ZE >m Herrn, der alles gleich gewährt, Ist nicht des Gebens Kunst gelehrt: Stets muß er Mangel leiden oder trügen. Viel besser zehn versagen als ein Lügen. Er soll versprechen wen'ger, grüßen mehr, Will er für seine Ehre sorgen: Was er von andern nicht mag borgen, Noch selber hat, versage er. Walther v. d. Vogelweide. Nachdruck verboten. Pygmalion. Novelle von Anton Frhr. von Perfall. (Fortsetzung.) Im Laufe der Jahre war sein Bild längst erblaßt, da — es war vor wenigen Monaten, kam die furchtbare Mahnung — Ein Schreiben von dem Polizeiamte in M. Herr Holaus wird ersucht, ewaige mögliche Angaben über den Aufenthalt des Andreas Fichtner, des Vaters, des von demselben angenommenen Kindes Marie, umgehend an die Polzizeidirektion gelangen zu lassen. Der Mann, ein höchst gefährliches Individuum, ist verschiedener schwerer Vergehen halber steckbrieflich verfolgt und ist im Betretungsfalle an das nächste Amtsgericht abzuliefern. Holaus hatte das Schreiben eben wieder aus dem wohlverwahrten Fache genommen und über dem wiederholten Lesen seine ganze Umgebung vergessen. Der trockene Amtsstil empörte ihn. Alle erdenklichen Bilder entstanden vor ihm — das düstere Jourzimmer mit dem grünbeschirmten Schreiber, in seinem Arme Marie, in triefende Lumpen gehüllt, der brave Wachtmeister, — — die Bank im Parke, der Todesschrei der Mutter, der schwarze Strom — die That, — das Zimmer der Frau Beiger. — Dann ging es aufwärts im Sturmschritte, immer sie an der Seite, das Martele. — Wenn er verzagte, wenn der alte Holaus sich rührte, ein Blick auf sie, und alles war gut. Er lernte mit ihr, spielte mit ihr, goß alle seine verkannten Ideale, seine innersten Gedanken und Wünsche itr diese liebliche Form. Sie weitete sich, vertiefte sich. Er war ihr wahrer Schöpfer, er gab den Inhalt, er war ihr — Pygmalion! Ein Wagen fuhr in den Fabrikhof. Jäh fuhr er auf, warf das Schreiben in die Lade zurück und eilte an das Fenster. Das Blätterwerk der Kastanien verbarg daS Gefährt seinem Blicke. Er vernahm die laute Stimme der Frau Opel, welche Marie auf dem Bahnhof abgeholt. Er erblickte die wohlbekannten Koffer auf der Achsel eines Dieners, dann perlte ein Lachen herauf — ein Strohhütchen mit einem rosa Bande tauchte zwischen den Blättern auf. Holaus hielt die Hand auf das Herz. Durfte es denn nicht lauter schlagen, wenn sein Kind zurückkehrte. Doch, wo blieb sie denn? Warum eilte sie nicht in seine Arme? „Ei, das Mariele! Donnerwetter! Da muß man ja „Sie" sagen. Einfach reizend! Entzückend! Nun, da wird der Papa gucken! Na, nur nicht so eilig!" Das Uebrige war nicht mehr verständlich. Holaus runzelte die Stirne und biß sich auf die Lippe. Es war die Stimme Hermanns, seines Kompagnons. Man hält doch nicht ein Kind auf, das nach zweijähriger Abwesenheit in die Arme seines Vaters eilt. Mit welchem Blicke er sie ansehen wird, die erblühte Jungfrau, dieser frivole, rücksichtslose Mann. Er war ihm herzlich gut, hatte ihm vieles zu danken - aber in diesem Punkte verachtete er ihn geradezu, den ausgemachten Wüstling. Sie kam nicht, immer noch nicht. Er vergaß, daß es sich nur um Minuten handelte. Plötzlich riß er das Fenster auf und rief zornig: „Marie!" Da kam sie herbeigeeilt, mit Schirm und Tasche winkend, eine Vollreife Mädchengestalt im duftig weißen Sommerkleide, den Hut im Nacken, die Wangen glühend, das üppige Blondhaar von der Reise verwirrt. Unter dem Fenster blieb sie stehen. „Empfängt man so sein Kind, von der garstigen Arbeitsstube aus?" rief sie schmollend hinauf. „Aber, liebes Kind, ich hatte eben wichtige Geschäfte —," erwiderte Holaus. „Die hat Onkel Franz gewiß auch, und doch ist er mir entgegen gekommen. Das macht — weil er mich mehr liebt, als Du." Schon war sie im Hause verschwunden. Herrmann, ein stattlicher Mann von aristokratischem Aussehen, in elegantem Reitkostüme, winkte ihm zn 678 »Gratuliere, Hans, gratuliere! Ein Prachtmädel geworden, die Marie." Holaus trat vom Fenster zurück. Dieser ewig lachende Mensch war ihm in diesem Augenblicke in der Seele zuwider. Mariens letzte Worte klangen in ihm nach. Sie waren ja nur scherzhaft gemeint, aber daß es die ersten sein mußten, die er aus ihrem Munde zu hören bekam — das verdroß ihn. Da stürmte sie schon herein, hing an seinem Halse und küßte ihn. (Fortsetzung folgt.) Eine Reiseerinnerung an Durban. Von Marinepfarrcr a. D. P. G. Heims. ------- (Nachdruck verboten.) Asiens Strand war hinter uns versunken, und nach zweiunddreißigtägiger Fahrt durch den Monsun des Indischen Ozeans mit seinem stürmischen Seegang gingen wir zu Anker angesichts der Berge Südafrikas auf der unwirtlichen Rhede von Port Natal, in zwei Seemeilen Entfernung von der brandungumbrausten Küste. Wenn dieser Ankerplatz in Daniels „Großer Geographie" als „herrlicher Hafen" bezeichnet wird, dann zeugt das von großer Bescheidenheit des Berichterstatters. Mißvergnügt sah das hügelige, grünbewaldete Ufer, vor dem sich ein sandiger Dünenstreifen hinzog, auf das deutsche Kriegsschiff- auch der hohe, schlanke, weiße Leuchtturm auf dem ragenden Vorgebirge, das der Rhede nicht viel Schutz zu verleihen vermag, schaute zu uns herüber mit recht nichtssagendem, fragenden Ausdruck. Aber die Fregatte wiegte sich, wie müde von der langen Fahrt, vor 140 Meter Ankerkette, und eilig kamen vom Leuchtturm her die krausen Seen der Bucht heran und spülten aufdringlich um ihren Bug, wildes, unnützes Volk, das seine eigentliche Natur erst weiterhin zeigte auf der „Barre", die vom Leuchtturm zum jenseitigen Ufer hinüber den Eingang in das eigentliche Hafenbecken sperrt. Dort über der Barre wälzten sie sich tobend und flegelnd, schaumig und brausend dem Strande zu. Außer der deutschen Fregatte lagen verschiedene andere Dampfer und Segelschiffe auf der Rhede, die aber alle wie schwerbetrunken vor der gewaltigen Dünung schwankten - flinke kleine Schlepper fuhren zwischen ihnen hin und her und tauten auch wohl dieses oder jenes Fahrzeug über die Barre, die bei Hochwasser für Schiffe mit niedrigem Tiefgang passierbar ist. Weiße Tauchermöven, große mit schwarze* Flügelspitzen, flogen in Scharen über dem bewegten Wasser, um plötzlich wie ein niederzuckender Strahl mit solcher Gewalt auf ihre Beute niederzuschießen, daß der weiße Gischt hoch um sie aufspritzte. Zierliche „Kaptauben" strichen über die See hin, die auch einer kleinen Mövenart angehören, oben braun mit weißer Zeichnung, als wären sie mit Kalk bespritzt - dunkle Seeraben mischten sich unter sie- feiner Wasserstaub versprühte auf den verwehten Seen- die Sonne ging hinter unfreundlichen Wolken unter, und ganz drüben, auf den Höhen, waren weiße Häuser sichtbar. Aber an ein Landen war für uns nicht zu denken mit eigenen Boten, so wenig wie für die englischen Ersatztruppen daran zu denken sein wird, auch für den Fall, daß die Buren dann die Stadt Durban noch nicht besetzt haben. „Port Natal" heißt Hafen und Rhede darum, weil Vasco de Gama am dies „Natalis“, am Weihnachtstage 1497, diesen Ankerplatz entdeckte. Die Stadt trägt den Namen Durban einem früheren englischen Gouverneur zu Ehren. Passierbar ist die Barre nur für die dort gebräuchlichen Schlepper, die Tucks- und was und wen die Engländer ausladen wollen, wird auf ihnen die Durchfahrt erzwingen müssen. Und die ist gar nicht so einfach. Drohend tosen über der Barre die Brecher, die heranbrausenden, sich überstürzenden, schäumigen Seen, über denen eS wie luftige, zerrissene Schleier im Winde weht- lang, breit, grünlich schillernd mit weißem Kamm rollt es heran, das reelinglose Dampfboot hebend und senkend, daß die Salzflut über das Deck des Fahrzeugs platschend hinspült, das taumelnd und schaukelnd in der Brandung sich wälzt. Wenn eine feindliche Macht das Ufer besetzt und die Durchfahrt unter Feuer hält, dann dürfte eine Landung, ehe der Feind durch Geschütz feuer von der unruhigen Rhede aus unschädlich gemacht ist, zu den unmöglichen Dingen gehören. Und von bewegter See aus schießt es sich bekanntlich nicht gut auf feste Ziele. — Ist die Barre passiert, öffnet sich hinter ihr ein großes, schönes, stilles Becken: der Has en. Es bestand ein großartiger Plan, ihn durch Wellenbrecher, Sprengungen und Baggerungen zu erweitern und für große Schiffe zugänglich zu machen. Zum Teil soll er durchgeführt sein. Die seit 1835 besiedelte Stadt mit ihren freundlichen, breiten, regelmäßigen Straßen macht den angenehmsten Eindruck: Große Läden, stattliche Gebäude, als Bank, Postgebäude und Rathaus, niedrige, sauber gehaltene Wohnhäuser, elegante Klubs und zahlreiche Hotels, vtelarmige Gaskandelaber auf den Plätzen und die vielverzweigten Pferdebahnen in den Straßen — alles gtebt dem räumlich außerordentlich langgestreckten Städtchen ein behäbiges und belebtes Aussehen. Im ganzen zählt Durban jetzt wohl an zwanzigtausend Einwohner, die Farbigen eingerechnet- die größte Zahl der „Weißen" wohnt auf der Berea, einer überaus weitgedehnten, den Berg hinaufgebauten Vtllenvorstadt mit oft prächtigen Gärten und hocheleganten Landhäusern, die von purpurnen und dunkelblauen Schlinggewächsen in üppiger Blütenpracht etngehüllt find. Die Blütenscheiden jener wunderschönen Euphorbia splendens glühten buntfarben durch die Ptsangs und Cypressen, und mit goldenen Früchten reichlich überladen standen die Orangebäume längs der schattigen Wege. Die Aussicht war hier oben mäjestätisch schön im funkelnden Abendsonnenlicht, das über den weiten Ozean, über die Bucht mit der wetßbrandenden Barre, den stillen Hafen und die freundliche Thalstadt seinen Schimmer goß. Und landeinwärts begrenzten die hohen „Drakenberge", die Grenze gegen den Oranje-Freistaat, den Blick- immer ein Stockwerk über das andere hochgebaut. Nach den anderen Seiten verlieren sich die kleinen und einfachen Kolonistenhäuser allmählich in Busch und Heide und Weide, aus der, nahe dem bewaldeten Bergufer, sich einzelne der eigenartigen, backofenförmig gewölbten Kaffernhütten abhoben. Diese Kaff ern sind überhaupt ein eigenartiger Schlag. Fast alle Arbeiter in Durban und ganz Natal find Zulu- Kaffern, meistens sechs Fuß große, merkwürdig schön und kräftig gebaute Burschen von der Farbe gut gebräunter Kaffeebohnen, mit strammer Muskulatur, besonders auch der Beine. Die festen Gesellen müssen einem gefallen, wenn sie fröhlich lachend die prächtigen Zahnreihen leuchten laffen, zwischen ihnen eine Zunge zeigend, die wie rot lakiert ausfieht, während ihnen die wolligen Haare, in ungezählte Zöpfchen geflochten, steif vom Kopfe abstehen. Zum Gruß deuten sie mit dem Zeigefinger des rechten Armes nach oben, uns anredend in den fast melodischen Tönen ihrer weichen, etwas singenden Sprache mit den unnachahmlichen Schnalzlauten. Dazu liegt in ihrem ganzen Auftreten etwas Freies und Selbstbewußtes, und solch ein Kaffernkrieger ist ein ganzer Kerl. Die dunkelfarbigen Weiber ließen sich auf den ersten Blick schwer unterscheiden, ob zu den Zulus oder den Indianerinnen oder Madagassinnen gehörend, die auch vielfach eingewandert find- alle mit silbernen oder messingenen Ringen um die runden Arme, das Handgelenk und die Knöchel, ja die Zehen, und mit federndem Schritt ihre Wäsche- oder Gemüseladung in stolzer Haltung auf dem Kopfe tragend, teils in bunte malerische Gewänder, teils in abgelegte, europäisch garnierte Kleider und Jacken älteren Schnitts gehüllt. Daheim im Kral — macht ihnen die Wahl — ihrer Toilette weit weniger Qual. Eine andere anziehende Ausschmückung der Straßen waren die gewaltigen Plumpen Ochsenkarren der Buren, mit bis zu vierzehn Paaren jener großen, langhörnigen Rinder bespannt, die für Südafrikas Verkehrsleben ja überaus 679 — wichtig sind. So kamen sie von fern her über die grasigen Steppen, die Buren- über hohen Bergpaß und durch tiefes Thal, durch Furt und Sand, das einzig denkbare Verkehrsund Reisefuhrwerk benutzend, in dem ganze Familien monatelang Hausen, begleitet von der Herde der Schlachthammel. Unten auf dem Boden des riesigen Planwagens sind die Kisten und Kasten mit Gepäck und Gerät verstaut, darüber wird-zur Nachtzeit eine Art federnden Ledergurtgeflechts gespannt, auf das die Matratzen zur Ruhe gebreitet werden - unter dem schützenden Plandach hängt die schwankende Laterne und wirft wechselnden, ungewissen Schein über die Gesichter der Schläfer, und glitzernd leuchtet die Pracht der Gestirne herab auf die weite, stille nächtliche Einsamkeit, durch die von ferne das Bellen des Schakals dringt, daß die Hunde aufmerkend den Kopf heben und knurrend unter dem Wagen die Zähne zeigen. Pferde sind für solche Reisen gar nicht zu gebrauchen, auf denen oft für drei, vier Tage das spärliche Trinkwasser für die Menschen im sorgsam gefüllten Faß mitgeführt wird und die Zugstiere einfach dursten müssen bis zur nächsten Quelle. Das Pferd würde dabei zugrunde gehen, während der Rasieochse zufrieden ist wenn er sich dann nur buchstäblich volltrinken kann. Weiter wird er im Innern noch als ausdauerndes Reittier geschätzt und gesattelt, das in gleichmäßigem Paßgang es auf die Länge mit dem besten Pferde aufnimmt. Ein besonders intereffanter Ort ist die hannöversch-westfälische Kolonie Neu-Deutschland, eine Tagereise von Durban entfernt. Unsere wackeren Landsleute dort, gegen 50 Familien, die 1847 dahin ausgewandert, sind im eigentümlichen Besitz von etwa 23 tausend Morgen, halten ihren eigenen Prediger und Lehrer und halten fest an heimischer Sitte. Auch sie stellen ihr Aufgebot zu der Freiwilligenmiliz, die auch im Kaffernkrtege unter Waffen treten mußte und so ziemlich einziger Schutz der ganzen Kronkolonie war und der Hauptstadt in jenen Tagen, als die Schlacht von Jsandula von den Königlichen Truppen verloren war und man in Durban schon daran dachte, Weiber und Kinder in einzelnen festen Gebäuden unterzubringen und die übrige Stadt preiszugeben, falls die siegreichen Kaffern in ihren furchtbaren Eilmärschen sich auf dieselbe richten sollten. Unsere Norddeutschen ließen 50 Berittene marschieren unter Führung eines Kapitäns, eines Leutnants, eines Sergeanten und Korporals, denen sich die Mannschaft durch Unterschrift verpflichtet hat. Die kleine Truppe darf nicht außerhalb der Natal-Kolonie verwendet werden. Jetzt wird auch sie wohl mobil gemacht sein unter den Natal- Voleers, von denen die Rede war bei Beginn des Krieges. Gönnen wir ihnen auch diesmal unter englischer Fahne nicht den Sieg gegen die Buren, Ehre und fröhliche Heimkehr dürfen wir dem deutschen Haufen doch wünschen. Mögen sie alle unversehrt zurückkommen — wie die Royal Dragoons. Gräberschmuck. Von M. Kosak. ------- Nachdruck verboten. In altäghptischen Museen trifft man zuweilen seltsame Gewinde. Auf den ersten Blick scheinen sie aus kleinen, pergamentähnlichen Papierrollen zu bestehen, wenn man aber näher hinsieht, erkennt man sie als rundzackige, blumenartige Gebilde, eng zusammengefaltet, bräunlich und trocken, in der Form aber dennoch an unsere Wafferrosen erinnernd. Es sind denn auch in der That Blumen — die in Dichtung und Sage verherrlichten Lotosblüten. Vor Tausenden von Jahren, als noch die Pharaonen über das alte Aegypten herrschten, hatten sie sich dem Licht der Sonne geöffnet, um dann gepflückt zu werden und in einer der Zett trotzenden Präparierung, zusammen mit kostbaren Kleinodien, Bildern und anderen den Toten teuren Dingen, diese in ihre letzte Ruhestätte zu begleiten. Wie heute liebende Hände den Verstorbenen die Gräber schmücken, so thaten sie's schon dazumal. Die Menschheit ist sich immer gleich geblieben in ihrem Fühlen und Denken bis auf den heutigen Tag. Der Zug, die Heimgegangenen zu ehren durch Gaben der Liebe, liegt tief in der menschlichen Natur begründet, und ob auch die äußeren Formen wechseln, ihr innerster Kern ist immer der gleiche. Je höher der Bildungsgrad eines Volkes, desto edleren Ausdruck finden auch jene Sitten liebender Pietät! Hewrliche Denkmäler derselben find noch in jüngster Zeit in Griechenland zu Tage gefördert worden. Während man früh r allgemein annahm, daß die Hellenen von jeher ihre Toten verbrannt und die Urnen mit ihrer Asche in öffentlichen, an Len Verkehrsstraßen befindlichen Gebäuden aufbewahrt hätten, ist es neueren Forschungen zufolge festgestellt, daß dieser Brauch nur in späteren Epochen geherrscht. In früheren setzten ste, wie die Königsgräber in Mykenä — unter anderen das sogenannte Grab des Agamemnon — beweisen, die Leichen in prächtig ausgestatten Grabkammern bei, deren Wände und Inneres plastische Bildwerke — Relieftafeln und Marmorstatuten — zierten. Meist stellten diese Götter, sowie mythologische und allegorische Szenen, selten nur die Verstorbenen selbst dar. Bei deck Römern hingegen bildeten deren Porträts den hauptsächlichsten Schmuck der Gräber. Sie wurden sowohl in Plastik, wie in Maleret ausgeführt. Eine Anzahl jener Bilder find in den weitesten Kreisen des Publikums bekannt. Jeder, der ste gesehen, staunt über ihre unverblaßten Farben, über den sprechenden Ausdruck der Züge und die nach unseren Begriffen so ganz und gar nicht antik wirkenden Trachten. Gar seltsam mutet es uns an, wenn wir denken, daß diese Mädchen, Frauen und Männer, welche uns so frisch und lebensvoll anschauen, vor Jahrtausenden auf Erden wandelten, liebten und litten. Welch' einen Gegensatz zu diesen Schöpfungen hoher Kunst und eines geläuterten Geschmacks bildet dagegen der bei vielen »»zivilisierten Völkern der Vor- und Jetztzeit übliche Gräberschmuck! Wohl findet fich auch in ihm manch' Sinniges und Poesievolles, doch wird es überwuchert von allerhand, das uns roh und barbarisch oder doch zum mindesten unästhetisch dünkt. So erzählen uns die Reisenden von den Bewohnern des afrikanischen Lundareiches am Kassaifluß, daß ste auf Pflege und Dekoration der Gräber großes Gewicht legen. Die Dynastie des Landes besitzt ein eigenes Erbbegräbnis an dem heiligen Orte Enzai, dessen Ausstattung aus dem Kostbarsten besteht, was die Lunda kennen. Armringe aus Papageienfedern, Brustschilder aus Metall und Perlen — die höchsten Würdezeichen ihrer Edlen — dürfen nie darauf fehlen, doch haben diejenigen Stücke, welche die Verwandten und Freunde deren Feinden abgestritten oder — gestohlen, die meiste Geltung. Die Betschuanen Südafrikas, welche ihre Toten in hockender Stellung beerdigen, geben ihnen nicht nur Speisen und Getränke mit in die Gruft, sondern stellen ihnen auch späterhin fortlaufend solche in blumenbekrärizten Gefäßen hin. Manche derselben sind mit Figuren von Schlangen, welche in hohem Ansehen stehen, geziert. Ebenso werden auch künstliche Schlangenleiber zur Grabdekoration benutzt, auch blutbespritzte Amulette in Form von Krokodilen und Eidechsen. Natürlich wurzeln derartige Bräuche stets in religiösen und sittlichen Anschauungen, aber gerade in der Bedeutung, die ein Volk ihnen beilegt, prägt sich sein Kulturzustand am stärksten aus. Während bei einem tiefer stehenden wüster Aberglaube ihre hauptsächlichste Grundlage bildet, läßt sie der gebildete Geist eines zivilisierten als Sinnbild wirken. Unbestreitbar ist es denn auch, daß die meisten Arten des Gräberschmucks, wie Form und Anordnung der Gräber selbst, sich auf sinnbildliche Vorstellungen zurückführen lassen. Wir sind uns heutzutage dessen kaum bewußt, wir machen im großen und ganzen nach, was durch Ueberlieferung auf uns gekommen ist. Zudem hat auch der wechselnde Zeitgeschmack bei der Ausstattung der Gräber gewaltet und manches einzelne darin umgestaltet, bis schließlich etwas scheinbar ganz neues daraus geworden war. — 680 — Unverändert im Laufe der Zeiten hat sich indes das Kreuz erhalten. Dem Volke mit seinem natürlichem Empfinden ist eS wohl heilig, weil Christus daran den Erlösertod starb, aber daß es seit dem Beginn unserer Zeitrechnung den Anhängern der christlichen Religion die Person Jesu, das Christentum und die GlaubenStreue versinnbildlicht, weiß es kaum. Ebenso ist eS vielen unbekannt, daß man verschiedene Grundformen bet ihm unterscheidet: das griechische, welches auS zwei rechtwtnkelig in der Mitte sich kreuzenden Armen besteht, das lateinische mit verlängertem unteren Arm, das russische oder Andreaskreuz, dessen Balken sich wie die Diagonalen eines Vierecks oder stehenden Rechtecks durchschneiden, und das alttestamentüche, ägyptische oder Antoniuskreuz, das mit seinem horizontal über den unteren sich legenden oberen Arm einem lateinischen T ähnlich erscheint. Als Grabkreuz wird heutzutage jedoch lediglich daS lateinische verwendet. Nur wenn man — wie in katholischen Gegenden zuweilen geschieht — ein Kruzifix auf dem Hügel aufstellt, wählt man häufiger das Antoniuskreuz, weil an dieses, der geschichtlichen Ueberlieferung nach, Christus genagelt wurde. Neben den Kreuzen nehmen die Kreuzblumen einen berechtigten Ehrenplatz bei der Schmückung unserer Gräber ein. Dem Laien erscheinen sie meist nur als reichere und komplizierter gegliederte Abart jener, der Kunsthistoriker dagegen bezeichnet sie als eine für stch bestehende Verzierungsform. Im wesentlichen unterscheiden sie sich von den Kreuzen durch ihre zentrale Anlage- während die letzteren sich als freie Endigungen in der vertikalen Ebene entwickeln, breitet die Kreuzblume ihre Arme nicht nur seitwärts, sondern auch nach vorn und rückwärts aus. In der Regel umkleiden ihren Stamm, der häufig die Gestalt einer langgestreckten vier- oder achteckigen Pyramide hat, krabbenartige Ansätze in ein- oder mehrfacher Reihe. Die Spitze trägt stets eine stilisierte Blattknospe. Unserem Geschmack erscheinen allerdings die Kreuzblumen als Ersatz der Kreuze zu leicht und daher nicht ernst und streng genug in der Wirkung. Ihre rechte Bestimmung erfüllen sie erst als Krönung von Mausoleen und Grabmonumenten. In Süddeutschland, wo die Kirchhöfe im allgemeinen einen ungleich größeren Aufwand veranschaulichen, als im Norden, sieht man herrliche Denkmäler dieser Art, ganz in Marmor ausgesührt, der sich blendend weiß von Taxusgebüschen und seinen hängenden Nadelhölzern abhebt. Manche zeigen die Form kleiner Tempel in dem Geschmack der französischen Gothik, unter dem ein Muttergottesbild oder ein Kruzifix steht, auf anderen schwebt über säulengetragenem Dache eine Taube, das Sinnbild der Unsterblichkeit. Auch Porträtstatuen der Verstorbenen unter einer baldachinartigen Wölbung find sehr beliebt. Einen rührend weihevollen Eindruck machte ein Denkmal, dessen Hauptstück ein aus karrarischem Marmor gemeißelter Genius bildete, der die Züge der schönen jungen Gattin des Verstorbenen trug. In der Verzierung solcher Monumente finden auch die anderen erwähnten Kreuze Verwendung. Auf dem Friedhof der Griechisch-Katholischen sieht man, mit allerhand Sinnbildern vereinigt, das Andreas- oder russische Kreuz, welches im Brauch der syrischen Kirche eine große Rolle spielt. Doch, wie wenige Sterbliche besitzen die Mittel, um die Gräber ihrer Heimgegangenen Lieben so kostbar auszustatten ! Die weitaus meisten müssen stch begnügen, die Hügel mit Rasen, Epheu oder Immergrün zu bekleiden und ein paar Blumenstöcke zu pflanzen. Von dem Kreuz nimmt freilich selbst der Aermste nicht gern Abstand, und müßte er sich auch mit einem schlichten aus schwarzgestrichenem Holze begnügen- solch einfaches Grab erscheint zudem oft unendlich poestevoller, als andere reichverzierte, von kostbaren Gittern umgebene, durch Marmor-Kreuze gezeichnete, denen jede Blumenspende fehlt. Indessen nicht immer ist, wenn diese mangelt, Gleichgültigkeit die Ursache. Ziehen die Angehörigen der Toten in ferne Lande, so kann es wohl vorkommen, daß sie, auch selbst wenn sie dem Totengräber die erforderliche Summe hinterlassen, die Gräber ihrer Lieben dermaleinst in verfallenen Zustande wiederfiuden. Viele Leute, denen dieser Gedanke qualvoll ist, bedecken sie daher mit steinernen Platten, auf denen der Name und das Datum des GeburtS- und Todestages der Abgeschiedenen eingemeißelt ist. Das Grab ist geschützt, es braucht keine Pflege und bleibt doch unversehrt. Und ob Jahrhunderte, ja Jahrtausende verfließen — so lange der Stein sich darüber breitet, darf niemand dem Toten sein Bett streitig machen. Er behütet seinen Schlummer vor jeder Störung und bewahrt der Nachwelt seinen Namen auf. Auch der Ursprung dieser Steingräber ist in sinnbildlichen und religiösen Vorstellungen zu suchen. Ehedem hausten die Wölfe arg in den germanischen Landen, und die Gefahr lag nahe, daß sie die Gräber aufwühlen und die Leichen zerreißen möchten. Wenn schon dieser Gedanke an stch widerwärtig erscheint, so erregte er bei den gläubigen Christen umsomehr Angst und Entsetzen, weil sie meinten, daß am jüngsten Tage die Toten ihre Gebeine dann nicht mehr vollständig finden könnten. Wenn dies aber nicht möglich war, so vermochten fie nicht in ihrer irdischen Gestalt aufzuerstehen und der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden. Das Resultat dieser Erwägungen waren dann diese steinernen Decken, welche allen den Gräben drohenden Fährnissen trotzten. Besonders erwähnenswert ist der Friedhof in Nürnberg ob der vielen darin befindlichen Gräberplatten. Er setzt stch fast ausschließlich aus solchen zusammen. Der Eindruck ist daher ein eigentümlich befremdender, öder, den auch die späterhin angelegten Alleen nicht zu wandeln vermochten. Die Ueberlebenden aus den Geschlechtern der dort Ruhenden umkränzen freilich die flachen Steingräber mit Blumengewinden, und am Feste der Toten gar erscheint hier wie überall die Stätte, an der sie ruhen, einem blühenden Garten gleich, erleuchtet von einem Meer von Licht. Dann zeigt uns dieser Gräberschmuck an dem Tage, der uns vor andern an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnt, daß es eine Liebe giebt, die den Tod überdauert — daß die Geschiedenen für uns nicht tot sind. Denn so lange wir ihnen Gaben darbringen, leben fie in unseren Herzen. Kreuzvätssl. (Nachdruckverboten.) In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben a a a a, c c, e e e e e e, h h h, k k k k, l l, m m, o o, p p, r r r r r r, s s s s, t t t t, u u u u derart einzutragen, daß die wagerechten und senkrechten Reihen gleichlautend Folgendes bedeuten: 1. Wertvolle Flüssigkeit. 2. Bescheidene Lagerstätte. 3. Süddeutsche Residenz. (Auflösung in nächster Nummer.) Auflösung des Scherzrätsels in voriger Nummer: Unter, Haltung; Unterhaltung. Vermischtes. Wie sehr die Ereignisse in Südafrika alle Welt beschäftigen, geht aus einem Gespräch hervor, das ein Freund des „B. T." in Kiel am Biertisch erlauscht hat und wie folgt übermittelt: Bier Kieler sind eifrig mit ihrem Skat beschäftigt. A., welcher die Karten mischt, fragt beiläufig: „Wie schrillt wull warn mit'n afrikanischen Krieg?" — „Na", meint B. „de Transvaalrepublik ward ja sacht Winnen, de het ja all de Buren." (Buben im Skat.) — „Ja", Pflichtet ein Dritter nach einer Weile bei, „un de Engländer hett ja nich mal en König; er höchste iS en Saarn." — „Ja, ja," wirft der vierte bedenklich ein, „aber de verflixten Engländer hett man all de Tellkarten." (Zählarten.) Ssrdaktisn: E. Burkhardt. — Vruck und Verlag der Brühl'sch-m UniversitStS-Buch. und Steindruckerci (Pietsch Erben) in Meßen. /