Samstag dm 29. Juli. 1899. - Nr. 107. ; 1899. — Nr. 107. Samstag dm KjMcr fm'iliritb;. NEchaUuWblall M ^GjeßenerAnMer (Gmeml-Anzeiger) H.'Noii. (.;g.asen 8 iipWl^ jedes Haus, wo Liebe wohnt, Da scheint hinein auch Sonn' und Mond, Und ist es noch so ärmlich klein, Es kommt der Frühling doch hinein! Hoffmann v. Fallersleben. Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) Warum? — der Knabe wußte es nicht genau. Er hatte so etwas gehört, als ob Leons Mutter eine grau sei, mit der anständige Leute nicht verkehren dürfen. Leon prügelte den Freund für seine Aufrichtigkeit gehörig durch, aber er merkte sich seine Worte. Man brauchte also nicht soviel Respekt vor der Mutter zu haben! Danach richtete er sich. Er wurde widerspenstig und unbotmäßig, und die arme Clarissa wußte sich manchmal nicht zu helfen. Zudem ging der Blumenhandel schlecht. Sie war keine Geschäftsfrau, und die Stadt war zu klein. Das sagte auch Herr Schmidt, der Fleischer, vom Laden gegenüber/ bei dem ging's ebenfalls nicht gut. Er war ihr zuweilen, wenn sie mit dem Jungen nicht fertig wurde, zu Hilfe gekommen, indem er ihm eine tüchtige Tracht Prügel applizierte. Sie müsse viel strenger mit ihm sein und ihn zur Arbeit anhalten. Und was er denn eigentlich werden sollte, es sei doch bald Zeit, meinte Schmidt, und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß da noch ein anderer mitzureden habe, und daß sie irgend woher Geld für den Knaben bekomme. Seitdem machte sich Schmidt noch viel unentbehrlicher. Und es währte nicht lange, so hatte er sie überredet, mit ihm gemeinschaftlich ein Geschäft in der Residenz zu gründen. Es sei dabei nichts zu riskieren. Er werde ihr mit seinen kaufmännischen Kenntnissen zur Seite stehen/ es handle sich bloß darum, das Geld zur ersten Einrichtung aufzutreiben. Sie werde schon wissen, wo das zu holen sei, fügte er mit breitem Grinsen hinzu. Clarissa war nicht gleich einerstanden. Sie mochte nicht schon wieder betteln gehen. Allein sie war ein schwaches, lenkbares Wesen, und Schmidt setzte ihr immer mehr zu. So entschloß sie sich endlich, in die Residenz zu fahren. „Verlange nur gleich ordentlich!" riet ihr Schmidt, „damit das Gelaufe nicht immer ist." Es hielt sehr schwer. Ihr ehemaliger Liebhaber war selbst in Geldverlegenheiten. Sie wäre wahrscheinlich unverrichteter Sache zurückgekehrt und hätte sich und ihren Sohn weiter mühsam durchgebracht, wenn nicht die Furcht, die ihr roher Freund und Beschützer ihr einflößte, sie dem andern gegenüber mutig gemacht hätte. So brachte sie dann schließlich nach vielen Bitten, Thräuen und Versprechungen eine ganz respektable Summe heim. Sie hatte dem Rechtsanwalt erzählt, daß sie sich zu verheiraten gedächte, jedoch wohlweislich verschwiegen, daß eine Uebersiedlung in die Residenz geplant sei. Andree aber hatte mit dieser ersten Nachgiebigkeit gegen die erhöhten Forderungen seiner ehemaligen Geliebten den Grund gelegt zu einer Kette von Unannehmlichkeiten, Sorgen und Belästigungen. Clariffa und ihr Sohn schienen allgegenwärtig. Er traf sie auf der Straße, er zitterte vor ihren Besuchen, die häufiger und häufiger wurden, und in der Angst, sich verraten zu sehen, gepeinigt, steckte er mehr und mehr Geld in das hoffnungslose Unternehmen dieses Blumenhandels. Er besorgte, daß sie ihm den widerwärtigen Patron, mit dem sie sich zusamengethan, auf den Hals schicke. Und doch war dies der einzige Punkt, in dem Clarissa eine gewisse Festigkeit bewahrte. Sie erhalte ihr Geld durch den Advokaten, erklärte sie, und den Namen des Gebers werde ihr Schmidt nie abringen. Denn sie zweifelte keinen Augenblick, daß jener seine Drohung wahr machen und ihr alle Hilfsmittel entziehen werde, sobald sie ihn verriete. Und was sollte sie dann mit jenem arbeitsscheuen Individuum anfangen, in dessen Gewalt sie sich gegeben hatte und das sie erst zu spät in seiner ganzen Rohheit und Verworfenheit kennen lernte? Um die Geschäfte kümmerte sich Schmidt, sobald er den Laden gemietet und die Einrichtung besorgt hatte, gar nicht mehr. Nur die Führung der Kaffe nahm er ihr ab. Dergleichen sei in Frauenhänden nicht gut aufgehoben. Er hatte dafür seine Gründe. Seine ganze Thätigkeit bestand darin, daß er das bare Geld," sobald sich welches vorfand, für seine eigenen Bedürfnisse verausgabte. Am tiefsten empfand Clariffa den Mißgriff, den sie mit ihrer Heirat gethan, ihrem Sohne gegenüber, in dessen Interesse doch eigentlich die erste Annäherung an Schmidt erfolgt war. Zwischen ihm und dem Stiefvater herrschte eine erbitterte Feindschaft. L6on führte, seitdem er die Schule verlassen hatte, ein unregelmäßiges Leben. Bald sollte er im Geschäft helfen, 426 bald verdingte man ihn als Laufburschen, bald wurde er unter bombastischen Redensarten über das Handwerk mit seinem goldenen Boden in eine Lehre gethan, wo es nichts kostete und nichts zu lernen gab. . So gingen einige Jahre hin, bis der Zeitpunkt gekommen war, wo Lson zum Militär eingezogen wurde und auf diese Weise seine Mutter eine zeitlang von der Sorge um sein Fortkommen befreite. XVI. »Ist Fräulein Andree zu sprechen?" Es war Dievenow, der diese Frage an das Stubenmädchen richtete- Dievenow, nicht im Reiseanzuge, wie man ihn von der Bahn kommend erwartet hätte, bestäubt und mit Gepäck beladen- nein, Dievenow im wohlgebürsteten, dunklen Gehrock, im Zylinder, sorgfältig wie immer gekleidet, vielleicht noch um ein weniges sorgfältiger. „Ach, der Herr Dievenow!" rief das Mädchen. „Wir sind gerade dabei, das Zimmer reinzumachen —" „Melden Sie mich dem Fräulein," unterbrach er sie gebieterisch. Er hatte den Entschluß gefaßt, um Marthas Hand anzuhalten. Immer überzeugender war es ihm in der Ferne zum Bewußtsein gekommen, daß sie und keine andere die Frau sei, wie er sie brauche und wünsche. Zunächst zog er noch einige Erkundigungen über die Familie ein, mehr um sich vor sich selbst zu rechtfertigen- schon im voraus sicher, daß sie, wie sie auch ausfallen möchten, auf seinen Entschluß kaum noch einen entscheidenden Einfluß haben würden. Daß Martha seine Werbung annehmen würde, erschien ihm kaum zweifelhaft. Aber auch in diesem Falle hielt er es nicht für Passend, bis zur Vermählung unter einem Dache mit ihr zu wohnen .... Also ausziehen würde er auf alle Fälle. Nach wenigen Minuten trat ihm Martha mit den Worten entgegen: „Sie sind gekommen, um Abschied zu nehmen, Herr Dievenow?" Und das klang gleichgültig, fast feindlich. Kein Zug in dem schönen, ernsten Gesicht verriet, was sie empfunden hatte, als sie die Meldung vernahm. Sie hatte ja gewußt, daß alles aus war, aber warum mußte er ihr das selbst sagen? Ihre unerwartete Anrede brachte ihn ein wenig aus der Fassung. „Abschied nehmen? Nein. Ich bin gerade wiedergekommen." „Das Mädchen hat sich wohl geirrt, als sie meldete, daß Sie mich zu sprechen wünschten?" fuhr sie in geschäftsmäßigem Tone fort. „Wenn es sich um die Wohnung handelt, ist es wohl besser, ich rufe Mama." „Aber es handelt sich nicht um die Wohnung," fiel er ihr schnell ins Wort. Sie hatte sich noch gar nicht gesetzt, bereit, sogleich wieder das Zimmer zu verlassen. „Können Sie denn nicht erraten, Fräulein Martha, warum ich gerade Sie zu sehen wünschte? Warum ich schon jetzt aus der Schweiz zurückgekehrt bin? Bloß —" Er stockte. Noch immer war ihr Gesicht unbeweglich. Kein Strahl von Freude über seine Rückkehr, keine Spur einer wärmeren Empfindung, nur ein Zug von Spannung um die festgeschlossenen Lippen. Aber es gab kein Zurück mehr — schnell zum Ende. „Bloß — um Sie zu fragen, ob Sie die Meine werden wollen?" Was er noch hatte hinzufügen wollen, die ganze Geschichte seines Lebens, ein Programm für das Glück ihrer Zukunft, wie er es sich während seiner Reise und zuletzt noch in der schlaflosen Nacht einer Eisenbahnfahrt zurechtgelegt hatte: alles war vergessen, als überflüssig beiseite geschoben- und nur noch einmal fragte er: „Wollen Sie die Meine werden?" Martha war ganz bleich geworden. „Ihr Antrag überrascht mich so sehr, so sehr, daß--** hauchte sie und hielt inne. Er ward unruhig. Seine Augen hingen an ihren bebenden Lippen. Sollte das Unvorhergesehene, das Unmögliche eintreten? Sollte ste nein sagen? „Fräulein Martha, Sie — Sie werden mich doch nicht abweisen?" „Nein," stammelte sie. „Nein. Ich will die Ihre werden." Ste streckte ihm die Hand hin, und er drückte sie mit Inbrunst an seine Lippen. Ihren Mund zu berühren, wagte er nicht. Sie selbst stand stumm, willenlos, wie versteinert. Wie war das alles so plötzlich gekommen? Hatte sie denn nicht in bangen, bittern Stunden auch von diesem Glücke schon Abschied genommen? Und nun war es da, und sie konnte es nicht fassen, so unwirklich, so schattenhaft kam es ihr vor. Sie konnte gar nicht zum rechten Bewußtsein desselben kommen. Wie ferne Laute hörte sie die Segensworte ihrer Mutter- dann saß sie neben ihrem Bräutigam und schrieb mit ihm an seine Eltern, die ste auch nicht kannte, die er nicht verstanden hatte, ihr menschlich näher zu rücken, die ihr auch nur Schatten waren. Umgehend traf dann Antwort ein, freundlich, liebenswürdig, aber ohne rechte Wärme. Woher sollten ste die auch nehmen, da Martha ihnen ganz fremd war? Nun erst ward es den Geschwistern mitgeteilt. Fröhliche Glückwünsche, lustige Scherze und die Neckereien der alten Damen, die das alles längst geahnt hatten, denen die endgültige Entscheidung nur allzulange ausgeblieben war. Sie waren auch nicht ganz einverstanden mit dem Benehmen des Bräutigams, obwohl es ganz dem Charakter desselben entsprach. Doch die Liebe pflegt die Menschen merkwürdig von Grund aus zu verändern: und diese beiden waren sich so ziemlich gleich geblieben, ernst, reserviert, aller demonstrativen Zärtlichkeit abgeneigt. Dabei schienen sie sehr glücklich zu sein, weniger wie Liebesleute, mehr wie ein Ehepaar, das das Ziel erreicht und im ruhigen, friedlichen Besitze sein volles Genügen findet. Was Hellmut Dievenow betraf, so waren sie damit im Rechte. Er hatte erreicht, was er wollte - ihm blieb nichts zu wünschen. Daß er sich nicht expansiver, nicht wärmer gab, lag in seiner Natur. Martha, die bei aller äußern Kühle weit leidenschaftlicher angelegt war, hatte zuweilen die Empfindung, als stände noch irgend etwas zwischen ihr und ihrem Bräutigam, als habe sie ihn noch nicht vollständig ergründet, als sei sie noch nicht eingedrungen in die Tiefen seines Wesens, Tiefen, an deren Vorhandensein ste nicht zweifelte, Tiefen, in denen die wahre, wärmende Herzensgüte ruhte. Einmal im Anfang ihrer Brautzeit fragte Martha, ob ihr Helmut nicht das, was er ihr am Tage seiner Rückkunft gesagt, schon einmal habe sagen wollen, an jenem Abend, wo er sich nach ihrer ersten Liebe erkundigt habe. Er bejahte. „Und warum verstummtest Du so Plötzlich, nachdem ich Dir offen eine Frage beantwortet hatte, an die Dir damals kein Recht zustand?" Dievenow schwieg. „Warst Du eifersüchtig auf den andern, Hellmut?" „O nein!" entgegnete er mit überlegenem Lächeln. „Dergleichen Kindereien Pflege ich nicht ernst zu nehmen." „Es war damals aber ganz ernst," meinte ste. „Damals! Euer beiderseitiges Alter bürgt für die Harmlosigkeit." Seine Auffassung behagte ihr nicht- doch ließ sie den Gegenstand fallen und fragte nur noch: „Was war es denn sonst?" Er überlegte einen Augenblick. „Es hatte weder mit Dir, noch mit dem jungen Manne das geringste zu thun. Laß Dir das genügen." 427 Diese kurze Unterredung gab Martha viel zu denken, -und zwar in zweierlei Richtung. Erstens ward sie dadurch belehrt, daß es Dinge gab, die Hellmut ihr zu verschweigen wünschte. Vielleicht würde das anders nach ihrer Verheiratung. — Vielleicht? — Nein, gewiß! — Und zweitens regte es sie zum Nachdenken an über ihr Verhältnis zu Olaf, das Hellmut wie eine belanglose Jugendthorheit betrachtete. Es mochte wohl ein Körnchen Wahrheit dabei sein. Wenn sie es mit ihrer Liebe zu Hellmut verglich, so fand sie, daß zwischen ihren Empfindungen von damals und jetzt ein himmelweiter Unterschied herrsche. Jetzt baute sie Tag für Tag an dem Glück ihrer Zukunft, damals hatte sie für die Zukunft nicht einen Gedanken übrig gehabt, kaum daß sie sich je in ihren verschwiegensten Träumen als das Weib Olaf Nansens gesehen hatte. Die Gegenwart war ihnen alles gewesen. Jetzt war sie zu ernst und zu vernünftig zu so planlosem Getändels jetzt wußte sie, daß er, den sie erwählt, ihr ganzes zukünftiges Leben ausfüllen müßte, und das würde ihnen nicht bloß Poesie und Blumenduft bieten! Zum treuen, festen Genossen für die Lebensreise war Hellmut Dievenow der rechte Mann, und wohl ihr, daß sie einen solchen gefunden! Im vollem Maße wußte sie das Glück zu schätzen. Aber sonderbar! nicht ein einziges Mal, wenn Hellmuts Mund sie küßte, empfand sie jenen süßen, geheimnisvollen Schauer, der sie durchbebt hatte, so oft Olafs Hand nur die ihre berührte! (Fortsetzung folgt.) Zur Korsettfrage. Trotz des eifrigen Kampfes einer ganzen Anzahl bedeutender Aerzte und energischer Frauen gegen das Korsett, trotzdem dieser Kampf schon so lange gekämpft wird, als das Korsett besteht, ist der Erfolg doch fast gleich Null. Das Korsett wird trotz seiner Unbequemlichkeiten, ja trotz der Qualen, die es oftmals verursacht, von dem erwachsenen weiblichen Geschlecht immer weiter getragen, und nur erst einige wenige haben sich von ihm losgesagt. Das Korsett hat eine ganze Reihe der widersprechendsten Moden erlebt und überlebt,- diese Beharrlichkeit, mit der es trotz aller Anfeindungen seinen Platz in der Frauentracht behauptet hat, könnte fast zu dem Gedanken verführen, als ob das Korsett doch etwas Gutes, Unersetzliches besitze, das es so ausdauernd lebensfähig erhält. In der „Deutschen Med. Wochenschrift" erörtert Dr. A. Schanz (Dresden) einige Gesichtspunkte, die für den guten Kern sprechen, der in der dicken und harten Schale dieses Bekleidungsstückes versteckt ist. Schlecht ist am Korsett, daß es als Schnürleib zu verwenden ist) das Gute an ihm ist, daß sich durch das Korsett die Last der Röcke auf die Hüften übertragen läßt. Wie wichtig das Korsett in dieser Beziehung ist, ergiebt sich aus der Thatsache, daß die Reformfrauenkleidung mit dem Aufgeben des Korsetts einen neuen Stützpunkt für die Last der Röcke erst suchen mußte. Sie hat dazu die Schultern gewählt) damit hat man nach Dr. Schanz' Ansicht einen großen Fehler begangen. Denn beim Manne, dessen Wirbelsäule doch weit kräftiger ist, hat man z. B. in der Ausrüstung des Soldaten gerade das Gegenteil gethan) man hat dort die Last der Bepackung von den Schultern auf die Hüften verlegt. Der Soldat vor 50 Jahren trug außer Tornister und Mantel noch Seitengewehr, Patronentasche, Brotbeutel, Feldflasche und Sprengzeug auf der Schulter) jetzt trägt er dort nur noch den Tornister mit dem Mantel, und auch deren Last wird durch die Hintere Patronentasche gestützt und so zum Teil auf die Hüften übertragen. Freilich ist zwischen der Bepackung des Soldaten und der Kleidung einer Frau ein großer Unterschied / aber auch der Soldat, wie der Mann überhaupt trägt seine Kleidung nicht ausschließlich auf der Schulter) durch ihren Schnitt und durch das enge Anliegen verteilt die Männerkleidung ihr Gewicht auf den ganzen Körper, und Weste, Hose und Rock (namentlich, wenn letzterer zugeknöpft ist) wird zu einem guten Teil durch die Hüften gestützt) jedenfalls wird beim Manne kein Körperabschnitt so belastet, wie beim Tragen der Frauenröcke, die frei aufgehängt sind. Dr. Schanz meint, wenn man die Frauenkleidung im Sinne der Männerkleidung umarbeiten will, so genügt es nicht, in die Frauenkleidung einfach die Hosenträger einzufügen, sondern man muß in der künftigen Frauentracht vom Rocke ab- und zur Hose üb er geh en. Die Reform-Unterkleidung entwickelt sich ja in dem Sinne, aber es ist den beteiligten Kreisen noch nicht zum Bewußtsein gekommen, daß darin der Kardinalpunkt liegt und daß damit auch die Korsettfrage gelöst wird, und zwar in dem Sinne, daß das Korsett unnötig wird. Damit verschwindet e§ dann von selbst, aber nicht, so lange es noch ein zweckdienliches Hilfsmittel der Frauenkleidung ist. Den Beweis dafür findet Dr. Schanz in den Frauengestalten, die die Lukas-Cranach-Ausstellung, die sich gegenwärtig in Dresden befindet, vorführt) sie zeigt, welchen Einfluß unsere Frauenkleidung auf den Körper ausübt, wenn sie ohne Korsett auf den Schultern getragen wird. Zur Zeit dieses Malers trugen die Frauen eine Kleidung, welche sich von der heutigen im Wesen eben dadurch unterscheidet, daß sie korsettlos war und daß sie auf den Schultern ruhte. Die Röcke sind an dem Leibchen, welches in der Höhe der Magengrube endet, befestigt. Durch diese hochliegende Taille ist verhindert, daß die Last der Röcke auch nur zum Teil auf die Hüften verlegt wird. Wie wirkte diese Kleidung, die der Jdealkleidung unserer Reform so nahe kommt, auf ihre Trägerinnen? Wer die Redensart von der Entartung des weiblichen Geschlechtes durch das Korsett im Munde führt, der wird etwas überrascht sein, wenn er die Eva-, die Lukcetiagestalten, die Göttinnen jenes Malers steht. Es ist geradezu unglaublich, welch eine krumme und verkümmerte Gesellschaft die Frauen jener Zeit waren! Jene Frauen hatten ausnahmslos runde Rücken und so hochgradig, wie wir sie heute unter unseren orthopädischen Kranken selten sehen! Daß in der That der runde Rücken in jener Zeit ein Gemeingut der Frauen war, geht daraus hervor, daß der Maler, welcher prächtige Wännerge- stalten malt, den runden Rücken bei der Frau überhaupt als normal ansieht und daß er seine Jdealgestalten mit rundem Rücken malt. Auch die Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose) kann in jener Zeit nicht selten gewesen sein. — Das Bildnis der Herzogin Katharina, welches sich in der Ausstellung befindet, zeigt diese stark gekrümmte Wirbelsäule. Der Künstler hat nicht einmal den Versuch gemacht, durch eine günstige Stellung es zu verdecken. Die Frau mit dem runden Rücken ist nun nicht etwa eine Sonder-Eigentümlichkeit Cranachs) sie ist allen Malern jener Zett gemeinsam. Man betrachte z. B. das bekannte Bild Albrecht Dürers „Adam und Eva" (jede Kunstgeschichte enthält es), und man wird erstaunt sein, wie der Maler, der eine so prachtvolle Männergestalt abbildet, daneben eine so krumme Frauengestalt stellen konnte. Recht lehrreich ist in dieser Beziehung auch das Durchblättern einer Koftümgeschichte. Wenn man in der Kostümgeschichte der Kulturvölker von Jakob von Falke die Bilder durchsieht, welche deutsche Frauenmode wiedergeben, kann man aus der Haltung der betreffenden Figuren sehen, ob sie aus der Korsettzeit oder aus der vorkorsettlichen stammen. Die Letzteren haben runde Rücken, Elftere sind gerade aufgerichtet. Man macht bei der Behandlung der hier erörterten Fragen, sagt Dr. Schanz, oftmals den Kehler, eine besonders verschnürte moderne Dame gegen eine alt- griechische Idealfigur zu stellen. Wenn man die Unzweckmäßigkeit der heutigen Frauenklei.dung überhaupt darstellen will, ist diese Nebeneinanderstellung ganz richtig. Aber der Einfluß des Korsetts läßt sich auf diese WUse nicht nachweisen. Das ist nur möglich, wenn man korsetttragende und 428 nicht korsetttragende Frauen nebcneinanderstellt, die sonst aber nach demselben Prinzip gekleidet sind. Um die Möglichkeit eines Mißverständnisses auszuschließen, betont Dr. Schanz zum Schluß noch einmal kurz, daß er nicht als ein Verteidiger des Korsetts an sich austreten will. Er verkennt dessen Schädlichkeiten keinessalls. Er wollte Nachweisen, daß das Korsett, wenn es richtig gebraucht wird, in der heutigen Frauenkleidung ein zweckmäßiger Bestandteil ist, und daß die Resorm der Frauenkleidung nicht mit der Beseitigung des Korsetts beginnen, sondern mit ihr endigen muß. Geineknnützises. Aeld und Karten. Verschiedene Mittel znr Vertilgung der Ameisen. 1. Honig, Syrup oder gequetschte reife Früchte, gemischt mit weißem Arsenik unter das Nest verteilt. 2. Ein Blumentopf zur Brutzeit über das Nest gestülpt. Der Boden wird ringsherum mit Wasser begossen. Nach einer halben Stunde schiebt man eine Schaufel unter den Topf, in den sich alles geflüchtet hat, und wirft ihn in heißes Wasser. 3. Guano und Chlorkalk in gleichen Teilen gemischt, in kleinen Posten in das Nest gestreut, tötet alles. Vorsicht bei in der Nähe befindlichen Pflanzen. 4. Ungelöschten Kalk in die Nester gestreut und mit Wasser übergossen. 5. Schinkenknochen, frisches, gebratenes (nicht gesalzenes) Fleisch wird in kurzem über und über von Ameisen bedeckt werden. Man wirft dann die Gegenstände in heißes Wasser. 6. Damit Ameisen nicht auf mit reifen Früchten besetzte Bäume steigen, benetzt man die Erde um den Stamm mit hundertfach verdünnter Carbolsäure. Mehrfach wiederholen. Die Vertilgung der Ameisen ist nur anzuraten, wenn fie dem Gartenfreund durch zu massenhaftes Auftreten lästig werden. Im übrigen machen sie sich durch die Verfolgung von Raupen, Larven und ähnlichem Geschmeiß auch immerhin verdient. Schonet den Iltis: Für den Pelz bekommt man freilich im Winter 1 bis 2 Mark, aber man erfreut durch das Wegfangen des Tieres nur die Ratten und Mäuse, denn davon sängt ein Iltis mindestens fünfmal so viel wie eine Katze. Eine Katze kostet 5 Pfennig den Tag zu unterhalten, also das Jahr 18 Mark. Dasür kann der Iltis — und deshalb wird er vertilgt — schon manches Huhn und Ei aufreffen. Wenn man die Hühnernester aber hoch anlegt und die Eier jeden Abend ab'ucht, kann man sich auch vor diesen möglichen Verlusten schützen. Ebenso nützlich ist Wiesel und Hermelinchen. Diese kommen zwar nicht ins Haus, desto mehr aber säubern sie Garten und Feld von Mäusen, Erdwölfen und Hamstern. Sie kriechen in die Löcher und sind unersättlich in ihrer Mordlust. Aber sie verschonen doch auch junge Hasen nicht? Zugegeben! Hasen sind aber auch die lästigsten Gartenfeinde, die es giebt, sie sind für den Gartenfreund eben Riesenmäuse. Gurken dürfen auf keinen Fall zum Hängenlasfen der Blätter kommen, da Saftmangel gewöhnlich bittere Gurken zur Folge hat. Auch die in Mistbeeten getriebenen Gurken können noch bis September Ernten liefern,- sie sind von Fenstern befreit und ranken lustig über die Kästen hinaus. Ebenso die Melonen, deren Fenster wir derart hoch legten, daß die Ranken auch hier sich frei ausbreiten können. Hacken, Häufeln, Jäten, Gießen und Neupflanzen machen die Hauptarbeiten aus; letzteres namentlich bei Endivien und Grünkohl. abgelesen werden können. Eine leichte Schicht Oseuruß auf die Erde gestreut, hält wohl für einige Zeit die Würmer fern, bann muß das Mittel aber von neuem wiederholt werden. Die Brühe von abgekochten Walnußblättern wird ebenfalls zum Vertreiben der Regenwürmer angewendet. Cie Würmer gelangen durch die Abzugslöcher in die Töpfe, sobald letztere aus der Erde stehen. Dieses Einkriechen wird aber verhindert, wenn die Töpfe auf eine Unterlage von Kalk- schmt gestellt werden. Sie entstehen aber auch gleichsam von selbst in den Töpfen, namentlich wenn zur Füllung derselben junge Erde benutzt wurde, die noch zu viele unverweste Bestandteile enthält, ober wenn ber Wurzelballen zu naß gehalten wurde, ober aber, wenn es bemselben an gehörigem Abzug bes überflüssigen Wassers fehlt, welches an sich schon bas Sauerwerben ber Erbe erzeugt. Der Regenwurm schabet nicht baburch, baß er bie gesunben Wurzeln abfrißt, sondern daburch, baß seine Excremente die Erde versäuern, infolgedessen die Wurzeln allmählich absterben und nun erst dem Wurme als Nahrung dienen. Eine herrliche Teppichbeetanlage ist die aus Rosen gebildete. — Reich- und immerblühende Rosen (Fellemberg, alle Röschen der Polyantha-Gruppe, Hermosa rc.) werden durch kleine Holzhäkchen am Boden niedergehalten, die Seitentriebe durch Zurückschneiden zu immer neuen Verzweigungen veranlaßt, bis sich ein dichtes Zweiggeflecht am Boden entwickelt, welches sich reich mit Blüten bedeckt. Fortwährendes Zurückschneiden abgeblühter Stengel erhält der Sommer hindurch den reichsten Flor. Eine Buchsbaum-, niedriggehaltene Eichen- oder Epheu-Einfassung grenzt das Beet vom Rasen ab; es können schöne Jarbenzusammenstellungen und Beetformen, Bänder, Rosetten re. einen überraschenden Anblick erzielen. Da wir so eine Anlage von langer Dauer erreichen, ist sie mit zu den billigsten Teppichbeetarten zu zählen, und wie überhaupt Blütenteppiche ihren eigenen Reiz haben, sind Rosenteppiche das schönste, was wir uns denken können. — Nicht vergessen, Stangenbohnen wie Buschbohnen regelmäßig zu Pflücken, da dann die Bohnen viel länger im Wachstum und Fruchtansatz bleiben. — An den hochstämmigen Obstbäumen zeigen sich gewöhnlich, besonders nach starkem Schnitt, bie sogenannten Räuber ober Wasserschosse, bie man jetzt herausschneibet. Iür die Küche. Die jetzt gut werbenben Schlachtschwertbohne« erinnern uns an bas Einsalzen unb Dörren berfelben. Das Trocknen geschieht, nachbem sie gebämpft sinb, auf ber Herddorre ober auf gäben gereiht, wie bas Trocknen ber Tabaksblätter, an Der Luft. Ersteres bet Schneibe-, letzteres bei Brechbohnen. Das Einsalzen ist eine zu bekannte Arbeit, als baß ich sie zu beschreiben brauche. Zarte Bohnen sinb unbebingt nötig und bei allen zwei bis dreimaliges Abfasern. tlttteife Aepsel werden zerschnitten, ungeschält mit einer Kleinigkeit Wasser angesetzt und zerkocht. Einige Quitten geben eine prächtig rote Färbung. Die Masse wird gepreßt, pro Kilo Saft 500 Gramm Zucker, der ganzen Masse eine Schote Vanille zugesetzt und bis zur Geleeprobe (ein Tropfen auf einem kalten Teller muß sich abheben lassen, ohne Rückstände zu hinterlassen) eingekocht. Huinovistisches. Aus der Trau-Rede ein es französisch en Maires: „Die Ehe ist wie meine Schärpe: das Rot bedeutet die Glut des jungen Gatten, das Weiß die Unschuld ber jungen Gattin, unb bas Blau . . . bas Blau . . . bies Blau, wenn's grün wäre, bebeutete bie Hoffnung auf bie schönen Tage, bie Sie zusammen verleben werben". („Münch. Jugend.") WMmenpflege. Wie beseitigt man die Regenwürmer ans den Blnmentöpse« ? Wenn die Töpfe gerüttelt werden, erscheinen die Regenwürmer an der Oberfläche, so daß sie leicht Redaktion: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitätr-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.