Nachdruck verboten. Die Sünden der Väter. Roman von Osterloh. (Sortierung.) „Es ist mir sehr peinlich," begann sie zögernd, „daß eine so unerquickliche Angelegenheit zwischen uns zur Sprache kommt- doch da es nun einmal geschehen, möchte ich mit meiner Meinung nicht zurückhalten. Was früher war, läßt sich nicht ändern, und jeder muß sich damit abfinden, so gut er kann. Ich habe aber das Vertrauen gehabt, Konrad, — daß — daß — alles mit dem Hochzeitstage abgeschlossen und erledigt sein würde für immer/' Sie schlug die Augen nieder, während sie sprach. Es fiel ihr schwer, über solche Dinge zu reden und nun gar zu ihrem Schwiegersohn, 'ber ihr so gar nicht wie ein Sohn vorkommen wollte, sondern der ihr immer reifer erschien, als sie selbst. In Konrads Gesicht zuckte es- er machte eine heftige Bewegung, als wolle er mit dem Fuße aufstampfen, aber er beherrschte sich- nur eines Anflugs von Bitterkeit vermochte er sich nicht zu erwehren, während er antwortete: „Ich hätte nicht geglaubt, Mama, daß ich in die Lage kommen würde, mich gegen derartige Vorwürfe verteidigen zu müssen. Sei es. Ich habe mit der betreffenden Frau nichts weiter zu thun — und zu thun gehabt, als daß ich ihr in regelmäßigen Zwischenräumen ein bestimmte Summe Geldes für ihren Sohn auszahle im Auftrage eines Freundes, — der abwesend ist." „Wie heißt der Freund?" fragte Else hastig. „Den Namen werde ich aus leicht begreiflichen Gründen nicht nennen," erwiderte Konrad kurz und bestimmt. „Natürlich nicht!" rief Else leidenschaftlich. „Weil Du es nicht kannst, weil er nicht existiert. Du vergißt, daß ich noch mehr gehört habe. „Der Junge hat mich schon genug Geld gekostet," sagtest Du. Mich, nicht meinen Freund." Ziel schwieg. Eine unbehagliche Pause trat ein. Nur Frau Andree hob vorwurfsvoll ihre reinen Augen zu Konrad sA it unerbittlicher Strenge vollzieht sich zum Nachteil vieler Einzelnen, aber dennoch zum Segen für die Gesamtheit das Gesetz, daß ein Vermögen sich nur in der Hand dessen erhalten kann, der es zu verwalten versteht. auf und flüsterte: „Ich hätte geglaubt, daß Du mir die Wahrheit geben würdest." Eine dunkle Röte stieg in Ziels Schläfen und verbreitete sich über die gebräunte Stirn. „Ja, Ihr sollt Wahrheit haben!" rief er mit bebender Stimme. „Ihr alle, weil Ihr sie fordert. Du willst wissen, Else, wer Frau Schmidt ist und was ich mit ihr und ihrem Sohne zu schaffen habe. Du sollst es erfahren —" „Frau Schmidt?" wiederholte Dorothea mit stockendem Atem, und eine furchtbare Ahnung, dunkel und beklemmend, überkam sie. „Frau Clariffa Schmidt," bestätigte Ziel. „So heißt sie. Nicht die sogenannte Frau Schmidt, wie Du sie nennst, Else. Aber — Du wirst nicht vergessen —" und wie mit einer stummen Frage heftete sich sein Blick auf Frau Andree, „daß ich nur gezwungen gesprochen habe." Mit einer leidenschaftlichen Bewegung streckte Frau Andree beide Arme abwehrend aus. „Nein, nein!" kam es wie ein Aufschrei, von ihren Lippen. Die Ahnung nahm Gestalt an, verdichtete sich, grau Clariffa Schmidt! Sie sah plötzlich die Frau wieder, die am Weihnachtstage, um ein Almosen bittend, zu ihr gekommen war und die, nachdem sie abgewiesen worden, sich so ungeniert vertraulich in ihrem Zimmer umgesehen hatte. „So sah er aus, wenn er vergnügt war." Sie hatte das Wort nicht loswerden können. Und dann tauchte eine andere Erinnerung vor ihr auf: ein Stoß Zettel und Briese mit C unterschrieben, alle mit demselben langgezogenen C — C — C und schließlich der ganze Name Clariffa. Clariffa Schmidt! Es war, wie wenn ein Blitzstrahl eine im nächtlichen Dunkel ruhende Gegend erhellt. Es währt nur einen Augenblick- aber dieser Augenblick genügt, um die fernsten Winkel zu durchleuchten. Ach, Dorothea war sonst nicht so schnell im Erraten- doch hier fügte sich plötzlich mit unheimlicher Klarheit Bild an Bild — Ahnung an Ahnung, Verdacht an Verdacht. So war es nicht genug gewesen, daß sie die Briefe ins Feuer geworfen und jede Spur davon vernichtet, daß sie das Geheimnis in ihrem Herzen begraben hatte? Es tauchte wieder auf — drohend, fürchterlich. Die Frau lebte noch. Das unselige Verhältnis war nicht ohne Folgen geblieben. Der Name, für dessen Geheimhaltung Konrad kämpfte, war nicht sein eigener. Es überlief sie eiskalt. „Nein!" rief sie noch einmal, „nein, nein!" und „nein/, 418 stammelte sie flehend. „Sprich nicht, Konrad, >ir zwingen Dich nicht." Konrad blickte gerade vor sich hin und schwieg. Die Schwestern, betroffen von der seltsamen Wendung, wechselten erstaunte Blicke. „Wir waren im Unrecht, Else/ begann Frau Dorothea von neuem, ihre tiefe, weiche Stimme zu einem Flüstern dämpfend. „Wir müssen unfern Männern vertrauen. Vielleicht sagt Dir Konrad später einmal ungefragt, was Du wissen willst. Aber dringe nicht in ihn. Wenn es fremde Geheimnisse sind, muß er sie bewahren. Verzeihe mir, Konrad." Dabei reichte sie ihrem Schwiegersöhne die Hand, die er ehrfurchtsvoll küßte. Die beiden hatten einander verstanden. Else begriff nicht, was hier vorgegangen war. Aber die Worte der Mutter hatten auf ihr kindisch-trotziges Herz einen tiefen Eindruck gemacht, und sie beugte sich still dem fremden Willen. Nicht so Martha. Zunächst freilich schwieg auch sie. Als sie aber wieder zu Hause waren, meinte sie in ihrer harten Weise: „Wenn ich mich verheiratet hätte, so würde ich gegenseitige Offenheit als erste Hausregel eingesetzt haben." „Gewiß — das ist richtig —" erwiderte Frau Andree zögernd. „Aber es giebt Dinge —" „Die soll es eben nicht geben," entgegnete Martha streng. „Papa hatte gewiß nie ein Geheimnis vor Dir?" Frau Andree senkte den Blick. „Nein, wohl nicht," antwortete sie unsicher. „Jedenfalls habe ich ihn nie nach Dingen gefragt, über die er nicht aus freien Stücken mit mir sprach." XIV. Frau Schmidt, nichts ahnend von dem Sturme, den ihr Erscheinen entfacht hatte, war inzwischen langsamen Schrittes ihrer Wohnung zugegangen. Häufig nötigten sie böse Hustenanfälle stehen zu bleiben, besonders wenn der Wind einmal scharf um die Ecken blies und ihr den Straßenstaub ins Gesicht wehte. Auch schien fie kein Verlangen zu fühlen, schnell nach Hause zu kommen; im Gegenteil, je mehr sie sich ihrer Wohnung näherte, um so zögernder wurden ihre Schritte, fast als fürchte sie sich vor der Heimkehr. „Es war nichts zu machen," murmelte sie vor sich hin, „wirklich nichts zu machen!" Sie blieb vor einem Schaufenster stehen, ohne die ausgestellten Gegenstände eines Blickes zu würdigen und zupfte nervös an den Spitzen ihres Umhanges. „Wenn ich ihm willfahre, so giebt's einen Skandal, aber Geld nicht — gewiß nicht! Da kenne ich ihn zu gut. Er wäre auch ein Thor!" Dann mit einem Seufzer: „Ach Gott, ach Gott! ich bin so müde!" Sie hatte jetzt die Straße, in der sie wohnte, erreicht. Zwischen einem Branntweinschank und einem Garnladen befindet sich ein Blumenverkauf. „Blum nhalle" lautet der stolze Titel, der in großen Buchstaben auf dem Schild zu lesen ist. In dem schmalen Schaufenster stehen ein paar Töpfe mit billigem Sommerflor, Flox, Astern, Monatsrosen. Gläser mit abgeschnittenen Blumen und ein auf Draht gebundener halbwelker Strauß. Es ist jetzt die günstigste Jahreszeit- im Winter steht es noch weit kümmerlicher aus. Die Blumenhalle selbst ist ein kleines viereckiges Gemach - quer vor der Rückwand der Ladentisch- hinter demselben eine Thür, die nach einem dem Hofe zu gelegenen Wohnraume führt. In der Thür der Ladens, die Hände in den Hosentaschen, steht ein Mann, eine große, kräftige Gestalt mit stark gerötetem Gesicht, einer kolbigen Nase und aufgeworfenen Lippen. Im Mundwinkel hängt ihm eine Zigarre. Von Zeit zu Zeit nimmt er sie aus dem Munde, spuckt aus, beugt den Oberkörper vor und schaut spähend die Straße hinunter. Endlich kommt die Erwartete. „Nun?" ruft er ihr schon von weitem entgegen. Frau Schmidt schüttelt mit dem Kopfe. „Nichts!" „Da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter —!" flucht er. „Was fällt denn dem Kerl ein?" „Ich sagte Dir ja gleich," wandte sie schüchtern ein, „es ist noch nicht die Zeit. Zum gewohnten Termin darf ich wiederkommen." „Darfst Du?" höhnte der Mann. „Ja," antwortete die Frau ernst, indem sie sich an ihm vorbeidrängte, um in den Laden zu gelangen. „Und wir müssen ihm dafür dankbar sein. Es ist die reine Gutmütigkeit, daß er etwas für uns thut." Der Mann stieß ein rohes Gelächter aus. „Wer's glaubt! Mach' Du das einem andern weiß. Ich kenne die Menschen besser. Soviel giebt keiner aus bloßer Gutmütigkeit." „Es wird auch bald aufhören," murmelte die Frau, wie zu sich selber sprechend - „sobald 86on einundzwanzig Jahre alt ist —" //Na, ja, der Herr Rechtsanwalt können zu genau nachrechnen, haha!" „Das nicht," flüsterte Frau Schmidt unsicher. „Nein, beileibe nicht!" höhnte der Mann. „Der gute Rechtsanwalt ist Dir ganz unbekannt, hat sich aus purer Nächstenliebe des lieben Lson —" er ahmte mit seinem breiten, gemeinen Dialekte ihre französierende Aussprache nach — „angenommen, zahlt ihm aus purer Nächstenliebe bis zu seinem einundzwanzigsten Jahre im Namen eines unbekannten Wohlthäters eine bestimmte Summe aus, wofür Du Dich verpflichtest, den unbekannten Wohlthäter nicht zu nennen. So war's doch. Wie?" Sie nickte zaghaft. Er warf den Stummel seiner Zigarre weg, steckte die Hände in die Hosentaschen und pflanzte sich breitbeinig vor die Frau hin. „Nun passe mal auf, mein Täubchen. Wenn der unbekannte Wohlthäter und der bekannte Vater, mit dem Du eine so alberne Geheimniskrämerei treibst, aufhört zu zahlen, so ist meine Geduld zu Ende, so rede ich mit ihm, Du weißt schon, mit wem, und deutlich! — Das schwör' ich Dir." Sie duckte sich unter seinen Worten, als seien es Schläge, die auf sie niederfielen. „Dem Manne muß an unserer Diskretion viel liegen, da er sie teuer bezahlt. Aber —" mit erhobener Stimme, „wir sind zu billig gewesen! Jetzt wo er verheiratet ist, werden wir höhere Preise stellen." (Fortsetzung folgt.) Drei Badereisen. Eine „wahre" Geschichte von Friedrich Thieme. ------- (Nachdruck verboten.) Wenn eine moderne Hausfrau, Gattin und Mutter in ihrer elegantesten Straßentoilette vor ihrem Ausgang im Arbeitszimmer ihres Gemahls erscheint, so besteht der Zweck ihres Besuchs im Verlangen der Kaufsumme entweder für ein neues Kleid oder einen neuen Hut. Wenn eine moderne Hausfrau, Gattin und Mutter in ihrer elegantesten Straßentoilette nach ihrem Ausgang im Arbeitszimmer ihres Gemahls erscheint, so besteht der Zweck ihres Besuchs in der Mitteilung, daß eine „teuere" Freundin von ihr, mit der sie soeben eine ganze Serie konventioneller Zärtlichkeiten ausgetauscht hat, in den Besitz entweder eines neuen Kleides oder eines neuen Hutes gelangt ist. Das Endresultat ist das gleiche . . . Wenn das gesellschaftliche Renommee der Familie nicht für die Ewigkeit und 419 noch einige Jahre darüber hinaus in Grund und Boden getreten sein und sie selber nicht vor Scham in die Erde finken soll, so muß ihr Gemahl als ein Mann, der weiß, was er seiner Stellung und dem guten Ton schuldig ist, sie schleunigst in die Lage versetzen, sich im Konkurrenzkampf der gesellschaftlichen Eitelkeit auf dem gleichen Niveau mit der zur Zeit im Vorteil befindlichen „teueren" Freundin zu behaupten. Das sind so allgemeine Wahrheiten, daß der berühmte Lehrsatz des Pythagoras als eine unbewiesene Hypothese ihnen gegenüber gelten kann. Daher denkt auch Herr Meier an nichts anderes als einen neuen Hut oder ein neues Kleid, als eines schönen Vormittags die ehrenwerte Mutter seiner Kinder, seine holdselige Gattin Eulalia mit fliegendem Atem, rotem Gesicht und zornig blitzenden Augen in sein Privatkontor mehr ein stürzt als ein tritt. „Männchen, weißt Du es schon?" „Was denn?" Sie wirft sich in einen Stuhl und ringt nach Atem. „Mein Himmel, was giebt es denn? Hat Dir die Schneiderin einen Knopf schief angenäht?" „O, viel schlimmer — viel schlimmer! Denke Dir nur, Müllers gehen nach Ems!" „Nach Ems? Wirklich?" „Ja — und noch mehr — Werners nach Ostende. Denke nur, nach Ems und Ostende Ist das nicht, um den Verstand einzubüßen?" Herr Meier kratzt sich hinrer den Ohren. „Zum Teufel — wo die Menschen nur das Geld hernehmen! Müller hat doch nichts als sein knappes Gehalt, und Werner ein Geschäft, dessen Umfang den des unseren noch nicht einmal erreicht — sonderbar, die Leute müssen den Drachen haben oder Dukaten hexen, ich begreife nicht, wie sie das alles fertig bringen". „Das weiß Gott", klagt Eulalia. „Und wir — was w i r für Unglück haben, Männchen — da wollten wir uns dieses Jahr nun so einrichten, und nun zwingen uns diese — diese nichtswürdigen Protzen, ein paar hundert Thaler in Karlsbad oder Nizza totzuschlagen". „Zwingen, uns? Wieso?" Frau Eulalia steht auf, um ihren Mann mit einem energischen Blitz aus ihren elektrischen Augen niederzuschmettern. „Glaubst Du denn, ich könnte mich je wieder auf der Straße oder in irgend einer Gesellschaft sehen lassen, wenn wir es diesen Parvenüs nicht zum mindesten gletchthäten?" „Du bist nicht klug — ich hätte eben Geld für Karlsbad oder gar Nizza". „Aber irgend wohin müssen wir doch gehen?" „Müssen? Dann laß Dir nur sagen, daß mein neuester Vermögensüberschlag uns in die Notwendigkeit versetzt, für die Saison auf alle Reisepläne zu verzichten. Wenn Du durchaus ins Bad mußt, so mußt Du Dich schon mit einer unserer städtischen Anstalten begnügen". Frau Eulalia sinkt wieder auf den Stuhl zurück. „Dann wenigstens nach Kissingen oder Salzbrunn?" „Unmöglich". „Oder Friedrichroda?" „Ich kann nicht fünfzig Mark für diesen Zweck flüssig machen". „Aber unsere Gesundheit — unsere armen Kinder?" „Wir befinden uns alle wie die Fische im Wasser. Denk' an die vielen armen Leute, die in der That schwer krank sind und trotzdem an keine Bade- oder Erholungsreise denken können". „O, die haben auch nicht so das Bedürfnis wie unsereins — sie sind nicht daran gewöhnt. Aber wir in unserem Stande — wir können einmal nicht anders —" „Es muß aber doch gehen, unsere Mittel erlauben es uns nicht". „Dann dürfen wir auch nicht mehr hier bleiben — wir müssen von hier wegziehen. Wir sind gesellschaftlich ruiniert". Herr Meier zuckt die Achseln. „Wir werden finanziell ruiniert werden, wenn wir uns den Luxus einer Badereise gestatten wollen". „Was thut's? Dann fallen wir mit Ehren! Als Opfer der Verhältnisse —" /Meb Dir keine Mühe, es geht nicht. Selbst wenn ich ein solcher Narr sein wollte, der einem eingebildeten Standes- gefühl seine geschäftliche Ehre zum Opfer bringt, so würde ich doch schon mangels des erforderlichen „Kleingeldes" das Experiment unterlassen müssen". „Aber Müllers und Werners thun es doch auch?" „Wie die eS anfangen, weiß ich nicht. Ist mir auch egal, die mögen es selber verantworten". Frau Eulalia schluchzt steinerweichend. „Giebt es denn keine Rettung, keine?" stammelt sie verzweifelt. Herr Meier lächelt. „Doch", sagt er nach einer Weile mit scharfer Betonung. „Doch? Du willst Dir das Geld borgen---?" „Daß ich ein Narr wäre. Nein, ich habe einen anderen Plan. Also: Da wir keine Badereise machen können, so handelt es sich für uns vor allen Dingen darum, unser gesellschaftliches Renommee zu wahren? Einverstanden?" „Ja". Sie sieht ihn gespannt an. „ //Nichts leichter als das. Du erzählst — und die Kinder erzählen es auch — von Stund an allen, die es angeht — und das sind alle die, die es eigentlich nichts angeht — daß wir uns entschlossen haben, dieses Jahr nach der Riviera zu gehen". „Aber wir gehen ja nicht — dann sind wir unsterblich blamiert". „Warte nur. Vorläufig genügt es, den Glauben zu verbreiten. Du fügst hinzu, daß ich Dir das Versprechen schon vor Jahren gegeben es aber immer nicht gehalten habe. Diesmal habe ich endlich Deiner Bitte nachgegeben. Der halbe Zweck unserer Badereise ist damit bereits erreicht: Unsere Freunde und Freundinnen werden vor Neid platzen". „Das werden sie allerdings", bestätigte Eulalia, deren vernebelte Aeuglein sich mehr und mehr aufzuhellen beginnen. „Weiter. Ich schreibe nun sofort an unfern Onkel nach Cottbus, daß er zum ersten zu uns auf Besuch kommt". „Der alte Filz — ich habe noch genug von ihm vom vorigen Winter". „Hilft nichts, er ist unser Rettungsanker. Er wird sich beeilen, dem Rufe zu folgen, denn er spart für die sechs Wochen das Wirtschaftsgeld. Sobald er eingetroffen ist, fahrt Ihr gleich bei allen Bekannten herum, jammert und klagt, daß unverhofft unser Onkel zu längerem Besuch eingetroffen ser. Er sei ein exzentrischer Kauz, aber der Erbonkel — wollten wir nun noch auf der Ausführung unserer Absicht bestehen, so zöge er tiefbeleidigt auf Nimmerwiedersehen ab, und die reiche Erbschaft fiel ins Wasser. Die Alternative sei also. Riviera oder Erbschaft — und da hätten wir uns natürlich für letztere entschieden, so schrecklich der Aufenthalt im August tn der Residenz auch sei. Die Riviera laufe ja nicht davon und für hunderttausend Thaler dürfe man schon einmal ein paar Wochen schwitzen". „Bravo, sehr gut", ruft Eulalia entzückt, denn es ist ihr noch mehr um die Ehre, als um die Badereise selbst zu thun. ' //Nur noch ein Bedenken", fügt sie bei. „Unser Mädchen — wird Auguste nicht hinter unserem Rücken den Sachverhalt ausplaudern?" „Auguste wird ebenso hinters Licht geführt, wie alle anderen", meint Herr Meier sarkastisch lächelnd. „Und glauben muß man uns den Trick, das gebietet der gute Ton. Die Hauptsache ist, daß unsere gesellschaftliche Ehre gerettet wird". * * * Herr Meier, Frau Meier und ihre drei lieblichen Töchter setzen sich unverzüglich in Thätigkeit, um den ersten 420 Teil des schlauen Feldzugsplanes ebenso geschickt wie unver- sroren zur Ausführung zu bringen. Mit Auguste wird der Anfang gemacht und ihr sogar die verlockende Perspektive eröffnet, daß man sie jedenfalls auf der Reise nicht werde entbehren können, sie möge sich nur schleunigst mit ihrer Mutter in Verbindung setzen, um die Erlaubnis zu einer weiten Fahrt rechtzeitig von ihr zu erlangen. Auguste jubelt laut auf — der erste Triumph des schönen Gedankens des Herrn Meier. Die übrigen Triumphe folgen: Die Bekannten und Verwandten bersten in der That vor Neid, in so zärtlichen Nachtigalltönen sie auch ihrer Herzensfreude Ausdruck verleihen. Alles gelingt auf das Beste, Eulalia genießt während dreier Wochen die Lorbeeren ihrer Badereise im voraus. Der Onkel trifft pünktlich ein — jetzt werden die Augen — diejenigen Augustens eingeschlossen — unter groß Wasser gesetzt. Ueberall fließen die Thränen der Resignation, grau Eulalia ist ganz Entsagung, Geduld, Heroismus. Die unerbittliche Notwendigkeit wird einmal wieder als rettender Engel angerufen, und die Philosophie der edlen Familie gipfelt in dem Gedankensplitter, daß ein vernünftiger Mensch sein Herz nicht an die Eitelkeiten der Welt hängen soll. Trotzdem ist Frau Eulalia untröstlich, als sie eines Morgens ihrem Gatten die Trauerbotschaft übermittelt: „Denke nur: Müllers sind gestern nach Ems abgereist — und Werners treten heute ihre Reise nach Ostende an". „Und wir machen zum Lohn für unsere Verzichtleistung und zur Fahrt des glücklichen Gelingens unseres Planes morgen einen Ausflug nach Rüdersdorf. Bereitet alles vor — der Onkel geht auch mit!" * * * Im Garten eines lauschigen Waldrestaurants bei Rüdersdorf, die Augen an der wundervollen Aussicht über den Kalksee weidend, sitzt Herr Müller mit seiner Familie. Vater schmaucht schmunzelnd seine Zigarre, Mutter blättert in den „Fliegenden", die Tochter Nr. 1 stickt, während die Tochter Nr. 2 einen Strauß von Waldblumen ordnet. „Na, ist's hier nicht ebenso schön wie in Ems?" fragt Herr Müller vergnügt. „Gott, wenn man nichts Besseres haben kann", erwidert Frau Müller resigniert. „Besser als gar nichts — mein' ich doch auch. Ebenso schön wie in Ems und billiger. Mögen Werners solche Narren sein und sich für Ostende ruinieren — ich kann's nicht. Haha, wenn die Herrschaften eine Ahnung hätten, wo wir steckten — glauben uns in Ems, hahaha". „Wenn uns nur niemand Bekanntes sieht —" „Hier? Bewahre. Unsere Bekannten sind ja alle weit fort — in Seebädern, in der Schweiz, im Thüringer Walde — hahaha". Da treten plötzlich aus dem Walde mehrere Personen und lassen sich am Nachbartische nieder. „Na, ist's hier nicht ebenso schön wie in Ostende?" nimmt eine wohlbekannte Stimme das Wort. „Und Seebäder können wir auch hier haben". Herr Müller verfärbt sich — Frau Müller verfärbt sich — die Töchter dito nach der Anciennetät, wie es sich für wohlerzogene Kinder gebührt. „Gütige Götter — das sind Werners!" „Heiliger Nepomuk — da sitzen Müllers!" Allgemeiner Stupor! Endlich fassen sich die Damen zuerst und stürzen mit wütender Freude auf einander los. „Liebe Frau Müller — liebe Frau Werner — nein, welche Ueberraschung! Sie hier zu finden! Ist das eine Lust. Wir glaubten Sie in Ems — und Sie in Ostende, welcher glücklichen Fügung des Himmels verdanken wir das Vergnügen — Sie können sich gar nicht ausmalen, wie entzückt wir sind —" „Ja, denken Sie nur, wie es uns ging," erklärt Herr Müller im Tone lauterster Aufrichtigkeit. , Eben im Begriffe, nach Ems abzureisen, kommt die Nachricht, daß mein Chef erkrankt ist. Er kann zwar im Bureau hin und wieder nach dem Rechten sehen, aber ich muß doch in der Nähe bleiben, um jeden Augenblick bei der Hand zu sein, wenn ich nötig bin." „Nein, solches Pech," versetzt Herr Werner mit einer Stimme, in der sich sein tiefes Bedauern kundgiebt. „Aber wie es uns ergangen ist: Noch am letzten Tage legt unser Hausarzt sein Veto gegen Ostende ein. Unsere Lina sei zu schwäch, um die Seeluft vertragen zu können. Er könne dafür die Verantwortung nicht übernehmen. Für sie eigne sich am besten die Ruhe des Waldes, der stärkende Ozon der Nadelhölzer. Was nun in aller Eile thun? Kurz entschlossen fuhren wir hierher — und bereuen es nun erst recht nicht, da wir so angenehme Gesellschaft getroffen haben." „Welcher glückliche Zufall," verkündete in diesem Augenblicke Müller, „da kommen auch Meiers!" Nein, welcher glückliche Zufall! Wieder geht es ans Erklären und Bedauern — ja, „was sind Pläne, was sind Entwürfe, die der Mensch, der flüchtige Sohn der Stunde, aufbaut auf dem betrüglichen Grunde!" Nie hat es so überzeugte, gläubige Seelen gegeben, und nie so glückliche Menschen, denen die Herzensfreude ordentlich aus den Gesichtern strahlt! Und diese Freude ist echt, das dürfen wir glauben, besonders bei den weiblichen Mitgliedern der drei befreundeten Familien, denn jede der Damen ist nun erst über das eigene Unglück getröstet, da sie weiß, daß es ihren „teueren" Freundinnen nicht besser geht. Geteiltes Leid ist ja bekanntlich — halbes Leid! Devumsehtes. Ein angebliches Szepter Karls ves Großen. In der Gallerie d'Apollon Louvre zu Paris bewahrt man ein Szepter, das als Szepter Karl's des Großen gilt. Gelegentlich feiner Krönung äußerte Napoleon I. den Wunsch, dieses Szepter in der Hand zu haben. Für die Feier wechselte man den das Szepter umgebenden roten Sammet. Wie groß war aber das Erstaunen des Goldschmiedes, der damit beauftragt war, als er auf dem bloßgelegten Metall eingegraben folgende Worte entdeckte: „Dieser Stab gehört mir. X. . . ., Sänger in Notre Dame — 1802." — Das Szepter war also ein profaner Taktstock! Der Goldschmied verständigte sofort Duroc, den Großmarschall des kaiserlichen Hauses. — „Man muß die Thatsache Napoleon mitteilen!" meinte der Goldschmied. — „Hüten Sie sich davor!" entgegnete Duroc. „Umziehen Sie schleunigst den Stock mit Sammet und sprechen Sie kein Wort über das, was Sie gesehen! Es ist absolut notwendig, daß der Kaiser in der Ueberzeugung stirbt, das Szepter Karls des Großen bei seiner Krönung gehalten zu haben!" — So kommt es, daß man dies Szepter noch immer für dasjenige Karls des Großen hält. EineUnmöglichkeit. Patient: „Sie, Herr Doktor, mit mir geht's fei gar net vorwärts. Wiffen's, wenn alle Strick retß'n, na häng' i mi auf. * * * Hausfrau: „Jane, heute morgen sah ich, wie der Milchmann Sie küßte, das darf nicht mehr Vorkommen. In Zukunft werde ich selbst die Milch an der Thüre entgegennehmen." — Köchin: „Ach, da brauchen sich Madame nicht zu bemühen- er hat mir geschworen, keine andere als mich zu küffen." („Münch. Jugend.") Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universttätr-Buch- und St-indruck-r-i (Pietsch Erben) in Gießen.