren, welche eben in einer Liebhaber-Vorstellung das Dienstmädchen gespielt hat): »Nein, wie reizend! Sie haben so natürlich gespielt, gerade so benahm sich mein letztes Mädchen, das ich seiner Frechheit wegen fortgejagt habe!" In der Schule. Lehrer: »Fritz nenne mir 'mal ein Bindewort". — „Die Ehe". Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.