GanMag dm 28. Himber. IIWW iiKW ,MW «M M II u =^-;™—:(hY 'e/Jy jur. Vliliiil W er Undank ist immer eine Art Schwäche; ich habe nie gesehen, rM? daß tüchtige Menschen wären undankbar gewesen Ss*” Göthe. Kein Fehl befleckt mit so gemeinem Mackel den Mmschen als der Undank. Wildenbrnch. Mariette. Weihnachts-Novellettc nach dem Französischen. Bon Wilhelm Thal. ------- (Nachdrucks vrr Boten.) I. 27 Jahre alt, blondes Haar, das sich in dichten, langen Locken ringelte, blaue Augen, eine breite Stirn, kühngeschnittener Mund, mit weißen, festen Zähnen- groß, muskulös, mit kräftiger Brust und breiten Schultern — diese Ge- ssmterschetnung bot einen Ausdruck der Kraft, Sanftmut und unaussprechlicher Güte- doch deuteten stark entwickelte Kinnbacken und viereckiges Kinn auf eine bedeutende Energie. So war mein Freund Pierre Parent, der vollendetste Typus des alten Galliers, wie man ihn auf den Bildern Luminais' findet. Moralisch war Pierre ebenso vortrefflich veranlagt, als körperlich- er war sehr vernünftig, las viel, verstand es aber, fich seine Bücher auszusuchen- denn er wollte sich unterrichten. Als einziger Sohn bewirtschaftete er mit seinen Eltern ein kleines Gut, das durch unaufhörliche Arbeit mit Mühe vergrößert wurde, das ihnen aber jetzt einen bescheidenen Wohlstand bereitete. Pierre war, wie man so sagt, eine gute Partie, und man sprach oft von ihm in den Häusern, in denen es heiratsfähige Töchter gab. Seit einiger Zeit dachte er übrigens auch an die Ehe — er war alt genug dazu — doch unter allen Mädchen, die er kannte, und für die er Freundschaft hegte, hatte er noch keine getroffen, die die Eigenschaften in sich vereinigte, die er suchte. War er etwa sehr wählerisch, der gute Pierre? Ja und nein! Es lag ihm nicht besonders viel am Vermögen, obwohl das, wie er meinte, gerade nicht schadete. Doch er wollte ein arbeitsames, tüchtiges Mädchen haben, eine gute Hausfrau, die einen Hausstand zu leiten wußte. Er beanspruchte gerade nicht, daß sie sehr hübsch sei, obwohl das, wie er meinte, nicht von Nachteil wäre - doch sie sollte kräftig und gesund sein. Und während Pierre so mit langen, regelmäßigen Schritten einherging, dachte er an alle diese Dinge. Er hatte den Tag bei einem seiner Onkel zugebracht, man hatte von der Sache gesprochen, und sein Verwandter hatte ihm gesagt, er kenne in Chatenay ein Mädchen, das gut für ihn passen würde. Pierre war spät aufgebrochen, doch da er nur zwei Stunden brauchte, um nach Hause zurückzukehren, so dachte er, um 7 Uhr da zu sein. Es war Weihnachtsabend- man sollte den Abend bei den Josserauds verbringen, deren älteste Tochter ihm durchaus nicht mißfiel und für die er sogar Neigung fühlte, obwohl sie nicht immer seiner Meinung war. Bis jetzt war er stets sehr klug, sehr zurückhaltend gewesen, doch er fürchtete an diesem Abend einen großen Entschluß faffen zu müssen, und das stimmte ihn ganz nachdenklich. Es war 5 Uhr. Die Dunkelheit war vollständig hereingebrochen, der Himmel war grau, bewölkt und es wehte ein eisiger Wind. Einige Schneeflocken fielen bereits- bald kamen sie reichlicher, dichter herunter und in einigen Augenblicken war die Landschaft ganz weiß. Pierre ging noch mit demselben Schritt und dachte an den Entschluß, den er faffen sollte. Der Vater wird alt, die Mutter ist matt und abgespannt- es muß durchaus eine junge Person ins Haus. Ja, eine junge Person, die meinen Vater und meine Mutter ebenso liebt, wie mich, die sanft, geduldig ist und keine Ideen wie so manche Frau hat. Mamsell Jofferaud ist ja gewiß sehr nett, aber sie hat mehr Vermögen als ich. Wenn sie das nun stolz machte? Wenn sie sich nicht in unsere Verhältnisse fügte? Und dann haben wir auch bei uns im Hause kein so schönes Zimmer wie sie es besitzen. Eines Tages allerdings meinte sie, sie wollte kein schönes Zimmer, sondern einen guten Mann haben, doch wie wünschte sie sich diesen guten Mann? Und Pierre schritt immer besorgter, immer nachdenklicher, an dem Kreuzwege von Pagny vorüber und ging, anstatt nach links umzubtegen, immer gerade aus. Sicher war es der Schnee, der ihm die Anhöhe, so steil und lang erscheinen ließ, doch als er den Gipfel erklommen hatte, war er sehr verwundert- anstatt eines Thales sah er eine ganz weiße Ebene vor sich, aus der hier und da einzelne Schneehaufen hervorlugten, die wie mit Schnee bedeckte Häuser aussahen. Da man sich gerade in der Zeit des Vollmondes befand, so war die Nacht nicht dunkel, und der Schnee, der noch immer 734 fiel, warf das blaffe Licht, das die Wolken durchbrach, tu tausend bunten Farben zurück. In diesem Augenblick schlug eine Glocke in der Ferne. Pierre zählte acht Uhr. Doch das war nicht der Ton der Glocke seines Heimatdorfes- er hatte sich sicherlich verirrt. Hinter ihm hatte sich der Weg im Schnee verwischt, und er durfte nicht daran denken, umzukehren- nun faßte er schnell einen Entschluß und ging dahin, wo die Glocke getönt hatte. II. Plötzlich hörte er eine Mädchenstimme rufen: „Holla, Grauchen, Mut, meine Alte! . . vorwärts, hü, hü V‘ Er ging schneller und befand sich bald neben einem halb umgeworfenen Karren, der mit einem Rade in einem halb mit Schnee gefüllten Graben stak. Als sie einen starken Burschen neben sich auftauchen sah, stieß das junge Mädchen einen leisen Schreckensruf aus, doch faßte sie sich schnell und sagte: „Ach, das nenne ich Glück! Euch schickt mir sicher der liebe Weihnachtsmann! Jetzt wird die Sache wie von selbst gehen. Ohne ein Wort zu sagen, bückte sich Pierre, hob mit einem Stoß seiner Schulter den Karren hoch und stellte ihn wieder auf die Straße. „Danke schön/ meinte das junge Mädchen- „aber wo wollt Ihr denn hin?" „Nach Barennes." „Nach Varennes?" versetzte sie lachend- Äna, wißt Ihr, wenn Ihr heut Abend noch hinkommen wollt, so müßt Ihr umdrehen und dürft die Beine nicht in die Tasche stecken!" „Das weiß ich- ich habe mich verirrt . . Aber Ihr?" „Ich gehe nach Chatenay und sollte schon nach einer Stunde zu Hause sein." „Wollen wir die Reise zusammen machen?" „Das will ich gern . . . Man wird Euch Obdach in Chatenay geben . . Vorwärts Graue!" Es trat eine kurze Pause ein, dann fuhr das Mädchen fort: „Aber wenn Ihr aus Varennes seid, so müßt Ihr doch Pierre Parent kennen?" „Gewiß!" erwiderte Pierre ganz bestürzt. „Ich frage Euch danach, weil man mir gesagt hat, meine Base werde sich mit ihm verheiraten ... Er scheint Vermögen zu haben, der junge Mann, aber meine Base hat das auch- ... ich habe nichts . . . Mein Onkel Hat mich aus Mitleid aufgenommen, als meine Eltern starben, und ich bin bei ihm Magd . . Gestern habe ich gehört, wie man zu meinem Onkel von diesem Pierre Parent sprach, und man meinte, es wäre ein sehr sanftmütiger, fleißiger und rechtschaffener Bursche. Das freut mich für meine Base. Nun möchte ich gern wissen, ob es wahr ist." „Ja, es ist wahr," erwiderte Pierre geschmeichelt. „Ist er groß?" „Wie ich." „Stark?" „Ebenso!" „Ach, um so bester - denn seht Ihr, wenn ich Geld hätte, so einen möchte ich haben." „Also Ihr sorgt für's Vieh?" fragte der junge Mann, der sich für das Geschwätz des Mädchens plötzlich sehr zu interessieren schien. „Gewiß, dazu bin ich ja da." „Ihr habt viel!" „Nein, aber das macht doch Umstände . . . Das wißt Ihr vielleicht?" //Ja!" „Ihr seid Knecht?" „J°!" „Bei wem?" Nun erfand Pierre eine ganze Geschichte: er besäße auch nichts und Hütte sich als Knecht verdingen müflen. „Das ist hart," sagte sie, „so bei andern dienen müssen . . . Hü, Graue . . . „Ich bin noch bei meinem Onkel, dem BaterMan, und der ist nicht unfreundlich- doch bei meiner Tante ist's nicht so . . . Ach, meine Base hat doch Glück . . . Aber sie ist auch nett und verdient einen guten Mann . . . Aber da sind wir angelangt . . . Nehmt die Zügel, ich werde das große Thor öffnen . . . Hü, Graue!" „Du bist's Mariette?" rief der Onkel, der in diesem Augenblick heraustrat. „Ja, Onkel, und hier bringe ich Euch noch einen Mann aus Varennes mit - ohne ihn stäke ich noch da unten auf der Landstraße im Schnee!" Damit schob sie Pierre vor, der an der Thüre stehen geblieben war: < „Seht da ist er!" „Guten Abend!" sagte Pierre. „Ich muß Euch sagen, ich wollte nach Varennes, bin am Kreuz von Pagnh vorüber- : gekommen und habe mich verirrt. Da habe ich die Kleine ! getroffen, habe ihr geholfen den Wagen aus dem Graben zu i ziehen, und wir haben den Weg bis hierher zusammen gemacht." „Ihr habt recht gethan. Na, setzt Euch zum Feuer. Wollt Ihr einen Schluck trinken?" „Das schlage ich nicht ab." „Celine, gieb uns eine Flasche!" Fräulein Celine, ein großes Mädchen, das am Feuer stand, antwortete, ohne sich zu rühren, mit nachlässigem Tone: „Wartet doch einen Augenblick- Mariette kann's Euch geben!" //Ja, ja, sagte Mariette," die in diesem Augenblick wieder eintrat. „Bleib nur da, Celine. Es ist eine Hundekälte. Ich fühle meine Hände nicht mehr." Damit stellte sie schnell eine Flasche und zwei Gläser auf den Tisch. „Auf Eure Gesundheit!" „Auf die Eure und die des Fräuleins," sagte Pierre und wandte sich nach Fräulein Celine um. „Also," fuhr der Vater Man fort, „wenn Ihr aus Varennes seid, so müßt Ihr doch Pierre Parent kennen?" „Gewiß!" Und nun entwarf Pierre ein so schmeichelhaftes Bild von sich selbst, daß der Vater Man jeden Augenblick ver- auüat ausriei: „Hörst Du, Celine, hörst Du!" Und Fräulein Celine, die sich noch immer wärmte, antwortete in gleichgültigem Tone: „Ja, Papa!" III. Die Stunde des Weihnachtsfestes begann. Es erschienen als Gäste der Maire Poinsot mit seiner Frau und der Vater Meurot, der Pächter Pichon und die Tante Louise. Mariette, welche bei Tisch bediente, ging emsig hin und her und Pierre, der sie so lebhaft, so heiter, so behend, so verständig und so hübsch sah — denn sie war wirklich hübsch, die kleine Mariette — war ganz nachdenklich geworden. „Es ist schon zwei Uhr!" sagte der Vater Man und blickte auf die Kuckucksuhr. „Zwei Uhr?" rief Mariette- „dann werde ich meine Schuhe holen- vielleicht legt mir der Weihnachtsmann ein Geschenk hinein." Einen Augenblick später kam sie mit zwei kleinen Pantoffeln toiebeiy bte sie vorsichtig neben ben Herb stellte - bann erhob sie bas Haupt, sah in ben Kamin unb sagte so drollig unb niedlich: „Ach, lieber Herr Jesus, vergiß Deine kleine Mariette nicht!" daß Pierre ganz gerührt war. „Was soll er Dir denn bescheren, Du kleine Närrin?" fragte der Vater Man lachend. „Nun, wie Celine, einen Mann, einen guten kleinen Mann!" Und alle lachten, bis auf Mamsell Coline, die ruhig zu > weiter aß, 735 Pierre erhob sich sehr ernsthaft- langsam näherte er sich dem Herde und nahm die beiden kleinen Schuhe, in dmon seine krästigen Hände nur zur Hälfte Platz hatten - dann kehrte er zum Tisch zurück, hob sie in die Luft, schlug einen gegen den andern und sagte: „Da ist der kleine Mann!" Er sah so drollig mit den kleinen Schuhen aus, daß das Lachen von neuem losbrach. „Ihr werdet sie auswetten!" rief Mariette und versuchte, sie wieder an sich zu nehmen. Dabei lachte sie, lachte, bis ihr die Thränen in die Augen traten. Nur Mamsell Csline war ein wenig verdutzt. Nun stellte Pierre die Schuhe auf den Tisch, nahm Mariettes Hände in die seinen und sah sie so lange und so tief an, daß sie ganz blaß wurde. IV. Ich bin Pathe; morgen ist Weihnachtsabend; morgen soll die Taufe stattfinden und abends feiern wir Weihnachten. Mariette hat auch mich geladen und mir ihr schönstes Zimmer eingeräumt. Auf der Kommode unter einer Glasglocke habe ich lange Zeit mit tiefer Bewegung einen Kranz, einen Myrtenstrauß und zwei Holzschuhe betrachtet, auf denen Pierre mit kleinen Stahlnägeln die Worte eingekratzt hat: Weihnachten — 1898." Die Heimkehr. Ein WeihnachtZbild von Wilhelm Rullmann (Graz). ------- (Nachdruck verboten.) Weihnachtsabend! Mit dem Schatten der Dämmerung senkt sich die Stille des heiligen Abends auf die Häuser und Straßen der Stadt herab. Durch den zarten Dunst, der die Luft erfüllt, flimmern die Gaslaternen mit ihrem gelblichen Lichte, und selten nur gewahrt man in diesem grauen Verschwimmenden Nebel die dunkle Gestalt eines rasch Dahineilenden, der ein Packet unter dem Arme trägt, das vielleicht noch eine Liebesgabe für den Weihnachtstisch enthält. Sei gegrüßt, du heilige Weihnacht! Auch die Seele desjenigen, für den die Weihnachtsgeschichte ein verblaßtes und verklungenes Märchen der Kindheit ist, kannst du noch mit einer Stimmung erfüllen, die der religiösen Andacht verwandt ist. Um die Stunde, in der die Lichter des Weihnachtsbaumes, in allen Häusern aufflimmern, geht etwas Geheimnisvolles durch die Welt, für das die Sprache kein Wort zu finden weiß. Kinderherzen glauben, daß um diese Stunde das Christkind mit seinen sehnsüchtig erwarteten Gaben kommt und dort überall Einkehr hält, wo die Kleinen dem Worte der Eltern folgsam gewesen sind. Märchenerzähler sprechen von dem „Engel des Glücks", der am heiligen Abend vor allem diejenigen aufsucht, die nach dem Worte der Schrift „mühselig und beladen" sind. Holde, sinnige Verkörperungen jener beseligenden Empfindung, die um diese Stunde des weihevollsten Familienfestes für einen Augenblick wenigstens die Bedrückten entlastet, die Niedergeschlagenen tröstet und erhebt, die Armen reich und die Reichen noch reicher macht! * * * Ja, es ist der Engel des Glücks, der geräuschlos und unsichtbar um die Stunde des dämmernden Abends die Straßen der Stadt durchschreitet. Seine weißen Flügel erglänzen im Lichte des Mondes, der jetzt zwischen den Wolken hervortritt, aber des Menschen Auge sieht sie nicht; die Spitzen seiner Füße berühren den Boden, aber des Menschen Ohr hört ihre Tritte nicht. Und wie er hier und dort Einkehr hält und die bunten Gaben aus seinem nie versiegenden Füllhorn streut, kommt er auch an ein altes Herrschaftshaus in einer der ältesten Straßen der Stadt. Er berührt die schwere, mit allerlei Schnörkelwerk verzierte Thür mit dem Palmenzweige, den er in seinem linken Arme trägt; die Thür öffnet sich von selbst und er huscht, von niemand bemerkt, die breite steinerne Treppe hinauf . . . Das war eine unheilvolle Stunde, als der Engel des Glücks — ein Jahr ist seitdem verflossen — von diesem Hause Abschied genommen. Damals trug man einen Sterbenden, den jungen Grafensohn, die Treppe hinauf und drei Tage später die Leiche desselben, der an der Wunde verblutet war, die er im Zweikampf empfangen hatte, wieder die Treppe hinab, hinter dem Sarge wankte die Gestalt des Greises einher, der nun des einzigen Sohnes beraubt war. Des einzigen Sohnes, und doch nicht des einzigen Sohnes! Dean weit, weit von der Heimat und dem Vaterhause entfernt, lebte in der neuen Welt der jüngste der beiden Brüder, der, in einer bittern Stunde von dem Vater verstoßen, dort ein neues Heim gesucht und gefunden hatte. Es ist still, sehr still geworden in dem alten Hause. Auch in dem kleinen Salon, vor dem der Engel des Glücks jetzt Halt macht, ist es totenstill. Ein alter Monn sitzt dort vor dem Kamin, die halbgeschloffenen Augen auf die verglimmenden Kohlen gerichtet, und in dem Lehnstuhl am Fenster sitzt eine alte Frau, die sich jetzt erhebt. „Wohin gehst Du, Emmeline?" — fragte der Greis. „Ich denke, es ist Zeit, den Wagen auf den Bahnhof zu schicken." „Meinst Du? Aber der Zug kommt erst in einer Stunde?" „Du hast recht, lieber Bruder. Wir können noch warten." „Nein, schicke den Wagen doch lieber schon jetzt! Besser eine halbe Stunde zu früh als eine Minute zu spät 4 Die alte Frau verschwindet hinter der Portiere des Nebenzimmers, und der alte Mann ist ganz allein. Und wie der Alte so vor sich hinstarrt, den Blick auf die erlöschende Glut des Kaminfeuers gerichtet, ziehen die Bilder längst vergangener Tage an seinem sinnenden Geiste vorüber . . . Seltsam! Daß er gerade jetzt an alles Schwere denken muß, das ihn im Gretsenalter heimgesucht hat. Auch ein Dezemberlag war es — vor zehn Jahren — als er die Gattin in der starren Wintererde begrub. In der Schwester, die er dann in sein Haus genommen, hatte er einigen Ersatz für die Verlorene gefunden. Aber wer konnte ihm den Sohn ersetzen, auf den er den Namen und den Glanz seines Hauses vererben wollte und dem die todbringende Kugel im Zweikampfe die Brust durchbohrt hatte? Und doch! Es giebt auch da vielleicht einen Ersatz! Von jener Stunde an, da man ihm den sterbenden Erstgeborenen gebracht hatte, schweiften seine Gedanken mehr als sonst in die Ferne, über das Meer hinüber, in die neue Welt, wo ein Verlorener, ein Verstoßener, der jüngere seiner beiden Söhne, eine neue Heimat gefunden hatte. Ja, ein Verstoßener! Von dem Vater verstoßen, dessen Willen er sich nicht fügte, damals, als er mit einem Mädchen den Bund fürs Leben schloß, von dem der Vater nichts wissen wollte . . . Sie waren beide, Vater und Sohn, zwei feste, aber auch harte Naturen, hart wie Kiesel und fest wie Stahl, und wo Kiesel und Stahl zusammenschlagen, da müssen wohl Funken sprühen. Wie er damals vor ihm stand! Wie trotzig er den Kopf erhoben hatte! „Wenn ich denn wählen soll —" hatte er mit ruhiger, nur leise zitternder Stimme gesagt — „so stehe ich zu dem Weibe, das ich liebe und dem ich mein Wort gegeben habe." „So geh'!" hatte der Vater ihm in jener Unglücksstunde zugerufen. „Geh" ! Und er war gegangen. — Jahre lang hatte er von dem verlorenen Sohne nichts gehört. Er wußte nur, daß der unbeugsame Starrkopf mit dem kleinen Erbteil der Mutter, das mau ihm ausgezahlt, die neue Welt aufgesucht und sich an der Seite des Mädchens, dem er alle Vorteile der Geburt geopfert, ein neues Heim gegründet hatte. Gelegentlich erfuhr er einmal, daß der vom Vaterhause Verstoßene sich durch ehrliche Arbeit ein Vermögen erworben und daß sein Weib ihn mit einem Sohne beschenkt, dem man den Vornamen des Großvaters gegeben hatte. Das freute ihn im stillen, aber er verharrte in seinem Groll bis zu jener Stunde, die ihm den Erstgeborenen raubte. Und dann kamen die Tage des letzten Sommers, in denen der Greis so schwer erkrankte. Und als er unter der Pflege der treuen Schwester wieder genesen war, da hielt er eines Tages einen Brief in den zitternden Händen, der den Poststempel Philadelphia trug. Es war ein Schreiben des Sohnes, der den Vater um Verzeihung bat, und am Schlüsse des Briefes stand von Kindeshand geschrieben: ,7®arf ich zu dir kommen, Großpapa?" Don dem Tage tut; an dem er diesen Brief empfangen und beantwortet, hatte er die Stunden gezählt, bis er demjenigen wieder ins Auge sehen konnte, den er einst mit harten Worten von sich gewiesen! • * * An alles das denkt der Greis; und wie der Engel des Glücks, der hinter seinem Lehnstuhl steht, jetzt sanft die Hand auf seine Augen legt, da schlummert er ein. Wie fest er schläft! Er hört nicht, wie die Schwester zurückkommt und sich über ihn beugt und dann ihren Sitz am Fenster wieder einnimmt. Er hört auch nicht, wie sie nach einer Weile sich wieder erhebt, um sich an dem Tische in der Ecke des Salons schaffen zu machen, auf dem der Weihnachtsbaum steht. Er hört nicht, wie ein Wagen vor dem Hause vorfährt, und von den leisen Schritten und flüsternden Stimmen im Vorzimmer klingt nichts an das Ohr des Schlafenden. Aus einmal aber ist es ihm, als blende eine ungewohnte Helle seine Augen und erwachend öffnet er sie. In der Ecke des Salons steht er die Lichter des Weihnachtsbaumes flimmern und zu seinen Füßen — Ein blühend schönes Weib kniet vor ihm, das blonde Haupt beugend, als erwarte es, daß die Hand, auf die sie jetzt ihre Lippen preßt, sich segnend auf ihren Scheitel legen werde. In der Rechten hält sie die Hand des neben ihr knieenden Knaben und mit dem linken Arm drückt sie ein kleines Mädchen an ihre Brust. Und dort an der Thüre zeigt sich die hohe Gestalt eines Mannes, noch in den Retsepelz gehüllt, und diese Gestalt eilt jetzt auf ihn zu. — „Eduard! Meine Kinder!" — ruft der alte Mann aus, während seine zitternden Arme sich dem Sohne entgegenstrecken. . . Auch einen Engel kann menschliche Rührung befallen, Und wie der Engel des Glücks, nachdem er sein Werk gethan, wieder die Treppe hinabhuscht, da wischt er sich eine Thräne aus dem Auge. Gemeinnütziges. Mörtel, der dem Frost widersteht. Mische unmittelbar vor der Anwendung unter gewöhnlichen Mörtel dem Maß nach ein Zehntel zu Pulver zerfallenen Kalk oder ein Neuntel Ziegelmehl oder Steinkohlenasche. Gebe dem Mörtel 1—5 pCt. Rohzucker zu. Er springt dann weder bei Kälte noch bei Hitze ab. Zum Fang von Ratten und Mäusen. Ein gutes Mittel die Mäuse oder Ratten in die ausgestellten Fallen zu locken, ist den in der Falle sich befindenden Köder mit einem Tropfen Rosenholzöl zu benetzen. Der Geruch dieses Oels, den diese Tiere besonders lieben, zieht so unwiderstehlich an, daß sie unfehlbar an den gelegten Köder gehen und so gefangen werden können. Das Rosenholzöl erhält man in allen Apotheken. Wdaklian: 8. Burkhardt. — Vr»Ä und Verlag der Brühl'schen ISr die Küche. Wiuterkohl. Der von den Stengeln gestreifte utid reingewaschene Kohl wird in siedendem Salzwaffer abgekocht, auf einem Durchschlag mit frischem Waffer abgekühlt, in rundem Löffel ausgedrückt und fein verwiegt. Aus eigroß gutem Fett, feingeschnittener Zwiebel und 2 kleinen Koch- löffelchen Mehl wird ein blaßgelbes Einbrenn gemacht, der Kohl mit etwas weißem Pfeffer und Salz darunter gerührt und mit Fleischbrühe oder Wasser zu Püree eingekocht. Das Gemüse bedarf ziemlich reichlich Fett und wird, wenn gut ausgekocht, mit einem Theelöffel Maggi vollendet. Weiße Bohneu mit Aepfeln. 10 Personen. Bereitungszeit 2y2 Stunde. Zuthaten: i/2 Kilo weiße Bohnen, abends zuvor einzuwässern. 1 Kilo weinsäuerliche Aepfel, Zucker nach Geschmack, 125 Gramm Butter, 30 Gramm Mehl, 1 fein gehackte Zwiebel, geröstete Semmelbrösel, l/i Liter Brühe aus Liebig's Fleisch-Extrakt. Während man die mit frischem Waffer aufgesetzten Bohnen weich kocht, schält und schmort man die scheibig geschnittenen Aepfel mit 25 Gramm Butter und Zucker, zerläßt den Rest der Butter in einer Kasserolle, schwitzt darin die Zwiebel gelblich, pudert das Mehl über, verrührt und verkocht es mit der Bouillon aus Liebig's Fleisch-Extrakt, giebt die fertigen, abgegossenen Bohnen, später die Aepfel hinzu und dämpft das Gemüse noch drei Viertelstunden, beim Anrichten die gerösteten Semmelbrösel überstreuend. Gedämpftes Rindfleisch auf ungarische Art. 10 Personen. Bereitungszeit 3 Stunden. Zuthaten: 2 bis 3 Kilo Rindfleisch (Schwanzstück), 125 Gramm fetter Speck, ein Löffel fein gepulverte Kräuter, V4 Liter starke Brühe aus Liebig's Fleisch-Extrakt, 2 Mohrrüben, 1 Petersilien- wurzel, 1 Porree, 1 Stück Sellerie, 75 Gramm roher Schinken, 4 Chalotten, 1 Lorbeerblatt, 4 Citronenscheiben, einige Gewürz- und Pfefferkörner, 30 Gramm Wehl, Salz nach Geschmack, Va Liter Rotwein, 1 Weinglas Malaga oder Tokaher, 2 Eßlöffel geriebener Meerrettich, ein Stückchen Zucker. Das Fletsch wird geklopft und mit Speckstreifen gespickt, die man zuvor in den Kräutern umwendete, gesalzen, mit dem Wurzelwerk, Schinken, den Gewürzen, Citronenscheiben 2c. bestreut, mit der Brühe aus Liebig's Fleisch- Extrakt übergossen, und in einer Kasserolle unter öfterem Umwenden so lange gedämpft,» bis sich das Wurzelwerk bräunlich färbt. Dann stäubt man das Mehl über, gießt den Rotwein an und dämpft das Fleisch, gut zugedeckt, bei ganz gelindem Feuer langsam weich, seiht hierauf die Sauce durch, entfettet sie, thut den starken Wein, den Meerrettich und Zucker hinein und läßt das Fleisch in der nun fertigen Sauce noch eine Viertelstunde ziehen, um es dann mit Kartoffelklößen anzurichten. Vermischtes. „Brüderchen und Schwesterchen", das reizende deutsche \ Volksmärchen, hat der Liebig's Fleisch-Extrakt-Compagnie den Stoff zu einer neuen Serie ihrer sehr beliebten Empfehlungskärtchen (sog. Liebig-Bilder) gegeben. Die in den Wald flüchtenden Kinder, von denen Brüderchen durch Trinken aus dem Zauberquell ein Reh wird, während Schwesterchen vom Königssohn gefunden und geheiratet wird, sowie ihre späteren, teils recht traurigen Schicksale mit endlich versöhnendem Schluß haben hier in der gewohnten niedlichen Weise Verbildlichung gefunden. Die Rückseiten bieten den direkten Gegensatz zu jener abstrakten Märchenwelt; sie erhalten sehr reale Wahrheit über Anwendung und Nutzen des echten Liebig Fleisch-Extrakts (mit Liebigs blauem Namenszug quer durch die Etiquctte) und des Fleisch-Peptons der Compagnie Liebig, so dienlich vielen Kranken! Auflösung des Ergänzungsräisels in voriger Nummer: Rasten lähmt dich; Fasten grämt dich; Fleiß ernährt dich, Schweiß aber ehrt dich. Ernst Ziel. UniSersttStS-Buch- und Gteiudruckerei (Pietsch Erbe«) in Meße»,