p «1 U,.L> /LLL8L w 77. ' ®4*i| MÜj W MW grau ME ^GM LW! LM SÄB f S kann die Ehre dieser Welt Dir keine Ehre geben, Was dich in Wahrheit hebt und hält, Muß in dir selber leben. Wenn's deinem Innersten gebricht An echten Stolzes Stütze, Ob dann die Welt dir Beifall spricht, Ist all' dir wenig nütze. Das flücht'ge Lob, des Tages Ruhm Magst du dem Eitlen gönnen; Das aber sei dein Heiligtum: Bor dir bestehen können. Theodor Fontane. Nachdruck verboten. Der Gylfenhof. Kin« Erzählung von P. Ditfurth. (Fortsetzuirg.) XV. Mechanisch ging sie alsdann durch die Glasthüre nach dem Korridor, da blieb fie stehen. Was wollte sie denn und wohin? Die Rose war ihr entfallen, sie wollte sie holen, und weshalb? Sie wußte es nicht. Es fiel ihr ein, daß des Konsuls wegen die Hintere Korrtdorthüre geschlossen war, damit er nicht gestört werde, und sie kehrte um. Da flog die Thüre hinter ihr auf, und der Nachtwind zog mit leisem Sausen durch das letzte offene Fenster herein. Das junge Mädchen richtete ihre Schritte dahin und schloß die Thüre von außen, dann ging sie die Treppe hinab. In dem Bogengänge blieb sie stehen und schaute durch das Fenster in das Wetterleuchten, das immer Heller auflohte. Es war so still und öde hier unten, man hörte nicht die Lust und Fröhlichkeit, die oben herrschte. Die Thür, die aus dem Gange unmittelbar ins Freie führte, stand halb offen, sie wurde sonst selten benutzt und war meist verschlossen. Seltsam, daß Renata das so ausfiel. Leise trat sie hinaus. Ueberall Stille und Dunkel, nur von dem Wetterleuchten unterbrochen. Die Grillen zirpten nicht mehr im Grase, und die Leuchtkäfer hatten sich verkrochen. Dort lag der Rosenzweig, Renata hatte ihn längst wieder vergeffen. Ein Windstoß fuhr durch die Bäume, daß fie aufrauschten. Renata schlug einen schmalen Seitenweg ein, der durch eine dichte Weißdornhecke begrenzt war und auf die Terraffe mündete. Hohes Boskett schloß letztere ab, und als das einsame junge Mädchen sich demselben näherte, kam es ihr noch dunkler und dichter vor. Sie erschrak, als sich ein Schatten davon löste und eine tiefe, gedämpfte Stimme neben ihr sprach. Es war der Konsul/ der aufflammende Himmel zeigte ihr sein weißes, unbedecktes Haar und seine seltsam leuchtenden Augen. „Es ist gut, daß Sie kommen/'' Sie lösen Ihr Wort ein und führen mich, wohin ich will," sagte er wie im Triumphe und suchte ihre Hand zu fassen. „Herr Konsul, kehren Sie in das Haus zurück," rief Renata entsetzt/ „das Gewitter bricht gleich los, hören Sie nicht den Donner?" „Ja wohl höre ich ihn," rief er mit funkelnden Augen, „es ist mir gerade recht! Und nun kommen Sie!" „Nein, Sie dürfen nicht, Sie sollen nicht!" sagte Renata aufgeregt. „Was?" murrte er sie an, „sind Sie auch falsch, wie die andern? Sie halten den alten Mann zum besten mit Ihrem Versprechen/ auch gut, ich werde allein fertig, ich werde ihn finden/ nickte er unheimlich siegesgewiß. Er hielt dem jungen Mädchen die geballte Hand dicht vor das Gesicht, daß sie entsetzt zurückwich. Aber fie mußte handeln und durfte den irren Greis nicht allein lassen. Entschlossen faßte sie ihn an seinem Arme, aber er stieß sie hart zurück. „Kommt Ihr mit Euern Fesseln und wollt mich wahnsinnig machen? ' knirsche er, dann lachte er spöttisch auf und war plötzlich verschwunden. Das erschreckte Mädchen hörte seine schweren, aber dabei doch fluchtähnlichen Schritte auf der Terrasse. Der Gedanke durchblitzte sie, daß er den Gartenthürschlüffel habe, er mußte sich alle Schlüssel angeeignet haben. Er steuerte, wie es schien, auf die kleine Pforte zu, und Renata eilte ihm nach/ vielleicht kam sie ihm zuvor und konnte seine Flucht, die er wohl vorbereitet hatte, verhindern. Doch die Aufregung verlieh dem alten Manne jugendliche Rüstigkeit/ als sie sich der Thüre näherte, drehte er den Schlüssel schon im Schloß, ihre Kräfte waren zu schwach, er stieß sie mit einem unter- 622 drückten Wutschrei abermals beiseite, daß fie taumelte, und gleich darauf fiel die Thüre krachend hinter ihm zu. Was sollte sie thun? Es lag Gefahr im Verzüge. Holte sie erst Hilfe, konnte der alte Mann in der Finsternis schon zu Schaden gekommen sein. Sie sah ein Licht im Korridor auftauchen und schrie so laut sie konnte um Hilfe, dann riß fie die Thür auf und stürzte dem Flüchtling nach. Sie sah seine hohe Gestalt, der Blitz leuchtete ihr. In den Baumkronen brauste es unheimlich, und das dumpfe Rollen in der Luft wiederholte sich stärker und stärker. Das geängstigte Mädchen lief so schnell als möglich, aber der Weg war uneben, und fie strauchelte öfter. Wenn fie meinte, den Konsul erreicht zu haben, war er wieder im Dunkel verschwunden. Zuweilen hörte fie seine Stimme, wie er laut rief und sprach, und sie wußte dann wieder die Richtung. Sie blickte zurück, kam denn niemand? Sie schrie von Zeit zu Zett laut um Hilfe und lief dann wieder vorwärts. Dazwischen war ihr, als schlüge die Gartenpforte zu, aber der Sturm wurde immer heftiger und verschlang jeden anderen Ton. Ein greller Blitz zeigte ihr plötzlich in nur geringer Entfernung eine dichte Baumgruppe, fie wußte jetzt, daß ein schlammiger Teich dahinter war. Der Angstschweiß bedeckte ihre Stirn. „(Sott, hilf doch!" schrie fie auf. Rechts und links krallten sich Dornen in ihr Kleid, sie riß sich los und spannte alle ihre Kräfte an. Der Blitz blendete sie, und der Sturm benahm ihr fast den Atem. Doch jetzt hörte sie durch das Brausen eine rufende Stimme, und sie antwortete so laut fie konnte: „Hier, hier!" Zugleich sah sie wieder den Konsul, das Wasser war nur noch wenige Schritte entfernt, und er stand dicht davor. Tein weißes Haar flog zerzaust um seinen Kopf. „Werner! Werner!" schrie er in die Gewitternacht hinaus. Wie hergeweht war die weiße Mädchengestalt neben ihm. „Hier, Vater, hier!" rief sie, heiser vor Anstrengung, einer plötzlichen Eingebung folgend. Der Greis wandte fich jäh zurück und Renatens Hand packte ihn, fortreißend mit verzweifelter Kraft, dann sank sie machtlos ins Knie. „Hier, Vater, Vater!" rief eine andere Stimme und keuchend nahte der Professor. Er hatte Renatens Hilferuf im Garten gehört, und ein Blick in seines Vaters Zimmer hatte ihm alles erklärt. Er fing jetzt den strauchelnden, wankenden alten Mann auf, es war fast für seine Kraft zu viel. „O mein Gott, Renata, mein armes Kind," sagte Wolfram. Sie erhob fich langsam wie zum Tode erschöpft. „Ich bin mit meiner Kraft zu Ende, Herr Professor, o könnte ich Ihnen noch beistehen," sagte fie matt. „Sie thaten mehr als genug," erwiderte er, „hätte ich nur meinen Neffen mitgenommen." „Ich will gehen, so schnell wie möglich Hilfe zu holen," sagte Renata, fich aufraffend, „Ihr Vater ist jetzt soweit sicher." „Können Sie denn noch, Renata?" „Es muß gehen," erwiderte sie entschlossen und eilte davon. Der Regen rauschte hernieder, und der Donner rollte über fie hin. Der Blitz wurde schon seltener, und die tiefe Finsternis gähnte sie an. Aber dennoch fand sie endlich, endlich die Mauer und die Gartenpforte. Noch lag die Rückseite des Hauses in Dunkelheit und Stille, aber als sich das erschöpfte Mädchen die Treppe hinaufschleppte, kam ihr schon Marianne mit verstörtem Gesicht entgegen. „O mein Gott, Fräulein, wo ist der Herr Konsul?" rief sie mit gerungenen Händen. „Schnell Hilfe, Marianne," sagte Renata, „der Herr Professor ist bei ihm am Teiche draußen." „Renata," rief Frau Charlottens Stimme angstvoll, sie eilte von Marianne benachrichtigt, herbei, „mein Vater!" „Er ist in den Teich gestürzt!" schrie die alte Dienerin dazwischen. „Nein, nein," wehrte Renata, „er ist in Sicherheit, aber Hilfe, schnell!" Sie lehnte an der Wand, und die Stimme versagte ihr. Drinnen verstummten die Töne und frohen Stimmen. Ein Kopf nach dem andern erschien in der Thüröffnung. Renata sah alle die fragenden, erschrockenen Gesichter wie in weiter, «eiter Ferne, und die Stimmen schlugen wie fernes Summen an ihr Ohr. Dann sah sie Viktors Gesicht, er starrte fie an wie eine Erscheinung, aber sie dachte nicht an ihr Aussehen in dem regenschweren, beschmutzten und zerfetzten Kleide, dem verwirrten Haar und mit dem todesblaffen Gesicht. Mehrere junge Männer eilten mit einer schnell bereiteten Bahre unter Maxens Führung hinaus, Viktor folgte ihnen. (Fortsetzung folgt.) Zwei Generationen. Novellette von Gerhard Walter. -------- (Nachdruck verboten.) „Da ich auch weiß, daß Sie seit Jahren Witwer sind und Ihre Söhne beide Offizier, kann es also gar keinen denkbaren Grund geben, der Sie abhält, bald wiederzusehen Ihre alte Schülerin und Freundin Marie von Warburg, geb. Marie von Wedderström." Der Schulrat saß lächelnd da, den also schließenden Brief in der Hand. Er war ein sehr stattlicher Herr mit ungebeugtem Nacken und braunem Kraushaar, dem man die Fünfzig nicht ansah, in der Fülle der Kraft. „Also da taucht die kleine Marie wieder auf!" sagte er sinnend vor sich hin. „Es werden nun fünfundzwanzig Jahre, daß ich sie nicht gesehen. Sie mag jetzt achtunddreißig Jahre alt sein. Sie verlobte sich früh. Es war ein gefährlicher Posten, dies Mädchen unterrichten zu müssen. Bildhübsch war sie ja, dabei der tollste Kobold, der je zu Fuß oder zu Pferd in Feld und Wald sein Wesen getrieben. Es war gut, daß das ein Ende nahm und die Jungens auf die Schule kamen. Das war eine, die einen Mann unglücklich machen konnte. So toll sie war, und so wenig es ihr ankam auf eine gewagte Vertraulichkeit oder eine Koketterie, so gewiß hätte sie lieber einen Sprung in's Wasser gewagt, als einen Bürgerlichen zu heiraten. Aber Hinreisen will ich; und ich freue mich darauf!" * * * Der Wagen hielt vor dem Portal der landrätlichen Burg. Der aussteigende Rat sah mit Vergnügen das herrschende, ragende Gebäude. Da that sich die Thür auf, und aus ihr hervor trat, beide Hände vor sich hin und dem Gaste entgegenhaltend, eine stattliche Frau mit lebhaft blitzenden Augen. „Seien Sie mir von Herzen willkommen!" klang ihm eine wohlbekannte Stimme entgegen. Er ergriff die ihm gebotenen Hände und neigte sich tief darüber, die eine küssend. Es waren zwei Gestalten, die sich sehen lassen konnten, die sich hier gegenüberstanden und in die Augen sahen. „Also das sind Sie!" kam es fast gleichzeitig über beider Lippen. Und dann lachten sie fröhlich auf, und er reichte ihr den Arm und führte sie bis in ihr lauschiges Boudoir, in dem es duftete und blühte, daß es eine Lust war. Da saßen sie einander gegenüber und erzählten sich aus alten Tagen, beobachteten sich im stillen — und waren beide miteinander zufrieden. 623 Plötzlich beugte die Dame des Hauses sich vor und fragte schnell: „Denken Sie noch an die Kiesgrube?" Der Rat war ein weltgewandter Mann, aber jetzt wurde er rot. „Aber, gnädige Frau —" „Ja," lachte sie über weißen Zähnen, „mein Herr- Doktor. Geschlafen habe ich damals nicht. Aber ich mußte mich so stellen! Heiraten konnte ich Sie nicht, verklagen wollte ich Sie nicht, gerne hatte ich Sie auch — da blieb mir nichts übrig, als es zu dulden, daß Sie mich küßten. Zwei Tage nachher gingen Sie ja doch fort — und — nun, im Grunde war ich Ihnen gar nicht so arg böse. Aber da meldet Friedrich, daß das Frühstück aufgetragen ist; geben Sie mir Ihren Arm, Herr Doktor. Mein Mann ist in der Stadt auf dem Bureau! Und Gnade auf dem Hochgericht!" Sie sah heiter und harmlos zu ihm auf. Da sprengte es mit Pferdehufen vor die Halle. Der Diener stürzte hinaus. „Ach, Hedwig," sagte Frau von Warburg, „da können Sie meine Tochter kennen lernen! Und nun vergleichen Sie: war ich ebenso damals?" Das dunke Reitkleid ausgerafft, den Federhut in der Hand, trat eine prächtige Erscheinung in die Halle. Ein Bild von einem Mädchen: schlank, biegsam, fein, dunkelhaarig, und in dem weißen Gesicht ein paar dunkelrote Lippen und zwei in frischer Jugendlust blitzende Augen. — Rasse durch und durch. Und zwischen den vollen, roten Lippen leuchteten die schneeweißen Zähne, wie sie dem Gast die kleine Hand schnell hinreichte. „Kenne Sie ja lange, Herr Regierungsrat!" sagte sie mit reizender Freundlichkeit. „Ich darf mich wohl so zu Tisch setzen; ich habe Hunger! Aber ich habe mich auch auf Sie gefreut!" „Zwei Generationen!" dachte der Rat und ließ sinnend den Blick von der Mutter zur Tochter gehen. „Reiten Sie noch?" fragte Frau von Warburg nach einer Weile lächelnd, „Sie wissen doch noch —" „Ich werde es nicht verlernt haben," antwortete er ebenso. „Ich darf es nicht mehr, der Arzt hat's mir verboten; aber Hedwig wird sich freuen, wenn Sie ihr einmal das Geleit geben wollten." Und Hedwig sah ihn voll an: „Sehr werde ich mich freuen! Morgen dann!" — Und er saß noch gut zu Pferde. So ritten sie alle Tage miteinander. Es war wie ein Jungbrunnen, aus dem er getrunken. Und Hedwig war eine gute Genossin: ganz Dame und doch ganz junges Mädchen dabei, gehalten und von ausgeprägtem Charakter, aber immer fesselnd, und anders wie andere. „Sag' mal, Marie," bemerkte der Landrat am vierten Tage, seine Kneifergläser sorgsam putzend und sie dann auf die Nase klemmend, etwas umständlich, wie immer, „findest Du das eigentlich in der Ordnung, daß Hedwig so allein mit dem Rat umherreitet? Ich sah neulich einen Blick, den er zu ihr hinübergehen ließ, der war gar nicht fünfzigjährig —" Frau von Warburg lachte hell auf. „Alterchen, Du siehst schon wieder Gespenster! Ich kenne Hedwig: d i c und ein bürgerlicher Mann von fünfzig Jahren! Deswegen fahr' ruhig zur Stadt! Ich wollte nur, er bliebe recht lange hier. Denn das mußt Du doch sagen: solche angenehme Tage und Abende haben wir lange nicht mehr erlebt wie jetzt. Der ganze Mann ist Wissen und Geist und Witz!" Und sie selbst war eine angeregte, kluge Frau. Aber auch kluge Frauen irren einmal. Und so irrte sie in dem einen Punkte, da sie so zuversichtlich sagte: „Ich kenne Hedwig!" Hedwig hatte bis dahin sich selbst nicht recht gekannt. Nun ging ihr plötzlich im Verkehr mit dem Schulrat ein Licht auf über das, was eigentlich „Leben" sei. Und dies Licht blendete sie einfach. Im tiefen Waldesgrunde rieselt rauschend eine Quelle zwischen Felsen. Da hatten sie sich auf weichem Moos gelagert. Draußen, weit vor der Schlucht, hielt der Reitknecht die Pferde. Er hatte sich's bequem gemacht. Die Pferde hatte er angebunden, und er lag, so lang er war, im Gras und rauchte. „Die kommen für's erste nicht," sagte er gemütlich, „mir kann's recht sein, und seine Cigarren sind gut!" Er lachte vor sich hin: „Ja, ja! Man kennt sich aus!" — „Wie freue ich mich, daß Sie gekommen sind," sagte Hedwig, und sah den Schulrat voll an. „Bitte, bleiben Sie recht lange bei uns. Ich glaube, das, was wir Verkehr und Gesellschaft nennen, das wäre etwas. Nun graut mir ordentlich davor, seit ich dummes Ding mit Ihnen zusammen bin. Sie haben mich zum erstenmal behandelt wie eine, die eine Seele hat! Und dafür bin ich Ihnen so dankbar." Sie hielt ihm die Hand hin. Er nahm sie in die seine. „Sehen Sie, hätte ich das nun bei Herrn von X. oder von A. gethan, dann hätte er meine Hand zierlich geküßt und womöglich mit einem Fußfall eine Erklärung gemacht. Und weil Sie das nicht gethan, darum ernenne ich Sie jetzt zu meinem Freunde, wenn Sie mit einem so dummen Mädel etwas zu thun haben wollen; und als solcher dürfen Sie die Hand so lange behalten, wie Sie mögen. Großartige Belohnung — tote?" Fester schlossen sich seine Finger um die kleine, weiße Hand, die in der seinen lag. „Ja, ich will Ihr Freund sein!" sagte er, die Augen aufschlagend, „und im Ernst sei's gesagt!" „Halten Sie Wort!" bat sie freundlich. — Es lag Sonnenschein über der Welt. Das war der Anfang. Nun kamen Nächte, in denen der Schulrat die Erfahrung machte, daß er nicht schlafen konnte. Sein Urlaub ging zu Ende. Er mußte zurück zur Regierung. Er gab sich ganz in seiner Kraft und Fülle in diesen letzten Tagen, und riß unwiderstehlich alle mit sich fort, selbst den Landrat. Da fiel es nicht besonders auf, wenn Hedwig wie gebannt an seinem Munde hing, wenn er vorlas, oder ihre Augen tief in die seinen senkte, wenn er mit sieghaftem Humor das Feld behielt. „Schade, daß er geht," sagte auch Herr von Warburg am letzten Abend, als er sorgsam den Kragen löste, „aber ich glaube doch, für Hedwig ist es gut." Und Frau von Warburg steckte gerade die starken aschblonden Flechten auf und dachte an die Kiesgrube vor fünfundzwanzig Jahren. „Geben Sie mir noch einmal das Geleit?" bat Hedwig am folgenden Morgen. Der Schulrat sah unwillkürlich hinüber zu Frau von Warburg. „Thun Sie ihr doch den Gefallen," sagte sie, „und dann feiern wir ein fröhliches Abschiedsmahl!" Es war ja das letztemal, und sie kannte ja ihre stolze Hedwig, die mit den Männern so umsprang. Da lagen sie wieder in der Quellenschlucht, und draußen rauchte der Reitknecht wieder eine sehr gute Cigarre. Es war eine sehr lange Havanna. Hedwig griff nach der Hand des Freundes. Ihre Brust wogte unruhig. „Also Abschied," sagte sie, „und ich sage es Ihnen gerade heraus, es wird mir schwer! Sie gehen zurück in's Leben, in die Arbeit und den Ernst, ttttb ich bleibe im alten Kreise, in der Trägheit, im Tändeln — und" —- sie senkte das Haupt, und dunkle Röte überflog ihr Gesicht, — „und werde verkauft und —" „Und ?" fragte er, und neigte sich zu ihr. Da warf sie sich nieder und drückte ihr heißes Gesicht auf seine Hand. Er fühlte ihre warmen, weichen Lippen. Da war's auch um ihn geschehen. Er beugte sich tief über sie. „Hedwig, Du süßes Weib!" Neben ihnen rieselte und rauschte die Quelle. Sie fuhr empor und sah ihn an mit strahlenden Augen, — Ö24 — LUS denen die Liebe blitzte, uud sie wußten beide nicht, wie's kam, daß ihre Lippen aufeinanderlagen; sie lag mit einemmal atmend, die Lippen halb geöffnet, in seinem Arm, und ihre kleine, feine Hand lag um seinen Nacken. Oben ging der Wind leise rauschend durch die Kronen der Buchen, und die Farnkräuter am Fels nickten wie im Traum. Draußen ging die Welt ihren Gang. Sie merkten's nicht und wußten's nicht. Seine Jugend war ihm blühend, blendend wiedergekommen. Fernhin wieherte ein Pferd. Hedwig fuhr zusammen „Zu Ende!" sagte sie mit leisem Ton. „Was jetzt noch vor mir liegt vom Leben, ist nichts als Elend, und mag's noch so glänzend sein, wenn Du fortgegangen bist. Glaube doch nur nicht, daß meine Eltern mich Dir geben," fuhr sie bitter fort. „Wie ich's tragen soll und ob ich's tragen kann, das weiß ich nicht! Aber wenn ich auch elend werden soll — ich bin doch eine Stunde lang glücklich gewesen, das mag mir genügen. Küsse mich noch einmal und sei stark. Und denk' nicht an mich, Du geliebter Mann!" Sie war blaß, wie sie so an den Baum gelehnt stand, die Hände im Schoß gerungen. „Aber ich kann Dich nicht lassen!" sagte er besinnungslos, und hatte den Arm um ihre Taille gelegt. Sie sah ihn an und sagte kein Wort und wandte sich. Er folgte ihr. Es war ein heißer Blick. Am Ende der Schlucht gab sie ihm noch einmal die Hand mit starkem Druck. Dann hob er sie in den Sattel. Dahin — vorbei! Schweigend ließen sie die Pferde traben. — Der Abschied war herzlich gewesen. Hedwig hatte Thränen in den Augen gehabt und sie nicht verborgen. Nun waren Monate vergangen. Ein paarmal hatte Hedwig ihm geschrieben, prächtige Briefe. Er rang und kämpfte, und sie auch. — — Er saß in seinem Zimmer auf der Regierung. Draußen fegten die Herbststürme durch's Land. Da trat der Kanzlei- diener ein und meldete eine Dame. Er blickte auf; die Thür schloß sich hinter Hedwig! Der Atem stockte ihm. Sie reichte ihm die Hand hin, blaß und schön; dunkle Ränder lagen um die Augen. „Ich habe mich hergestohlen, von der Tante weg. Sag mir schnell, ich bitte Dich: Der Graf Hartmann hat um mich angehalten; willst Du mich haben, dann schleppen mich keine vier Pferde zur Kirche. Dann kämpf' um mich, oder ich lauf' aus meiner Eltern Haus, wenn's fein soll. Du weißt, ich will leben, und ich liebe Dich!" — Draußen wetterte es gegen die Scheiben. Aerger stürmte es auf in seinem Herzen. Ein furchtbares Ringen. Hier das blendende Glück — da das matte Entsagen. Er hielt sich die Stirn. Nun ging er auf sie zu. Sein Gesicht war entstellt. „Hedwig — vor Dir liegt das ganze Leben — und Lu hast mich zu Deinem Freunde gemacht, — und wenn ich Dich an mich risse, dann wär's vernichtet — und ausgelöscht. Noch zehn Jahre — und vor Dir stünde ein alter Mann, und Du in lieblichster Kraft und Blüte neben ihm! Laß mich abwärts gehen — geh' Du aufwärts!" — Er mußte sich an den Tisch lehnen. Sie sah ihn mit großen, stillen Augen an. Ihre Hand griff nach der Thürklinke, ihre roten Lippen zuckten. „Sie haben immer recht, Herr Regierungsrat," sagte sie leise, aber mit schneidendem Ton, und die Thür schloß sich hinter ihr. — LitterarZscher. Unsere Leserinnen wird es interessieren, daß die Verlagsbuchhandlung Franz Ebhardt u. So., Berlin W. 50, Schaperstr. 5, ihr Musterbuch der Aufplättmustrr jetzt in elfter Auflage herausgegeben hat. Es sind darin über vierhundert neuere Stickmuster, die als „Plättmuster" fertig znm Ilebertragen auf Stoff von der genannten Firma zu beziehen sind, in verkleinertem Matzstabe abgebildet. Es ist bekannt, wie schwierig es oft ist, Stickmustervorlagen auf den Stoff selbst aufzuzeichnen; das Pausen, Durchlochen, Durchpudern und Nachmalen der Muster bereitet viele Weitläufigkeiten, die Ansatzstellen passen nicht, Pulver und Farbe machen Flecke,u. s. w. All diesen Schwierigkeiten treten mit leichtestem, geradezu glänzendem Erfolge die Plättmuster entgegen. Es sind dies fertiggedrnckte Zeichnungen auf Seidenpapier, die man nur mit der Farbcseite auf den Stoff zu legen und mit heißem Eisen nachzuplätten braucht, um eine klare Zeichnung aus dem Stoff zu erhalten. Das genannte Musterbuch enthält die verkleinerten Muster, mit Maßangabe für ihre natürliche Größe. Man braucht beim Bestellen nur die Nummer des betreffenden Musters zu fordern. Genaue Anweisung über das Plättverfahren und über die Art des Versandes befindet sich in diesem Buch. Jede Dame sollte einen Versuch mit den praktischen Plättmustern machen. Die schönen Sommertage sind vorüber, unten im Garten fegt der rauhe Herbststurm durch Baum und Strauch, die letzten salben Blätter hernnterreißend. Es ist vorbei mit den Gartcnfreudcn, fröstelnd ziehen wir uns in unser behaglich erwärmtes Heim zurück, das uns in den kurzen und doch so langen Wintertagen selbst den Garten ersetzen muß. — Ueberall da, wo Interesse für die Natur, speziell für die Pflanzenwelt und ihre unerschöpflichen Reize vorhanden ist, also in jedem deutschen Familienkreise, sucht man jetzt der ersterbenden Natur draußen grünende und duftende Blumen drinnen im Zimmer entgegenzusetzen. Der Blumentisch bildet wieder die Freude, oft aber auch die ständige Sorge der Hausfrau, und auch die Hyazinthen in farbigen Gläsern, Primeln u. a., die sich gleich bunten Bändern zwischen den Doppelfenstern hinziehen, fordern fachgemäße Behandlung. Da ist es denn wieder an der Zeit, daß wir unsere Leser auf das unerreicht dastehende, in zweiter Auflage erscheinende Handbuch der praktischen Zimmer« gärtneret von Max Hesdörffer (Verlag von Gustav Schmidt Berlin W 35) aufmerksam machen. Das Werk erscheint in 10 Lieferungen zum Preise von je 75 Pfg. Neuzugegangen sind uns die Lieferungen 4—7, acht herrliche Blumentafeln nnd 154 lebenswahre Originalabbildungen im Text enthaltend. Der Text ist wieder meisterhaft geschrieben, Die Schilderungen über Rosen, Schlinggewächse, Hängepflanzen, Orchideen, Kakteen u. a. wird kein Blumenfreund ohne hohe Befriedigung lesen. Man vergißt bei der Lektüre dieses Werkes rasch, daß man ein Hand- und Lehrbuch vor sich hat, in solch anmutender, fesselnder Weise versteht der als populärer Gartenschriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Die Gartenwelt" weit bekannte Verfasser seine Ratschläge zu erteilen. Die kleine Ausgabe für dieses schöne Werk wird sich rasch bezahlt machen, es führt seine Besitzer von Erfolg zu Erfolg. Schachaufgabe. (Nachdruck verboten.) Schwarz. a b c d e f gh a b c d e f g h 8 8 6 6 5 5 3 3 Weiß. Weiß setzt in zwei Zügen mott. Auflösung in nächster Nummer. Auslösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nummer: Stechpalmen grünen Allzeit lebendig, Lehren uns scharf sein, Aber beständig. Ratsch. Krdak i-n: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Uniserftüits-Buch- und Stcindrnckern (Pietsch Erben) in Gieße«,