SB MM ife l-SL rfu WM UMSZ ^5R777'f?»^srr-M: ?- ? f streute jeder in das Leben Des andern eine Blume nur, Dann würde manche Roscnspur Dies Dasein freundlich überweben. Tiedge. Nachdruck verboten. Pygmalion. Novelle von Anton Frhr. von Perfall. (Fortsetzung.) Er lachte höhnisch auf und setzte seine stürmische Wanderung durch das Zimmer fort. Marie starrte ihn sprachlos an. Sprach so der Vater zu seinem Kinde? Wie kam er dazu, an ihrer Liebe zu zweifeln. Frau Opel unterbrach zuerst die peinliche Stille. „Was ärgern's Ihnen denn so, Herr Holaus? Meinen's denn, ich möcht' Unfried' stiften in Jhr'm Haus? Ein paar Tag wird's ja doch Zeit haben mit dem Fortgehen, für so viel Jahr, zwei Tag', is das z'viel, Herr Holaus — dann geh' ich ja." „Sie gehen überhaupt nicht, sie bleiben!" herrschte jetzt plötzlich HolauS, vor ihr stehend bleibend, ste an. „Sie müssen bleiben! Oder habe i ch vom Fortgehen gesprochen? S ie haben davon gesprochen. Ste haben mir gewissermaßen gekündigt, nach sechszehn Jahren. Was habe ich denn so schreckliches von Ihnen verlangt? Daß Sie Marie in den Haushalt einführen? Ist das nicht notwendig, sehr notwendig für eine junge Dame? —Also, was haben sie denn? Haben Sie sich sonst über irgend etwas zu beklagen? Habe ich Sie nicht stets behandelt wie eine Angehörige des Hauses? Also!" - „Oh, Du guter, lieber Papa!" jubelte jetzt Marie, ihren Arm um seinen Nacken schlingend, „ich wußte es ja, daß es Dir nicht Ernst war." Er wehrte ihrer kindlichen Zärtlichkeit und löste leise ihre Arme. „Geh' jetzt, Marie. Ich bin etwas erregt, ich habe einen geschäftlichen Verdruß gehabt, dann Deine Ankunft. Laß Dich nicht schrecken — und Sie kennen mich ja, Frau Opel." Er trat zu der tiefbewegten Frau und reichte ihr die Hand. „Nicht wahr, Sie bleiben, selbstverständlich! Ste sind mir ja jetzt notwendiger als je, mir und Marie, das wird Ihnen doch genügen." „Ich wär' auch net 'gangen, Herr Holaus, noch net!" Frau Opel lachte verschmitzt unter hellen Thränen, welche ihr über die Backen liefen. Eben wollte sie mit Marie, die sich zärtlich an ihren Arm hing, das Zimmer verlassen, da trat Herrmann ein. Er erschien um zehn Jahre jünger als der blasse, magere Holaus, in dessen Antlitz die Kämpfe der Jugend ihre herben Spuren zurückgelassen. Die enganliegende Reittracht hob noch die geschmeidige Kraft seiner Glieder, dazu der wohlgepflegte, schwarze Schnurrbart, das feurige, schwarze Auge. Er glich eher einem lebenslustigen Kavalier, als dem routinierten Kaufmann, der er in Wirklichkeit war. Ein frischer Luftzug schien mit ihm in den dumpfen, einförmigen Raum zu dringen. Er verschloß mit ausgebreiteten Armen den Weg. „Halt! Nicht ausgekniffen, Koustnchen. Hab' Dich ja noch gar nicht begrüßt. Einen Kuß setzt es wohl nicht mehr ab — oder ist's erlaubt, Hans?" Er trat einen Schritt auf daS errötende Mädchen zu. „Herrje, ich glaube gar, Du bist eifersüchtig! Na, dann lassen wir es vor der Hand. Holaus lachte gezwungen. „Du wirst doch einsehen, daß Marie kein Kind mehr ist." „Und ob ich das einsehe! Aber, waS ich sagen wollte, Marie — oder muß ich von nun an Fräulein Marie sagen." Er sah fragend auf Holaus. „Bitte," erwiderte dieser förmlich. „Na also! Ich fürchtete schon, daß mir auch das „Du" entzogen wird. Ich wollte nur sagen, daß mein ganzer Stall zur Verfügung steht, Du hast doch reiten gelernt während der zwei Jahre? Es war doch die Rede davon." „Ich hatte keine Gelegenheit dazu," erwiderte Marie schüchtern. „Eine nette Erziehung das! Aber das macht nicht-, das läßt sich rasch nachholen. Du hättest doch Lust dazu?" „Oh gewiß, wenn Papa nichts dagegen hat." „Na, das wäre noch schöner! Was soll ste denn anfangen hier, den ganzen Tag? Sprich doch, Hans!" „Du bist mir etwas zu stürmisch, Franz, erwiderte dieser, sichtlich unangenehm überrascht durch diese neue Frage, die an ihn herantrat. „Ich kann mich doch nicht in der ™ 686 — ersten Stunde über so wichtige Dinge entscheiden. Vor allem soll doch Marie für das Hauswesen herangebildet werden." „Donnerwetter, klingt das ernst, „Hauswesen". Pferde gehören doch auch zu einem richtigen Hauswesen, für welches Marie herangezogen werden soll. Oder willst Du eine kleine Beamtenfran daraus machen?" „Ich will vor allem ein tüchtiges Menschenkind daraus machen, und dazu wäre das Reiten nicht so notwendig, wie Dir's vielleicht scheint, Franz. Uebrigens, wenn Marie durchaus will, werde ich sie nicht daran hindern, in bestimmten Grenzen, heißt das." „Beruhige Dich, Papa, ich will ja gar nicht, es war ja nur so eine Idee von mir, wenn es Dir selbst Freude gemacht hätte." „Wirklich, ist das Dein Ernst?« HolauS sprach es völlig verwandelt, im Tone inniger Freude. „Nun, dann reite nur mit Onkel Herrmann, so viel Du willst. Ich bin nicht so griesgrämig, wie ich aussehe, nur den guten Willen muß ich sehen." „Mußt' es ja, daß es Dir nicht so ernst ist, alter Junge," meinte Franz. „Das Wiedersehen hat Dich halt ein bischen gepackt, die Freude. Ist auch eine Freude! Was für eine Freude!" Die glänzenden, schwarzen Augen verschlangen das schöne Mädchen. „Jetzt komm nur gleich mit, Kousinchen, ich habe Dir viel zu zeigen. Frau Opel hat die Güte und macht die Garde-dame." „Geh' doch mit, Papa!" „Aber geh' doch, Kind, geh' doch! Ich habe noch dringende Arbeit. Ich komme vielleicht nach. Geh' nur!" Herrmann reichte Marie galant den Arm. Sie ergriff ihn mit sichtlichem Wohlgefallen, nickte dem Vater noch einmal zu und verschwand, gefolgt von Frau Opel. Holaus blickte auf die sich schließende Thür und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das war es, was er gefürchtet — Franz! War er nicht ein Greis neben ihm, dem kraftstrotzenden, lebenslustigen Manne? Aber er war ja der Vater in ihren Augen, überhaupt kein Mann in diesem Sinne, und alles, was er für ,ste empfand, konnte nur als Kindesliebe zum Bewußtsein kommen. Was hatte er aber für Verpflichtungen, die Rolle des Vaters weiter zu spielen? Ihr die Wahrheit sagen, daß er nicht der Vater? Und wenn er dann nicht der Geliebte ist, wenn ein anderer es ist, dieser Herrmann, — was bleibt ihm dann? — Nichts! — die absolute Leere. Ja, liebt er denn wirklich? Er, der gereifte Mann, ein Kind, das unter seinen Händen aufgewachsen? Liebt er denn das Weib in dem Kind? Oder liebt er nur seine That, sein Geschöpf? Ein Helles Lachen drang durch das offene Fenster. Holaus eilte hin. Da schritten sie beide durch die Kastanienallee den Ställen zu. Er sprach lebhaft auf sie ein, sie drohte lachend mit dem Schirme — ein schönes Paar! Dieser Franz, war er nicht im Begriff, die Liebe des Mädchens für sich zu gewinnen? Er konnte ihm ja nicht einmal den geringsten Vorwurf machen. Was sollte der Vater gegen eine Verbindung mit dem Sohne seines Wohlthäters haben? Entsetzlich! Uud doch nein! Nicht gegen die Verbindung, den Freund, nicht gegen den Sohn seines Wohlthäters sträubte er sich, sondern gegen die Verbindung mit einem Manne von schlechten, moralischen Grundsätzen, der die Unschuld seines Herzens schon längst eingebüßt. Da lachte er plötzlich grell auf, schüttelte das Haupt und ließ sich auf den Lehnstuhl fallen vor dem Schreibtische, schlaff, ermattet, so verzweifelt, so mutlos, wie damals auf der Bank im Parke. — Marie unterhielt sich vortrefflich mit Onkel Herrmann. Er bot mit seinem starken Temperament, seiner heiteren Lebensauffassung einen lebhaften Kontrast mit dem Vater- welcher ihrem Eintritt in das Haus einen so ernsten Charakter gab. Und dabei war er ja selbst ein Mann der Arbeit, rastlos thätig im Geschäfte. Wie schade, daß der gute Papa das nicht zu vereinigen wußte. Der Stall war Herrmanns Stolz, und diese Ablenkung vom nüchternen, aufreibenden Geschäfte durch den Sport, welcher bei ihm nie in nutzlose Zeitverschwendung ausartete, verlieh ihm diese frische Männlichkeit, diese Elastizität des Körpers, die ihn äußerlich so vorteilhaft vor dem Freunde auszeichnete. Allerdings machte sich dieselbe auch in weniger günstiger Weise geltend. Er stand in dem Rufe eines „Schwerenöters". Ein Beiname, mit welchem nur zu oft zügellose Begierde und eine leichtfertige Lebensauffassung in Bezug auf das andere Geschlecht mit falscher Milde belegt wird. Bis zu einem gewissen Grade war das auch bet Herrmann der Fall, welcher alle feinen Empfindungen auf diesem Gebiete, in dieser Stall- und Sportatmosphäre seiner freien Stunden längst eingebüßt. Er war selbst überrascht von dem starken Eindrücke, welchen dieses jugendliche, reine, seinen gewohnten Neigungen so ferne stehende Wesen auf ihn machte. Unter den obwaltenden Umständen, bei seiner engen Verbindung mit Freund Holaus mußten unwillkürlich weitere, ernstere Gedanken in ihm aufsteigen. Was lag denn näher, als daß er, den mit Holaus tausend Fäden verknüpften, sein Schwiegersohn wurde. Der Vater selbst sprach noch kurz vor seinem Tode davon. Er war ein Mann von 32 Jahren, in den besten Verhältnissen, völlig unabhängig, des Junggesellenlebens längst satt. Was die auch für ihn etwas dunkle Geburt Mariens betraf, Holaus äußerte sich darüber nie bestimmt ihm gegenüber, so war er frei von allen Vorurteilen, für ihn war sie die Tochter seines Freundes, ein wohlerzogenes, engelreines Geschöpf, über alles andere, grübelte er nicht. (Fortsetzung folgt.) Zm Geschichte der Briefmarke. Von Dr. I. Wiese ------- (Nachdruck verboten.) Ueber die geplante Einführung der neuen Reichspostmarken, die in letzter Zeit in der Oeffentlichkeit besprochen wurde, herrscht in allen Kreisen eitel Jubel und Freude. Die Geschäftswelt empfindet es als ein Entgegenkommen der Reichspostbehörde, daß sie ihr gleichsam als Neujahrsgeschenk zum Jahrhundertwechsel Marken in neuer Höhe zu 30, 40 und 80 Pfg., sowie zu 1, 2, 3 und 5 Mk. bescheren will- des Künstlers Auge ruht mit Wohlgefallen auf dem künstlerisch wirkungsvollen Markenbilde, der Politiker verspricht sich von der Einführung das Aufgeben des Reservatrechtes der beiden süddeutschen Staaten und möchte hierin einen weiteren Schritt auch zur äußeren Beurkundung der deutschen Reichseinheit sehen, und der Philatelist, der Briefmarkensammler — nun, er freut sich schon über die Thatsache, daß er nun seiner Sammelwut noch mehr zu fröhnen vermag als vordem. Nur wenigen aber dürfte es bekannt sein, daß das kleine Wunder- ding, das wir täglich vor Augen haben, verhältnismäßig jung an Jahren ist, und die A-ltesten unter uns wissen sich noch der Zeit zu erinnern, da dieses uns jetzt so unentbehrlich erscheinende, völkerverbindende Mittel zur Erleichterung des Verkehrs nicht bestand. — 68t — Freilich wissen wir, daß gewisse postalische Einrichtungen schon bei den alten Kulturvölkern bestanden, und daß später in den meisten Ländern Europas förmliche Postanstalten organisiert waren. Im deutschen Reiche wie in den Niederlanden war die Familie Thurn und Taxis mit dem Reichs- Erb-General-Postmeisteramt belehnt. Das Erträgnis dieses Lehens war ein sehr bedeutendes, denn die Taxen, welche für die Beförderung von Briefen gezahlt werden mußten, und die sich nach dem Gewichte und nach der Entfernung richteten, waren sehr bedeutende, und wenn dieselben auch im Laufe der Zeiten nicht unwesentlich ermäßigt wurden, so lassen sie sich doch mit den heutigen Portogebühren nicht vergleichen. Die Erhebung der Portogebühr geschah in der Weise, daß entweder der Absender diese bet Aufgabe des Briefes am Postschalter bar bezahlte, oder daß, wenn der Brief unfrankiert aufgegeben wurde, das Postgeld bei Ueber- gabe des Briefes an den Adressaten von diesem abgefordert wurde. Obwohl die Einführung der aufklebbaren Frankierungszeichen erst vor sechs Dezennien erfolgte, gab es doch schon vor dieser Zett hervorragende Männer, die an die Einführung von Frankozeichen dachten. Um das Jahr 1650 soll nach Dr. A. Moschkau König Karl II. von England ein Kouvert ausgegeben haben, welches die Portofreiheit anzeigte, jedoch nur für Königliche Angelegenheiten benutzt wurde. Verbürgt ist diese Nachricht aber nicht, auch scheinen die Postkouverte nur sehr kurze Zeit im Gebrauche gewesen zu sein, da die 1683 von dem Tapezierer Robert Murray errichtete Stadtpost in London irgendwelche FrankierungSzeichen nicht brauchte, sondern die an der Annahmestelle aufgegebenen bezahlten Schreiben einfach des Tages einmal durch Fußboten bestellen ließ. Durch Erlaß Ludwigs XIV. wurden in Paris am 8. August 1653 Stadtpostkouverte verausgabt, die unseren Streifbändern ähnlich sahen und den Aufdruck trugen: »Port payd .... (Mai) ... le .... 10) jour de Fan 1653 ou 1654". Zum Zeichen der erfolgten Entwertung wurde das FrankierungSzeichen vor Abgabe des Briefes an den Empfänger von feiten der Post heruntergenommen. Die Hauptverkaufsstelle der „Billets port pay6" war im Hofe des Palais beim „Commis General", dieser war verpflichtet, an arm und reich für den festgesetzten Preis von 1 Sou selbige zu verkaufen. Zur Bequemlichkeit des Publikums waren in den verschiedenen Vorstädten Briefannahmen und ebenso bei den Portiers aller öffentlichen Anstalten, in den Klöstern, bei den Schließern der Gefängnisse rc. Verkaufsstellen errichtet, und ferner in allen belebten Straßen der Stadt Briefkästen (!) angebracht, die täglich drei Mal geleert wurden. Die Verkäufer der Billets erhielten eine angemessene Provision. Expreß- und Postrestante- Sendung der Billets war ebenfalls gestattet. Diese für damalige Zeit musterhaft zu nennende Beförderung der Briefe geriet aber sehr bald wieder in Vergessenheit, und simple Savoyarden besorgten wieder den gesamten Stadtverkehr. Trotz derverschiedenstenund umfassendsten Verbesserungen im Postwesen erfahren wir doch eine lange Spanne Zeit hindurch nichts über etwa eingeführte Postwertzeichen. Erst im Jahre 1811 kommt wieder eine Art Briefmarken vor, die von einer Schiffahrtsgesellschaft in Schottland zur Erleichterung des Brief- und Paketverkehrs in Kurs gesetzt worden war. In den Jahren 1819 bis 1836 waren in Sardinien zwei Postkouverts in Kurs, welche den Namen „Carta postale bollata" führten. Diese zeigten neben der Wertangabe das Bild eines Postillons zu Pferde, mit dem Posthorn an den Lippen. Die Kouverts der zweiten Emission waren zum Schutze gegen Fälschungen sogar schon mit Wasserzeichen versehen. Die erste Emission von 1819 war in Blaudruck, die zweite 1820 in farblosem Reliefdruck ausgeführt. Im Jahre 1823 machte in Schweden der Leutnant Curry Gabriel de Treffenberg seiner Regierung den Vorschlag, mit Stempel als Wertzeichen versehene Postkouverts einzuführen/ er legte sogar Proben davon vor. Sein Projekt fand zwar vielen Anklang, wurde aber, da man damals noch nicht die großartige Bedeutung derselben anerkannt, abgelehnt. — Um diese Zeit oder auch etwas später, jedenfalls aber noch vor der folgenden Kouvert- und Markenausgabe in England, soll China schon verschiedene Arten von Postkouverts ausgegeben haben. Dies ist indes nicht erwiesen, in China weiß man wenigstens zur Zeit von diesen Kouverts nichts. Im England, das im Anfänge unseres Jahrhunderts den größten Postverkehr aufwies, war man mit dem Postverkehr schon lange unzufrieden, und je mehr er sich steigerte, desto mehr wuchs die Unzufriedenheit. Der Wunsch nach einer gründlichen Reform des Postwesens wurde immer dringender, so daß sich ein Kreis hervorragender Männer verband, um diese Reform durchzuführen Das außerordentlich hohe Briefporto gab vielfach Anlaß zu Klagen, die nur zu begründet waren. Die Berechnung des Portos geschah auf folgende Weise. Es wurde die Entfernung des Bestimmungsortes vom Aufgabeorte und der Umfang der Briefe (1, 2, 3, 4 oder mehr Bogen) in Betracht gezogen. Das Porto betrug daher, gleichviel, ob der Brief Geschriebenes oder gedruckte Preislisten, Zirkulare usw. enthielt zwischen zwei Pence und ein Schilling sechs Pence für den einfachen Brief mit einem Bogen Inhalt. Dabei wurde das Kouvert, sowie jedes einliegende Blättchen für einen Bogen gerechnet. Die Entfernung wurde nicht nach der Luftlinie, sondern nach dem wirklichen Wege gemessen, den der Brief zurückzulegen hatte. Schon im Jahre 1824 trat Samuel Roberts aus Conway öffentlich für ein einheitliches Porto ein, und die Regierung wurde von einer Menge von Beschwerden, Denkschriften, Vorschlägen überflutet, so daß sie sich im Jahre 1835 bemüßigt sah, eine Kommission zur Prüfung dieser Angelegenheit einzusetzen, mit deren Vorsitz Robert Wallace betraut wurde. In dieser Kommission wurden besonders die Anträge gestellt, das Porto von nun an nach dem Gewicht zu bemessen und für kaufmännische Preislisten und Mitteilungen einen einheitlichen ermäßigten Portosatz einzusühren. (Suppantschitsch „Briefmarkenkunde. *) Aber erst dem unermüdlichen Fleiße Rowland Hills, der mit Beginn des Jahres 1837 eine Flugschrift unter dem Titel „Die Postreform, ihre Wichtigkeit und Durchführbarkeit" veröffentlichte, in welcher er darauf hinwies, daß das Porto ohne Rücksicht auf die Entfernungen auf ein Penny für eine halbe Unze (— 7 Gramm) herabgesetzt werden könne und die Postverwaltung trotzdem dabei gewinnen müsse, gelang es, diesem Gedanken zum Durchbruche zu verhelfen. Das Porto sollte entweder bar oder durch Verwendung von gestempelten Umschlägen oder Briefbogen entrichtet werden. Hill vertrat seine Sache energisch und erwarb sich hierdurch viele Freunde. Als Lord Lichfield, der damalige Generalpostmeister, einst im Parlament die Erklärung abgab, die Korrespondenz müsse, um den Ausfall des Portos zu decken, sich mindestens um das zwölffache vermehren, dann aber würde das ganze Generalpostgebäude nicht hinreichen, die Beamten und Briefe zu fassen, entgegnete Hill: „Ich bin sicher, daß Eure Herrlichkeit keinen Augenblick zögern würden, sich darüber zu entscheiden, ob in diesem großen und gewerbfletßigen Lande die Größe des Postgebäudes sich nach dem Umfange der Korrespondenz, oder der Umfang der Korrespondenz sich nach der Größe des Postgebäudes zu richten hat." Trotzdem das Publikum und die öffentliche Meinung sich einstimmig für die rasch populär gewordene Idee einer Postreform aussprach, war das „Wie" der Erhebung des Portos bei Aufgabe der Briefe — entweder in barem Gelde oder durch gestempelte Briefbogen und Kouverts — praktisch nicht durchführbar, und das Zustandekommen der ganzen Hillschen Postreform stand in Frage. Schon war die „Penny-Porto* Bill" dem Falle nahe, als die Vorlage plötzlich dadurch gerettet wurde, daß Wallace im Unterhause, Lord Affchburton im Oberhaufe ein neuartiges Frankierungsmittel — die aufklebbare Briefmarke — zur Sprache brachte, durch die „die — 688 ■*== Staatsfinanzen gegen Schädigung durch Fälschung gesichert, allen Zwecken entsprochen und jedes Widerstreben der Papier- fabrikanten und Papierhändler beseitigt werden würde." Das Verdienst die aufklebbare Briefmarke erfunden zu haben, eine Erfindung, die sich den größten aller Zeiten würdig zur Seite stellen kann, gebührt dem im August 1853 verstorbenen Buchhändler James Chalmers aus Dundee in Schottland. Lange Jahre hat der Streit über die Frage getobt, wer der Erfinder der aufklebbaren Briefmarke gewesen sei. Während sie bis vor einiger Zeit noch Hill zugeschrieben wurde, ist heute kein Zweifel mehr, daß Chalmers zuerst den wohldurchdachten Entwurf der aufklebbaren Poftmarke eingereicht und deren Verwendung für alle Fälle vorgeschlagen hat. Der 6. Mai 1840 ist der Geburtstag der Briefmarke, die eine völlige Revolution im Postverkehr hervorgerufen hat. Seit diesem für alle Zeiten denkwürdigen Tage haben sich die Briefmarken tut Fluge die Welt erobert, und heute existiert in Europa kein Staatengebilde, das sich derselben nicht bediente, und auch in den fremden Weltteilen haben sie in allen zivilisierten Ländern festen Fuß gefaßt. Es ist nicht uninteressant, die Verbreitung der Briefmarke zu verfolgen, denn diese war keine schritt-, sondern sprungweise. Da ihre Wiege in England, also in der alten Welt, stand, sollte man naturgemäß annehmen, daß sie sich zunächst in den übrigen Ländern Europas verbreitet und erst von da ihren Einzug in die fremden Weltteile gehalten hätte. Dem ist jedoch nicht so. Die ältesten Marken nach den englischen find die Lokalmarken von Newhork, die schon im Jahre 1842 ansgegeben wurden. Nicht Europa, sondern Amerika war es also, das sich die englische Erfindung zuerst zunutze machte. Im Jahre 1843 folgten Brasilien, Genf und Zürich, 1845 Basel, Brakleborough und New-Haven, 1846 Baltimore, 1847 Mauritius, Providence, Alexandrien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit der ersten Generalausgabe, 1849 Baiern, Belgien, Frankreich und Neu-Südwales, 1850 Hannover, Oesterreich, Preußen, Sachsen, Schleswig-Holstein, die Schweiz, Spanien, Britisch- Guhana, Viktoria, 1863 folgte die Türkei und endlich 1864 Mecklenburg-Strelitz. Welchen Einfluß die englische Postreform von 1840 in Verbindung mit der Einführung der Briefmarke und der späteren Einführung der Postkarte sowie den Segnungen des Weltpostvereins ausgeübt hat, wird am besten durch den Verbrauch an Postwertzeichen illustriert. In Deutschland wurden: Briefmarken gestemp. Briefumschläge Briefmarken gestemp. Briefumschläge Briefmarken gestemp. Briefumschläge endlich im Fiskaljahre 1892 1326 660 000 Briefmarken verbraucht. . c,,s, , 1K,_ J 1535 000 int Fiskaljahre 1555 | 3 757 000 , , 1CQ, f 61248 000 im Fiskaljahre 1885 [ 11348 !00 in, 187» ! 646 750000 im Fiskaljahre 1878 s 5 251000 Die Briefumschläge wurden in diesem Jahre außer Gebrauch gesetzt. Noch besser zeigt den steigenden Verbrauch an Briefmarken in dm verschiedenen Jahren eine mit künstlerischer Vollendung hergestellte graphische Statistik im Postmuseum in Berlin. Zum Schluß mögen die Worte, mit denen Suppantschitsch in seinem schon genannten Werke „Briefmarkenkunde" die Briefmarke in historischer und kulturhistorischer Beziehung feiert, hier Platz finden: „Die Briefmarke ist ein historisches Denkmal, wenn auch in zartester Form. Sie belehrt uns häufig darüber, welcher Sprache, welcher Schriftlichen sich ein Volk in einem gegebenen Zeiträume bediente, welchen Münzfuß, welche Regierungsform es hatte, wer es beherrschte usw. Eine geordnete Sammlung von Briefmarken eines Landes oder Volkes wird uns nicht selten ein getreues Bild seiner Geschichte zeigen. Ich brauche diesfalls nur' auf die Briefmarken von Spanien, Frankreich Mexiko usw. !zu verweisen, welche uns über alle Wandlungen unterrichten, die diese Länder und Reiche in den letzten 40 bis 50 Jahren erlebt haben. Ob ein künftiger Geschichtsforscher jemals auf diese Quellen angewiesen sein wird, ist nicht entscheidend. Wett wichtiger als die historische ist die kulturhistorische Bedeutung der Briefmarke. Durch sie wurde das Postwesen auf eine neue Grundlage gestellt, sie hat den Postverkehr vereinfacht und verbilligt und die Völker mit einem Schlage aneinandergerückt. Dadurch, daß die Kulturnationen miteinander und mit kulturell minder entwickelten Völkern in leichteren und regeren Verkehr traten, verbreitete sich die Kultur, und dieser Erfolg ist demnach unmittelbar der Briefmarke zuzuschreiben. Die Postwertzeichen, welche mit den Posteinrichtungen der Völker in inniger Verbindung stehen, gewähren uns daher einen Einblick in dieselben. Aber auch noch in anderer Beziehung belehren sie uns. Betrachtet man nämlich die Postwertzeichen der verschiedenen Völker oder vergleicht man die kursierenden Marken mit den außer Kurs getretenen, so wird man wahrnehmen, welcher Unterschied sich in Bezug auf ihr Aussehen, auf ihre Vollkommenheit usw. ergiebt. Man wird finden, daß sich die Briefmarken ein und desselben Landes mehr oder minder gleichen und in ihrem Typus gleichsam ihr Land repräsentieren. Man wird weiter wahrnehmen, daß die Marken der großen Kulturnationen auch durch ihre technische Vollendung jene der minder entwickelten Völker überragen und daß die späteren Emissionen häufig schon einen bedeutenden Fortschritt in der Technik ihrer Erzeugung gegen die ersten Ausgaben bekunden. Wir werden also durch die Briefmarke ein Bild gewinnen, auf welcher Stufe der Entwickelung sich bei einem Volke die Graveurkunst, die Buchdruckerei und die Papierindustrie befinden, und welche Fortschritte eö in den letzten 40 bis 50 Jahren darin gemacht hat." Literarisches. Deutsche Poetik von Prof. Dr. Johannes Minkwitz. Dritte Auflage. In Originalleinenband 2 Mark 50 Pfg. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Die Kenntnis der Poetik ist nicht allein für den schaffenden Dichter nützlich, sie ist auch wichtig für die weiten Kreise, die in der Beschäftigung mit der schönen Litteratur wahren Genuß finden wollen. Denn die Poetik bezweckt nicht allein, Dichter zu erziehen und ihnen die Wege zu ebnen, sie ist vielmehr auch dadurch von großer Bedeutung, daß sie für jedermann die Einsicht in die Schätze der Dichtkunst eröffnet und steigert. Nicht zu übersehen bleibt, daß das Verständnis der poetischen Kunst auch dem Urteil über Poesie und poetische Leistungen der Gegenwart zu Hilfe kommt. Was Praxis und Theorie, verbunden mit akademischer Lehrthätigkeit, in einer Reihe von Jahren auf dem Gebiet poetischer Kunst zu erkennen und zu lehren den Verfasser in den Stand gesetzt haben, das bietet er in klarer, lichtvoller Ausarbeitung in dem handlichen Büchlein dar, das heute schon in dritter Auflage vorliegt. Katechismus des guten Tons und der feinen Sitte von Eufemia v. Adlersfeld, geb. Gräfin Ballestrem. Dritte Auflage. In Originalleinenband 2 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Fast alle Werke über den „guten Ton" leiden an dem Fehler, durch zu viel Beiwerk den Lernenden zu verwirren, ihn dadurch unsicher zu machen und namentlich der Natürlichkeit bei der versuchten Anwendung des Gelernten zu berauben. Diesem empfindlichen Uebelstand will das vorliegende Büchlein der geistvollen und lebensklugen Verfasserin abhelfen. Daß die der Geburtsaristokratie angehörende Schriftstellerin das richtige getroffen hat, beweist die bereits nach wenigen Jahren notwendig gewordene dritte Auflage. Alle Ratschläge sind in anregendem Konversationston erteilt und geistreich erörtert. Das nicht nur unaufdringlich belehrende, sondern selbst unterhaltende Merkchen sei namentlich allen denen auf das wärmste empfohlen, die sich durch Talent und Fleiß in höhere Gesellschaftskreise hinaufringen und diesen nun auch in Bezug auf die feine Sitte ebenbürtig sein wollen. Magisches Dreieck. ____—__________ In die Felder nebenstehender Figur find die Buchstaben a bb, e e, 1 1 1 1, n, r r ——--u u derart einzutragen, daß die einander entsprechenden wagerechten und senkrechten ’ Reihen gleichlautend folgendes ergeben: __1. Fremdländische Münze. 2. Ein Gebirge. —____ 3. Ungarischen Titel. 4. Teil von Elsaß-Lothringen. -- 5. Einen Buchstaben. (Auflösung in nächster Nummer.) Rt6gltien: <6. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.