Samstag den 29. April । iw] MM I w W «311 ein Freund, mißachte nicht den ärmsten Mann, Wer weiß, er hat vielleicht ein Töchterlein, Das deines Lebens Sonne werden kann. Auch keiner Winkelgassen Labyrinth Sei dir zu finster; wohnt vielleicht doch dort Die Fee, die deines Glückes Fäden spinnt. Und heuchelt einer, dem der Wahnsinn schon Im Auge flackert, kühle Weltmanier, Verachte nicht den Helden, lieber Sohn. Und wird vor Tag und Tau schmucklos ein Sarg Verscharrt am Friedhofszaun, wer kennt die Qual, Die das zerschoss'ne Herz der Welt verbarg? Ich bitte Christ, Jurist und Moralist: 'nen milden Spruch! Wer weiß, wie bald uns selbst All solche Rücksicht bitter nötig ist! Arthur Fitger. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Zuweilen sprach er so gut, daß mir der Gedanke kam, er habe das Ungrammatikalische, das Platt und Tee - Rotwelsch, mit welchem er manchmal seine Reden mischte, nur angenommen zum Zwecke irgendwelcher Täuschung. Dazu kam, daß er neben seiner, weit über das Maß eines Matrosen hinausgehenden nautischen Bildung auch, was zu damaliger Zeit sehr viel bedeuten wollte, gut lesen und schreiben konnte und auch französisch sprach. Er harte in seiner Kiste einige Bücher und lag oft und las, während die anderen schliefen oder sich etwas erzählten. Zuweilen saß er mit einem offenen Buche in der Hand da, sah aber stier über dasselbe hinweg auf einen bestimmten Punkt und bewegte seine Lippen dabei, als ob er etwas auswendig lernte. Einst bat ich ihn, mir ein Buch zu leihen, und er warf mir den Band zu, welchen er in der Hand hielt. Es war ein altes Buch, schon vor hundert Jahren gedruckt und enthielt Hexen-Geschichten. Das ungeheuerliche Titelkupfer stellte eine alte Frau dar, die einer Katze die Haut abzog. Einer der Leute, der mir über die Schulter blickte, brüllte: „Hallo! Hier is des alten Windwärts Wiw, de smort en Düwels-Braden wedder dat Heimkommen von de Brigg!" Darauf schrie Deacon: „Gebt das Buch wieder her!" Er sagte das so ernst und verdrossen, daß ich ihm sofort das Buch zurückwarf, um einen Zank zu verhüten. Eine sonderbare Grille von ihm war seine Gewohneit, mit Bleistift oder Kreide Figuren auf Papier oder auf das Deck zu malen. Sowie sie fertig waren, vernichtete er sie aber wieder. In solchen Momenten war sein Gesicht eine wahre Studie. Seine gerunzelte Stirn, sein verächtlich verzogener Mund, seine funkelnden, aufgeregten Augen und flüsternden Lippen deuteten einen Grad von Vertieftsein an, welcher geradezu unverständlich war. Eines Morgens, als ich ihn wieder mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier arbeiten sah — er besaß ein leeres Log-Buch und riß sich aus diesem immer die Blätter heraus — ging ich zu ihm und bat ihn, mich sehen zu lasten, was er zeichnete. Er bedeckte das Papier mit seiner Hand, blickte mich zuerst zornig an und dann umher, um zu sehen, ob meine Bitte Aufmerksamkeit erregt hätte. Nach wenigen Augenblicken indes verlor sein Gesicht den ärgerlichen Ausdruck und er sagte: „Du hast mir das Leben gerettet, Jack, und ich gehöre dir mit Leib und Seele." „Unsinn! Sei still davon. Ich will weder deinen Leib noch deine Seele," antwortete ich. „Ich wünsche bloß zu wissen, wer es ist, den du immer verstohlenerweise porträtierst?" Er schien einen innerlichen Kampf zu bestehen, während er mich aufmerksam ansah. Meine Neugier war aufs höchste erregt und ich ging nicht vom Fleck, um abzuwarten, was er thun würde. „Da," rief er, „du magst es ansehen," und dabei reichte er mir das Papier. Da springt der alte Sam auf, welcher rauchend mit / geschlossenen Augen auf einer Kiste gesessen hatte, und schreit: „Lat't uns seihn, Maat, lat't uns seihn!" „Nein, nein," antwortete ich, „ehrlich Spiel) dies ist für mich." Ich nahm das Papier ans Licht,- aber alles, was ich sehen konnte, war dies: 238 w ltchen Färbung des blauen Himmels, von welchem jede Wolke verschwunden war, Anzeichen zu erkennen, welche mich besorgt machten. Ich dachte, der Kapitän würde wohl daran thun, in dieser Nacht scharfen Ausguck halten zu lassen. Eine lange, mächtige Woge rollte von Westen heran. Die Brigg, welche nicht mehr durch den Druck des Windes gefestigt war, schaukelte auf ihr wie ein kleines Boot,- das Wasser schlug bis zur Höhe unserer Schanzkleidung auf. Die Unannehmlichkeiten eines starken Windes sind gering im Vergleich mit denen einer starken Dünung während einer Windstille. Die Wirkung einer solchen ist eine ganz furchtbare. Das Schlingern des Schiffes wird derart, daß Masten und Spieren sich oft bis zu einem Winkel von vierzig Grad neigen und die Wanten und Pardunen sich schwer ächzend in einer Weise spannen und strecken, daß es einen nur wundernehmen kann, daß die Pütttngeisen sich unter der ungeheuren Gewalt nicht wie Draht ausziehen. Am schlimmsten aber ist es auf und unter Deck. Was nicht ganz sicheren Halt hat, wird umher geworfen, alles Bewegliche stürzt von einer Seite zur anderen. Abgesehen von der Not, sich selbst auf den Beinen zu erhalten, schwebt man in steter Gefahr, von den herum rollenden und fliegenden Gegenständen verletzt zu werden. Die Lampe im Vorderkastell schaukelte mit ihrer flam- Es dauerte nicht lange, bis die Mannschaft herausgefunden hatte, daß Miß Franklin „en nüdlich smuck Dier- ning" sei. Ich hörte diesen Ausdruck von Suds, und ein wahrer Kampf düsterer Eifersucht und Enttäuschung packte mich, als dieser Mensch mir lang und breit auseinandersetzte, wie sie, während er am Steuer gewesen, zu ihm gekommen wäre und ein Garn mit ihm gesponnen hätte. Bis hierher hatte ich geglaubt, diese Herablassung erstrecke sich nur aus meine Person, ich allein wäre der Bevorzugte, mir allein schenke sie Beachtung. Und nun, ach Gott, dieser kalte Wasserstrahl, daß auch andere von freundlichen Worten sprechen konnten, welche an sie gerichtet wurden. Wahrhaftig, ich war ganz zerschmettert; was in aller Welt aber konnte sie auch Gefallen an einer Unterhaltung mit solch rohen Burschen finden, mir war das unerfindlich. Um so mehr verstand ich aber ihre zunehmende Popularität auf dem Vorderdeck- machte doch jedes Wort, jedes freundliche Lächeln von ihr, jeden glücklich und stolz, dem es galt. „Dat möt en wunnerboren Vogel West sin, de twei so unglike Eier leggt het," bemerkte Suds, indem er sich auf Bruder und Schwester bezog. „Mien Meinung is, sei sünd I fik in Harten ennanner so ähnlich, as de Wilde, de Miuschen I frei, unde Preister, dem em bekthren will." Wie mit einem Schlage wurde die Arbeit zum Ver I gnügen, sobald sie auf Deck erschien. Sie folgte uns mit | ihren braunen, unschuldigen Augen, und wenn sie zufällig I einer Arbeit im Takelwerk zusah, die Leute da oben es be- I bemerkten, und ihr halb erschrockenes, halb bewunderndes I Gesicht sahen, da achteten die jüngeren keine Gefahr und überboten sich in halsbrechenden Anstrengungen, ihre Auf- | merksamkeit auf sich zu lenken. Alle gegebenen Hilfsmittel Sam jedoch war mir, ohne daß ich es gemerkt hatte, | verschmähend, schienen sie oft, gerade an den gefährlichsten in den Rücken geschlichen, und als er das Gekritzel sah, I Stellen, frei in der Luft zu schweben. brüllte er: I Der alte Windwärts that alles, was er zu thun wagen „Dat is jo gar kein Bild nich, dat is en Stück Ge-o- I konnte, die Leute am Antworten zu hindern, wenn ste zu ntaw.» I ihnen sprach. Er lehrte dieselben bald begreifen, daß stets °Lat mi ok seihn, Sniggers," schrie Klein-Welchh. I irgend eine Chtkane dem Vergnügen eines Wortes von Un mi, un mi," stimmten die anderen ein.; I ihr folgte. Er verstand es immer, bei dem Betreffenden „Na, minetwegen, un lat Jug hängen," rief Deacon, I etwas herauszufinden, was harte Arbeit oder noch schwere zog die Beine auf seine Pritsche und legte sich nieder. I Strafen nach sich zog. Es spielte sich hier das Märchen Es war sehr komisch zu sehen, wie die Leute das Papier I von der Prinzessin und dem Werwolf ab; jeder Unglückliche, mit ihren rauhen Händen anfaßten, es umdrehten, ihre Köpfe I mit dem sie sprach, wurde von dem Werwolf verschlungen, darüber beugten, und das unterste zu oberst kehrten. Was den Kapitän betrifft, so habe ich nie bemerkt, daß er „Dat is en Kompaß in de Eck/' sagte Billy. I ihrem Thun in dieser Hinsicht Beschränkungen aufzuerlegen „Ja, dat is würklich wahr, dat is en," schrie der I suchte, vielleicht hatte er damit den Maat beauftragt. Ein schöne Blunt- „äwer wat bedüt dat Ding, wat as en Kloß I bestimmter Befehl war nur gegen mich gerichtet, das wurde up en Stock utseiht, mit dat Handteiken von en Mann I mir bald klar, denn während sie fortfuhr, mit anderen Leuten darunner?" I zu sprechen, vermied sie mich auffallend, und doch bemerkte „Vielleicht is't en ganz nige Erfinnung von en Kriegs- ich oft, daß sie mich über ihr Buch hinweg ansah, wenn ste Schipp, wat, Sniggers?' fragte ein anderer in schmeichelndem I glaubte, ich sähe es nicht. Tone, wodurch er wohl hoffte, eine Lösung des Rätsels zu | Drei Wochen hindurch hatten wir günstigen Wind. Bei erreichen. I Tage war der Himmel blau, bet Nacht war es sternhell, und Deacon rührte sich nicht. I die See leuchtete und schäumte. «Jk segg, dat is en Stück Ge-o-grafei," schrie der alte I Wir waren jetzt, so gut ich es eben veranschlagen konnte, Sam: «so as dat, wornach de Kaptein de Brigg stüert. I wenn ich Zeit und Fahrt berechnete, nahe bei ober gegenüber Hew ik nich recht, Sniggers?" I den Kap Verde-Inseln. Die nordöstlichen Paffatwinde, welche Keine Antwort. | wir vor einigen Tagen erreicht hatten, waren uns bisher „Du büst en Studierten," Jak," sagte Billy zu mir. | förderlich gewesen, jetzt aber hörten sie auf. „Segg uns, wat et is, Maating." I Das Aussetzen dieser regelmäßigen Winde, welche vom „Ich habe keine Ahnung." I dreißigsten Grade nördlicher Breite bis auf wenige Grade „Mi dücht, Sniggers weit sülwsten nich, wat't bedüden I vom Aequator der Segelschifffahrt dienstbar sind, war wahr- deiht," brummt Sam verächtlich und kehrt nach seinem Platz scheinlich nicht von langer Dauer, trotzdem war der Kapitän zurück. Trotzdem gelingt es ihm aber nur schlecht, seine I über diesen Umstand aufs höchste erregt, und ich hörte ihn brennende Neugier zu verbergen. | gegen den alten Windwärts in einer ganz unglaublichen, „Wenn ihr fertig seid, gebt es her," sagte Deacon. I gottvergessenen Weise dem Himmel deshalb fluchen. Ich reichte es ihm, er zerriß es sofort und drehte sein I Die Windstille ging ungefähr um vier Uhr nachmittags Gesicht der Schiffsseite zu. Das Thema wurde fallen gelassen j zu Ende. Ich wußte nicht, wie der Barometer stand, aber und gleich darauf hatten die Leute alles vergessen. | ich war lange genug zur See gewesen, um in der eigentüm- Merzehntes Kapitel. Windstille. 289 wenden Schnauze bis an die Decke- wir mußten sie festbinden, um zu verhindern, daß die Deckbalken nicht versengt wurden. Sams Kiste wurde losgerissen, und ehe er sie packen konnte, gegen eine Pritsche geschleudert. Sie brach auf und ihr Inhalt stürzte heraus, wie eine Familie freigelassener Kaninchen — ein wahrer Trödlerladen von Lumpen und alten Flaschen war es, der sich da entlud. Wir bemühten uns alle, ihm zu helfen, sein Eigentum aufzusammeln- aber während wir hiermit beschäftigt waren, ging die Lampe aus und Suds, der in einer der obersten Lagerstellen fest schlief, sauste plötzlich auf uns nieder. Teils schimpfend, teils lachend und aneinander zerrend, um wieder auf die Beine zu kommen, krabbelten wir nun im dunkeln herum, während Sam alle Seeflüche, die ihm nur einfielen, auf die Brigg herabrief. Der Bedauernswerteste war aber Scum, der Koch. Nicht genug, daß in seiner Küche alles durcheinander krachte und polterte, war ihm auch ein Topf kalter Erbssuppe, bedeckt mit einer Schicht erstarrten Fettes auf den Kopf gefallen, als er bemüht war, eine ganze Ladung herunter gefallener Löffel, Messer und Gabeln vom Boden aufzusuchen. Die kalte Masse war dem Aermsten zwischen Haut und Hemd gelaufen und hatte seinen Magen, der ohnedem schon von dem ungewöhnlichen Schlingern des Schiffes in Unordnung geraten war, vollends umgekehrt. Er lag nun auf Deck, der arme Kerl, mitten unter seinen Schüsseln und Töpfen, elend zum Erbarmen, und mit einem Gesicht wie ein Kürbis. Vor Lachen war ich zuerst nicht imstande, ihm zu helfen, dann aber erlöste ich ihn und setzte ihn mit dem Rücken an die Außenwand der Küche, wo er sich in der frischen Luft allmählich wieder erholte. Da der Befehl gegeben war, das Vorbram - Leesegel einzuziehen, stiegen der glückliche Billy und ich die Wanten hinauf, um die Spiere desselben etnzuholen. Ich war gewöhnt, Masten zu erklimmen, die sehr viel höher waren als die der „kleinen Lulu", mich auf Raaen auszulegen, welche noch einmal so dick und lang waren, als die ihrigen, und Segel zu handhaben, von denen eins groß genug war, die ganze Brigg damit zuzudecken - aber niemals, solange ich auf See war, hatte ich einen so schwierigen, unangenehmen und gefährlichen Ausstieg unternommen, wie den, welchen ich jetzt wagte. Bei einer steifen Kühle oder starkem Winde holt ein Schiff niemals weit nach windwärts über; infolgedessen bildet das Takelwerk auf die Wetterseite immer einen mehr oder weniger stumpfen Winkel mit der See und bildet daher eine Leiter, welche sich gut zum Klettern eigpet. Aber jetzt ging die Brigg ebenso stark nach Back- wie nach Steuer-Bord über, so daß, wenn sie sich nach meiner Seite hin neigte, sie mich, wenn ich so sagen darf, auf den Rücken legte wie eine Fliege, die an der Decke kriecht- in dieser Lage glitten oft meine Füße von den Webelinen und ich hing frei mit den Händen über Wasser. Billy wäre um ein Haar aus der Fockmars gestürzt. Als wir auf der Raa angelangt waren, fanden wir in ihr die reguläre Schaukel. In einem Augenblick wurden wir gen Himmel geschleudert, im nächsten flogen wir wieder zurück. Wir haben nur eine Hand zum Gebrauch frei, denn mit der anderen hingen wir an der Jagstag- wir brauchten daher mehr Zeit, den Baum einzuholen, als wir bet gutem Meter bedurft hätten, beide Leesegelspieren zu bergen. Während dieser ganzen Zeit schrie uns der alte Windwärts fortwährend an und schalt uns faule Lümmel- er fand offenbar einen Genuß darin, mich vor Miß Franklin zu demütigen.; ich erkannte recht gut, mein Lachen bei ihrer Frage, ob er verheiratet sei, war mir nicht vergessen. Mochte er doch brüllen, soviel er Lust hatte, wir überstürzten uns deshalb doch nicht, ihm zu Gefallen wollten wir nicht den Hals brechen. (Fortsetzung folgt.) Der Essig. Von Dr. A. Neuburger. ------- (Nachdruck verboten.) Obwohl der Essig schon seit den ältesten Zeiten bekannt ist, datiert die heut meist gebräuchliche und für den chemischen Großbetrieb allein rationelle Methode seiner Darstellung erst aus dem Jahre 1823. Ueber die Vorgänge aber, die sich bei seiner Entstehung abspielen, sind wir erst seit den 60er Jahren dieses Jahrhunderts unterrichtet, d. h. seitdem Pasteur seine klassischen Untersuchungen über die Essigbildung veröffentlicht hat. Das Produkt, welches wir im gewöhnlichen Leben mit dem Namen „Essig" bezeichnen, ist seiner chemischen Zusammensetzung nach weiter nichts, als ein Gemenge von wenig Essigsäure mit ziemlich viel Wasser. Die Essigsäure selbst, welche in der Chemie eine große Rolle spielt, und im Laboratorium, sowie in der Industrie — wo sie zur Herstellung von Bleiweiß, ferner für Beizen zu Färberei- und Druckereizwecken dient — vielfach zur Verwendung gelangt, wird gewöhnlich durch trockene Destillation des Holzes gewonnen. In allen Fällen aber, wo man sie in Form von Essig, also in starker Verdünnung erhalten will, benutzt man zu ihrer Darstellung den Alkohol. Der letztere hat die Eigenschaft, sich bei genauer Einhaltung gewiffer Bedingungen mit dem Sauerstoff der Luft zu verbinden; das entstandene Produkt ist dann der Essig. Pasteur hat die Bedingungen, unter denen die Verbindung vor sich geht, genau studiert und gefunden, daß, wie bei so vielen anderen Vorgänge», so auch hier, die Gegenwart eines Bakteriums, Mycoderma aceti benannt, stets und immer unerläßlich ist. Ohne dieses kleine Lebewesen bilder sich nie und nimmer aus Alkohol der Essig. Es dient gewiffermaßen, wie der technische Ausdruck lautet, als Sauerstoffüberträger. Da dieser Pilz sehr empfindlich ist und insbesondere von starkem Alkohol leicht abgetötet wird, so ist die weitere Bedingung, welche bei der Eisigdarstellung stets eingehalten werden muß, eine gewiffe Verdünnung der alkoholischen Lösung, die nicht mehr als höchstens 12 Prozent Alkohol enthalten darf. Aus diesem Grunde „säuern" schwache, alkoholarme Weine auch rascher, als starke. Da alle Bakterien nur innerhalb gewisser Temperaturgrenzen zu leben und sich fortzupflanzen vermögen, so ist ein ferneres Erfordernis die Einhaltung einer bestimmten Temperatur, die zwischen 20° und 35° C. liegt; auch für reichlichen Luftzutritt ist stets zu sorgen, weil die Essigbildung ja nur dadurch erfolgt, daß der Alkohol aus der Luft Sauerstoff aufntmmt. Als letzte Bedingungen für ein gutes Gelingen wäre noch die Gegenwart geeigneter Nährstoffe für den Pilz zu erwähnen. Die Materialien für die Essigbereitung sind schwach alkoholische Flüssigkeiten, also Wein und Weinabfälle, sowie Obstweine, welche alle die feinsten Esstgmarken, die sogenannten „Weinessige" liefern. Geringere Essigsorten werden aus verdorbenem, saurem Bier, aus verdünntem Alkohol, zuweilen auch aus Rübensaft dargestellt. Da in England der Alkohol (Spiritus) mit einer hohen Steuer belegt ist, so verwendet man dort Getreide, und zwar Malz, das man mit Wasser auszieht. Dieser Auszug, die Würze, gährt beim Stehen, wobei sich Alkohol bildet, der dann „gesäuert" wird. Es entsteht so der „Getreide"- ober „Malzessig". Bis zum Jahre 1823, in welchem Schützenbach das sogleich zu besprechende Verfahren der „Schnellessigfabrikation" erfand, stellte man allen Essig nach einer Methode dar, die besonders in der Gegend von Orleans und auch sonst in Frankreich üblich ist, und welche heute noch deshalb zur Anwendung gelangt, da sie Produkte von feinstem Aroma liefert. Diese Methode, „Orleansverfahren" genannt, besteht darin, daß man Fäffer von 200 bis 400 Liter Inhalt, welche unter freiem Himmel stehen, zunächst mit starkem, siedendem Essig füllt; dadurch werden dieselben mit dem Eisigpilz „geimpft". Es wird dann vorerst eine kleine Menge Wem, etwa 10 Liter, nachgegossen, der innerhalb acht Tagen sich in Essig verwandelt. Dann gießt man von neuem Wein nach! wenn dieser ge- 240 säuert ist nochmals, und so fort — sechs bis acht Jahre lang. Der so erzeugte Essig wird von Zeit zu Zeit durch einen unten am Fasse befindlichen Hahn abgelassen. Nach Ablauf von sechs bis acht Jahren läßt die esfigbildende Kraft des Essigpilzes nach; die Fässer müssen dann gereinigt und frisch geimpft werden. Das Verfahren hat manche Nachteile. Zunächst verläuft die Essigbildung sehr unregelmäßig im Sommer rasch, im Winter äußerst langsam- auch können in strengen Wintern sogar „Erkältungen" eintreten, d. h. es kann der Pilz absterben. Man hat deshalb die Methode nach den Vorschlägen Pasteurs in mancher Hinsicht modifiziert und insbesondere geschlossene, ventilierte Gährräume eingerichtet, den Pilz durch Kulrur- verfahren und geeignete Nährlösungen kräftiger und leistungsfähiger gemacht usw.. Doch ist trotz aller dieser Verbesserungen die Methode nicht so rationell und praktisch, wie das, insbesondere in Deutschland fast allgemein gebräuchliche Schützenbach'sche Verfahren der „Schnellessigfabrikatton". Dasselbe gestattet einen ununterbrochenen Betrieb und eine schnellere Gewinnung fertigen Essigs. Der wichtigste Apparat bei diesem Verfahren ist der „Essigbilder". Es ist dies ein großer Bottich von Eichenholz, der etwas unterhalb seines oberen Randes mit einem durchlöcherten Deckel versehen ist. Durch die Löcher hängen Bindfäden in das Innere des Bottichs. Oberhalb des Bottichbodens befindet sich ein durchlöcherter Zwischenboden und an der Stelle, wo dieser befestigt ist, sind in die Seitenwand des Bottichs Löcher gebohrt. Der Raum zwischen dem durchlöcherten Zwischenboden und dem durchlöcherten Deckel ist mit Buchenholzspähnen angefüllt. Gießt man nun auf den Deckel Wein oder Bier, so tropfen sie an den Bindfäden herab auf die Buchenholzspähne, sickern langsam durch diese hindurch und fließen unten wieder ab. Durch die Löcher in der Seitenwand des Bottichs aber, sowie durch die des Bodens geht der Flüssigkeit ein Luftstrom entgegen, der durch den Deckel wieder entweicht, so daß also eine ständige Ventilation des Bottichhohlraumes stattfindetl Die Vorteile dieser Vorrichtung leuchten auf den ersten Blick ein: Die alkoholartige Flüssigkeit sickert sehr langsam und in äußerst feiner Verteilung durch die Buchenholzspähne hindurch und kommt infolgedessen in ausgiebigstem Maße mit der entgegcnströmen- den Lust, die ja ein Haupterfordernis für die Eisigbildung ist, in Berührung, so daß der Alkohol sich sehr rasch und durch die ganze Flüssigkeitsmenge hindurch mit dem Sauerstoff verbinden kann. Durch diesen Umstand wird die schnelle Bildung des Essigs gewährleistet. Selbstverständlich muß auch dieser Apparat, ehe er in Betrieb gesetzt wird, mit dem Esstgpilz geimpft werden. Dies geschieht dadurch, daß man heißen Essig durch die Buchenholzspähne laufen läßt. He alkoholhaltige Flüssigkeit, die man vorher, um sie ebenfalls zu impfen, mit etwas fertigem Essig mengt, wird in bestimmten Intervallen auf den Essigbilder gegeben und in denselben Fristen wird unten der fertige Essig abgelaffen. In der Regel muß man jedoch diese Flüssigkeit, „Essiggut" genannt, mehrere Male durchlaufen lassen, ehe sie vollkommen in Essig verwandelt ist. Ein Essigbilder mittlerer Größe kann in 24 Stunden etwa 3 Liter absoluten Alkohols verarbeiten. Der Raum, in dem diese Bottiche st>hen, heißt die „Essigstube". Dieselbe muß, wie aus den Eingangs erwähnten Bedingungen hervorgeht, stets auf bestimmter Temperatur erhalten werden. Auch der Essig hat seine Feinde, gegen welche bei der Fabrikation angekämpst werden muß. Da sind zunächst die „Essigälchen", "kleine wurmartige Tierchen, welche nicht nur dem Essigpilze in vollstem Sinne des Wortes die Luft weg nehmen, da sie den Sauerstoff desselben in großen Mengen einatmen, wodurch der Pilz geschwächt und weniger leistungsfähig wird, sondern die auch dem fertigen Essig ein trübes und ekelhaftes Ansehen verleihen. Auch Bakterien aller Art und Schimmelpilze-sind häufig auftretende Kalamitäten, gegen die man aber jetzt gerüstet ist. Ein weiteres unangenehmes Individuum ist die Essigfliege (Drosophila funebris), die gerne die Esstgstube zu ihrem Aufenthalte wählt und nur durch Verdunklen dieser vertrieben werden kann. Der gewöhnliche Essig, auch Spritessig benannt, enthält 4 bis 6 Prozent Essigsäure. Es giebt auch „doppelten" und „dreifachen" Essig, der bis 12 Prozent Säure enthält. Dieser wird meist als „Essigsprit" (also zu unterscheiden vom „Spritessig"!!) bezeichnet. „Essigessenz" ist eine sehr verdünnte Essigsäure, die oft von chemischer Reinheit ist und welche vor dem Gebrauch mit Wasser vermischt werden muß. Die feinsten und pikantesten Speiseessige sind die „Weinessige", welche 6 bis 10 Prozent Essigsäure enthalten. Da außer geringen Mengen von Weinsäure und Bernsteinsäure auch die aromatischen Bestandteile des Weines, also die aus Aether- arten bestehenden Bouquetstoffe, in ihnen noch vorhanden sind, so ist ihr Geschmack trotz des hohen Säuregehaltes ein angenehmer und milder. Der Geruch ist erfrischend und keineswegs scharf. Je nach der Weinsorte, aus der diese Essige bereitet find, haben sie eine Helle, goldgelbe, oder eine rötliche Farbe. Die „Obstessige" werden aus Aepfel- oder Btrnenwein bereitet und enthalten Aepfelsäure, aber in sehr geringer Menge, „Bieressige" hingegen enthalten Dextrin und phosphorsaure Salze. Die Verfälschungen des Essigs sind nicht sehr mannigfacher Art. Meistens werden dem gewöhnlichen Essig künstliche Bouquetstoffe oder Aromatika zugesetzt, um ihm den Anschein eines feinen Weinessigs zu geben. Da bei Weinessigen dieser Art auch die Farbe stimmen muß, so werden sie gefärbt. Diese Färbung geschieht bei Hellen Essigen mir Hilfe von Caramel (gebranntem Zucker), welcher dem Produkt eine schwach goldgelbe Farbe verleiht, bei roten hingegen mit roten Farbstoffen aller Art. Eine ganz plumpe und äußerst gesundheitsschädliche Fälschung ist das Versetzen der Essige mit Salzsäure oder Schwefelsäure, um sie schärfer zu machen. Zum Glück sirid derartige Zusätze vom Chemiker sehr leicht aufzufindcn und nachzuweisen. Gemeinnütziges. Das Schimmel« oder Kahme« des Obstweines rührt entweder von zu schwachem Wein oder auch von Unsauberkeit in der Kellerwirtschaft her. Schwachem Wein Hilst man, indem man zuerst den Kahm entfernt und alsdann mit Weingeist versetzt. Hatte sich schon viel Kahm gebildet, dann nimmt der Wein auch seinen eigentümlichen Geschmack an. Diesen maskiert man, indem man auf 150 Liter Wein 1 Kilogramm Hollunderblüten, 15 Gramm Gewürznelken, 15 Gramm Kardobcnediktenwurzel, 5 Gramm Muskatblüte in ein leinenes Säckchen eingehüllt und zugebunden in den Wein hängt, worin es drei bis sechs Tage verbleibt, bis der Kahmgeschmack verschwunden ist. GlanzlaÄ für Schuhzeug soll in vorzüglicher Qualität nach folgender Vorschrift erhalten werden. Lawp-nschwarz 4 Teile, Terpentinöl 15 Teile, Methylalkohol 360 Teile, Schellack 45 Teile, Lärchenterpentinöl 20 Teile, Sandarak 8 Teile werden in geschlossener Flasche bei mäßiger Hitze, digeriert. Eine fugenlose Dachvedeckimg. Sphagnumtorfmüll wird mit heißem Theer durchtränkt und zu einer Plastischen Masse geknetet. Das zu bedeckende Dach wird mit heißem Theer dünn überstrichen und die gedachte Masse 2 bis 3 Zentimeter stark aufgetragen; die Deckschicht wird alsdann mir einer heißen Eisenschaufel oder einer leichten Walze geglättet und eine K-esschicht lose aufgestreut. Redaktion: E. Burkhardt. __Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.