Sonntag den 26 November- Tni] «M SM ZUM Totenfest 1899. „Ach, wie so bald verhallt der Reigen . . ." Wie Geifterklage hör' ich's wehn, Wenn aus entlaubten Ltndenzweigen Der Vöglein leere Nester sehn! So köstlich war's, als aus dem Flieder Die Finken Ruf um Ruf getauscht — Grasmückensang und Lerchenlieder, Ach, alles, alles ist verrauscht! Längst starb in herbstlich rauhen Wettern Des Sommers letztes Blumenkind! Mit seinen zarten blassen Blättern Tollt grausam der Novemberwind Jäh, alles Leben zu verderben, Hat sich ein Schnitter eingestellt, Und mit gespenstisch wildem Werben Durchschreitet er die bange Welt! . . . Ach, wie so bald verhallt der Reigen . . . Wo blieb der Kindheit goldne Zeit? Der Eltern liebe Stimmen schweigen, Und Glück und Jugend liegen wett! . . . Nur noch im Traum zuweilen summen Verklungne Laute durch Dein Ohr — Und Traumesklang selbst wird verstummen Im Schlummer Hinterm Kirchhofsthor! O, wall' hinaus an diesem Tage, Wo Hügel sich an Hügel hebt,- Vernimm' aus mancher heißen Klage, Wer von den Toten dort noch lebt! Und wieder wirst Du es erkennen: . Vergessen ruht am stillen Pfad, Ob goldne Lettern ihn auch nennen, Wer nicht gesä't der Liebe Saat! Ach, wie so bald verhallt der Reigen . . . Erschüttert' Herz, vergiß es nicht, Und mach die Lehre Dir zu eigen, , Die heut der stumme Kirchhof spricht: Ernst steure durch dir Selbstsucht Klippen Der Liebe zu, die Du erwählt, Daß Dir dereinst von teuren Lippen Ein Gruß an diesem Tag nicht fehlt! . . . Alwin Römer. Totenfestgedanken. Den Schlüssel zu seinem inneren Leben, zu seines Herzens Empfindungen, zu den Gedanken seiner Seele nimmt der Gestorbene mit. Wenn der auch hinieden bliebe, den anderen zu den geheimnisvollen Kästen gleich, zu finden wäre in irgend einer Tasche, wenn man mit ihm aufschließen könnte des Toten geheimnisvolle Kammer, lesen könnte, was sich da innen bewegt hatte in der Jahre langem Laufe, ausgeschrieben fände in wunderbarer Schrift in der Sprache der Geister, was da innen alles sich bewegt und geregt hatte,- vor dem Sohne aufgerollt wäre des Vaters Innerstes, die Witwe lesen könnte ihres Mannes Seufzer, seine Gebete, seine Träume, seine Hoffnungen! Was würde erst da innen zu finden und zu lesen sein, und wie würde beben in Erwartung jeder, der stände vor dem aufgeschlossenen Geheimnis! Aber was das für ein Sterben wäre, wenn man wüßte, daß nach dem Tode die Lebenden aufschließen könnten der Seele geheime Kammer, lesen könnten, was da innen alles sich bewegt und geregt hatte in des Lebens langem Laufe, alles, was später vergessen, überwunden worden, alles, was flüchtig vorübergerauscht und was täglich wiederkehrt. WaS das für ein Sterben wäre, im Bewußtsein, wenn du deine Augen geschlossen hast, so werden sie kommen und werden deine Seele öffnen und werden schauen alles, was da innen gelebt, was du darin geborgen hast. Da fühlt es der Sterbende^ wie gut es ist, in die Hände Gottes zu kommen statt in die Hände der Menschen, wie gut es Gott gemeint, daß er daS Schauen der Seelen sich selbst Vorbehalten hat, keinen Schlüssel dazu für die Menschen gemacht, einen Vorhang davor gewoben hat, den kein sterbliches Auge durchschaut. Doch wenn auch verschlossen und unsichtbar die Seele von hinnen geht, wenn endlich alle anderen Kästen offen stehen, so werden doch in ihnen der Seele Spuren gefunden, Zeugen von ihrem Wesen und was sie wohl zuletzt gedacht und gewollt. Da innen sind vielleicht Briefe verwahrt, die vieles sagen, da innen ist vielleicht der letzte Wille verwahrt, in welchem enthalten ist, was zuletzt besonders sie bewegte. (Jer. Gotthelf.) Das Kanzchen als Verkündigerin des Todes. Von F. Kunze. ------- (Nachdruck verboten.) Am heutigen Tage, wo uns sinnige Gedanke», mit dem unerbittlichen Tode und seinen ungezählten Opfern, die er aus unserer Mitte gewaltsam entführt, beschäftigen sollen, 682 - ist wohl eine kurze Betrachtung, die wir an einen seiner berüchtigten „Vorboten" knüpfen wollen, hier am Platze. Ein gefiederter Todankündiger ist es, der dem weitverbreiteten Volksglauben gemäß durch sein nächtliches Geschrei in unmittelbarer Nähe beleuchteter Krankenzimmerfenster den heimrufenden Sensemann anmeldet: — daS Käuzchen (Strix- passerina). Wenn in Schwaben schon Elstern nicht gern gesehen werden, weil sie dem Hause, auf welchem sie sich niederlassen, einen baldigen Todesfall bringen, und wenn an manchen Orten auch der Seidenschwanz als Pest-, Kriegsund Sterbevogel gefürchtet wird, so ist doch wohl der zweifelhafte Ruf, den die Schleiereule als Toten- oder Leichenvogel genießt, ein fast Weltverbreiter. Ueberall verkündet der nächtliche Schrei des Käuzchens den bald nahenden Tod an. Bereits im frühesten Altertum erblickte man in der Eule überhaupt einen unheilbringenden Vogel, wie Aelians und Apulejus Berichte zur Genüge darthun. Auch Ovid nennt fie in seinen Metamorphosen ein „böses Omen" für den Menschen, und Virgil vermeldet, daß Dido des Aeneas verlustig und deshalb lebensmüde, eine Eule auf ihres Palastes Zinne krächzen gehört, welche gleichsam ein „Leichenlied" gesungen habe. In Aelians Naturgeschichte wird von Pyrrhus, dem Könige von Epirus mitgeteilt, daß sich gelegentlich seines Zuges nach Aegypten eine Eule auf seinem Speere niederge- laffen habe, weshalb er auf Argos rühmlos umgekommen sei. Nach SiliuS JtalikuS war auch die Niederlage der Stadt Cannae (116 v. Chr.) von einer Eule prophezeit worden. Die indische Mythologie bringt das Käuzchen, überhaupt die Eule, in direkte Verbindung mit Aama, dem Gott des Todes, und die Speisegesetze Altisraels verboten unter anderen Tieren auch „das Käuzchen" zu effen. (3. Mose 11, 17). „Wo das Käuzchen (Leichenhuhn) gegen die erleuchteten Scheiben einer Krankenstube mit den Flügeln schlägt, muß der darin liegende Kranke bald sterben," sagt man in Schwaben. Bet den Albanesen, Bretagnern, Litauern usw. kündigt die Eule dem Hause, auf welchem sie sitzt, nicht minder einen Todesfall an. Ja selbst in fremden Erdteilen ist diese seltsame Volksmeinung vertreten: den Chinesen und Pina-Indern ist der nächtlich schreiende Vogel ein Bote des Todesgottes, und im Globus (1862 S. 383) heißt es: „Der Ruf der Eule wird von den Westaustraltern für ein böses Omen angesehen." Ja, „setzt sich in Indien eine Eule als Vogel böser Vorbedeutung auf die Hütte eines Eingeborenen, so wird diese ntedergerisien," wie im Anthropol. Journal IV. S. 28 l zu lesen ist. Bet allen Stämmen, vom Fraser River bis zum St. Lorenz, soweit sie der Naturforscher Lord besuchte, galt die Eule als übelwollender Schicksalsvogel; ihr am Tage zu begegnen und ihr Geschrei zu vernehmen war unheilbringend. Von den Nuba-Negern schreibt Ignaz Pallme: „Setzt sich des Nachts eine Eule auf irgend ein Haus und läßt ihren traurigen Ruf ertönen, so ist es ihnen ein sicheres Zeichen, daß jemand im Hause in kurzer Zeit stirbt/ noch mehr Eindruck macht aber auf diese armen Geschöpfe ein Rabe, wenn solcher ins Dorf geflogen kommt/ denn dies ist ein bestimmtes Zeichen, daß die Türken kommen, um sie auSzu- plündern." Jn Italien, Rußland, Deutschland und Ungarn, nicht minder auch in anderen Ländern Europas, gilt das unheimliche Käuzchen als ein Vogel schlechtesten und berüchtigten Charakters. „Schreien von Kauz und Eule verkündet im allgemeinen Unglück und insbesondere Todesfall, wenn sie neben oder hinter einem Hause schreien, sich aus das Haus setzen oder an das Fenster fliegen," wie Strackerjan aus Oldenburg berichtet. Für Nsrddeutschland haben Kuhn und Schwartz das Vorkommen dieses sonderbaren Aberglaubens bestätigt, ja „im Land Tirol" wird die todankündigende Eule geradezu als „Klag- oder „Leich" bezeichnet. Auch in der Schweiz find der Schleiereule wegen ihres wimmernden Geschreies noch verschiedene mundartliche Namen gegeben, z. B. Gwigglt, Wichst, Klewit und Stroit. Letzterer erinnert deutlich an den vermeintlichen Ruftext des unheimlichen Flügelgeschöpfs, nämlich: Komm mit! Komm mit. Nach Lemkes volkstümlichen Sammlungen aus dem Osten unseres deutschen Vaterlandes ruft das Käuzchen in den preußischen Provinzen sogar: „Komm mit! Komm mit Ins kühle Grab!" Dieser haarsträubenden Einladung des gefiederten Vorläufers vom „schwarzen Fürst der Schatten" hat dann der ausersehene Todeskandidat in Kürze Folge zu geben, weshalb der Schweizer sagt: „Wenn dir d' Wiggli schreit, Wirsch bald usse trait!" In der Umgegend von Elbing behauptet das abergläubische Volk: „De Uhl spricht, wann wer sterbe." Böhmens Bewohner- bezeichnen die kleinen Eulen als „Leichenhühner," denn sie rufen nachts unterm Krankenzimmer kuwitt, d. h. Komm mit! Aus dem Jahre 1646 ist uns in den damals zu Zürich herausgegebenen Reimen über „Gewerbs Leuth und Bych- besegnen" nachstehendes Berschen mit überliefert worden: „Wenn durch den dünnen Luft ein schwarzer Rabe fleucht Und tratet sein Geschieh, und wenn des Eulen frauwe Ihr Wiggen, gwige heult: sind Losungen sehr rauhe." Pommerns biedere Landleute hören aus dem Eulengekrächze ,,'t iS Tld, 't is Tid!" heraus, ja, wenn ein Kind gestorben ist, so lautet der unheimliche Schrei sogar: „Kin dod, dod, dod!" Bet den magyarischen Ungarn glaubt der erschreckte Patient aus den mißtönigen Kundgebungen der Strix passerina zu vernehmen: „Ki-vidd,“ d. h. Trag hinaus (die Leiche auf den Friedhof)! Ueberhaupt gilt dort die Eule als „Vogel des Todes," und wer ihren Ruf mutwillig nachahmt, der muß bald sterben. „Die Eule und der Uhu verkünden mit ihrem Geschrei den Tod in dem Hause, auf dessen Dach sie sich setzen," heißt es in der Ukraine, wie denn auch die Polen sprechen: „Auf dem Dache weint die Eule- Dem der sterben soll in Kürze Ruft die Eule zu: komm, komm!" Ja nach Slovenischer Volksmeinung „steht der Tod auf der Schwelle des Hauses," wie man dort zu sagen pflegt, „wenn eine Eule oder ein Totenkopf (Sphinx atropos) sich des Nachts auf dem Fenster oder im Schlafgemach zeigt." Bei den europäischen Südslaven machte Dr. Krauß eine ähnliche Wahrnehmung, wenn er in der Zeitschrift für Volkskunde schreibt: „Nachtvögel aus dem Eulengeschlechte zeigen durch ihre unheimlichen Rufe in der Nähe menschlicher Behausungen immer Todesfälle an. Allgemein glaubt man: setzt sich ein Uhu auf daS Haus und läßt seinen Ruf ertönen, so stirbt jemand von den Bewohnern, außer: jemand ladet augenblicklich sein Gewehr mit Eisennägeln, die in der Kirche während des Hochamtes unter dem Altarksssen gelegen, und schießt den Uhu herab. Wenn eine Schleiereule in der Nähe eines Hauses „uhu" schreit, so sagen die Bosniaken, daß noch in demselben Jahre der Hausvorstand oder die Hausvorstehrrin mit dem Tode abgehen müssen! Die originelle „Magiologia" Anhorns (Basel 1674) bringt auf S. 144 eine einschlägige Bemerkung, welche zeigt, daß im 17. Jahrhundert daS dumpfe Gekreisch der nächtlichen Eule ebenso wie heute als erschütterndes memento mori aufgefaßt wurde / denn es heißt dort: „Die Nacht Eul und der Wik werden Todtenvögel genannt, vnd glauben viel Leut vestiglich, worumb diese Vögel schreyen, werde bald ein Mensch sterben. Andere glauben, wenn fie Raben schreyen hören, gehe ihnen ein Unglück zur Hand, vnd fürchten sich bald mehr für einen Eulen- vnd Rabenschrey als für einen blossen Schwerdt." Eine alte Leichenpredigt, im 17. Jahrhundert zu Straßburg im Druck erschienen, weist folgenden Anfang auf: „Weg, weg, weg! WaS höre ich für ein wunderbar- liches Geschrei? Bon den Vögeln deS Himmels lese ich nichts in göttlicher heiliger Schrift, daß solche Vögel dergleichen traurige Triller schlagen. Aber bei den Naturkundigen findet 683 man, was dieses vor fremde Vögel find, welche zur dunklen Nacht auf den Dächern vor den Fenstern umherfliegen und mit solchem ungewöhnlichen Trauergeschreh den im sanften Schlaf begrabenen Hausvater beunruhigen und auferwecken rc." Es hat fast den Anschein, als wäre diese europäische Furcht vor der häßlichen und totverkiindenden Eule mit den in grauer Vorzeit aus Asten herübergewanderten Völkern auf uns übergesiedelt worden, denn gerade im Orient ist der nächtliche Vogel erst wohl verhaßt und als kreischender Mahner an das letzte Stündlein fast überall verabscheut. Bereits in den uralten Märchensammlungen und Tierfabeln Altindiens spielt die Eule eine hervorragende Rolle, jedoch nur im ungünstigen Sinne. Im Pantschatantra vergleicht der König der Krähen die feindliche Eule mit Aama, dem Gott des Todes, und der Rigvede weist den Frommen an, diesen Gott des Todes durch Berschwörungsformeln zu vertreiben, sobald die Eule ihr schmerzliches Geheul vernehmen läßt, worin gleichsam ein Stück „symbolischer Heilweise" liegt, indem man den Krankheitserreger (hier Todverkündiger) als Arzr zur Hilfe heranzteht. Der Geist des Bösen, der hell fieht und im Trüben fischt, in seinen abscheulichen Handlungen aber Glück und Geschick zeigt, wird übrigens im Mahabharata mit der Eule in Parallele gestellt, welche jede Gestalt in der Nacht unterscheidet, wie uns Gubernatis mitteilt. Die Eule ist gleichbedeutend mit dem Monde, während sich in der Krähe die Nacht verkörpert. Um eine ernste Gefahr zu bezeichnen, spricht der Italiener bildlich: ,,Die Eule unter den Krähen," und ein deutsches Sprichwort sagt: „Die Eulen und die Raben, Zwei, die einen Buhlen haben, Zwei Hund an einem Bein: Kommen selten überein." Nun drängt sich uns wohl die Frage auf: Wie ist denn die harmlose Eule in solch üblen Verdacht gekommen? Bock erklärt in seiner Naturgeschichte (IV. S. 281) den internationalen Aberglauben mit folgenden Worten: „Das nächtliche Wesen, der geräuschlose Flug, der unheimliche Ton ihrer Stimme flößen Grauen ein. In alten Zeiten erzählte das Volk, die Eier des Schübuts (Uhus) habe noch nie ein Mensch gesehen." Diese Deutung ist scheinbar zutreffend, aber nicht befriedigend. Es ist feststehende Thatsache, daß die ihr nächtliches Wesen treibende Eule schon vor Jahrtausenden eine unheilvolle Bedeutung hatte und gleichsam das böse, zerstörende Prinzip verkörperte. Wenn die Bewohner Siebenbürgens am Tage eine Eule erblicken, so gilt ihnen das ebenso für ein „großes Unglück," wie nachts von ihr zu träumen. Galt doch nach Hanusch den alten Slaven dieser Vogel als „Verkörperung des bösen Geistes." Jene Vorsichtsmaßregeln der Dakas auf Borneo, beim Vernehmen des entsetzlichen Eulengeschrets sofort umzukehren, wird auch von den heidnischen Magyaren betrachtet, wie von Wlislockt berichtet wird. Wenn die ferndienenden Bauern Siziliens im Frühjahre die weinerliche Klage der gehörnten Eule, dort „jacoba" genannt, vernehmen, so gehen sie zu ihrem Herrn, um diesem sofort den Dienst zu kündigen. Schlagen einem Mecklenburger gehegte Hoffnungen fehl, so sagt man: „Dor het' ne Uhl seien" — und von einem Pechvogel, dem nichts gelingt, wird spöttisch bemerkt: „He is mit Uhlensaat beseit." Ueberall leuchtet also die teuflische Bedeutung der Eule heraus, und gerade aus diesem Grunde, sowie im Hinblick auf ihr nächtliches Treiben ist sie wohl in der ganzen Welt geworden — nm zum Schluß mit Ovid zu reden — zu einen Bangenerregenden Vogel, der die drohende Trauer Durch erschreckenden Ruf den geängsteten Sterblichen anzeigt. (Unsere Meinung über den Totenvogel geht dahin: Mit dem Aberglauben teilt die Eule das Hausen im finstern; nicht umsonst aber ist fic zugleich das Sinnbild der Wissenschaft. Todesboten sind dem Menschen, der am Leben hängt, vonnöten, soll er nicht unvorbereitet die Fahrt ins jenseits antreten. Wohl dem, der überall zur Heimfahrt gerüstet ist, ihm ist der Totenvogel weder lästiger Mahner noch Schreckensbote; wer aber das Käuzchen fürchtet, der weiß warum. D. R.) Nachdruck verboten. Pygmalion. Novelle von Anton Frhr. von Perfall. (Fortsetzung.) Der Frühling kam in die kahlen, nüchternen Räume. Einen Augenblick überließ er sich der Freude des Wiedersehens. Sie war sein reines, gutes Kind geblieben, sein Glück, sein Leben. Dann aber wehrte er plötzlich ihrem Ungestüm. „Höre, Marie, es ist besser, ich mache Dich gleich jetzt darauf aufmerksam — Du sprachest eben von Onkel Franz — das geht nicht mehr Du bist eine Dame geworden, — Franz ist ja mein Freund, ich schätz- ihn sehr, danke ihm vieles — aber eine zu große Vertraulichkeit dürfte sich für Dich doch nicht schicken." „Gott, wie das alles ernst klingt! Ich fürchte mich ja ordentlich! Aber sei nur zufrieden, Papa, es wird alles recht werden. Vor der Hand freue ich mich nur, wieder bei Dir zu sein, in unserem lieben Heim. Aber hier drinnen ist eine häßliche Luft, na, warte, Papa, jetzt bin ich da, und wenn ich schon eine Dame bin, dann mußt Du mir auch ein bischen folgen. — So, die Fenster auf, die frische Frühlingsluft herein!* Sie öffnete beide Flügel. „Frau Opel hat mir schon erzählt, daß Du Dich krank arbeitest! Das dulde ich aber nicht. Jetzt bin ich die Dame des Hauses. Ah, da ist ja noch immer mein lieber Pygmalion." Sie trat vor den Gobelin. „Weißt Du noch, wie Du mir einmal die Geschichte erzähltest? Wie ich so furchtbar lachen mußte über den verliebten König — aber jetzt lache ich nicht mehr darüber. Jetzt verstehe ich das schon bester, wie man zuletzt auch eine Statue lieben kann, wenn man sonst auf der wetten Welt nichts hat." „So? woher kam Dir denn dieses Verständnis?" fragte Holaus, sonderbar bewegt. „Woher? Die Fremde lehrte es mich, das Fernsein von Dir, mein lieber Papa. Weißt Du, wer Dich mir ersetzen mußte? Aber lache mich nicht — Meine alte Puppe, die ich zur Erinnerung mitnahm, obwohl sie schon Sägespäne blutete. Sie schlief neben meinem Bett und manchmal wurde sie wirklich lebendig und erzählte mir von Dir, von der Heimat und dem König Pygmalion, den ich damals so ausgelacht." Holaus vergaß allen Kummer und lachte herzlich über den drolligen Einfall. „Und doch ist er ein ausgemachter Einfaltspinsel, der Pygmalion," begann er. „Er ist ja viel zu alt für seine Statue. Wenn sie völlig zum Leben erwacht ist, wird sie ihn tüchtig auslachen und in die weite, schöne Welt laufen, die ihr entgegenblüht und sich einen jüngeren suchen." „Nein, das wird sie nicht thun, gewiß nicht," entgegnete Marie heftig. „Und wenn sie es thut, ist sie eine schlechte Statue, nicht aus edlem Marmor, sondern aus ganz gewöhnlichem Gips, sonst würde sie nicht vergeffen, daß sie dem Meister das Leben verdankt, jeden Atemzug, diese ganze, wette, schöne Welt, in die er sie laufen läßt." „Ja, Kind, Dankbarkeit und Liebe hat doch miteinander nichts zu thun, im Gegenteil, sie wäre eine schlechte Statue, wenn sie Liebe heuchelte aus Dankbarkeit, und er ein recht alberner Meister, wenn er diese Liebe von ihr forderte, die nur als freies Geschenk ihn beglücken könnte." „Das verstehe ich nicht, Papa," erwiderte das Mädchen. „Ich denke einfach, sie muß ihn liebe», sie ist ja ein Teil von ihm, sein eigener Gedanke —" „Dann wird sie ihn als Vater lieben, aber nicht mehr—* „Nicht mehr, sagst Du? Kann man denn jemand mehr lieben als seinen Vater?" „Allerdings, mehr ist falsch auSgrdrückt. Nicht so lieben. 684 wie er begehrt, will ich sagen, als Geliebte, als Gattin, und das verlangt er doch." „Allerdings, daS ist wahr. Daran dachte ich gar nicht," erwiderte Marie errötend. „Daß er sie heiraten will." Sie sann einen Augenblick nach, das Schicksal des Königs beunruhigte sie von neuem. „Halt, ich hab's!" sagte sie dann freudig. „Er wird ihr einfach erklären, daß er ja gar nicht ihr Vater ist, daß er sich einfach eines Tages eines armen, kalten Marmorblockes erbarmte und daraus ein Menschenbild machte, das nur durch seine Fürbitte bei der Göttin zum Leben erwachte, und sie wird ihm an die Brust sinken, wird selig sein, ihn lieben zu dürfen, wie er es begehrt. Sie wird ihn heiraten und die glücklichste Frau unter der Sonne werden, weil es ihr vor allen Sterblichen gegönnt ist, eine doppelte Liebe zu genießen — die Liebe zu dem, dem sie die Auferstehung verdankt aus kaltem Marmortode, ihrem wahren Lebensspender, und die Liebe zu dem Gatten. So, da hast Du die ganze Geschichte. — Ist sie nicht klug geworden, Deine kleine Dame? Ja, nicht wahr, jetzt weiß ich Dir wieder zuviel." HolauS blickte unverwandt auf sein Kind, das ihm Plötzlich die geheimsten Kammern seines Herzens öffnete und sie ihres ängstlich gehüteten Inhaltes entleerte. ES war ihm, als milffe er sie verhindern an dem Frevel, als schwirrten dunkle, unheimliche Nachtvögel mit heraus, die er bis jetzt mit Mühe darin festgehalten- aber er vermochte es nicht. Den Blick starr auf das Bild gerichtet, hörte er ihr zu. Als sie dann sichtlich betroffen von feiner sonderbaren Weise schwieg, und er sich rasch umwandte, stand Frau Opel vor ihm, welche eben unbeachtet von beiden eingetreten. Wie immer kam sie unter dem Vorwande häuslicher Angelegenheiten. Er unterdrückte mit Mühe ein hartes Wort, so unangenehm berührte ihn jetzt ihr Erscheinen. Was drängte sie sich immer zwischen ihn und seinen Liebling? Was hatte sie für ein Recht dazu? „Ich möchte Sie bei dieser Gelegenheit ersuchen," sagte er in gemessener Förmlichkeit, die seine Erregung schlecht verbarg, „Fräulein Marie von nun an in der Führung des Haushaltes ewas freiere Hand zu laffen." Der behäbigen Frau schlug wie eS wie eine Flamme in das gutmütige Gesicht, und um den noch immer energischen Mund zuckte es verdächtig, ob vor Zorn oder Schmerz war nicht zu unterscheiden. „Grad' heraus gesagt, Herr Holaus, die Frau Opel ist überflüssig geworden im Hause und soll sich zum Kuckuck scheren?" HolauS machte eine abwehrende Bewegung. „Nun, Sie sagen es ja nicht, und ich bin nicht die Frau, die'S abwartet, bis Sie's sagen. Daß ich mir am Ende einen Abschied nach sechszehn Jahren ein bischen anders gedacht, das können Sie mir net verdenken." Sie wischte sich mit dem Rücken der Hand, eine alte, unaustilgbare Gewohnheit, über die Augen, die schlaffen Züge schienen wieder auffallend gefestigt. „Und am Ende ist's besser so, was einmal sein muß, muß sein, und die alte Opel muß sich halt auch darein fügen." Sie nestelte mit unsicheren Händen das Schlüsselbund los, welches Sie stets als Wahrzeichen ihres Amtes bei sich trug. „Da, Marieke, das eine Mal darf ich Dich schon noch so nennen, nimm's und rrag's in Ehren." Marie blickte ratlos auf Holaus, der mit hastigen Schritten, die Hände auf dem Rücken, auf und ab ging, bald stehen bleibend und Miene machend, die Haushälterin zu unterbrechen, bald wieder die Achsel zuckend weiter schreitend; als ihr aber Frau Opel die Schlüssel hinreichte, als sie die hellen Thränen in den lieben, treuen Augen sah, da hielt sie es nicht länger. Sie fiel der alten Freundin, die seit sie dachte, Mutterstelle an ihr vertrat, um den Hals und küßte sie. „Und Du glaubst, daß ich das ruhig mit ansehe, daß ich mein liebes Mutterl so mir nichts, dir nichts ziehen lasse. Nicht um alles in der Welt, eher —" „Was eher?" Holaus blieb dicht vor ihr stehen und sah sie mit einem Blick an, der nichts Väterliches an sich hatte, mit einem Blick, der sie beben machte. „Sprich es nur aus, eher verläßt Du Deinen Vater und gehst mit ihr?" „Aber Papa, habe Mitleid mit mir," erwiderte das Mädchen zaghaft, scheu ihn anblickend. „Es ist alles so ganz anders geworden, Herrn Herrmann darf ich nicht mehr Onkel nennen, die gute Frau, die mir meine Mutter ersetzte, die Du selbst mich verehren und lieben lehrtest, soll plötzlich aus dem Hause, das ich eben betrete. — Das ist alles so sonderbar, so unfaßlich —" „Jedenfalls nicht so sonderbar und unfaßlich, als daß ein Kind seinen Vater zu verlassen droht, wenn ihm sein Wille nicht geschieht," entgegnete Holaus. „Das wollt' ich nicht, gewiß nicht," Papa. Marie wandte sich stehend gegen ihn. „Ich weiß selbst nicht, wie mir in diesem Augenblicke war, was ich damit sagen wollte —" „Aber ich weiß cs! Oh, solche Augenblicke sind sehr wichtig, da zeigt sich die Wahrheit. Natürlich! WaS bin ich Dir denn gewesen, was kann ein Mann einem Mädchen sein, und wenn es zwanzigmal sein Kind — Sie pflegte Dich, zog Dich auf, wachte bei Dir, wenn Du krank warst, sie war Deine zweite Mutter." (Fortsetzung folgt.) Lttterarisches. Schneeflocken. Erzählung für Groß und Klein. Heft 16 bis 20 ä 10 Pfg. 100 Hefte gemischt Mk. 8. — Berlin, Martin Warneck. Von dieser Sammlung sind wiederum fünf neue Hefte erschienen. Inhalt: Heft 16 „Weihnacht" von H. Groschke, Heft 17 „Vom guten und bösen Geist" Erzählung von Renata Pfannschmidt-Beutner, Heft 18 „Vollkommen glücklich" von H. Groschke, Heft 19 „Wie es kam" von B. Mercator und Heft 20 „Engels Wanderung" von H. Groschke. Schon das in Farben prächtig ausgeführte Winter-Bild des Umschlages mit seiner schneebedeckten Tanne weckt ein gewisses Behagen. Dem entspricht auch der Inhalt der Heftchen. Es ist ein schlichter volkstümlicher Ton, der durch alle Erzählungen geht, von christlichem Geist durchweht. Die „Schneeflocken", von denen nun 20 verschiedene Hefte vorliegen, find in gleicher Weise zum Verschenken an Kinder wie an Erwachsene geeignet. Möchten sie recht viel zu Bescherungen in Sonntagsschulen, Krankenhäusern, Jungfrau en vereinen verwendet werden, sowie auch einzeln zum Beilegen. Der äußerst billige Preis von 10 Pf., 100 Hefte gemischt für Mk. 8.—, ermöglicht eine große Verbreitung. Gleichzeitig ist von der Band-Ausgabe der Schneeflocken Band 2 erschienen; ein sehr gefälliger, in Farben prächtig ausgeführter Einband macht das Buch zu einem hübschen Geschenkwerkchen, Preis Mk. 1.50. Auflösung des Kreuzrätsels in voriger Nummer: P S K e t a t r r Petr o l eum Giro h sac k Karl s ruhe e a u u c h m k e as wir bergen In den Särgen Ist das Erdenkleid, Was wir lieben, Ist geblieben, Bleibt in Ewigkeit Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.