1899. W >hotoär- auf ■ 8-'Noi « 6 i ^.sse." l/ambönH' 1 Ct Sä' 14 Samstag den 25. Februar. Q 1’ " IPffi U as halte fest: Bei Hellem Sonnenschein Jst's leichte Kunst, getrosten Muts zu fein, Doch ob ein Menschenherz ist stark und groß, Das zeigt sich erst bei einem schweren Los. K. Telmann. Nachdruck verboten. Die Armenhausprinzessin. Roman von O. Elster. I. Da lag sie wieder vor ihm, überflutet vom Abendsonnengold des sinkenden Herbsttages, die Heimat, der er vor fast dreißig Jahren entflohen war, als ein trotziger, wilder Jüngling, und in die er jetzt zurückkehrte, als ein kranker, alter, gebrochener Mann. Was hatte er gesehen, was erlebt in derweilen, großen Welt? Und wie traulich, wie unverändert lag die Heimat seiner Jugend da, zwischen den gelben Feldern, den saftigen Wiesen eingebettet, überragt und geschützt von den himmelanragenden Bergen, überschattet von den rauschenden Wäldern, überwölbt von dem lichtblauen Himmel, an dem die langgestreckten Wölkchen dahinzogen, wie die schneeigen Wellenkämme über das blaue Meer. Ueber das Meer, das Weltmeer war er gezogen, über das wogende Grasmeer der Prairien war er gewandert, im dichten, düsteren Urwald des amerikanischen Westens hatte er gehaust, reißende Ströme mit donnernd zur Tiefe stürzenden Katarakten überbrückt, in den Felsenthälern und auf den schneebedeckten Gipfeln der Anden sein Zelt aufgeschlagen, in den brudermörderischen Schlachten des großen Bürgerkrieges zwischen dem amerikanischen Süden und Norden mit- gcfochten, an der Grenze der Zivilisation sich seine Hütte gebaut, im Kampfe liegend mit der wilden Natur, mit den blut- und beutegierigen Rothäuten — und jetzt — jetzt lag er da am Straßenrand seiner Heimat, ein müder Mann, ein Invalide des Lebens, hinabblickend mit finsterem, fieberheißem Auge auf das an den Bergen emporkletternde Städtchen, auf das Kirchlein inmitten der Häuser und Hütten, auf die im Fruchtschmuck des Herbstes prangenden Gärten, auf die Wiesen und Felder, auf die Wälder und Berge, auf den unendlichen, stillen, trauten Frieden seiner Heimat, seiner Jugend. Aechzend stützte der Mann sein Haupt in die schwielige Faust, tief in sich zusammenstnkend. Er wollte nichts mehr sehen von diesem Frieden, dieser stillen Schönheit. Der Anblick schmerzte sein gebrochenes Herz. Er war nicht heimgekommen, um sich dieses Friedens, dieser Schönheit zu erfreuen, sondern weil er keinen Platz auf Erden hatte, wo er sein Haupt ruhig zum Sterben ntederlegen konnte, nachdem er sein einziges Gut, sein einziges Kind der Obhut seiner Heimat, seiner Verwandten anvertraut haben würde. Sein Kind, seine blondlockige, blauäugige Elsie, sollte nicht untergehen in der großen Welt da draußen. Sie sollte leben in dem stillen Frieden der Heimat, sie sollte das heiße Wünschen, das fieberhafte Streben, die Unruhe des Herzens vergessen in dem stillen Frieden der Heimat. Sie sollte nicht werden wie er, ein ruheloser Wanderer auf Erden, ein heimatloser Abenteurer auf dieser Welt, ein Fremder, ein Einsamer unter den Millionen und Abermillionen von Menschen. Sie sollte eine Heimat haben, sie sollte den Frieden, die Liebe, die Ruhe der Heimat genießen. „Elsie, komm her \" rief er plötzlich mit rauher Stimme einem etwa zehnjährigen Mädchen zu, das in der Wiese am Wege Blumen pflückte. Und das kleine, zierliche Ding, dessen sonnenverbranntes Gesichtchen goldblonde Locken in wilder Ungebundenheit umflatterten, sprang herbei und warf einen großen Strauß Feldblumen in den Schoß des alten Mannes. „Sieh, welch' herrliche Blumen, Vater," rief sie lachend. „Fast so schön wie bei uns da draußen auf der Prairie . . . aber Väterchen, was ist Dir? Du hast geweint?" Das Kind schmiegte sich an den alten Mann und liebkoste seine eingefallenen Wangen. „Ich habe geweint, stieß der alte Mann hervor, weil wir uns bald trennen müssen . . ." „Trennen?! Ich sollte von Dir gehen, Vater? Niemals . . ." „Und doch wirst Du es müffen, meine kleine Elsie. Sieh dort das Städtchen — es ist meine Heimat, von der ich Dir oft erzählt habe, meine Heimat, die ich niemals wiederzusehen glaubte, die ich niemals wiedergesehen hätte, wenn nicht mein Leben, mein Glück in Scherben gebrochen vor meinen Füßen läge — doch das verstehst Du nicht. Kurz, ich-brachte Dich hierher, weil hier die einzigen Verwandten von mir leben — dort in dem großen Bauerngehöft, etwas abseits von dem Städtchen. Eine Schwester von mir lebt dort, zu ihr will ich Dich bringen — Du bist dort 114 — gut aufgehoben — während ich — weiter wandern kann — um einen Winkel zu suchen, wo ich sterbe . . Die Augen des alten Mannes blickten finster unter den grauen, buschigen Brauen hervor und ruhten fast mit drohendem Ausdruck auf dem Gehöft, das in behäbigem Reichtum inmitten der Gärten und Felder dalag. Seine Hände ballten sich zur Faust, seine Lippen Preßten sich unter dem struppigen Bart krampfhaft zusammen und in seinem hageren Gesicht zuckte es unheimlich. Klein Elsie lachte fröhlich auf. „Wie komisch Du bist, Väterchen!" rief sie. „Wie sollte ich dazu kommen, Dich zu verlassen? Ich bleibe bei Dir, und wenn Dich die Leute da unten nicht auch aufnehmen wollen, dann wandere ich weiter mit Dir, wohin Du willst. Die Welt ist so groß — so schön — irgendwo wird es ein Plätzchen geben, wo wir uns niederlassen können . . .“ „Irgendwo!" murmelte der Mann mit ingrimmigem Lächeln. „Nirgendwo, sag' ich Dir, Elsie. Du bist ein kluges, kleines Mädchen, Du wirft mich verstehen — ich besitze nichts mehr, das letzte Geld hat unsere Reise hierher verschlungen — ich bin ein armer, kranker Kerl, der zu nichts mehr taugt auf der Welt. Seit Deine Mutter tot ist, hab' ich nichts mehr getaugt — ich bin ein verlorener Mensch — verstehst Du, was ich meine?" Elsie erschrack. Sie verstand die Worte des Vaters nur zu gut, sie hatte den Wert des Geldes nur zu früh in ihrem Leben kennen gelernt, Not und Sorge, Armut und Elend, Kummer und — Laster — den ganzen Fluch der Armut, den ganzen Fluch eines vernichteten Lebens. „Ich bleibe dennoch bei Dir," sprach sie trotzig. „Ich mag nicht zu den fremden Leuten — ich will bei Dir bleiben und wenn ich für Dich betteln soll!" „Es wäre das erstemal nicht," lachte der Mann bitter und höhnisch auf. „Doch komm — wir wollen zur Stadt gehen. Es wird Abend — dieses mal will ich für Dich betteln." — Er wollte sich erheben, doch aufächzend sank er zurück. Seine Kraft war zu Ende. Das Fieber schüttelte seine Glieder, umflorte seine Sinne, umdüsterte sein Auge. Er knirschte mit den Zähnen, er raffte sich abermals empor, taumelte einige Schrite weiter, schwankte, griff mit den Händen in die Lust und stürzte besinnungslos nieder. Elsie warf sich mit einem Schreckensschrei über den Bewußtlosen. Mit hundert Schmeichelnamen versuchte sie ihn in das Leben zurückzurufen- sie richtete ihn empor, der schwere Körper entglitt ihren schwachen Armen, sie suchte in dem armseligen Bündel nach einer Erquickung, sie fand nichts als ein Stückchen Schwarzbrod, sie eilte zu dem nahen Bach, der durch die Wiese murmelnd und plätschernd dahinetlte, schöpfte Wasser und wusch dem Besinnungslosen die Stirn. Er schlug die Augen auf und sah sie mit dem unheimlich glänzenden Blick des Fiebers an. Ein irres Lächeln zuckte über sein fahles Antlitz, wie der Blitz über die sturm- durchtobte Landschaft. „Sterben — sterben am Wege — wie ein Hund — wie ein Dieb — ein Gauner," kam es röchelnd über seine bläulichen, aufgesprungenen Lippen. „Ach, hätte mich doch die Kugel getroffen — hätten mir doch die Rothäute die Kehle abgeschnitten, als sie mein Haus niederbrannten, als sie mein Weib mordeten — sterben, am Wege sterben, wie ein Hund —" In undeutlichem Gemurmel verloren sich seine Worte. Er reckte sich — er griff mit den Händen krampfhaft in die Erde, er röchelte und ächzte in den Schauern des Fiebers, das seinen Körper mit lodernden Flammen durchglühte, mit Eiseskälte durchstarrte. Ratlos, hilflos kniete Elsie neben dem Kranken. Sie wußte nicht mehr, was beginnen, sie verhüllte das Gesichtchen in die Hände und weinte bitterlich. Die Blumen, welche sie vorhin gepflückt, lagen zerstreut, zertreten am Boden,- nur in ihren goldenen Locken hingen noch einige halbverwelkte Heckenrosen, und ihr ärmliches Mieder schmückte ein frischer Vergißmeinnichtftrauß. Der Abend sank nieder. Blutrot flammte der Himmel auf. Hell erglänzten die Spitzen der Berge, während tiefere Schatten sich auf das Thal senkten. Durch die stille Abend- lnft zogen die frommen Klänge einer Kirchenglocke,- die fernen Töne eines Liedes von Schnitterinnen drangen an das Ohr des einsamen Kindes, das tiefer und tiefer niedersank in seinem hilflosen Schmerz, bis es plötzlich aufsprang, die blonden Locken entschlossen zurückwerfend, die Thränen der blauen Augen trocknend und mit trotzig - stolzem Blick der Schar der Landleute entgegensehend, welche auf der Straße daherkamen. „Dunnerstag un Frietag!" rief lachend ein stämmiger Bauernbursch. „Was haben wir denn hier für ein lüttes Ding?" Die Männer und Frauen umringten neugierig die kleine Fremde. „Da liegt ja auch 'n Mannsbild!" rief ein Mädchen, indem es auf den schwer atmenden, besinnungslosen Fremden zeigte. „Ein Landstreicher! — Ein Vagabund! — Laßt'n liegen." Ein etwas besser gekleideter Manu, scheinbar der Aufseher der Arbeiter und Arbeiterinnen, drängte sich durch die Menge und beugte sich zu dem Erkrankten nieder. „He, guter Freund, steh auf!" rief er. „Er kann nicht — er hat einen über'n Durst getrunken!", lachte man. „Nee, der Kerl is krank! Komm einmal her, mein Kind — wie heißt Ihr, und woher kommt Ihr?" „Ich heiße Elsie — wir kommen von Amerika" — antwortete das Kind mit zitternder Stimme. „Von Amerika?! Ei, steh mal einer an! Direktemente von Amerika? Das is ja 'ne hübsche lütte Reise." Alle lachten über diesen Witz ihres Aufsehers. „Wie heißt denn Dein Vater da?" „Mister Hannecken." „Mister . . . Hannecken? Daß Dich — is das ein komischer Name! — Aber, Leute, das hilft nichts, wir müffen den Kerl nach'» Bürgermeister bringen, hier auf der Straße können wir'n nicht verkommen lassen." „Was geht uns der Kerl an!" „Nee, nee, bat geht nich. Also angefaßt und ihn nach dem Bürgermeister getragen. Der mag dann bestimmen, wohin er gebracht werden soll." Das Mitleid erfaßte einige Frauen, als sie das kleine, weinende Mädchen und den kranken, alten Mann erblickten. Sie ermunterten die Männer, zuzugreifen, sie selbst nahmen sich Elftes an, suchten sie zu trösten, streichelten ihr die heißen Wangen, und so ging der Zug nach dem nahen Landstädtchen, auf dessen Gassen fast oie ganze Einwohnerschaft zusammenl!ef, um die seltsamen Fremden anzugaffen. Der Gemeindediener kam hinzu und setzte seine wichtigste Miene auf. Das war doch einmal ein Fall, wo er seine Autorität zeigen konnte. „Der Herr Bürgermeister is jetzt nich zu sprechen," sagte er würdevoll. „Er ist auf der Kegelbahn im „Weißen Roß". Der Herr Rektor und der Herr Kantor find auch da. Wir dürfen die Herren nich stören." „Ja, aber wohin denn mit dem kranken Menschen und dem unglücklichen Wurm?" „Wenn vielleicht einer von Euch sie aufnehmen will—" „Nee, fällt uns nich ein. Ein wildfremden Menschen aus Amerika — ich danke scheenstens. — „Na, dann bleibt uns nichts weiter übrig, als sie nach dem Gemeindehause zu bringen. — „Ja, nach dem Armenhause! Vorwärts!" — „Aber 'n Doktor müssen wir holen, sonst stirbt uns der Mensch noch unter den Händen." Eine mitleidige Frau erbot sich, den Herrn Doktor zu 115 benachrichtigen, während der Zug sich nach dem Armenhause in Bewegung setzte. Die Insassen des Armenhauses, eine zerlumpte Korb- flechterfamilie und ein invalider Waldarbeiter erhoben anfangs ein gewaltiges Geschrei, als sie die fremden „Vagabunden" aufnehmen sollten. Aber Frau Dorette Ptnkepank, die alte Waschfrau, welche das Szepter in sehr energischer Weise im Armenhause schwang, rief scheltend: „Nun steh mal einer die noblen Herrschaften an! Der Herr Korbflechter und der Herr Waldarbeiter schmieren sich, den armen, kranken Menschen aufzunehmen? Na ja, die Herrschaften sind ja auch ganz was Besonderes und in ihre „Salöners" Paßt solch ein armer Mensch nicht hinein. Tragt'n nur in meine Stube, Herr Polizeidiener. Ich werde mich des lütten Dinges und des Kranken annehmen. Ach du lieber Gott, das Herz dreht sich einem ja im Leibe rum bet dem Anblick." Man legte den Kranker? auf das armselige Lager der braven Waschfrau nieder. Klein Elste drückte sich schüchtern und weinend in einen Winkel des Stübchens, während Frau Dorette Pinkepank die neugierige Menge aus dem Zimmer und dem Hause trieb. \ „Holt den Doktor herbei und halt keine Maulaffen mehr feil!" rief sie erbost und ballte drohend die knochige Faust. Dann schob sie als letzten den Polizeidtener^itterbusch zur Thür hinaus und schloß diese mit einem sehr energischen Ruck. Eine Weile noch lachte und lärmte die MengeXdraußen, dann zerstreute sie sich. Still und einsam lag das N«uen- haus von Benneckenstein da, umschattet von den düsteren FöhtM und Kiefern, die das halb zerfallene Haus umgaben. Die Föhren und Kiefern rauschten, sausten und knarrten in dem erwachenden Nachtwind, und der Kranke fuhr empor und lauschte in die Ferne, ein Lächeln der Andacht, der Aufmerksamkeit auf dem fieberheißen Antlitz. Glaubte er in seinen Fieberträumen das Brausen des Weltmeers zu vernehmen, das ihn in die weite Welt getragen? Glaubte er das Donnern und Tosen der Schlacht zu hören, in die er sich mit Jugendungetüm gestürzt? Vernahm er das Rauschen der Prairie, das dumpfe Sausen des Urwaldes, das Pfeifen des Sturmes auf den schneebedeckten Spitzen der Anden? Oder lauschte er dem Rauschen und Sausen der Föhren und Kiefern, wie trauten Wiegenliedern aus längst verschwundener Kindheit, wie lieblichen Weisen der Heimat, der trotz der weiten, weiten Welt geliebten, unvergessenen Heimat, die ihn wieder ausgenommen hatte in ihren Schoß, die die weichen Arme um seinen kranken Leib, um seine kranke Seele schlang? Ein glückliches Lächeln irrte über das Gesicht des Kranken, und mit einem Seufzer der Befriedigung sank er zurück auf das ärmliche, harte Lager der mitleidigen Waschfrau Dorette Pinkepank im halbzerfallenen Armenhause seiner Heimat. (Fortsetzung folgt.) Gewänder aus Glas. Daß Glas gesponnen werden kann, hat wohl jeder schon auf Jahrmärkten und Volksfesten gesehen. Die Technik hat jedoch Mittel und Wege gefunden, das spröde Material so biegsam und weich zu machen, daß es sich zu Gewändern verwerten läßt. Wir entnehmen einem in der „Illustrierten Frauen-Zeitung" (Verlag von Franz Lipperheide in Berlin) veröffentlichten Aufsatze von W. Berdrow darüber folgendes: Schon in ägyptischen Glashütten kannte man die Kunst, weiches Glas zu Fäden auszuspinnen, und die im wesentlichen noch heute übliche Methode, diese Fäden in großer Feinheit herzustellen, stammt bereits aus altvenetianischen Glasbläsereien. Sie besteht bekanntlich im wesentlichen darin, daß das erweichte Ende eines über der Lampe erhitzten Glasstäbchens an einem Rade befestigt und letzteres dann rasch gedreht wird,- so spinnt sich ein Faden vom Glase ab, der in der Luft erkaltet und glänzend und schmiegsam sich um denUm - fang des Spinnrades legt. Wäre die Kunst des Glasspinnens auf dieser Stufe stehen geblieben, so hätte man es wohl nie zu gläsernen Miedern und Teppichen gebracht. Und doch wurden diese Fäden schon vor Jahrzehnten in seidene Gewebe eingestickt! Ueber dem Sarge Napoleons I. im Jnvaltdendom zu Paris liegt ein schweres, seidenes Leichentuch, das mit goldglänzenden Glas- fädett durchwirkt ist. König Ludwig I. von Bayern besaß ein Zimmer, dessen Tapeten aus glasgesticktem Stoff bestanden: doch sind auch hier die Glasfäden noch durchaus brüchig, denn es fanden sich oft feine Glassplitterchen im Gemach, und der König betrat es nicht gern. Immerhin hat die Glasspinnerei es auch schon auf dieser Stufe zu gewtffen Erfolgen gebracht. Es war der im Jahre 1819 in Frankreich geborene Chemiker Jules de Brunfaut, der aus der primitiven Kunst des Glasspinnens zuerst einen größeren Fortschritt entwickelte. Es gelang ihm, eine Glassorte zusammenzusetzen, aus der sich so weiche und lockige Fäden spinnen ließen, daß sie, als er sie zuerst in Steiermark ausstellte, von französischen Schafzüchtern für feine Rambouillet-Wolle gehalten wurden. Brunfaut widmete sich nun ganz der Glasspinnerei und ließ sich in Wien nieder, wo seine weiteren Versuche nicht nur von der Bevölkerung, sondern auch vom Staate mit Interesse verfolgt wurden. So hatte man denn Glasfäden, die biegsam, färbbar, ^wasser- und feuerfest waren, die sich in andere Gewebe ein- staMl ließen und prachtvolle Effekte gaben; und dennoch ent- wickM'^ch aus Brunfaut's Versuchen keine Industrie. Ja, sie wurde HÄS-Md halb vergessen, und erst in Amerika hatten wir in neuerer^Mr-MiUenheit, sie weiter als eine neue, uns entfremdete, selblländia^ckEKLldeneKunstzu begrüßem Unter den hundert hervorragenden" Sehenswürdigkeiten der Weltausstellung zu Chicago war es, wo Tausende von erstaunten Besuchern zum erstenmal Gelegenheit hatten, dem Weben gläserner Kleider zuzusehen. Die Libbey Glass Co., welche aus der Herstellung und Verwendung von Glaswolle seit längerer Zeit eine Spezialität gemacht hat, trat hier in einem eigenen Gebäude mit einer solchen Menge der verschiedenartigsten, geschmackvollsten und zum Teil wirklich entzückende Produkte der Glasweberei hervor, daß der Besucher vor dieser Farben- und Formenpracht, vor dem Reichtum der Erfindungen und der Sorgfalt der Verarbeitung wie geblendet stand. Alle die Gegenstände der älteren und gröberen Glasspinnerei, und aus unendlich feineren und weicheren Fäden hergestellt, wie Schuhe und Pantoffeln, Kravatten und Kragen, Blumen, künstliche Straußenfedern, Hüte mit kostbaren Garnituren aus Glasspinnerei, — das waren die geringsten Kleinigkeiten in dieser Ausstellung fertiger Produkte. Der matte, weiche Glanz, besonders der weißen Glaswolle übertrifft fast den vornehmen Glanz der Seide- mit Raffinerie sind die feinsten Farben- Effekte zur Verschönerung aufgewendet, und ein gläserner Lampenschirm, sowie feine, seidenweiche Blumen sind wahre Kunstwerke. Da giebt es ShawlS, Tücher, Umhänge, so geschmeidig und weich, als wären sie aus der feinsten Wolle, der besten Seide gewirkt- Gardinenstoffe in den schönsten, gedämpften Farben und von einem Faltenwurf, wie ihn kein anderer Stoff eleganter gestaltet- schwere Vorhänge in dunkeln, satten Tönen- Tapeten, Gobelins, Tischdecken mit feinen eingewebten Mustern, — alles aus Glas, aus reinem, gesponnenem, gewebtem Glas, und doch im Ansehen, für das Gefühl genau so, als wäre es aus Wolle, Seide, Leinen! — Noch immer geschieht das Spinnen auf die ursprüngliche Weise mit Hilfe der Flamme und des gedrehten Rades, aber während noch vor zehn bis fünfzehn Jahren nur Fäden von drei Meter Länge, die auf metergroßen Scheiben aufgewickelt und dann durch einen Schnitt am Umfang alle mit einander abgelöst wurden, hergestellt 116 werden konnten, versteht man jetzt, das Gespinst von den großen Scheiben wieder abzuhaspeln, und so Fäden von beliebiger Länge zu verwenden. Jetzt sind es gewaltige, zwei bis drei Meter im Durchmesser besitzende Räder, die von Maschinenkraft mit einer unglaublichen Schnelligkeit herumgewirbelt werden, und auf denen sich das haarfeine Gespinst in jeder Minute zu vielen tausend Metern aufwickelt. Das Weben dieser Gespinste geschieht nun ganz, so, wie Wolle oder Baumwolle auf dem Webstuhl verarbeitet wird. So lange man nur kürzere Fäden, etwa von sechs bis sieben Meter, z. B. als Einschlag bei Webereien oder für feinere Handarbeiten bedarf, wird auch jetzt noch das auf dem Rade befindliche Gespinst der Quere nach durch einen Schnitt am Umfang des Spinnrades abgetrennt, zur Gewinnung längerer Fäden muß der Inhalt eines vollgesponnenen Rades vorsichtig wieder abgespult werden. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Gewebe aus Glas noch immer im höheren Grade ein Gegenstand der Kuriosität und des Luxus sind, als ein solcher des täglichen Gebrauchs. Vor wenigen Jahren war noch der Preis für ein einfaches Leibchen aus Glasgespinst 160 bis 200 Mark, und damit sind denn doch wohl die Vorteile der gewebten Glasarbeiten, ihr feines Aussehen, ihre Beständigkeit gegen Wasser, Fett oder Säuren, ihre Feuerbeständigkeit und ihr Wärmeschutzvermögen etwas zu teuer bezahlt. Aber wie viele Dinge sind schon aus dem Gebiete des Luxus und der Kuriosität, schneller als man gedacht, in das größere Gebiet der Industrie und des täglichen Gebrauches übergegangen? Man verfertigt fabrikmäßig Seide aus Pflanzenfasern, und grobe Leinenarten aus zerfasertem Holz, — warum sollten nicht eines TagxA- auch die gläsernen Gewebe ein weiteres Gebiet des GehMrches als heute sich erwerben? Was fängt man mit gefrorenen Aepfeln an? Das beste für erfrorene Aepfel ist das Verbringen in einen kühlen Raum, wo sie ohne Schaden allmählich austauen. Aber ja nicht in geheizte Räume. Mumerrpflege. Um schöne, vlane Hortenfien-Blumen zn erhalten, kultiviert man sie in Moorerde, die unter Elsen (Erlen) sich gebildet hat, vermischt mit etwas lehmigem Sand und setzt Eisenfetlspähne zu. Es liegt nunmehr in der Praxis, wie viel man von diesen SPähnen zusetzen muß, eine bestimmte Menge läßt sich kaum angeben. — Auch kann man gestoßenen Alaun oder Eisenocker, beides in Drogengeschäften zu haben, anwenden,' von beiden giebt man 30 bis 50 Gramm per Topf der Erde 6ei; bei älteren Pflanzen aufgestreut; natürlich nicht von jedem so viel, sondern entweder Alaun oder Eisenocker. Das Quantum muß man ausprobieren, da die Wirkung verschieden ist, je nachdem die Erde beschaffen ist. Iür die Küche. Gerollter Lungenbraten: Ein Stück Lungenbraten wird abgehäutet, recht dünn auseinander geklopft und gesalzen. Man bestreicht das Fleisch mit einer Mischung von gehacktem Speck, Bröseln, drei gewiegten Sardellen, Majoran und Ingwer, rollt es zusammen und umwindet es mit Bindfaden. Man dünstet diese Wurst mit Beize, löst dann den Spagat ab und bratet sie, mit Fett und Rahm begossen, fertig. Salat von gekochtem Rindfleisch. Wan schneidet das Fleisch in kleine Würfel und giebt einen in kleine Würfel geschnittenen, sauren Apfel nebst einer in feine Scheiben geschnittenen Zwiebel dazu. Auch gekochte Sellerie in Scheiben geschnitten, ebenso einige in Essig eingemachte Tomaten kann man dazu geben. Dies alles wird mit etwas Salz und Essig nebst hinreichendem Oel gut durcheinander gerührt und in eine Schüssel gethan, die man nach Belieben noch mit Pfeffergurken oder Esfigpflaumen oder mit sauer eingekochten Kirschen garnieren kann. Polnische Leber. Man schneidet die Leber in kleine Stückchen, bestreut sie mit etwas Mehl, macht in einer Kasserolle gutes Fett heiß, giebt feingeschnittene Zwiebel darein, hierauf die Leber und läßt sie dünsten; wenn sie bräunlich geworden, giebt man einen Schöpflöffel voll Suppe darauf, einen Löffel sauren Rahm, etwas Paprika und erst beim Anrichten Salz nach Geschmack. Man garniert sie mit gedünstetem Reis. Billiges Goulasch kann von den Hirschschultern, welche ja bekanntlich bedeutend billiger zu stehen kommen als Rindfleisch, hergestellt werden. Ich mache dieses wie das Rinds- goulasch, und schmeckt dasselbe besser als das vom Rindfleisch- Eingemachtes Kalbfleisch. Tie Kalbsrippchen werden gewaschen, gesalzen und in einer Kasserolle, in welcher ein Stück Butter zerlassen wurde, mit Zwiebeln, einem Lorbeerblatt, Petersilie, Gelbrübe/und Zitrone zugedeckt im eigenen Safte gedünstet. Wenn der Saft eingekocht ist, bestäubt man das Fleisch mit zwei Löffeln Mehl, gießt Fleischsuppe und ein Gläschen Wem daran und läßt das Ganze weich kochen, worauf Mn es anrichtet. ^Falsche Zunge. Man läßt ein gutes Kuheuter zehn J£uge pökeln und vier bis fünf Tage räuchern. Sodann ' legt man es in kochendes Wasser, läßt es so lange kochen, bis es sich ganz weich sticht und läßt es hierauf in demselben Wasser erkalten. Dies giebt einen billigen, kalten Aufschnitt und wird meist für Zunge gehalten. VermEchtes. Der Frohsinn ves Kinves. Bei einem frohen Sinne kommt jedes Gute viel leichter und kräftiger int Kinde zum Vorschein als das Böse. Das Wohlbefinden des Körpers hat dabei einen großen Einfluß auf die Gesundheit der Seele- Kränkliche Kinder verfallen weit leichter aus Unarten als gesunde. Ihre Seele neigt insbesondere zu selbstsüchtigem Wesen, zu feindlichen Leidenschaften hin. Kommt dazu noch eine mürrische, launische und harte häusliche Erziehung, so wird dadurch im Kinde ein sinsterer, verschlagener, zu heftigen Leidenschaften geneigter Charakter herangebildet. Dagegen macht der Frohsinn, den man durch Freundlichkeit, Herzlichkeit und Wohlwollen, durch sanfte Behandlung, durch Förderung unschädlicher Unterhaltung und angenehmer Spiele nährt, die Seele für alle guten Eindrücke empfänglich, williger zum Gehorsam und stärker für die Selbstbeherrschung. Heiteres Wesen der Kinder soll, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, nicht unterdrückt, am allerwenigsten sofort als Unart betrachtet und behandelt werden. Auch ein Sieg. A. (der mit seinem Freunde von der Kneipe nach Hause geht): „Du, da hinten ist noch eine Kneipe offen; da trinken wir noch eine Flasche!" — B: „Aber Du sagtest doch vorhin, Du wolltest heute ganz bestimmt direkt nach Hause gehen!" — A.: „Das habe ich mir auch fest vorgenommen; ich will aber doch mal sehen, ob ich nicht stark genug bin, um mich selbst zu besiegen!" * * Ein Diplomat. u. .*. Aber lieber Mann, es ist sehr unrecht von Dir, daß Tu so über die Schwiegermütter schimpfst — es giebt doch auch gute!" — „Ereifere Dich nur nicht, Elise! Ich habe ja nichts gegen Deine Schwiegermutter — ich schimpfe ja nur über die meine!" Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.