Dienstag den 29. August. 1899. bT® M u4 Wff ^^rjmnwffr ■ÄHa W as herb zu Anfang ist, wird lieblich am Ende, der Tugend und vom Rheinwein. Das gilt von Hippel. Nachdruck verboten. Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) „Was hat die Frau Kommerzienrätin nur? Was kann sie an dem Bilde so erschrecken?" fragte Ernst Sommer sobald die Thür sich hinter den Fortgehenden geschloffen hatte. Aurelie aber flüsterte dem Geliebten zu: „Es ist das Bildnis Deiner Mutter! Wie ähnlich Du ihr bist." Er drückte ihr fest und innig die Hand und sagte laut: „Meine — die zweite Gattin meines Vaters —" verbesserte er sich, denn es war ihm unmöglich, der Frau, die sich soeben in einem solchen Lichte gezeigt, wie herkömmlich den Mutternamen zu geben — „hat nie ein Bild oder auch nur eine Photographie meiner Mutter in der Wohnung dulden wollen, und mein Vater hat auch dieser Laune nachgegeben. Zu meiner Einsegnung hat er mir ein Miniaturbild, das von der Verstorbenen in den ersten Monaten ihrer Ehe gemacht worden war, geschenkt, ich habe es aber sorgfältig vor aller Blicken verbergen müssen. Nun habe ich mir danach von Lenbach, mit dem ich mich während eines gemeinschaftlichen Aufenthaltes im bayrischen Hochgebirge befreundet habe, danach ein Brustbild malen laffen, das ich als einen großen Schatz unter dieser Hülle verwahre." „Nochmals bitte ich um Entschuldigung, daß sie durch meine unberufene Hand entfernt worden ist," sagte Dr. CorbuS. Bankier Sommer und deffen Kinder wollten aufbrechen, da ein längeres Verweilen in Anbetracht des leidenden Zustandes der Hausfrau ihnen nicht schicklich erschien. Der schnell wieder zurückkehrende Kommerzienrat wollte das aber unter keinen Umständen zugeben. //Ich sehe keinerlei Grund, von unserem alten Herkommen abzugehen," sagte er zu seinem Freunde. „Das Zimmer meiner Frau ist weit genug vom Salon und Speisezimmer entfernt, daß sie, selbst wenn wir etwas laut werden sollten, durchaus nicht gestört wird, und besorgniserregend ist ihr Zustand nicht,- wir sind leider daran gewöhnt." Er stieß einen leichten Seufzer aus und fügte hinzu: „Sie ist unter der Obhut ihrer Jungfer wohl geborgen, und Fräulein von Kreffen wird, wenn sie Hermine zur Ruhe gebracht hat, die Hausfrau vertreten." „Wie gern folgte auch ich Ihrer liebenswürdigen Aufforderung und blieb in diesem lieben, angenehmen Kreise," sagte Dr. Corbus, ich bedauere aufrichtig, daß ich mich durch eine voreilige Zusage gebunden habe, möchte aber den Herrschaften raten, der Aufforderung meines Vetters zu folgen. Ich bin erst wenige Tage hier und kenne doch schon den Zustand meiner Kousine. Es ist im ganzen beklagenswert, aber im einzelnen haben die Anfälle nichts zu bedeuten. Ich hoffe den Herrschaften bald wieder zu begegnen," fügte er, sich ringsum verneigend hinzu, schüttelte dem Kommerzienrat die Hand und sagte, während er das Zimmer verließ: „Mit Ihrer Erlaubnis werde ich morgen kommen, um mich nach Eugeniens Befinden zu erkundigen." „Apage Satanas!" rief Adalbert Helldorf, der sich mit August von Kressen der Gesellschaft angeschlofsen hatte, während diese aus Hans Helldorfs Zimmern nach dem Salon zurückgekehrt war, so laut, daß sein Bruder ihm erschrocken die Hand auf den Mund drückte, dem Doktor nach, aber der ausgelassene Bursch ließ sich nicht stören und fuhr fort: „Wer anders denkt als ich, der werfe den ersten Stein auf mich; ich bin überzeugt, jeder von uns ist dem großen Unbekannten innig dankbar, der uns für heute von seiner Gesellschaft befreit hat." Keiner widersprach ihm. Mit Corbus und der Kommerzienrätin schien ein Alp von dem kleinen Kreise genommen zu sein. Bald erschien auch Felicitas und lud zur wohlbesetzten Abendtafel, an der die Unterhaltung sehr frisch und angeregt war. Zwangloser verkehrten die liebenden Paare miteinander, die beiden Studenten gaben zahlreiche Schnurren zum besten, und auch der Kommerzienrat ließ den ihm sonst eigenen Ernst fahren und war fröhlich mit den Fröhlichen. Es war recht spät, als die Sommer'sche Familie das gastliche Haus verließ. Sommer und die Tochter plauderten unterwegs noch lebhaft über die Ereigniffe des Tages; der Sohn war gegen seine Gewohnheit schweigsam. Das Benehmen der Kommerzienrätin vor dem Bilde ihrer Vorgängerin gab ihm zu denken; auch war es ihm nicht entgangen, daß Dr. Corbus einen geheimnisvollen Einfluß auf sie aus- - 490 übte; ebenso sann er der Persönlichkeit dieses Mannes nach; sie hatte für ihn etwas Rätselhaftes, Abenteuerliches. — IV. Friedrich Nother, der alte Kontor- und Hausdiener des Bankier Sommer rieb sich schläfrig die Augen. Er war erst mit dem Frühzuge aus Nauen, wo er bei seiner dort verheirateten Tochter die beiden Feiertage zugebracht hatte, nach Berlin zurückgekehrt und hatte in seinem und in den Hinteren Räumen des Sommer'schen Hauses belegenen Stübchen noch eine Stunde auf dem alten Kanapee verdämmert. Der „dritte Feiertag" galt ja noch als halber Festtag. Das Geschäft brauchte nicht so zeitig geöffnet und auch nicht darin gefegt und geputzt zu werden, da eine gründliche Reinigung kurz vor dem Feste stattgefunden hatte. Endlich erhob er sich aber doch, dehnte und reckte sich noch einmal und stieg hinauf nach der zweiten Etage, wo er die Schlüssel aus dem Wohnzimmer des nebenan in seinem Schlafzimmer gewöhnlich noch im Bett liegenden Bankiers geräuschlos zu holen pflegte. Auch heute schien Sommer noch im süßen Morgenschlaf zu liegen. Nother nahm leise die Schlüssel vom Haken und entfernte sich leise, auf den Zehen schleichend und die Thür vorsichtig hinter sich zudrückend. Mit den Schlüsseln in der Hand gelangte er an die den Eingang zum Geschäftslokal nach dem Hausflur absperrende Doppelthür und öffnete eine nach der andern, ohne auf irgend etwas Außergewöhnliches zu stoßen. In sämtlichen Räumen herrschte noch völlige Dunkelheit, denn alle nach der Straße hinausliegenden Fenster waren bis zur halben Höhe vergittert und durch dichte Läden verwahrt. Nother stieß einen nach dem anderen auf. In den Zimmern, in welchen die Kontoristen arbeiteten und wo die Kunden, die in geringfügigeren Geschäftsangelegenheiten kamen, abgefertigt worden, herrschte genau die Ordnung, in welcher er sie verlassen hatte, und mechanisch griff er zu Staubwedel und Wischtuch, um damit über die Pulte und Sessel zu fahren. Nun betrar er das Kaffenzimmer, um durch dieses nach dem Privatkontor des Bankiers zu gelangen, und jetzt entfuhr den Lippen des alten Mannes ein Schreckensschrei. Ein breiter Streifen hellen Tageslichtes fiel quer über den Fußboden, obwohl auch hier die Fensterläden dicht geschlossen waren. Mit zitternden Händen öffnete er sie und verlor bei dem sich ihm darbietenden Anblick beinah die Besinnung. Wie von Furien gejagt, stürzte er den Weg, den er gekommen zurück, nahm sich gar nicht Zeit, die äußeren Thüren wieder zu schließen, sondern keuchte mit dem Rufe: „Diebe! Einbrecher!" die Treppen hinauf. Er lief dem Assessor Sommer in die Arme, der aus seinem Schlafzimmer kam und in das gemeinschaftliche Wohnzimmer zum Kaffee gehen wollte. Ein Blick in das bleiche, verstörte Gesicht des alten Mannes belehrte ihn darüber, daß etwas Furchtbares geschehen sein müsse. Er ergriff ihn bei der Hand und drückte gleichzeitig den Finger auf die Lippen. „Still, still, Nother, erschrecken Sie meinen Vater und meine Schwester nicht durch Ihr Geschrei. Was haben Sie da unten gefunden?" „Ach, das weiß ich ja noch gar nicht, Herr Assessor !" stammelte der alte Diener und wischte sich mit dem Rücken der Hand die hervorquellenden Thränen aus den Augen. „Ich bin im ersten Schreck davongestürzt, aber böse steht es aus. Schauen Sie sich die Bescherung nur einmal an." „Ich komme!" sagte der Assessor, den Diener mit sich ziehend, und eilte mit ihm hinunter. Sie waren auch jetzt noch beide die ersten am Platze, und der sich ihnen bietende Anblick ein im höchsten Grade erschreckender. Im Kassenzimmer lag alles wirr durcheinander, sämtliche Behältnisse standen offen und waren durchwühlt- der große eiserne Kassenschrank, der für feuer- und diebessicher galt, hatte weder Hinterwand noch Thür mehr. Er war von den Dieben angebohrt, auseinander genommen und allem Anschein nach geleert worden. Und wie waren die Verbrecher in das Gewölbe gelangt, dessen Fenster und Thüren so wohl verwahrt, so völlig unverletzt waren? Die Lösung des Rätsels fand sich im Privatkoutor des Bankiers, welches das letzte Zimmer in der Reihe der Geschäftsräume war und mit der Wand an die des Ladens stieß, den der höfliche, redselige Provinzialbewohner gemietet hatte. Eine breite Oeffnung, groß genug, einen Menschen bequem hindurchgehen zu lassen, klaffte ihnen entgegen. „Der Wandschrank! Der Nachbar!" schrie Ernst und eilte durch die Oeffnung in den benachbarten Laden. Er war ebenso wie das Privatkontor von Kalk, Mörtel und Staub erfüllt, sonst aber völlig leer. Die Fenster und die Thür nach der Straße wohl verschlossen. (Fortsetzung folgt.) Goethe und die Bibel. Ein Gedenkblatt zum 28. August 1899. Von M. Hennig. —— (Nachdruck verboten.) Wenn man anläßlich seines 150jährigen Geburtstages den Dichterfürsten auf allerlei Weise feiert und seiner Größe ehrend gedenkt, dann soll man nicht vergessen, daß er wie die anderen großen deutschen Dichter, das Beste, was er hatte, die Fülle seiner Gedanken und die Befruchtung seiner Phantasie, zum größten Teile der Bibel verdankt. Bekannt ist, wie Schiller und Herder als Knaben in der Bibel lasen. Auch Goethe hat sich kaum mit einem Buche lebhafter beschäftigt als mit der Bibel. Wieder und wieder durchlas sie der Knabe; „bibelfest" nannte sich gern der Mann. Eine Fülle biblischer Wendungen und Gedanken begegnet uns, bald in vollem, ernstem Wortsinn, bald humoristisch gewendet, bald mit verborgenem oder deutlichem Widerspruch des Dichters in seinen Werken. Und wie hat ihn die großartige Poesie der heiligen Schriften, namentlich des alten Testaments, angeregt! Als er sich zuerst an größere poetische Versuche machte, da waren Joseph und seine Brüder, Belsazar, Isabel und Ruth die Themata, die er behandelte, mögen auch die Ausführungen ins Feuer gewandert sein. Als 26jähriger übersetzte er sogar das Hohelied Salomos, das Zarteste und Unnachahmlichste, wie er sagt, was uns vom Ausdruck leidenschaftlich anmutiger Liebe zugekommen. Und als das Jubiläum der Reformation nahte, wollte der 67jährige noch einmal biblische Stoffe zu einem Festgedicht verarbeiten. Zusammenfaffend giebt Goethe seiner ganzen Wertschätzung der Bibel einmal also Ausdruck: „Jene große Verehrung, welche der Bibel von vielen Völkern und Geschlechtern der Erde gewidmet wird, verdankt sie ihrem inneren Werte. Sie ist nicht etwa ein Volksbuch, sondern ein Buch der Völker. Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung von wahrhaft weisen Männern benutzt werden. Buch für Buch thut das Buch aller Bücher dar, daß es uns deshalb gegeben sei, damit wir uns daran wie an einer zweiten Welt versuchen, aufklären, ausbilden mögen." Freilich, wer das Thema „Goethe und die Bibel" erschöpfen will, muß viel tiefer graben. Der muß in die einzelnen Dichtungen hineindringen uud nach ihrem tiefsten, sittlichen Gehalte fragen. Wer das thut, wird finden, wie sehr die Gedanken biblischer und namentlich evangelischer Sittlichkeit Goethe ins Herz gedrungen find. Die meisten großen Gestalten seiner Dramen tragen nicht bloß die Züge edler Menschlichkeit, sie tragen mehr oder weniger den Stempel biblischen Geistes an sich. Dem allen wäre viel nachzuforschen vom Götz von Berlichingen an bis zum Faust mit seiner unvergleichlichen Verherrlichung der Macht der Osterbotschaft. Hingewiesen sei nur auf die Wiederspiegelung des christlichen Gedankens der Versöhnung durch opferfreudige Liebe in der Iphigenie auf Tauris, hingewiesen auch auf Helden wie den Richter in Hermann und Dorothea und auf Dorothea selbst, in denen biblische Gestalten und evangelische Gesinnung neu verkörpert erscheinen. Aber mag zu eingehender Untersuchung hier der Platz nicht sein, versagen können wir es uns nicht, in einer Reihe von Aussprüchen Goethes für das Obengesagte den Nachweis zu führen. Geradezu erbaulich ist es, wie er am Jahrestage seiner Ankunft in Weimar und am Tage, da er den Brocken im Winter erstiegen hatte, in sein Tagebuch schreibt: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, und das Menschenkind, daß du sich seiner annimmst? Ergreifend ist sein oft zitiertes, dem 90. Psalm entstammendes Bekenntnis: „Man hat mich immer als einen vom Glück Begünstigten gepriesen- auch will ich mich nicht beklagen und den Gang meines Lebens nicht schelten. Allein im Grunde ist es nichts als Mühe und Arbeit gewesen." Karoline Herder schreibt an ihren Mann: Der Spruch: Wenn ihr stille bliebet, so würde euch geholfen, Jes. 30, 15, sei Goethes Motto gewesen. Sicher tft, daß er wiederholt bei Goethe wiederkehrt,- so auch schon in der Iphigenie: Seine Seel' ist stille; sie bewahrt Der Ruhe heil'ges, unerschöpftes Gut, Und den Umhergetrieb'nen reicht er Aus ihren Tiefen Rat und Hilfe. Man hört aus diesen Worten seine Ueberzeugung von der Kraft eines in Gott ruhenden Herzens. Wie er selbst sich darnach gesehnt hat, weiß jeder, der einmal seine Klage: „Süßer Friede komm in meine Brust!'-' hörte, und wie ihn dies Bewußtsein steter Abhängigkeit von Gott begleitete, bringt gut sein Bekenntnis an Plessing zum Ausdruck: „Soviel kann ich Sie versichern, daß ich mitten im Glück in einem anhaltenden Entsagen lebte und bei aller Mühe und Arbeit sehe, daß nicht mein Wille, sondern der Wille einer höheren Macht geschieht, deren Gedanken nicht meine Gedanken sind." Ja, soweit geht sein Verlangen nach diesem Leben in Gott, daß er wiederholt gesteht, gern von den Kindern das lernen zu wollen: „Von ihnen kann man leben und selig werden." So hat er auch für Jesum eine volle und aufrichtige Bewunderung: „In allen vier Evangelien ist der Abglanz einer Hoheit wirksam, welche von der Person Christi ausging, und dies so göttlicher Art, wie nur das Göttliche auf Erden erscheinen kann." „Er wandelt seine Straße uuverrückt, und indem er das Niedere zu sich heraufzieht, indem er die Unwissenden, die Armen, die Kranken seiner Weisheit, seines Reichtums, seiner Kraft teilhaftig werden läßt und sich deshalb ihnen gletchzustellen scheint, so verleugnet er nicht von der anderen Seite seinen göttlichen Ursprung." Und wie sehr er, der fast alle Gebiete menschlichen Wissens durchwandert hatte, doch immer wieder zur biblischen Einfalt zurückkehrte, das zeigt schon sein wenig bekannter und gerade für unser Geschlecht so beherzigenswerter, aus 1. Korinther 8 quellender Vers: Märkte reizen dich zum Kauf; Doch das Wissen blähet auf. Wer im stillen um sich schaut, Lernet, wie die Lieb erbaut. Bist du Tag und Nacht beflissen, Viel zu höien, viel zu wissen, Horch an einer andern Thüre, Wie zu wissen sich gebühre! Soll das Rechte zu dir ein, Fühl' in Gott was Rechts zu sein! Wer von einer Lieb' entbrannt, Wird vom lieben Gott erkannt! Man braucht neben diese Verse nur jenes bekanntere Wort aus den Wanderjahren zu stellen: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollen!" — und man empfängt unmittelbar den Eindruck: Mag uns in Goethes Leben und Werken manches stören, mag es ihm nicht gegeben gewesen sein, zu einem vollen Ergreifen des ganzen Heils in Christo zu gelangen- er war fest gegründet in biblischer Erkenntnis, und diese Erkenntnis war ihm lebendiger Besitz, ein wesentlicher Teil seiner Lebensanschauung und Quelle seiner Kraft geworden. Man kann unserm Geschlecht nur wünschen, daß es sich wieder mehr von Goethe an die Bibel weisen läßt, damit sich auch an ihm noch einmal Goethes Wort erfülle: „Die Zeit des Zweifels ist vorüber- es zweifelt jetzt so wenig jemand an sich selber als an Gott". Weiße Rosen — Rote Rosen. Skizzen von Leo Berthold. ------- (Nachdruck verboten.) Im kleinen Vorgarten des Fischerhäuschens blühten sie zu Hunderten an den dunkelgrünen Büschen: stachelig, ungefüllt, fast duftlos. Schneeweiß waren sie, beinah wie große Baumblüten, aber nicht, wie diese, Früchte bringend, nein, ganz unkultiviert und doch so seltsam anziehend, so poetisch, ähnlich jener ersten flattrigen weißen Rose, von der Anakreon uns erzählt, daß sie aus dem Wellenschaum des Meeres entstanden, gerade an jener Stelle, wo Venus den Wogen entstiegen. — Die schöne verwöhnte Großstädterin Konstanze Terry hatte die sogenannte Sommerwohnung bei Mutter Bast gemietet, zur Erholung sollte es sein, zur Kräftigung! „Das ist's, was ich will", rief sie, als sie sich im Stübchen, im Vorgarten umgesehen. Endlich einmal ländlich, einfach, primitiv, ohne Seidenvorhänge, ohne Teppiche, keine Magnolien, keine seltsamen Zierblumen, nein, Rittersporn, bunte Wicke und diese eigentümlichen . . . weißen ... ja, sind denn das wirklich Rosen?" So hatte sie gefragt und den schönen, dunklen Kopf geschüttelt. „Seltsam, dergleichen sah ich noch nie". Der einzige Sohn der Fischerwitwe schnitt mit dem großen Taschenmesser einen Strauß ab . . . Vorsichtig entfernte er die spitzen Dornen. „Danke schön!" lachte die blasse Konstanze. „O, hier bet Euch soll's mir gefallen, und wissen Sie was, Herr . . ." „Er heißt Johannes", sagte die Mutter und sah stolz auf den gebräunten stattlichen Sohn . . . „Und wissen Sie was, Herr Johannes ... alle Morgen möchte ich von diesen Rosen haben, bis sie nicht mehr blühen . . ." „Die blühen den Sommer durch bis zum Herbst", sagte Johannes. In der Früh, wenn Konstanze mit ihrer Dienerin zum Bade schritt, um durch die Erquickung neues Rot auf die weißen Wangen zu zaubern, trug sie den Rosenstrauß in der Hand. Johannes war dann schon längst seinem Berufe nachgegangen. Er fuhr aufs Meer hinaus zum Fischen- mit schwer gefüllten Netzen kam er heim. Alles betrachtete sie entzückt. Ein neuer Sport ward es für sie, die Natur in ihrer Ursprünglichkeit zu genießen, sich ihrer einfachsten Gaben zu erfreuen. Wiesen- und Feldblumen statt Orchideen, frische Butter, Brot und Milch statt Hummern und Champagner. Das Zirpen der Grille, der Vogelchor, ja selbst das unmelodische Spiel der ländlichen Kapelle, statt der großen Oper, Hansens stumme Bewunderung und sein ungeschicktes Reden statt der glänzenden Huldigung der Kavaliere ... sie war übersättigt, sie wollte einmal untertauchen, wie in die erfrischende Flut des gewaltigen Meeres, so in die Bedürfnislosigkeit des Daseins. Welche Wonne das war, nach dem Herumtummeln in der schaumigen Flut mit wallenden, leichten Gewändern, mit aufgelöstem Haare am Strande zu liegen und dann in dem 492 kleinen Boot, das von Hansens kräftigen Händen gerudert wurde, hinauszufahren, anscheinend bis dahin, wo der blaue Meeresspiegel vom sonnenglänzenden Firmament durchschnitten wird! Regelmäßig wartete ihr junger Wirt an der Stelle, wo die Boote lagen. Seine hellblauen, guten Augen leuchteten auf, wenn die graziöse, junge Gestalt sich näherte. Dann half er ihr geschickt in das kleine Fahrzeug, in dem sie wieder unzählige weiße Rosen fand, dornenlos, zart, leise duftend. Und auf der wonnigen Fahrt zerpflückte sie die Blumenblätter und ließ sie ins Meer fallen und dabei plauderte sie mit dem jungen Schiffer und lachte, daß die Zähne wie Perlen glänzten, und blickte ihn an aus den Märchenaugen, daß ihm das Herz schlug in seltsamem Weh. — —-- Der Sommer verging, und der Herbst kam mit furchtbaren Stürmen. Konstanze war rosiger denn je zurückgekehrt in ihr prächtiges Heim, bezauberte alte und junge Herzen mit ihrem frischen Reize. Aber auch alle Fröhlichkeit des kleinen Fischerhauses hatte sie mit sich genommen. Mutter Bast seufzte, wenn sie dem veränderten Treiben und Wesen ihres Johannes zusah, und diesem selbst schien es nur wohl zu sein, wenn er sich auf wogender See befand beim Fischfang. Das Hinausrudern der Badegäste hatte er längst aufgegeben, immer stiller war er geworden, und mit tiefem Herzweh hatte Mutter Bast es beobachtet, daß er in den so geheimnisvoll leuchtenden Mondnächten sein Lager nicht aufsuchte und draußen umherstrich oder im Gärtchen saß unter den weißen Rosen. Dann war er eines Tages mit anderen hinausgefahren auf die See. Ein furchtbares Gewitter hatte sie überrascht. Das entfesselte Element trieb haushohe Wellen, der Sturm peitschte die Wogen ... alle Gefährten trieben dem Lande zu, von dem das Wehklagen und Weinen der Frauen, der Kinder, der Bräute sich mit dem Geheul der Brandung mischte. Und alle wurden gerettet und Dankgebete stiegen zum Himmel an. Nur Hansens Boot war nicht heimgekehrt . . . Kiel oben trieb es später auf dem noch leise grollenden Spiegel der See . . . nach Tagen erst spülte sie, die grausame Ver- derberin, den Aermsten ans Land. Stumm und starr stand die arme Mutter dann an dem Grabe — da oben auf dem kleinen Kirchhof in den Dünen. Berge von Blumen deckten den Hügel des armen Johannes. Auch aus der Stadt war ein Kranz gekommen. „Konstanze Terry in tiefer Teilnahme" stand auf der Karte, die dabei lag. — Der Kranz war just von den weißen flattrigen, duftlosen Rosen geflochten, wie sie so herrlich das kleine Gärtchen geschmückt hatten. Die arme Mutter nickte traurig mit dem Kopf. * * * Sie gingen durch den botanischen Garten. Im zweiten Rosenmonat war's, im sommerwarmen, leuchtenden August. Ueberall blühte, strahlte, duftete aufs neue die Königin der Blumen. In immer neuen, nie so schön geahnten Farben und Exemplaren, hell wie Morgenrot und tiefdunkel wie die Nacht, weich und voll und glänzend und schwer. Der junge Professor der Botanik war so recht in seinem Element. Es schimmerte in seinen Augen vor Freude und er drückte den Arm der jungen Gefährtin, die sich ihm bei dem Spaziergang angeschlosien. „Man weiß wohl kaum, wie viel verschiedene Sorten es giebt", fragte die blonde Dora. „Es ist zweifelhaft", dozierte er, „wird wenigstens verschieden angegeben/ jedenfalls kann man unter den vielen Hunderten bestimmt acht Unterarten unterscheiden . . . sehen Sie, Fräulein Dora, hier die Simplici foliae . . . die Thee- rosen ... die Hortenses . . ." Doras feines Näschen sog den zauberisch vollen Duft ein. „Mir kommen Saphirs wunderbare Verse vom Ursprung der Rose in den Sinn", sagte sie träumerisch, „kennen Sie die, Herr Professor?" Voll schlug sie die schönen Augen zu ihm auf. Er schien verwirrt, gab ausweichende Antwort und fuhr fort, die einzelnen Klaffen nach Linus herzuzählen, mit deutschen und lateinischen Namen. Sie gähnte verstohlen und wurde erst lebhafter, als er von den Sybariten sprach, die sich ihre Lager aus Rosenblättern gemacht hatten. „Aus Rosenblättern!" staunte sie. Bet einem Beet der schönsten, dunkelroten, duftenden, Rosen blieben sie stehen. „Das sind die herrlichsten", rief sie begeistert, „diese sind's, von denen der Dichter spricht: „Und als die Göttin selbst, von Glut erfüllt, Das Antlitz wieder hebt vom Kelchesschoße, Da stand im Blut der Liebe eingehüllt Errötend da die erste rote Rose . . Er sah entzückt in das reizende Antlitz des Mädchens, das nun unter seinem bewundernden Blick ebenso errötete, wie die Blüten da vor ihr. Schnell pflückte er eine derselben und überreichte sie ihr . . . „Dora, Ihr Ebenbild", sagte er leise und innig .... Rosen und Liebe, sie gehören zusammen, — mit einem Male, als er die erglühende Dora sah, die unter seinem Anschauen erbebte, wurde es ihm klar. Unbegreiflich schien es ihm plötzlich, daß er neben dem entzückenden Geschöpf den Mentor gespielt. Dann zog er ihren Arm wieder durch den f einigen, hielt die kleine Hand fest, wanderte mit ihr lange auf und ab in den Laubgängen des Gartens. Leise wehte der Abendwind den wundervollen Duft der prangenden Rosenbäume zu ihnen herüber, zu dem jungen Paar, das sich so vieles zu sagen, zu fragen, zu bekennen hatte. Jetzt dozierte er nicht mehr, und auch sie gähnte nicht wieder. Nicht von Sinne war die Rede, von seinen Rosenklassen, und ebensowenig von Saphirs sinnreichen Versen und gemütstiefen Gedanken. Eng an einander geschmiegt, wandelten sie dahin. Und doch noch einmal, als sie zum Abschied vor den duftspendenden, herrlichsten Töchtern Floras standen, zeigte er auf eine der köstlichsten von allen und sagte: „Sieh, mein Lieb, diese prangende Rose wollen wir zum Sinnbild unserer Empfindungen machen. „Semper fierens“ heißt sie, wie unsere Liebe und Treue, „semper fierens“, immer blühend, immer und ewig". Dann gingen sie heim. Logogriph. (Nachdruck verboten.) Ein Vogel hat sein Köpfchen hingegeben! O Wunder: Harmonien kann er weben Als Komponist, der ruhmreich in Paris Vor drei Jahrzehnten sich bewundern ließ. Auflösung in nächster Nummer. Redaktion: L. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.