Sonntag den 27. August W A'VSÖ B31 UM"! emMwÄ *7 7 ' *■■■'. ji U*mhOt;tr ~.Cil W ^WW Zum 150. Geburtstage Goethes. Ein Gedenkblatt zum 28. August 1899. Unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit, Rastlos steigt die Sonne auf und nieder lieber Eidenlust und Erdenleid! . . Still verhallen Kampflärm, Völkerstreit, Friedensglocken, Preis- und Jubellieder/ Bald vergessen haben, die da kamen, Zu der Väter Zeit gepriesene Namen! Lorbeer welkt, und Ruhm verrauscht im Wind! . . . Wenig Sterblichen nur ist's beschieden, Fortzuleben, ob die Zeit auch rinnt Und der Faden reißt, den Klotho spinnt,Z Mächtig ragend gleich den Pyramiden Aus dem Trümmermeer verschollner Tage, Hold umgrenzt vom Epheugrün der Sage! Dir auch, Goethe, ward dies Götterlos! Was Du schufst, lebt fckrt in Millionen. Vor uns steht Dein Bild, titanengroß, Deine Lieder klingen uferlos Um den Erdball, wo nur Deutsche wohnen, Und es Preisen Deiner Welt Gestalten Gleich entzückt die Jungen wie die Alten!j Jeder lauscht, wenn Egmonts Klärchen singt, Wenn Erlkönig durch den Nebel gleitet; Wenn sein Schwert der Berltchingen schwingt, Wenn Mephisto in Faust's Zelle dringt Und den Zaubermantel um ihn breitet,- Wenn's den Fischer lockt zum Nixengrunde Und die Sehnsucht klagt aus Mignons Munde! . . . Deutsches Volk, du ehrst dich selbst zumeist, Wenn du ihm, von Lieb' und Dank durchdrungen, Heute frische Lorbeerreiser weihst! Denn es hat sein allgewaltger Geist Zur Bewunderung längst die Welt gezwungen, Und so lang noch deutsche Namen schallen, Wird auch «F au st" unh» „Goethe" nicht verhallen! Alwin Römer. Zum Mütterchen! Erinnerungsblatt zur Goethefeier. 28. August 1749—1899. Von I. Haydn lMannheim). ------- (Nachdruck verboten.) „Heute vor neunzehn Jahren, — gerade um die Mittagszeit, wurde er uns geschenkt, unser Wolfgang, — wie klopfte da mein Herz voll Freude als Großmutter jubelnd rief: „Rätin er lebt!" — Und heute — — —!" Thränen erstickten ihre Stimme, die dunklen, leuchtenden Augen der schlanken Frau blickten traurig, um ien beredten Mund, den so oft der Schalk umspielte, zuckte es wie von verhaltenem Schmerze. — Mit all' ihr zu Gebote stehender Selbstbeherrschung aß sie von dem Mittagsmahle, an welchem sie mit ihrem Eheherrn und Töchterchen in dem eichenholzgetäfelten Zimmer, in ihrem Hause am großen Hirschgraben zu Frankfurt a. M. saß. Aber auch dem kaiserlichen Rat Johann Kaspar Goethe, den so leicht nichts aus der Ruhe bringen konnte, merkte .man heute an, daß ihm etwas stark zu Hexzen gegangen 'sein mußte. „Es wird nicht so schlimm sein", tröstete die achtzehnjährige Kornelia, deren schmales Gesicht mit der hohen Stirne, aus welchem das dunkle Haar straff auffrisiert war, noch bleicher als sonst aussah. „Unser Wolfgang ist ja noch nie ernstlich krank gewesen, — hat eine gute Natur —" „Auf die er zu stürmen anfängt!" unterbrach sie der Vater erregt, und mit einem strengen Blick auf seine Frau setzte er hinzu: „War ja all sein Lebtag ein Muttersöhnchen und solch ein Bürschelchen wird leicht übermütig, wenn er dem Hause entwachsen ist, — ich hätte ihm eben den Brotkorb höher hängen sollen!" In Frau Katharina Elisabeth's geistvolles Gesicht stieg purpurne Glut, ein etwas spöttisches Lächeln lag auf ihrem schönen Munde, sie sah ihren Gatten nachdenklich an. Sie gedachte seiner strengen Erziehungsmethode, wie er sich damit das Töchterlein entfremdet und ob es nicht auch besser gewesen, wenn er den Wolfgang nicht gar so strenge von der Schule und seinen Altersgenossen fern gehalten, — wenn er auch bei ihm die väterlichen Zügel nicht gar zu straff angespannt hätte. Aber Vorwürfe zu machen, lag nicht in ihrer Art, — deshalb sagte sie begütigend: • „Du mußt's seiner Jugend zu gut halten, Johann 486 Kaspar, — der Wolfgang hat wieder über die Schnur gehauen, ist davon krank geworden. Ein guter Kern steckt ja doch in ihm, das hat er schon damals bewiesen, als er trotz Deiner sorgsamen Erziehung im Wirtshaus „zum Puppen- schänkelchen" in der Weißadlergasse in schlechte Gesellschaft geriet. Damals hatte er sich wieder selbst gefunden und so wtrd's diesmal auch kommen I Du hast ja immer viel von ihm gehalten, seine Wißbegier, seinen Fleiß gelobt und daß etwas singuläres in ihm stecke!" „Ich hab' mich getäuscht!" rief erregt der sonst so ge- meffene Rat Goethe, — „ein Stutzer ist er in Leipzig geworden, dem nicht einmal seine Frankfurter Kleider gut genug waren, ein Phantast ist er, der Gedichte schreibt, ein Spötter, — der in seine Hefte Karrikaturen seiner Professoren zeichnet! Aber am meisten ärgert mich, daß er die Jurisprudenz an den Nagel hängen will und diese Kollegien schwänzt! Dagegen sitzt der Schlingel in der Wirtsstube des Weinhändlers Schönkopf, dessen Tochter Kälhchen es ihm ange- than haben soll. Wie unser Filius in dulci jubilo lebt, das sollst Du gleich hören!" Und der Herr Rat entnahm seinem feinen hechtgrauen Tuchrock, der seine imposante Gestalt umschloß, einen Brief, aus welchem er mit besonderem Nachdruck folgende Stelle vorlas: „Ich mache in Leipzig große Figur, brauche Kunst um hier fleißig zu sein. I» Gesellschaft, Konzerte, Komödien, bei Gastereien, Abendessen, Spazierfahrten, — ha das geht köstlich, aber auch kostspielig! Zum Henker, das fühlt mein Beutel! Halt! rettet! haltet auf! Da marschieren zwei Louid'or! Helft! Da ging abermals einer. — Groschen sind hier wie Kreuzer bei Euch im Reiche----" Frau Rat Goethe, die sich damals auch geärgert hatte, als sie gehört, daß der Wolfgang alle seine von ihr so sorgsam gewählten und zurecht gerichteten Kleider in „Klein-Parts" durch neue ersetzt hatte, entgegnete etwas kleinlaut: „Auf schöne Kleider hat er von jeher etwas gehalten, — und was die Juristerei anbelangt, so regt sie ihn nicht an. Der Wolfgang ist eben vielseitig, deshalb auf andere Art fleißig. Wie er mir schrieb, macht er Kunststudten, liest Shakespeare, Molisre und Corneille in der Originalsprache, befaßt sich mit Naturwissenschaft, auch reizende Gedichte soll er verfaßt haben--—" „Natürlich Liebeslieder!" — brummte Johann Kaspar Goethe. „Er hat eben ein warmschlagendes zärtliches Herz", rief die an ihren Sohn so festglaubende Mutter und im Brustton der Ueberzeugung setzte sie hinzu: „In unserem Wolfgang steckt eben etwas extraordinäres und deshalb muß er auch extraordinär behandelt werden!" „Was Du ja immer verstanden hast, Katharina Elisabeth, Du hast ihn hübsch verzogen, — lachtest wie ein mutwilliges Kind, wenn er ausgelaffen war, — erzähltest ihm die phantastischsten Geschichten!" Die geistvollen Augen der Frau Rat Goethe strahlten, als sie erwiderte : „Und wenn ich ihm dann meine selbsterfundenen Geschichten erzählte, — da saß er so andächtig vor mir, verschlang mich schier mit seinen mächtig großen Braunaugen. Wenn ich absichtlich den Schluß auf den nächsten Abend verschob — dann hatte sich der kleine Schlingel alles selbst zurecht gelegt. Wenn ich ihn dann lobte, mich über seine Phantasie wunderte, — dann war er Feuer und Flamme!" Der Herr Rat unterbrach sie: „Jetzt aber sollte der Sausewind die Phantastereien lassen, — sollte ernstlich einen Beruf wählen. Und wenn er mir folgt, wird er Jurist, — was ihm auch unser Hofrat, der alte Huisgen geraten, der ihm sagte: „Ein firmer Jurist mußt Du werden, Bursch, damit Du Dich und das Deine gegen das Lumpenpack von Menschen verteidigen kannst! Item dann und wann Unterdrückten beistehen und allenfalls einem Schuft am Zeug flicken kannst!" „Vor allem soll der Wolfgang wieder gesund werden!" meinte die Rätin mit einem Seufzer. „Ist er nur wieder bei seinem Mütterchen, so wird ihm schon auf die Beine geholfen! schmeichelte Kornelia, die nun am Arme der Mutter das Zimmer verließ, um Vorkehrungen zur Ankunft des geliebten Bruders zu treffen.-- * * * An demselben 28. August 1768, am neunzehnten Geburtstag I. Wolfgang Goethes, an welchem in seinem Elternhause so lebhaft über das Wohl und Wehe des geliebten Sohnes gesprochen wurde, da stand vor dem Hause „Zur Feuerkugel" am Neumarkt zu Leipzig eine Postkutsche, die ein hochgewachsener Jüngling bestieg, deffen bleiches Gesicht und vorgebeugte Haltung schwere Krankheit verriet. Frisch an Geist und Körper, voll guter Vorsätze erfüllt von Schaffensfreude war der einzige Sohn des Rates Goethe drei Jahre früher, im Oktober 1765 nach Leipzig gekommen. — Und heute?! Mit zerrütteter Gesundheit, eine unglückliche Liebe im Herzen, — ohne das ihm vom Vater gesteckte Ziel erreicht zu haben, kehrte er nach Hause zurück! Wie dem verlorenen Sohne in der Bibel war ihm zu Mute. — Je näher er der Heimat kam, je ängstlicher klopfte sein Herz, je drückender ward ihm das Bewußtsein seiner Schuld! — Und trotzdem konnte er sagen, — aber sein strenger Vater würde es ihm ja nicht glauben, — daß die Leipziger Zeit keine verlorene gewesen! Besonders segensreich war für ihn der Umgang mit Oeser, dem Direktor der Zeichen-Akademie, von welchem Goethe schreibt: „Neben Shakespeare und Wieland war Oeser mein Lehrer. Sein Unterricht wird auf mein ganzes Leben Folge haben. Er lehrte mich, das Ideal der Schönheit sei Einfalt und Stille, und daraus folgt, daß kein Jüngling Meister werden könne!" Und weil Jung Wolfgang damals noch tief in den Lehrjahren steckte, das fühlte er ja, deshalb brauste und gährte es noch in ihm! Sein Mütterchen würde ihn schon verstehen und — verzeihen! Aber der die Ordnung liebende, pedantische Vater?! Wie konnte er sich vor ihm verantworten, daß er alles andere lieber lernte, als wie die Juristerei, — daß er, um seine verschmähte Liebe zu betäuben, so auf seine Gesundheit gestürmt, daß ihn ein Blutsturz an den Rand des Grabes brachte? — — — — — — Ein trauriger Empfang erwartete ihn im Elternhause. Der stark enttäuschte Vater war entsetzt über das hohlwangige Aussehen, des einst so blühend schönen Sohnes, — die lebensfrohe Mutter, die so ungern traurige Gesichter um sich sah, die alles scheute was ihre Seelenruhe stören konnte, die wie sie selbst erzählte: „Das Unangenehme stets zuerst that, den Teufel verschluckte, ohne ihn erst lange zu begucken" — sie mußte nun dem Unglück, das in Gestalt eines stechen Sohnes bei ihr eingekehrt, in's Auge sehen! Schwere Zeiten waren über das sonst so glückliche HauS am großen Hirschgraben gekommen! Der kranke Wolfgang konnte sich lange nicht erholen, Rückfälle, eine langwierige Geschwulst am Halse, aber auch Vorwürfe und Szenen mit dem ungeduldigen Vater verzögerten seine Genesung, zu der Mutter und Schwester in rastloser Pflege so viel beitrugen. Wenn dann sein Mütterchen an seinem Bette im Giebelzimmer des Hauses saß, — mit ihrer Himmelsgabe Behagen ja Frohsinn verbreitend, ihm die trüben Gedanken ausredete, dann konnte der Wolfgang wieder lachen, dann strahlten auch seine großen dunklen Augen wieder. Und als er sich allmählich erholte, im Lehnstuhl sitzend sich mit Lesen, Zeichnen, und der Radierkunst beschäftigte, auch sein Genius wieder leise 487 seine Fittiche regte, — da gab es keine glücklichere Mutter als die Frau Rätin Goethe. Seiner Mutter las Wolfgang sein „Lied er büch lein" vor, die Frucht seiner Leipziger Zeit, in welchem sich schon deutlich der später große Lyriker verriet, — dann „die Mitschuldigen", die Erinnerung an seine erste Liebe zu jenem Frankfurter Gretchen, — „die Launen des Verliebten", in welchem er das zärtliche Verhältnis zu Käthchen Schönkopf schildert. Sein Mütterchen wurde seine Vertraute, sein guter, ehrlicher Kamerad, wie sie einstens seine Spielgenosstn gewesen, sein Mütterchen, das gerade achtzehn Jahre älter als er selbst war. „Ich und mein Wolfgang" erzählte Frau Aja später, „haben immer verträglich zusammengehalten, das macht weil wir beide jung und nicht soweit wie der Wolfgang und sein Vater auseinander gewesen sind!" Wie horchte die lebhafte, damals 37 Jahre alte Frau Katharina Elisabeth auf, als der Sohn ihr erzählte, daß er sich in Leipzig gar zu gern für ein akademisches Lehramt vorbereitet hätte, — aber sich dennoch dem väterlichen Machtwort unterwarf. Sein Eifer hätte gar bald nachgelasien, angeregt durch den Verkehr mit Medizinern, die er an der Mittagstafel des Hofrats Ludwig getroffen, — habe er Naturwissenschaft studiert, die juristischen Kollegien wenig mehr besucht. Von der Hofrätin Böhme erzählte er seinem Mütterchen, wie sie sich seiner angenommen, ihn auf Lesstng's Laokoon aufmerksam gemacht, ihn veranlaßte, Shakespeare, Corneille und Moliöre im Original zu lesen, und wie diese geistvolle Frau an seinen dichterischen Versuchen scharfe Kritik geübt! Von Oeser und seinem Freunde Schlosser, dem späteren Gatten Kornelias, denen er so viel Anregung und die Einführung in einen litterarischen Kreis verdankte, sprach er mit Begeisterung, von seiner heimlichen Reise nach Dresden, dieser kunstsinnigen Stadt, in deren Bildergalerien und Sammlungen die Liebe und das Verständnis für die bildenden Künste in ihm erwacht wäre. Aber auch seine unglückliche Liebe zu Katharina Anna Schönkopf vertraute er dem Mutterherzen an. Wie heiß er das schöne, muntere Mädchen geliebt, daß sie ihm wohl auch Interesse entgegenbrachte, ihn aber dennoch nicht ernst nahm. Durch Eifersüchteleien habe er sie gequält, so daß sie sich von ihm abwandte. Um seinen Liebeskummer zu betäuben, habe er viel Merseburger Bier getrunken, sich einem lockeren Leben ergeben. „Und nichts anderes konnte Dich trösten Wolfgang?" fragte ihm die Mutter. „Der Gedanke an mein Mütterchen war mir Trost l Der Ruf in meinem Innern: „Zum Mütterchen, zum Mütterchen mit meinen Schmerzen! Das hielt mich aufrecht! Und dann — die Poesie, — sie war auch meine sanfte Trösterin.*) Meine Art ist eben, das, was mich freut, oder quält oder beschäftigt in ein Bild, in ein Gedicht zu verwandeln um darüber mit mir selbst abzuschlteßen, um mich selbst darüber im Innern zu beruhigen". — — Aber die von ihm ersehnte Seelenruhe sollte ihn erst gegen Januar 1790 überkommen, wie uns ein letzter Brief an Käthchen Schönkopf lehrt: „Daß ich ruhig lebe ist alles was ich von mir sagen kann, und frisch und gesund und fleißig, — denn ich habe kein Mädchen im Kopfe!"---- Als der völlig Genesene, fröhlich im Gemüte, ein Apoll an Schönheit und Kraft, Ende 1770 das Vaterhaus, das ihm zu enge geworden war, verließ, um seinen Weg nach Straßburg und — Sesenhetm zu nehmen, — wo gar bald wieder ein Mädchen sein Dichterherz einnehmen sollte, da konnte sein Mütterchen sagen: *) Eigene Worte Goethes. „Ich habe die Gnade von Gott, daß noch keine Menschen- eele mißvergnügt von mir weggegangen ist, wes Standes und Alters sie auch gewesen! Ich habe die Menschen lieb und das fühlt Alt und Jung, bemoraltstere niemanden, suche immer die gute Seite auszuspähen, und das behagt allen Erdensöhnen und Töchtern!"*) *) Eigene Worte der Frau Aja in einem späteren Briefe. (Nachdruck verboten.) Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Es war spät geworden, man hatte länger als es sonst Brauch in diesem Hause war, bei Tisch gesessen. Jetzt tauschte der Kommerzienrat einen Blick mit seiner Gattin, und diese hob die Tafel auf. „Ich muß Dich heute oder spätestens morgen allein sprechen, Eugenie," flüsterte Dr. Corbus der Kommerzieu- rätin zu, während er sie aus dem Speisezimmer in den in weiß und Gold dekorierten und mit goldgelben Atlasmöbeln ausgestatteten Salon führte, wo der Kaffee getrunken werden sollte. „Aber so erschrick doch nicht so! Nimm Dich zusammen. Mir imponieren Deine Nerven gar nicht!" herrschte er sie an, als sie bei diesen Worten zusammenfuhr, und er mußte eine große Herrschaft über sie besitzen, denn sie verzog augenblicklich das Gesicht zu einem liebenswürdigen Lächeln. Sie ließ sich auf einen Eckdivan, über welchem unter Palmen eine sehr schöne Flora aus weißem Marmor stand, nieder und winkte Aurelie zu sich, die sie in ein angelegentliches Gespräch verflocht, dadurch verhindernd, daß sie sich, wie eS in der Absicht des jungen Paares gelegen haben mochte, mit Hans zurückzog. Auch Felicitas konnte nicht zu einem Zwiegespräch mit dem Asseffor Sommer gelangen. Ihr lag es ob, den Kaffee zu bereiten, und außerdem hatte sie auf Hermine zu achten, die bald im Zimmer, bald im Garten sich mit August und Adalbert umherjagte. Unter diesen Umständen fanden die beiden jungen Männer es für den Augenblick geraten, der Aufforderung des Kommerzienrates, ihn in sein Zimmer zu begleiten und daselbst eine Zigarre zu rauchen, Folge zu leisten. Auch Or. Corbus war mitgegangen, und bald saßen sie, in dichten Dampf gehüllt, in lebhaftem Gespräch bet einander. Bankier Sommer kam bald auf sein Lieblingsthema, den in seiner Nachbarschaft entstehenden Neubau zu sprechen und schilderte, angeregt von dem ausgezeichneten Wein, den er genossen, den seltsamen Kauz, der sich kurz vor Thoresschluß noch in den dem Untergang geweihten Häuser angesiedelt, so humoristisch, daß alle darüber lachen mußten. „Ja, Sie lachen, meine Herren, aber ich versichere Sie, der Lärm, den die Arbeiter dieses Mannes völlführt haben, war nicht zum Lachen- ich konnte ein paar Tage in meinem Zimmer nicht eine Zeile schreiben," bemerkte Affessor Sommer. „Die Zeitungen rügten die Langsamkeit, mit denen neuerdings die Prozesse beim Kammgergericht geführt werden, jetzt wird mir der Grund davon klar," scherzte Hans Helldorf, und erwiderte die Neckerei durch einen kräftigen Schlag, den er dem Freunde auf die Schulter versetzte. Gleichzeitig wandte Dr. Corbus, den die Sache sehr zu interessieren schien, sich mit der Frage an Sommer: „Warum haben Sie sich das gefallen lassen?" „Ja, was hätte ich dagegen thun sollen, da Baumeister Schüller damit einverstanden war?" entgegnete achselzuckend und mit einem Seufzer der Bankier- wie zur Beruhigung fügte er hinzu: „Der Lärm hat übrigens seit ein paar Tagen aufgehört." „Gott sei Dank!" sagte der Assessor mit drollig klingender Inbrunst, und sein Vater versetzte mit dem Finger drohend: 488 „Das war nur ein Vorgeschmack. Warte nur, es kommt noch ganz anders, wenn erst das Haus eingeriffen wird." „Was hat der seltsame Mann denn gebaut?" fragte der Kommerzienrat. „Einen Wandschrank oder etwas Aehnliches," erwiderte Sommer leichthin. „Haft Du Dir das Ding nicht einmal angesehen?" erkundigte sich kopfschüttelnd Helldors. „Nein. Wozu?" fragte Sommer verwundert, „auch wär's gar nicht gut möglich gewesen, da die Thür des Ladens nach außen immer geschlossen war." „Die hätte ich mir unter irgend einem Vorwand doch öffnen lassen, wenn nur dahinter nichts anderes steckt?" sagte jetzt auch Hans Helldorf mit bedenklicher Miene, und Ernst rief: „Du haft recht- ich nehme morgen früh einmal eine kleine Inspizierung vor." Jetzt lachte Sommer laut auf. „Ach, Ihr Helldorfs würdet das nicht sagen, wenn Ihr den Menschen gesehen hättet. Am meisten wundere ich mich über Dich, Ernst, der Du doch selbst über den närri'chen Kerl gelacht hast. Vor dem ist mir nicht bange, der kann froh sein, wenn er ungerupft aus Berlin fortkommt." Nochmals gab er eine Schilderung des Kleinstädters, die alle belustigte; nur Ernst Sommer war nachdenklich geworden und wiederholte, er werde sich am folgenden Tage den wunderlichen Bau näher ansehen. „Thun Sie das, Herr Asseffor, ich halte zwar mit Ihrem Herrn Vater den wunderlichen Bauherrn für die harmloseste Person von der Welt, aber besser ist besser!" stimmte ihm Dr. Corbus bei und setzte aufstehend hinzu: „Wäre es nicht Zeit, zu den Damen zurückzukrhren? Ich habe für den Abend noch eine Verabredung, kann leider nicht lange mehr bleiben und möchte die mir noch zur Verfügung stehende Zeit gern in der anmutigen Gesellschaft verbringen." Hans und Ernst, denen dieser Wunsch schon aus der Seele gesprochen war, erhoben sich sogleich- langsamer folgten der Kommerzienrat und Sommer. Ersterer erzählte seinem Freunde, Corbus habe ein großes Vermögen von den Diamantfeldern Afrikas mitgebracht. „Das er natürlich durch Dich angelegt hat?" fragte Sommer mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit. „Ach nein," lachte Helldorf, „er braucht keine Mittelsperson, sondern ist geschickt genug, sein Geld selbst zu verwalten. Er hat den englischen Markt benutzt und seine Fonds in der Londoner Bank gelassen." Sie waren unter diesem Gespräch wieder in den Salon gekommen, fanden dort aber die Gesellschaft in einer Art von Aufbruch. Hans Helldorf hatte gegen Dr. Corbus erwähnt, daß er vor einigen Wochen in der Kunstausstellung ein Bild von Paul Meyerheim, eine Szene in der Menagerie darstellend, gekauft habe, und daß es nun in seinem Zimmer hänge. Corbus hatte darauf den lebhaften Wunsch ausgesprochen, es zu sehen, und Hans sämtliche Anwesende zur Besichtigung eingeladen. Bereitwillig folgte man seiner Aufforderung. Auch die Kommerzienrätin bequemte sich zum Mitgehen, als Dr. Corbus ihr galant den Arm bot. Hans ging voran, Felicitas und Aurelie folgten, den Beschluß machten die älteren Herren, nur Hermine und die Studenten waren im Garten zurückgeblieben. Hans Helldorf hatte in der Villa seines Vaters zwei Wohnzimmer und ein Schlafzimmer inne und die beiden ersteren gemäß seinen Neigungen und Dank der ihm zu Gebote stehenden Mittel zu einem kleinen Museum umgestaltet. Außer der ergötzlichen Schöpfung des genialen Tiermalers waren noch mehrere andere Gemälde neuerer Meister, einige schöne Stiche nach älteren Bildern und Marmorwerke, wie treffliche Abgüsse zu sehen. Man schaute und bewunderte, und Corbus erwies sich als ein ausgezeichneter Kenner. „Aber was haben Sie denn hier?" rief er plötzlich und trat vor einen Vorhang, der allem Anschein nach ein Bild verhüllte- „was wollen Sie uns da neidisch vorenthalten?" Ehe Hans es zu verhindern vermochte, hatte er den Vorhang zurückgeschoben. Das Brustbild einer jungen Frau in weißem Kleide, mit nicht schönen, aber sanften und einnehmenden Zügen kam zum Vorschein. Der Kommerzienrat und Sommer stießen gleichzeitig einen leisen Ruf der Ueberraschung aus- bis auf die Kommerzienrätin waren sie unter den Anwesenden die einzigen, die wußten, wen dieses Bild darstellte. Alle wandten sich aber erschrocken um, als die letztere mit einem lauten, kreischenden Schrei dem neben ihr stehenden Affeffor Sommer in die Arme sank. „Fort, fort!" stieß sie hervor. Die Augen rollten und sahen aus, als wollten sie ihr aus dem Kopfe treten, mit den Händen machte sie angstvolle und zugleich drohende Bewegungen. Ihr Gatte trat zu ihr, wollte sie in seine Arme nehme« und beruhigen, aber sie stieß ihn zurück und schrie: „Das ist ein abscheulicher, hinterlistiger Ueberfall, Ihr seid alle gegen mich im Bunde. Es ist darauf abgesehen, mich zu verderben!" „Eugenie, liebe, teure Frau, welche unglückselige Vorstellungen machst Du Dir!" redete der Kommerzienrat ihr zu, sie schluchzte aber nur heftiger und sagte mit großer Bitterkeit: „Tückisch habt Ihr mich hierher geschleppt, es war abgekartetes Spiel und nur, darauf abgesehen, mir ihr Bild zu zeigen, das ich nicht sehen will, nicht sehen kann!" Sie bedeckte die Augen mit den Händen. „Und das Du auch gar nicht sehen sollst!" fiel Hans Helldorf mit ernster Stimme ein, indem er, in innerster Seele verletzt von diesem Auftritt, den Vorhang wieder fallen ließ. „Ich habe dieses Porträt ganz allein für mich malen lassen, niemand hat bis jetzt von seinem Vorhandensein gewußt, und es ist sehr gegen meinen Willen geschehen, daß Herr Dr. Corbus den Vorhang davon entfernte." „Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, hätte ich ahnen können, was ich damit anrichtete, würde ich es sicher nicht gethan haben. Aber so fasse Dich doch, Eugenie, ich kann mir ja wohl denken, daß der plötzliche unerwartete Anblick des Porträts Dich sehr erschüttert hat, zu einer so heftigen Erregung ist aber doch kein Anlaß." Der Blick, den er dabei auf die Kommerzienrätin richtete, war nicht unähnlich dem eines Tierbändigers, der ein sich gegen seine Herrschaft aufbäumendes, gefangenes Raubtier wieder in seine Schranken zurückweist, und er verfehlte seine Wirkung nicht. Die zornbebende Frau verstummte, kroch förmlich in sich zusammen und sagte nach wenigen Minuten in flehendem Ton zu ihrem Gatten: „Führe mich auf mein Zimmer, Konstantin, ich — ich muß mich sogleich niederlegen — es ist — zu — viel — für mich gewesen." Auf seinen Arm gelehnt, von Felicitas unterstützt, von beiden mehr getragen als geführt, wankte sie hinaus. (Fortsetzung folgt.) Hrrnrovrstisches. Schlimmste Verwünschung. Veigeles (zum Konkurrenten): „Minister in Oesterreich sollste werden!" („Münchener Jugend.") Redaktion: @. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Sterndruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.