(Nachdruck cerboten.] Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Fortsetzung.) „August!" rief sie und erhob bittend die Hände. „Siehst Du wohl, Du brauchst mir den Namen gar nicht zu nennen. Ich finde meinen Mann allein; und wenn er nicht gutwillig zahlt, werde ich andere Saiten aufziehen." „Es nützt nichts. Thu's nicht, August, versprich mir's!" „Fällt mir nicht ein. Na, heute geh' ich noch nicht zum Liebsten und morgen auch nicht, Für heute —" Er verschluckte den Rest des Satzes und trat, das Lehrmädchen, das eben eingetreten war, beiseite schiebend, an den Ladentisch. Dort öffnete er ein Schubfach und scharrte mit der Hand darin herum. „Fünfzig Pfennig? — Das ist alles?" „Ich habe vorhin ein Stöckchen verkauft," erklärte das' Lehrmädchen. „Und heute morgen — der Kranz und das Bouquet?" forschte Schmidt barsch. „Ich habe das Geld der Gärtnerin auf Abschlag gegeben," stotterte Frau Schmidt. „Du lügst!" schrie Schmidt, die Frau heftig am Arm packend. Sie krümmte sich zusammen. „Gewiß und wahrhaftig!" beteuerte sie. „Sie liefert mir sonst keine Ware mehr. Bei Gott!" wiederholte sie. Er zog seine Uhr, eine dicke, silberne Uhr an einer starkgliedrigen goldenen Kette. „Ich werde schon noch dahinter kommen," brummte er, „das werd' ich! Warte nur! Für jetzt mag's gut sein." Er fühlte noch einmal nach den fünf Zehnpfennigstücken, die in seiner Tasche klirrten, dann entfernte er sich ohne Gruß, indem er die Ladenthür hinter sich ins Schloß warf. 1899. ur zu einem frisch entschlossen. Sei es Dulden, That, Genuß, Aus dem Zweifel, träg, verdrossen, Stets beglückend hebt dich der Entschluß! Gottfried Kinkel. Das Lehrmädchen kicherte und streckte hinter dem Fortgehenden die Zunge heraus. Die Frau sank erschöpft auf den defekten Rohrstuhl. In ihren matten Augen aber blitzte etwas wie Triumph. „Wenn er nur endlich käme!" murmelte sie zwischen den halbgeschloffenen Lippen. Die Hände im Schoße, blieb sie geraume Zeit müßig sitzen. Dann faltete sie umständlich ihren Spitzenumhang zusammen und fing an, die Taille ihres Seidenkleides aufzuknöpfen, um sie einen Augenblick später nach abermaliger Ueberlegung wieder zu schließen. Er mußte ja heute kommen, und da wollte sie für ihn geputzt bleiben. Darauf versank sie wieder in ihre unthätige Träumerei. Eine halbe Stunde mochte so dahin geschlichen sein, da ward leise die Ladenthür geöffnet, und ein junger Soldat schob sich behutsam herein. Er war kaum mittelgroß und so mager, daß die schlecht gehaltene Uniform schlotternd an seinem Körper hing. Sein Gesicht war nicht häßlich, aber krankhaft blaß mit einem unangenehm lauernden Ausdruck in den Augen. Freudig sprang die Frau von ihrem Sitze auf. „Endlich, 8eon !" rief sie. „Schon seit drei Tagen erwarte ich Dich." „Leo," verbesserte der junge Mann. „Ich konnte nicht eher kommen." „Keinen Urlaub erhalten, zuviel Dienst! Oh, Du armer Junge!" klagte sie in langgezogenen, gezierten Tönen. Er brummte etwas Unverständliches. „Hast Du nichts zu essen, Mutter? Ich bin ganz ausgehungert." Frau Schmidt erhob sich dienstfertig und lief in den Nebenraum, nicht ohne aus verschiedenen Gründen das Lehrmädchen zu sich zu rufen. Diese zündete Feuer in dem kleinen eisernen Ofen an, und Frau Schmidt holte hinter einem Schranke ein Töpfchen hervor, das sie in die Röhre setzte. Bald kochte und brodelte es und erfüllte die Luft mit kräftigem Wohlgeruch. Leo war ebenfalls herübergekommen. Er sog den Duft mit wohligem Behagen ein. „Das riecht ja pikfein!" schmunzelte er und streichelte in einem Anfluge von Dankbarkeit die welke Wange der Mutter. „Das soll mir großartig schmecken. Wenn man tagaus tagein nichts wie Wasser und Brot gekriegt hat —" „Wasser und Brot!" jammerte Frau Schmidt. „Ihr bekommt bloß Wasser und Brot?" — 422 Das Lehrmädchen kicherte verständnisvoll, Und dem jungen Soldaten kam jetzt selbst das Lachen an. „Ach, Du gutes, dummes Tier!" platzte er heraus. „Merkst Du denn nicht, daß ich Arrest gehabt habe?" „Arrest! schon wieder Arrest!" rief Frau Schmidt erschrocken. „Warum denn?" „Weil ich mich nicht kujonieren lasse. Ich bin gerad' so gut wie die anderen und kümmere mich den Teufel um die Herren Vorgesetzten. Sie haben mich auf dem Strich, der Unteroffizier und der kleine Leutnant. Weißt Du, Mutter, wer mein Leutnant ist? Hoffmann mit den roten Backen, Hoffmann, mit dem ich zusammen in Pension war, mit- dem ich zusammen Nachhilfestunden hatte. War auch kein Licht, der gute Max- mußten's ihm gehörig eintrichtern. Aber sie haben ihm Zeit gelassen, und nun stehst Du, was aus ihm geworden ist. Während ich! — Natürlich kennt er mich nicht mehr,- viel zu vornehm, der Herr Leutnant. Na, ich zahl's ihm heim, wie allen, die mir was zu leide thun. Du solltest mal sehen, wie ich die Kerle ärgere. Der Spaß ist mit den paar Tagen Arrest nicht zu teuer bezahlt. Die werden alle noch die Gelbsucht kriegen!" Er lachte schadenfroh und nahm gierig den Napf mit Essen, den ihm die Mutter reichte. „Ach Gott! ach Gott! daß Du auch nirgends gut thun kannst, daß Du mir so viel Schande machst überall, und so viel Kummer!" Der junge Mensch antwortete erst nicht, eifrig beschäftigt, die dampfende Speise zu löffeln. Als er damit fertig war und die Schüssel sorgfältig abgekratzt hatte, richtete er sich auf und sagte: „Schwatz' keinen Unsinn, Mutter. Ich habe Dir keine Schande gemacht. Ich wäre ein ganz ordentlicher Mensch geworden, wenn Du hättest mich meinen Weg sortgehenlassen. Aber mich unter das Pack zu stoßen, nachdem ich's ganz anders gewohnt war, das hättest Du nicht thun sollen. Das war schlecht von Dir! Frage nur, ob ich nicht gelernt habe, so gut wie die andern, wenn mir's gleich schwer fiel. Sie hatten mich auch soweit alle ganz gern; nur daß ich mir damals so viel auf Dich einbtldete. Deshalb haben sie mich weidlich ausgelacht. Sie waren eben klüger als ich." Die Frau stöhnte. „Es ist nicht leicht, ein braver Kerl zu werden, wenn man vaterlos ist, wie ich. Und wenn man gar nachher so eine Sorte Vater kriegt! Den möcht' ich sehen, der das aushält." „Ach Gott! ach Gott!" wimmerte die Frau, ihren eigenen Kummer zugleich mit dem ihres Sohnes überdenkend. „Mit dem Flennen ist nichts gethan — zu ändern ist auch nichts mehr," meinte er rauh, „es ist zu spät. So, und nun lebe wohl." Frau Schmidt hielt ihn zurück. „Warte noch einen Augenblick," bat sie. „Bis der Alte kommt? Danke, ich habe keine Sehnsucht." „Nein, nein!" wisperte sie geschäftig. „Ich habe noch etwas für Dich." Sie trippelte in den Laden, kroch in die Hintere Ecke desselben, wo die leeren Blumentöpfe in einander getürmt standen. Einem derselben entnahm sie ein Häufchen Geldstücke. Mit einem Lächeln, in das sich etwas wie Spott mischte, huschte sie in die Kammer zurück und schüttete das Geld in die Hand ihres Sohnes, der es mit blinkenden Augen betrachtete. „Kanaille!" tönte es plötzlich hinter ihr, und eine kräftige Faust legte sich auf ihre Schulter. „So treibst Du's? Dem Herrn Thunichtgut, dem Sohne, wird mein sauer verdientes Geld zugesteckt, mein Geld!" Damit suchte er das Geld dem jungen Menschen zu entwinden. Der aber, obwohl schmächtig und schwächlich, war geschickter als er und entschlüpfte mit seiner Beute durch die Gangthür, die Schmidt bei seinem Eintritt offen gelassen hatte. Die Frau stieß ein schrilles Lachen aus. --Dein Geld! Dein säuer verdientes Geld!" höhnte fie. „Als ob Du je auch nur einen Pfennig verdient hättest, Du Tagdieb! Alles, was hier ist, gehört mir — und ihm, meinem Sohne — alles, alles! Jeden Bissen, den Du ißt, der Schnaps, mit dem Du Dich besäufst — alles hast Du ihm gestohlen, Du versoffner Lump Du!" Sie hatte ihre feine, gezierte Sprechweise völlig vergessen und schrie ihn mit kreischender Stimme an. Er blieb ihr nichts schuldig. Eine Flut von Schimpfworten strömte auf sie nieder. Dann ging er zu Thätlichkeiten über. Er packte die schwache Frau mit den Fäusten und schüttelte sie, bis sie laut heulte. „Laß die Mutter!" rief es plötzlich befehlend. Leo hatte ihr Wehgeschrei gehört und war in einer Anwandlung von Ritterlichkeit zurückgÄehrt, ihr Hilfe zu bringen. „Laß die Mutter, Du Schuft!" Damit versetzte er dem Trunkenbolde, der ohnehin nicht fest auf den Füßen stand, einen Stoß, daß er taumelnd zu Boden sank. „Für heut' hast Du Ruhe vor ihm, Mutter. Leb' wohl. Und nun geh', es ist ein Käufer im Laden." XV. Frau Schmidt, geborene Klara Rößler, mit dem Künstlernamen Clarissa Rosö, war ehemals Tänzerin gewesen. Auffallend hübsch, graziös und geschmeidig, hatte sie, ohne in ihrer Kunst Hervorragendes zu leisten, so lange sie jung war, keine Mühe gehabt, Engagements zu finden. Und Anbeter ebenfalls. MÄst waren es nur flüchtige Liebschaften gewesen, beendet und vergessen, sobald sie den jeweiligen Aufenthaltsort wechselte. Sie war schon über die erste Jugend hinaus, als sie im Kreise leichtsinniger Gefährtinnen und nicht minder leichtsinniger Lebemänner, den Rechtsanwalt Andree kennen lernte. Er fand Gefallen an der schlanken, zierlichen Blondine und näherte sich ihr. Daß er verheiratet sei, wußte die ganze Gesellschaft- ebenso wußte man hier, was anderen Ortes nicht bekannt war, daß er es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nahm- zumal jetzt, wo seine Frau an den Folgen eines Wochenbettleidens seit fast einem halben Jahre krank darnieder lag. Die hübsche Clarissa wurde seine Geliebte. Dem Verhältnis entsproß ein Kind, Löon, wie ihrem französierten Nachnamen entsprechend, die Tänzerin den Knaben damals nannte, Leo Rößler, wie er im Geburtsregister eingetragen war. Durch dieses Kind nun, dessen Existenz aufs strengste verheimlicht werden mußte, hatte Clarissa ihren Geliebten vollständig in ihre Hand bekommen. Ec wollte ihr anfangs, um sie ein für allemal abzufinden, eine größere Summe aussetzen, aber der Plan gelangte nicht zur Ausführung - er mochte wohl die erforderlichen Mittel nicht haben beschaffen können, und Clarissa selbst zog vor, eine jährliche Rente zu erhalten - schon weil Andree dadurch mit ihr in Verbindung zu bleiben genötigt war. Nicht als ob sie darauf ausgegangen wäre, die Verhältnisse und die prekäre Lage ihres Geliebten auszubeuten. Sie war nichts weniger als berechnend- im Gegenteil: gutmütig, leichtsinnig, in den Tag hineinlebend, schwach und lenkbar. Aber sie brauchte viel- besonders als sie älter wurde und es mit den Engagements nicht mehr recht glücken wollte. An dem Knaben, einem zarten Kinde mit langen blonden Locken, hing sie mit großer Zärtlichkeit und sorgte nach Kräften für sein Wohl. Bei sich behalten konnte sie ihn nicht, doch wünschte sie ihn möglichst in ihrer Nähe zu haben - daher wechselte er anfangs, ihrem unsteten Wanderleben folgend, häufig seine Pflegeeltern. Das ging, so lange er noch nicht schulpflichtig war. Allein Clarissa hatte großes vor: er sollte studieren oder irgend etwas ganz Besonderes werden, deshalb übergab sie ihn, als er heranwuchs, einem gut empfohlenen Knabenpensionat in der Stadt, wo Andree wohnte. Dieser war damit nicht einverstanden. Indessen brachte die große Nähe keinerlei Unzuträglichkeiten mit sich, denn der Knabe kannte ihn nicht und lebte in dem Wahne, 423 sein Vater sei Künstler gewesen und schon langst gestorben. Er führte sich gut auf, und die Zeit, die er in dem Institute, streng und doch liebevoll behandelt, verlebte, war die schönste seines Lebens. Anfangs hatte er etwas Mühe, sich den anderen Knaben anzupassen. Es gab da allerhand, über das diese sich lustig machten- die sonderbaren fantastischen Sammetkostüme, die seine Mutter ihm schickte, die verwunderlichen Bilder der Künstlerin oder auch diese selbst, wenn sie einmal in ihren reichbesetzten Setdenroben mit den süß duftenden Fächern und glänzenden Armbändern zu Besuch erschien und nach Laons Meinung so viel vornehmer aussah, als die spießbürgerlichen Mamas der andern. Anderseits fanden es die Knaben sehr hübsch, daß Frau Rossa dem kleinen Leon ein so hohes Taschengeld und so viel Naschwerk schickte. Da wurde der Knabe plötzlich aus der Pension genommen. Clarissa hatte keine Anstellung mehr gefunden und in einer kleinen Stadt ein Blumengeschäft eröffnet. Andree hatte ihr die erforderlichen Mittel dazu gegeben, unter der ausdrücklichen Erklärung jedoch, daß er sich durch Zahlung einer so bedeutenden Summe endgültig mit ihr abgefunden erachte, und daß sie fortan für sich und Lson allein zu sorgen habe. Es galt also sich einzuschränken. Zunächst mußte die teure Pension erspart werden, und Clarissa nahm den Knaben zu sich. Dieser lernte nun die bewunderte Mutter näher kennen, und die Bewunderung und Verehrung nahmen schnell ab. Der Nimbus der Künstlerschaft war dahin, Schönheit und Eleganz waren verschwunden, und da blieb denn nicht viel übrig. Clarissens Herzensgüte vermochte der Knabe nicht zu würdigen. Er empfand aufs schmerzlichste die Unzulänglichkeit der Verhältnisse, in die er herabgestiegen war: schlechte Schulen, ein ungeregeltes häusliches Leben, eine schlampige Wirtschaft. Er bat und flehte, die Mutter möge ihn in das Heilmann'sche Institut zurückkehren lassen. Das war unmöglich. Er rächte sich für die Verweigerung, indem er auch das, was ihm hier zu lernen geboten war, nicht lernte. Umgang hatte er fast keinen. Er schloß sich schwer an, und sein einziger Freund, der Sohn eines untergeordneten Beamten, erklärte ihm eines Tages, seine Eltern erlaubten nicht mehr, daß er mit Läon umgehe. (Fortsetzung folgt.) VermEchtes. Köln. Wegen Fälschung von Maggi wurde in der Schöffengerichtsverhandlung vom vorletzten Montag der Händler M. zu einer Geldbuße und Tragung der Kosten verurteilt. M. hatte die bekannte Maggi-Würze mit Waffer verdünnt und sich so einer Schädigung der Konsumenten im Sinne des Gesetzes schuldig gemacht. Besonders erwähnt zu werden verdient, daß der sachverständige Chemiker, Herr Dr. Kyll, welcher die Vermischung nachwies, die seit Jahren gleichmäßige Qualität des Maggi hervorhob, indem er betonte, daß die Maggi-Fabrik zu ihrem eigenen Schutze ihre Fabrikation unter die Kontrolle der als streng bekannten Nahrungsmittelpolizei Konstanz gestellt hat. Da die Maggi- Würze nun unter die regelmäßig zu kontrollierenden Nahrungsund Genußmittel ausgenommen ist, steht zu hoffen, daß sich gewissenlose Händler dies zur Warnung dienen lassen. Frau Kunst und die Kleinen. Es ist eine allbekannte Thatsache, daß die Kinderstube nicht nur einen großen Einfluß auf das ganze Leben des Menschen ausübt, sondern daß sie sogar ausschlaggebend für die Geistesrtchtung des einzelnen ist. Die Art und Weise, wie das Kind in der Kinderstube beschäftigt wird, drückt seinem ganzen ferneren Leben den Stempel auf, denn hier wird dem empfänglichen Kindergemüt die erste Nahrung zugeführt, die künstlerischen Anlagen, die in jedem Kinde schlummern, werden gestärkt oder unterdrückt, die Phantasie wird angeregt oder getötet. Der bekannte Kunst-Aesthetiker Ferdinand Avenarius spricht sich über dieses Thema in einem in der „Illustrierten Frauen-Zeitung" (Verlag von Ftanz Lipperheide in Berlin) veröffentlichen Äufsatz sehr ausführlich aus. „Nehmen wir an", sagt der Verfasser z. B. über die modische Kinderstube, „in eine solche gerate durch irgend welche Lebensführung ein ärmlich erzogenes Kind. Die „Puppe", mit der es bisher gespielt hat, war ein Holzscheit, ihre Bekleidung war ein bunter Lappen übrig gebliebenen Kleiderstoffs, ihr Bett war (ich schöpfe aus eigener Anschauung solch eines Puppen-Haushalts, den ich als solchen zuerst nicht einmal erkannte) ein zerbrochenes Blechgeschirr. Nicht wahr, es gehörte viel dazu, das alles im Spiel zu beleben? Und doch, dem Kinde war's eben nur Kinderspiel. Die Großen aber, unter deren Aufsicht die arme Kleine jetzt tritt, haben Mitleid mit ihr, und so wird sie bald mit einer schönen, teuren Puppe bedacht, die echtes Haar, bewegliche Augen und feine, kleine Kleiderchen hat. Man fand sie niedlich, fand sie gerade süß, als man sie kaufte, und das Kind ist selbstverständlich von ihr auf das Höchste entzückt. Selbstverständlich? Ja, denn es bringt natürlich ein großes Lustgefühl, mit einem Schlage körperhaft als sein eigen vor sich zu sehen, was man sich bisher nur in der Phantasie vorgestellt hat, und das ungefähr bedeutet doch der plötzliche Besitz der schönen Puppe für ein Kind, dem sie etwps Neues ist. Schade nur, daß solch eine Freude, um deren großen Eindrucks willen immer wieder von Vätern, Müttern, Onkeln und Tanten Geschenke falsch ausgewählt werden, nicht lange vorhält! Ein Gefühl, das keine neue Nahrung erhält, ermüdet eben und vergeht, und so kann es kommen, daß das Kind rasch gleichgültig gegen die schöne neue Puppe und vergnügt wird, wenn es wieder sein altes Holzscheit findet. „Wie unklug ihr wäret", möchte unsereiner rufen, wußtet ihr denn nicht, daß das Kind mit der neuen Puppe viel schlechter spielen kann, als mit der alten? Die schöne Puppe ist ja ein fertiges Ding- es braucht ganz schrecklich wenig Einbildungskraft dazu, aus ihr' ein Menschenbild zu machen, und sie zwingt das Kind, dieses Menschenbild sozusagen nicht nach eigenem Geschmack, sondern ganz genau nach Vorschrift zu sehen. Nicht frei spielen kann seine Phantasie oamit, nicht sich tummeln nach rechts und links, sondern sie wird gleichsam am Arm auf abgestecktem Wege ganz schnurgrade auf das deutliche Ziel hingeführt. So ist die schöne Puppe dem Kind bald gar keine Puppe zum Phantasie-Spielen mehr, sondern gleichsam ein anderes, wirkliches Kind. Aber ein sehr langweiliges, das höchstens „Papa" und „Mama" sagt. Wie anders das alte Holzscheit? Da sind ein paar Flecken darin, das sind Augen, die jetzt lustig und jetzt traurig drein sehen, ganz nach Wunsch, das Stück Borke drauf ist heute Haar und morgen Hut, der Lappen heute Bauernhemd, morgen Prinzenmantel, — all das beschäftigt mühelos aber angenehm die Phantasie: das Kind wirkt mit beim Spiele, und das soll und will es". In ähnlicher Weise spricht Avenarius über die verschiedenen Beschäftigungs-Arbeiten der Kinder, das Märchenerzählen sowie das Kindertheater, und giebt sehr beherzigenswerte Fingerzeige. Der Raum gestattet uns leider! nicht, eingehender über den Aufsatz zu berichten, wir möchten nur wünschen, daß er von recht vielen Eltern und Erziehern gelesen werde, und sind überzeugt, daß die Früchte nicht ausbleiben. Denn das dürfen wir uns nicht verhehlen, die moderne Kinderstube ist Schuld daran, daß die Künstler und Poeten gegenwärtig in Deutschland so dünn gesäet sind. Sparende Kinder in Frankreich. Es ist nicht richtig, immer nur vom „leichtsinnigen Franzosen" zu sprechen- man möchte beinahe sagen: der Franzose fördert nur den Leichtsinn der andern, weil er ihm ein gut Stück Geld einbringt, er selbst aber, wenigstens der echte französische Bürger, ist das häuslichste, sparsamste Wesen, das man sich denken kann, er kennt kein größeres Vergnügen, als Franc nach Franc auf die hohe Kante zu legen. In der neueren Zeit hat man sehr interessante Versuche gemacht, den Spartrieb schon bei den Kindern zu wecken, und sich zu diesem Zwecke mit Erfolg der Schule bedient. Die französischen Schulsparkassen verfügen heute über ein Gesamtvermögen von 424 13 Millionen Francs, an dem 25 Prozent aller französischen Schulkinder beteiligt sind. Vom vollendeten dritten Jahre ab steht jedem Kinde der Beitritt zu einer solchen „Caisse d’epargne scolaire“ offen. Jedes Kind zahlt wöchentlich 10 Centimen (nach unfern (Selbe 8 Pfennig). Davon erhält die „Schulkinderhilsskasse" 5 Centimen. Diese Hilfskasse giebt bei Erkrankung des Kindes den Eltern Pflegegelder zur Beschaffung von ärztlicher Hilfe, Medizin und besserer Nahrung. Die andern 5 Centimen werden dem zahlenden Kinde auf sein persönliches Konto gut geschrieben. Wenn ein Kind nun vom dritten bis zwölften Jahre regelmäßig einzahlt, so erhält es vom 55. Jahre ab eine Jahresleibrente von 66 Francs. Es kann aber auch nach Verlaffen der Schule noch Mitglied bleiben und durch weiteres Einzahlen die Rente ganz beträchtlich erhöhen. — Die Hauptsache bei der ganzen Einrichtung ist natürlich nicht das dabei erzielte Geld, sondern das erziehliche Moment. Die Kinder werden frühzeitig zur Vorsorge herangebildet und dazu angeleitet, daß sie das Geld nicht zu flüchtigen Genüssen, sondern zur Gründung einer freien und unabhängigen Existenz verwenden sollen. Man kann nur wünschen, daß diese französische Einrichtung bei uns mehr in Aufnahme käme, als es bis jetzt geschehen ist, und vor allem staatlicher- seits gefördert würde. Neues aus Fritz Reuters „Stromtid". Nach der Festungszeit kam Fritz Reuter 1842 zur Erlernung der Landwirtschaft als „Strom' oder Volontair auf das von Franz Rust gepachtete Gut Demzin. „Seinen Eintritt in unser Haus", so erzählte mir die noch lebende Tochter Wilhelmine, „schildert der dichter in seiner Stromtid, wo die ersten, die ihn begrüßen, Lining und Mining, die beiden Druwäppel, meine Schwester Helene und ich, erst fünf Jahre alt, in rot und schwarz karrierten Kleidern ihm entgegentraten und ihren Knix machten. Die kleinen Mädchen, dat lütte Twäscheupoor, auf' dem Oelbilde find nun dieselben, Helene und Wilhelmine (Lining und Mining) Rust- und sind mir die Stunden noch sehr wohl in Erinnerung, da wir im Saale ihm gegenüber saßen und uns so still verhalten mußten, während wir doch lieber im Garten gespielt hätten. Ursprünglich war aus dem Gemälde links ein Vorhang, den er übermalte und die Szenerie ländlich ummodelte. Dann zankten wir mit ihm: die häßlichen weißen Kragen sollte er auswischen, und die Aermel in Helenens Kleide wären ja verkehrt. O, wie lachte er da und sagte: „Das muß so sein, die Kragen sind das Aehnlichste am ganzen Bilde, ohne die weiß ja kein Mensch, was es sein soll!" Damit wir recht still säßen, versprach er zur Belohnung mit uns nach Stavenhagen zu fahren und uns eine Menagerie zu zeigen. Das brachte er denn auch mehrmals zur Ausführung. Einst schenkte er uns von dort einen Raben, der sprechen konnte: „Wat seggst du nu, du Schapskopp?" Das Tier war oft im Streite mit einem großen, schwarzen Kuhnhahn und neckte und zerrte ihn, doch vermochte er ihm nichts anzuhaben- so ging es lange fort, der Kuhnhahn behielt immer die Oberhand. Da spazierten wir einmal mit Reuter auf dem Hofe umher und sahen, daß der Rabe sich auf den Rücken des Rivalen geschwungen hatte und, eifrig dessen roten Kamm verarbeitend, schrie: „Wat seggst du nu, wat seggst du nu, du Schapskopp?!" Es war zu drollig. Reuter lachte, wie er es nur eben verstand, und rief alle Hausgenossen zusammen, sich an dem Schauspiel zu ergötzen. Noch heute meine ich sein herzliches Lachen zu hören". . (»Aus Fritz Reuters jungen und alten Tagen" von Karl Theodor Gaedertz. Band 2, darin u, a. das Bild „Lining und Mining" von Fritz Reuter.) Einen Anapästenhymnns auf das Zweirad, „das ermüdet nie ist und nicht säuft und nicht frißt und nicht ein- und nicht durch- und nicht krummgeht, das den Reiter nicht schlägt und es lammfromm erträgt, wenn er noch so brutal mit ihm umgeht", — stimmt der sangesfrohe „Biedermeier mit ei" in der Sportsnummer der „Jugend" an. Offenbar ein Nebenbuhler von ihm, der phlegmatische Biedermaier mit „ai" denkt weniger begeistert über den Radsport und die armen Radler: „Außer Atem und rot und mit heiserem „All Heil" und Gebimmel fahren sie schnaufend dahin, förmlich gesotten in Schweiß." Er hätte sich sicher gefreut, wenn er Zeuge des folgenden Gesprächs geworden wäre: Fragt da halb mitleidig, halb höhnisch ein Herr einen daherfahrenden Radler, dessen schmerzverzogenes Gesicht auf einen Sturz aus heiteren Höhen schließen läßt: „Sie scheinen sich an der Wirbelsäule verletzt zu haben?" worauf ihm die prompte Antwort wird: „Nee, an der Siegessäule!" So was kann allerdings nur im Hochsommer Vorkommen. Der Hundstags-Haifisch. Alljährlich, sobald sich high life-ifd) Die Menschheit in Bädern vergnügt, Da zeigt sich in Fiume ein Haifisch, Fünf Meter lang — das genügt. Er zeigt sich auch wohl in Triest, je Nachdem es sich fügt mit dem Jahr, Und Fischer die fangen die Bestie Mit Mühe und Todesgefahr. Es hat einen ganzen Matrosen Im Magen — mitunter auch zwei — Mit Stiebeln und Jacke und Hosen Im Magen der schreckliche Hai. Dazu auch noch Scherben und Bretter Und Steine, gar groß und recht schwer, Und sorglich ermahnen die Blätter Zur Vorsicht beim Baden im Meer. Gesehen hat ihn noch Keiner Den Haifisch am Adriastrand, Dieweil ihn der Pennhaliner Aus Hunger und Stoffnot erfand. („Münch. Jugend.") Literarisches. Die Zeit der sauren Gurke ist die schwerste für ein Modeblatt. Altes will und darf man nicht bringen, und die neue Mode ist noch nicht recht ausgesprochen. Es ist ein glücklicher Gedanke der „Wiener Msde", diese Pause durch ein Heft auszufüllen, das vor allem der Wäsche gewidmet ist und zeigt, welch' reiche Abwechslung auch auf diesem Gebiete der Kleidung bethätigt werden kann: es ist dies das eben erschienene Heft 21. Die „Wiener Kindermode" bringt gleichfalls vorwiegend Kinderwäsche, was vielen Hausfrauen willkommen sein wird. Preis des Heftes 45 Pfennig, Abonnement 2 Mark 50 Pfg. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und vom Verlage der „Wiener Mode", Wien, Wienstraße. Nr. 30 der „Jugend", Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben (G. Hirth's Verlag in München, Preis 3 Mark — pro Quartal, 1 Mk. — pro Monat excl. Porto) ist soeben als „Radler- Nummer" erschienen und enthält unter anderem: Titelblatt von Paul Rieth. — „Hoch das Zweirad!" von Biedermeier mit ei. — „Flieh, auf, hinaus in's weite Land!" von Otto Ernst. — „Unnützer Streit" von I. R Witzel. — „Die Spazierfahrt" von Rud. Wilke mit Versen vvn Biedermaier mit ai. — „Klassische Zeugnisse zum Radfahr-Sport". — „Der Anfang" von Kory Towska. „An der Siegessäule" von Max Hagen. — „Bei Banquier Löwy von W. Caspari. — Sport- Scherze. — Humor des Auslandes. — Aktuelles: „Der preußische Tourenfahrer". — „Sonnwendfeuer". — „Das Denkmal Rudolf's von Habsburg". — „Der Hundstags-Haifisch". — „Vom Wetterwinkel auf dem Balkan". — „Gegenbesuch auf der „Hohenzollern". — „Bismarck und Harden". — „Der rauchbraune Rigo". — „Zu den bayrischen Landtagswahlen". — „Lueger und die Opposition in Wien". — Lustige Nachrichten. fkMtion: «. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniverfitStS-Bnch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«,