My. .Midi ■■ .■ Weihnachten |899. / »M-un liegt, in tiefe Rast versunken, §®K Die ITuitter (Erde grau und fahl; (Es steht der Wald so schlummertrunken, So kraftlos glänzt der Sonne Strahl . . . 2Hit Klagelauten will Dich's mahnen An die Vernichtung allerwärts; Und dennoch zieht ein holdes Ahnen Gleich Frühlingswogen in Dein Herz! Ob Winterfrost und Sturmeswüten Des Lenzes Kinder auch verbannt, Christrosen, die im Schnee erblühten, Sind Dir als Trost von Gott gesandt; Und klingt das Lied der philomele Auch nicht um ihre keusche Pracht, or tiefinnerem Weh, vor einem Schmerz, der alles in ihr zusammenkrampft. „Damit Sie auch sehen, gnädige Frau, daß wir den Zettel gefunden haben — hier ist er, und nun sage ich nichts weiter als: Gott lohne es Ihnen!" Gerty macht eine abwehrende Handbewegung. Wie durch einen Flor sieht sie die Freude der beiden, wie aus weiter Ferne vernimmt sie den Schall ihrer Worte, den Sinn begreift sie kaum. Ist das nun daS Resultat all ihrer Weihnachtsfreude, unter den flammenden, leise knisternden Kerzen dieses todestraurige Herz? Als ihre beiden Gäste mit Geschenken beladen, lachend Vor Glück und Freude daS reizende, elegante Heim der Baronin verließen, sank diese unter den goldschimmernden Zweigen des Märchenbaumes mit überströmenden Augen zusammen. Mochten sie doch nun überfluten die stürmisch be- wegten Gesühlswellen, sie war ja allein — allein — Draußen schellte es noch einmal. Gerty hörte es nicht. Ebenso wenig vernahm sie es, daß elastische Männerschritte sich dem Salon näherten: Jetzt stand der auf der Schwelle, um den daS junge, einsame Weib so bitterlich weinte—Kurt von Dossow. Tief betroffen schaute er auf die am Boden Knieende, deren Köpfchen in den Polstern eines Sessels ruhte. Verlegenheit Malte sich in seinem vornehmen intereffanten Gesicht. Unschlüssig stand er auf der Schwelle. Er hatte sich dieses Wiedersehen mit Gerty ganz, ganz anders gedacht. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Gerty sollte nicht wiffen, daß er sie so gesehen hatte in ihrem heimlichen verzehrenden Schmerz. Geräuschlos trat er in das Nebenzimmer zurück, wo ein Pianino stand. Und dann erklang das alte, herrliche Weihnachtslied auf den Saiten und Kurts schöner Bariton setzte voll und weich ein: „Stille Nacht, heilige Nacht! . . . ." Gerty erhob sich lauschend, mit weitgeöffneten Augen, in deren Thränen sich der Lichtglanz brach. Jetzt schaute sie so andächtig drein, wie vorher das Kind, welches den Flügelschlag des heiligen Christ noch zu hören meinte. Und dann flog es hinüber und herüber von zitternden, lachenden Lippen: «Gerty — Kurt!" Sie hielten sich umfangen und sahen rinander in die leuchtenden Augen, und glaubten doch anfangs, daS ganze sei ein seliger Traum, der schwinden werde wie daS Kerzenlicht. Dann folgten aber doch die Erklärungen: „Als armer Leutnant hätte ich es nimmer gewagt, zum zweitenmale um Dich zu werben, süße Gerty, aber steh mich recht au: Von einem Verwandten habe ich Rang und Reichrum geerbt: „Freiherr von Doffow und auf Berghausen", wird das meiner anspruchsvollen Prinzessin genügen?" „Ich hätte gern gut gemacht, was ich Dir einst gethau", versicherte sie ernst, „ich wußte nicht, daß Du reich bist, Kurt, mich verlangte nach Deinem Herzen, nach Deiner Liebe. Hast Du mir auch ganz und gar verziehen?" „Nur sehr kurze Zeit habe ich Dir gezürnt, mein Lieb- Ung, denn Du warst damals im Recht. Wie manches strahlende Glück ist schon versunken in der aufreibenden Sorge, welche die Armut mit sich führt .... Da ich nun aber glänzend situiert bin, war mein Plan fertig, als mein Kutscher mir Deine originelle Einladung zeigte, die seine Frau in einem Bibliothekbuche gefunden batte; ich erriet, daß Du Dich unbefriedigt, ja unglücklich fühltest und fürchtete nur, daß ein anderer mir zuvorkommen und Dich noch vor dieser Christbescherung trösten werde." „Und weshalb kamst Du nicht früher?" „Verzeihe mir — eS sollte so eine Art Prüfung sein «uf Deine Treue." „O, mein Herz war immer bei Dir, Kurt, ich habe schwer gebüßt." Er küßte ihre weiße Stirn. „Vergiß das alte Leid, mein Liebling, ist nicht die Gegenwart strahlend hell?" „Ja", bcstä-igte sie aus Herzensgrund, „und allen habe ich überreich beschert, den Armen sowohl wie der Dienerschaft! UnS aber hat Christkindlein doch das Beste gebracht: Die Auferstehung unserer alten, nie vergeffenen Liebe!" Die Pflanzenwelt und das Weihnachtsfest. Eine Festbetrachtung von F. Clemens. ------- Nachdruck verboten. Daß Weihnachten als ein der Natur geweihtes Fest, dem erst das Christentum in sinniger Umkleidung deS «r- iprünglichen Gedankens seine heutige Bedeutung verliehen hat, mannigfache und intime Beziehungen zu den Erscheinungen und Erzeugnissen der Natur aufweist, kann uns mit Rücksicht auf den erwätmten Ursprung nicht wunder nehmen. Vor allem zur Pflanzenwelt treten diese Beziehungen deutlich hervor- bildet doch eine Pflanze, ein Baum in idealisierter Gestalt den Hauptschmuck des schönen Festes, und schon das alte Kinderfestlied „O Tannebaum, o Tannebaum" giebt dieser Thatsache finnigen und freudigen Ausdruck. So oft ist über die Bedeutung und den Ursprung unseres Christbaumes geschrieben worden, daß wir hier über den Gegenstand wohl hinweggehen können. Dagegen wiffen viele unserer Leser vielleicht nicht, daß unser deutscher Weihnachtsbaum kein allgemeines und unerläßliches Erfordernis des herrlichen Festes ist, sondern in zahlreichen Ländern noch völlig fehlt, obgleich die schöne und liebliche Sitte immer weitere Verbreitung gewinnt. In England z. B. tritt noch vielfach ein anderes Mitglied der Pflanzenwelt an seine Stelle: die Htecheiche, die neuerdings auch bei uns zu Weihnachten auf den Märkten »erkauft wird. Vielleicht sind dem Leser in den Schaufenstern der Gärtner schon dunkelgrüne Zweige mit lederartigen, glänzenden, tief eingeschnittenen, mit spitze» Stacheln versehenen Blättern und scharlachroten, erbsengroßen Beeren ausgefallen? Dieses sind die Zweige der Stechpalme, Stecheiche, Palmdistel, Hülse oder, wie sie auch im Elsaß genannt wird, des Christdorns (Ilex Aquifolium). Die Stechpalme, eine prächtige Zierde unserer Gärten und Parkanlagen, ist der einzige immergrüne Laubbaum unseres Klimas. Vom Süden Europas bis an den Seestrand findet man das eigenartige Gewächs mit der dichtbelaubten Krone und den glänzend grünen, wie lackiert aussehenden Blättern, vor allem in Englands mildem Seeklima gedeiht eS vorzüglich- man pflanzt es dort fast in jedem Garten als Zierstrauch an. Daher auch dort seine allgemeine Verwendung als unentbehrlicher WcihnachtSschmuck. Alle Zimmer sind mit immergrünen Stecheichenzweigen und Mistelzweigen drapiert, und aus dem satten, dunklen Grün leuchten die roten Beeren gleich blitze den Korallen. Auch auf den Weihnachtspudding wird ein kleiner Zweig mit roten Beeren gesteckt, was dem beliebten Gericht ein festliches, weihnachtliches Aussehen giebt. Die Stechpalme wächst sehr langsam, Re braucht achtzig Jahre, um auf den Namen eines richtige» Baumes Anspruch machen zu können, daher auch ihr schweres und festes Holz, das festeste unter allen deutschen Holzarten, das nur geringe Verwendung finden kann Sonderbar ist, daß die Stacheln, je höher die Zweige sich befinden, mehr und mehr in Wegfall kommen, weshalb der Dichter von der Pflanze singt: „Unten wie ein Zaun von Dornen, starrt Es scharf und hart; Kein weidend Bieh durch diesen spitzen Saum Verletzt den Baum. Doch oben, wo die Rinde nichts befährt, Wird stachellos das Laub und unbewehrt. So auch in meinen Jugcndtagen will Ich ernst und still Im Kreis der Jugend fein, die unbedacht DeS Ernstes lacht, Auf daß mein Alter frisch und fleckenfrei, Gleich dieses Baumes grünem Winter sei." 740 - Woher sich die symbolische Bedeutung der Stacheleiche schreibt, besagt schon der ihr auch beigelegte Name „Christdorn". Nach der Volkssage mancher Gegenden ist aus dem Gezweigs der Stecheiche die Dornenkrone Christi verfertigt worden. Der Glanz seines Hauptes übertrug sich auf ihre Blätter, und von seinem Blute färbten sich Spitzen und Rand derselben rot. „Die Blätter der Dornenkrone, vom Stu>m beim Erdbeben ersaßt und zerstreut, flogen weit in alle Lande hinein. Wo dieselben sich niedersenkten und alsbald Stachelerchcn erwuchsen, da sollte eine Stätte sein, welche bestimmt war, später in besonderer Heiligkeit dazustehen." (Handtmann: „Was aus märkischer Heide sprießt.") Nach demselben Autor hat nach der märkischen Volksfagc das Blut Christi mannigfache geheime Kräfte in den Strauch gelegt. Wer seine oetrockneten Blä ter im Zimmer aufbewahrt oder damit räuchert, schützt seine Kinder vor der Taufe gegen alle Anfechtung des Bösen. Solches Laub muß daher sowohl innerhalb der Wochenstuben, wie unterhalb der Fenster solcher außen gestreut werden. Stöcke aus der Stachcleiche wachen wider Hexerei und jeglichen sonstigen Angriff sicher, Thee, aus den Fruchtkernen aufpebrüht, heilt Steinbeschwerden." Die Wistel (Viscum album), auch Kreuzholz getauft, ist in Verbindung mit der Siecheiche bereits ar geführt und die Art ihrer Verwendung als Weihnachtsshmbol oben bezeichnet worden. Die Pflanze selbst ist bei uns weit verbreitet und wohl jedermann bekannt, da sie auf den meisten unserer Laub- und Nadelbäume in Gestalt eines stark verzweigten Busches als Parasit lebt. Sie trägt gelbe Blüten und weiße Beeren, aus welchen Vogelleim bereitet wird und die von der sogenannten Misteldrossel gern gefreffen werden. Da die Mistel auf Eichen nur selten vorkommt, so galten auf Eichen gewachsene Misteln den alten Teutschen als heilig und waren als Schutzmittel gegen Hexen und andere Teufelswerke im Gebrauch. Auch die Griechen legten der Mistel Bedeutung bet, ein Zweig von ihr sollte die Pforten der Unterwelt erschließen. Des weiteren spielen in der Wcih- nachtsbotanik besonders der Apfel- und Nußbaum eine gewichtige Rolle. Aepfel und Nüffe will niemand bei der Bescherung und am Christbaume entbehren, und zwar finden am letzteren sowohl Walnüffe als Haselnüffe ihre Liebhaber. Es erscheint überflüssig, näher auf die allbekannten Beziehungen der Apfel- und Nußbäume zum Weihnachtsfeste einzugehen, nur einer wohl in weiteren Kreisen unbekannten märkischen Volkssage will ich gedenken, welche sich ebenfalls in dem oben erwähnten verdienstvollen Buche von Handtmann findet und die der fleißige Forscher dem Volksmunde abgelauscht hat. Danach vermag ein frommer Hausvater — oder noch besser der Großvater auf dem Altenteil im Hause — am Weihnachtstage einen nur ein Jahr um das andere tragenden Apfelbaum in einen jährlich gleichmäßig tragenden, auf folgende Weise umzuwandeln: „Er läßt alle die Seinigen zur Christandacht gehen und hütet das Haus. Er betet still für sich einen Weihnachtsvers, nimmt einen blanken Pfennig, der im laufenden Jahre geprägt und thm im Verkehr während der Christwoche zufällig in die Hand gekommen ist, kniet neben dem Baume nieder und schlägt den Pfennig in Höh- seines Herzens während des Läutens der Christglocken mittels seines Holzpantoffels mit drei Schlägen derartig in den Stamm, daß sich die Rinde über dem Rande des „Weih- nachtspfennigs" wieder zusammenschließt. Durch solches Opfer ist der Baum entsühnt . . ." Er trägt von da ab alle Jahre regelmäßig. Doch niemand darf etwas davon erfahren, sonst stirbt er ab. Sogar die blühende Blume fehlt dem Weihnachtsfeste nicht. Mitten im Scknee steckt in den Gärten die Weihnachts- oder Christrose (schwarze Nieswurz Hsiiodorns niger) ihre große, weiße, zart rosenrot angehauchte Biüre zum Licht empor,' sie trotzt dem Winter und der Kälte, denn die zarte Blüte, die meist aus Kelchb ättern besteht, da die gelben Blumenblättchen wie kleine Honiggesäße aus ehen, besitzt^eine seltene Stärke und Widerstandskraft,- die rauhe Witterung macht ihr die kleinen Blättchen nicht welken, und sogar leichten Frösten hält sie stand. In der W ihnachts- rose haben wir eine Erscheinung vor uns, die wiederum in innigster Beziehung zu unserem WelhnachtSfeste steht. Dir Sage erzählt von ihr, daß sie in der Christnacht ihre Blüte öffne und an einer Stelle, wo man mitten im Schnee die erblühten Rosen fand, soll H lbesheim gegtündet worden fein. In England kommt die Christblume, die man zu diesenr Zweck in Töpfen heranzteht, zum Weihnachtsabend auf den Markt und robb als holder Schmuck des Festes hoch geschätzt. Mehr und mehr bürgert ich die schöne Sitte auch bei uns ein, und in der That läßt sich, wie Roßmäßler treffend bemerkt, kaum etwas Sinnigeres denken, als unter dem Weihnachrsbaum einen Tepf mit blühenden Schneerosen. Auch die Christwurz (Eranthis hiemalis) blüht um die Weihnachtszeit, eine nahe Verwandte der Nieswurz, sodaß also das Leben in der Natur nicht so erstorben ist, wie viele Leute wähnen. Und wie wir in Weihnachten den Sieg be& Lichtes, den Triumph der wieder ausstehenden Sonne feiern, so wissen wir auch, daß unter den belebenden Strahlen derselben bald genug die Erde ihr festliches Blütenkleid wieder anziehen und dem immergrünen Christbaume sowie der glänzend- grünen Stecheiche tausend B>über und Schwestern erwecken wird. Litterarifches. Im Verlage der G. I. Göschen'schen Berlagshandlung ik Leipzig erschienen: Mathematische Mußestunden. Eine Sammlung von Geduldspielen, Kunststücken und Umerhaltnngsaufgaben malhe- niatischer Natur, von Dr Hermann Schubert, Professor an der Gelrhrlcn- schule des Johanneums zu Hamburg. In Originellem Einband Mk. 5. Wie schon der Titel sagt, handelt es sich hier um kein streng wissenschaftliches Werk, sondern um ein Buch in dem der Verfasser seine Gedanken uiedergelegt hat, mit denen sich der Mathemaiiker in seinen Mußestunden gerne beschäftigt. Es sind ungezwungene kritisch-historische Belrachtungen und unlcrhaitende Plaudereien über alle möglichen Probleme und Kunststücke, die in einer auch dem Laien leicht faßlichen Form vorgeführt, erklärt und ergänze werden. Zwölf Geduld spiele für Nicht-Maihematiker zum Zwecke der Unterhaltung historisch und kritisch beleuchtet von Dr. Hermann Schuber!. Professor an der Gelehrtenschule des Johanneums zu Hamburg. Orig, kartonnicrt Mk. 2,— Neue Ausgabe. — In einigen dieser Spiele dürfte jeder Leser alte Bekannte wiedererkennen, die ihm arges Kopfzerbrechen gemacht haben. Kinderleicht wird indeffcn die Arbeit, wenn man den Weisungen des Verfassers folgt. Derselbe begnügt sich übrigens nichr mit der Schilderung der Spiele und Enthüllung ihrer Geheimnisse, sondern erteilt zugleich sehr anziehende kulturgeschichtliche Aufschlüsse. Der Name des Verfassers bürgt für einen gediegenen Inhalt, somit dürften die Bücher nicht nur dem Mathematiker von Fach, sondern jedem, der sich nur einigermaßen für diese Wissenschafr interessiert, ja überhaupt jedem denkenden, gebildeten Laien manche genußreiche Stünde schaffen. Schachaufgabe. lNachdruck verboten.) a b c d e f g h abedef g h 8 8 6 5 3 2 Weiß. Weiß setzt in zwei Zügen matt. 5h stö i ng folgt in nächster Nummer. Redaktion: @. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brübl'schen UniverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Glesien.