Reiche Weihnachten. Novellettc von Gerhard Walter. -- (Nachdruck verboten.) Der Wagen hielt, und der Assessor sprang hinaus. In der Thür des Pfarrhauses stand ein großes, schönes Mädchen, das ihm fröhlich lachend zuwinkte. „Das ist schon eine Weihnachtsfreude, daß Du kommst", rief sie mit Heller Stimme. Er eilte die Treppenstufen hinauf und schloß sie mit Innigkeit in die Arme. „Mein liebes Schwesterchen, das war ja eine rechte Freudenbotschaft", sagte er, den Arm um sie legend und sie ins Haus führend- „nun mußt Du mir auch alles recht ausführlich erzählen!" Aus dem Studierzimmer trat mit langer Pfeife und im bequemen Schlafrock der Pfarrherr. Auf seinem guten, ernsten Gesicht lag ein Heller Schein, wie er dem Bruder die Hand bot: „Gottwillkommen denn zum lieben Fest!" sagte er herzlich. „So wären wir drei denn einmal wieder beisammen. Nun gebe uns Gott fröhliche Zeit!" Und nicht lange dauerte es, da saßen die Geschwister vergnügt und einig beisammen um den Kaffeetisch. Draußen fielen einige Schneeflocken und wirbelten langsam am Fenster vorbei. Auf dem Tisch brannte mit bläulich flackerndem Schein die Spiritusflamme der Kaffeemaschine, und im Ofen knisterte und böllerte ein lustiges Holzfeuer. Aus dem Nebenzimmer streckte ein stattlicher Weihnachtsbaum die grünen Zweige vor die geöffnete Thür. Aber er trug noch keinen Schmuck. Hedwig stand über den Tisch geneigt und ordnete die Tassen. Die Brüder saßen Hand in Hand. Der Assessor schaute mit bewundernden Augen auf die stattliche Wallkürengestalt der blonden Schwester. „Nun erzähle", sagte er, als sie alle saßen. „Ja, was ist da viel zu erzählen?" antwortete sie eiil W 7- MM WniiWW J>T [I V MLA ire AM iß ■ 1'1 OBR WS I MM - IT chlägt die Zeit dir manche Wunde, Manche Freude bringt ihr Lauf; Aber eine scl'ge Stunde Wiegt ein Jahr voll Schmerzen auf. E. Gcibcl. Ist dir ein schönes Werk gelungen, So sei's zu neuem dir ein Ruf; Hast du ein treues Herz errungen, So denke, daß es Gott dir schuf. Jul. Hammer. lachend: „es ist halt angenehme und unanfechtbare Thatsache, daß mir die Frau Amtsrat die zwanzigtausend Mark vermacht hat zum Dank für treue Pflege, wie es im Testament heißt, und morgen will ich zur Stadt, um mir das Geld auszahlen zu lassen. Gelt, das habt Ihr Euch nicht träumen lassen, daß Ihr mich noch einmal als Kapitalistin bewundern würdet?" Sie sah reizend aus wie sie so dasaß mit ihrem weißen, lieblichen Gesicht, auf dem in der hereinbrechenden Dämmerung die wechselnden farbigen Lichter der flackernden Flamme unter dem Kessel spielten und in den großen klaren Augen sich spiegelten. „Dann erlaube mir, daß ich Dich begleite!" bat der Assessor und hielt ihr die Tasse hin, „ein sachkundiger Beirat könnte Dir als einem weiblichen „Hans im Glück" am Ende ganz vorteilhaft sein." „Ich wollte Dich darum bitten!" gab sie herzlich zurück. Am nächsten Morgen fuhren sie im Schlitten zur Stadt. Es chatte über Nacht stark geschneit, und es war prächtige Bahn. Die Schellen der Pferde klangen munter läutend in die große Stille des Waldes hinein, durch die sie hinfuhren. Der Assessor führte selbst die Zügel. So waren die Geschwister ganz allein. „Und Dir ist's allezeit gut gegangen?" fragte Fräulein Hedwig und wandte ihm das rosige Gesicht voll zu, das so bildhübsch aus der weißen Pelzkappe hervorschaute. „Ja, gewiß! tadellos! Nur in den letzten Tagen hatte ich einen Kummer." „Du?" fragte sie, „welchen denn?" „Nicht um mich, um einen lieben Freund, einen Offizier —- Du kennst ihn ja übrigens", unterbrach er sich,- „entsinnst Du Dich des Oberleutnants Gerwald, mit dem Du soviel tanztest vor einem Jahre auf dem Kastnoball? Denke Dir, der arme Kerl muß wahrscheinlich Schulden halber abgehen!" „Was?" rief sie und war dunkelrot geworden. „Der? Und er machte doch einen so ausgezeichneten Eindruck?" „Kann man auch thun, wenn man Schulden hat!" warf der Bruder ein. „Ich kam neulich zu ihm hinauf, da saß er verzweifelt vor seinem Schuldverzeichnis und dachte an Selbstmord und Aehnliches. Es waren zweitausend Mark, auf die er die Summe leichtsinnig genug hat anwachsen lassen. Aber zum Glück sind keine Spielschulden dazwischen. Hätte ihm rissig gern geholfen. Ist ein vornehmer Charakter und braver Soldat : aber wie das machen? Leichtsinnig ist er nicht, aber voll Temperament —" Da legte sich die kleine Hand der Schwester mit starkem 742 Druck auf die seine, die den Zügel führte. Die Pferde I fort war er, mit mächtigen Sätzen die Stufen der Treppe nehmend. dem kleinen Bahnhof eines Landstädtchens und wartete auf barten Oesterreich wenig gekannt und nur in wenigen Familien liebevoll geschmückt, ist er seitdem ein Gemeingut aller Deutschen geworden, und auch fremde Nationen, selbst die romanischen Völker diesseits und jenseits des Ozeans können sich dem Zauber unserer Weihnachtsfeier, wenn sie dieselbe einmal miterlebt, nicht entziehen und feiern das Fest, welches längst aufgehört hat, die ausschließlich kirchliche Feier der Geburt des Heilandes zu sein, als das, was es uns ist, als die Verherrlichung des glücklichen gesegneten Familienlebens. Trotzdem ist es nicht uninteressant, einmal in schneller Rundschau zu überblicken, wie andere Völker das Christfest begehen. Reisen wir zunächst nach England. Dank seiner isolierten, insularen Lage und der Konzentration des Familienlebens aus die Räume der Häuslichkeit finden sich die Sitten des Volkes, die aus althetdnischer Zeit stammen, hier in einer Reinheit erhalten, wie wir sie fast nirgends wiedersinden. In Deutschland decken um die Weihnachtszeit meistens Schnee und Eis mit weißem Leinentuche die Erde, und die dunklen Nadelholzwaldungen sind fast das einzige, was uns in der Natur an Leben gemahnt. Daher wurde bei uns der Tannenbaum zum Symbol der Festesfreude. Im Lande der Nebel hat der Winter einen anderen Charakter- denn in dem von den wärmenden Fluten des Golfstromes umspülten Jnselreiche gehört Frost und Schnee zu den Seltenheiten. Das Weideland und die weiten Wiesen gehen hier auch zur Zeit der kürzesten Tage nicht ihres Grüns verlustig- viele Baum- ! und Straucharten behalten sogar ihr Laub, und selbst die I Kamelie, die gehütete Blume unserer Salons, überwintert den Sohn, der zum Fest kommen wollte. Und er kam. Aber er sah bleich aus, als er sich zu dem Mütterchen neigte, ein sehr ritterlicher Herr: „Mein Junge, was fehlt Dir?" fragte sie bekümmert. „Mir ist nicht sehr wohl!" gab er zurück und reichte ihr den Arm: „aber sei unbesorgt- es wird vorübergehen. Ich habe zu oft laufen und rennen müssen. Es war angreifende Zeit." Aber er blieb still und einsilbig auch am nächsten Tage, und die alte Frau grämte sich und in ihrem Gram putzte sie den Weihnachtsbaum auf und sah dabei verstohlen nach ihrem stattlichen Sohn hinüber, der in unruhigem Schlummer auf dem Sofa lag. Da hörte sie einen Namen- sprach er nicht im Schlaf den Namen „Hedwig"? — Sie seufzte tief auf. Draußen rieselte wieder der Schnee in dichten Flocken, und von den Türmen läuteten sie jetzt das Weihnachtsfest ein. Da fuhr der Leutnant in die Höhe: „Verzeih' Mutter - aber der Dienst greift an: Kann ich Dir helfen?" Und er half ihr freundlich. „So, nun laß nur, mein Junge," wehrte sie ihm- „nun geh' erst noch in die „Goldene Tanne" und trink Dein Vesperschöpplein nach Deiner Gewohnheit, und dann zünden wir die Lichter an. Nun geh!" Er küßte sie und ging. Sie sah ihm wehmütig nach — „Ihn drückt etwas!" Aber er war noch nicht lange gegangen und hatte eben unter den alten Bekannten sich niedergelassen, da kam das Mädchen ihm nachgelaufen: „Herr Leutnant möchte schnell nach Hause kommen. Ein wichtiger Bries!" Er biß die Zähne zusammen und warf den Paletot um. Aufgeregt kam ihm die Mutter entgegen: „Lauf auf die Post — ein großer Geldbrtef!" rief sie außer Atem — und sprangen an und schüttelten die Glocken: j nehmend. „HanS", sagte sie schnell, und ihre Augen leuchteten — I Der Baum brannte in strahlendem Glanz. Und in „ich habe dem lieben Gott ein stilles Gelübde gethan, ich | seinem Schein kniete ein Offizier vor seiner Mutter, die sein wollte zum Dank einem anderen Menschen eine Freude I Gesicht mit beiden Händen hielt. Sie hatte geweint, und machen- da hat Dich Gott ja wohl eigens zu mir gesandt: I noch dann und wann tropfte eine heiße Thräne auf seine ich bitte Dich, lieber Hans, laß mich ihm helfen." Sie sah I Stirn. „O Mutter, Mutter," sagte er nur. Und er ließ prächtig aus in ihrer Erregung, wie sie mit den flehenden | das braunlockige Haupt in ihren Schoß sinken. Süßer Augen auf ihn sah. 1 Tannenduft flutete mit dem Lichtschein durch das Zimmer. „Aber Hedwig," fiel ihr der Bruder erschrocken ins I Nur stiller Friede überall. Leise knisterten die Nadeln am Wort: „ich habe ja gar nicht daran gedacht, daß Du Geld I Baum. hast- es ist noch zu ungewohnt! Und am wenigsten —" I „Mutter," sagte er und hob das Gesicht — und er Sie legte die Hand auf die Zügel und hielt mit schnellem j sagte es ganz leise: „Laß mich morgen Hinreisen, er ist zu Ruck die Pferde an. „Hans, — ich will es!" Ihr ganzes I Hause bei seinem Bruder, ich muß den Dank vom Herzen liebes Gesicht war Energie. I haben!" — „Fahr' mit Gott!" sagte sie und küßte ihn auf „Ich fahre keinen Schritt weiter, wenn Du mir diese i die Stirn. Bitte versagst! Willst Du die 2000 Mark an seine Mutter I Am dritten Tage kam ein Brief aus dem Pfarrhause: schicken? Ich weiß es: er hat eine und ist ihr einziger Sohn- 1 „Komme erst morgen und bringe Dir Hedwig mit. Wenn er hat's mir erzählt - und er sprach mit Liebe von der alten I wir auch warten müssen, Gott hat mir viel zu Weihnachten Frau. Ihr will ich die Freude machen- willst Du's ab- I geschenkt drum: Ehre sei Gott in der Höhe!"-- senden, das Geld, als in Deinem Namen?" j Daß das Geld von Hedwig gekommen, das hat er erst Er sah ihr in die Augen. Er las darin- „Du bringst I am Hochzeitstage als Hauptmann gehört. mich nicht mehr davon ab!" Wie eine heilige, große Freude I ____________ lohte es darin. — Und — er las noch mehr! Noch hielt I N auf Ihren Weihnachten In fernen Landen. „Hans — lieber Bruder — bitte!" Sie atmete tief. I Von vr. Theodor Adler. Er knallte mit der Peitsche über die Pferde hin, die I ------ (Nachdruck verboten.) heftig ansprangen. „Ueberleg' Dir's noch!" sagte er kurz. I Untrennbar verbunden mit dem Weihnachtsfest ist in der Aber er kannte sie, mit ihrem feurigen Sinn und ihrem I Seele des Deutschen der Gedanke an Lichterglanz und Tannengoldenen, barmherzigen Herzen. Und doch ging es wie ein j duft- der strahlende Baum trägt ein Stück des ernsten ger- Strom stiller Freude auch durch sein eigen Herz. Sie waren j mantschen Waldes in den vornehmen Palast der Reichen wie Kinder einer Mutter. 1 in die bescheidenen Wohnungen der Arbeiterfamilien, und Als sie am Abend nach Hause fuhren, da sagte Hedwig | andachtvoll, mit weitgeöffneten, glückseligen Augen staunen unterwegs: „Hans, Karl brauchst Du nichts davon zu sagen, I die Kleinodien des Hauses, die Kinder, alle die Herrlichkeiten daß Du nur für achtzehntausend Konsols gekauft hast - er I an, die ihnen treue Elternliebe beschert hat. denkt in solchen Dingen anders als wir." j Die reizumfloffene Poesie des deutschen Weihnachtsfestes Er drückte ihr die Hand unter der Schlittendecke. Ueber I sucht, wo immer Menschen auf dem weiten Erdenrund sich ihnen funkelten klar die ersten Sterne. Er war ganz, ganz I frohen Feiern hingeben, ihresgleichen und darum eroberte sich still. _ und zur selben Stunde stand eine alte Frau auf I der Christbaum auch von Jahr zu Jahr weiteres Terrain, dem kleinen Bahnhof eines Landstädtchens und wartete auf I Vor fünfzig Jahren selbst in dem stammverwandten, benach- 743 — int Freien. Da hat die Tanne das Hausrecht verloren, und Epheu und Stechpalme schmücken die Zimmer, von deren Decke der sagenhafte Mistelzweig herabhängt. Früher zierte man dort mit dem Grün der Mistel auch die Kirchen, wie es mit der Tanne heute in vielen protestantischen Kirchen Deutschlands und Oesterreichs geschieht, ohne daß jemand Anstoß daran nimmt. Aber der unausgesetzte Krieg der Geistlichkeit der englischen Hochkirche, welche gegen diesen angeblich heidnischen Brauch eiferte, hat das immergrüne Gewächs aus den Stätten der Andacht verbannt. Dafür übt es seine Herrschaft umso unbeschränkter im Familienheim, und seine Macht geht so weit, daß es jedem Manne das Recht giebt, jedes weibliche Familienmitglied, welches er unter dem Mtstelzweig erwischen kann, zu küssen- ja die Volksweisheit behauptet sogar, daß jedes Mädchen, welches nicht unter der Mistel geküßt wurde, im nächsten Jahre keinen Mann bekommen könne. Dem übrigens ohne besondere Festlichkeit verlaufenden Heiligabend folgt der Christtag als Tag der tiefsten Ruhe, an dem alle Hände still liegen und in den meisten Familien sogar nicht einmal gekocht wird. Der folgende zweite Feiertag boxing day gehört aber den ausgelassensten Lustigkeiten. Alles, was Trinkgelder für die im zu Ende gehenden Jahre geleisteten Dienste in Anspruch nehmen zu können glaubt, heischt von dem von allen Setten ängezapften Familienvater den klingenden Lohn, und wenn der Abend finkt, herrscht die ausgelassenste Stimmung, die in den Theatern mit ihren oft ans anstößige grenzenden Pantomimen ihren Höhepunkt erreicht. Aehnlich, vielleicht noch weniger gemütstief verläuft die Weihnachtsfeier bei Bruder Jonathan. Wer wollte auch im Lande des allein selig machenden Dollars mit der rastlosen Erwerbsjagd seiner Riesenstädte etwas anderes erwarten? Höchstens müßte er hinaus gehen in den Urwald des Far- West,- wenn er dort in der weltfernen Farm Einkehr hält, wird er eben die Weihnachtsgebräuche finden, welche der nationalen Abstammung des Eigentümers entsprechen, da es mit der Entstehung einer einheitlichen amerikanischen Nation mit eigenen Sitten und Gebräuchen trotz allem, was darüber schon geschrieben worden ist, noch gute Wege hat. Ganz anders mutet uns das Bild an, welches uns der Weihnachtsabend in Skandinaviens Norden, dem Heimatlande der altgermanischen Götterwelt, bietet. Freilich dürfen wir auch da nicht in die Häuser der Vornehmen gehen, die mit dem Franzosentum und seinen Sitten kokettieren und in manchen Jbsenschen Dramen mit zwar scharfen, aber im allgemeinen doch sehr zutreffenden Strichen charakterisiert werden, sondern in die Hütte des Norwegers, der am Fjord in seinem fichtengezimmerten Hause mit Familie, Knechten und Mägden das heilige Fest feiert, das hier ebenso wie in Finland die patriarchalische Eigenart am reichsten bewahrt hat. Eine der rührendsten Sitten dieses im Kampfe mit den Elementen gestählten Volkes ist es wohl, daß man dort auch die Tiere an der Festesfreude mit teilnehmen läßt, indem man ihnen an hohen Bäumen allenthalben Getreidegarben anbindet, aus welchen hunderte von Vögelchen die Körner herauspicken. Farblos verläuft das Weihnachtsfest bei unseren gallischen Nachbarn jenseits des Rheins; denn hier ist der allgemeine Geschenktag der Neujahrstag, und mag der Luxus im Seinebabel dabet auch noch so weit getrieben werden, so bleibt das ganze doch eine lästige Pflicht, der man sich nur mit süßsaurer Miene unterzieht. Nur wo die Ureinwohnerschast des Landes, das alte Keltentum dichter bei einander sitzt, wie in der Bretagne, haben sich besondere Gebräuche erhalten, und man feiert dort das Fest der Wintersonnenwende, ähnlich wie bei uns den Vorabend von Johanni. Alt und jung, Männer und Frauen binden Reistgbüsche und Kienholz an lange Stangen und laufen, nachdem sie dieselben entzündet haben, die Feuerbrände schwingend, über das schneebedeckte Feld. Die Erklärung, daß dies in Erinnerung an den Stern geschehe, der den Weisen aus dem Morgenlande den Weg zur Krippe in Bethlehem wies, ist gänzlich verfehlt. Es ist nichts anderes als die Feier des, daß die SoiKe den Kampf mit der Nacht nunmehr wieder überwunden hat und daß das Licht über die Finsternis siegt. Je tiefer wir in die romanische Welt kommen, um so mehr tritt der Charakter der Weihnacht als eines Festes der Kinder und der Familie zurück, und es überwiegt das kirchliche Moment, nach dessen Erledigung der Südländer sich i>em tollsten Mummenschanz hingiebt. Vom ersten Advcnt- onntage an mahnen die schalmeiblasenden Hirten, die aus >en Bergen in die Städte kommen, um vor den lampenge- chmückten Madonnenbildern für wenige Centesimi ihre eintönigen, kindlich naiven Weisen erklingen zu lasten, durch den Klang ihrer Flöten und Dudelsäcke, daß es Zeit ist, das Weihnachtsfest zu rüsten, und nun baut man in Kirchen und Privathäusern mit Eifer an den Krippen, die nirgends fehlen dürfen. Unter den vierhundert Kirchen der bella Napoli ist da auch nicht eine, die nicht einen dekorativen Ausbau sich leistet, der in manchen, wie z. B. in der Chiesa Santa Teresa, die Bühnenkunststücke manches mittleren Theaters beschämt. Wo wir hinkommen, sei es auch in die Hütten der Aermsten und sogar in den schmutzigsten Trattorien und Osterien, überall tritt uns die figurale Darstellung der Weih- nachtsgeschichte, das presepio (Krippenbild) entgegen. Acht Tage vor Weihnachten beginnt dann der große Weihnachtsmarkt, der seinesgleichen auf der Welt nicht hat und einem bunten Chaos gleicht, in dem sich der Fremde kaum zurechtfindet. Was da feilgeboten wird in den phantastisch aufgeputzten Buden ist Süßigkeitskram, vor allem aber die dem Südttaliener unentbehrlichen Feuerwerkskörper, mit welchen in den Nächten um so ausgiebiger geknallt wird, je näher Weihnachten heranrückt, bis in der heiligen Nacht selbst der Höllenlärm seinen Höhepunkt erreicht. Für die Kinderwelt fällt dabei freilich nichts ab. Aber was macht das? Ist es doch, als ob dies Volk, welches an das Morgen nicht denkt, niemals die Kinderschuhe ablegte, mögen die Zeiten und Verhältnisse auch noch so ernst sein. Dazu werden überall die schweren fetten Aale, capitoni genannt, geschmaust, welche zu hunderttauseudcn aus den Lagunen der Pomündungen herbeigeschafft werden; und unter Böllerschüssen, knatterndem Feuerwerk und sonstigem Höllenlärm wird die Nacht totgeschlagen, die das Gemüt des Deutschen zur stillen Familienfreude und inneren Einkehr stimmt. Ungleich anständiger geht es da noch bei den Spaniern zu, die in den Kirchen seltsame, an Polonaisen gemahnende Umzüge veranstalten und auf den Straßen den Bildern des gekreuzigten Heilands mit allerhand Musikinstrumenten Ständchen darbringen, nach deren Beendigung sich alles nach Hause begiebt, um sich an den zahllosen Süßigkeiten, wie sie der spanische Geschmack verlangt, zu laben. Diese Gewohnheiten hat der Spanier natürlich auch nach den von ihm besiedelten Ländern der neuen Welt mitgenommen, unter deren tropischem Himmel sich hoch und niedrig in der warmen Nacht wie bei einem Sommerfeste beim Scheine chinesischer Papierlaternen ergötzt. Für die vornehme Herrenwelt ist dabet der Frack unerläßlich, während die Damen in den ausgesuchtesten Balltoiletten prangen. Das niedere Volk giebt sich derberen Genüssen hin und verbringt die Nacht bei den Limonaden- und Fruchteisbuden oder bei den Hahnenkämpfen, die auf allen Plätzen und Straßenecken abgehalten werden. In Rußland, mit dem wir schließen wollen, ist Weihnachten das Fest der sich findenden Herzen geworden. Dort kommt wieder unser lichtgeschmückter Tannenbaum zu Ehren, um den sich im größten Raum des Dorfes bei Wutki und geräucherten Fischen die heiratsfähigen Mädchen auf einer Bank an der Wand versammeln. Die jungen Männer haben nun unter den verschleierten Schönen die Auserwählte ihres Herzens zu erraten, die fie dann entschleiern. Wenn hierbei auch der Korrektur des blinden Zufalles der weiteste Spielraum gewährt wird, so ist doch nach der Volkssttte der junge 744 — Mann eigentlich an die Entschleierte gebunden, auch wenn es eine andere ist, es -müßte denn diese selber ihm die Freiheit schenken, worauf sich der junge Mann mit einem Geschenk von nicht unbedeutendem Werte erkenntlich zeigt. Hat er jedoch die Flamme seines Herzens getroffen, so umhüllen sich beide mit dem Schleier und gehen unter Musikbegleitung zum Hause der Eltern, um deren Einwilligung und Segen zu erbitten. Vermischtes. Das größte Krarrkenhans der Welt besitzt Moskau. Es ist das dortige Kindcrhospital, das im Jahre 1764 gebaut wurde und nicht weniger als 7000 Betten besitzt. An jedem Tage werden ungefähr vierzig Kinder ausgenommen; im Lanfe eines Jahres gewährt das Krankenhaus gegen 15000 Patienten Unterkunft, 96 Aerzte und 900 Wärterinnen sind in diesem Riesenhospital thätig. Litterarifehes. Phantasien zur Jahrhundertwende. Sechs Künstlerpostkartcn von A. Wimmer. Verlag von Dr. Trenkler & Co. Leipzig. Binnen kurzem holt der Hammer an der großen Zeitenglockc zu gewaltigem Schlage aus, es endet das alte Jahrhundert, das neue hebt an. Ein zauberhaftes Rühren durchzittcrt die Menschheit: eine Spanne voll gewaltigen Inhalts vollendet sich, wir stehen an einer neuen Epoche der Geschichte! Was bringt das nächste Säkulum? Dem Künstler hat sich diese Andacht des „heiligen Jahres" ge- offenbart und er hat sic in bunten „Phantasten zur Jahrhundertwende" zn kleinen feinen Kunstblättern verdichtet zu Ehren der neuen Zeit auch mit neuem Griffel. 1. Die Zeit. Die Zeit, die Nicmüde, Nimmerrastende, mit blitzendem Stahlroß zur Hand, verkündet mit dem Stundenglas die Wende des Jahrhunderts. Was wird dir das neue bringen, du holdes, flinkschaffendes, blühendes Kind am Nährad? Was brachte das alte den Ahnen? 2. Geschichte — Politik. Mit rauschendem Flügelschlag tritt der Zeitengenius zur Muse der Geschichte, die an der Janusherme ruht, um ihr einen frischen Band statt des vollendeten zu reichen, dessen Helden unsere Erinnerung füllen. Dahinten die „Zukunft auf dem Meere" — neuer Marktplatz, neuer Wahlplatz I 3. Wissenschaft. Golden beleuchtet die strahlende Sonne der neuen Zeit die thronende Frau, die Wissenschaft — nicht Magd — Herrscherin! Sic macht den Blitz zur Maschinenkraft und zum sprechenden und druckenden Boten, sie macht die Nacht zum hellen Tage, sie bannt die Unholde der mordenden Seuchen ins Glas, sie zwingt die Elemente zum Gehorsam, und was sie erdacht, das wird an den rauchenden Feuern zn Gold. 4. Kunst und Handwerk. Vereint steht die schaffende Kunst mit dem mächtigen Handwerk, beiden spendet der Zeitencngel den schwer errungenen Ehrenlohn für rüstiges Schaffen, dessen Ruhm ewige Denkmäler künden. 5. Weihnachten. Schon unter'm Tannenbauni erscheint der Zeitenengel und verkündet Freude. Hundertmal kam Weihnachten, hundertmal kommt das herrliche Fest mit dem Sterncnschein ans schneeiger Flur, mit dem Lichterglanz, der ihnen allen das Herz öffnet, dem sorgenden Alten, der zärtlichen Mutter, dem jubelnden Sprossen. 6. Sylvester. Und wenn die letzte Stunde des Jahrhunderts ertönt, dann sind alle die Gestalten desselben zur frohen Sylvesterfeier vereint, und wie sie die Gläser erheben, da kommt mit frohem Antlitz auch die neue Zeit herein mit anzustoßcn: Ein glückliches, frohes Jahrhundert! Die eigenartigen Blätter zeugen von einer tiefen Empfindung und einem sorgfältigen Eingehen auf die Einzelheiten — man kann dieselben studieren. Formen und Farben sind maßvoll modern und machen dem Künstler wie dem Drucker Ehre. Nicht „leichte Ware für alle", werden die farbenfreudigen Kärtchen im kunstsinnigen Familienkreise Aufnahme in die Sammlung finden. In gleichem Berlage erschienen: Erittttsrungerr aus dtM alten Jahrhundert. Acht — ebenfalls recht ansprechende — Künstler- Postkarten. Lebende Bilder aus dem Reiche der Tiere. Augenblicksaufnahmen nach dem lebenden Tierbestande des Berliner Zoologischen Gartens. Herausgegeben und mit erklärenden Unterschriftsätzen versehen von Dr. L. Heck, Direktor des Berliner Zoologischen Gartens. In Prachtband gebunden, mit zirka 200 Illustrationen. Qnerfolio (Werner Verlag G. m. b. H., Berlin, Eguitable-Gebäude). Preis 10 Mk. Ein Geleitwort des Autors. Was wir wollten, hatte ich bereits im Vorwort dargelegt. Dürfen wir heute sagen, daß wir es erreicht haben? Ich glaube ja. Wenn man nur das Werk so auffaßt, wie es gedacht und gemeint ist. Es kann und soll keine systematische Naturgeschichte, kein „Tierreich" sein, sondern nur Bilder ans diesem Reiche bieten, diese aber so groß und lebendig, daß sie auch den fesseln, der sich sonst wenig oder garnicht um Tiere kümmert. Ich habe mir mit unserem Werke keine geringere Aufgabe gesetzt, als der Tierwelt, der mein eigenes Leben und Streben gehört, neue Freunde zu gewinnen und so eine Quelle idealer Interessen nnd reiner Freuden allen denen zu eröffnen, die das städtische Knlturleben mit seinem Hasten und Treiben der Natur entfremdet hat. Ich schmeichle mir: wem unsere nicht nur ausnehmend großen, sondern auch wirklich „lebenden", von lebenden Tieren genommenen Bilder vor Augen kommen, der wird sie nicht achtlos wcglegcn, sondern unwillkürlich näher ansehen. Und ist er erst so weit, dann wird er auch lesen, was unter dem Bilde steht, und dann haben wir gewonnen. Deshalb ist — wohlbedacht — der Text so kurz, daß man nicht einmal umzublättern braucht, im leichtesten Plauderton gehalten. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß „nichts drin steht", im Gegenteil: in dieser Bcziehnng glaube ich mit ruhigem Gewissen der öffentlichen Kritik entgegensetzen zu dürfen. Habe ich mich doch redlich bemüht, nicht nur das Bild beschreibend zu ergänzen, wo dies nötig erschien, sondern auch Unterhaltsames und Belehrendes aus meiner tiergärtnerischen Erfahrung mitzutcilen, ja sogar allerlei Fragen zu streifen, die einen anregenden Einblick gewähren in die Lücken und das Vorwärtsschreiten unserer Kenntnis der dargestellten Tierformen. So bieten wir, glaube ich, auch demjenigen etwas, der schon zur Gemeinde der Tierfreunde gehört, Brehms Tierleben oder das Naumannsche „Tierreich" wirklich im Geiste, nicht blos im Bücherschränke besitzt. Dementsprechend habe ich von vornherein die Auswahl der Bilder getroffen: neben den „berühmten Größen" der Tierwelt, die nicht fehlen durften, sind mit Absicht solche Arten bevorzugt, die man nicht überall abgebildct findet, und bieten unsere zusammengestellten „Lebenden Bilder" so eine hoffentlich recht vollkommene Ergänzung zu den verbreiteten systematischen Werken über Tierkunde. Gerade in dieser Beziehung hilft der reiche Tierbestand des Berliner Gartens, wie kein anderer, etwas Außerordent- liches zu leisten, und so kann ich wahrheitsgemäß feststcllen, daß dieses Werk von Dutzenden hochinteressanter Tiere die erste anthentische, weil nach dem Leben photographierte Darstellung bringt, ja: von einer ganzen Anzahl Seltenheiten überhaupt die erste zuverlässige Abbildung. Und deshalb glauben wir schließlich — das macht unsern größten Stolz aus — selbst bei den offiziellen Vertretern der strengen Wissenschaft auf Beachtung und Anerkennung rechnen zn dürfen. Blätter wie der persische und der Mantschurenleopard (S. 82 und 83), der deutsch-ostafrikanischc und der vorderindische Leopard (S. 180 nnd 181) möchte ich aus voller Ueberzcugung nicht nur für vollendet schöne Tierbilder halten, die an Schärfe und Lebenswahrheit nichts zu wünschen übrig lassen, sondern anch für zuverlässige, wissen sch östliche Urkund en, die dem Systematiker für sein vergleichendes Studium und seine wissenschaftlichen Forschungen überhaupt eine sichere Unterlage bieten. Gleiches gilt für den deutsch-ostafrikanischen Löwen (S. 143), den ostsibirischen und persischen Tiger (S. 49 und 157), die drei prächtigen Wildrinder Südasiens, Banteng, Gaur und Gayal (S. 60, 81 und 172), den Elbe-Biber (S. 79), der bald von der Erde ganz verschwunden sein wird, den südarabischen Wolfsschakal und den mexikanischen Präriewolf (S. 165 und 164), die Fossa oder Marderkatze von Madagaskar (S. 177), den isländischen Jagdfalken (S. 35), den Branickischen und den Ricsen-See- adler (S. 22 und 34), den Einlappkasuar aus Deutsch-Neu-Guinca (S. 41), den Massaistrauß aus Deutsch-Ostafrika (S. 175), den Weißnackenkranich (S. 13), den Baßtölpel (S. 112), den Nashorn-Pelikan (S. 64), das Gabelschwanzhuhn (S. 145) und viele andere seltene und merkwürdige Tiere mehr. Mannigfache anerkennende Zuschriften solchen Inhalts sind bereits in meinen Händen und so meine ich, ohne unbescheiden zn fein, dürfen wir hoffen, daß unsere „Lebenden Bilder" nicht nur als willkommene Festgabe in Tierfrenndlichen Familien, sondern auch in Museums- nnd andere Fachbibliotheken Einlaß finden werden. ______________ Dr. L. Heck. Bilderrätsel. (Nachbildung verboten.) & |Ö, 9 AW (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung der Schachaufgabe in voriger Nummer: Weiß. Schwarz. 1. L d 8 — b 6. Beliebig. 2. 8 c 5 — b 7, d 7, e 6, d 3, b 3 oder a 4 -f und matt. UebMon: ®. Burkhardt. — »ruck und «erlag der Brühl'scheu Uni»ersttSt«-Bvch° und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen,