(Nachdruck verboten.) Schuldig. Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.) Es war am Abend eines heißen Tages zu Ende des Juli. Ernst und Aurelie hatten ihre bescheidene Mahlzeit vollendet und saßen am offenen Fenster des nach dem Garten gehenden Zimmers, um die kühl-r werdende Luft einzuatmen, da öffnete sich nach kurzem, schnellen Klopfen die Thür, und Felicitas von Kressen erschien auf der Schwelle. Mit einem Ausruf freudigster Ueberraschung eilten ihr beide entgegen; ihre frohen Mienen wandelten sich aber in erschreckte, als sie in das verstörte Gesicht der jungen Dame blickten. „Felicitas, Geliebte, was ist mit Dir vorgegangen?" schrie Ernst und ließ die Arme, die er ihr entgegengebreitet hatte, unwillkürlich wieder sinken. Sie aber riß den leichten Strohhut, den sie aus dem Kopfe hatte, mit einem hastigen Griff herunter, schleuderte ihn auf den nächsten Stuhl, klammerte sich an den Assessor und rief, in ein jammervolles Schluchzen ausbrechend: „Ernst, Ernst, rette, schütze mich! Ich habe ja sonst niemand als Dich!" Je ruhiger und beherrschter Fräulein von KressenS Auftreten sonst war, und je mehr sie sich immer bemüht hatte, dem Geliebten und der Freundin alles fern zu halten, was deren Last noch vermehren konnte, um so betroffener standen sie diesem heftigen Ausbruch gegenüber. Ernst hielt das teure Mädchen fest in seinen Armen und streichelte wortlos ihr schönes blondes Haar- Aurelie hatte ihre Hand ergriffen und bat leise und herzlich; „Liebe, liebe Felicitas, sage doch nur, was Dir geschehen ist!" 1899. v MUI Vergangen. Jtaum sind die Veilchen fort, Primeln und Nelken, Fangen die Rosen an, Auch schon zu welken. Frühling und Sommerzeit, Kurz ist ihr Prangen; Schönheit und Liebe sind Balde vergangen. Greif. „Furchtbares, Furchtbares!" stammelte Felicitas. „Die Zunge sträubt sich, es auszusprechen." „Hat man Dich plötzlich fortgeschickt?" fragte Aurelie, einen der plötzlichen, unvermittelten Zornesausbrüche der Frau Kommerzienrätin vermutend, und Felicitas antwortete: „Noch nicht, aber es wird wahrscheinlich bald geschehen, mit Schimpf und Schande!" „Felicitas!" schrieen beide gleichzeitig. „Denn man beschuldigt mich — beschuldigt mich — des Diebstahls!" stieß sie, an allen Gliedern bebend, hervor. Der Schreck, den Assessor Sommer über diese Worte empfand, war so heftig, daß er Felicitas unwillkürlich aus seinen Armen frei ließ und einen Schritt von sich stieß, Aurelie dagegen wurde ganz ruhig. Sie nahm den Arm der Freundin, führte sie zum Sofa, drückte sie darauf nieder, nahm neben ihr Platz und sagte, den immer noch wie versteinert in der Mitte des Zimmers stehenden Bruder herbeiwinkend : „Komm, Ernst, setze Dich hier zu uns. Was Felicitas da sagt, ist ja die reine Unmöglichkeit, hier muß ein Irrtum obwalten." „Nein, nein, es verhält sich so," schluchzte Felicitas. „Man beschuldigt mich des Diebstahls." „Wer?" fragte Ernst mit finster gerunzelter Stirn. „Die Kommerzienrätin Helldorf —" „Ach, die Frau ist nicht recht zurechnungsfähig!" warf Aurelie dazwischen, Felicitas vollendete aber: „Und — und der Kommerzienrat schenkt ihr Glauben". „Das kann nicht sein", beharrte Aurelie, Ernst bat aber mit aufgehobenen Händen: „Liebe, teure Felicitas, erkläre mir doch nur, wie das alles zusammenhängt". „Deshalb bin ich ja hier. Ihr sollt mir raten, mir helfen, aber es wird mir gar zu schwer!" Es währte noch einige Zeit, bis das arme Mädchen sich so weit beruhigt hatte, um den ihr in der größten Spannung zuhörenden Geschwistern im Zusammenhänge ihre Mitteilungen machen zu können- dann aber erzählte sie: „Schon seit Wochen kommt es mir vor, als gehe man im Helldorfschen Hause auf vulkanischem Boden, als bereite sich irgend ein Ausbruch vor, sei es zwischen den Gatten, oder zwischen dem Vater und den Söhnen. Hermine, die ihr Näschen überall hat, erzählte mir dann auch einmal, der Vater habe Adalbert in sein Zimmer gerufen und dort furchtbar ausgescholten". 546 „Der junge Herr wird wieder Schulden gemacht haben, das ist nichts Seltenes", schaltete Ernst ein. „Um Schulden hat es sich dabei auch gehandelt", erwiderte Felicitas, „daS war aber nicht das Schlimmste. Der Kommerzienrat hat Adalbert in Verdacht gehabt, er habe ihm Geld aus dem Geheimfach in seinem Zimmer entwendet". „Aber das sind ja ganz unglaubliche Dinge!" rie: Aurelie, während der Bruder, dem es nur um das schnellere Vorwärtskommen der Geschichte zu thun war, fragte: „Was für ein Geheimfach?" „Kommerzienrat Helldorf soll in der Wandtäfelung seines Zimmers ein Geheimfach haben, das sich durch den Druck auf eine kleine, nur Eingeweihten sichtbare Erhöhung öffnet. Außer ihm wissen nur seine Frau und seine beiden Söhne um diesen Mechanismus". „Weiter, weiter", drängte Ernst, als sie einen Augenblick inne hielt. „Er bewahrt in diesem Fach das Geld auf, das er aus dem Geschäft mitbringt, um es für die verschiedenen Be- dürfniffe der Familie zu verwenden, und von diesem Gelbe ist ihm zweimal hintereinander ein ansehnlicher Teil abhanden gekommen". „Wie? Durch wen?" „Das schien rätselhaft bis die Frau Kommerzienrätin die Erklärung dafür gefunden haben will", antwortete von neuem aufschluchzend Felicitas- „doch ich will der Reihe nach erzählen. Zuerst richtete sich der Verdacht des Kommerzienrats auf Adalbert. Der Schein war gegen ihn, er hatte einem Wucherer eine Summe Geld bezahlt und konnte oder wollte dem Vater, der davon erfahren hatte, nicht sagen, wie er dazu gekommen. Zuletzt stellte sich heraus, daß Hans ihm aus der Klemme geholfen, und er ihm sein Ehrenwort gegeben hatte, niemand zu sagen, von wem er das Geld erhalten". „Mein guter Hans, das sieht ihm ähnlich!" flüsterte hier Aurelie, Ernst warf ihr aber einen unwilligen Blick zu. „Der Kommerzienrat wollte der Sache, da Adalbert so glänzend gerechtfertigt war, kein Gewicht beigelegt wissen", fuhr Felicitas fort, „und verbot den Söhnen, seiner Frau etwas davon zu sagen. Als aber vor einigen Tagen eine zweite, noch größere Summe entwendet worden war, entschloß er sich doch, es ihr mitzuteilen — und sie war schnell mit der Erklärung bei der Hand — den Diebstahl habe niemand anders verübt als ich". Bruder und Schwester schrieen hier laut auf: „Aber kanntest Du denn das Geheimfach?" fragte Aurelie. „Ich kann beschwören, daß ich bis heute von der Existenz eines solchen keine Ahnung gehabt habe, aber das gilt ja gleich — ich habe darum gewußt und —" „Aber durch wen?" Felicitas lächelte bitter auf. „Das ist ja eben das Diabolische — durch Hermine. Die Frau Kommerzienrätin hat sich darauf besonnen, daß die Kleine mehrmals mit ihr im Zimmer des Vaters gewesen ist, wenn er den Schrank geöffnet und Geld daraus genommen hat. Sie hat sich den Mechanismus genau gemerkt, mir davon erzählt, wie sie alles gegen mich ausplaudert, und ich — ich habe diese Mitteilung benutzt, um Geld zu stehlen". „Aber, das ist ja um den Verstand zu verlieren!" rief Ernst, sich an den Kopf greifend. „Warte nur, es kommt noch besser", erwiderte Felicitas und die Schwester fragte: „Was ist denn eigentlich Wahres an der Geschichte?" „Das ist nicht so leicht zu ergründen. Hat Hermine wirklich etwas von dem Mechanismus gewußt, hat ihr die Mutter das nachträglich eingeredet, darüber habe ich mir keine Gewißheit zu verschaffen vermocht- genug, das Kind hat unter dem Einfluffe der Mutter dem Vater erzählt, sie habe mir mitgeteilt, daß in seinem Zimmer ein Wandschrank vorhanden sei, der viel Geld enthalte und wie er aufzumacher ist. Das Uebrige könnt Ihr euch denken". „Aber das ist ja unglaublich, wie kann die Frau dem Kinde dergleichen einstudieren?" rief Aurelie. „Ach, Hermine ist ein sehr eigenartiges Kind, so unbeschreiblich eindrucksfähig und phantasievoll!" seufzte Felicitas. „Stellt man ihr etwas recht lebendig dar, und auf dergleichen versteht sich, wenn es ihr daran gelegen ist, die Frau Kommerzienrätin, so überredet man sie sehr leicht, sie habe etwas selbst erlebt oder gethan. Nachdem sie dem Vater die ihr von der Mutter soufflierte Darstellung gegeben, ist sie zu mir gekommen und hat mir in aller Harmlosigkeit die Geschichte erzählt". „Auch, daß man Dich des Diebstahls zeiht?" fragte Ernst. „Nein, um diese Schlußfolgerung unbehindert ziehen zu können, hat man sie zuvor aus dem Zimmer geschickt- aber sie liegt nahe genug", antwortete Felicitas. „O, Du hast sie selbst gezogen, es ist Dir niemand mit dem beleidigenden Verdachte zu nahe getreten!" rief Ernst erleichtert aufatmend, aber mit dumpfer Stimme entgegnete Felicitas: //Man ist mir damit zu nahe getreten! O, Ihr habt noch nicht das Empörendste von dem vernommen, was ich Euch mitzuteilen habe!" „Noch mehr!" riefen die Geschwister wie aus einem Munde, und die vor Scham brennende Stirn an Aureliens Schulter lehnend, fuhr Felicitas fort: „Aurelie, Dir habe ich schon früher vertraut, daß Dr. Eorbus mich mit seinen Anträgen verfolgt und dabei durch die Kommerzienrätin unterstützt wird —" //Was? Was?" fuhr Ernst wütend auf- „und davon höre ich erst jetzt! Der Kerl —" //Ruhig, ruhig, lieber Ernst", unterbrach ihn Felicitas, und trotz allen Kummers huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Warum sollte ich Dich mit einer Angelegenheit behelligen, deren ich mich selbst sehr gut erwehren konnte. Jetzt freilich durfte ich nicht länger darüber schweigen". „Rede! Rede!" drängte er. „Wenige Stunden, nachdem Hermine mir ihre für mich so schwerwiegenden Mitteilungen gemacht, suchte mich Dr. Eorbus auf, oder besser, überfiel er mich in einer so geschickten Weise, daß ich ihm nicht entrinnen konnte- es war unschwer zu erkennen, daß ihm die Kommerzienrätin dabei behilflich gewesen war. Ich war noch ganz niedergeschmettert durch das Erfahrene, hatte doch aber schon begonnen, mich etwas zu beruhigen. Dr. Eorbus belehrte mich erst über die eigentliche Sachlage. „Er begann mit den Beteuerungen seiner heißen, großen Liebe zu mir, beschwor mich, die Seinige zu werden und malte das Leben, das meiner an seiner Sette warte, in den glänzendsten Farben aus". „O, ich breche dem Menschen noch den Hals!" murmelte Ernst. Seine Schwester gebot ihm Schweigen, und Felicitas erzählte weiter: „Ich wies ihn mit Abscheu zurück und nun zog er allmählich andere Seiten auf. Er fing an von den rätselhaften Diebstählen im Helldorfschen Hause zu sprechen, durch hn habe ich erst alle Einzelheiten, die ich Euch mitgeteilt, erfahren —" //Wie? Man hat diesen Menschen in solche Familienangelegenheiten eingeweiht!" rief Ernst entrüstet. „Es scheint, die Kommerzienrätin hat kein Geheimnis vor ihm!" entgegnete Felicitas. „Er wußte alles, und auch, daß niemand als ich die Diebin sei, die Diebin sein könne. Man wisse auch ganz genau, was mich zu der verzweifelten That getrieben —" ,/Aber was denn in aller Welt?" fragte Ernst ungeduldig. ' „Mein Bruder August! Er verbrauche große Summen, denn er sei ein leidenschaftlicher Spieler —" 547 — t n t 2 t I t t „Welch' eine niederträchtige Verleumdung!" schrie der Assessor mit dem Fuße stampfend. „Der arme Junge führt einen musterhaften Lebenswandel!" „Herr Dr. Corbus und die Frau Kommerzienrätin wissen cs besser!" sagte Felicitas mit großer Bitterkeit. „Ich bin das Opfer dieses verschwenderische» Burschen, man hat Mitleid mit mir, und deshalb will man Gnade für Recht ergehen lassen. Größer als mein Fehltritt sei seine Liebe; er wolle ihn mit ihr zudecken, ich solle schnell seine Gattin werden, und alles werde vergessen und vergeben sein". (Fortsetzung folgt.) Herr und Frau von Arceanx. Von Louis Collas. ------- (Nachdruck verboten.) Die Zwietracht war in die Häuslichkeit eingebrochen, in der bis dahin eine unerschütterliche Harmonie geherrscht. Wie war diese, unter den glücklichsten Auspizien geschaffene Verbindung getrübt worden? Wen traf die Verantwortlich- kert für die Trennung zweier Herzen, die lange Zeit in Einigkeit geschlagen hatten? Niemand hätte das sagen können. Von der Einbildung vergrößerter Kummer, von schlechten Ratschlägen und perfiden Auslegungen vielleicht wachgerufen, von der Empfindlichkeit des Stolzes und einer falschen Würde noch verschärft, hatte das ©einige gethan; mehr braucht es oft nicht, um zwei Wesen, die geschaffen sind, einander zu lieben, zu der verhängnisvollen Schlußfolgerung zu bringen, es habe sich ein Abgrund vor rhnen aufgethan und sie könnten nicht mehr zusammen leben. Da Herr und Frau von Areeaux Leute der guten Gesellschaft waren, so vermieden sie es sorgfältig, ihre Uneinigkeit nach außen hin sichtbar werden zu lassen, doch sie hatten die Dienstboten nicht hindern können, zu bemerken, daß sie nur gezwungen verkehrten, und daß der Zorn und die Reizbarkeit hinter ihren düsteren Stirnen grollten. Das Wort Trennung war von einem der Gatten ausgesprochen worden; der andere nahm den Handschuh auf, und man kam überein, daß sie die einst so leichte Kette, die ihnen jetzt schwer dünkte, zerreißen, und ohne das Gesetz anzurufen, ohne Skandal darauf verzichten wollten, unter demselben Dache zu leben. Der Tag, da dieses Projekt zur Ausführung gelangen sollte, war nahe; es blieb nur noch eine einzige Frage zu regeln. Sie hatten einen Sohn, ein reizendes Kind von 10 Jahren, das sie mit gleicher Zärtlichkeit liebten; wer von ihnen sollte es bei sich behalten? Sie hatten auf den Klemen dieselben Ansprüche; da kein Schiedsgericht dazwischen treten sollte, so beschlossen sie, George solle selbst entscheiden, wem er folgen wollte. Er wurde in den Salon geführt, wo seine Eltern düster und feierlich das Urteil erwarteten. Er war blaß und unruhig; denn schon seit langer Zeit sah er die, die er liebte, nicht mehr lächeln; instinktiv ahnte er ein düsteres Geheimnis. Sein junger Verstand begriff, daß irgend ein ernstes Ereignis sich vorbereitete, sein Herz schlug ängstlicher, und er war besorgt. „Mein Kind," sagte der Vater mit trauriger Stimme, „Deine Mutter und ich, wir sind gezwungen, uns zu trennen; jedes von uns möchte Dich bei sich behalten; Du sollst nun denjenigen nennen, dem Du Dein Leben widmen willst." „Ja," sagte die Mutter, „wähle. Wenn Du mir den Vorzug geben willst, so wird sich nichts für Dich ändern. Dieses Haus, in dem Deine ersten Jahre verflossen sind, wird das Deine auch weiterhin sein; Du wirst als Herrin diesem Garten herrschen, wo Du zu spielen pflegtest, alle Behaglichkeit des Lebens, alle Freuden, die das Vermögen zu geben vermag, sollst Du bei mir genießen." „Wenn Du mich begleiten willst," fuhr der Vater fort, „so kam: ich Dir nur eine ungewisse Zukunft Bieten; ich lasse den Reichtum und Luxus hinter mir zurück, um ein Leben der Entbehrungen und der Arbeit zu Beginnen; ich muß kämpfen, um die täglichen Bedürfnisse zu erstreiten; ich weiß noch nicht, wo ich mein Exil verleben werde, doch sind Dir meine Liebe und meine Zuneigung sicher; sieh zu, mein Kind, ob Du sie annehmen kannst." George bemerkte den Ausdruck des Triumphes, den d:e Züge seiner Mutter verrieten, die sich ihres Sieges sicher glaubte; er bemerkte auch den schmerzlichen Ton der väterlichen Worte. Einige Augenblicke blieb er stumm; die verhängnisvolle Antwort wollte nicht aus seiner gequälten Brust kommen. Doch von seiner Mutter aufgefordert, sich auszusprechen, erklärte er mit einer Stimme, die die Angst seiner Seele verriet: „Vater, ich bin bereit, Ihnen zu folgen." Ein Schrei der Verzweiflung und des Schmerzes entfuhr dem Munde seiner Mutter, deren Herz und Sinn allzu getrübt waren, um zu begreifen, welche Großherzigkeit in dem Entschlüsse des Kindes lag, das sein Herz zu dem unglücklicheren Teile feiner Eltern hirizog; er fiel erschöpft auf seinen Sessel zurück. Hätte die Leidenschaft nicht beider Urteil getrübt, so hätte sie eine grausame Enttäuschung, er die Genugthuung über einen Sieg vergessen, um sich nur mit dem Kinde zu beschäftigen, das sie dieser vorzeitigen Prüfung unterzogen. Diese Einmischung des Kindes in den traurigen Zwist war genug. Herr von Arceanx sah das ein und befahl einem Diener, Georges in fein Zimmer zu bringen. Er wechselte mit seiner Frau einen Blick, der von den feindlichen Gefühlen zeugte, deren Heftigkeit dieser letzte Vorfall nur noch vermehrt hatte, und ging dann fort, um sich mit den Vorbereitungen zur Abreise zu beschäftigen. * * * Es war am Abend; die letzten Lichter der Dämmerung verbreiteten ein unklares Licht in den Gebüschen des Gartens. Diese Stunde, — noch nicht Nacht und nicht mehr Tag, — ist zur Erweckung der Erinnerungen günstig, und diese boten sich in Fülle Herrn von Arceanx mit den lachenden Bildern der Vergangenheit. Da war auch nicht eine Stelle, nicht ein Fußpfad, der, ihn nicht an die so schnell entflohene Zeit gemahnt, in der 'eine Atmosphäre von Glück und Eintracht im Haufe herrschte. Er suchte sich dieser unzeitgemäßen Eindrücke zu erwehren. Wozu dabei verweilen, da doch der unwiderrufliche Entschluß gefaßt war und er sich in den Umständen, die ihn herbeigeführt — wenigstens wiederholte er es sich — nichts vorzuwerfen hatte. Doch umsonst tauchte alles in die Dunkelheit zurück, sein Blick fand trotzdem alle Gegenstände wieder, und er sah in der fernen Zukunft ein Schicksal, das von dem, das er zurückließ, weit entfernt war; und was das Schlimmste war, nicht nur er allein hatte dessen Prüfungen zu ertragen. Plötzlich glaubte er im Nebenzimmer ein Schluchzen zu hören; es war das Zimmer seines Sohnes. Er zitterte und glaubte dann, sich getäuscht zu haben. Es war jedenfalls die Klage des Windes im Blattwerk, der Schrei irgend eines Nachtvogels. Die Nacht war bereits vorgerückt, als er die Augen schloß; es war eher die Erschlaffung der Organe, als ein erquickender Schlummer; doch die Thätigkeit des Geistes wirkte in der Abspannung des Körpers fort; feine Gedanken, die der Arbeit, der Aufmerksamkeit nicht mehr unterworfen waren, streiften frei umher. Die kommenden Jahre entrollten sich vor feinem Geiste, toie sie ihren Tribut an Reue und Leiden forderten, uni) fein Sohn, den er an feine bittere Vereinsamung gefesselt, stand ihm wie eine lebende Anklage vor Augen; das zum Jüngling herangewachsene Kind ivar traurig und düster, es war zu schnell gealtert, wie alle, die frühzeitig das Gewicht geheimen Kummers auf sich laden. 548 „Vater," so sprach er, „warum haben Sie meine Kindheit der Liebe einer Mntter beraubt? Als ich Ihnen folgte, wußte ich nicht, daß der Weg, den zu betreten ich für meine Pflicht hielt, so schmerzlich sein würde! Ich bin fern von den heiligen Freuden der Familie aufgewachsen; Ihre Zuneigung ist nicht im stände gewesen, das zu ersetzen, was ich verloren habe; diese Hand, die sich so gut darauf versteht, die Thränen zu trocknen und unsere ersten Schritte in der Welt zn leiten, dieses Lächeln, das einen so unendlichen Zauber ausübt, diese Stimme, die es so gut versteht, in's innerste Herz zu dringen, — andere Kinder haben alles dies besessen, nnd die, welche der Tod von dieser nie ermüdenden Freundin getrennt, haben wenigstens am häuslichen Herde die lebendige Erinnerung an sie wiedergefunden. Ueberall, wohin das Schicksal mich geführt, habe ich ein fremdes, ödes Land gefunden; überall habe ich Heimweh nach dem mütterlichen Dach empfunden. Oh, Vater, warum hast Du mich dem Nest entrissen, dessen Erinnerung mich unaufhörlich verfolgt?" Als Herr von Areeaux aus diesem fieberhaften Schlummer erwachte, empfand er nicht mehr die Frende über den Triumph, den er am vorigen Tage errungen. Von dieser schmerzlichen Betrachtung gequält, trat er in das kleine Zimmer seines Sohnes. Dieses Zimmer, das die Liebe der Eltern einst wie eine kokette Bonbonniere ausgestattet, zeugte ebenfalls von dem Kummer, der die Herzen bedrückte; die tausend kleinen Nichtigkeiten, die gewählt worden, die Jugend des Kindes zu erfreuen, lagen zerstreut umher, und der Staub bedeckte die Möbel. Georges schlief, doch sein Gesicht trug die Spur der Thränen, die er kürzlich vergossen; er war blaß, seine Brust hob sich mühsam, konvulsivische Bewegungen erschütterten seine Glieder, und unzusammenhängende Worte entströmten seinen Lippen. Herr von Areeaux öffnete das Fenster, um die erfrischende Morgenluft hereinzulassen. Blumen schmückten das Sims und schlugen, vom Winde bewegt, gegen die Scheiben, sodaß die Blicke des Kindes beim Erwachen auf die roten und blauen Winden, die weißen Astern, die blühenden Erbfen fielen. Doch auch tiefe armen Blumen sind vernachlässigt worden; ihre halb verwelkten Stengel neigten sich traurig hernieder. Bei diesem Anblick schnürte sich des Vaters Herz zusammen, denn diese traurige Veränderung fiel ihm schwer aus's Herz. Er senkte das Haupt, neigte sich über das Bett und blieb lange Zeit in schmerzliche Erinnerungen versunken. Bei einem Geräusch, das er vernahm, richtete er sich schnell auf und erblickte Frau von Areeaux, die ebenfalls dem Stübchen ihres Sohnes einen Abschiedsbesuch machen wollte. Sie schleuderte ihrem Manne einen zornigen Blick zu und fragte ihn mit erregter Stimme, warum er ihr die letzten Stunden streitig mache, in denen sie sich ihres Kindes noch erfreuen könne. Sie ließ die Bitterkeit ihres Herzens ausströmen; auch ihr war die Zukunft im Bilde erschienen, und auch ihr Geist war von den Erscheinungen getrübt, die das Gemüt ihres Gatten belastet hatten; auch ihr hatten sich die Folgen enthüllt, welche die Trennung für das Kind nach sich ziehen würden. „Es ist seltsam," murmelte er; „ich habe die nämlichen Visionen gehabt." „Wenn Sie für ihn zittern," fuhr Frau von Areeaux fort, „warum lassen Sie ihn dann nicht hier?" „Sind Sie überzeugt, daß er hier glücklich wäre, daß der Vater in seinem Leben nicht auch eine Lücke zurück- lassen würde?" Sie antwortete nicht, ihr Schweigen glich einem Geständnis. Einige Augenblicke wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Sie folgte der Richtung, die der Blick ihres Mannes genommen, der sich hartnäckig auf einen Punkt der Wand heftete. Ein kleiner Rahmen hing dort; es war die Photographie der beiden Gatten, die den fünfjährigen George zwischen sich hielten; alle drei lächelten, und Glück und Freude lagerten auf ihren Zügen. Das Gesicht der jungen Frau nahm einen bewegten und gerührten Ausdruck an; alle Neigung zum Zorn und Groll war verschwunden. „Warum," sagte sie, „konnte es nicht immer so bleiben? Warum ist der unheilbare Bruch zwischen uns getreten?" „Der unheilbare?" fragte der Mann in einem Ton, der gegen die Auffassung dieses Wortes zu protestieren schien. * * In diesem Augenblick erwachte das Kind. Es schien zuerst noch von einem bösen Traum befangen, den es nicht abzustreifen vermochte, und der seinen Geist trübte. Es ließ seinen Mick über die ihm gleich teuren Wesen schweifen, die zu jeder Seite des Bettes standen, dann erfaßte es mit instinktiver Bewegung die Hand seines Vaters und seiner Mutter, die unwillkürlich ein wenig nähergetreten waren. Diese unschuldige und unbewußte Vermittelung sprach beredter, als die schönste Rede. „Der Entschluß, den wir an einem Tage gefaßt, da wir schlecht beraten waren, ist undurchführbar," sagte der Gatte mit thränenerstickter Stimme, „wir hatten kein Recht dazu; danken wir dem Kinde, das uns vor einer verhängnisvollen That bewahrt!" Das übrige geschah unter Thränen; nach einer Szene der Versöhnung und Verzeihung, die jeden Groll auslöschte, ließen sie das Kind entzückt und freudig, hoffnungsvoll der Zukunft entgegenblickend und innig auf die Liebe seiner Eltern vertrauend, in seinem Bette liegen, wo es jetzt bunte, schöne Träume umgaukelten. Oh, wie kindisch erschienen den beiden Gatten jetzt die Sorgen und Kümmernisse, denen sie beinahe ihre Zukunft geopfert! Wie klagten sie über ihre gegenseitige Thorheit, daß sie einen Augenblick daran gedacht, dem Glücke auf ewig den Rücken zu kehren! Und zur Stunde der Mahlzeit, als sie das Kind zwischen sich sahen, das wieder der Fröhlichkeit und Sorglosigkeit seines Alters zurückgegeben war, erkannten sie erst, welch' unwiderstehlicher Zauber und Reiz in diesem Familiengemälde liege! Seitdem trübte keine Wolke mehr die Ruhe ihres ehelichen Lebens. Wenn fie' je versucht waren, eine Uneinigkeit in ihre Häuslichkeit einbringen zu lassen, so brauchten sie nur ihr Kind zu betrachten, das fröhlich und glücklich unter ihren Augen aufwuchs. Mehr hedurfte es nicht, um alle Zwietracht verschwinden zu lassen. Skatausgabe. Nachdruck verboten. (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün, Coeur gleich Rot, Carreau gleich Schellen.) Vorhand spielt auf folgende Karte: Eichel (Treff)-Solo. Mittelhand hat 12, Hinterhand 40 Augen in ihren Karten. Das Spiel geht verloren. — Wie war die Kartenverteilung und der Gang des Spieles? Auflösung in niichster Nummer. Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Die Kaffeemühle. Rebaltion: ®. Burkhardt. — Druck und Bcrlaq der Brühl'schen UniversitLt,.Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meßen.