a K o {Ul; K^W K^MStz A!ixWjv<Ä öijyll1^ 8 M MM WM ^M-in gesunder, fleißiger Mensch ist nie arm; der Reichtum besteht nicht im Gelds, sondern in Stärke, Geschicklichkeit und Fleiß. I. Möser. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) Miß Franklin blieb noch auf dem Teck, nachdem der Kapitän und der Maat nach unten gegangen waren, der erstere zu seinem Grog und der letztere, um zu schlafen, ehe er mich um Mitternacht abzulösen hatte. Sie starrte lange in das schwarze Wasser, als ob »sie noch nicht die traurige Größe und das malerische Schrecknis der eben geschauten Szene los werden könnte. Dann sah sie umher, bemerkte, daß ihr Bruder nicht mehr da war, und wollte ihm folgen, als ihr Auge auf mich fiel. , Ich hätte nie gedacht/' sprach sie mit leiser Stimme und erschüttertem Ausdruck, „wenn ich Erzählungen von brennenden Schiffen las, daß ich einmal die Wirklichkeit sehen würde. Wie furchtbar ist der Gedanke, daß noch vor wenigen Stunden das Schiff mit starken Masten über den Ozean segelte, daß Menschen darauf lebten, die vielleicht leichten Herzens zu ihrer Arbeit sangen und an die Heimat badjteii, welche sie verlassen hatten oder nach der sie zurückkehrten. Wo ist es jetzt? Oh, solch plötzliche Vernichtung ist doch schrecklich! Sind Sie überzeugt davon, daß niemand an Bord zurückgeblieben ist?' Ihre Stimme klang hierbei so rührend wie die eines vor Furcht zitternden Kindes. „Wie ich schon sagte, es läßt sich nichts anderes annehmen, da die Boote fort sind." „Wohin mögen sie gesegelt sein?" „Wahrscheinlich auf gut Glück mit dem Winde." »Wann, denken Sie, können sie wohl Land erreichen?" Ich starrte sie an. „Das nächste Land ist die Küste von Südamerika, viele hundert Meilen von hier. Land zu erreichen, daran werden sie nicht denken. Ihr Plan wird sein, in einen gut befahrenen Seeweg zu gelangen und von irgend einem Schiff ausgenommen zu werden." Sie blickte wieder träumerisch auf das schwarze, bewegte Wasser und hüllte sich schaudernd fest in ihren Shawl. Mit einem matten „Gute Nacht!" ging sie darauf in die Kajüte. Kaum war sie fort, als Vendel-Banyard, welcher noch immer seine Hängematte im Deckhaus hatte, in seiner langsamen Weise bas Deck entlang kam und sagte: „De lütt Joey schient mi jo woll gor nich mihr bi sik, de Schipper füllt nah em seihn. Dat het ganz allein wedder Windwärts' Fust anricht." Ich ging nach vorn, gefolgt von Banhard, und steckte meinen Kopf in das Deckhaus. Die Thür lief in einem Falz und war so weit zurückgeschoben, als es sich thun ließ. Eine Hängelampe erleuchtete den Raum. Die Kisten der Bewohner des Hauses waren unter den Hängematten auf der Seite nach dem Hinterschiff zu verstaut und auf ihnen saß der Koch und der Schiffsjunge, welcher Hardh hieß. In der Hängematte, am äußersten Ende des Hauses, dicht neben der Küche und am weitesten von der Thür, lag der Schiffsjunge, welchen wir unter uns Jung - Joey nannten, jenes Kerlchen, welches Windwärts an diesem Morgen auf den Kopf geschlagen hatte. Man konnte ihn nicht sehen, denn er lag tief in seiner Hängematte, aber man konnte ihn hören. Sein qualvolles Stöhnen, sein leises, bewußtloses Wimmern drang zu mir. „'s kümmt mi verfluchten sur an, de ganze Nacht üm de Uhr'n slahn tau müssen, äwer wer kann slapen bi so'n hellschen Röcheln. De Jung füllt nach achter bröcht warben. Mi dücht, de> de dat Unglück anricht hebben, füllten ok de Plag' dorvon dragen." „Vor allen Dingen müssen wir ihn da herunter nehmen," sagte ich. „Die Hitze ist ja erstickend und da habt Ihr ihn auch noch dicht neben die heiße Küche aufgeschlungcn und so weit als möglich von dem bischen Luft, das ourch die Thür eindringt, abgeschlossen. Helft mir, ihn herabzuholen." Um dies zu thun, war cs nötig, die Taue der Hängematte von den Bolzen an der Decke loszuschneiden. Nachdem wir dies gethan, ließen wir ihn, so wie er lag, herunter und legten seine Matte neben die Kiste nieder. Ein trauriger Anblick bot sich uns nun dar. Man hatte den Jungen in seine Hängematte gelegt, angekleidet, wie er vom Deck getragen wurde. Hosen und Hemd waren mit Blut befleckt, ebenso das grobe Kissen, worauf sein Kopf lag. Dies war ein Zeichen, daß er aufs neue Blut verloren hatte, nachdem er hierher gebracht worden war. Auch jetzt blutete er aus dem Ohr, und roter Schaum stand auf seinen Lippen. Sein Gesicht war totenbleich und sein blondes Haar blutbefleckt. 290 Er ächzte und schwatzte unaufhörlich, aber seine Worte waren gänzlich unverständlich. Ich wies Banyard an, ihm die Lippen abzuwischen und dieselben mit Wasser zu benetzen; dann eilte ich nach hinten, um dem Kapitän Bericht zu erstatten. Er saß unter dem offenen Oberlicht und ich rief hinein-. „Ich glaube, Joey, der Schiffsjunge, liegt im Sterben,- es würde wohl gut sein, wenn Sie sich ihn einmal ansehen möchten." „®er?" rief er, in die Höhe sehend. „Der Knabe, den Mr. Sloe diesen Morgen geschlagen hat." Augenblicklich sprang er auf und kam auf Deck. „Wo ist er?" „Im Deckhaus." Er ging eilig dorthin und ich folgte ihm. Ich beobachtete ihn, als er den Knaben anblickte und bemerkte, daß er blaß wurde wie ein Bettlaken. „Was fehlt dir? Hast Du Schmerzen? Wo thut es denn weh?" rief er mit der schüchternen Art eines Mannes, der nicht gewohnt ist, freundliche Worte zu sprechen. Der Junge murmelte und wimmerte, und rollte das Weiße seiner Augen. Obgleich Banyard ihm die Lippen abgewischt hatte, war ihm doch wieder Schaum vor den Mund getreten, noch blutiger als zuvor, und auch der Fleck auf seinem Kopfkissen war jetzt fast schwarz. „Wenn de Schipper den Maat nich glik in Isen leggt un uns versprökt, em uphängen tau laten, bei--so wull'n wi dat besorgen," grollte eine tiefe Stimme hinter mir. Ich blickte zurück und sah drei Leute durch die Thür gucken, welche zu meiner Wache gehörten. Der Schiffer wandte den Kopf nicht um. „Würde nicht etwas Branntwein ihn beleben, was meinen Sie, Chadburn?" fragte er. „Gehen Sie rasch und holen Sie welchen. Geben Sie mir das Tuch"; er nahm es Banyard ab und wischte dem Jungen den Schweiß von der Stirn, während ich nach hinten eilte. Miß Franklin stand am Tisch, als ich die Kajüte betrat. „Was giebt es?" rief sie. „Der Junge, welchen Mr. Sloe diesen Morgen schlug, liegt im Sterben." „Im Sterben?" rief sie, mit einem Blick unbeschreiblichen Entsetzens. Ich lief mit dem Branntwein ins Deckhaus zurück. Der Kapitän füllte ein Glas und hielt es dem Knaben an die Lippen. Dabei zitterte seine Hand derart, daß er dem Burschen einen Teil des Inhalts über den Hals goß. „'s is hart für en Jungen, ümbröchr tau wurden, wil hei sie» Arbeit bahn het, so gaud as hei tonnt,* sagte der Schiffsjunge, Namens Hardy. „Hei verteilte mi, sien Modder wier starben, eine Woche eh sei sik inschippt hädd, hei was dadörch weikmäudig worn, un ik hürt em irst gistern abend tau ehr beden. Hei was en gauten Maat, hei gaw mi dit Hemde," dabei wie er auf ein altes abgetragenes Stück, welches er an hatte, und brach in Thränen aus. „Hul' nich; Jung," schrie Banyard, „'t is Water naug in 't Kielraum, ahn dat du uns noch extra Arbeit makst mit Pumpen;" und nicht unfreundlich hakte er seine Finger in Hardys Kragen und warf ihn durch die Thür auf das Deck hinaus. „Lucius, um Gottes willen, der Knabe stirbt, er muß in die Kajüte gebracht werden. Sieh den Schaum vor seinem Munde! Knöpfe den Kragen seines Hemdes auf!" Diese Stimme klang unmittelbar hinter der Banyards, wie das Flöten einer Nachtigall nach dem Bellen eines Kettenhundes. Miß Franklin eilte an mir vorüber und trat zu dem Burschen, worauf ihre weißen Finger sich sogleich an seinem Halse zu thun machten. „Geh zurück in die Kajüte, dies ist kein Ort für dich!" rief der Kapitän in leisem, aber hastigem Ton. „Warum soll ich ihm nicht helfen? Sieh das Blut auf seinem Kopfkissen! Oh, was für ein herzloses Ungeheuer, olch einen zarten Knaben so zu schlagen! Ich will nicht gehen!" rief sie heftig, sich dem Griff entwindend, mit welchem ihr Bruder sie am Arm gefaßt hatte. „Siehst du nicht, daß er im Sterben liegt? Warum erlaubst du deinem Maat, so grausam zu sein? Tauchen Sie dies Tuch in Waffer und drücken Sie es auf seine Stirne." Mit diesen Worten wandte sie ihre Augen hilfesuchend nach mir und streckte mir ihr Taschentuch entgegen. Ich trat vor und nahm es ihr ab; als ich aber im Begriff stand, das durchnäßte Tuch auf die Stirn des Leidenden zu legen, stürzte ein Strom von Blut aus seinem Munde. „Namt dat Külle von mien Bost!" schrie er, darauf streckte er sich, er war tot. Das Mädchen legte die Hände über ihre Augen, und ein heftiger Schauder schüttelte sie. Mit einem Gesicht, so blaß wie der Tote selbst, wandte sich sich um und ging aus dem Haus. Der Kapitän war im Begriff, ihr zu folgen. „Schipper," rief eine drohende Stimme, „wat beabsichtigen Sei mit dem Mürder tau dauhn?" Die Stimme war die des schönen Bluut, und dicht hinter ihm standen mehrere von der Mannschaft. „Der Maat war nicht schuld daran," antwortete der Kapitän hastig. „Ich glaube nicht, daß der Junge an dem Schlage starb. Chadburn, laffen Sie den Körper einnähen, wenn Sie denken, daß er tot ist, wir wollen ihn dann gleich begraben." „Sei warben uns nich so los, Schipper, wat wollen Sei mit em dauhn?" „Was wollt ihr, daß ich thue?" erwiderte der Kapitän, in dem Schein der Lampe stehend, welcher aus dem Hause auf das Deck fiel, und die Leute fest ansehend. „'s steiht schrewen: „Blaud üm Blaud'," lautete die Antwort. „Erwartet ihr etwa, daß ich den Maat hängen werde?' sagte der Kapitän mit leiser, aber scharfer Stimme. „Ich sage euch, Leute, es war ein Unfall, aber kein Mord!" Macht Platz!" „Dat is als» Ehr letztes Wurt?" „Ja!" dabei stampfte er mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging nach hinten. Die Leute blieben einige Augenblicke in atemlosem Stillschweigen beisammen. Einer von ihnen ging darauf leise zur Thür des Hauses. „Kämt, un seiht em an," sagte er flüsternd, und schritten alle zusammen vor und schauten hinein. Nachdem sie schweigend auf die Leiche gesehen hatten, gingen sie nach vorn. Ich horchte, um zu vernehmen, was sie sprächen; aber kein anderer Ton erreichte mein Ohr, als das Schluchzen von Hardy, welcher im Schatten des Vormastes ungestört seinen Thränen freien Laus ließ. Banyard und ich nähten den Toten ein und befestigten Blei am Fußende der Hängematte. Als wir fertig waren, ging ich, es dem Kapitän zu melden. Er lehnte in düsterer Haltung an der Kampanje. „Sloe wird mich noch in Ungelegenheiten bringen, wenn er seine Fäuste so freigebig braucht. Mag er die Hunde pauken, bis sie Manieren lernen, aber von dem Jungen hätte er seine Hände weglaffen sollen," murmelte er und sah mich an, schien aber kaum zu wissen, zu wem er sprach. Er trocknete sich die Stirn mit dem Taschentuch und ich wiederholte, was ich gesagt hatte. „Dann werfen Sie ihn über Bord !" befahl er. „Gleich?" „Gleich! Natürlich, noch diesen Augenblick." „Soll kein Gebet gelesen werden?" „Wer soll um diese Stunde der Nacht Gebete lesen? Schaffen Sie die Leiche aus der Brigg. Wenn sie die ganze Nacht noch liegt, so wird sie die Leute veranlassen, ebensolange zu komplottieren- sollen die Decks rein von Blut bleiben, so thun Sie, was ich sagte." Darauf, die Stimme sinken laffend, sprach er beinahe schmeichelnd: „Befreien Sie mich im stillen davon- seien Sie ein guter Kerl. Bringen Sie sie nach der Backbord - Fallreepstreppe- lassen Sie sich von den Leuten nicht sehen und machen Sie nicht mehr Geplätscher, als unvermeidlich ist." Mir gefiel diese überstürzte, das Gefühl empörende Verfügung über die noch warme Leiche durchaus nicht- aber es war meine Pflicht, dem Befehl zu gehorchen. Ich rief also Banhard- wir trugen die Hängematte, welche den Toten barg, leise auf das Deck und ließen sie über Bord gleiten, ohne daß irgend jemand etwas davon merkte. Die ganze übrige Zeit meiner Wache lungerte der Schiffer auf Deck umher- ein paarmal ging er nach unten, kehrte aber bald zurffck, um sein Hin- und Herwandern sortzusetzen. Kurz vor acht Glasen sagte er zu mir: „Wenn eine Meuterei ausbrechen sollte, hoffe ich auf Ihre Dienste zählen zu können." „Ich will Ihnen bis zum äußersten helfen, die Disziplin aufrecht zu erhalten- aber die Leute sollen erfahren, daß ich Mr. Sloes Brutalität nicht gut heiße." „Wenn Ihnen Ihr Vorteil etwas wert ist, werden Sie gut thun, Ihre Ansichten für sich zu behalten. Ihre Pflicht liegt klar vor Ihnen, und ich setze voraus, daß Sie als Gentleman nicht die Miffethaten einer Rotte Menschen unterstützen werden, welche im Grunde genommen doch Verbrecher sind." Hiermit ging er fort, ohne mir Gelegenheit zu weiteren Erörterungen zu geben. (Fortsetzung folgt.) Wahrheit. Novellette von C. Gerhard. ------- (Nachdruck verboten.) Sie ging mit unruhigen Schritten und vor Erregung blaffen Wangen auf und nieder, sie erwartete ihren Verlobten. Aber nicht die Freude ließ ihr Herz heute so ungestüm schlagen- sie hatte beschloffen, eine Beichte abzulegen, und diese Beichte ward ihr schwer, obgleich Erich stets milde urteilte. Ihre Blicke flogen zu seinem Bilde, und das gütige geliebte Antlitz beschwichtigte ihre Sorge. War's denn auch so schlimm, zu sagen: „Als Deine Braut noch ein thörichtes, kindisches Mädel von fünfzehn Jahren war, gab sie schon einem anderen ihr Wort". Lange hatte die Erinnerung an diele Zeit geschlafen, nun hatten Erichs Küsse sie an jene gemahnt, die Ulrich Hermann ihr auf die Lippen gedrückt, ein einzig Mal nur! Sie dachte des wonnigen Frühlings, den sie bei der Großmutter in dem kleinen, weltverlorenen Städtchen verlebt in fast stetem Zusammensein mit dem Nachbarssohn, dem flotten Studenten. Sie haben mit einander geplaudert, gescherzt und gesungen- er hat Ihr seine leidenschaftlichen Gedichte vorgetragen und sie dabei mit seinen feurigen Augen unverwandt angeschaut und in der Abschiedsstunde sie in seine Arme geschloffen, geküßt und gefleht: „Ruth, Du wartest aus mich, Du wirst einst meine Frau?" Und sie hatte ein schüchternes „Ja" gestammelt. Wie war er ihr dann, als sie nach der Residenz zurückgekehrt, ferner und ferner getreten, wie hatte sie mit sich gekämpft, bis sie endlich den Mut gefunden, ihm zu schreiben, ihr Versprechen wäre eine Uebereilung gewesen! Daraus keine Antwort! Und so hatte sie ihn vergeffen und erst als Zweiund- zwanzigjährige die echte Liebe kennen gelernt, da der junge Profeffor Erich Martins ihr begegnet. Seit acht Tagen war sie seine Braut, und nun hatte sie sich gesagt: „Er muß alles wissen!" Trotzdem aber bebte sie vor der kommenden Stunde. Da erklang die elektrische Glocke, ein rascher Tritt näherte sich der Thür, und gleich darauf lag Ruth in seinen Armen. Wie stattlich sah er aus, hochgewachsen, ein echter Germane mit wallendem, blonden Bart! Sie setzten sich in den traulichen Erker. „Immer sind meine Gedanken jetzt bei Dirl" flüsterte er zärtlich, „ist es mir doch ein so neues, beseligendes Gefühl, zu lieben und geliebt zu werden". „Du kanntest es nie zuvor?" „Ach, Kind, ich soll beichten? Ich kann's ruhigen Gemütes. Bis ich zur Universität ging, lebte ich bei meiner guten Mutter, der ausschließliche Verkehr mit ihr und die verehrende Liebe für sie ließ mich keine andere suchen. Dann ward die Wiffenschaft mir Freundin, Geliebte. Und es ist gut so. Meine wärmsten Gefühle gehören nun in voller Stärke Dir - ich hätte auch nicht gewagt, mich Dir zu näher«, wenn ich mich nicht so völlig frei gewußt". „So hättest Du auch nicht vermocht, Dich an ein Mädchen zu binden, das schon einmal verlobt gewesen?" „Nein, oder hätte tch's gethan, so würde mich ewig daS Gefühl gequält haben, sie könnte mich ebenso aufgeben, wie den ersten. Drum war ich so froh, als Dein Vater mir sagte, Du hättest bisher alle Anträge abgelehnt. O Ruth, wie bin ich stolz, Dich mir erobert zu haben!" Er zog sie an sich, und unter seinen Küssen erblühten wieder die Rosen auf ihren Wangen. Es schien ihr unmöglich, jetzt ihre Beichte abzulegen! Besser schweigen, als sein Vertrauen, seine Liebe verlieren! Nie würde er je von einem anderen Munde die Wahrheit hören. Verrauscht war ja längst jene Episode, und ihr Held verschollen! Erich Martins betrat mit frohem Antlitz sein behagliches Heim und begrüßte seine junge Frau mit warmen Worten. Wie ein einziger leuchtender Sommertag waren die sechs Monate ihrer Ehe verflossen. „Heute habe ich eine Ueberraschung für Dich, Liebling! Sieh her, es ist mir gelungen, noch zwei Logenplätze für die heutige Premiäre zu erlangen". „Wie gut Du bist, mir diesen Wunsch zu erfüllen! Die Nachrichten über das neue Stück haben mich in der That neugierig gemacht." „Und wohl auch das so streng gewahrte Pseudonym", lachte er. „Der Direktor soll überzeugt sein, daß seine neue Erwerbung ein Schlager sei und den Autor berühmt machen wird". Am Abend herrschte im Theater die bei einer Premisre übliche nervös erregte Stimmung. Auch Ruth ließ sich von derselben anstecken und schaute voll Interesse auf die Bühne. Das Stück behandelte ein soziales Problem. Das etwas laue Publikum erwärmte sich immer mehr- die spannende Handlung, die kühne und doch edle Sprache nahm die Hörer gefangen. Ruth Martins saß wie in einem Traum. Die Er- eigniffe, die sich dort auf der Bühne abspielten, die Personen kamen ihr so seltsam bekannt vor, die Einwohner des Städtchens mit ihren kleinlichen, beschränkten Ansichten, und unter ihnen der seine Bande zerreißende Jüngling, der so energisch sprach und handelte —, wo war sie ihnen nur begegnet? Und dort das junge, für die Poesie schwärmende Mädchen — war sie's nicht selbst? Eine Ahnung stieg in ihr auf, atembeklemmend. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Zettel, doch er sagte ihr nichts. „Drama in vier Akten von * * *." Wer war der Autor? Der Vorhang fiel zum letzten Male- brausender Beifall folgte, man rief die Schauspieler, den Verfasser. Und da kam er endlich — eine mittelgroße, schlanke Gestalt, ein Kopf mit vergeistigtem Gesicht, aus dem die Augen glühten und strahlten. Der Direktor sprach einige Worte, und nun jubelte die Menge: „Bravo, Ulrich Hermann, bravo!" Ruth 292 war totenbleich, sie hatte ihn gleich erkannt, ob auch das energische Kinn von dunklem Bart verhüllt war. „Was ist Dir Lieb, bist Du krank?" Sie zwang ein mühsames Lächeln auf die Lippen. „Das Stück hat mich erregt". „Ja, es hat auch mich gepackt, ein herrliches Werk! Wer hätte es dem Ulrich Hermann zu getraut". Ein neuer Schreck. „Du kanntest ihn?" „Wir studierten zusammen in Halle, das heißt, er widmete sich wenig dem ihm aufgenötigten Jus; später verlor ich ihn aus den Augen, hoffe aber, daß er uns nun besuchen wird". Auch das noch! Ruths Kniee wankten. Was sollte werden, wenn Ulrich ihr gemeinsames Geheimnis verriet? Erich würde sie verachten, verstoßen — Sie verlebte die nächsten Tage in fieberhafter Spannung. Immer erwartete sie, Ulrich bei sich eintreten zu sehen Es war ihr eine Qual, überall von ihm zu lesen, zu hören. Sein Stück wurde immer wieder gegeben. Sie hatte zum Befremden ihres Mannes abgelehnt, es noch einmal zu sehen und machte ihn durch ihre Blässe, ihre leichte Erregbarkeit besorgt. Einige Wochen vergingen- Ruth atmete auf, vielleicht wußte Ulrich, daß sie die Gattin Erichs war, und kam deshalb nicht. Eines abends saß sie müßig am Fenster, da öffnete ihr Mann die Thüre und rief: „Herzenswetb, hier bringe ich Dir endlich meinen alten Freund, den gefeierten Dichter! Macht Bekanntschaft, ich bin gleich wieder da!" Er sah es nicht, wie Ruth jäh empor fuhr und mit starren, angstvollen Augen zu Ulrich hinsah, der wie vom Blitz getroffen zurückwich. „Ruth, Du — Sie!" stammelte er. Seine Fassungslosigkeit gab ihr die Haltung wieder. Sie glitt zu ihm hin. „Ich bin's! Beim Andenken an jene Zeit — kein Wort Von ihr zu meinem Mann!" Er lächelte sehr seltsam, aber er verneigte sich tief und sagte: „Sie haben nur zu befehlen, gnädige Frau!" „Da steht Ihr noch steif wie zwei Fremde!" erscholl Erichs frohe Stimme. „Das muß anders werden. Setz' Dich, Ulrich, und Du, beste Ruth, sorgst wohl für einen guten Tropfen". Sie atmete auf, als sie das Zimmer verlassen, und doch zog sie's mit Gewalt zurück. Wenn Ulrich sein Wort nicht hielte, wenn er jetzt gerade Erich sagte — — Gottlob, nein, sie saßen ruhig bei einander, als sie wieder eintrat, und Ulrich erzählte, wie er sich allmählich durchgerungen, „in dem Stück zeichnete ich meine eigne Jugend, Ereignisse, die mich tief berührten." Ruth erglühte dunkel- hastig lenkte sie das Gespräch auf die Darstellung, sie wurde immer lebhafter und lachte oft über Ulrichs sarkastische Bemerkungen, aber ihre Heiterkeit machte einen gekünstelten Eindruck und legte ihm die Frage nahe- „Ist sie glücklich oder hat sie dich noch nie vergessen?" In dieser Nacht fand Ruth keinen Schlaf. Das Geständnis brannte in ihrer Seele und jetzt hätte sie den Mut gefunden, es Erich zuzuflüstern, aber er schlief, und in den nächsten Tagen war er so beschäftigt, daß sie ihn kaum sprach. Sie sah von nun an Ulrich häufig- er war in der Residenz Mode geworden, man lud ihn überall ein, auch in den Kreisen, in denen Martins verkehrten. Auch kam er öfters in ihr Haus, und wenn sie ihn auch niemals allein sah, so wuchs doch die innere Unruhe. Ihr Schweigen würde ihr Glück zerstören, sagte sie sich, aber sie vermochte es nicht zu brechen. Täglich kämpfte sie, und täglich unter lag sie, Der Kampf rüttelte an ihrer zarten Gesundheit und veränderte ihr Wesen. Erich bemerkte es mit namenloser Angst. Was hatte sie so verändert, was ließ sie ost in seinen Armen erbeben? Er beobachtete sie, und da mußte es ihm auffallen, daß sie besonders oft die Farbe wechselte, wenn Ulrich mit ihr sprach. Und nun dachte er nach und kam zu dem Schluß: Seit dem Premiörenabend ist sie verändert. Damals machte das Drama einen mächtigen Eindruck auf sie und dann—sein Schöpfer! Großer Gott, sie liebte nicht mehr ihn, den Alltagsmenschen, sondern Ulrich, den Dichter! Und jener — erwiderte er die Neigung, hatten sie am Ende längst sich ausgesprochen--? Nein, nein, die Verzweiflung beraubte ihn der Ueberlcgung, aber wie eine Schuldbewußte sah Ruth doch aus. Er mußte ! e weiter beobachten, bis er Gewißheit hatte. Ruth ahnte nichts von dem Verdachte ihres Gatten, er hatte sich gut in der Gewalt. Eines abends, als er nicht zu Hause war, ließ sich Ulrich anmelden. Ihr erster Impuls war, ihn abzuweisen, doch schon folgte er dem Diener. „Zum crstenmale mit einander allein," begann er von der Vergangenheit zu reden. „Oh lassen Sie tot sein, was längst begraben ist!" rief Ruth erregt. „Und wenn nun nicht alles tot ist, wenn die Flamme in meinem Herzen noch loderte —" „So muß sie erstickt werden, ich gehöre einem anderen und liebe ihn!" „Ich sah's, Ruth," erwiderte er nun plötzlich ganz weich, „und daher gelang mir's, die wieder auflebende Neigung zu ertöten. Ihr Frieden ist mir heilig, und Erich ist mein Freund. Und nun zum Ersatz fand ich ein Mädchen, das mich liebt, die Darstellerin meiner Hella. Morgen will ich zu ihr gehen, und ihr sagen: „Ich liebe Dich von ganzem Herzen, sei mein!" Sie sahen's beide nicht, daß in diesem Moment eine Hand die kaum gehobene Portiöre fallen ließ- sie hörten incht, daß sich ein wankender Schritt entfernte. Erich, soeben heimgekehrt, hatte nur die letzten Worte vernommen und im Wahn, daß sie seiner Frau gelten, stür-te er in sein Z mmer. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich erfüllt, sein Glück war zertrümmert. Die Leidenschaft trieb ihn, den falschen Freund zu fordern, ihn niederzuschießen, doch konnte er Ruth den Schmerz an- thun? Aber verzichten, sie dem anderen geben und weiter leben? Unmöglich! So blieb nur eines. Ohne zu zögern, nahm er aus seinem Schreibtisch einen Revolver- schon hob er die totbringende Waffe, da umklammerte plötzlich eine eiskalte Hand seine Rechte, und Ruth rief in erschütterndem Ton: „Was willst Du thun, Erich, Erich!" t a er nicht gleich die Antwort fand, sank sie neben ihm nieder und hob flehend die Hände zu ihm empor. „Du hast's erfahren, erraten, daß ich Dich belog, und deshalb — deshalb willst Du sterben!" Ihre Stimme brach. „So ist es also wahr," begann er mit unnatürlicher Ruhe, „daß du Ulrich liebst?" Mit wilder Gebärde griff sie an ihre Stirn. „Wer sagt's, das Ungeheuerliche? Kein Schlag meines Herzens gehört ihm." „Aber er — er begehrt Dich? Willst Du Dich von mir lösen?" Sie erglühte dunkel. „Du irrst, betritt sind wir beide schuldlos, aber ich sündigte Doch an Dir." Und nun beichtete sie rückhaltslos. „Kannst Du mich jetzt nicht mehr achten, lieben," schloß sie bebend, „so will ich von Dir gehen, in der Ferne büßen —" Doch mit starken Armen zog er sie empor. „Nie, mein Weib, an meinem Herzen ist immer Deine Heimat. Furchtbar büßtest Du schon, daß Du nicht offen warst. Lerne wieder glücklich sein, und wir werden eö sein, wenn wir eines immer hoch halten, die Wahrheit, meine Ruth, die lautere Wahrheit!" Redaktion: I. V.: Hermann Elle. — Druck nnd Berlag der Brül.l'schen Unioerfitäls-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.