(Nachdruck verboten.) Die Heine Sulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Vierundzwanzigtes Kapitel. Ich ertrinke beinahe. Es hatte schon einige Zeit acht Glasen geschlagen, als der alte Windwärts kam, mich abzulösen. Jedenfalls hatte der Kapitän mit ihm von dem Tode des Jungen gesprochen. Er kam sehr großthuerisch auf mich zu und rief, indem er auf seine Brusttasche schlug: „Hier unter diesem Rock habe ich die Gehirne von sechs Lumpenhunden." „Und das Gehirn des größten Lumpenhundes von allen hast du in deinem eigenen Schädel," dachte ich. „Ich that, als verstände ich ihn nicht, und fragte, was er damit meine. Als Antwort zeigte er mir den Kolben eines Revolvers. „In des Kapitäns Kajüte ist noch einer, der Ihnen zur Verfügung steht, wenn Sie einen haben wollen," sagte er. »Falls Sie mich angreifen, werden Sie auch nicht geschont werden." „Das werde ich darauf ankommen lassen," entaeanete ich kühl und ging nach unten. Ich muß gestehen, angstvollen Herzens legte ich mich auf meine Pritsche. Da ich den Geist kannte, der die Leute beseelte, so erwartete ich jeden Augenblick ein Getümmel zu hören und plötzlich die Brigg in den Händen der Mannschaft zu finden. Dazu kam, daß mich der Tod des armen Jungen sehr ergriffen und die Art, wie seine Leiche in die Tiefe spediert worden war, mein Gefühl verletzt hatte. Wenn ich an die Zartheit des Knaben dachte und an seine Unschuld an jener That, die eine große Strafe verdient hätte, so drängte sich mir die Bestialität, deren sich der Maat schuldig gemacht hatte, immer von neuem mit Empörung auf. Ich 1899. klagen. Schopenhauer. H^eichtum gleicht dem Seewasser; je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man; dasselbe gilt vom Ruhm. S chopenhauer. Ein edler Charakter wird nicht leicht über sein eignes Schicksal malte mir aus, wie die Leute in dem dunklen Vorderkastell über die Sache sprechen, in welchen Flüchen sie ihrer Erbitterung Luft machen und in wie düsteren Drohungen sie sich ergehen würden, den Burschen zu rächen. Das, was man unter tieferem Gefühl versteht, scheint im allgemeinen unter den Seeleuten nicht zu Hause zu sein, bricht ein solches aber einmal hervor, dann äußert es sich in einer gewissen rauhen Art, die oft auch etwas sehr Rührendes an sich hat. Wenn z. B. ein beliebter Schiffsmaat über Bord gefallen war und sein Leben verloren hatte, so habe ich eS erlebt, daß die Leute einen ganzen Tag über so niedergeschlagen waren, daß sie ihren üblichen Gesang beim Aufwinden des Ankers und Aufholen der Segel unterließen, wie von einer heiligen Scheu umfangen, nur in leisen Tönen sprachen, und nur flüsternd sich abergläubische Geschichten im Vorderkastell erzählten. Sie legten dieses ernste Wesen allerdings bald wieder ab, aus einer Art Furcht, weich zu erscheinen, und stürzten sich in das entgegengesetzte Extrem roher Neckereien, wilder Flüche und lauten Gelächters, aber all dies ist erzwungener, als man denken würde. Wenn ein Knabe zum erstenmal aus dem elterlichen Hause in eine Pension oder eine Schule kommt, so verbeißt er seine Thränen, und spricht, um sich nicht von seinen Kameraden ein Mädchen schelten zu lassen, mit männlicher Verachtung von der Mutter, der Schwester und der guten, alten Wärterin, nach deren Zärtlichkeit seine Sehnsucht doch so groß ist, daß er sich heimlich in Schlaf weint, wenn die Einsamkeit der Nacht ihn umhüllt. Achnlich ist es bet den Seeleuten- sie sind gewissermassen wie Schuljungen, und um sie zu verstehen, müssen wir uns die Zeit zurückrufen, wo wir als Knaben bei unseren Kameraden nach dem Ruf der Männlichkeit strebten, indem wir vorgaben, Dinge zu verachten, welche heute unsere schönsten Erinnerung ausmachen. Als der nächste Tag kam, und die Leute ihre Arbeit verrichteten, ohne den Schiffer weiter wegen seiner Absichten gegen den Maat zur Rede zu stellen, hoffte ich, die Sache würde ohne weitere Folgen vorüberziehen. Es schien mir, daß sich hier wieder der natürliche Charakter des Seemanns bestätigte, d. h. daß er in seinen Empfindungen wie ein Kind des Augenblicks ist. Ich beobachtete die Leute sehr genau, entdeckte aber keine Zeichen, denen ich hätte Bedeutung beimessen können. Wenn ich in das Vorderkastell hätte gehen dürfen, um mich dort mit ihnen zu unterhalten, so wäre es mir wahrscheinlich gelungen, ihr Trachten zu ergründen. Das war für mich aber jetzt verbotener Grund und Boden - verboten, meine ich, in dem Sinnne des auf Kauffahrteischiffen 294 — herrschenden, eigentümlichen Verhältnisses zwischen Vorgesetzten und Mannschaft in Bezug auf einen Besuch in der Vorderluke. Da heißt es: wag' dich einmal in unser Reich, du erster oder zweiter Maat, wundere dich aber nicht, wenn wir dich alsdann aus reinem Vergnügen über deine Herablassung zärtlich umarmen, vor Liebe fast erdrücken, dich ausziehen und nackt durch die Luke hissen, oder dich mit einem Nagel durch das Gesäß deiner Hosen an eine Kiste spließen. Du wirst mich verstehen, daß das so unsere Art ist, ein Privilegium, so alt wie die erste englische Schiffsmannschaft, die jemals auf See ging. Obgleich die Leute mich gern mochten, hatte ich doch nicht Lust, mich solchen zarten Scherzen auszusetzen. Es ist ein ander Ding, fie von oben her durch die Luke anzurufen, und ein anderes, in ihre Höhle selbst einzudringen. Wenn ich jedoch auch auf Frieden hoffte, so kann ich doch nicht behaupten, daß ich ihn mit irgend welcher Sicherheit erwartete. Mir war die scheinbare Gleichgültigkeit bet. Leute unheimlich. Bekanntlich sind auf See die harmlosesten Burschen die lautesten Brummbären. Nun aber vollzog heute die ganze Mannschaft alle Befehle, ohne zu murren, sie verrichtete still ihre Arbeit, und keiner stellte irgend welche Frage. Das war mir verdächtig. Ich dachte, Banhard möchte vielleicht imstande sein, mir zu sagen, worüber sie im Vorderkastell sprächen- ich suchte ihn also in dieser Richtung etwas auszuholen. ,^Jk glöw, sei warden nich grade up de Knei leigen un Segnungen up Oll Windwärts un de Schipper herunner- stehn," erwiderte er. „Mir scheint, sie nehmen Jung-Joehs Tod kühler auf, als man vermuten sollte nach dem Murren, welches sie gestern abend dem Kapitän zu hören gaben." „Ja ja, bat is schon möglich, un ’t wier bat kläukste, wat sei danhn künnt." „Thun sie es aber auch wirklich?" „Ja, bat is richtig, thun sei es ok würklich?" Ob seine Hartnäckigkeit schulb trug, ober was sonst, ich verstaub es nicht recht- es war eben immer schwierig, aus Penbel etwas heraus zu bekommen. Ich hielt ihn in« besten für einen ehrlichen Mann unb ben einzigen zuverlässigen in bei Brigg. „Banyarb, ich bettle an bas Mäbche» in bet Kajüte. Ich möchte nicht, baß ihi Unheil wibeifühie- um thietwillen hoffe ich, baß es zu tetner Meuteiei kommen toitb." „Mübeiie is ümmei en stimm Ding, 'S löpt gegen alle gaube Ordnung, un nicks Gaubes kömmt botbi tute." „Mit will bie ungewöhnliche Ruhe bet Leute nicht gefallen. Ich wollte lieber, sie kämen nach hinten, machten Lärm unb würben so Gift unb Galle los." „Frilich, frilich, beim säch ’t all Beter ut." „Ist der Koch oft int Vorderkastell?" „Nu ja, bat is hei- hei is tämlich oft ba." „Horchen Sie ihn mal aus, wollen Sie?" „Hütn' Sei miett Rat- mischen Sei fik in nicks, wat Sei nicks angeiht. Jk warbe kein Minschen nich nthorken- un mien Rat sör Sei is- kümmern Sei sik üm sik sülwst. Wenn ’t tau en Müberie kommt, so laten Sei be be Folgen bragett, be be Veranlassung gelten hebben. Mi geiht bat nicks an, un laten Sei sik ’t ok nicks angeihn. Dat is mien Meinung." Nachbem er so gesprochen unb seine Worte mit einem vielsagenben, Unheil verkünbenben Kopfnicken begleitet hatte, ging et langsam weg. Das wat alles, was ich aus Banyarb hetausktiegm konnte. Dumm, wie ich glaubte, baß er sei, hatte er mir doch Rat genug gegeben, um mich besorgt für mich selbst zu machen. Miß Fränkin blieb den ganzen Tag in ihrer Kajüte. Der Grund für dieses Fernbleiben von Tische mag wohl der gewesen sein, daß sie sich mit ihrem Bruder gezankt hatte, ober noch zu erregt war von ber traurigen Sterbescene. Der Kapitän war still, aber bie finstere Ruhe ber Leute schien ihm keine Sorgen zu machen. Dies gab mir eine sehr geringe Meinung von seiner Einsicht. Im Gegensatz zu ihm gefiel sich ber Maat in Prahlereien. Ich hörte ihn, als ich auf Deck war unb er mit bem Kapitän beim Mittagessen saß, sich laut seiner Gewalt über Schiffsmannschaften rühmen. „Zuerst benken sie mich einzuschüchtern," schrie er in seiner Weise so laut, baß nicht nur ich, sonberu auch ber schöne Blunt, welcher am Steuer staub, jebes Wort verstehen konnte, „aber nur erst einmal meine Faust gekostet, unb sie verspüren keine Lust nach einer zweiten Dosis dieser Mebizin. Gott schütze Sie, Kapitän, aber Furcht biirfen wir nicht zeigen. Ich habe den Jungen nicht töten wollen, ba es aber einmal passiert ist, so lassen fie es für einen guten Schlag gelten. Ich sage Ihnen, berselbe vertritt hier ben Dienst einer vortrefflichen Vogelscheuche, er wirb ihnen eine Warnung fein unb sie lehren, baß mein Motto heißt: Gehorsam ober Tob, thut, was ich euch sage, ober ich schlage euch ben Schädel ein. Das ist die Sprache, die sie verstehe», und ich denke, sie kennen mich jetzt. Sie sehen ja, heut' find fie so munter wie Flöhe und ruhig wie Alligatoren, die auf einem Sumpf schlafen." Die Antwort des Schiffers auf diese'Rede verstand ich nicht, aber sicherlich lag kein Vorwurf oder Verweis im Ton feiner Stimme. „Das Blut des Knabe» wird über euch kommen," dachte ich, ^als ich wegging, nachdem ich einen verstohlenen Blick auf den Schönen geworfen hatte, deffen häßliches Gesicht drohend und finster wie eine Gewitterwolke übet den Kompaß geneigt wat. Einige Tage nach dem Tode des Schiffsjungen hatte ich einen Unfall - ein Ereignis, welches oft auf See berichtet wird, aber aus einem einleuchtenden Grund seht selten von demjenigen, der es erlebt hat. - Der Kapitän ging auf der Windseite auf und ab, der Matrose Sawings stand am Rade und Miß Franklin blätterte in einem Buche, auf der Leeseite der Karnpanje sitzend. Die Wache wat im Takelwerk und auf Deck beschäftigt. Die Brigg machte gute Fahrt unter dem günstigen Winde, der sie streifte. Das große Segel wat voll gerundet und bildete eine mächtige, weiße, anmutige Wölbung zwischen ben Getanen unb Raanocken - nur bie Reuls raffelten oben, als wenn bie Brigg beftänbig im Begriff wäre, zu wenden, es sich aber immer wieder anders Überlegte. Ehe ich die Leute an die Brassen rief, sprang ich auf die Schanzkleidung, unb mich an einer Patbune haltenb, ließ ich meine Augen übet ben sich neigenben Segelturm schweifen. Zu einem Unglücksfall auf See gehört nur ein Augenblick. Ein Mann im Takelwetk schwingt sich an einem Tau, basselbe ist nicht fest unb mit ihm in ben Hänben fällt er zerschmettert aufs Deck. Ober es steht einer auf einer Paarbe ein plötzlicher Ruck läßt dieselbe unter seinen Füßen ab gleiten, er saust durch die Luft und ist dahin für immer. Was mir geschah, traf mich auch so plötzlich, daß ich keine Ahnung habe, in welcher Weise es sich ereignete. In der einen Minute befand ich mich in völligem Gleichgewicht auf der Schanzkleidung, in ber nächsten war ich unter Wasser mit einem Lärm, Wie Donner in meinen Ohren. Es war fonberbar, baß, solange ich unter Wasser war, mich bie feste Ueberzeugung beseelte, baß ich träumte. Ich hatte keine Furcht - benn ich glaubte nicht an bie Wirklichkeit meiner Sage. Ob es baher kam, baß ich von bem Schlag auf bas Wasser etwas betäubt ober ob mein Geist unfähig war, bie plötzliche Veränderung bes Zustanbes sofort zu fassen, genug, bas ist sicher, baß mein Gefühl so war, Wie ich es beschrieben habe. Ich stieg Wieber an bie Oberfläche auf unb mit bem ersten Atemzug frischer Luft erfaßte mich baS ganze Entsetzen meiner Lage. Die Wogen, welche vom Deck der Brigg aus gar nicht bedeutend auSgesehen hatten, erschienen mir jetzt wie ebensoviele um mich herum tanzende Berge. Auf den Gipfel des einen derselben erhoben, konnte 295 — ich sehen, daß die Brigg Anstalten zum Beidrehen traf und Leute in der Nähe des Quarterboots auf der Leeseite beschäftigt waren. Darauf fuhr ich wieder Herunter in die mir unermeßlich scheinende Kluft zwischen den Wellen-Bergen, das grüne Wasser, wie die Mauern eines Hauses auf jeder Seite neben mir. Was mein Herz stocken machte und meine Arme lähmte, war die Entfernung, in welcher die Brigg sich befand. Eben war ich noch an Bord gewesen und jetzt war sie so weit weg, daß die Menschen an dem Seiten-Boot nicht größer aussahen als meine Daumen. Würde ich mich flott halten können, bis das Boot den Zwischenraum durchmessen hatte, welcher mich von der Brigg trennte? Ich war ein guter Schwimmer; aber das Bewußtsein der ungeheuren Tiefe unter mir, das Tosen des schäumenden Wassers über meinem Kopf und um mich her, meine eigne Winzigkeit in dieser bewegten grausigen Welt von Gischt und Schaum, all dies war so entmutigend, daß meine Willenskraft versagte, meine Kraft ermattete und nur der Instinkt, mein Leben zu erhalten, mich trieb, mit den Armen zu rudern und den Kopf über Wasser zu heben. Auf den Kamm einer hohen Welle geschleudert, erblickte ich plötzlich, nicht fünfzig Meter von mir entfernt, einen gelben Gegenstand, eine Rettungsboje, welche jemand wenige Sekunden, nachdem ich über Bord gefallen war, mir nachgeworfen haben mußte. Als ich von der brausenden Höhe wieder in den entsetzlichen Schlund gerissen wurde, begann mein Geist, durch den Anblick der Boje neu belebt, sich wieder zu regen/ ich überlegte, wie ich es anfangen müßte, sie zu erreichen. Sie befand sich windwärts von mir, jede See, welche sie in die Höhe hob, mußte sie mir näher bringen. Darum schwamm ich nicht mehr der Brigg entgegen, sondern wandte mich dem Gürtel zu und strich mit aller Macht aus. Ich hatte hierbei weniger die Absicht, auf ihn zuzuschwimmen, als mich von dem gewaltigen Andrang des Wasiers nicht immer weiter abtreiben zu lassen. Manchmal brach sich der Kamm einer Woge über mir, mich mit einem Wirbel von Schaum überschüttend, in welchem ich sprudelte und planschte und halb erstickte. Keuchend, Haar und Waffer aus meinen Augen, schüttelnd, rüstete ich mich aber immer wieder aufs neue zu dem Kampf, meinen Platz zu behaupten, und endlich, nach etwa fünf Minuten tätlicher Anstrengung, gelang es mir, die Boje zu fassen, als sie auf der Spitze einer Woge herabstürzte. In einer Sekunde hatte ich sie mir über Kopf und Arme gezogen und fühlte mich nunmehr brusthoch sicher über dem Wasser getragen. Inzwischen war das niedergelasiene Boot kräftig auf mich zugerudert. Ich sah ihm mit schrecklicher Angst entgegen, wie es sich abwechselnd hoch erhob und immer gleich wieder meinen Blicken entschwand. Das heiß ersehnte Boot kam von der Windseite und erforderte die sorgsamste Führung,- aber obgleich ich halb tot war, hatte ich noch Bewußtsein genug, Entzücken zu empfirtden über die Geschicklichkeit, mit welcher Klein-Welchy, der am Steuer stand, es regierte. Er richtete die Spitze desselben der See entgegen und ließ es mit dem Stern auf mich zutreiben, manchmal es unterstützend durch ein Eintauchen des Ruders. Nach einigen Augenblicken war es neben mir. Dieselbe Woge schleuderte uns zusammen in ein Wellen-Thal hinab. Als wir wieder gehoben wurden, packten mich vier Paar Hände und zogen mich triefend in das Boot hinein, in welchem ich mich sofort erbrach und dann so schwach dalag, wie eine halb ersäufte junge Katze. Ein häßliches und schwieriges Geschäft war es jetzt, die Brigg wieder zu erreichen,- denn das Boot mußte nunmehr den furchtbaren Rollern gerade entgegen rudern. Die vier Leute strengten sich aufs äußerste an und brauchten doch eine halbe Stunde, um das Boot längsseits zu bringen. Hierbei hing es wieder an einem Haar, daß rS um uns alle geschehen war,- denn als das Boot etwa bis zur Hälfte gehißt war, traf es eine Woge und riß ein paar Bohlen aus dem Boden. Zu schwach, um zu gehen, wurde ich von einigen Leuten in meine Kajüte getragen, die Kleider wurden mir ausgezogen und mein Körper trocken gerieben, auch gab man mir ein Glas heißen Branntwein zu trinken. Warm und geborgen in meiner Pritsche, dankte ich Gott für meine Errettung und schlief ein. Als ich zwei Stunden darauf erwachte, war ich kräftig genug, um aufzustehen und auf Deck zu gehen. (Fortsetzung folgt.) Jahresbericht des Gießener Tierschutz-Vereins. Erstattet von H. Curschmann, Lehrer i. P-, Vorsitzender des Vereins. Hochgeehrte Versammlung! Abermals ist ein Jahr vergangen und abermals soll ich zum elften Male an die ehrenvolle Aufgabe herantreten, Ihnen mit kurzen Worten zu berichten, was unser Verein tut verflossenen Jahre erstrebt, was er gethan, und was er erreicht hat. Ohne mich überheben zu wollen, darf ich meinen kurzen Bericht mit der Versicherung beginnen, daß der Ausschuß auch im vergangenen Jahre, nach Kräften bemüht war, die stumme und wehrlose Kreatur vor Mißhandlung zu bewahren, und das Barmherzigkeitsgefühl für dieselbe 'in weiteren Kreisen zu wecken und zu pflegen. Der Ausschuß hat in diesem Jahre sechs Sitzungen, die gut besucht waren, im „Hotel Schütz" abgehalten und in diesen Sitzungen wurden hervorragende Fragen, die den Tierschutz betrafen, ausführlich behandelt und Abhülse herbei- zusühren gesucht. Wollte ich über sämmtliche da gepflogene Berathungen referieren, fo würde dies zu weit führen, und Sie erlauben mir nur einige Punkte, die von allgemeinem Interesse sind, herauszugreifen. Der Verein zählte beim Beginn des Jahres 426 Mitglieder, da aber im Laufe des Jahres 16 Mitglieder durch Wegzug oder durch Tod ausgeschieden sind, so hat sich unsere Mitglied erzähl, die auch der Einwohnerzahl unserer Stadt (23000) durchaus nicht mehr entspricht, wesentlich vermindert, und der Vorsitzende fühlte sich daher veranlaßt, weil der Verein gerne noch mehr thun möchte, für unsere gute, heilige Sache, mit der Bitte um Beitritt zu unserem Vereine an unsere Mitbürger heranzutreten. Der Erfolg war aber leider ein geringer, denn unsere Mitgliederzahl hat sich nur um vier vermehrt, worüber ich mein Bedauern aussprechen muß, denn mitwirken an unserem edlen und großen Werke kann jeder, wes Standes und Geschlechts er fei, denn der jährliche Mindestbeitrag beträgt nur 1 Mark, gewiß eine geringe Summe, die jeder übrig haben muß, der sich von dem Leiden der Tiere in seinem guten Herzen gerührt fühlt. In der Sitzung vom 2. August referierte Herr Lehrer Lehr über zwei Schriftchen von Häflein: „Wie können wir unsere nützlichen Vögel schützen" und „An die Frauen". Da der Herr Referent ausführlich über beide Schriftchen Bericht erstattete, so beschloß der Ausschuß, da beide Merkchen bei größerer Verbreitung Segen stiften werden, 500 Stück zur Verteilung an die Mitglieder anzuschaffen. In derselben Sitzung wurden 5 Mark zur Oelfarbenstreichung des bewährten Futterhäuschens in der Südanlage bewilligt, in dem Tausende von Standvögel im Winter ihren Hunger stillten. In der Sitzung vom 4. Oktober v. Js. erstattete Herr Lehrer Lehr in eingehender Weise Bericht über die neuen Tierschutzkalender, und es wurde beschlossen, 1000 Stück Berliner Kalender und 2000 Stück vom Verbände der Tierschutzvereine des deutschen Reiches (Würzburger)^an- zuschaffen. Diesen Beschluß haben alle Freunde der Tierwelt gewiß Ursache mit Freuden zu begrüßen, denn dadurch 296 — wird die Jugend für unsere heilige Sache gewonnen, und in ihre Herzen Barmherzigkeit und Mitleid für die gequälte Tierwelt eingepflanzt. Die Lessing'schen Worte: „Wer die Welt bessern will, muß bei der Jugend anfangen", sind dabei in Berücksichtigung gezogen worden. Die Kalender wurden in gewohnter Weise verteilt: die Mitglieder unseres Vereins erhielten je ein Exemplar, deni Gymnasium wurden 100 Stück, dem Realgymnasium 350, der höheren Mädchenschule 500 Stück zugewiesen, und den Rest erhielten zu gleichen Teilen die Herren Oberlehrer Fuhr und Hahn zur Verteilung an ihre Schulkinder. Nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen sind stets hocherfreut über dieses kleine Geschenk, und der Ausschuß kann sich getrost der angenehmen Hoffnung hingeben, daß die hierfür verwandten Mittel sehr gut angewandt sind, und der durch dieses Büchlein ausgestreute Samen sicherlich gute Früchte tragen wird. Dies wird aber nm so mehr der Fall sein, wenn die Herren Lehrer sich ernstlich bemühen, die Kinder mit dem schönen und lehrreichen Inhalte der Kalender vertraut zu machen. Da alle Tierschutzvereine zur Erreichung ihrer Ziele vor allen Dingen der Unterstützung der Behörden und insbesondere der öffentlichen Aufsichtsorgane bedürfen, so hielt es der Ausschuß in der Sitzung vom 29. November für geboten, auch in diesem Jahre wieder Präniien an Gens- darmen und Schutzmänner, die sich um den Tierschutz verdient gemacht haben, in etwas verändeter Weise wie früher, verteilen. zu lassen. Der Ausschuß hielt es nämlich für beffer, die Verteilung der Prämien nicht selbst ausführen zu lassen, sondern dieselbe in die Hände der Vorstände der Gendarmen und Schutzmänner zu legen. Die Herren Oberstleutnant Cullmann und Polizeiamtmann Muhl waren damit einverstanden und haben die ihnen überschickten Summen zur Prämiierung ihrer Untergebenen verwendet. Unter die Herren Gendarmen, die elf Anzeigen, die bestraft wurden, gemacht haben, wurden 39 Mark, und unter die Herren Schutzmänner, die 39 bestrafte Anzeigen erhoben, wurden 81 Mark verteilt, und daraus geht doch wohl klar und deutlich hervor, daß das Aufsichtsperfonal auch im vergangenen Jahre, was Tierschutz anbelangt, seine volle Schuldigkeit gethan hat, was wir hiermit gerne öffentlich anerkennen. In Bezug auf Vogelschutz haben wir auch im vergangenen, gelinden Winter in der früheren erprobten Weise weitergearbeitet. Die Fütterung der Vögel begann am 6. Dezember und endigte mit Unterbrechung nach Weihnachten, und sie dauerte demnach nur wenige Tage. An den schlimmem Tagen wurden jedoch unsere 19 au verschiedenen Stellen angebrachten Futterbretter und unsere zwei Futterhäuschen durch unseren Vereinsdiener, Herrn Schneider, reichlich mit Futter versorgt, und es stellten sich wieder viele hungrige Vögel auf denselben ein. Die Kosten dafür belaufen sich auf 20 Mark. Mit großer Freude kann ich nun hier wieder aussprechen, daß auch in diesem gelinden Winter recht viele hiesige Einwohner in ihren Höfen Futterplätze angebracht haben, auf die täglich von ihren braven, mitleidigen Kindern oder von Erwachsenen gutes Futter für die darbeuden Vögel gestreut wurden. Durch unsere Veranlassung wurden auch wieder viele Nistkästchen, die alle,, genau nach unserer Angabe gefertigt sind, für die Höhlenbrüter, namentlich für Staare, Meisen und Rotschwänzchen an verschiedenen Stellen aufgehängt. Wurden doch schon allein von dem Herrn Schreinermeister Kutz er von hiesigen Bewohnern 110 verschiedene Nistkästchen bezogen. Zehn Stück davon sind auf Kosten des Tierschutzvereins angefertigt,' und auf Veranlassung unseres Vereins sind bis jetzt in Gießen.1400 bis 1500 Stück Kästchen aufgehängt wordey, gewiß eine recht stattliche Anzahl. Für die Anbringung Yon. Nistkästchen wird demnach in unserer Stadt sehr viel gethan, und ich glaube getrost behaupte!: zu dürfen, daß Gießen, was Aufhängen von Nistkästchen betrifft, selbst hinter den größten Städten Deutschlands nicht zurücksteht, und bei einem Vergleich mit denselben wohl keine Ursache hätte, Beschämung zu fühlen. Nach Beschluß des Ausschusses in der Sitzung vom 18. April übergab Herr Oberlehrer Fuhr, Rechner des Vereins, die Rechnung den Herren Rentner Groß und Kaufmann Wolf zu einer genauen Prüfung, und da beide Herren die Rechnung in jeder Beziehung für richtig befunden haben, so erteilt die Generalversammlung vom 16. Mai dem Herrn Oberlehrer Fuhr Entlastung. Zwölf Jahre liegt das Rechneramt in den Händen des Herrn Oberlehrer Fuhr, und ich fühle mich gedrungen, demselben im Nanicn des Ausschusses für die mühsame und pünktliche Führung der Rechnung hier den innigsten Dank auszusprechen. Von den zwei Vorträgen über den „Kieferkreuzschnabel" und über die „Grasmücken", die ich in diesem Vereinsjahre in den Sitzungen gehalten habe, etwas zu bemerken, verbietet mir die Bescheidenheit. Beide haben Abdruck in dem geschätzten Blatte (Gießener Anzeiger) gefunden, und es sind mir, was ich wohl ohne Ueberhebung sagen darf, von vielen Seiten Anerkennung zu Teil geworden. Zum Schluffe meines Berichtes erlauben Sie mir, daß ich inich noch der angenehmen Pflicht entledige, allen denen meinen herzlichsten Dank auszusprechen, die unser Werk durch Wort und That, sowie durch finanzielle Beihilfe unterstützten und förderten. Insbesondere gilt mein Dank der hiesigen, verehrlichen Sparkasse, die uns auch in diesem Jahre wieder eine überaus reichliche Unterstützung (100 Mark) zu Teil werden ließ. Auch danke ich den Brudervereinen, die uns ihre Zeitschriften zuschickten. Möge nun unser Verein auch im kommenden Jahre nicht müde werden, für eine humane und barmherzige Behandlung der Tierwelt, wo sich irgend welche Gelegenheit dazu bietet, nach allen Kräften einzutretcn. Gießen, im Mai 1899. Gsineinnirtziges. Gegen Stuhlbeschwerden nehme man sowohl morgens als abends in kurzen Zwischenräumen (‘/a stündlich) je einen Eßlöffel etwas erwärmten Honig ein. — Wer täglich zum Frühstück Honig genießt, wird damit seine Verdauung wesentlich unterstützen. Das Putzen silberner Leuchter« Um silberne Leuchter zu putzen, darf man kein Messer zum Abschaben des Stearins oder Wachses anwenden, noch sie an das Feuer halten, um die Reste von solchem herauszuschmelzen. Man gießt kochendes Wasser darüber und reibt sie mit einem alten Tuche sogleich nachher gut ab, dann putzt man sie mit einem der bekannten Putzmittel. Wie wäscht mau seidene Stosse? Geschälte, in feine Scheiben geschnittene, rohe Kartoffeln werden mit kochendem Wasser übergossen; auf vier Stück kommt etwa ein Liter. Ist der Ueberguß erkaltet, so wird derselbe filtriert und mit gleicher Menge Weingeist versetzt. Das Seidenzeug wird alsdann auf einer weichen Unterlage mit der Brühe mittels eines Schwammes strichweise abgerieben, worauf man es halb trocken auf der Rückseite bügelt. Um Schnecken aus Kellern zu vertreibe«, werde der Boden des Kellers und da, wo Schnecken sich zeigen- durchweg mit ordinärem Salze bestreut; Viehsalz erfüllt hin, reichend den Zweck. Zugleich besprenge man die Wände einigemal mit starkem Salzwasser, und es wird jede Spur dieser ekelhaften Tiere verschwinden. Redaktion: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.