< A j| SIwiE" reie Mitteilung der Wahrheit ist das schönste Vereinigungsband, A welches die Welt der Geister zusammenhält. Die Wahrheit ist gemeinsames Erbgut der Menschen, frei wie der Aether, und von Myriaden zugleich zu genießen, ohne sich je zu verzehren. Fichte. (Nachdruck verboten.) Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Reder gab durch eine Gebärde zu erkennen, daß die Vornehmheit ihm nicht allzuviel ausmache. „Ein naher Verwandter der Frau Kommerzienrätin Helldorf und dort so zu sagen Hausfreund". „Aber der Kommerzienrat Helldorf ist ja der nächste Freund des Bankier Sommer", sagte der Polizeirat erstaunt. „Und Sommer hat mit dem feinen Herrn am zweiten Ostertag beim Kommerzienrat zu Mittag gegessen, während ich bet ihm die Wände einschlug. Die grobe Arbeit hat er mir überlassen, aber ausgeheckt hat er den ganzen Plan, und als es ans Teilen ging, da war er zur Stelle und nahm den Rahm ab. Zuletzt hat er sogar den Sommers noch großmütig seine Hilfe angeboten und sogar als Teilnehmer ins Geschäft treten wollen- der Affessor Sommer hat ihn aber ablaufen lassen, scheint eine ziemlich feine Nase zu haben, der junge Mann". „So sagen Sie doch endlich, wie er heißt". „Ach, er hat viel Namen, aber derjenige, unter dem er sich hier angemeldet hat, mag ja wohl der richtige sein, da er unter demselben auch beim Kommerzienrat aus- und eingeht. Er heißt Dr. Corbus". Der Polizeirat fuhr auf: „Dr. Corbus, der Afrikareisende !" „I, da mag er meinetwegen auch gewesen sein", lachte Homann. „Der große Reichtümer vom Kap mitgebracht haben soll?" „Na, damit wird es sich wohl halten lassen", lachte Homann hämisch. „Als ich ihn zuerst kennen lernte, da war er arm wie eine Kirchenmaus". „Wann war das?" „Im vorigen Oktober beim Rennen in Baden-Baden. Wir verabredeten damals schon, nach Berlin zu gehen und etliche Bankiers aufs Korn zu nehmen, die Sache mußte aber bis gegen das Frühjahr aufgeschoben werden. Eigentlich war's auch auf den Kommerzienrat Helldorf abgesehen, Corbus, der die Gelegenheit auskundschaftete, sagte aber, dort wäre nichts zu machen, wir könnten uns nur die Finger eklig verbrennen. Da mußten wir uns denn mit der Sommer'schen Sache begnügen, obwohl sie lange nicht so viel eingebracht hat, wie wir dachten, und nun hat mich dieser Schuft auch noch so niederträchtig betrogen". Der Polizeirat lächelte. Homann deutete das sehr . richtig und rief eifrig: „Nein, nein, Herr Rat, wir mögen nun Geschäfte machen, was für welche wir wollen, unter uns ist es nicht Mode, daß wir uns beschuppen, das kann nur bei solchem vornehmen Herrn vorkommen*. Er sprach die letzte Bezeichnung mit tiefer Verachtung aus. „Was hat er gethan?" „Wir haben das bare Geld geteilt, und schon da hat er mehr genommen als ich, weil er augenblicklich so blank war, und ich hab's mir gefallen lassen. Die Aktien hat er aber ganz in Verwahrung behalten, weil sie bei ihm sichrer aufgehoben wären als bei mir, und mir endlich auf mein Drängen ein paar Stück herausgegeben, die ich verkaufen wollte." „Und dabei sind Sie denn auch abgefaßt worden," lachte der Polizeirat. „Bei dem Herrn Dr. Corbus wird man also den Rest der gemachten Beute finden?" „Ja, und wenn ich schon nichts mehr davon haben soll, so gönne ich sie doch jedem andern lieber, als diesem Erzgauner. Ich hab' mein Versprechen gehalten und ihn nicht verraten, wenn Sie mir hier auch arg zugesetzt haben, und der denkt, derweil ich brumme, kann er alles zu Gelde machen und gute Tage sehen. Nein, Brüderchen, da hast du die Rechnung denn doch ohne Homann gemacht." In dieser Weise tobte er noch fort, und der Poltzeirat ließ ihn gewähren- er wußte, daß bei solchen ZornesauS- brüchen von sonst sehr vorsichtigen Verbrechern leicht Dinge zu Tage kommen, deren Kenntnis der Polizei sehr nützlich werden konnte. Endlich unterbrach er ihn aber mit der Frage: „Wissen Sie Näheres von dem Vorleben des Dr. Corbus?" Homann zuckte die Achseln. „Nicht viel, und wer kann sagen, was Wahres daran sein mag. Studiert wird er ja wohl haben, denn er kann reden wie ein Buch, und den vornehmen Herrn spielt er aus dem ff, ich glaube aber, er — 554 — hat viel, viel mehr auf dem Kerbholz als unsereiner. Ist dem Apotheker durch die Küche gelaufen und weiß mit Giften Bescheid." Homann schüttelte sich, und der Polizeirat machte sich etliche Notizen. „Er hat hier in der Luisenstraße eine Privatwohnung," sagte er. „Ja, aber ob Sie ihn dort finden, das ist die große Frage. Leicht zu fangen wird der schlaue Fuchs nicht sein." „Danke für den guten Rat, Homann," entgegnete der Polizeirat trocken und ließ dem Verbrecher das Protokoll vorlesen und von ihm unterschreiben. „Ich hoffe, Herr Polizeirat, mein offenes Geständnis wird günstig für mich wirken," sagte Homann noch, als er abgeführt ward, und verabschiedete sich mit einer Verbeugung, als habe er soeben einen freundschaftlichen Besuch beendet. Polizeirat Reder ließ sofort einen seiner gewandtesten Beamten zu sich rufen und beauftragte ihn mit der Beobachtung und Verhaftung des Dr. Corbus, schärfte ihm aber dabei ein, mit der größten Behutsamkeit zu Werke zu gehen, da er aus Rücksicht auf die Familie Helldorf jedes Aufsehen zu vermeideü wünschte. Das Verhör hatte in einer späteren Nachmittagsstunde stattgefunden, da die Nachricht vom Vorkommen der Aktien erst nach Schluß der Börse bei der Polizei eingegangen war. Um dieselbe Zeit suchte Corbus die Kommerzienrätin Helldorf auf. Auch er hatte sich an diesem Vormittag auf der Börse befunden, zu deren eifrigen Besuchern er gehörte, da dort häufig Dinge vorkamen, die für ihn von Interesse waren. Kommerzienrat Helldorf, den er flüchtig gesprochen, hatte soeben die Mitteilung von dem Auftauchen der Aktien erhalten und ihm die Neuigkeit arglos erzählt. Jetzt wußte er, daß seines Bleibens in Berlin nicht mehr sein konnte. Homann hatte ganz richtige Schlüsse gezogen. Auf die Verschwiegenheit des seltsamen Spießgesellen unbedingt bauend, hatte er sich sicher gefühlt, ihm aber seinerseits dadurch gelohnt, daß er seine Gefangenschaft benutzt, um einen Teil der Aktien zu Gelde zu machen. Das war ihm auch in Wien und Budapest, wohin er zu diesem Zwecke eine Kunstreise unternommen, ganz vorzüglich gelungen, nur hatte er kein Geld mit zurückgebracht. Es war wieder alles am Totalisator und in einer verborgenen Spielhölle der ungarischen Hauptstadt geblieben. Jetzt hatte sich für ihn das Blatt in bedenklicher Weise gewendet. Er wußte genau, daß, wenn nicht heute, so doch spätestens morgen Homann mit dem Auftauchen der Aktien bekannt gemacht werden und so die von ihm geübte Untreue erfahren würde. Er durfte kaum zweifeln, daß er diese durch den Verrat seines Mitschuldigen vergelten würde — nur schleunige Flucht konnte ihn retten. Er war aber wiederum ganz von Mitteln entblößt. „Eugenie, ich muß Geld haben!" mit diesen Worten trat er bei der Kommerzierätin ein, die soeben von einer Ausfahrt mit Hermine zurückgekommen war und mit Hilfe ihrer Jungfer die Straßentoilette mit der • Hauskleidung vertauscht hatte. Schon als ihr der Doktor gemeldet worden, war sie, nichts Gutes ahnend, erschrocken znsammengefahren, hatte aber nicht gewagt, ihn abweisen zu lassen, bei seiner brüsken Anrede stieß sie einen Schrei aus und bedeckte das Gesicht mit den Händen. „Ich habe nichts!" murmelte sie. „So schaffe etwas, ich muß — ich sage Dir, ich muß Geld haben und zwar auf der Stelle." „Nimm meinen Schmuck, das ist das einzige, was ich noch besitze." „Du hast mir den schon öfter angeboten, und ich habe Dir immer gesagt, daß ich ihn nicht gebrauchen könne," entgegnete er nachdenklich. „Aber gieb ihn her, es ist für alle Fälle." Sie atmete auf, in der Hoffnung, sich damit loszukaufen, eilte an ihren Schmuckschrank und händigte ihm mehrere Etuis ein. Mit beifälligem Nicken leerte er einen nach dem andern, schob den Inhalt in seine Tasche und sagte dann: „Das ist für später, wenn die Grenzen des deutschen Reiches erst hinter mir liegen, denn daß Du es nur weißt, Eugenik, ich muß fort, so schleunig wie möglich, und wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen." Sie fuhr zusammen. Ein Freudenschein flog über ihr blasses Gesicht. „Freust Dich, mich los zu werden," spottete er. „Hast freilich auch alle Ursache dazu, denn wenn man mich hier fest macht und zum Sprechen bringt, so erzähle ich allerlei Geschichten aus alter und neuer Zeit." In den Mienen malte sich der Ausdruck des Entsetzens. „Du stehst in Gefahr, verhaftet zu werden? Weshalb?" „Hat Dein lieber Herr Gemahl heute bei Tische nicht davon erzählt, daß Aktien aus dem Sommerschen Diebstahl an der Börse zum Vorschein gekommen find? Er war ja ganz voll davon." „Ja das hat er. Aber was geht das Dich an?" Er beugte sich ganz nahe an ihr Ohr und flüsterte ihr etwas zu. Sie fuhr zurück als habe eine Schlange sie gestochen. „O, Balthasar, wie konntest Du!" „O, Eugenie, wie konntest Du!" parodierte er. Man hilft sich, so gut man kann. Mir ist es nicht beschieden gewesen, auf einen Wurf das große Los zu gewinnen- ich habe immer von neuem wieder anfangen müssen, das verwünschte Geld erhält, sobald ich es mit den Händen berühre, die Eigenschaft, sich zu verflüchtigen. Ich bin ganz blank und brauche zu meiner Reise notwendig einige tausend Mark, so viel es eben sein können". ,)Der Schmuck ist so viel wert". „Gewiß, nur kann ich meine Hauswirtin nicht mit einer Brosche bezahlen und keinen Fahrschein für eine Spange lösen. Hier nur ein Stück davon zu verkaufen, hieße der Polizei geradezu in den Rachen rennen. Werde ohnehin schon alle möglichen Künste aufwenden müssen, um ihr zu entgehen". „Ich wiederhole Dir) ich habe kein Geld!" „Eugenie, bringe mich nicht zum äußersten!" raunte er, sie beim Arme packend, ihr ins Ohr: „Ich schwöre Dir zu, ergreift man mich, schickt man mich aufs Zuchthaus, dann — dann gehe ich nicht allein. Dann erzähle ich der Welt eine Geschichte, wie man — Frau Kommerzienrätin wird". (Fortsetzung folgt.) Tief im Walde. Rovellette von H. Waldemar. ---— lNachdruck verboten^) Kurt von Bewern brach, nachdem ihn der Arzt verlassen hatte, in ein schallendes Gelächter aus. „Nervös? Als ob ich ein zimperliches Frauenzimmer wäre und nicht ein Mann, der an Länge und Breite manchen andern schlägt! Waldluft, Einsamkeit, äußere und innere Ruhe — den Teufel auch, was sich Doktor Martienssen wohl einbildet? Ich und Ruhe! Sehe ich denn wirklich aus wie ein Todeskandidat?" Er erhob sich langsam, nicht so elastisch und frisch tote, ein junger Mann von dreißig Jahren, und trat vor den Spiegel. „Blaß" — fuhr er, sich kritisierend fort, „das ist nicht zu verwundern, wenn man ein Nervenfieber hinter sich hat, auch die Magerkeit kommt daher — na, alter Junge, zum Verlieben siehst Du gerade nicht aus mit den tiefliegenden Augen, dem scharfen Zug um Mund und Nase — Gesamteindruck: Martienssen hat Recht, so kann ich mich nirgends sehen lassen. Also Kurt, wohlbestallter I — S5B — Oberleutnant, mache Dich auf und suche dir ein Plätzchen, wo Du in aller Zurückgezogenheit wieder Du selbst werden kannst. Aber wohin?" Schwer ließ er sich in seinen Sessel zurückfallen; die Hand, die er erhoben, um sich den Schnurrbart zurückzustreichen, zitterte, und auf seinem Gesichte machte sich eine tiefe Bläffe bemerkbar. „Wenn der gute Doktor wüßte, was mich niedergeworfen," flüsterte er, sich in Sinnen verlierend/ „wenn er hier in meinem Herzen lesen könnte! . . Was nützt es, den Körper zu pflegen, wenn die Seele leidet? Wie schwer ist es, allem Glücke zu entsagen, weil . . . Eveline, was hast Du aus mir gemacht!" . . Er verlor sich in der Erinnerung an jene Zeit, da er das holde Geschöpf gesehen und lieben gelernt, an die Verzweiflung, die ihn erfaßte, als er erfuhr, daß sie ihm verloren war. Viele Monate waren seitdem vergangen, aber die Wunde, die er erhalten, schmerzte heute noch ebenso, wie damals, und sein Herz lehnte sich auch heute noch so wild und schmerzvoll gegen die Thatsache auf, daß er entsagen mußte . . . Sein Kopf brannte, seine Augen glühten. Er fühlte, wie das Fieber ihn wieder zu packen fuchte. Energisch schüttelte er alle Gedanken ab, er wollte ja zeigen, daß er als Mann damit fertig zu werden trachtete .... Hatte er es nicht seiner Mutter und dem Arzte versprochen? War er es nicht sich selbst schuldig? Ein wehes, halb irres Lächeln huschte um seinen Mund, als er sich ryrn mühsam erhob und auf den Knopf der elektrischen Klingel drückte. „Sofort einpacken, wir verreisen!" befahl er d.em eintretenden Diener. „Reisen," wiederholte dieser mit dem Rechte der Vertraulichkeit, das langjährige Diener für sich in Anspruch nehmen. „Sie sind ja noch nicht hergestellt, gnädiger Herr. — Und wohin?" „Wohin? Ich weiß es selbst nicht, Karl, aber dorthin, wo kein Saut der Welt mich stört, wo ich nicht erinnert werde an . . ." Er strich sich über die heiße Stirn und murmelte: „Wenn ich nur vergessen, sie aus meinen Gedanken verdrängen könnte, dann, ja dann . . ." Er sah zu seinem getreuen Karl auf und fragte: „Weißt Du kein Plätzchen dieser Art? Still und einsam, von den Menschen nicht besucht, aber geschaffen, eine kranke Seele zu heilen?" „O ja, gnädiger Herr. Als die neue Jagd eingeweiht wurde, wohnten Sie tief im Walde beim Förster Bertram — damals schon meinten Sie, wenn Sie je der Ruhe bedürften, würden Sie dieselbe dort suchen, im Walde." Kurt von Bewerns Blick leuchtete auf. „Das Forsthaus im Tannenschlag! Bei Gott, den Gedanken lohne ich Dir!" rief er lebhaft. „Ja, ja, die herrliche Waldeseinsamkeit dort chatte es mir schon damals an- gethan, die lauschige Stille mich andächtig gestimmt. . . . Das wird der rechte Ort sein, Herzenswunden-zu heilen. Dorthin gehen wir! Packe die Koffer rasch, heute noch reisen wir ab. . . . Fort, nur fort will ich; jetzt, da ich ein solch köstliches Ziel habe, brennt mir der Boden unter den Füßen. Geschwind an die Arbeit!" — * * Die Försterin Bertram stieß den Kolben ihres Butterfasses auf und nieder, und sang dabei mit kräftiger Stimme ein Volkslied. Sie war so eifrig dabei, daß sie das Herannahen eines Wagens nicht hörte und erschreckt ausfuhr, als von draußen eine Stimme durch's offene Fenster rief: „Guten Tag, Frau Bertram, so luftig bei der Arbeit I" Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie die elegante, etwas gebückte Gestalt an. „Jst's möglich!" schrie sie auf, „der gnädige Herr! Sind Sie's wirklich, oder —?" Bewern lachte heiter auf. Die Fahrt durch die köstliche Abendstille hatte ihn froh gestimmt. „Ich bin's wirklich, kein Geist, und gekommen, mich bei Ihnen von langer Krankheit zu erholen. Sie haben doch ein Plätzchen für mich? Absolute Rnhe und Einsamkeit finde ich ja draußen auf Schritt und Tritt, sobald ich bett Wald auf mich wirken lasse." „Einsamkeit — Ruhe?" stotterte die hübsche Försterin und strich sich in sichtlicher Verlegenheit diL Aermel herunter. „Wenn ich das nur früher gewußt hätte, daß Sie kommen. — Nun hab' ich einen Sommergast ausgenommen, seit acht Tagen schon — ach Gott, gnädiger Herr, ich will sorgen, daß er Ihnen nicht über bett' Weg läuft." Bewern war zwar nicht angenehm berührt, dennoch sagte er gütig: „Machen Sie sich keine Sorge, Haus uub Wald sind groß genug, daß zwei Gäste Platz fittden können, ohne sich gegenseitig zu stören. Zeigen Sie Karl die Zimmer, er wird das weitere besorgen." Dann ging er langsamen Schrittes dem Walde zu. — Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel, als Bewern am nächsten Morgen sich auf den Weg machte. Er wußte ein herrliches, tief in duftenden Tannen verstecktes Plätzchen. Dort wollte er sich niederlaffen, in vollen Zügen den harzigen Duft einatmen, wollte die hehre Stille auf sein wundes Gemüt wirken lassen. Ein frisches Lüftchen wehte ihm entgegen, als er das Haus verließ, und regte stärkend seine Nerven an. Mit Interesse achtete er auf alles, was um ihn vorging. Er fah die unzähligen Tautröpfchen an den Spitzen der Grashalme, beobachtete die Vögel, wie sie geschäftig hin und her flogen, Nahrung suchten und solche im Schnabel davon trugen. Es weitete sich sein Herz. Mit tiefem Atemzuge blieb er stehen und sah rückwärts. Ein Ausruf des Entzückens entfuhr ihm. Im brennenden Sonnenglanze lag das zierliche Forsthaus vor ihm, es hob sich prächtig ab von den es an allen Seiten umgebenden dunklen Tannen, über welche sich die feinen Triebe des neuen Frühlings wie ein durchsichtiger hellgrüner Schleier verbreiteten. Ueberall glitzerte es, zwitscherte es, überall brach sich das warme, rote Sonnenlicht Bahn und vergoldete alles ringum. . . . Bewern nahm dies Bild mit trunkenen Blicken in sich auf und konnte sich nicht losreißen. Nach kurzem Wandern erreichte er dann den versteckten Platz, nach dem er ausgegangen war. Durch Nadel- und Blättergewirr bahnte sich auch hier die Sonne ihren Weg, zitterte in wunderlichen Reflexen auf dem moosigen Waldboden und irrte wie verstohlen über das blondlockige Köpfchen eines Mädchens, das regungslos auf einem Steine saß, dem Ankommenden jedoch den Rücken zudrehte. Eine heiße Blutwelle überflutete Bewerns Gesicht. Der Försterin Sommergast — eine Dame! Das fehlte gerade noch, dachte er. Aergerlich wollte er sich abwenden, als das Mädchen eine Bewegung seitwärts machte und ihm ihr feines Profil zukehrte. . Ein einziger Blick genügte, um ihn rückwärts taumeln zu lassen. „Evelme!" stöhnte er und lehnte sich gegen den Stamm einer Fichte, weil ihn die Kräfte zu verlassen drohten. . . . Entsetzen erfaßte und lähmte ihn. ... Er wollte sich zur Flucht wenden, denn kein anderer Gedanke beseelte ihn jetzt, als der, diesem tückischen Zufall zu entgehen, und dennoch war es ihm, als könne, als dürfe er nicht so von hinnen weichen, ohne die heimlich Geliebte gesprochen zu haben. Ihre weiche Stimme machte seinem Schwanken ein rasches Ende. Als das Mädchen bas Geräusch hinter sich vernommen, war es aufgesprungen uub hatte ihn erkannt. „Herr von Bewern, Sie hier?" rief sie überrascht und freubtgen Angesichts. Aber die Freude erlosch, als sie in fein verstörtes Antlitz blickte. „Barmherziger Gott, was ist Ihnen geschehen?" „Nichts und alles," erwiderte er düster, sich ihr mit Widerstreben nähernd. „Ich suchte Ruhe hier und nun . . ." Er brach ab, faßte sie rauh bei der Hand und sah ihr wild und verzweifelt in die zu ihm erhobenen klaren Augen. ... „Ich ertrag's nicht länger, einmal muß ich die Qual mir vorn Herzen reden, die mich zu erdrücken droht, seit ich Sie erblickt. Das Schicksal selbst hat unsere Schritte hierher- I 556 gelenkt, hat Sie mir noch einmal in den Weg geführt. . . . Weichen Sie nicht zurück, Eveline, Sie müssen mich hören; hören, daß ich an der heißen, wahnsinnigen Liebe zu Ihnen zu Grunde geh?; die mich zu dem elenden Wrack gemacht, als das Sie mich hier sehen, die mir alle Ruhe, alles Glück und jede Freude geraubt, die mich noch um den Verstand bringt. . . . Hier, im tiefsten Walde, allein mit meinem Gott und mir, wollte ich Sie vergessen, wollte versuchen, dem Manne nicht zu fluchen, der Sie errungen, wollte genesen um meiner Mutter willen. . . . Und nun, kaum habe ich die Hand nach der Ruhe ausgestreckt, treten Sie wieder vor mich hin, geschmückt mit allem Liebreiz, ich sehe Sie, nach der mein Herz verlangend schreit, und die ich dennoch fliehen muß, weil ein anderer glücklicher war, als ich. .... Fürchten Sie sich nicht,' Eveline," fuhr er in weichem Tone fort, als er sah, daß sie, die Farbe wechselnd, die Augen schloß, „Ihr Glück ist mir heilig. Was ich Ihnen jetzt offenbarte, schändet Sie nicht und ist kein Raub an Ihrem Gatten. Sagen Sie mir nur das eine noch, ob Sie glücklich sind, so glücklich, als Sie es verdienen. Dann will ich dem Leben wieder mutiger in's'Auge schauen und Ihren Weg nie wieder kreuzen." Sie senkte das Köpfchen. Lautlose Stille herrschte. Es war, als hielten selbst die Vöglein den Atem an, um ihren Worten zu lauschen, als wollte die Natur ihr Geständnis unterstützen, denn ganz sanft nur und doch geheimnisvoll rauschten die Wipfel der alten Riesen über dem jungen Paare. „Sie schweigen?" fragte Bewern zaghaft. „Vielleicht erscheine ich Ihnen indiskret, aber wenn Sie verstehen, wie es mir in diesem Augenblicke zu Mute ist, dann antworten Sie mir, Eveline, ich flehe Sie an, ob Sie das geträumte Glück gefunden?" „Wie konnte ich, da es sich von mir gewandt, kaum, daß ich es erkannt hatte?" begann sie leise, hob aber dann das Gesicht und sah Bewern mit einem Blick an, der ihm das Blut zum Herzen zurücktrieb. „Ihr Gatte?" fragte er atemlos. „Ich war nicht vermählt. Mein Vater hob die Verlobung auf, weil — mein Herz — anders gesprochen . .." „Für wen, Eveline, aus Barmherzigkeit sprechen Sie!" Sie richtete den Blick in das dichte Tannengrün und sagte sinnend: „Es war an einem Tage, so sonnenklar, so strahlend wie der heutige. Bei einer ihm zu Ehren veranstalteten Gartengesellschast stand ein Brautpaar im Mittelpunkte, man huldigte ihm, als sei es ein fürstliches . . . nur einer schloß sich davon aus . . ." „Weil dieser eine mit heißem Verlangen begehrte, was eines anderen Eigentum war," fiel Bewern voll mächtiger Bewegung ihr in's Wort. „Und dieser eine, Eveline?" Wie zärtlich seine Stimme klang. Sie sah ihn glückselig an. „Diesen einen allein liebte ich — und liebe ihn noch!" erwiderte sie schlicht. Bewern brachte keinen Laut über die bebenden Lippen. Als könne er diese srohe Botschaft nicht fasfen, als sei das Glück zu groß, das er so unerwartet gefunden. „Meine Ruhe, mein Glück!" stammelte er endlich, umschlang das Mädchen und küßte das holde, erglühende Gesicht. . . . Und die Vöglein hüpften von Ast zu Ast und sangen dem jungen Paare das Brautlied. V-viM'eht-s. Ei« Blumen-eet als Sonnenuhr. Beim Eintritt in die Greater America Exposition in Omaha, Nebrasca, bemerkt man, ein großes, kreisrundes Blumenbeet, mit einer hohen schlanken Dattelpalme in der Mitte. Dies Blumenbeet bildet mit dem Schatten der Palme eine Sonnenuhr, deren römische Ziffern in hellgrünen Blattpflanzen sich scharf vom braun- gehaltenen Grunde abheben. Zwischen den Zahlen 7 und 8 befindet sich auf der § übfeite: G. A. Expo. 1899. Mehrere engere Kreise im größeren werden durch verschiedenartige Pflanzen angedeutet. An den Rändern derselben sind winzige Glühlichter und in der Nähe der Palme größere tulpenförmige befestigt, so daß sich abends ein wunderbar schöner Anblick darbietet, wenn alle diese Lichterchen ausleuchten und das Ganze deutlich erkennbar machen. Die Sage vom Geisteeschiff. Die Legende vom „fliegenden Holländer", die Sagen vorn Totenschiff des Seeräubers und von andern Geisterschiffen sind nicht das geistige Eigentum einer einzelnen Nation oder einer bestimmten Gegend, sondern sie sind an allen Küsten des Ozeans sehr verbreitet. Die französische Form der Sage vom Geisterschiff gibt eine Pariser Zeitung nach der Erzählung französischer Seeleute folgendermaßen wieder: Ein gottloser Kapitän, dessen Schiff in der Nähe des Kaps der guten Hoffnung von jenem furchtbaren Sturme ereilt wurde, rief den Bösen an und verlangte von ihm, er solle ihn schützen gegen den, „der den Winden und Wogen gebeut". Satan willfahrte seiner Bitte, und der Kapitän und sein Schiff entkamen dem Untergange. Aber heimgesucht von der Hand des Herrn, den er verleugnet hatte, wurde er zu ewiger Irrfahrt auf den Meeren verdammt. Seit dieser Zeit durcheilt das schwarze Geistenchiff die Ozeane und trägt überall hin Schrecken und Tod. Es erscheint hauptsächlich bei heftigem Sturme, und wehe dem Fahrzeug, das sich ihm nähert; es stößt mit ihm zusammen und scheitert; das schwarze Schiff aber fährt unversehrt vorüber. Heber den Ursprung dieser Sagen haben die Verhandlungen des Kongresses für Rettungswesen, der im Jahre 1897 in Bordeaux tagte, interessante Aufschlüsse gebracht. Die Verhandlungen haben bewiesen, daß dieser Sage eine Thatsache zu Grunde liegt; ein Unfall, wie er sich auf dem Meere nur zu oft ereignet, wurde von den Seeleuten mit allerlei wunderbaren Nebenumständen ausgeschmückt. Die wirklichen Geisterschiffe sind die verlassenen Fahrzeuge, die treibenden Wraks, welche die größte Gefahr für die Schifffahrt bilden. Die Amerikaner geben ihnen die Bezeichnung derelicts und fahnden nach Möglichkeit auf sie. Bei stürmischem Wetter entgeht man einem treibenden Wrack schwer; auch scheint es ganz unmöglich, das Meer von diesen blinden Zerstörern zu säubern, und so erklärt es sich leicht, daß die Phantasie der Seeleute in dieser Thatsache einen Gegenstand für eine ihrer dramatischsten Sagen gefunden hat. Kreuzrätsel. Nachdruck verboten. In die Felder neben- —i---— stehender Figur sind die —J--- Buchstaben c c, d d, e ____!________ eeeeeee, h h h J l h h h, i i, k k, 1 1, n n n, o o o o, r r r r r, s s, t t t, u u, w w I derart einzutragen, daß —।--- die wagerechten und senk- —-- rechten Reihen gleichlau- ___!_______ tend Folgendes ergeben: 1. Ein Kleidungsstück. 2. Belohnung für treue Dienste. 3. Wichtige Kulturpflanze. Auflösung in nächster Nummer. Auflösung des Kapselrätsels in voriger Nummer: Der ist arm, den Sorge grau macht. Rebeltien: E. Burkhardt. — Bruck und Berlag der Brühl'scheu Uniserfititz-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erden) in Meße«.