1899. Sonntag den 26. März. HIB ä s-. In «•■JOwWrfTHI WDFM rnS® dsä em gepreßten Herzen klinget r'MJ* Mancher tröstende Akkord, Aber wahren Frieden bringet Nur ein einz'ges strenges Wort. Pflicht, geübt mit festem Herzen, Bleibt allein auch ewig treu: Sie allein heilt alle Schmerzen, Sie allein macht Menschen frei. v. Feuchtersleben. Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. (Fortsetzung.) „Willst Du wieder fortgehen, Elfte?" fragte der alte Hans Heinrich traurig. „Es steht das ganz in Deinem Belieben, aber ich bleibe hier, ich gewöhne mich nicht mehr an einen fremden Ort. Alte Bäume soll man nicht verpflanzen." Elfte lächelte. „Du sollst auch hier bleiben, Vater. Aber ich will Dir eine bessere und würdigere Heimat be reiten, als dieses ärmliche Haus." „All right, mir genügt es." „Es soll aber auch zugleich meine Heimat, meine Stätte der Erfahrung, des Friedens werde«. Ich will in die Welt hinaus, Vater, ich will für Dich und mich kämpfen und streben, um uns ein freies, würdiges Leben zu schaffen. Ich habe meine Lehrzeit gut angewandt, ich habe die Welt kennen gelernt, ich kenne jetzt den Weg, der mich zum Ziele führt." „Weiß der Mensch das Ziel seines Lebens?" „Ich weiß es, Vater!" „All right, dann zieh hinaus — ich vertraue Dir." „Aber ich kann nicht allein in die Welt gehen — unsere gute Dorette muß mich begleiten." Frau Dorette erschrak gewaltig, als sie hörte, sie solle mit nach Berlin, nach Hamburg, vielleicht nach England und Amerika über das große, weite Meer. Aber was that sie nicht alles für das Herzenskind, für ihre Elste. Ihr resolutes Wesen half ihr auch über die Schrecken der weiten Reise hinweg. Den alten Kriegs- und Lebensinvaltden hatte sie unter ihren Schutz genommen und gegen Herrn Pannkuchen, Herrn Brendicke und die ganze Stadt verteidigt, jetzt wollte sie auch das Kind ihres Jugendfreundes auf feinen Weltfahrten beschützen und beschirmen und wehe dem, der ihrem Goldkinde zu nahe treten würde! Ihre einzige Sorge war der alte Hans Heinrich. Loch dieser lachte über die Besorgnis Frau Dorettens." //All right!" grinste er, „hab' meiner Lebtag schon oftmals unter anderen und schwierigeren Verhältnissen meine eigene Haushälterin sein müssen! Also, zieh nur mit in die Welt, Dorette, aber komm mir nicht als vornehme Dame wieder." Frau Dorette verwies ihm seine thörichten Scherze. Dann aber begab sie sich an das Einpacken der Koffer und Kisten, deren Elsie eine ziemliche Anzahl aus der Residenz mitgebracht hatte. Solche prächtige Kleider, solch feine Wäsche hatte Frau Dorette ihr Lebtag noch nicht gesehen, obgleich sie doch in den feinsten Häusern der Stadt, bei Bürgermeisters und bei Amtsrichters gewaschen hatte. Einen Tag vor der Abreise machte Elsie bei dem Rektor Ahrens einen Besuch. Der Rektor und seine Frau empfingen Elsie in leichter Verlegenheit, sie wußten nicht, was sie von dem Mädchen halten sollten. Als sie aber die stolze Erscheinung Elftes vor sich sahen, und ihre ruhige Sicherheit, ihr energisches Wesen bemerkten, da wurden sie nur noch unsicherer und verlegener. „Sie i-nb erstaunt, mich wieder hier zu sehen, Herr Rektor?" sprach Elsie lächelnd. „In der That — ich glaubte, Sie würden ein Engagement annehmen — Sie würden die künstlerische Laufbahn verfolgen — ich denke, Sie bleiben nicht lange bei uns ..." „Wenn es auf mich allein ankäme, bliebe ich für immer hier," entgegnete Elsie ernst. „Aber so reise ich morgen wieder ab. „Erklären Sie mir doch — bitte." „Sie haben mich in die Welt hinausgesandt, Herr Rektor, meinem eigenen Wunsche gemäß. Ich bin Ihnen von Herzen dankbar für Ihre Liebe und Güte, mit welcher Sie meine Kindheit geleitet, für Ihre Erziehung und Ihre Lehren. Ohne Sie wäre ich ein einfaches Bauernmädchen geblieben — vielleicht zu meinem Glück." „Sie versündigen sich, Elste. Ich habe das Beste mit Ihnen im Sinn gehabt, wenn dennoch Unangenehmes daraus entstanden ist, ich bin schuldlos." „Die Schuld trage ich," versetzte Elsie bitter. „Weshalb träumte ich so thöricht von der großen, schönen Welt, von dem Märchenprinzen, der mich zu seiner Prinzessin machen sollte ..." „Elsie?!" „Fürchten Sie nichts, Herr Rektor. Ich bin keine Prinzessin geworden. Ich bin arm und frei; ebenso arm und frei, wie damals, als ich von hier fortging. Aber 174 kräftiger, stolzer, trotziger bin ich geworden, und das soll mir jetzt in dem Kampf mit der Welt Nutzen bringen." „Es sind bittere Worte, welche Sie da sprechen, Elsie, und bittere Erfahrungen müssen Sie gemacht haben, daß Sie so sprechen können. Aber diese bitteren Erfahrungen dürfen Sie nicht abhalten, weiter zu streben, weiter zu arbeiten, dürfen Ihnen vor allem nicht den Glauben an Gott, an seine Allgüte, seine Allmacht, seine Allweisheit rauben. Was Sie auch erfahren haben mögen, der Allwissende allein weiß, weshalb er Ihnen diese Erfahrungen gesandt, Sie müssen in Demut auf ihn vertrauen, Sie dürfen nicht trotzig gegen seinen Willen ankämpfen. Haben Sie den Frieden in der Welt nicht gefunden, so werden Sie den Frieden in sich finden, wenn Sie in vollem Gottvertrauen weiter arbeiten, weiter streben. Einen anderen Rat kann ich Ihnen nicht geben." „Ich danke Ihnen für Ihren Rat, mein väterlicher Freund," entgegnete Elsie bewegt. „Ich werde versuchen, ihn zu befolgen. Und nun leben Sie wohl." „Wohin gehen Sie?" „Nach Berlin zuerst, ich habe auf ein Jahr Kontrakt mit einem Konzert - Unternehmer abgeschlossen. Von Berlin geht es durch die Hauptstädte Europas, dann nach Amerika, 4« meine alte Heimat." „Und fürchten Sie sieb nicht vor der großen Welt?" Elsie lächelte stolz. „Ich habe das Fürchten verlernt. — Leben Sie wohl, Herr Rektor, nehmen Sie sich meines Vaters an, bis ich zurückkehre." „Seien Sie unbesorgt." — — So schied Elsie zum zweitenmale aus ihrer Heimat, aus dem Armenhause von Benneckenstein. Aber nicht mehr rin banges, zitterndes Kind, von thörichten Ahnungen und Hoffnungen beseelt, sondern frei und stark, ohne Zagen und Bangen, ohne Ahnungen und Erwartungen, aber auch ohne Glück und ohne Hoffen. Nur ein Ziel hatte sie im Auge: ihre Freiheit, ihre Selbständigkeit zu erringen! Die Welt lag nicht mehr vor ihr im Dämmerschein des Märchenzaubers, sondern klar und scharf umrissen, wie eine klare Herbstland- schäft, deren helle, durchsichtige Luft uns keinen Winkel, keine Wunde verbirgt, welche der heiße Sommer, welche die Sense des Schnitters der Erde geschlagen. Klar und scharf war auch das Auge Elsies geworden, fest auf das eine Ziel gerichtet, das ihr kein Glück, keine Freude, sondern nur Ruhe, Freiheit und Unabhängigkeit bringen sollte. Sie tauchte unter in das Meer der Welt! Um sie brandeten die Fluten, schlugen über ihr zusammen, drohten sie herabzuziehen in die schlammige Tiefe, aber sie war eine kühne Schwimmerin und sie arbeitete sich empor mit starken Armen, festem Herzen und stolzer Seele. Die Angst, das Bangen, das erstickende Gefühl, welches andere Künstlerinnen bet ihrem ersten Auftreten empfinden, es blieb ihr fremd. Wie eine Fürstin, wie eine Königin im Reich der Kunst stand sie da, umbraust von dem Jubel der Menge, überhäuft mit Kränzen und Blumen, überschüttet von den Lobsprüchen der Rezensenten und getragen von der Begeisterung ihrer Verehrer. Nur einmal fürchtete sie ihre Selbstbeherrschung, ihre Kraft zu verlieren. Es war in Berlin. In dem großen Saale der Philharmonie hatte sie gesungen und einen Triumph sondergleichen gefeiert. Die Menge applaudierte wie rasend; man drängte zum Podium, man überschüttete sie mit Blumen, mau bat und bettelte noch um ein Lied, die jungen Damen küßten ihr die Hände, die älteren Damen umarmten sie gerührt, begeistert, hingerissen. Und Elsie stand mit kaltem, stolzen Lächeln inmitten der jubelnden, begeisterten Menge, verbeugte sich hier- und dorthin und wehrte in kühler Zurückhaltung die allzu stürmischen Huldigungen ab. Sie entschloß sich, noch ein kleines Lied zu singen und gab das Zeichen zum Beginn der Begleitung. Augenblicklich trat atemlose Stille ein. Elsies Auge flog mit sieghaftem Lächeln über die regungslose Menge, da blieb ihr Blick an einer Gestalt haften, welche seitwärts der Bühne in einer halbdunklen Loge stand und sich weit vorbeugte. Das blaffe Antlitz, die dunklen Augen waren mit fast angstvoll bittendem Ausdruck erfüllt,- die Augen hingen an ihrem Antlitz, die leicht erhobene Hand schien sich ihr bittend entgegen strecken zu wollen. Elsie erblaßte — sie erkannte den Herzog und hinter ihm da« scharfe, spöttische Gesicht des Rittmeisters, seines Adjutanten. Sie preßte die Hand auf das Herz und rang nach Atem. Es war das erstemal, daß sie ihm in der Welt wieder begegnete, der alte Zauber wollte ihr Herz, wieder umstricken, mit gewaltiger Anstrengung zerriß sie den Schleier dieses Zaubers, der sich um ihr Herz, um ihre Augen legte, und sich rasch nach der entgegengesetzten Seite wendend, sang sie das Schubertsche Lied „Gefrorne Thränen": „Gefrorne Tropfen fallen von meinen Wangen ab. Ob es mir denn entgangen, daß ich geweinet hab? Ei, Thränen, meine Thränen, und seid Ihr gar so lau, Daß Ihr erstarrt zu Eise, wie kühler Morgentau? Und dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, Als wolltet Ihr zerschmelzen des ganzen Winters Eis . . Als der Beifall verklungen und sie noch einen scheuen Blick nach der Loge warf, war sie leer. — Ihre Kraft war zu Ende, rasch zog sie sich zurück. Am folgenden Morgen, als Elsie eben ihre Toilette beendet hatte, trat Frau Dorette mit wichtiger Miene in da» Zimmer — die treue, alte Seele hatte sich im Laufe einiger Monate zu einer vortrefflichen Stütze ihrer jungen Herrin emporgearbeitet. Mit natürlichem Verstand wußte sie sich bald in alle Lagen des abwechselungsreichen KünstlerlebenS hineinzufinden- fie war der beste Schutz für Elsie- ihr resolutes Wesen scheuchte jede dreiste Annäherung zurück, und selbst der Herr Impresario besaß einen heillosen Respekt vor dem „alten Drachen", wie er Frau Dorette zu betiteln beliebte. „Nun, Dorette," fragte Elsie lächelnd, „was giebt es denn? Sie machen ja ein Gesicht, als stände ein König vor meiner Thür." „Wenigstens ein sehr vornehmer Herr — der Herr Onkel von Ihnen, Fräulein Elsie." „Mein Vetter?" „Hier ist seine Karte. Der Herr Baron bittet mn eine kurze Unterredung." „Freiherr von Hannecken, General z. D., Hoftheater- Jntendant" — las Elsie auf der goldumränderten, wappengeschmückten Karte. Sollte sie ihn empfangen? Schon wollte sie die Karte bei Seite werfen und Dorette anweisen, dem General zu bestellen, sie sei nicht zu sprechen, als ihr die Erinnerung an die freundliche Aufnahme in dem Hause de» Generals aufstieg. Es wäre undankbar gewesen, ihn schroff zurückzuweisen. Deshalb ließ sie ihn bitten, einzutreten. Einmal mußte sie ja doch eine Aufklärung ihres raschen Verschwindens aus der Residenz geben. An ihrem Schreibtisch stehend, empfing sie den General mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, das die verlegene Erscheinung des alten Herrn hervorgerufen hatte. In tadelloser Besuchstoilette, in Frack, weißer Kravatte, den blitzenden Ordensstern auf der Brust, erschien der General und verbeugte sich in ehrerbietiger Weise. „Ich freue mich unendlich, mein gnädiges Fräulein, daß Sie die Güte hatten, mich zu empfangen." Elsie streckte ihm die Hand entgegen. „Aber Onkel, Excellenz," entgegnete fie mit leichtem Spott, „wozu solche Förmlichkeit zwischen uns? Ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht vergeffen haben." „Ich Sie vergeffen?" — der alte Herr atmete tief auf. „Ich werde meiner Lebtage an Sie denken, denn — denn Ihretwegen habe ich eine böse Stunde verlebt." „Meinetwegen?" „Ja, Elsie. Weshalb gingen Sie auf meinen Vorschlag nicht ein? Weshalb nahmen Sie mein Engagementsangebot 175 Nicht an? Weshalb verschwanden Sie bei Nacht und Nebel? Der Herzog war wütend, Ihre Hoheit, die Herzogin-Witwe war sehr traurig — man machte es mir zum Vorwurf, daß id) Sie nicht zurückgehalten hatte — ich bitte Sie, Elste, habe ich nicht alles gethan, Sie zurückzuhalten?" „Alles, was in Ihren Kräften stand," entgegnete Elste bitter. „Nur in Ihr Haus konnten Sie mich nicht auf- nehmen." „Mein Gott, wenn Sie mir alles gesagt hätten!" „Beruhigen Sie fich. Sie sind wahrlich nicht schuld, baß ich die Stadt so schnell verließ. Die Schuld trägt allein -der Herzog." „Der Herzog?" „Ja, er brach die Brücken hinter sich ab, er hielt es nicht einmal der Mühe für wert, noch ein Wort an mich -zu richten, er reiste noch an demselben Abend fort." „Ach, Elste, Sie wiffen ja den Zusammenhang nicht. Der Herzog reiste ab, nachdem er eine lange Unterredung mit Ihrer Hoheit gehabt. Sie forderte seine Abreise, nur unter dieser Bedingung wollte sie Sie, Elsie, bei fich behalten, für Sie weiter sorgen." Elsie erbleichte. Also das war des Rätsels Lösung! Oh, wie thöricht war sie gewesen in ihrem Mißtrauen, in shrer Verblendung! Sie erkannte die Absicht der Fürstin, Ihr den Abschied vom Hofe ehrenvoll und leicht zu gestalten, welche Absicht ihr rascher Schritt vereitelt hatte. Aber es war ja jetzt nichts mehr zu ändern. Vielleicht war es gut, daß alles so gekommen, sie hatte sich wenigstens ihre Freiheit und Unabhängkeit bewahrt. „Ich bedauere sehr, die Herzogin betrübt zu haben," sagte sie leise. „Sie können Ihren Fehler wieder gut machen, Elsie!• rief der General lebhaft. „Sie können den Herzog, Sie Wune Ihre Hoheit versöhnen! Sie brauchen nur auf meinen Vorschlag einzugehen." „Ich verstehe Sie nicht." „Wir haben Ihre RuhmeSlausbahn verfolgt, Elsie. Der Herzog, die Herzogin, namentlich die letztere ist hocherfreut, daß Sie sich so rasch Anerkennung errungen. Gestern abend hörte Sie der Herzog, ich war mit ihm in Ihrem Konzert — ach, Elsie, welch' eine Bühnenkünstlerin würden Sie werden!" „Wollen Sie mir ein Engagement anbieten?" fragte lächelnd. „Allerdings will ich das!" „Kommen Sie etwa im Auftrage des Herzogs?" „Nein, Elsie, ich komme auS eigenem Antriebe. Aber ich weiß, daß der Herzog, daß die Herzogin alles, was vorgekommen, vergessen würden, wenn Sie sich entschließen könnten, an unser Hoftheater zu kommen." „Wenn sie alles vergeffen könnten, ich vermag nichts zu vergessen!" „Ach, Elsie, Sie thun uns, Sie thun dem Herzog unrecht! Der Herzog ist ein edler Mensch, er würde Ihnen mit der größten Achtung begegnen, und die Herzogin würde Sie freudig begrüßen. Meine Gattin und ich, wir würden Sie in der Gesellschaft einführen, Sie würden in unserem Hanse Wohnung nehmen. Elsie, ich bitte Sie, überlegen Sie mein Angebot! Auf die Gage kommt eS nicht an — fordern Sie nur! Wenn es auch nur auf ein Jahr wäre! Nur auf wenige Monate als Gast — bedenken Sie Ihren Vorteil nach jeder Richtung hin! Der Herzog würde Sie zur Kammersängerin ernennen. Ich will Sie als meine Tochter empfangen und halten und Sie sollen meinen Namen führen — bedenken Sie — mit einemmale haben Sie den Gipfel erreicht. Die Welt liegt bewundernd Ihnen zu Füßen!" (Fortsetzung folgt.) Palmsonntag. Novelette von Gerhard Walter. ------ (Nachdruck verbot«.) Der Oberleutnant zur See von Willbrandt saß vor einem Haufen von Briefen. Vor wenigen Tagen erst war er nach dreijährigem Aufenthalt in fernen Meeren an Land gekommen. — Gleichmütig öffnete er die Briefe. Aber plötzlich belebten sich seine Züge. „Aha!" sagte er und setzte sich zurecht. Ein etwas spöttisches Lächeln legte fich um den energischen Mund. „Ist das nur möglich! Merkwürdig, was das für einen Unterschied macht, ob man als armer Offizier um ein Darlehen bittet, oder selbst ein reicher Mann geworden ist! Und da letzteres bei mir eingetreten, entsinnt sich der brave, alte Kammerherr mit einem Mal des sonst wenig geliebten Neffen und ladet ihn zu sich ein! Kann mir gerade einfallen! Jetzt bin ich Euch gut genug!" — Er warf den Brief zornig auf den Tisch. „Vor drei Jahren war ich zuletzt da. Scheußlich steif und langweilig! Ein Lichtblick war nur die reizende Hedwig von Landring! Ein prächtiges Mädel! War ja schon damals mit ihren dreizehn Jahren ein junges Geschöpf von seltsamem Liebreiz. Hab' genug draußen auf See an das liebliche Kind denken müffen — so jung sie war, doch Lady durch und durch und fast erwachsen. Die ist nun auch schon sechzehn Jahre alt und konfirmiert und Gott weiß was sonst!" Er stand am Fenster und sah hinaus. „Donnerwetter, ich fahre doch!" rief er plötzlich, „und nur um ihretwillen! Los Vorschotten!" Er öffnete das Fenster und ließ die duftige Frühlingsluft ins Zimmer wehen. Er atmete tief auf. „Ich muß dem Frühling wieder einmal auf dem Lande ins Gesicht sehen. Draußen giebt's Osterlilien und braune Erde und Weidenkätzchen zum Palmsonntag!" Und er fuhr hinaus. Klangvoll läuteten die Glocken den kommenden Palmsonntag ein beim Sonnenuntergang. Auf dem Dorfteich trieben die plätschernden Enten Unfug und auf dem Anger weideten junge Gänslein im pluftrigen, gelben Federkleid. „Famos!" sagte er behaglich. Da fuhr der Wagen ins Hofthor ein. Steif und förmlich empfing ihn der Kammerherr. — „Wir haben morgen Einsegnung der Kinder", bemerkte der alte Herr gemessen, als sie am Abend ums Kaminseuer saßen,- „ich vermute, daß es Dir Freude machen wird, daran teilzunehmen". Der Seemann verbeugte sich. „Sagen Sie mal, verehrter Herr Onkel", bemerkte er nach längerer Stille, „wie geht's aus Grünhaide bei Herrn von Landring?" Der Kammerherr schloß die Augen, als wenn ihm etwas weh thiite. „ Cie Tochter wird morgen konfirmiert", sagte er kalt, „hier in meiner Kirche!" „Was?" entfuhr es dem Seeoffizier, „jetzt erst konfirmiert?" „Mit sechzehn Jahren dürfte zeitig genug sein!" entgegnete der Kammerherr in demselben lässigen Ton, „sie soll nachher gleich aufs Seminar". „Seminar?" wiederholte der Leutnant tief erstaunt: „Seminar, sagen Sie?" „Landrtng ist im Konkurs, und das Mädchen muß sich selbst helfen!" kam es abgemessen und selbstverständlich aus dem Munde des Kammerherrn. „Erspare mir weiteres- wir haben den Verkehr abgebrochen, und ich wünsche, daß Du dasselbe thust! — Gehen wir nun zur Ruhe!" Der Offizier küßte der Tante die Hand und ging auf sein Zimmer. Aber zur Ruhe ging er noch lange nicht. „Armes, süßes Kind!" sagte er tief in Gedanken, als er endlich das Licht ausblies. Die Glocken läuteten klar und feierlich zur Kirche. Im Zuge gingen die Konfirmanden von des Pfarrers Haus zum Gotteshause. Hoch vor all' den andern ragte eine schlanke 176 vornehme Mädchengestalt, die in einfaches Schwarz gekleidet war, ohne Ketten und Goldumhänge. Sie unterschied sich in nichts von den andern als durch ihre rührende Schönheit und den tiefen Ernst, der auf dem jungen Gesichte lag. So ging sie an der Spitze der Mädchenschar und trat mit ihnen in die Kirche unter den brausenden Klängen der Orgel,- und glockenhell klang ihr goldener Sopran aus den Stimmen der Genossinnen heraus, wie sie einzogen unter dem Schall des Ehorals, von dem Pfarrer bis zum Altar geführt. Aller Augen lagen auf der edlen Gestalt des Fräuleins von Landring. Die Augen des Majors von Landring, ihres Vaters, der tief zurückgelehnt in seinem Wappenstuhl saß, füllten sich mit Thränen. Ein Blick voll unendlicher Liebe flog aus den Augen seines schönen Kindes hinein in seine Verborgenheit. Die Mutter war nicht mehr bei ihnen. — Die Augen des Seeoffiziers hingen wie gebannt an der llebltchen und doch so stolzen Gestalt des Mädchens, die nun atS voll aufgeblühte Jungfrau vor ihm stand, und herzliches Erbarmen flutete durch sein Herz. „Tu liebes, schönes, armes Kind!" zog es ihm durch den Sinn — „was hat man Dir, Du armes, Kind, gethan?" Jetzt fiel ihr Blick auf den glänzenden, stattlichen Offizier, der, hochaufgerichtet auf den Säbel gestützt, im Stuhl des Kammerherrn stand. Tief neigte er sich vor dem Mädchen, über dessen feines Gesicht leichte Röte flog. „Möchtest Du Dich nicht setzen?" sagte der Kammerherr leise und kühl! „Dein Stehen fällt auf!" Der Sabel des Seeoffizieres verhallte laut auf den Fliesen, wie er dem Wunsch zornig nachkam. Wie eine Rose unter allerhand nahrhaftem Kraut stand Hedwig von Landring da vor dem Altar. Tief neigte sie sich vor dem Segensspruch, und in ihren dunklen, leuchtenden Augen glänzten zwei Thränen, als sie den Blick wieder dorthin wandern ließ, wo der Major mit seinen weißen Haaren saß Die Feier war zu Ende. Der Zug der jungen Christen ordnete sich. Es wurde unruhig in der Gemeinde. Die Orgel setzte ein. Wlllbrandts Augen folgten Hedwig. „Ich wünsche nicht, daß Du dem Fräulein von Landring jetzt Deine Glückwünsche darbringst oder überhaupt das Haus aufsuchst", sagte der Kammerherr, den Pelz umhängend. Der Offizier richtete sich hoch auf und sah dem alten Herrn ins Gesicht, ohne ein Wort zu sagen. Es war ein klarer, fester Seemannsblick aus stahlblauen, energischen Augen. Dann ging er hinter dem Kammerherrn her und draußen vor der Kirche geradeswegs auf Hedwig zu und reichte ihr die Hand vor allem Volk. „Ich bitte um die Erlaubnis, Ihnen heute in Ihrem Hause meinen Glückwunsch abstatten zu dürfen!" sagte er laut. Sie sah ihn mit ihren prächtigen, leuchtenden Augen an und legte ihre Hand in seine. „Sie sind uns ja immer willkommen!" Da zog er ritterlich, fest zusammengerafft, die Hand des schlanken Mädchens hoch an seine Lippen: „Auf Wiedersehen!" In diesem Augenblicke fuhr der Wagen des Kammerherrn ad. Der Seeoffizier grüßte wie vor einer Fürstin vor Hedwig und ging, den Säbel schleppen lassend, gleichmütig hinterher. Hedwig ging am Arm des Majors dem Hause zu, das sie bald verlassen und anderen lassen sollten. Ein heller Schein lag auf Beider Gesicht. „Es giebt doch noch Kavaliere!" sagte der Major und sah sein schönes Kind an. — Eme Stunde später ließ der Oberleutnant zur See von Willbrandt sich bei dem Major von Landring melden. Bier Hände streckten sich ihm freudig entgegen, und zwei wundervolle Mädchen-Augen boten ihm den Willkomm. „Wissen Sie aber auch, in was für ein Haus Sie treten?" fragte der Major) „in das Haus eines Verfehmten und Heimatlosen!" „Wissen Sie denn, wen Sie aufnehmen?" fragte der Seeosfizicr lachend zurück: „einen Hinausgeworfenen! Wollew Sie mich aufnehmen? Es ging etwas hitzig zu auf de». Schlosse, und ich habe eine Abneigung dagegen, mich schlecht behandeln zu lassen." „Von Herzen willkommen! Nehmen Sie mit unserer Armut sürlieb!" — Liebreizend stand Hedwig neben de« Vatxr. Ein einfaches Mahl zu Dreien. Ein geringer Trunks Aber leuchtende Augen. Und herzliches Vertrauen. „Ich hätte nicht gedacht, daß wir s o feiern würde»!" sagte der M ajor. — „Herr Major!" sagte der Oberleutnant am Abend zu de« alten Herrn, „der Kammerherr war eben so liebenswürdig, «ir meinen Koffer zu schicken,- wollen Sie mich wirklich behaltend So für 14 Tage?" Der alte Soldat nickte gedankenvoll: „Wie gern!" „Mein gnädiges Fräulein, Sie auch?" Er war aufgestanden und vor Hedwig hingetreten und hielt ihr die Hand hin. Zaghaft legte sie die ihre hinein und sah zu ihm empor. „Fräulein Hedwig — ich habe Sie drei Jahre lang auf See im Herzen getragen und nur um Ihretwillen kam ich her«. Hier stehe ich, ich kann nicht anders: Wollen Sie mich haben?' Es ist alles wieder in mir aufgewacht und schläft nie wieder ein. Willst Du, Hedwig, Du Holde? Stürmend wie drouße» die See, kommt meine Liebe über Dich —" zitternd stand fie vor ihm. — Da zog er sie an sich, und ihr junges Haupt lag an seiner Schulter. „Was sangt Ihr heut' Morgen?" „All Fehd' hat nun ein Ende!" sagte er mit unendlich weicher Stimme- und dann lachte er dröhnend auf und trat, den Arm um sie schlingend,, mit der jungen, reizenden Braut vor den Major, der überwältigt dastand: „Bloß die Fehde mit dem Kammerherrn wird nie ein Ende nehmen. Aber es geht ja auch so!" Der Major stand in der tiefen Fensternische und blickte hinauf. Da oben stand der volle leuchtende Ostermond und alle Sterne, und Licht lag über der stillen Gotteswelt. Und in der anderen tiefen Fensternische standen auch zwei und sahen einander in die Augen. Und blendendes Licht lag; auch über ihrer Welt. Mild ging draußen der Frühling, durchs Land. Palmsonntag-Abend I Vermischtes. Gesim-Heitsschädiguirgen durch Klavierspiele» vei jungen Mädchen. Wider die Gesundheit der Kinder wird im Hause von den Eltern nicht selten recht schwer gesündigt, namentlich durch das frühzeitige Klaviergeklimper.. Stundenlang müssen die Mädchen in der Schule sitzen, die häuslichen Schulaufgaben zwingen auch noch 1 bis l*/3 Stunde» zu sitzender Thätigkeit, und dann kommen noch die Klavierübungen. Kein Wunder, wenn die Mädchen unter de« Mangel an Körperbewegung leiden. Und namentlich weil die jungen Mädchen allzufrüh und allzu viel zum Klavierspielen angehalten werden, treten nach Waetzhold („Journ. d'hygiöne") bei ihnen ost Bleichsucht und Nervenstörungen auf. Nach den Beobachtungen dieses Fachmannes kom«e» Nervenstörungen weit häufiger bei Mädchen vor, die vor de« zwölften Lebensjahre zum Klavierspielen genötigt wurden, als bei solchen, die damit später beginnen- noch seltener sind sie bei solchen, die überhaupt nicht Klavier spielen. Nach der Ansicht Waetzholds sollte das Klavierspielen den Mädchen erst gestattet werden, wenn sie fünfzehn bis sechzehn Jahre alt geworden, dabei vollkommen gesund sind und besondere Neigung und Talent für Musik zeige«. — Dieser Rat ist sicher beherzigenswert- aber wie wenig Mütter werde« den Mut dazu haben, ihn zu befolgen? Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.