jfKgfefgTaxij'iiii liilMa 11- J|äTii [y»S3Ää WK WWW M f u find'st in dir die Ruhe nicht, Den milden Hauch von Gottes Gnaden, So lang' von deiner Schuld Gewicht, Du willst ein Teil auf andre laden. Rückert. Nachdruck verboten. Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) „Wollen Sie sich wirklich noch die Kosten machen?" fragte der Baumeister. Der Mann erklärte jedoch mit unverwüstlichem Gleichmut, das komme schon wieder heraus und bat gleichzeitig den Bankier im voraus um Entschuldigung, wenn er durch den von den Arbeiten unzertrennlichen Lärm gestört werden sollte. „Auf Lärm müsien wir uns ohnehin gefaßt machen, wenn die Häuser abgerissen werden, da kommt's auf mehr oder weniger nicht an," erwiderte gut gelaunt der Bankier. Er erklärte noch später seinem Geschäftspersonal, wie seinen Kindern, die sich wirklich über den im Nachbarhause entstehenden Lärm, beklagten, die Ursache desselben. Wahrzunehmen vermochte man von den Arbeiten nichts, da der Laden nach der Straße zu fest verschlossen blieb. „Unser provisorischer Nachbar ist ein sonderbares Menschenkind," bemerkte er dabei, „ich fürchte, Berlin wird ihm ein teures Pflaster werden." Die jungen Leute im Kontor erhielten Gelegenheit, sich von der Richtigkeit des Urteils ihres Chefs zu überzeugen. Der neue Nachbar kam ein paarmal in's Geschäft, um einen Schein zu wechseln und behandelte sie nachher wie alte Freunde. Sie durften nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er sie begrüßte und sich eifrig nach ihrem Befinden erkundigte. Man lächelte über den guten Provinzialen und suchte so rasch wie möglich von ihm loszukommen. Wenn den Kontoristen das Benehmen des Nachbars wunderlich und unbequem vorkam, so fand es dagegen bet den beiden Dienstmädchen und dem Hausdiener des Bankiers eine um jo günstigere Aufnahme. Auch gegen sie entfaltete er die größte Freundlichkeit, ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um fie in ein Gespräch zu verwickeln und überschüttete sie mit Artigkeiten. Diese wurden denn auch sehr gut ausgenommen. Der höfliche Nachbar schien außerdordentlich „nett", und alle drei standen dem lieben Manne, der so gar nicht stolz war, bereitwillig Rede. Schäfer lud sie auch wiederholt ein, sich seine Vorräte anzusehen, wo sie zu unglaublich geringen Preisen die schönsten Sachen kaufen könnten, sobald seine Waren nur erst einmal angekommen und ausgepackt sein würden. Durch eine ganz unerhörte Nachlässigkeit des Spediteurs waren sie aber noch immer ausgeblicben und ihm dadurch, wie er klagte, ein großer Schaden zugefügt worden. „Tas ganze Ostergeschäft ist mir verdorben!" äußerte er wiederholt zu der alten Sophie und ihrer Nebendienerin. „Kommen die Sachen wirklich noch am Gründonnerstag an, so lohn'ts nicht mehr, denn während der Festtage ist nichts zu machen, die sind höchstens zum Auspacken zu benutzen." „Da haben Sie recht," stimmte sie bei,- „ist Ostern schönes Wetter, so bleibt niemand zu Hause. Bei uns fliegt immer das ganze Haus aus, selbst der alte Friedrich fährt dann zu seinen Kindern nach Nauen." III. Kommerzienrat Helldorf und Bankier Sommer waren Schulgenossen und hatten später im väterlichen Geschäft des ersteren gemeinschaftlich gelernt. Die Freundschaft zwischen ihnen hatte sich auch im späteren Leben erhalten, obwohl Helldorf zu großem Reichtum gelangt, Sommer in bescheideneren Verhältnissen geblieben war. Der Kommerzienrat hielt mit anerkennenswerter Standhaftigkeit an dem Jugendgenossen fest und ließ sich auch darin nicht von seiner Frau beirren, welche den Verkehr mit dem kleinen Wechsler, wie sie Sommer nannte, für den Inhaber einer der ersten Firmen der Residenz als nicht standesgemäß erklärte. Zu den zwischen den beiden Familien obwaltenden Gepflogenheiten gehörte es, daß Sommer mit Sohn und Tochter je .an. einem Tage der drei hohen Feste bei Helldorf das Mittagsmahl einnahm und den Nachmittag und Abend in dessen Hause verlebte. Auch am zweiten Osterseiertage dieses Jahres war man diesem alten Herkommen treu geblieben. Obwohl Ostern ziemlich früh, d. h. schon Anfang des April fiel, war es doch ein echtes Frühlingsfest. Warm und glänzend schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel, dos knospende Laub überzog die Bäume mit einem hellen grünen Schein. Froh und glücklich, als ob es gar kein Elend auf dieser Welt gäbe, sahen die Menschen aus, die — 482 angethan mit ihren besten Feierkleidern sich hinausdrängten aus „der Straßen quetschender Enge". Man hätte an eine Völkerwanderung glauben können. Alle öffentliche Verkehrsanftalten, Omnibuffe, Pferdebahn, Dampsbahn, wie Stadt- und Ringbahn, waren überfüllt und vermochten dem Ansturm nur schwer zu genügen. Equipagen und Droschken erster und zweiter Klaffe folgten sich in unabsehbaren Reihen- wer in den Strom der Fußgänger geriet, der wurde mit weggerissen und mußte wohl oder übel der Richtung, nach welcher dieser sich bewegte, folgen. Kommerzienrat Helldorf hatte dem Freunde seinen Wagen geschickt, so daß dieser samt Sohn und Tochter, ohne von der wogenden Menge belästigt worden zu sein, den Weg von der Friedrich- nach der Bellevuestraße hatte zurücklegen können. In heiterster Stimmung reihte man sich um die Tafel, welche in dem nach der Gartenseite der Villa gelegenen, künstlerisch ausgestatteten Spetsesaal reich und geschmackvoll gedeckt war. Außer Sommer, Ernst und Aurelie befand sich nur noch ein Gast im Kreise der Tischgenoffen, ein älterer, vornehm und würdig aussehender Herr, welcher den Ankommenden als Dr. Balthasar Corbus, Verwandter der Hausfrau, vorgestellt ward und auch seinen Platz zu deren Linken erhalten hatte, während Bankier Sommer an ihrer rechten Seite saß. Die jüngeren Leute, welche sich zwanglos placieren durften, hatten es einzurichten gewußt, daß Hans Helldorf neben Aurelie, Ernst Sommer neben Felicitas zu sitzen kam, Adalbert und August von Kressen, der Bruder der Erzieherin, den Helldorf ebenfalls zur Familtentafel geladen, hatten Hermine zwischen sich genommen und trieben allerlei Posten mit dem munteren, aufgeweckten Kinde. Der Kommerzienrat selbst hatte aber lachend erklärt, als guter Hausvater verzichte er auf jede Nachbarschaft und sei für seine sämtlichen Gäste als eine Art von Vorsehung da. Wirklich flog sein Auge unermüdlich über die Tafel. Wo jemand nach seiner Ansicht zu wenig von den dargebotenen erlesenen Gerichten nahm, da erneuerte er durch freundlichen Zuspruch zum wackeren Zugresten und hatte es dabei besonders auf den hübschen jungen Studenten abgesehen, der übrigens gar nicht blöde schien. Wo Helldorf ein leeres Glas zu sehen glaubte, da beeiferte er sich, es selbst zu füllen oder wies den Diener an, es zu thun. Auch die Kommerzienrätin ließ ihre Blicke oft über die Tafelrunde schweifen, während sie sich eifrig mit ihren Nachbarn links und rechts unterhielt, sie hatte aber dafür ganz andere Gründe als ihr harmloser, nur auf das Behagen seiner Gäste bedachter Gatte. Ihrem scharfen Auge entging kein Blick, keine Miene der Plaudernden, und mit Stirnrunzeln gewahrte sie den leisen Händedruck, den Hans und Aurelie tauschten, während sie bet dem vom Kommerzienrat auf seine Gäste ausgebrachten Toast ihre Gläser aneinander stießen. Wer die Kommerzienrätin heute sah, hätte sie unmöglich für die kranke, gebrochene Frau halten können, als welche sie sich so gern von den Ihrigen, wie von Fernerstehenden bemitleiden ließ. Sie trug ein braunrotes Sammetkleid, das in schönen Falten an ihrer hohen, ebenmäßigen Gestalt herabfloß, eine kostbare Spitzenbarbe auf dem noch dunklen Scheitel und wertvollen, aber durchaus nicht aufdringlich erscheinenden Schmuck. Nicht nur ihr Gatte, sondern auch Sommer und ihr Vetter, der Doktor, hatten ihr schon ihre Bewunderung über ihre geschmackvolle Toilette und ihre Freude über ihr vortreffliches Aussehen ausgesprochen, waS sie mit großer Genug- thuung, aber doch mit jenem Lächeln ausgenommen hatte, das sagen wollte: „Ach, Ihr habt gut reden und wißt nicht, was ich leide." In ähnlichem Sinne sprach sie sich bei Tische gegen Sommer aus, der, immer um einen Gesprächsstoff mit der ihn seltsam einschüchternden Frau verlegen, nochmals darauf zurückgekommen war. „Ach, mein verehrter Freund, das täuscht sehr!" lüsterte sie. „Wenn Sie mich heute morgen gesehen hätten! Ich war völlig kraftlos und glaubte nicht, daß ich am Mittag im Kreise meiner Gäste erscheinen könne. Ich habe mich indes aufgerafft." „Wie dankbar müffen wir Ihnen dafür sein, meine gnädige Frau, und wie bewundere ich ihre Willenskraft," erwiderte der Bankier, der, wenn er sich Mühe gab, ganz gut den Galanten spielen konnte. Sogleich fiel Dr. Corbus, der die Aeußerung gehört hatte, mit seiner tiefen, etwas belegten Simme ein: „SD, an Willenskraft hat es meiner lieben Cousine nie gefehlt! Ich könnte Ihnen Beispiele davon erzählen, über die Sie staunen würden, Herr Sommer." Sein kleines gelbbraunes, etwas stechendes Auge ruhte dabei mit einem bewundernden Ausdruck auf der Kommerzienrätin, sie wurde aber sichtlich unruhig dabet. Ein flüchtiges Rot flog über ihre Wangen, und mit Staunen gewahrte der Bankier, daß die Hand, die sie abwehrend gegen den Vetter erhob, leicht zitterte. Dr. Corbus ergriff diese Hand und führte sie an seine Lippen. „Warum sträubst Du Dich gegen meine Lobsprüche, Eugenie?" fragte er. „Wer wüßte Dich bester zu beurteilen als ich? — Sie müffen wisten, Herr Sommer", fügte er, sich zu dem Bankier wendend, hinzu, „wir find nicht nur Vetter und Base, sondern Kindheits- und Jugendgesährten, beinahe wie Geschwister ausgewachsen. Ich bin allerdings einige Jahre älter als meine Cousine". Die letztere Bemerkung schien mehr der Höflichkeit als der Wahrheit zu entsprechen, und die Kommerzienrätin sagte denn auch: „Das kannst Du Dir sparen, Balthasar. Ich bin eine alte Frau und sträube mich nicht, es zu sein". „Für mich bist Du es nicht. Mir erscheinst Du genau noch so, wie ich Dich vor mehr als zwanzig Jahren verließ! So lange bin ich der Heimat fern gewesen, Herr Sommer!" erklärte er diesem, und der Seufzer, wie der Blick, die die Worte begleiteten, ließen den Bankier unschwer erraten, was jenen in die Ferne getrieben hatte. Er glaubte der Kommerzienrätin den Wunsch in den Augen zu lesen, die Unterhaltung auf ein weniger persönliches Thema hinübergespielt zu sehen und erkundigte sich daher bet dem Doktor nach Zweck uud Ziel seiner Reisen. Corbus schien damit sein Stichwort erhalten zu haben und bemächtigte sich jetzt fast ausschließlich der Unterhaltung, die bisher zwischen den einzelnen Paaren leise geführt worden war. Nunmehr hörten alle zu, selbst die sehr lebhafte Hermine und die beiden ausgelassenen Studenten verhielten sich still und lauschten den Erzählungen des Weltreisenden, der in allen fünf Erdteilen Bescheid wußte und seine Zuhörer im Fluge vom Nil nach dem Ganges, von den reichen Diamantschätzen des Kaplandes zu den Ausgrabungen in Griechenland und Kleinasien zu führen verstand. „Man nennt mich nicht mit Unrecht „Globetrotter, sagte er lächelnd als man ihm von allen Setten Anerkennung und Bewunderung zollte, fügte aber schwermütig hinzu: „Mag man aber alle Wunder der Schöpfung und der Kunst um sich versammeln, man wird trotzdem ein Gefühl des Fremdseins, der Heimatlosigkeit nicht los". „Mußten Sie denn ein solcher Weltenbummler werden, lieber Corbus? WaS hat Sie dazu gemacht?" erkundigte sich der Kommerzienrat. „Ach, fragen Sie mich das lieber nicht!" erwiderte scherzend und leichthin Dr. Corbus, trotzdem wollte es den Kommerzienrat bedünken, als habe er auf das „Sie" einen besonderen Nachdruck gelegt. Er hielt sich indes bet dieser Wahrnehmung nicht auf, sondern fuhr fort: — 483 — „Nun, Sie find ein Mann noch in den besten Jahren und können und werden sich hier den eigenen Herd gründen". Corbus verzog schmerzlich daS Gesicht und zitierte mit traurigem Ton: „Was Du von der Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück! Vorbei — vorbei!" „Ei, Herr Doktor, wer wird so resigniert sein?" rief Hans über den Tisch hinüber, und Adalbert murmelte: „Nichts ungereimteres kenn' ich auf der Welt als einen Teufel, der verzweifelt!" Aurelie und August von Kressen, die die Worte gehört hatten, vermochten nur mit Mühe ihre Lachlust zu unterdrücken, Corbus fuhr aber in dem gleichen Tone fort: „Am Kap, wo ich mich, wie ich bereits erwähnte, mehrere Jahre aufgehalten habe, lernte ich eine liebenswürdige Frau, eine geborene Deutsche, kennen, die pflegte zu sagen: „Auswandern ist ein Fluch. In der Fremde wird man die Sehnsucht nach dem Vaterlande nicht los, und kehrt mau dahin zurück, so wurzelt man nicht mehr an". Ich habe, seit ich wieder hier bin, die Wahrheit dieses Ausspruchs an mir selber erfahren!" x „Soll das heißen, daß Sie Ihre Weltfahrt von neuem zu beginnen gedenken?" fragte Sommer. „Ich fürchte, es wird so werden und ich der „Un- behauste" bleiben müssen!" seufzte Corbus. — (Fortsetzung folgt.) Träume. Von Pierre Loti. Deutsch von Wilhelm Thal. ------- (Nachdruck verboten.) Ich möchte eine eigene Sprache kennen, in der ich die Vision meiner Träume niederschreiben könnte. Wenn ich es mit gewöhnlichen Worten versuche, so gelingt es mir nur, eine Art schwerfälliger und linkischer Erzählungen aufzubauen, aus der die, die mich lesen, gewiß nichts ersehen können. Ich glaube, die Träume, selbst solche, die unS sehr lang erscheinen, haben eine kaum wahrnehmbare Dauer- es find jene stets flüchtigen Augenblicke, in denen der Geist zwischen Wachen und Schlafen schwebt- doch wir werden von der übergroßen Schnelligkeit getäuscht, in welcher ihre Bilder aufeinander folgen und wechseln- weil wir so viele Dinge an uns haben vorüberziehen sehen, so sagen wir, wir haben eine ganze Nacht geträumt, während unser Traum doch kaum eine Minute gedauert hat. Die Vision, von der ich sprechen will, hat wohl in der That nur wenige Sekunden gedauert, denn selbst mir ist sie sehr kurz vorgekommen. Das erste Bild erschien zwei- bis dreimal, gerade als wenn man hinter einem Transparent die Flamme einer Lampe langsam hochschraubte. Zuerst war es ein unklares Licht von länglicher Form, das die Aufmerksamkeit meines Geistes erweckte, als ich mitten aus dem Schlafe, der Bewußtlosigkeit, erwachte. Dann wird das Licht zu einem Sonnenstrahl, der durch das Fenster dringt und sich auf der Diele ausbreitet. Gleichzeitig beunruhigt sich mein erregter Geist plötzlich. Ich erinnere mich unklar an irgend etwas: es ist die rasche, blitzartige Ahnung eines Vorganges, der mich bis in den tiefsten Grund meiner Seele bewegt. Die Erscheinung wird klarer. Jetzt ist es der Strahl einer Abendsonne, die von einem Garten kommt, auf welchen -dieses Fenster hinausführt — eines exotischen Gartens, in welchem Wurzelbäume stehen. Ich weiß das, ohne sie gesehen zu haben. In diesem Lichtschein auf der Diele zeichnet sich der Schatten einer draußen stehenden Pflanze ab und zittert sanft, der Schatten eines Bananenbaumes. Und jetzt Hellen sich die verhältnismäßig dunklen Teile auf - die Gegenstände zeichnen sich im Halbdunkel ab, und ich sehe alles mit unerklärlichem Schaudern. Und doch ist das alles sehr einfach. Eine kleine Wohnung in irgend einem Kolonialhause mit Holzwänden und Strohstühlen. Auf einer Konsole steht eine Stutzuhr aus der Zett Ludwigs XIV., deren Perpendikel kaum hörbar tickt. Doch ich habe das alles schon gesehen, obwohl es mir unmöglich ist, mich zu erinnern, wo ich es gesehen. Aengstlich bewege ich mich hinter dieser Art von Schattenschleier hin und her, der vor meinem Gedächtnis ausgespannt ist, und den ich trotz aller Bemühungen nicht zu lüften vermag. Es ist abends: das goldene Licht der Sonne will eben erlöschen, und die Zeiger der Stutzuhr deuten die sechste Stunde an . . . Sechs Uhr . . . Welches Tages, welches fernen und entschwundenen JahreS? Auch die Stühle sehen alt aus. Auf einem derselben liegt ein breiter Frauenhut aus weißem Stroh, doch die Form desselben ist seit mehr als hundert Jahren aus der Mode. Meine Augen bleiben darauf haften, und nun schüttelt mich der unerklärliche Zauber stärker. Das Licht wird schwächer und schwächer- jetzt ist eS kaum die trübe Beleuchtung der gewöhnlichen Träume. Doch trotzdem sühle ich, daß ich mit den Gegenständen dieses Hauses sowohl, wie auch mit dem Leben, das darin geführt wird, vertraut gewesen bin, dieses melancholischen und stillen Lebens in den Kolonien, als die Entfernungen noch größer und die Meere unbekannter waren . . . Uttb während ich diesen Frauenhut betrachte, der nach und nach wie alles andere in der grauen Dämmerung verschwimmt, schießen mir die Worte durch den Kopf: „Also ist sie wieder zurückgekehrt!" In der That erscheint sie hinter mir, ohne daß ich sie habe kommen hören; sie bleibt in dem dunklen Teile im Hintergründe des Gemaches stehen, wohin dieser Sonnenstrahl nicht dringt. Unklar wie eine in Totenfarben auf graue Schatten geworfene Skizze steht sie da, die junge Kreolin mit unbedecktem Haupte, mit ihren schwarzen, in ganz veralteter Weise um die Stirn gelegten Locken, mit ihren schönen, klaren Augen, die mit einer Mischung traurigen Schreckens und kindlicher Reinheit zu mir zu sprechen scheinen. So ist vielleicht nicht absolut schön, doch sie besitzt den höchstem Zauber. Und dann vor allem, ist sie eS! . . . Sie! dieses Wort ist schon an sich köstlich und reizend auszusprechen- es ist ein Wort, das in der Bedeutung, wie ich es verstehe, die ganze Lebensberechtigung ausdrückt und fast das Unendliche und Unerklärliche wiedergiebt. Wollte ich sagen, ich erkannte sie wieder, so wäre das ein alltäglicher und recht schwacher Ausdruck- es war weit mehr- mein ganzes Wesen stürzte mit gewaltiger Kraft auf sie zu, als wollte es sie fassen- und diese Bewegung hatte etwas Dumpfes, schrecklich Ersticktes, wie die unmögliche Anstrengung eines Menschen, der wieder zu atmen und zu leben versuchen wollte, nachdem er Jahre und Jahre unter dem Deckel eines Sarges zugebracht. ♦ ♦ ♦ Gewöhnlich zerreißt eine sehr starke, in einem Traum empfundene Erregung die unfaßbaren Fäden desselben, und es ist vorüber. Man erwacht- der leichte, einmal zerrissene Schleier schwebt noch einen Augenblick, fällt dann zurück und verschwindet, und zwar um so schneller, je mehr der Geist sich bemüht, ihn zurückzuhalten- er verschwindet wie eine zerrissene Gaze im leeren Raum, die man verfolgen möchte, und die der Wind in unergründliche Fernen fortträgt. Doch nein, diesmal erwachte ich nicht, und der Traum fuhr fort, ehe er erlosch- wie ein ersterbender Schatten verlängerte er sich. , . Einen Augenblick blieben wir, in der Erinnerung schwelgend, vor einander stehen- wir hatten keine Stimmen, um zu einander zu sprechen, fast keine Gedanken, nur unsere ge- ■ spenstischen Blicke kreuzten sich in köstlichem Erstaunen und in herrlicher Angst. Dann verschleierten sich auch unsere Augen, und wir wurden noch zu unklareren Formen- das Licht ward immer schwächer und schwächer, man sah fast garnichtS — 484 GeinerniMtzigeS Lsrrinspistisches. mein Traum aufgehört hat. Der Anfang und die Fortsetzung existierten nur in anderen Köpfen, die seit langer Zeit wieder zum Staube zurückgekehrt sind. Unter meinen Vorfahren waren Seeleute, deren Abenteuer mir nur unvollkommen bekannt geworden sind- gewiß liegen — ich weiß nicht, wo — in irgend einem kleinen Kirchhof der Kolonien alte Gebeine, die die Ueberreste der jungen Frau mit dem weißen Strohhut und den schwarzen Locken sind- der Zauber, den ihre Augen auf einen dieser unbekannten Vorfahren ausgeübt, ist mächtig genug gewesen, um einen letzten geheimnisvollen Reflex bis zu mir zu werfen- ich habe einen ganzen Tag an sie gedacht, und — ach! — mit so seltsamer Melancholie! Der menschliche Kopf ist mit unzähligen Erinnerungen angesüllt, die wie die verwickelten Fäden eines Knäuels wirr mehr. Sie ging hinaus und ich folgte ihr in eine Art Salon mit weißen Wänden, einen großen, nur spärlich mit einfachen Möbeln ausgestatteten Raum, wie mansie in den Wohnungen der Pflanzer häufig findet. Noch ein anderer Frauenschatten, der uns erwartete, war dort, diese Frau war in ein dunkles Gewand gekleidet - es war eine ältere Frau, die ich ebenfalls sofort erkannte, die ihr ähnelte. Es war jedenfalls ihre Mutter- sie erhob sich bei unserem Erscheinen. Wir gingen alle drei hinaus, gleichsam einer Gewohnheit gehorchend. Mein Gott! Wieviel Worte und wieviel Phrasen sind nötig, um schwerfällig alles das zu erklären, was ohne Dauer und ohne Geräusch zwischen schattenhaften Personen vorging, die sich leblos in einer stets wachsenden Dunkelheit bewegten, die noch farbloser und trüber war, als die der Nacht. Wir gingen alle drei bei der Dämmerung in eine kleine, traurige Straße, in der niedrige Häuser unter großen Bäumen standen. Am Ende erstreckte sich das Meer- eine Empfindung von Heimweh, von fernem Exil, wie man es im vorigen Jahrhundert in den Straßen von Martinique oder Räunion empfinden mochte, doch mit weniger starkem Lichte, schwebte gleichsam in der Luft. Das alles sah ich in jenem Dunkel, in dem die Toten leben. Große Vögel fliegen unter dem dunklen Himmel dahin. Augenscheinlich vollführten wir hier eine ganz gewöhnliche Handlung- wir machten in diesen immer durcheinander liegen. Tausende und aber tausende liegen in I dunklen Winkeln eingepreßt, aus denen fie nie wieder heraus- I kommen werden. Die geheimnisvolle Hand, die fie bewegt, I Der Hauptgrund. Unteroffizier: „Warum ist ein ergreift manchmal die entferntesten und unfaßbarsten, um sie I Schiffskampf stets noch mörderischer als eine Feldschlacht?" einen Augenblick ans Licht zu ziehen während jenes Zustandes — Soldat: „Auf dem Schiff kann man sich nicht so gut der Ruhe, der dem Schlummer vorangeht oder folgt. Der, I decken!" Unteroffizier: „Schon — aber warum hauptsächlich?" den ich eben erzählt, wird vielleicht nie wieder erscheinen, I Soldat (rasch): „Man kann nicht davonlaufen!" und sollte er selbst in einer anderen Nacht erscheinen, so * * * würde ich über diesen Ort und die Frau nichts weiter er- j AusderhöherenTöchterschule. Lehrerin: „Kannst fahren, weil zweifellos von dem, was sie betrifft, in meinem Du mir sagen, Louise, in welcher Schlacht Nelson fiel?" Kopfe nichts mehr vorhanden ist. Es. ist das letzte Fragment I Schülerin (nach einigen Minuten tiefen Nachdenkens): „Ich eines zerrissenen Fadens, der dort zu Ende sein muß, wo I glaube — in der letzten". („Münch. Jugend.") Silber aufzubewahren. Die beste Art und Weise, Sildergegenstände aufzuwahren, ist nicht das Legen derselben in mit Atlas oder Samt ausgepolsterte Etuis, noch deren Einwickeln in Papier, und sei es selbst weiches Seidenpapier, sondern man hebt dieselben am besten in weiches Leder gehüllt auf. In lederner Umhüllung werden die Silbergegenstände am wenigsten zerkratzt oder geritzt und lausen gar nicht immer schwacher. Die beiden Frauen waren nicht mehr I „«n ö , r,, , 1 ? Gefühl Zweier "leichte! und^anft? Schatten "di^ bekannten Weise, daß man immerhin Stück nimmt" und das l * f Schatten, die an meiner 8eber darüber legt und dann wieder ein Stück und das Leder f < ... | darüber rollt und so fort, bis das Dutzend oder halbe Dutzend 6 Ma9ien Kummers. , Kannen Körbchen, Schalen 2c., macht man für jeden Gegen- * I stand eine eigene paffende Hülle aus Leder, welche diesen fest Ich schlief lange Zeit nach diesem Traum ein, zwei I umgiebt und durch Zugsaum geschlossen wird. Stunden, ich weiß es nicht mehr. Beim Erwachen, bei der | c*.™. Rückkehr der Gedanken, sobald die ersten Erinnerungen in I oWW UN0 glutlCn. mir auftauchten, empfand ich jene Art innerer Bewegung, I Vor einigen Jahren machten neue Pflaumensorten, die die uns veranlaßt, aufzuspringen und die Augen weit aufzu- I man aus Japan bei uns einführte, besonders die SatslMM- reißen. I Pflaume viel von sich reden, doch haben diese Japanerinnen In meiner Erinnerung fand ich zuerst die Vision in j sich nicht recht in Deutschland einbürgern wollen. In Amerika ihrem stärksten Moment wieder, in dem Moment, wo ich ganz I dagegen — so berichtet die neueste Nummer des „praktischen plötzlich an sie gedacht, wo ich ihren großen, auf diesem I Ratgebers im Obst- und Gartenbau" — ist es gelungen, Stuhle liegenden Hut erkannt und sie hinter mir erschienen | Kreuzungen von amerikanischen und japanischen Pflaumen zu war. Dann erinnerte ich mich langsam, nach und nach, an I erzielen, die sich schnell verbreitet haben und durch ihre Größe, alles übrige: an die so klaren, mir schon bekannten Einzel- I ihr saftiges, wohlschmeckendes Fleisch immer mehr die alten heften dieser Wohnung, an diese im Schatten gesehene Frau, | amerikanischen Pflaumensorten verdrängen. Einzelne der an diesen Spaziergang durch die kleine, öde Straße • . . too | neuen Sorten, „Red June“, „Haie“ und „Wickson“, sind hatte ich denn alles gesehen und geliebt? . . . Ich suchte ! im „praktischen Ratgeber" abgebildet, letztere hat die Größe schnell in meiner Vergangenheit mit einer gewissen Unruhe eines mittleren Apfels. Es ist vorauszusehen, daß die neuen und traurigen Angst- ich glaubte sicher, etwas zu finden. I Pflaumensorten bald auch nach Europa kommen werden und Doch nein, nichts, nirgends - in meinem eigenen Leben nichts I seien unsere heimischen Pflaumenzüchter rechtzeitig auf diedergleichen! ... | selben aufmerksam gemacht! — Redaktion: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Uuiversttäis-Bnch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.