fie groß gescheit und groß gebaut, sie ruhen in den Särgen, Auf ihren Gräbern kriechen wir, als ein Geschlecht von Zwergen. Nichts blieb uns als die schlimme Kunst, zu zweifeln und zu richten. Und wenn sich ein Gigant erhebt, so ist er's im Vernichten. Geibe l. aufrichten, ist Luther. Ein verzagtes und betrübtes Gewissen wieder viel mehr, als ein Königreich erobern. Ein kleiues Korn, gesät in's Feld, Bringt mit der Zeit dir tausend Mehren; Ein Körnlein Liebe, gut bestellt, Kann tausend Herzen Freud' gewähren. Roderich. (Nachdruck verboten.) Die kleine Lulu. Seeroman von Clark Russell. (Fortsetzung.) „Billy," ruft ein auf einer Eckpritsche liegender Mann, „heft du seihn, wo bat Blitzmäten gistern abend danzt hett? Da fall mi ein'n noch von HornpipS snaken." „Heft du Däskopp dat noch nie seihn? Wat was denn da wider grotS dorbi?" entgegnete der Angeredete. „2Bat da wider dorbi was? Na, mi dücht, dat Mäten dreiht' sik jo uP sten Teehn, as wullt' sei en Tau ut sien Betn'n dreihn,' dat was doch feier fihr schön!" „Mi het dat plästerliche Lid von dat Känguruh vel Beter fallen," meint Billy, sein Brot kauend, „un wo de Kierl dorbi rümhoppte, grad as so'n Diert dit mit sten Swanz dauht. Dat was wat für mi. De Buk hett mi orndlich wackelt vör Lachen. En por von dese Kierls künnt' ok würk- lich gaud naug singen, äwer wert sünd sei deshalb doch nix; sik as Mannslüd tau so'ne Fixfaxerien her tau gewen, — na, dat künnt mi grad paffen. Wat mügen sei blot den ganzen Tag äwer malen ? sei Warden woll in Bedd liggen." „Jimmy, sei en gauden Kierl un lat mi mal en Tug ut dien PiP dauhn," bittet der kleine Welchh. Und Jimmy nimmt gefällig seine geschwärzte Pfeife aus dem Mund, trocknet hübsch anständig die Spitze auf seinem Aermel ab und reicht sie dem Maat. ,Jk will dreimal dtstelltert Warden, wenn ik dacht hadd, bat dese Brigg so'ne Geswindigkeit hett," bemerkte einer. „Hürt blot, wo sei sümmt." „Billy," ruft wieber ber Mann von der Eckpritsche, „weitst du, as ik gistern fach, wo de Diern sik so dreihte aS en Küsel, da schot's mi börch den Kopp, ik künn am En'n dese Fixfaxerien ok, wenn ik blot de richt'gen Schauh dortau hädd, UN mi dran versäukte) wat würd ik denn för'n Sack Geld verbeinen bi bat Tiater!" „Je ja, je ja, bu würbst en srnucken Kierl in so'n Kernedi- Uptog afgahn, bat würdst du," brummt der alte Liverpool» Sam, „un de Lüd würd'n woll nich uphören tau appeldiren, wenn du mi dien Elefantenknaken as 'ne Kreih vor sei rumhüpptest." Da Liverpool-Sam ein alter Seebär und von der Mannschaft gefürchtet ist, erhält er keine Antwort. „Dat wunnerborste Danzen, wat ik seihn hew, fach ik von en jung Kierl, hei näumte sik Alf, an Burd 'ner schottschen Bark," bemerkte jetzt ein Mann mit sandfarbenem Haar, genannt Suds, was, wie ich glaube, sein wirklicher Name war. „De jung Alf!" unterbricht hier ein Mann, der bisher nur zugehört hatte, „ja, de kenn ik, en snurrigen lütt Kierl mit en grote Warz up de Näs'. Hei hadd sien lütt Finger verlorn un wegen bat Bramwiensupen müßt hei ümmer sien' Schipps wefleln, un wenn de BurS benebelt was un nich an Burd sinnen künnt, denn lög hei umher un schrieg un hulte, sien Schipp wir stahlen." „De Mann kannst du di insalten, bat iS nich mien, mien was nich lütt, äwer ik will mi sülwft bat Genick üm« breihn, wenn sien Fäutspitzen nich so licht wirn, bat hei en slapenben Minschen up be Bost tredben künn, ahn em tau wecken. So was be Mann, up mien Seel', un nau will ik Jug wat von be vertellen. Also ba was't enmal, da drapen wi en Wallfisch. Wie un be Wallfisch, wi drieben liingssid von ennanner, un mi bücht jo woll, bat oll Diert was fest inslapen. Wat banht mien Alf? Hei nümmt sik en Lien, löpt bormit in bat Takelwark un matt be Lien an be Fock- Raa - Nocke fest. Denn kümmt hei Webber bal, tröbb up be Schanzkleidung un swingt sik räwer up ben Puckel von bat Biest. Denn raupt hei ben HochbootSmannsmaat tau, hei füll mit be Mgelin upspelen. De HochbootSmannsmaat beiht bat ja ok un nau güng't los: Alf, mit de Lien in de Hand, bormit hei nich ersupen tonn, wenn bat Diert upwaken un - 828 fortmaken füllt, hoppt un springt mit Lehn und Hacken up den Fisch rümmer aS up en Danzbodden. Te ganze Schipps- kumpanei, Kapteihn un Maats un Passagiers, all' seihn tau, un schliddern fit vör Lachen. Da up enmal nümmt so en verdammte Portugies', de tau de Mannschaft hürte, en Schauerstein un smit dormit nah den Wallfisch. Nanu hädd Ji äwer wat seihn künn: de ganze See ümher was nix as Schum, so slüg dat Diert mit ftttt Swanz, Maats, ik segg Jug, en Swanz, so lang aS uns' ganz Vorderdeck. Un de Alf, wat meint Ji, dat hei beb? De nahm ganz gemüdlich bat Seil, twischen sten Bein', treckte fit boran rup bet tau be Raa, tümmt benn runner, un matt be Schippers un be Passagiers en nüblich Kumpelment. Wat!? So wat hett boch noch teinS von Jug seihn?" Ein schallendes Gelächter beantwortete die Frage des Erzählers und Billy schrie: „Du olles Lägenmul unnersteihst di, uns so'n Garn uptaubinnen?" „So wohr as it lew', nie het's en wahrer Garn gewen," beteuerte Suds, und schwor einen Eid nach dem anderen für die Wahrheit seiner Geschichte. „Na, da möt be Kierl woll en Vedder von den wunner- lich ollen Heilgen west sten, de drei Däg in de But von en Wallfisch seien hett,/ sagte der Heine Welchy. „Wer was dat?" fragte Suds eifrig, um die Wahrheit seiner Geschichte durch eine ähnliche bestätigen zu hören. „Moses was't nich — äwer en armer Jud' was't — dat is ganz feier," antwortete der Welchy. „Jung Alf äwer was fein Jud'," schrie Suds, „hei was ut Limerick!" „Ji Schaapslöpp!" ruft da ärgerlich einer der Maaten, welcher zwar selbst nicht Gelehrsamkeit genug besitzt, um den beiden auf die Spur helfen zu tönnen, aber von einer Ahnung beschlichen ist, daß sie Unsinn schwatzen. „Härt up mit Jug verflüchtigen Dummheiten ober it smit Jug von be Pritsch runner." „Dat probbier mal, bu Grotmul," schrie Subs, „Hal die bortau äwer irrst all Mann tausamen." „Wat seggst bu?" brüllt der anbete, „it will bi wiesen, wat it bortau ärmere brüt," — springt^ auf unb packt Subs bei den Füßen. Nun folgt ein Kampf/ ber alte Sam geht fluchenb aus dem Wege. Nach wenigen Minuten fliegt Suds samt seiner Matratze, TheetoPf unb Tabakpfeife auf den Boden. Schnell springt er auf, haut zu, der andere auch/ sie packen sich, ringen und werfen sich das Bettzeug zum Gaudium ber anderen an die Köpfe, welche, ungestört auf ihren Pritschen liegend, dem Schauspiel zusehen unb unter brüllendem Gelächter die Kämpfenden ermuntern. Jetzt schlug's acht Glasen, da nahm der Lärm ein Ende/ es war Zeit zur Ablösung der Wache, wir mußten nun aus Deck. Solche Auftritte sind häufig, aber selten ernst gemeint / sie find so schnell vergessen, wie sie tarnen. Zehntes Kapitel. Eine Ueberraschung. Als wir auf Deck tarnen, sahen wir die englische Küste wie einen blaß-blauen Nebel am Horizont liegen. Die Brigg lief bei der steifen Brise mit vollen Segeln und steuerte nach Süd-West. Ich war an der Reihe für das Ruder und ging nach hinten, um den dort seit sechs Uhr befindlichen Mann abzulösen. Dieser war zufällig derselbe, den ich am vorhergehenden Abend aus dem Wasser gezogen hatte. Ter alte Windwärts war mit dem Kapitän beim Frühstück unb ber Zimmermann, Mr. Banharb, ging auf bem Deck hin unb her wie ein Pendel. Seine Augen waren beständig auf die Luvseite gerichtet/ er hatte eine sehr selbstbewußte strenge Amtsmiene aufgesteckt und schien ganz durchdrungen von bem Gefühl seiner Wichtigkeit. Von meiner Stelle aus tonnte ich das ganze Schiff übersehen, zuweilen auch noch rechts und links- auf die See blicken. Die Brigg, obgleich unter startem Segelbruck, lief ruhig / benn ihre Maste waren perpenditulär zum Kiel gestellt, anstatt mit einer Neigung nach hinten ober nach vom. Ersteres halten Lanbraiten für günstig zur Erzielung einer schnelleren Fahrt, währenb es in Wirklichteit nur baS Steuern erschwert, unb letzteres verabscheut jeber verstänbige Seemann, weil es nur bie Neigung des Schiffes zum stampfen unb abfallen erhöht. Von hinten längSschiffs betrachtet, sah bie Brigg sehr hübsch aus/ ihre Schwellung am Mittelschiff machte einen ebenso anmutigen Eindruck, wie ihre in angenehmem Verhältnis zunehmende Verjüngung nach dem Bugspriet zu. Die Raaen waren gut gestellt unb zeigten große, wohlgespannte Segel, welche sich an ben Mastspitzen gleich kleinen Wolken gegen ben Himmel abhoben. Die gleichmäßige unb schnelle Bewegung bes Schiffes wirkte wie ein Stärkungsmittel auf bie Nerven. Hinter uns her kam ein Dreimaster mit aller Leinwand, bie er tragen konnte. Bei einem Schiffe feiner Größe konnten wir kaum hoffen, nicht überholt zu werben, ganz besonders, ba es lange nicht so tief wie wir ging, unb insofern auch noch besseren Winb hatte, als es nach leewärts von uns steuerte. Es war von Eisen, grau gemalt und hatte wahrscheinlich Auswanberer an Borb / benn sein Vorberkastell wimmelte von Menschen. Auf unserer Steuerbordseite rauschte ein mächtiges Dampfschiff. Der ungeheuere Kiel schnitt eine tiefe Furche in das Wasser, getrieben von jener geheimnisvollen Macht, welche der Mensch sich dienstbar gemacht hat, und die man doch nie ohne Staunen und Bewunderung betrachten kann. Eine halbe Stunde, nachdem ich das Steuer übernommen hatte, kam jemand bie Kajüten - Treppe herauf. Die weiße Hand einer Dame hielt sich an bem Messing-Geländer. Ein Gesicht mit brünettem Teint unb rosigen Wangen, herrlichen, gedankenvollen, braunen Augen und einem Kirschen-Mündchen, — kurz, Miß Luise Franklin, die Schwester des Kapitäns, meine Flamme aus Transoms Hotel, kam zum Vorschein. Ihr schwarzes Seidenkleid raschelte und die Federn auf ihrem hübschen Hut flatterten im Winde, als sie stehen blieb, um das große Auswanderer - Schiff zu betrachten, welches jetzt bis auf unsere Leeseite gelangt war. Daß sie von London gekommen sei, um ihren Bruder nach Australien zu begleiten, — dieser Gedanke war mir nicht gekommen, als ich sie in Bahport sah. Seit ich an Bord war, hatte ich nicht mehr an sie gedacht, jetzt aber freute ich mich, sie zu sehen, als wäre sie ein alter Freund von mir gewesen. Ich fühlte, daß das Bewußtsein ihrer Anwesenheit auf ber Brigg mein schweres Leben im Vorder« deck erträglicher machen würde, so, wie etwa die Musik die ermüdendste Arbeit erleidjert und die langweiligste mechanische Beschäftigung zum Vergnügen macht. Sie mußte an die See gewöhnt sein, denn sie verließ die Treppe und machte einen Spaziergang auf dem Deck mit so sicherem Schritt, wie ein alter Seemann. Wieder und wieder ließ sie ihre schönen Augen nach bem Schiff leewärts schweifen, welches jetzt feine Wetterbrafsen nachgelassen unb mit uns benfetben Kurs eingeschlagen hatte, wenn auch schneller segelnb. Pendel Banyard, wie ich den Zimmermann nannte, schielte nach ihr hin unb belauerte sie, um unter allen möglichen ungeschickten Vorwänden eine Begegnung mit ihr zu vermeiden, wenn ihre Promenade um das Deck sie in seine Nähe brachte. Sie ging von einer Seite nach ber anberen, halb war sie hier, halb ba. Sie kam mir vor wie ein Schmetterling, den der Wind auf bie See verweht, unb ber sich ein Schiff zum Spielplatz erkoren hat. Endlich kam sie auch nach hinten und betrachtete den Kompaß. Bis jetzt hatte sie noch nicht nach mir gesehen, als sie aber im Begriff war, wegzugehen, fiel ihr Blick auf 228 Mch und ich sah, wie ihre Augen einett sinnender!, erstaunten Ausdruck annahmen. Dieser verwandelte sich aber bald in einen heiteren, und sie lächelte. Sich am Oberlicht niedersetzend, sah sie wiederholt zu mir herüber/ offenbar wurde sie nicht mit sich einig, ob ich in meinem Borderkastell Kostüm der junge Mensch sein könne, der sie im Kaffee-Zimmer des „weißen Hirsches" mit so unverhohlener Bewunderung angeschaut hatte. Jetzt erschien Kapitän Franklin und der alte Windwärts auf Deck. Der Schiffer ging zu seiner Schwester, und diese mußte ihn sogleich über mich ausgefragt haben, denn er drehte sich um, um zu sehen, wer ich wäre. Dann sprach er zu ihr, und was das auch gewesen sein mag, jedenfalls veranlaßte es sie, noch einmal nach mir hin zu blicken. Der alte Windwärts gab jetzt eine Probe seiner Manieren als Maat. Als er die Wache müßig herumstehen sah, wozu sie berechtigt war, da Banhard ihr keine Beschäftigung gegeben hatte, ging er unter sie, und erhob einen Spektakel, wie ein eben geangelter Haifisch. Wenn er aber auch brüllte wie eine Löwe, so hatte doch weder seine Stimme noch sein Aussehen irgend etwas majestätisches, im Gegenteil, sein schiefer Blick und die Angewohnheit, sich beim Schimpfen stets so auf sein Bein zu schlagen, daß es klatschte, ließen nur den Wüterich in ihm erkennen. An Arbeit fehlt es auf einem Schiff ja nie, und im vorliegenden Fall mochte sich der Maat wohl ärgern, daß die im Hafen nur aufgebrachten Anker noch nicht vertäut waren. Ich übrigen gab es nur noch hundert andere Arbeiten, vom Fetten der obersten Stangen ab bis herunter zum Schützen des unteren Tauwerks vor Scheuerung. Der alte Windwärts stellte also die Wache gleich ordentlich an, aber überhaupt kam den ganzen Tag hindurch keiner von uns mehr recht zu Atem. Den vollen Nachmittag bis zum Dunkelwerden mußten wir samt und sonders arbeiten, obgleich beim Verlassen des HafenS und bei der Einteilung der Wachen, wie immer üblich, festgesetzt worden war, daß die Freiwache unter Deck sein und Ruhe haben solle. Dieser Maat erschien mir der reine Tyrann und Menschenschinder. (Fortsetzung folgt.) Um eine» Kuß. Skizze von H. Remagen. ------- (Nachdruck verboten.) Am wolkenlosen Himmel steht die Sonne und sendet glühende Strahlen herab auf die Erde. Da ist kein Baum, kein Strauch, der Schatten gewährt und uns vor der Hitze schützt. Eine sengende Glut herrscht überall. Das hohe Gras hat seine grüne Farbe verloren/ das Auge sieht weit und breit nur gelbe und braune Farben. Die Luft vibriert, ein flimmmernder Dunst liegt auf der weiten Ebene. Kein Lüftchen regt sich, nichts unterbricht das Eintönige der Gegend. Das ist die Pußta. Man muß sie gesehen, muß auf ihr gestanden, ihre Glut eingeatmet haben, um zu wissen, welche Poesie in ihr herrscht. Ich lag nicht weit vom Ufer der Theiß und gab mich dem ganzen melancholischen Zauber der Natur hin. Ich hatte gemalt, aber das Auge war unter der Sonnenglut ermattet, und die Hand von der Hitze träge herabgesunken. Ich lag und träumte/ es summte in meinem Hirn/ ich schwankte zwischen Bewußtsein und Schlaf. Da schien es mir, als ob sich etwas über mich beugte, doch mir fehlte die Kraft, die Augen zu öffnen, ich fühlte nur, wie irgend ein Wesen über meinen Körper geneigt stand. Infolge einer ungeschickten Bewegung stieß dieses Wesen an meinen Schirm. Dieser fiel auf mich, ich erwachte. Vor mir stand ein Mädchen der Pußta, ein hübsches Kind im Alter von vielleicht sechzehn Jahren, von brauner Hautfarbe. Der Hals frei, die Arme bloß und barfuß. Das Haar kohl schwarz, kirschrote Lippen und in den nachtdunklen Äugen das ganze Feuer der Pußta-Sonne. Mit diesen Augen sah sie erst mein Bild, dann mich an. Ich studierte sie während dieser Zett genauer. Sie schien völlig erwachsen/ ihre runden Körperformen bewiesen dies. Hand und Fuß waren auffallend klein und zierlich geformt, wie bei fast allen Mädchen der Pußta. Die ganze Figur erreichte kaum die mittlere Größe, dennoch war sie kräftig und üppig und von wunderbar natürlicher Anmut. Endlich wandte sie sich zu mir, der ich ruhig, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, liegen geblieben war. „Du hast dies gemalt?" Ich nickte. Sie sah das Bild lange an. Es schien mir, als ob sie irgend eine Absicht dabei hätte. «Kannst Du auch noch anderes malen?" fragte sie mich hierauf. «Was meinst Du damit — was anderes?" „Nun — Menschen". Ich merkte, wo das Mädchen hinaus wollte, und erwiderte: „O ja, gewiß". „Auch mich?" „Auch Dich!" Wieder sah sie bald das Bild, bald mich an. Endlich trat sie ganz nahe auf mich zu, ihr Atem streifte mein Gesicht. „Male mich", bat sie in lieblicher Weise. Ich erhob mich halb. „Ich will Dich malen, aber was bekomme ich dafür von Dir?" Sie sah verlegen zu Boden. Ihre Schultern machten eine bezeichnende Bewegung. Ich lachte. „Was Du meinst, mag ich nicht, ich will eine andere Belohnung". Sie sah mich an, verstand mich aber nicht. „Wohlan, mein Kind, ich will Dich malen, und Du giebst mir dafür einen Kuß". Sie schnellte in die Höhe. Ihre Augen funkelten, sie sah reizend in ihrem Zorn aus. Die Heftigkeit legte sich indes bald und sie sah traurig vor sich nieder. Es war mir interessant, die Uebergänge von einem Extrem in das andere bei dieser leidenschaftlichen Natur zu beobachten. Plötzlich aber kam sie wieder dicht an mich heran. „Du sollst einen Kuß haben, aber nur einen — male mich". Ich nahm mein Skizzenbuch und ließ das Mädchen eine ungezwungene, natürliche Haltung etnnehmen. Es lag eine seltene Grazie in jeder Linie ihrer Gestalt. Nie hatte ich mit solcher Leichtigkeit und Sicherheit gearbeitet. „Du hast mir noch nicht einmal Deinen Namen gesagt?" fragte ich, eifrig weiter zeichnend. „Daniela" antwortete sie kurz „Und wie kamst Du hierher?" Sie errötete, erwiderte aber nichts. „Wohnst Du denn hier in der Gegend?" „Dort", und sie zeigte mit der Hand auf einen Komplex von Gebäuden, der, so viel ich sehen konnte, ungefähr dort lag, wo ich mein Nachtquartier für heute aufzuschlagen gedachte. „Ist dort die Csarda?" fragte ich. „Gewiß", lachte Daniela und zeigte dabei zwischen den roten Lippen eine Reihe perlwetßer Zähne. „Dahin will ich heute abend auch, um die Nacht dort zu bleiben. Ist Platz für mich?" „Genug/ der ganze Heuboden ist noch leer". Mir war diese Art von Bewirtung bereits bekannt, ich war daher nicht weiter verwundert. 224 - Unterdessen war ich mit meinem Bilde fertig geworden. Daniela trat näher und guckte mir über die Schulter, als ich es prüfend etwas vom Auge entfernt hielt. Ihr Geficht strahlte, als ich das, wenn auch skizzenhafte, aber doch wohlgetroffene Konterfei in ihre kleine Hand legte. „Und nun meine Belohnung?" Ich legte den Arm um ihre Taille, um das Versprochene mir selbst zu nehmen, da entschlüpfte das Mädchen mir wie ein Aal. „Heute abend", lachte fie, „wenn wir uns Wiedersehen. Ich bin ja die Tochter vom Wirt". Daniela war verschwunden. Ich stellte den Schirm wieder in Ordnung und griff aufs neue zu Pinsel und Palette. Die Luft war indes heute derart unerträglich, daß ich eS nicht mehr lange aushielt. Ich packte alles zusammen und wanderte langsam der Csarda zu. — Es war bereits dunkel gewnrden, als ich dort anlangte. Vor der Thüre stand der Wirt, Daniela's Vater, eine kräftige, große Gestalt mit grauem Haar und Bart. Er reichte mir gutmütig die Hand und wies mich nach der Schenkstube, aus der mir Musik und Tanz entgegenschallte. Ich trat ein, stellte mich in eine Ecke und sah zu. Daniela schwang sich mit einem dunkeläugigen, verwegen aussehenden Burschen im Csardas. Die ganze Leidenschaft des Südens drückte sich im Tanze aus. Die Augen flammten, der Busen wogte, das Blut kochte. So hatte ich noch keinen Menschen tanzen sehen. Als die Musik geendet, ging ich hinaus ins Freie. Vor der Thür floß die Theiß ruhig murmelnd dahin. An ihrem Ufer standen alte Kastanienbäume, durch deren Blätter der Mond sein bleiches Licht herniedergoß. Während ich so in das flutende Wasser sah, berührte jemand meine Schulter. Ich drehte mich um, Daniela stand vor mir, noch erhitzt vom Tanze und den heißen Atem durch die roten Lippen ausstoßend. Sie sah berückend schön aus. „Ich will mein Bild von heute morgen bezahlen", begann sie. „Doch es darf niemand sehen, vor allem Gyulai nicht". „Wer ist Gyulai? Dein Schatz?" Sie nickte und hielt mir ihren roten Mund hin. „So war wohl auch für ihn das Bild?" „Natürlich sonst hätte wohl keiner von mir einen solchen Preis erhalten". Ich legte den Arm um ihre Taille. „Rasch, rasch!" flüsterte sie, „sonst kommt Gyulai". Ich beugte mich über fie und legte meinen Mund auf ihre schönen, halb geöffneten Lippen. In diesem Augenblicke fühlte ich mich von einer Riesenfaust im Genick gepackt und in mächtigem Schwünge flog ich --in's Wasser. Aeußerst schnell war mein Blut gekühlt durch dieses Sturzbad. Mit einiger Anstrengung erreichte ich das Ufer. Mir war dabei etwas unbehaglich zu Mute. Daß Gyulai gerade in diesem Augenblick, als ich meine wohlverdiente Belohnung einkassieren wollte, dazu gekommen, war mir völlig klar, ebenso, daß er wahrscheinlich mit der Art der Belohnung nicht sehr einverstanden schien. Wie aber, wenn Gyulai auf mich wartete und mich beim Verlassen meines Bades noch einmal in dasselbe und zwar ebenso unfreiwillig zurückschickte, oder vielleicht gar noch Schlimmeres mit mir im Sinne hatte? Mit diesem Gedanken war ich triefend bei den Kastanienbäumen angelangt. Ich sah mich etwas scheu um ■— der Platz war leer, vom Hause her ertönte Musik. Ich schlüpfte durch die Thür, an der Schankstube vorbei und beruhigt auf den Hof. Ich stand eben im Begriff, mein Schlafgemach, den Heuboden, aufzusuchen, als sich eine kräftige Hand auf meine Schulter legte. ES war Gyulai. „Ich möchte Dir auch danken", begann derselbe, „daß Du mir den Schatz so hergemalt". Ich atmete auf. „Ich that's gern, Gyulai, hatte aber doch wohl eine Belohnung dafür verdient. Du hast mich jedoch zum Danke ins Wasser geworfen. Wie, wenn ich nun nicht hätte schwimmen können?" Daran hatte der Bursche schwerlich gedacht, denn er sah mich höchst erstaunt an. „Diesmal hat's nichts geschadet, aber lieber wär' mir'S doch, ich hätte jetzt trockene Kleider an". Dann klopfte ich ihm auf die Schulter und kroch ins Heu. Am andern Morgen wanderte ich weiter, Daniela nickte mir aus dem Fenster zu. Um einen Kuß aber habe ich nie wieder ein hübsches Mädchen gemalt. Gsm-ZnnützigeG. Kefimdyeitspflege. Gegen Erkältung. Beim Uebergang der rauheren Frühjahrszeit zur wärmeren Temperatur hüte man sich, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, besonders vor dem verlockenden allzufrühen Tragen leichter, dünnerer Kleidungsstoffe und nehme täglich eine oder zwei kalte Waschungen des ganzen Körpers, besonders der Brust und der Beine vor. Dabei werden alle von den Kleidern bedeckten Körperteile nicht abgetrocknet, sondern man bleibe nach der Vornahme der Waschungen (oder Bäder und Güsse) im Zimmer, bis man gut abgetrocknet ist, wozu nur 15 bis 20 Minuten genügen. Humoristischer. Elsässer-Französisch. Frau M.: 0 mon visu, mon visu! so e malheur! unsere pauvre Schakoble isch vom char-ä-banc erunter g'efallen und hett sich weh gemacht- il s’est fou!6 le pied! Lauf eins vite de Doktor hole, ohne medecin geht des net, sonscht wird uns des pauvre enfant am Eng' no boiteux dervon. 'S isch zü arg, oui, ß’est trop fort, nix wie chagrin und krüz hett mer. * * « Ein Herr fragt eine Dame, die in strömendem Regen ohne Schirm geht und bereits ganz durchnäßt ist, ob sie nicht seinen Schirm benützen möchte. — „Nein, sicherlich nicht!" giebt fie kurz zur Antwort. — „Oh, Verzeihung, ich wußte nicht, daß jemand, der so naß ist, noch eine solch trockene Antwort zu geben vermag." * « * Sprüche für Radler. Du hast zwei Arme und ein Genick, Du magst's bedenken: Ein's nur zum brechen Und zweie zum lenken. & Du hast zwei Füße und einen Mund, Du sollst's nicht tadeln: Einen zum renommieren Und zwei zum radeln. („Münchener Jugend.") Redaktion: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.