Nachdruck verboten. Der Gylfenhof. Eine Erzählung von P. Ditfnrth. (Fortsetzung.) X Die Gylfenchronik trug Renaten viel Neckerei ein, besonders Frida konnte diese Leidenschaft, wie sie es nannte, garnicht begreifen. Renata war sehr gehorsam und hielt sich möglichst kurze Zeit im Archiv auf, aber auf diese Weise wurde sie ja nicht fertig und so bat sie den Professor, ihr zu erlauben, das Buch mit in ihr Zimmer zu nehmen. Er that nicht nur dies, sondern brachte ihr selbst den Folianten, der für sie viel zu schwer sei, herauf. Sie war ganz beschämt über seine Freundlichkeit, aber er wehrte ihrem Danke und trat einen Augenblick zu Schneewittchen, das zutraulich auf die Schulter seines ehemaligen Herrn flog. Es fiel ihr wieder aufs Herz, wie sie ihn seines Lieblings beraubt) und ihre Augen sprachen das wohl aus, mit denen sie die beiden nachdenklich betrachtete, denn er faßte das Tierchen sacht bei den Flügeln und gab es ihr zurück. Wollte sie ihm denn nicht Walters Bild geben? Bergeffen hatte sie es nicht, aber die passende Gelegenheit war ihr noch nicht geboten worden. Sie holte es schnell hervor und überreichte Sonntag den 22. Oktober. ffigf J n Sb-jlMI Weltblick. ich meinen Blick zum blauen, Unbegrenzten Himmelszelt, Wird von wunderbarem Schauen Oft die Seele mir erhellt. Vor des innern Lichtes Scheine Schwindet plötzlich Zeit und Raum, Blick ich auf das ewig Eine Aus der Dinge dnnklem Tranm. Wnrzeln schlag' ich tief im Grunde, Sterne sind der Wipfel Zier, Und der Welt geheime Kunde Dringt durch alle Adern mir. Ob das arme Ich verloren, Wie der Brandung Schaum zerschellt, Gleich dem Phönix neu geboren Wird mein Geist zum Geist der Welt. R. v. Gottschall. es ihm mit lieblicher Schüchternheit: „Sie sollen eine freundlichere Erinnerung von dem herzigen Gesichtchen haben, als da es entstellt vor Ihnen lag." Wie freudig leuchteten seine Augen, als er ihr so herzlich dankte. — Heute wollte sie die Aufzeichnungen nun zu Ende lesen, denn der Abschied nahte morgen schon. Vieles hatte sie nur mit den Augen überflogen, dann kam der dreißigjährige Krieg mit seinen Greuelgeschichten, die Renata meist überschlug. Zwei Söhne waren damals wieder auf dem Gylfenhofe, Heinrich schon verheiratet und der jüngere Eckardt, welcher in den Krieg zog. Heinrich mußte auch flüchten, und nun entstanden große Lücken in der Chronik. Ein Verwandter des Hauses, der Priester war, hielt sich am längsten im Hause versteckt und rettete verschiedene Wertsachen sowie seine Aufzeichnungen, die er kurz vor Ausbruch des Krieges begonnen. Zehn Jahre nach Bendigung des Krieges tauchte Roderich Gylfen aus und baute sein in Schutt und Asche gesunkenes Erbe wieder auf. Dank dem versteckten Vermögen war er nicht mittellos, und so entstand der Gylfenhof, wie er noch jetzt war. Roderich verheiratete sich und führte noch mehrere Jahre ein ruhiges, wenn auch arbeitsreiches Leben von Eckardt Gylfen hörte man nie wieder, er blieb verschollen. Anfangs des achtzehnten Jahrhunderts trat ein Erich Gylfen zur evangelischen Kirche über,- mit dessen Enkel Walter starb das Geschlecht aus. Er h nterließ nur eine Tochter, und die Witwe forschte eifrig nach Nachkommen des verschollenen Eckardt, aber ohne Erfolg. Die letzten Blätter waren lose, als seien sie gewaltsam herausgerissen, und das Ende der Aufzeichnungen fehlte ganz. Renata hätte gern gewußt, wem schließlich Jungfrau Agnes Gylfen ihre Hand gereicht, aber sie hatte ja genug über die Gylfens erfahren. Und so schlug sie das Buch zu und erhob sich, um in das Wohnzimmer zu gehen, wo ihrer gewiß wieder viel Neckerei wartete. Lebhaftes Sprechen vieler Stimmen drang ihr entgegen, und als sie zögernd die Thür öffnete und eintrat, stand sie mehreren jungen Mädchen und einigen Herren gegenüber, die ihr, außer den Burghoffs, die sie sofort bemerkte, gänzlich fremd waren. Ihre Befangenheit stieg, als Fridas Stimme ungeniert laut rief: „Endlich kommst du, ich dachte, du modertest schon bei deinen Gylfens!" und dadurch aller Augen auf das junge Mädchen richtete. Frau Falkner stellte die jungen Leute einander vor, und Anna Burghoff erklärte, es gälte eine Probe zu einer gemeinsamen Aufführung für die Hochzeit ihrer ältesten Schwester. «06 Sie wollte Renata zum Ehrenmitglieds des Komplotts ernennen, aber diese lehnte kurz ab, da sie in solchen Dingen nicht Bescheid wiffe. Renata war verlegen und verbarg das hinter dieser kurzen Entgegnung. Anna Burghoff zog die Schulcern hoch und ließ Renata stehen, die am liebsten sich gänzlich von dem lustigen Völkchen zurückgezogen hätte,- aber Viktor Burghoff kam ihr zuvor, holte ihr einen Stuhl und ließ sich unbefangen neben ihr nieder: „Ich höre von Frau Falkner, mit welch' sonderbarem Stadium Sie sich beschäftigen, Fräulein Renata, wie kommt es, daß diese längst vergangenen Gylfens Sie so interessieren!" Renata lächelte, seine Art berührte sie immer so frisch und anregend, und so waren sie auch jetzt bald in ein eingehendes Gespräch vertieft. „Ich muß gestehen, daß mich die Gegenwart dieses Hauses mehr beschäftigt als seine Vergangenheit," bemerkte Viktor mit liebenswürdiger Offenheit. Fridas Augen waren schon oft zu den beiden hinüber gewandert, und ihr Mund zuckte maliziös, besonders als Anna ihren Bruder mehrere Male vergebens anrief. Sie forderte die Noten für den Chorgesang und man gruppierte sich um den Flügel. „Was wollt ihr singen, Frida?" fragte Renata. „Du wirst's ja hören, vielleicht erklärt es dir Herr Burghoff," erwiderte diese mit schnippischer Gereiztheit. Verletzt zog sich Renata in den Hintergrund zurück- was hatte sie Frida gethan? Vom Klavier her tönte lustiges Lachen, wenn falsch gesungen wurde- die Begleitung war auch mangelhaft. Da rief Anna Burghoff nach Renata, sie könne doch so schön spielen. Es half Renaten kein Wehren, sie mußte begleiten und zur allgemeinen Freude gings bald besser. „Und nun bitte ich Sie herzlich, daß Sie uns den Genuß Ihres Spieles verschaffen." Viktors Stimme sagte es, und sie entsprach seiner Bitte. Zwar war sie erst recht unsicher, und er bemerkte, daß sie ordentlich zitterte, so daß er betroffen fragte: „Aengsttgen Sie sich wirklich so?" Aber als er neben ihr stehen blieb, um ihr das Blatt zu wenden, da legte sich diese Zaghaftigkeit und sie spielte wunderschön. „Sehen Sie, wie gut es geht," sagte Viktor befriedigt, als sie geendet. „Ja, Sie müssen auch hier stehen bleiben," erwiderte sie mit einem kindlich vertrauensvollen Blicke. Es freute ihn, daß sie Vertrauen zu ihm hatte. Sie fand nun auch den Mut, auf Wunsch der andern länger zu spielen und bat schließlich Burghoff um ein Lied. Sie hatte vorhin gehört, welch schöne Stimme er besaß. Er erklärte sich bereit, wenn sie begleite, und mit freudigem Nicken ließ sie sich wieder vor dem Instrument nieder. Jetzt dachte sie keinen Augenblick an die Zuhörer- sie hatte sich nicht getäuscht, wie schön sang er! „Alle das Neigen Von Herzen zu Herzen, Ach wie so eigen Schaffet das Schmerzen!" Wie bestrickend schmiegten sich diese klingenden Töne um ihr Herz. „Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe bist du." Traumverloren saß sie da und hörte nicht den Beifall der Gesellschaft, niemand achtete auf sie, nur Viktor ließ die Blicke sinnend auf ihr ruhen. Sie kam ihm heute so anders vor mit der lebhafteren Farbe und dem erregten Ausdrucke- wie verschönte das dies vornehme Gesicht! Sie sah jetzt auf zu ihm: „Ich danke Ihnen, es war so schön," sagte sie leise. Wie eigen berührten ihn diese einfachen Worte gegenüber der lauten Anerkennung der andern - es war doch ein wunderbares Mädchen. Renata ging ins Nebenzimmer, es war ihr Plötzlich unerträglich unter den lachenden, schwatzenden Stimmen, und das grelle Licht der Lampe, die man mittlerweile angezündet, that ihren Augen weh. Hier im anderen Zimmer fiel noch der letzte Tagesschein durchs Fenster, während der Hintergrund plötzlich im Dunkeln lag. Renata hatte längst vergessen, daß sie einst vergebens bittend in diesem Raume gestanden, jetzt, wo sie beinahe Kindesrechte erlangt. Sie blieb vor den Fenstern, die beide eine tiefe Nische bildeten, stehen und schaute in das ersterbende Tageslicht, dann schob sie einen Seffel heran und ließ sich darin nieder. Ihr Profil hob sich scharf vom Fenster ab, und sie ahnte nicht, daß dort hinten ein paar Augen es unausgesetzt fixierten. Es war wohl ein wenig scharf geschnitten, wenn man an Renatens Jugend dachte, es hätte weicher, naiver sein können, aber es war edel. Renata wandte den Kopf, durch ein Geräusch im Hintergründe des Zimmers veranlaßt, und jetzt tauchte Gottfried Wolframs Gestalt daraus hervor und trat zu ihr: „Wurde es Ihnen zu bunt da drinnen?" fragte er, auf das Wohnzimmer deutend. „Ja, ein wenig, Herr Professor," antwortete sie, „aber waren Sie immer hier? Ich habe Sie gar nicht bemerkt." „Das glaube ich," entgegnete er mit schwermütigem Lächeln. „Sie träumten- — nicht?" fuhr er fort, „und nun störte ich Sie." Sah er im Dämmern, wie sie errötete? „Sie stören mich nicht," sagte sie, „ich freue mich jedes Mal, wenn Sie für mich ein paar Augenblicke übrig haben." „Wirklich?" fragte er leise. Sie nickte. Seine Gegenwart hatte etwas Wohlthuendes für sie, sie blickte voll Vertrauen zu ihm auf. „Ich möchte noch eine Frage an Sie richten Fräulein Renata, die Sie nicht für unbescheiden auslegen dürfen," fuhr er nach einer Pause fort, „können Sie mir nicht sagen, wem Ihr Brüderchen ähnlich sah? Ich habe sein Bild sehr viel betrachtet und finde mit Ihnen gar keine Aehnlichkeit." „Ich weiß nicht, ob er meinem Vater oder meiner Mutter glich- so lange ich denken kann, sah ich letztere mit grauem Haar und bleichem Gesicht, und von meinem Vater habe ich nur eine ganz dunkle Erinnerung." Sie sah nicht die große Spannung in den Zügen ihres Zuhörers, mit der er an ihrem Gesicht hing- es war beinahe ganz dunkel geworden, und jetzt trat Frau Falkner mit der Lampe herein. Des Professors Antlitz zeigte Enttäuschung, er hätte vielleicht noch mehr gefragt. Die Gesellschaft im Wohnzimmer rüstete sich zum Aufbruch, und Renata folgte der Hausfrau, um sich von den jungen Leuten zu verabschieden. „Fräulein Renata," sagte Viktor, „wir müssen öfter zusammen musizieren, es war so hübsch," und er bot ihr das erste Mal die Hand. „Und Sie singen mit mir das nächste Mal ein Duett," wandte er sich an Frida. Diese lächelte spöttisch: „Sie sind sehr gütig, mein Herr, aber ich tauge nicht zu Nebenrollen." Viktor sah das junge Mädchen mit seinen klaren Augen frappiert an- solche Abfertigung war ihm noch nicht zuteil geworden. „Wie Sie befehlen- aber so viel ich weiß, ist Ihre Stimme, als erste im Duett, keine Nebenrolle." Sich ironisch tief verneigend nahm er Abschied, ohne ihr die Hand zu geben. Frida klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne und eilte an Renata vorbei nach ihrem Zimmer. Frida war ihr oft rätselhaft, während Max entschieden liebenswürdiger von seiner Reise heimgckehrt war. Als man sich abends trennte, fragte Renata: 60? — „Krida, warum bist du so sonderbar, habe ich dir etwas gethan!" „Ach laß mich, ich bin müde," erwiderte diese ungeduldig und lief davon. Renata blickte ihr kopfschüttelnd nach. Ein unruhiger Schlaf umfing fie diese Nacht, zwischen verworrenen Traumbildern hörte sie singen: „Krone des Lebens, Glück ohne Ruh, Liebe, bist du!" Am Flügel stand aber ihre Mutter mit Walter an der Hand, und er hielt die Taube, die Frau Pastor Nolte durchaus mit Obst füttern wollte. Da öffnete sich die Thüre, und der Konsul kam herein, sah aber aus wie der alte Gylfen und rief mit dröhnender Stimme: „Helene, Helene!" Da wachte die Träumerin mit wildem Herzklopfen auf und hörte jetzt wirklich Stimmen vor ihrer Thüre. Erst glaubte fie, etwas Schreckliches müsse kommen, da unterschied sie Wolframs Stimme und legte sich beruhigter nieder. Wahrscheinlich brachte man den alten, wahnsinnigen Mann zur Ruhe. Frau Charlotte hatte ihr g> klagt, wie aufgeregt er sei. Bald schlief Renata fest und tief. (Fortsetzung folgt.) Wie ich Clown wurde. Skizze aus dem Artistenleben von Oskar Geller. ------- (Nachdruck verboten.) Es war ein sehr merkwürdiger Zufall, dem ich mein ganzes Glück zu verdanken habe. Die Geschichte begann, da ich als 22jähriger Jüngling nach der Hauptstadt kam, um dort ernste Studien zu treiben. Mein Vater, ein braver, rechtschaffener Baumwollwarenhändler in einer kleinen Provinzstadt, wollte aus mir einen Staatsanwalt machen. Er schwärmte für diesen Beruf, weil er einmal als Geschworener fungiert hatte. Sein Sohn mußte daher studieren und sobald wie möglich die Rolle des öffentlichen Anklägers übernehmen. Ich that ihm soweit den Gefallen, daß ich mich ernstlich bestrebte, ein tüchtiger Student zu werden. Dies hatte ich auch glücklich in kürzester Zeit heraus, — ich wußte, wo die besten Kneipen der Hauptstadt sind, wo man das süffigste Bier ausschenkt und wo es gemütlich zugeht. Fragte man mich aber, was ich sonst noch studiere, dann antwortete ich ehrlich und treu: „Mein Vater behauptet, ich wäre Jurist." In dem Hause, in dem ich wohnte, befand sich ein famoser Biergarten. Der hatte mich auch bestimmt, just diese Wohnung zu nehmen. Da konnte ich unten bequem bis in die späte Nacht meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen und Bier trinken, das ich schuldig bleiben durfte, — ein Vorzug, der mir ausnehmend gut gefiel. Am Ende des Monats, wenn mein Vater dann Geld schickte, beglich ich die Rechnung und konnte weiter auf Pump trinken. Dies, wie besonders mein allabendliches Erscheinen in der Kneipe brachte es schließlich mit sich, daß ich auch mit den Stammgästen mehr vertraut wurde — bis auf einen. Bis auf einen älteren, sehr würdig aussehenden Herrn mit glattrasiertem Gesicht, der jeden Abend zur bestimmten Minute erschien, sein Bier trank und dazu die Zeitung las. Wir hielten ihn alle für einen Gelehrten, er war stets schwarz gekleidet, hatte eine sehr ernste, würdevolle Miene, und trug einen großen, schwarz eingefaßten Klemmer auf der Nase. Dabei beachtete er keinen Menschen, trank in aller Stille seine paar Glas, zahlte und ging gemessenen Schrittes davon, um am nächsten Abend zur selben Stunde wieder zu erscheinen. Dieser Herr war uns allen längst aufgefallen, aber kein Menfch wußte etwas näheres über ihn. Mich interessierte er aber besonders, denn ich bemerkte einigemale, wie er mich prüfend beobachtete und dabei ein wenig schmunzelte. Offenbar gefiel ich ihm; dies entnahm ich auch daraus, daß ich ihn ein strenges Gesicht machen sah, als ich einmal eine unserer Kellnerinnen in die Wange zu kneifen versuchte. Eigentlich ärgerte mich dies; was geht es ihn an, wenn ich der schönen Münchener Resi ein freundliches Wort sage? Nun werde ich sie erst recht in die Wange kneifen. Ich ließ mir einen frischen Krug Bier bringen, ergriff hierauf die Resi beim Arm und begann mit ihr zu plaudern. Als sie dann forteilen wollte, packte ich sie mit raschem Griff um den Nacken, — es sah beinahe so aus, als hätte ich ihr einen Kuß geben wollen. Der schwarze, würdige Herr, der diese Szene scharf beobachtete, schien über mich geradezu entrüstet zu sein, denn als die Resi dann mit kreischendem Lachen davonlief, geschah etwas Unerhörtes, — der schwarze Herr erhob sich von seinem Sessel und trat auf mich zu. Ich war mehr als erstaunt, und machte daher ein nichts weniger als geistreiches Gesicht. Er ließ sich aber nicht irre machen, schob den Sessel neben mir vor, lüftete ein wenig seinen Hut und fetzte sich nieder, ohne auf meine höfliche, einladende Bewegung weiter zu achten. „Sie bereiten mir sehr viel Schmerz, junger Mann," begann er, „das ist nicht schön von Ihnen." Ich sah ihn betroffen, sprachlos an. „Schickt es sich für einen jungen Menschen, in einem öffentlichen Lokal eine Kellnerin küssen zu wollen? Das ist höchst unpassend und Ihrer unwürdig . . ." „Ehrwürden," unterbrach ich ihn, da ich davon überzeugt war, einen Pfarrer vor mir zu sehen, „Ehrwürden urteilen streng —" „Sie machen sich noch lustig über mich obendrein," bemerkte er ernst, „was soll das „Ehrwürden" ? Sie wissen doch ganz gut, daß mir ein derartiger Titel nicht zukommt. Ich will mit Ihnen ein vernünftiges Wort reden, aber lassen Sie Ihre Scherze. Wie alt sind Sie?" „Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt." „Was betreiben Sie?" „Mein Vater behauptet, ich wäre Jurist." „In Wirklichkeit aber sind Sie —?" „Ein junger Kerl, dem die Welt gefällt!" „Das ist recht. Ich frage Sie daher kurz und bündig, wollen Sie meine Tochter heiraten und was tüchtiges werden?" Ich lachte auf. „Ein netter Scherz." »Ich scherze nicht in dergleichen Dingen, junger Mann," erwiderte er sehr ernst, „antworten Sie mir mit ja oder nein." „Aber gestatten Sie, das ist doch etwas sehr komisches, was Sie da zu mir sprechen. Ich kenne Sie nicht, Sie kennen mich nicht, zudem bin ich noch viel zu jung zum heiraten, und zuguterletzt verstehe ich überhaupt nicht . . ." „Das ist doch höchst einfach! Meine Tochter ist jetzt siebzehn Jahre alt, hat bereits eigenes Vermögen in der Höhe von 150000 Mark, ist mit glänzenden Verträgen für vier Jahre versehen, und wird mich, wenn ich abberufen werde, beerben. Ich habe auch meine 300000 Mark erspartes Geld. Meine Tochter ist mein einziges Kind, und ich habe daher die Sorge um sie, ihr einen braven, rechtschaffenen Mann zu geb^en. Sie gefallen mir; denn Sie sind jung, schneidig und forsch, — aus Ihnen schnitze ich schon einen tüchtigen Menschen und braven Gatten zurecht." „Das ist alles sehr schön--" „Ich weiß schon. Sie wollen meine Tochter zuvor kennen lernen. Wundert mich, daß Sie sie nicht kennen; in der ganzen Stadt spricht man von ihr." „Das ist gerade nicht empfehlend —" „Sie sind wohl toll," fuhr er auf, „eine Künstlerin wie meine Tochter bildet überall das Tagesgespräch." Mit diesen Worten zog er aus der Brusttasche seines Rockes einige Bilder hervor, die ein entzückend schönes, junges Mädchen zeigten. Doch was sah ich, — ein Bild — 608 stellte diese junge, bildhübsche Dame im Trikot vor. Ich war starr. „Was soll das?" fragte ich. „Meine Tochter--" „Ja, aber dieses Kostüm . . „Im Pelzmantel kann sie nicht von Trapez zu Trapez fliegen —" „Ihre Tochter fliegt?" „Ja, kennen Sie denn meine Tochter wirklich nicht? Sie kennen nicht Miß Leona, die kühne Trapezkünstlerin, die Königin der Lüfte?!" Ich glaube, er war beleidigt, — ich war starr. „Wer sind Sie denn eigentlich?" stammelte ich hervor. „Mich kennen Sie auch nicht?" fuhr er auf. „Waren Sie noch nie im Zirkus? Haben Sie noch nie etwas von Little Baby gehört, Sie kennen nicht den Clown Little Baby ?" Ich griff mit beiden Händen nach dem Kopfe. Sollte ich laut auflachen, sollte ich um Hilfe rufen, daß man mich von dem offenbar irrsinnig gewordenen befreite, — ich wußte wahrhaftig nicht, was ich zu denken hatte. „Mir ist ganz schwül," brachte ich endlich hervor. „Und ich soll Ihre Tochter, die Königin der Lüfte, heiraten, soll vielleicht auch ich in solch' einem Aufzuge wie Ihre Tochter da durch die Lüfte fliegen? Verzeihen Sie, mein Herr, ich glaube zu träumen. Ich verstehe sie nicht, ich begreife Sie nicht." „Bitte, wie Sie wollen! Ueberlegen Sie es sich bis morgen, dann kommen Sie morgen zu Mittag in meine Wohnung, hier haben Sie meine Adresse, speisen Sie mit mir und meiner Tochter, das weitere wird sich dann schon finden." Ich steckte mechanisch die mir gereichte Karte ein. Little Baby bestellte mittlerweile eine Flasche Wein, schob seinen Sessel ein wenig bequemer an den Tisch, und begann in seiner ruhigen Art von den gleichgiltigsten Dingen der Welt zu sprechen. Hie und da warf er eine, mich' und meine Familie betreffende Frage ein, die ich ihm gern beantwortete. Und eigentümlich, je länger wir uns unterhielten, umso besser gefiel er mir. Er hatte wirklich sehr viel Liebes und Einnehmendes in seinem Wesen. Als wir uns endlich trennten, stand bei mir der Entschluß, ihn zu besuchen, fest. Thatsächlich warf ich mich tags darauf in den schwarzen Rock, richtete meinen äußeren Menschen auf das vorteilhafteste her und suchte Little Baby auf. Ich wurde von ihm freundlich ausgenommen; er trug seinen langen, schwarzen Rock, hatte auf dem Kopfe ein kleines Sammtkäppchen sitzen und fchmauchte aus seiner langen Pfeife, — ganz wie ein ehrsamer Spießbürger, daß ich noch immer daran zweifelte, dieser würdige Mann vor mir sei jener lächerliche, weißgeschminkte Bajazzo mit der grellroten Nase, dessen fratzenhaftes Bild mir von der Wand entgegenlachte. Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, dieser behäbige Herr könne thatsächlich derselbe sein, über dessen tolle Drollerien und pudelnärrischen Einfälle die ganze Stadt sich halbtot lachte. Ich war noch mit diesem Gedanken beschäftigt, als seine Tochter kam. Himmel, — soviel Schönheit, Liebreiz und Anmut auf einmal hatte ich noch nie vorher gesehen. Ich war sprachlos vor Bewunderung. Am liebsten wäre ich ihr sofort zu Füßen gefallen, und hätte ihr Herz und Namen und alles, was ich habe und bin, angetragen. Und wie entzückend sie zu plaudern verstand! Es lag etwas Natürliches, Warmes und Ungekünsteltes in ihrem Wesen, das sofort gefangen nahm! Ich war in einem Taumel — alle Jugend in mir schäumte auf! Was soll ich weiter erzählen? Die „Königin der Lüfte" wurde meine Braut und bald meine Frau. Mein Vater war zwar wütend, als er mich aber dann im Zirkus sah, wie ich im Frack dastand und von der Manöge aus die Trapeze, an denen meine Frau ihre halsbrecherischen Künste ausführte, mittels langer Leinen leitete, da war er ganz stolz. Denn der endlose Beifall, mit dem das Publikum meine Frau und später meinen Schwiegervater überschüttete, schmeichelte seiner Eigenliebe. Schließlich ließ mir aber mein Ehrgeiz keine Ruhe, und ich erklärte eines Tages meinem Schwiegervater, ich hätte das bloße Strickhalten satt, ich wolle auch arbeiten. „Ich wußte, daß Du kommen würdest," antwortete er mir in seiner jovialen Art, „von heute ab bist Du mein Schüler, in Dir steckt großes Talent zu einem „dummen August". — Und er nahm mich in die Lehre. — Heute, es sind seitdem viele Jahre dahingegangen, arbeitet meine Frau nicht mehr; auch mein Schwiegervater hat sich zur Ruhe gesetzt. Dafür ist ein neuer Little Baby aufgetaucht, denn ich habe das Erbe des Alten angetreten. Mein höchster Stolz ist es aber, wenn er schmunzelnd zugesteht, daß ich ihn in einzelnem übertreffe, und daß selbst er oft über mich lachen müsse, daß ihm die Thränen in die Augen kommen. Mit mir wird der letzte Little Baby aus der Arena des geharkten Bodens verschwinden, — mein Sohn Georg ist nämlich aus der Art geschlagen, er ist bereits — wohlbestellter Staatsanwalt. Da passiert es manchmal, daß er mir, wenn ich in der Manöge politische Witze oder boshafte Bemerkungen mache, über die das Publikum gewöhnlich in schallendes Gelächter ausbricht, ganz ernsthaft droht, er werde mich noch in Anklagezustand versetzen müssen. Das gebe doch einen herrlichen Zirkuswitz ab! GeineiirnAtziges» Ield und Karten. In der neuesten Nummer des praktischen Ratgebers im Obst- und Gartenbau wird zum Anbau von Himbeeren im großen geraten, weil der Bedarf an Himbeersaft von Jahr zu Jahr zunimmt und es häufig an Himbeeren mangelt. Unter günstigen Verhältnissen trägt ein Morgen (25 Ar) 10 bis 12 Zentner Himbeeren, und waren die Durchschnittspreise 20 bis 23 Mk. im Jahre 1898, im Jahre 1899 dagegen 21 bis 26 Mk. Zur Anlegung von Himbeerpflanzungen gehört natürlich der richtige Boden. Die betreffende Nummer des praktischen Ratgebers wird auf Wunsch gern kostenlos zugeschickt von dem Geschäftsamt in Frankfurt a. d. Oder. Skatausgabe. (Nachdruck verboten.) (Bei französischen Karten gilt Treff gleich Eichel, Pique gleich Grün, Coeur gleich Rot, Carreau gleich Schellen.) Vorhand tourniert, da beide Mitspieler passen, im Besitz folgender Karten: [%♦ **♦ <7 V Q Q + 4° + + + Sie hofft auf einen guten Skat, mindestens auf zwei Wenzel, findet aber keinen einzigen; gleichwohl gewinnt fie ihr Spiel mit Schneider. Mittelhand hat 25, Hinterhand 19 Augen in ihren Karten. Was tour« nierte Vorhand, wie war die Kartenverteilung und wie wurde gespielt? Auflösung folgt in nächster Nummer. Auflösung des Anagramms in voriger Nummer: „Die Esche" — „Eidechse". Rtbeltien: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Untversit«t»-Vuch. und Steiudruckerci (Pietsch Erben) in Gießen.